Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber darum, dass ihr prophetisch redet! Denn wer in Zungen redet, der redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott; denn niemand versteht ihn: im Geist redet er Geheimnisse. Wer aber prophetisch redet, der redet zu Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung. Wer in Zungen redet, der erbaut sich selbst; wer aber prophetisch redet, der erbaut die Gemeinde. Ich möchte, dass ihr alle in Zungen reden könnt; aber noch viel mehr, dass ihr prophetisch redet. Denn wer prophetisch redet, ist größer als der, der in Zungen redet; es sei denn, er legt es auch aus, auf dass die Gemeinde erbaut werde. Nun aber, Brüder und Schwestern, wenn ich zu euch käme und redete in Zungen, was würde ich euch nützen, wenn ich nicht mit euch redete in Worten der Offenbarung oder der Erkenntnis oder der Prophetie oder der Lehre? So verhält es sich auch mit leblosen Instrumenten, es sei eine Flöte oder eine Harfe: Wenn sie nicht unterschiedliche Töne von sich geben, wie kann man erkennen, was auf der Flöte oder auf der Harfe gespielt wird? Und wenn die Posaune einen undeutlichen Ton gibt, wer wird sich zur Schlacht rüsten? So auch ihr: Wenn ihr in Zungen redet und nicht mit deutlichen Worten, wie kann man wissen, was gemeint ist? Ihr werdet in den Wind reden. Es gibt vielerlei Sprachen in der Welt, und nichts ist ohne Sprache. Wenn ich nun die Bedeutung der Sprache nicht kenne, werde ich ein Fremder sein für den, der redet, und der redet, wird für mich ein Fremder sein. So auch ihr: Da ihr euch bemüht um die Gaben des Geistes, so trachtet danach, dass ihr sie im Überfluss habt und so die Gemeinde erbaut.
(1. Korinther 14,1-12)
„Bla, Bla, Bla“ schmückte vor ein paar Jahren in großen Buchstaben das T-Shirt eines unserer Konfirmanden, was wohl als Kommentar auf sein Erleben in Unterricht und Gottesdienst zu lesen war.
„Bla, Bla, Bla“ könnte auch die knappe aber zutreffende Inhaltsangabe mancher Konferenzen sein, Elternabende eingeschlossen; Sitzungen des Kirchenvorstandes ausdrücklich nicht!
Und wenn Sie heute, liebe Schwestern und Brüder, den Inhalt der Predigt mit einem augenrollenden „Bla,Bla,Bla“ zusammenfassen, soll mich das nicht kränken. Denn genau darum geht es heute im Predigttext: um silbige Lautgebilde ohne vernünftigen Inhalt, um unverständliche lautmalende Verdoppelungen von Silben, um Lautreihen ohne oder ohne eindeutige Bedeutung: kurz um Glossolalie, also um „Bla,Bla,Bla“ in Gebet und Gottesdienst.
Was ist das überhaupt, Glossolalie? Glossolalie ist das von Paulus erfundene griechische Wort für das unverständliche Sprechen im Geist, wörtlich „Zungenrede“: Unser Wort Lallen stammt hörbar vom griechischen Wort „Lalein“ ab, das in Glossolalie steckt. Lallen ist selbst ein Lallwort wie: Mama, Papa, summ-summ-summ, Lalala; Tralala; Barbar; Abba; BlaBlaBla, also lautmalerische und silbenverdoppelnde Lautgebilde, die oft erst – aber durchaus nicht immer – durch den wiederholten Gebrauch eine Bedeutung annehmen können, wie in den Tierrufen, die zu Tiernamen werden – aber keineswegs müssen: Wau-Wau, Guru-Guru, Kuckuck, Zilpzalp.
Lallworte bilden als „kanonisches Lallen“ eine wichtige Stufe – die Lallphase – des frühkindlichen Spracherwerbs: ohne Lallen, kein Sprechen – wenn zum Entzücken der Eltern aus der Reihe Mamamamamama endlich Mama und aus Papapapapa schließlich Papa wird.
Auch Erwachsene fallen bisweilen in silbige Lautgebilde ohne weitere Bedeutung zurück – krankheitshalber oder alkoholinduziert etwa – aber auch – durchaus willentlich – im populären oder im karnevalistischen Lied: „Yeah, Yeah, Yeah“ in der Liverpooler Variante; „Ritsch Ratsch die Bötz kapott“ auf Kölsche Weise und „Rucki-Zucki“ auf Meenzerisch. Auch der Alpenjodler darf hier genannt werden: „Jodelidi-dudödel-du“ (ob es dann zu einem Jodeldiplom reicht, muss sich zeigen). Und von dort ist es nicht mehr weit zu den Rufen der Wagnerschen Walküren: „Hojotoho“; oder dem Gesang der Rheintöchter: „Wagalaweia Wallala weialaweia“ bis zu den Lautgedichten eines Christian Morgenstern oder Ernst Jandl als kulturellen Hochformen der säkularen, nicht-religiösen Glossolalie:
Das große Lalula
Kroklokwafzi? Semememi!
Seiokrontro – prafriplo:
Bifzi, bafzi; hulalemi:
quasti basti bo …
Lalu lalu lalu lalu la! (1. Strophe des gleichnamigen Gedichts von Christian Morgenstern)
Glossolalie bedient sich solcher in ihrer Bedeutung nicht festgelegter Lautreihen und hält sie – nun in ihrer religiösen Ausprägung – für direkte Äußerungen des göttlichen Geistes.
Während Glossolalie in unseren Gottesdiensten – wie ich finde: zurecht – keine Rolle spielt, ist sie heutzutage das Markenzeichen charismatischer und pfingstlicher Gemeinden. Allein: Auf den Apostel Paulus können sie sich nicht berufen, eher schon auf seine Gegner in Korinth, die wie sie die Glossolalie als Ausweis ihrer Begabung durch den Geist sehen: Nur die Glossolalen – so die Behauptung – sind die wahren Charismatiker und erwerben so ihren Ruhm.
Dieser Behauptung – ihrem Wahrheitsmoment aber vor allem ihrer Widerlegung – widmet der Apostel das ganze 14. Kapitel seines Korintherbriefs, aber auch schon die Ausführungen in den vorausgehenden Kapiteln gehören dazu: Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle – womit Paulus die Liebe – und zwar als Fürsorge, Rücksichtnahme, Erbarmen: also Nächstenliebe – vor alle charismatische und pseudocharismatische Leistungsschau stellt. Strebt nach der Liebe! (V.1) bringt es Paulus gleich im Einleitungssatz kurz und knackig auf den Punkt – und meint damit: Strebt nach der Liebe – und nicht nach glossolalischen Geist-Erweisen.
Paulus erwidert den Glossolalen und Charismatikern in Korinth, dass insbesondere die Zungenrede nicht – zumindest nicht ausreichend – der Erbauung meines Nächsten und dem Aufbau der Gemeinde dient, weil sie nämlich die zwischenmenschliche Kommunikation verweigert: Glossolalie spricht im besten Fall mit Gott und im schlimmen Fall nur mit mir selbst – keinesfalls aber mit meinem Nächsten. Und immer wenn Paulus der Zungenrede ein relatives Recht einräumt oder ein zaghaftes Lob zu zollen scheint, verbindet er es mit einer Pflicht zur Übersetzung, weil sonst Sprecher und Hörer sich gegenseitig zum „Barbaren“ (V.11), schlimmer noch: zum „Idioten“ machen: Wenn du Gott lobst im Geist, wie soll der, der als Unkundiger – wörtlich im Griechischen: als Idiot – dabeisteht, das Amen sagen auf dein Dankgebet, da er doch nicht weiß, was du sagst? (1. Korinther 14,16). Und genauso bin ich mir noch jedes Mal in sogenannten charismatischen Gottesdiensten vorgekommen, als Barbar und Idiot – und habe in meinem Hochmut die anderen ebenfalls dafür gehalten.
Wenn wir also heute mehr als das „Bla,Bla,Bla“ mitnehmen, dann ist es die absolute Hochschätzung der verständlichen Sprache im Gottesdienst, weil nur sie den Anderen, den Nächsten erreicht und Gemeinschaft bilden kann. Und wenn Paulus sein Plädoyer für die verständliche Sprache in die universelle Aussage münden lässt: Es gibt vielerlei Sprachen in der Welt, und nichts ist ohne Sprache. (V.10), dann kann man darin auch ein Echo des alles durchdringenden Wortes – des Logos – Gottes hören: Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort (Anfang des Johannesevangeliums, Johannes 1,1).
Und mitzunehmen ist weiterhin der wiederholte Hinweis auf die Notwendigkeit uns gegenseitig zu übersetzen und zu deuten und auszulegen – Paulus verwendet das Wort, dass unserer Hermeneutik, unserer Lehre vom Verstehen und Deuten zugrunde liegt. Keineswegs nur den unverständlichen Zungenredner gilt es zu übersetzen und zu deuten – verständlich zu machen – sondern im Grunde alles und jedes, zumindest jede menschliche Äußerung, die eigenen zuerst: Wer also in Zungen redet, der bete, dass er´s auch auslegen könne. (14,13; Ist aber kein Ausleger da, so schweige er in der Gemeinde und rede für sich selber und für Gott 14,28). Paulus plädiert für den Vorrang der Hermeneutik, also des Verstehens, der Deutung, der Auslegung – Religion als Lebensdeutung, Religion als Deutung aller Lebensäußerungen: wie wahr! – was könnte daran auszusetzen sein?
Vielleicht das: Jede Deutung bedeutet eine Distanzierung vom Geschehen. Deutung teilt und trennt – nämlich meinen Verstand vom Erlebnis. Deutend trete ich aus dem Geschehen heraus, stelle mich neben mich, schaue mir selbst über die Schulter. Manche kennen das von solchen Momenten auf einer Party oder in Gesellschaft, wenn wir uns nach ausgelassenen Momenten auf einmal fragen: Was mache ich eigentlich hier? Dann ist die Stimmung futsch.
Deutung ist immer Deutung von etwas und reden über etwas – nicht die Sache selbst. Deutung produziert unvermeidlich einen Verlust an Gegenwart, an Lebendigkeit. Nichts ist unlustiger als ein erklärter Witz und nichts langweiliger als ein fortlaufend gedeuteter Gottesdienst – außer man machte die Deutung selbst zum Witz, bzw. die Deutung zum Teil des Gottesdienstes wie in der Predigt.
Vielleicht ging und geht es also den Glossolalen um das Erleben der Sache selbst, in diesem Fall um das Wirken des Geistes, um die Erfahrung der Gegenwart Gottes: „die unmittelbare Gegenwart des ganzen ungeteilten Daseins“ wie der Schleiermacherfreund Henrik Steffens sie erst für das Reich Gottes in Aussicht stellt. Dann wäre die Forderung des Apostel Paulus nach Deutung der Glossolalie ein schlichtes Missverständnis – allerdings genauso die Meinung der Korinther, dass das glossolalische Charisma einen Ruhm vor den Menschen begründe.
Diesseits solcher Missverständnisse müssten wir dem unmittelbaren Erleben von Sprache und der direkten Erfahrung von Präsenz Gelegenheiten verschaffen: wie es z.B. in den schon erwähnten Lautgedichten geschieht, die unter Umgehung der inhaltlichen Dimension die Materialität von Sprache hörbar und sichtbar machen, allerdings für den gottesdienstlichen Gebrauch kaum geeignet erscheinen; oder in manchen Meditationsübungen, die immer und immer wieder dieselbe Silbe, dasselbe Wort oder denselben Satz wiederholen: „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner“ (hundertfach hintereinander wiederholtes Jesusgebet der orthodoxen Kirche).
Oder – für mich einleuchtender – wie wir es in der Musik erfahren, die, wenn sie nicht gerade als Programmmusik eine Geschichte erzählen will, Ausdruck ohne Inhalt – Lieder ohne Worte – darstellt. Musik ermöglicht eine einzigartige Zeiterfahrung – mit jeder Note und jedem Takt erleben wir die Gegenwart und wie sie vergeht. Es ist sicherlich kein Zufall, dass dem Glossolalie-Kritiker Paulus hier Musik und Musikinstrumente einfallen: Zither und Flöte und Posaune, ihre Laute und Töne, wobei diese gerade keine inhaltsbezogene Sprache sprechen aber in ihren Tönen und Tonfolgen dennoch Menschen erreichen, Menschen bewegen und Menschen verbinden. Für viele ist das Musikerlebnis Gottesdienst – und für nicht wenige ist es das mehr als eine Predigt. Das muss man nicht kritisieren. Vielleicht ist Musik nämlich gerade das, was einen Gottesdienst davor bewahrt, eine „langweilige Schulstunde“ zu sein. (So die eindrückliche Kennzeichnung eines evangelischen Gottesdienstes durch unseren Heidelberger Lehrer und Theologen Dietrich Ritschl.) Amen.