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Kirchenvorstandswahl 2021

Am Sonntag, 13. Juni 2021, findet in der Evangelischen Thomaskirchengemeinde die Kirchenvorstandswahl statt. Das Wahllokal im Gemeindehaus, Richard-Wagner-Str. 88, ist am Wahltag von 11.00 bis 18.00 Uhr geöffnet.

Folgende Kandidatinnen und Kandidaten stellen sich als Team zur Wahl. Erstmals ermöglicht ein neues Kirchengesetz, ein Team zum Wahlvorschlag zu bringen, das gemeinsam gewählt werden kann.

Hier finden Sie nähere Informationen zum Ablauf:

Anfang Mai erhalten Sie eine Wahlbenachrichtigungskarte per Post. Sie zeigt Ihnen, dass Sie in der Wählerkartei der Evangelischen Thomaskirchengemeinde erfasst sind. Sollten Sie eine solche Karte nicht erhalten haben (z.B. weil Sie erst nach dem 25. März zugezogen oder aus einem anderen Grund nicht erfasst sind) können Sie wählen, wenn Sie glaubhaft machen können, dass Sie Mitglied der Gemeinde sind (z.B. durch eine Kopie des Meldeformulars). Wahlberechtigt sind alle, die am Wahltag das 14. Lebensjahr vollendet haben. Sollten Sie am Wahltag verhindert sein, können Sie bis zum 11.6. schriftlich oder mündlich eine Briefwahl im Gemeindebüro beantragen. Sie bekommen dann den Briefwahlschein und Ihren Stimmzettel zugeschickt. Sollten Sie am Wahltag kurzfristig verhindert sein, z.B. wegen Krankheit, bekommen Sie den Briefwahlschein bis 12.00 Uhr beim Wahlvorstand im Wahllokal. Auf jeden Fall muss der Briefwahlschein mit Stimmzettel spätestens bis zum Ende der offiziellen Wahlzeit beim Wahlvorstand eingegangen sein. 

Liebe Gemeinde, 

der Kirchenvorstand leitet die Gemeinde – im kritischen Gegenüber und im solidarischen Miteinander mit der Pfarrerin oder dem Pfarrer – und dabei an die Ordnung unserer Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau gebunden, der Schrift und dem Bekenntnis verpflichtet, zuerst und zuletzt aber dem eigenen Gewissen. Die sichtbaren Tätigkeiten wie der Kirchendienst oder die praktischen Aufgaben rund um ein Gemeindefest oder die Bewältigung der Pandemiemaßnahmen gehören dazu, sie zeigen und fördern die Verbundenheit im Gemeindeleben – aber das Wesentliche ist die Leitungsaufgabe.

Es gehört zu den Errungenschaften der Reformation, dass sich die Gemeinden selbst Pfarrer und Leitung frei wählen können, insofern passt eine Kirchenvorstandswahl gut in ein Jubiläumsjahr, das mit dem Wormser Reichstag eine Sternstunde der Glaubensfreiheit feiert. Allerdings sind Kirchenwahlen nicht mit politischen Wahlen vergleichbar, wo Programme und Personen oft heftig aufeinanderstoßen. Was im politischen Bereich unverzichtbar ist und einen guten Sinn hat, entspricht nicht dem Gemeindeleben. Ein Wahlkampf findet hier in der Regel nicht statt. Kirchenwahlen haben eher den Charakter von Beauftragungen und die Hürde, geeignete und zur Mitarbeit bereite Kandidaten zu finden, ist deutlich höher als die Wahl selbst.

Diesen Umständen hat endlich die Kirchensynode Rechnung getragen und einen zweiten Wahlmodus eingeführt, der eine Team-Wahl ermöglicht, in der alle Kandidaten gewählt werden können und für den sich die Thomasgemeinde entschieden hat. So können auch die eher unangenehmen Begleiterscheinungen des alten Wahlmodus vermieden werden, wie die immer noch vielerorts praktizierte Aufstellung bloßer Zähl-Kandidaten, die gar nicht gewählt werden sollen oder – noch unangenehmer – die Abwerbung von Kandidaten aus Nachbargemeinden.

Nach den vergangenen drei schwierigen Jahren, in denen der gegenwärtige Kirchenvorstand vor kaum vorhersehbare Herausforderungen gestellt wurde und sie souverän bewältigt hat, stellt er sich nun zur Wiederwahl, die ich Ihnen empfehle – mit ganzem Herzen.

Mit herzlichem Gruß, 

Ihr Klaus Neumann, Pfarrer 

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Thomaskirche geöffnet

Wir freuen uns, wieder mit Ihnen Gottesdienst zu feiern zur gewohnten Zeit in der Thomaskirche um 10.00 Uhr (bzw. Familiengottesdienste um 11.00 Uhr).

Der Kirchenvorstand hat ein Sicherheitskonzept beschlossen, dem wir alle folgen müssen. Dazu gehört:

  • Bitte besuchen Sie den Gottesdienst nicht, wenn Sie Erkältungs- oder grippeähnliche Symptome haben.
  • Bitte nehmen Sie den Sitz ein, der Ihnen vom Kirchenvorsteher gezeigt wird. Nur die Plätze, auf denen ein Gottesdienstblatt liegt, können belegt werden.
  • Ab sofort sind auch in Gottesdiensten medizinische Masken zu tragen. Bei Bedarf wenden Sie sich gerne an den Kirchenvorstand. Bitte behalten Sie Ihre Maske während des Gottesdienstes auf.
  • Bitte halten Sie auch beim Ein- und Ausgang einen Abstand zu anderen Gottesdienstbesuchern von mindestens 2 Metern.
  • Bitte singen Sie bei den „Liedern ohne Worte“ nicht mit. Singen ist leider nicht erlaubt.
  • Bitte notieren Sie nach dem Gottesdienst Ihren Namen und Ihre Anschrift auf diesen Zettel und lassen Sie ihn auf Ihrem Platz liegen. (Wir sammeln die Blätter, verschließen sie in einem Umschlag und bewahren sie etwa drei Wochen auf für den unwahrscheinlichen Fall, dass eine Infektion dokumentiert werden muss.)

Wir danken Ihnen für die Beachtung und für Ihr Verständnis!

Der Kirchenvorstand der ev. Thomaskirchengemeinde

Predigttext für den Sonntag Exaudi, 16. Mai 2021, Konfirmation

Jesus Christus spricht: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt,wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen. Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten. (Johannesevangelium 7,37b-39a)

Ströme lebendigen Wassers fließen: Panta rhei! Alles fließt – gehört zu den ersten Erkenntnissen der Philosophie überhaupt; dem griechischen Philosoph Heraklit wird diese Einsicht zugeschrieben, irgendwann vor mehr als zweieinhalb tausend Jahren hat er das erkannt und dann gesagt – in seinen berühmten Flussfragmenten: dass „alles fließt und nichts bleibt; es gibt nur ewiges Werden und Wandeln“; „Wer in denselben Fluss steigt, dem fließt anderes und wieder anderes Wasser zu“; „Wir steigen in denselben Fluss und doch nicht in denselben, wir sind es und wir sind es nicht.“; „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.“

Panta rhei! Noch im Namen unseres Flusses Rhein, klingt diese uralte Weisheit nach, denn der ist nach demselben Wortstamm gebildet: rhei – Rhein, wenn man die Worte vor sich sieht, ist es noch deutlicher: der Rhein, der Fließende, der sich Wandelnde; wie wahr!

In meiner Kindheit – vor einem halben Jahrhundert: Kinder, wie die Zeit vergeht und verfließt! – war der Rhein auch schon schön, aber auch schön stinkig, stinkend nach Haushalt, nach Klo, nach Chemie; nicht nur die Schornsteine mussten rauchen sondern auch die Abwässer fließen; niemand wäre auf die Idee gekommen, in Biebrich, in Schierstein, oder auf der Rettbergsau, der Mariannenau, der Maaraue den Inselrhein auch als Badestätte zu genießen, heute hindert uns nur noch die Strömung oder der Schiffsverkehr daran, allzu sorglos im Rhein zu baden; krank machen würde er uns wohl nicht mehr, Fische und Vögel fühlen sich jedenfalls wieder wohl. Alles fließt, alles wandelt sich – nicht alles wandelt sich zum Schlechteren.

Ein paar hundert Kilometer flussaufwärts lässt sich wieder oder noch – alles fließt, alles wandelt sich, alles bleibt im Wandel – erleben, in Basel nämlich, wo die Menschen in den Fluss steigen, in ihm mitfließen, sich treiben lassen, sich selbst zum Treibgut machen, an der einen Stelle hinein und ein paar hundert Meter weiter hinaus, im Flussbadi – wie es in unseren nördlichen Ohren niedlich helvetisch klingt. Wenn man das als Besucher von weitem erlebt, die scheinbar hilflos im Wasser treibenden Menschlein als Punkte vom gegenüberliegenden Ufer sieht, denkt man erst an ein Unglück, möchte als ersten Impuls um Hilfe telefonieren, und erkennt nach einem Schreckmoment, dass die da zum Vergnügen sind, dass sie Spaß haben, und man lernt später, dass das, was sie da in Händen halten kein Rettungsgerät sondern der geniale Basler Wickelfisch ist, eine Trockentasche, die die Klamotten bis zum Ausstieg am anderen Ende der Stadt sicher verwahrt: Panta rhei; wenn schon alles fließt, muss aber noch lange nicht alles nass werden, denkt sich der patente Schweizer und verbindet das Vergnügen mit der Philosophie. Alles fließt und ich mit.

Panta rhei – was für ein starker Satz! Und das fließende Wasser – was für ein starkes Symbol! Mitreißend – und mitgerissen hat es uns ein wenig auch vom Predigttext, aber nur scheinbar fortgerissen. Denn da geht es nun einmal in einer Art hydrologischen Glaubenslehre um das Fließen von Strömen lebendigen Wassers, als Symbol des Wandels, des Lebens, der Kommunikation – das heißt ja „Geist“ – aus Christus; um das Fließen des Wassers – Jesus und sein Biograph Johannes werden Heraklit nicht gelesen haben – ich ja auch nicht, nur über ihn – aber beide benutzen dieselbe Vokabel, kommunizieren mit ihr mit uns, wie das Panta rhei, das noch den Rhein durchfließt.

Auf Flüssen und über Flüsse hinweg kommunizieren wir, zum Guten wie zum Bösen. Die Flüsse hinunter und hinauf ergaben, ergeben sich die Kulturkontakte; und über die Flüsse hinweg kreuz und quer haben unsere Vorfahren ihre Kulturkonflikte ausgekämpft: „Lieb Vaterland magst ruhig sein, fest steht die Wacht am Rhein“ – heute noch schön scheußlich in Stein gemeißelt, oben in Rüdesheim, im Niederwalddenkmal, darüber die Germania, die Siegeselse zum Gedenken an 1871, gerade einmal 150 Jahre her, mit stolzem Blick über den Rhein hinweg aus einer anderen Welt, weniger drohend und weniger martialisch als die Worte darunter, sie selbst vielmehr stolz und schön, eine starke Frau mit wehendem Haar, feministisches Statement, Frauenpower der Bismarckzeit, zumindest in der Bildsprache dieser Hauptfigur; ihrer französischen Schwester Marianne viel weniger unähnlich als gedacht. Mir gefällt sie, je öfter ich sie besuche und je länger ich sie kenne. Was hat sie uns zu sagen?

Unser Predigttext benutzt das Bild der Wasserströme um unsere Kommunikation zu zeigen; oft genug ist die gestört, gerade jetzt in diesen bösen Zeiten. Manches werden wieder neu lernen müssen nach der Pandemie; anderes haben wir neu eingeübt, auch zum Guten. Wenn wir nur vor dem Bildschirm sitzen ist das zwar Mist, aber besser als ganz allein zu sein; etwas Geist strömt da ja doch durch die bits und bytes unserer Daddelkisten.

Noch besser, viel besser aber ist es in direkten Kontakt zu treten, sich gegenseitig gegenwärtig zu werden, Geist zu spüren, Präsenz zu erleben. Das wird wieder passieren – und das ist schon wieder passiert. Das war ein besonderer Moment für mich, dass ihr den Vorstellungsgottesdienst präsent, gegenwärtig, real für und mit uns feiern konntet – nach so vielen Monaten vor dem Bildschirm Euch zu erleben, nicht nur als flimmerndes Bild oder schwarze Kachel. Euch gibt’s ja wirklich!

Und dass ihr euren Gottesdienst unter das Thema gestellt habt, das so viel für unseren Glauben bedeutet: Gerechtigkeit, die ja letztlich Regeln der Kommunikation betrifft! Gerechtigkeit: Wie gehen wir miteinander um, was verdient einer, was gehört sich, wie fließen unsere individuellen Lebensbächlein zusammen in den Strom der Gesellschaft.

Unser Predigttext heute bezieht sich direkt auf einen Text im Alten Testament, dem es wie so oft um nichts anderes geht als gerade das: Gerechtigkeit! Wie beziehen wir uns auf andere, wie kommunizieren wir, wie geht das: jedem das seine zukommen zu lassen (noch der beste Satz kann zum schlechtesten werden, den Schatten des Schreckens tragen); wie geht das, jedem und jeder gerecht zu werden. Gerechtigkeit ist Kommunikation – im weitesten Sinne – mit den anderen; wie bekommen wir es hin, dass jeder und jedem das ihm Gebührende zukommt, zufließt? Panta rhei, nun als Frage und als Aufgabe. Der Prophet Jesaja schreibt:

Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«. (Buch des Propheten Jesaja 58,9b-12)

Konfirmiert werden heißt – neben so vielem anderen, über das wir gesprochen haben – auch, dass ich mich als von Gott zur Gerechtigkeit beauftragt verstehe: die Ströme der Gerechtigkeit fließen zu lassen, dazu beitragen, Ungerechtigkeit in Gerechtigkeit zu verwandeln – und dadurch den Strom des Lebens durch mich fließen zu lassen. Was für eine Aufgabe, mit der wir heute – alle von uns, nicht nur die Konfirmanden – entlassen werden in den Strom des Lebens. Panta rhei. Amen.

Stadtspaziergang über den Nordfriedhof

Dienstag, 4. Mai 2021, 18.30 Uhr an der Trauerhalle

Anmeldung bitte unter Tel. 0611.52 35 46

Angelegt auf der Anhöhe zwischen Nerotal und Adamstal und 1877 eingeweiht, ist der Nordfriedhof heute der zweitgrößte Friedhof der Stadt. Wegen seiner Park- und Waldlandschaft und der vielen historistischen Grabmäler steht er als Ganzes unter Denkmalschutz. Er ist zu jeder Jahreszeit einen Besuch wert, vor allem jetzt im Mai, wenn die Bäume blühen! Unseren Stadtspaziergang beginnen wir mit Pfarrer Dr. Neumann an der Trauerhalle mit einem Psalmgebet und erkunden dann einige der sepulkralen Kunstschätze und Kuriositäten des Nordfriedhofs. 

Da die Teilnehmerzahl begrenzt ist, melden Sie sich bitte telefonisch an unter Tel. 0611. 52 35 46. Bitte tragen Sie eine med. Maske und halten Sie zu jeder Zeit Abstand zueinander. Der Friedhof schließt um 20.00 Uhr. Bei starkem Regen fällt der Spaziergang aus. Änderungen unter www.thomasgemeinde.de

500 Jahre Reformationsjubiläum – Wormser Reichstag 1521

Vor genau 500 Jahren, im April 1521, machte sich Martin Luther von Wittenberg aus auf den Weg durch Thüringen, Hessen und Rheinhessen nach Worms, wo er vor dem dortigen Reichstag den Widerruf seines Standpunkts verweigerte. Der Reformator verließ die Stadt als Geächteter des Kaisers und reiste wieder zurück nach Thüringen, zur Wartburg.

“Hier gehe ich, ich kann nicht anders” (frei nach Luther)

Unsere für den 24. April 2021 geplante Pilgerwanderung nach Worms können wir aufgrund der geltenden Corona-Bestimmungen nun nicht gemeinsam unternehmen. Stattdessen laden wir Sie ein zu einer individuellen Pilgerwanderung zwischen Wiesbaden und Worms, bei der Sie sich ein Wegstück selbst aussuchen und in der nächsten Zeit, wann sich Ihnen die Gelegenheit bietet, erwandern: etwa auf dem RheinTerrassenweg durch die Weinberge von Nackenheim zur Katharinenkirche in Oppenheim oder von der Bergkirche von Osthofen zum Landschaftspark von Schloss Herrnsheim weiter  in Worms zum Dom, zum Luther-Denkmal oder zum jüdischen Friedhof…

Genaue Etappenvorschläge – vom Spaziergang bis zum Tagesausflug – finden Sie unter www.lutherweg1521.de  und www.rheinhessen.de/rheinterrassenweg

https://www.lutherweg1521.de

Schicken Sie ein Foto Ihrer Wanderung an neumann-klausphilipp@t-online.de. Wir setzen unseren Pilgerweg als gemeinsame Fotostrecke auf www.thomasgemeinde.de. Alle, die ein oder mehrere Fotos einschicken, bekommen als Dankeschön eine Flasche vom Weinberg der EKHN in Nierstein. 

Wir freuen uns auf Ihre Entdeckungen!

(Fotos: Klaus Neumann)

500 Jahre Josquin Desprez († 1521)

Ob es Ludwig XI. oder Ludwig XII. war, dem Josquin, der wohl größte Komponist der Renaissance, einen Streich spielte, ist auch nach 500 Jahren noch nicht völlig geklärt. Auf jeden Fall war es der französische König persönlich, der den Meister um eine eigene Gesangspartie bat: er wolle bei einer Aufführung gerne einmal mitsingen. Josquin tat, wie ihm befohlen. Allerdings hielt er von den sanglichen Qualitäten des Königs so wenig, dass er dessen Stimme nur auf einem einzigen Ton komponierte.

Wer sich so etwas traut, weiß um seinen Wert. Nicht nur wegen seines kantigen Charakters wird Josquin oft mit Beethoven verglichen. Josquins Erneuerungen der frankoflämischen Vokalpolyphonie strahlten weit voraus bis hin zu J.S. Bach. Zwar sind die Stationen seines Lebens – St. Quentin, Aix-en-Provence, Paris, Mailand bei Kardinal Ascanio Sforza, Sixtinische Kapelle in

Rom, Mailand, Ferrara, zurück nach Nordfrankreich – nicht lückenlos rekonstruierbar. Aber einiges gilt doch als gesichert, z.B. dass Josquin 1503 in Ferrara als Kapellmeister am Hofe des Herzogs Ercole I. d’Este mit 200 Dukaten das höchste Gehalt verhandelte, das je ein Musiker dort erhalten hatte. Für den Herzog, eine schillernde, Pracht liebende Persönlichkeit, schrieb er eine ebenso prachtvolle Messe, die “Missa Hercules dux Ferrariae”. Schon zu Lebzeiten war sein Vorname in aller Munde, bei Herrschern, Musikern und Dichtern. In Italien verglich man ihn posthum mit Michelangelo. Als erstem Komponisten der Musikgeschichte wurde ihm ein Individualdruck seiner Messen mit dem hochmodernen Notendruckverfahren mit Metalllettern gewidmet. Eine größere Ehre gab es nicht.

Zu Josquins berührendsten Werken zählt die französische Trauermotette über den Tod Ockeghems, der 1497 an der damaligen Pandemie, der Pest, verstarb. Die “déploration de la mort de Jehan Ockeghem” imitiert mit fünf Stimmen den Stil des älteren Komponisten in unablässig ineinanderfließenden Linien über einem Cantus firmus aus dem Introitus “Requiem aeternam”. Ein pures Meisterwerk ist die “Missa Pange Lingua” für vier Gesangsstimmen. In der Regel singen höchstens drei Sänger je eine Stimme. Allen fünf Sätzen (Kyrie, Credo, Gloria, Sanctus und Agnus Dei) liegt der gleichnamige Hymnus von Thomas von Aquin zugrunde. Größere und kleinere Fragmente der berühmten Melodie ziehen sich nach den komplexen Regeln des Kontrapunkts echoartig durch das gesamte Stück. Gleichzeitig lässt Josquin kaum eine Gelegenheit der expressiven Ausdeutung des Textes durch die Musik aus und verleiht ihm dadurch noch mehr Tiefe. Mit Josquin setzt die Kunst der musikalischen Interpretation des Textes, später ein Hauptmerkmal des Barock, ein.

Luther schätzte Josquins Musik sehr und kannte sie in Form von Lautentabulaturen, also Transkriptionen von polyphonen Gesangsstücken für Zupfinstrumente. In den Tischreden schrieb er über den Nordfranzosen, der selbst nie in Deutschland gewesen war: “So hat Gott das Evangelium auch durch die Musik gepredigt, wie man an Josquin sieht.”

Anne Sophie Meine

CD-Tipps: The Tallis Scholars sing Josquin, Label Gimell 2015, mit “Missa Pange Lingua”; The Hilliard Ensemble: Missa Hercules Dux Ferrariae, Motets & Chansons, Label Plg Classics Warner 2004, mit “La déploration de la mort de Jehan Ockeghem”.

Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist

Jesus Christus spricht:
Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist.
(Lukasevangelium 6,36; Jahreslosung für das Jahr 2021)

Es versteht sich nicht von selbst, dass wir Gott für barmherzig und schon gar nicht, dass wir ihn für einen barmherzigen Vater halten. Gerade in Zeiten der Seuche könnte man ja auch auf das Gegenteil kommen, dass er grausam wäre, ein grausamer Herrscher, der uns Menschlein mit harter Hand straft und prüft und uns zeigt, wer der Herr ist. Es soll ja sogar solche Väter gegeben haben, die ihre Kinder mit harter Hand erziehen, getreu dem Bibelwort: „Wen der Herr lieb hat, den züchtigt er, und er schlägt jeden Sohn, den er annimmt.“ (Hebräerbrief 12,6 nach Sprüche 3,12) Und es soll sogar Theologen gegeben haben, die diese Form der schwarzen Pädagogik als die höhere Barmherzigkeit verkauften, Pfui Teufel!

Wahr bleibt, dass weder Gottes Barmherzigkeit am Lauf der Welt ablesbar ist (was die Bibel übrigens auch nicht behauptet; wohl aber gibt es historische Momente göttlicher Barmherzigkeit!), noch dass alle real existierenden Väter zum Bild der Barmherzigkeit taugen (was ebenfalls den Autoren der Bibel nicht entgangen ist; wohl aber erzählen sie und nicht nur ausnahmsweise von löblichen Beispielen!). Dennoch wissen wir, auch wenn wir selbst keinen solchen erlebt haben sollten, was mit der väterlichen Barmherzigkeit gemeint ist und nicht umsonst hat sich in der Bibel das Gottesbild „Vater“ weithin durchgesetzt – nach eher zurückhaltenden Anfängen im Alten Testament hin zur dominanten Metapher bei Jesus, der uns seinen Vater im Himmel als unseren Vater zu glauben gibt: „Vater unser im Himmel …“

Was genau ist mit der väterlichen, genauer (wie gleich zu sehen ist): elterlichen Barmherzigkeit gemeint, mit der uns Gott begegnet und mit der wir anderen begegnen sollen? Barmherzigkeit ist eher Kraft als bloße Eigenschaft, und zwar die, die von sich selbst absieht und anderes Leben schenkt: einem anderen seiner selbst Platz zum Leben einräumt. Das wird bildlich überdeutlich sichtbar an einem der vielen Begriffe für Barmherzigkeit in der Hebräischen Bibel, der nämlich zugleich auch Mutterleib bedeutet.

Natürlich ist Barmherzigkeit als das Geschenk des Lebens nicht zuerst oder vor allem biologisch gemeint, sondern umfassend als Selbstzurücknahme, als Verzicht auf eigene Ansprüche zugunsten eines anderen, der seine Ansprüche nicht anmelden, geschweige denn durchsetzen kann. Der Barmherzige gibt von dem, was er zu viel hat, einem anderen, der davon zu wenig hat. Das müsste er nicht – aber vielleicht doch und deshalb hat die Bibel Alten Testaments neben die großen Bereiche des Straf- und des Kultgesetzes den nicht geringeren des Erbarmensgesetzes gesetzt, dessen Grund und Auftrag unser Bibelwort zusammenfasst: Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist.

Barmherzigkeit ist nach biblischem Verständnis nicht die philanthropische Kür der Privilegierten, die sie sich leisten können, sondern von Gott auferlegte Pflicht, sich von der Bedürftigkeit anderer anrühren zu lassen und mit ihnen die eigenen Lebensmöglichkeiten zu teilen. Sie ist der für eine gelingende Gesellschaft unverzichtbare Verzicht auf eigene Privilegien zugunsten von Solidarität mit denen, die weniger vom Leben haben, damit auch die leben können.

Klaus Neumann, Pfarrer