Tag des offenen Denkmals am 8.9.2019

Ev. Thomasgemeinde

Menschliches Maß und einfache Ordnung

Rainer Schell als Kirchenbaumeister

Wenn von Wiesbaden als „Stadt des Historismus“ gesprochen werden kann, muss auch von Wiesbaden als Stadt der architektonischen Moderne gesprochen werden. Zahlreiche Gebäude der Nachkriegsmoderne prägen das Stadtbild, nicht zuletzt die Kirchen dieser Zeit. 

Der Architekt unserer Thomaskirche, Rainer Schell (*1917 in Bautzen,+ 2000), Schüler und Mitarbeiter von Egon Eiermann, hat neben zahlreichen anderen nichtkirchlichen Gebäuden (z.B. das Gutenberg-Museum in Mainz, 1962 oder die Stadthalle Göttingen, 1964) gleich fünf Kirchen, bzw. als Kirchen genutzte Gemeindezentren im Stadtgebiet geschaffen. Kein Architekt hat mehr Kirchen in Wiesbaden und für Wiesbaden gebaut: nämlich neben dem ersten Gemeindehaus der Thomasgemeinde (1955; niedergelegt 2000) und der Thomaskirche (1964) und der benachbarten Versöhnungskirche (1975) noch die Erlöserkirche in Kastel (1963) und die Stephanuskirche in Amöneburg (1965). 

Alle in den sechziger Jahren von Rainer Schell geplanten Kirchen tragen seine eigene künstlerische, deutlich wiedererkennbare Handschrift: Kubus und daneben der schlanke, hohe Glockenturm; das wohltuende Maß im Inneren; der behutsame Wechsel von Sichtbeton, Backstein und Holz. Die zwischen 1962 und 1965 entstanden Kirchen bilden eine Gruppe, die sich deutlich von seinen Bauten anderer Schaffensperioden abheben. 

In jeder dieser Kirchen gibt es Ansichten und Blickachsen, die sich so auch in den anderen wiederfinden lassen. Aber trotz der wiederkehrenden Kennzeichen und der parallelen Planungs- und Bauzeit ist jede Kirche ein Individuum mit unterschiedlicher Raumaufteilung und Fassadengestaltung. So findet sich (oder fand sich im Originalzustand vor dem jeweiligen Umbau) auch in anderen Bauten ein durch tragende Betonsäulen abgetrenntes Seitenschiff recht oder links. Nur in der Thomaskirche gibt es diese Seitenschiffe auf beiden Seiten. So schroff und kahl die Außenwände auf den ersten Blick wirken mögen, so unterschiedlich und bewusst sind sie an den verschiedenen Kirchen gestaltet: Bachsteinmuster, Sichtbeton, Kacheln, Natursteinfliesen, Laubengänge. 

Zur Individualität der Gebäude trägt auch die jeweilige künstlerische Ausstattung des Innenraums bei. In unserer Kirche ist es ein großes, raumbeherrschendes Bronzekruzifix von Jürgen Weber. 

Die klare Reduktion auf das Wesentliche und der Verzicht auf jeden Zierrat schaffen in den Kirchen Schells einen weiten Raum für Besinnung und für Gottes Wort. 

Vom „Menschlichen Maß und verständlicher Ordnung“, die durchweg sein Werk kennzeichnen, sprach Rainer Schell auch bei der Schlüsselübergabe zur Einweihung der Thomaskirche am 18.10.1964: „Ich habe mich bemüht, mit aller Kraft und mit den bescheidenen Mittel meiner Kunst, der Gemeinde das ihr angemessene Gehäuse zu bauen, den einfältigen Raum, in dem sich die Gemeinde in Freiheit einrichten kann, – kräftig und lebendig in der Architektur, aber ohne sensationelle und laute Töne, mit behutsamer Gliederung und menschlichen Maßen – innen und außen – mit verständlicher Ordnung und eindringlicher Geste – hier auf dem Berg und in der Landschaft.“

(Eine Fotodokumentation zum Thema „Rainer Schell als Kirchenbaumeister“ ist derzeit in Vorbereitung.) 

Dr. Klaus Neumann, Pfarrer der Thomaskirche

Die Thomaskirche ist am Sonntag, 8.9.19, bis ca. 18.00 Uhr geöffnet. Derzeit ist in der Kirche auch die Kalligraphie-Ausstellung Text·Schrift·Bild von Gottfried Pott zu sehen. Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

Die Nacht der Kirchen in der Thomaskirche am Freitag, 6.9.

Am ersten Freitag im September ist die “Nacht der Kirchen“! in diesem Jahr zählt auch die Thomaskirche zu den 22 Gotteshäusern, die mit einem fantasievollen, kurzweiligen und bereichernden, fröhlich-bunten und auch zur Stille einladenden Programm die Nacht zum Tag machen. Die Türen sind für alle weit geöffnet, der Eintritt ist frei, ein Bus-Shuttle durch die ganze Stadt steht zur Verfügung und für kulinarische Kleinigkeiten und Getränke zwischen den Programmpunkten ist gesorgt.

Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

17.45 Uhr Stadtweites Glockengeläut

18.00 Uhr Abendgebet mit Pfarrer Dr. Klaus Neumann und Christian Grellmann (Orgel)







18.30 Uhr Vernissage Text · Schrift · Bild Kalligraphische Interpretationen des Schriftkünstlers Gottfried Pott

Grußwort: Felicitas Reusch, Kunstarche Wiesbaden e.V.

20.00 Uhr Ako Karim & I Giocosi (Quartett) Weltmusik, Klezmer und Jazz. Mit Ako Karim (Saxophon / Klarinette), Jens Mackenthun (Gitarre), Harald Bächer (Bass) und Gilbert Kuhn (Schlagzeug)

22.30 Uhr Nachtgedanken mit Pfarrer Dr. Klaus Neumann, Gabriela Blaudow (Klavier) und Britta Roscher (Flöte)

23.30 Uhr Gemeinsame Schlussandacht in der Marktkirche

Text·Schrift·Bild

Kalligraphische Interpretationen des Schriftkünstlers Gottfried Pott

Kunstausstellung in der Thomaskirche vom 6.9. bis 29.9.2019

Vernissage am Fr., 6.9., um 18.30 Uhr in Anwesenheit des Künstlers im Rahmen der Nacht der Kirchen. Grußwort: Felicitas Reusch, Kunstarche Wiesbaden e.V.

Öffnungszeiten: Fr, 6.9., 18.30-22.30 Uhr; So, 8.9. ganztägig, So, 15. u. 22.9.: je 9.30-10 u. 11-12 Uhr, So, 29.9. 9.30-10 u. 14-19 Uhr sowie nach Vereinbarung unter 0162.7474131. Der Eintritt ist frei. Parkplätze sind vorhanden.

Interview mit Gottfried Pott:

Wassily Kandinsky hat einmal gesagt: “Buchstaben sind praktische und nützliche Zeichen, aber ebenso reine Form und innere Melodie.” Herr Pott, Sie zählen zu den wichtigsten Schriftkünstlern unserer Tage. Stimmt es, dass Sie anfangs Musiker werden wollten?

Ich war lange hin- und hergerissen zwischen Musik und Bildender Kunst. Von meinem Vater, der als Autodidakt ein sehr begabter Organist und Künstler war, hatte ich die Inspiration. Ich habe zwar an der Orgel die C- und D-Prüfung gemacht, fand dann aber Gott sei Dank an der Werkkunstschule Wiesbaden das Richtige für mich. Ja, Kandinsky spricht von “Form” und “Melodie” der Schrift. Das heißt, wenn jemand einen Ton bildet, z.B. auf der Geige oder mit der Stimme, moduliert er diesen gleichzeitig – im Unterschied zu einem künstlich erzeugten Ton. Durch die Obertonreihe bekommt der Ton sein Volumen und seinen Klang. Wenn ich die Feder ansetze, entsteht durch Druck und Modulation der Feder eine variationsreiche Darbietung im Strich. Tonbildung und Strichbildung – das ist eine Parallele zwischen Musik und Schrift.

Was bedeuten einem Kalligraphen die 26 Buchstaben unseres Alphabets? 

Schrift kommt aus einem Bild und wird zu einem Bild. Unser A, das Aleph, geht z.B. auf das phönizische A zurück, einen umgedrehten Stierkopf. Unser Alphabet ist ein unerschöpflicher, von anderen Kulturen viel bewunderter Reichtum. Denn mit nur 26 Zeichen können wir alles ausdrücken, was wir denken. 

 Die Chinesen etwa brauchen durch die piktographische Schrift Tausende von Zeichen. Kalligraphie kann aber noch mehr. “Wenn Dichtung die Gefühle des Herzens nicht mehr auszudrücken vermag, fließen sie in Kalligraphie über und werden in Bilder verwandelt.” So bringt es der Zen-Meister Zhao Mengfu auf den Punkt.

Das Blatt “Musika” bezieht sich auf Martin Luthers Predigt über den 33. Psalm, er preist darin die Musik. Verraten Sie, wie Sie bei der Arbeit vorgegangen sind?

Ja, gerne. Den Schriftzug “Musika”, der in mehreren Bewegungen und verschiedenen “Farb-Tönen” vorkommt, habe ich mit einer eigens hergestellten Ziehfeder geschrieben. Die Schrift Bastarda, ein Vorläufer der Fraktur-Schrift, greift auf die Luther-Zeit zurück und wird hier im Text neu interpretiert. Ich verrate Ihnen zwei Werkstattgeheimnisse: Der nebulöse Untergrund wurde nicht etwa aquarelliert: die chinesische Tusche wurde auf nasses Büttenpapier aufgetragen und hat sich in feinsten Abstufungen ihren eigenen Weg gesucht. Erst nach dem Trocknen kam der eigentliche Text. Und das Wort “Musika” erscheint so strahlend weiß, weißer als das Papier mit seinen unmerklichen Tonwerten, weil ich es zuvor mit einem unsichtbaren Maskierfilm aufgetragen und dann abgerieben habe… Übrigens finden Sie unter den 24 Blättern der Ausstellung auch eines zu Luthers bedeutendem Text über das Schreiben: “Drei Finger halten die Feder, und der ganze Leib ist daran beteiligt.”

Interview: Anne Sophie Meine

Weitere Informationen zum Künstler finden Sie unter http://www.pott-design.de