Tag des offenen Denkmals 2026

Sonntag, 13. September 2026

Die ev. Thomaskirche, 1964 erbaut von Rainer Schell, ist an diesem Tag bis ca. 12.00 Uhr geöffnet und heißt Sie herzlich willkommen. Der Sonntagsgottesdienst findet um 10.00 Uhr statt. Im Anschluss laden wir Sie zum Kirchenkaffee im Vorraum der Kirche und auf dem Vorplatz ein.

Plakat des 60. Jubiläums der ev. Thomaskirche von 2024

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“

(Hebräer 13,14)

Vergänglichkeitsgedanken Richtung Lebensende oder einfach nur der fällige Umzug nach Jahrzehnten im selben Zuhause (nicht selten fallen beide zusammen) mögen die naheliegenden Anwendungen unseres schönen Bibelwortes aus der Paulustradition sein. Schon der Apostel Paulus selbst sprach von unserem, also der Gläubigen „Bürgerecht im Himmel“, das uns gewährt wird für den Fall, dass „unser Haus, diese Hütte verfällt“.

Diesmal habe ich das Bibelwort für einen anderen Zweck ausgewählt, nämlich um mir das Filmereignis dieses Sommers, Christopher Nolans Film „The Odyssee“ aufzuschließen; oder vielleicht eher umgekehrt, diese große Geschichte, aus einer Perspektive der Bibel zu betrachten. Dabei lautet doch schon einer der berechtigten Einwände gegen Nolans Film, dass er übermäßig christliche Gedanken eintrage, etwa dass Odysseus ein von seinem Gewissen Getriebener sei, was dem – so die Auskunft der Kundigen – uralten griechischen Denken ganz fremd gewesen wäre.

Tatsächlich geht es um die Heimkehr, den nostos (den wir übrigens aus dem Wort „Nostalgie“ gut kennen, das wir allerdings etwas anders verwenden). Homer erzählt in seinem Epos die lange Zeit durch Abenteuer und Gefahren verhinderte, aber letztlich erfolgreiche Heimkehr des Odysseus. Länge und Lärm des Films, die zumindest mich auf Dauer gestört haben, könnten auch darin ihre Ursache haben, dass Autor und Regisseur Nolan so viele fremde und teils widersprüchliche Themen unterbringen wollte. (Wohl noch abwegiger, als das Geschehen vom Gewissen des Odysseus abhängig zu machen, ist die Idee vom Untergang der Zivilisation, die der Trojanische Krieg ausgelöst hätte.)

Das größte Verdienst des Films liegt darin, dass so viele – wir ja auch – dieser Geschichte neu begegnen, alte Ausgaben hervorkramen und neue bestellen. Nimm und lies selbst, ist wie immer (auch bei der Bibel!) die beste Empfehlung. Aus den Quellen selbst sprudeln die besten Gedanken und die ergiebigsten Fragen, meine zum Beispiel: Was sind die Irrtümer und Irrfahrten meines Lebens? Wo bin ich Zuhause? Wie kehre ich dahin zurück? Was verhindert meine Heimkehr?

Das Wort, aus dem heraus Homer seine Odyssee erzählt, nostos, kommt im Neuen Testament der Bibel gar nicht vor. Aber es gibt verwandte Begriffe und ähnliche Geschichten, die unser Leben als Irrfahrt nach Hause beschreiben. Paulus selbst begibt sich auf gefährliche Irrfahrten im Mittelmeer und seine Wegstrecke wird sich mit der des Odysseus vielfach gekreuzt haben, ohne dass er unseres Wissens je heimgekehrt wäre. Oder die berühmte Gleichniserzählung vom verlorenen Sohn, der sich selbst verirrt und verliert, aber am Ende nach Hause zurückkehrt. Oder die Heimkehr des Volkes Israel aus dem Babylonischen Exil.

Ich stelle mir vor, dass auch diese Geschichten der Bibel und ihre Erzähler zuerst, auch viele ihrer Hörer und Leser von Odysseus wussten, auch wenn sie nicht wie Paulus hellenistisch gebildet waren; dass sie vom „vielgewandten“, „listenreichen“ Irrfahrer gehört hatten, der endlich nach unzähligen, unglaublichen Gefahren und Abenteuern schließlich nach Hause findet; so wie wir auch in Kinderbüchern, in Hörspielen und nun eben in einem spektakulären und trotz allem Spektakel sehenswerten Film noch heute von ihm hören und sehen.

„Nostalgie“ in ihrer eigentlichen Bedeutung, als Sehnsucht nach unserem Zuhause, scheint eine dieser Ur-Ideen von uns Menschen zu sein. Im Glauben erfahren wir, dass uns Gott dieses Zuhause bereitet.

Klaus Neumann

Ökumenischer Ausflug: Führung im Frankfurter Städel zu Maria Magdalena

Samstag, 19. September 2026, Treffpunkt: 15.20 Uhr an der Museumskasse des Städel Museums

Ev. Thomasgemeinde und Kath. Kirchort St. Mauritius

Wir besuchen die neue Sonderausstellung im Frankfurter Städel. Dazu heißt es auf der Museumsseite: „Zwischen Heiliger, Sünderin und enger Gefährtin Christi: Seit Jahrhunderten zählt Maria Magdalena zu den faszinierendsten Frauenfiguren der Bibel und der Kunstgeschichte. Das Städel Museum und die Liebieghaus Skulpturensammlung präsentieren die erste umfassende Ausstellung im deutschsprachigen Raum, die ihr gewidmet ist. Dabei erscheint sie nicht nur als Projektionsfläche kultureller und religiöser Vorstellungen, sondern auch als eigenständige Figur, an der sich unterschiedliche Vorstellungen von Körper, Glaube und gesellschaftlichen Rollen zeigen.“ https://www.staedelmuseum.de/de/maria-magdalena

Der Treffpunkt ist um 15.20 Uhr an der Museumskasse, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt. Die 60-minütige Führung durch die Sonderausstellung beginnt um 15.30 Uhr. Die Anreise erfolgt privat, z.B. mit einem Gruppenticket mit der S-Bahn ab Wiesbaden Hbf gegen 14.00 Uhr. Parkhäuser finden sich in Laufnähe. Der Gruppen-Eintritt pro Person kostet 17,00 Euro und gilt für das ganze Museum. Es lohnt sich also, etwas früher zu kommen und die übrigen Säle des Städels zu besuchen. Wir freuen uns auf Ihre Anmeldung bis Freitag, 18.9., unter asmeine@gmx.de oder Tel. 0162 7474131.

12. Sonntag nach Trinitatis, 23. August 2026

Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau. Nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe ich den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut. Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh, so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird es ans Licht bringen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen.  Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen. Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch. Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wenn jemand den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören, denn der Tempel Gottes ist heilig – der seid ihr.  (1. Korinther 3,9-16)

Was für ein Satz in diesen Zeiten der Kirchenverkäufe, der Umwidmungen und Schließungen!

Was für ein Satz, liebe Gemeinde, der doch allen Sparkommissaren der Kirchenverwaltung in den Ohren klingen müsste, die oft gar nicht mehr von Kirchen sprechen, sondern bloß noch von ihren Kosten oder von Standorten, die möglichst bald zu schließen wären. Wissen wir was wir tun? Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wenn jemand den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören, denn der Tempel Gottes ist heilig – der seid ihr. 

Ein Haus Gottes ist weit mehr als die Metapher einer Gemeinde oder das Bild von uns Menschen – das ja auch, wie der Apostel Paulus hier schreibt. Aber eine Kirche wie die Thomaskirche und eigentlich jede Kirche sagt zuerst etwas darüber aus, wie Gemeinde gedacht und gemeint ist, mal vorausgesetzt, dass der Architekt und die Bauherren Spielräume zur Gestaltung haben und eben nicht nur äußeren Zwängen gehorchen. Natürlich war das Geld knapp und die Gemeinden groß Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts; Baumaterial war rar, man musste nehmen, was da ist und was bezahlbar war. An der Thomaskirche kann man genau ablesen, dass damals kein Überfluss herrschte; dass man auf Vorgefertigtes zurückgreifen musste, und dass gleichzeitig viele Menschen kirchlich behaust werden sollten.

Aus den Selbstzeugnissen jener Zeit wird dennoch deutlich, dass Architekt und Gemeinde genaue Vorstellungen hatten, wie das Mögliche verwirklicht werden könnte. Rainer Schell wollte seiner Gemeinde, also unserer Gemeinde, in der er damals selbst wohnte und gut vernetzt war, das passende „Gehäuse“ schaffen, wie er sagte, ohne Pomp und Prunk, ohne faule Sentimentalität oder falsche Anleihen an vergangenen, verlorenen, geborgten Glanz – sondern sachlich, nüchtern, ehrlich, öffentlich, zugänglich; durchaus so wie die bekannten Bauwerke seines Lehrmeisters Egon Eiermann, etwa die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin oder der lange Eugen in Bonn. Mehr Demokratie nach furchtbaren Jahren. Raum für das Wesentliche statt Rahmen zum Renommieren. Less is more, wie ein anderer Baumeister jener Zeit, Mies van der Rohe, auf den sich sowohl Eiermann als auch Schell beziehen, gesagt hat und der danach seinen einzigen Tempel, seine geniale „God-Box“, seine Gotteskiste in Chicago errichtete: Quadratisch, kubisch, praktisch, gut. In Schlichtheit und Klarheit, geradezu ein älteres Geschwister unserer Thomaskirche. Einfache Hülle, goldener Schnitt, klarer Grundriss. Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus; soll heißen: Einen andern Grund kann eh niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. Und der muss erkennbar bleiben.

Wenn wir uns auf ein solches Gebäude einlassen, wird es uns in unserem gemeinschaftlichen Christsein beeinflussen und über die Jahre beinahe notwendig verändern. Hierarchisch monarchisches Pfarrherrentum passt hier nicht herein. Es muss beinahe komisch wirken, wenn wir uns diesem Gebäude, seiner Idee, verweigern und unseren – sei es mittelalterlichen Zierrat, sei es wilhelminischen Ballast – mit hineinnehmen, hineinstopfen und unsere eigene Gotteskiste damit verrümpeln. Die lebt vielmehr vom lebendigen Leben der Mitglieder und Besucher, und zeigt sich gleichermaßen im wilden Gewusel eines Familiengottesdienstes an Heilig Abend wie an einer stillen Andacht mitten im Jahr. Nichts Falsches und nichts Gekünsteltes drängt sich vor, keine Ablenkung bietet sich, Zerstreuung findet man hier nicht. So kann sich niemand, der die Kirche betritt, dem Anblick des Gekreuzigten entziehen. Für mich ist unser großes Kruzifix sichtbarer, unübersehbarer, unvermeidlicher Ausdruck dessen, was der Apostel meint: Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. Und zwar der einzige Grund, auf dem und weswegen wir uns hier versammeln. Der einzige Grund, der hält und trägt.

Was immer das Baumaterial unseres Gotteshauses ist, ob Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh, oder auch eben Backstein und Beton, es soll sich daran prüfen lassen, ob wir diesem einen Grund vertrauen, ob wir uns von ihm tragen lassen. Da muss nun jede Generation und jede Gemeinde zusehen, wie weit dass für sie zutrifft; ob in den Gottestempeln und Kirchenburgen das Wort vom Kreuz laut genug geworden ist, oder ob es in den Betonkisten nicht zumindest leichter, weil weniger widersprüchlich möglich gewesen wäre, die Botschaft vom gekreuzigten Auferstandenen laut und klar unter die Leute zu bringen.

Am Ende geht es um den Menschen und nicht um das Gebäude. Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Das könnte die wichtigste Aufgabe unserer Kirchengebäude sein, dass sie sich nicht selbst als Tempel missverstehen, sondern vielmehr uns, ihre Bewohner, als Gottes Tempel gelten lassen uns erst eigentlich zur Geltung bringen; dass sie also nicht mehr und nicht weniger als das bloße Gehäuse derer sind, die sich von Gottes Geist bewegen lassen – so könnte es unser Thomaskirchenarchitekt Rainer Schell gemeint haben.

Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Also zumindest könnten wir es wissen, denn der Apostel Paulus gibt sich alle Mühe, es uns zu sagen, in dem Brief an die Korinther, aus dem unser Satz stammt, aber auch sonst wo. Gottes Tempel zu sein schließt seiner Meinung nach jede Art der Selbstherrlichkeit und der Arroganz aus, die sich ja nicht nur in unseren Kirchenbauten zeigen kann. Gottes Tempel zu sein wendet sich gegen eine Vorstellung von Autonomie und Willkürfreiheit, die sich selbst absolut setzt. Paulus sagt gelegentlich, dass zwar alles erlaubt sei – erstaunlich genug – aber dass nicht alles zuträglich ist. Also, dass trotz umfassender gottgegebener Freiheit nur die freiwillige Selbstbeschränkung in manchen Dingen der von Gott gemeinten Freiheit entspricht. Gottes Tempel zu sein heißt auch, auf sich zu achten, Selbstachtung zu üben, sich etwas wert zu sein und die eigene Würde nicht anzutasten.

Die Vorstellung von Gottes Tempel, in dem der Geist Gottes wohnt, stärkt aber auch gegen die falsche Behauptung der Marktförmigkeit kirchlichen Bauwesens. Denn der Wert einer Kirche ist nicht ihr Preis, sondern errechnet sich durch ihren Mehrwert religiöser Bedeutung und ihrer Fähigkeit Menschen religiöse Heimat zu geben. Ihre Grund-bedeutung, ihr Grund-wert ist Jesus Christus.

Tempel kann also eine Kirche dann genannt werden, wenn sie die Menschen Tempel Gottes sein lässt.

11. Sonntag nach Trinitatis, 16. August 2026

„Den Mann nenne mir, Muse, den vielgewandten, der gar viel umgetrieben wurde, nachdem er Trojas heilige Stadt zerstörte. Von vielen Menschen sah er die Städte und lernte kennen ihre Sinnesart; viel auch erlitt er Schmerzen auf dem Meer in seinem Gemüte, während er sein Leben zu gewinnen suchte wie auch die Heimkehr der Gefährten.“ (Odyssee, übers. W. Schadewald)

Seit diesem Sommer sind wir ja alle Homerisch Gebildete und erkennen sofort die ersten Zeilen dieser großen Geschichte, erkennen die Motive von Irrfahrt und Heimkunft, erkennen die Bezeichnungen des vielgewandten, komplizierten, listenreichen Helden, des göttergleichen Odysseus.

Nicht von dieser Mutter aller Irrfahrten und Heimkünfte soll ich predigen, aber von Irrweg und Ankunft, von Umkehr und Heimkehr ist auch heute im Gottesdienst die Rede. Passt doppelt gut, denn wir sind ja auch gerade Heimkehrer in unser normales Leben mit Schule und Arbeit; heimgekehrt aus dem Urlaub, aus der Ferienzeit, wer weiß woher. Vielleicht hängen wir noch ein wenig wehmütig den schönen Tagen am Meer oder in den Bergen nach, der unbeschwerten Zeit des späten Aufstehens, ohne die Pflichten des Alltags und den Mühen der Ebene. Gleichzeitig können wir uns freuen über unser Zuhause, doch auch über Schule und Arbeit, die man erst richtig schätzt, wenn man nicht arbeiten gehen kann; können uns freuen über den Ort an den wir gehören, unseren Platz im Leben und in der Welt, an den wir wieder zurückgelehrt sind. Manchmal dauert es eine Weile und einige Mühe, bis wir diesen Ort gefunden, gewonnen haben – und damit meine ich nicht nur die Irrfahrten und Verspätungen, die wir als Reisende womöglich erlebt haben, als Irrende in einem Städtemeer oder als Verwirrte in einer Wildnis, die im Reiseprospekt eigentlich ganz gemütlich aussah.

Nicht vom vielgewandten, komplizierten Helden Odysseus kann heute die Rede sein, auch wenn es in unserer Geschichte aus der Bibel ebenfalls um Verirrung und Heimkehr geht und der Schlüssel zu ihrem Verständnis ebenfalls in einer Wende, einer Umkehrung liegt, die dem berühmten Beinamen des Odysseus zugrunde liegt: Polytropos wird er gleich zu Anfang und dann unzählige Male genannt: der Mann vieler Wendungen.

Dass nicht nur das Leben im Einflussbereich der vielen griechischen Götter voller Wendungen und Kehren ist, sondern auch das Leben vor Gott selbst durch Wende und Umkehr neu bestimmt wird, davon erzählt unser heutiger Predigttext.

Er [Jesus]sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden. (Lukas 18,9-14)

Unsere Geschichte zeichnet die beiden Hauptfiguren in groben Zügen, als Klischee, beinahe als Karikatur. Natürlich war nicht jeder Zöllner damals ein Betrüger und nicht jeder Betrüger hat seine Taten bereut. Und natürlich war nicht jeder Pharisäer ein Heuchler, der sich über andere erhebt und damit Gott verliert. Und natürlich möchte Jesus mit dieser Geschichte keineswegs Finanzbetrug rechtfertigen noch Gotteseifer denunzieren. Überhaupt erfahren wir relativ wenig und nichts Genaues über die Zustände im alten Jerusalem zur Zeit Jesu, weil das auch nicht die Absicht dieser Gleichnisgeschichte ist. Aber ihre ersten Hörer werden schon sich und ihre Mitmenschen darin wiedergefunden haben. Und auch wir als seine vorerst letzten Hörer sollen uns darin wiederfinden, auch wenn wir weder als Finanzbetrüger unsere Brötchen verdienen, die wir nicht verdienen, noch Tag und Nacht über dem Gesetz Gottes sitzen und es dann doch missachten. Wir sollen uns wiedererkennen, wenn wir uns wieder einmal für besser halten als die anderen; oder es gar nicht mehr merken, wenn wir andere übervorteilt haben. Solche Gleichnisse sollen als Orientierungshilfe, als Kompasse und Sextanten unserer Lebensreise dazu dienen, dass wir uns nicht verirren auf den Ozeanen unserer Selbstgerechtigkeit und nicht in den Tümpeln der Gaunerei.

Klar zur Wende! Ruft uns Jesus heute zu. Nicht unbedingt vielgewandt sein; das überlassen wir dem sagenhaften Helden der Antike. Für uns kommt es auf die eine Wende an, unsere Umkehr und Heimkehr zu Gott.

Umkehr ist Heimkehr, ist Heimkehr zu Gott. Der Schauplatz unserer Geschichte, der Tempel als Haus Gottes, macht diese Gleichsetzung von Umkehr und Heimkehr überdeutlich. Heimkehren zu Gott kann nur der, der umkehrt, seine Irrwege verlässt. Nur wer umkehren will, findet seinen Weg heim zu Gott. Der Zöllner, als der exemplarische Sünder kehrt zu Gott um, kehrt zu Gott heim.

Sünde bezeichnet das, was uns von Gott – und damit von unseren Mitmenschen trennt, uns zu Fremden macht, sogar von uns selbst entfremdet.

Indem der Pharisäer sich über seine Mitmenschen erhebt, trennt er sich von ihnen, entfremdet sich – sogar sich selbst.

Indem der Zöllner seine Trennung von Gott erkennt und beklagt, kehrt er um zu Gott, findet er nach Hause. Umkehr ist Heimkehr, ist Heimkehr zu Gott.

Einer, der Zöllner, hatte sich verirrt – und hat dann doch den Weg gefunden, ist umgekehrt, heimgekehrt zu Gott.

Ein anderer, der Pharisäer, hat sich verirrt, irrt noch, denkt, er sei schon zuhause und ist weiter von dort weg als es der erste je war. Dieser ein Irrläufer des Glaubens, jener ein Heimkehrer zu Gott.

Sich zu Gott wenden – und womöglich eine Heimat bei ihm finden, in seinem Haus, darum ging es heute – und darum geht es übrigens auch bei Unterricht und Konfirmation. Und so wie viele von uns Alten hier zuhause sind, wünschen wir euch, liebe Konfirmanden, dass ihr euch in dieser Kirche zuhause fühlt. Wir haben ja schon ein wenig damit angefangen, uns umzuschauen, uns zurechtzufinden, uns einzurichten, die ersten Klärungen geäußert, die ersten Fragen gestellt. Um eine der wichtigsten ging es heute: Wie – mit welcher Haltung – wende ich mich zu Gott? Wir kommen darauf zurück.

Johannis, oder „midsummer madness“, 2026

„Wahn! Wahn!
Überall Wahn!“

So besingt der Meistersinger Hans Sachs den Wahnsinn der Welt.

„Wahn! Wahn!

Überall Wahn!
Wohin ich forschend blick‘,
in Stadt- und Weltchronik,
den Grund mir aufzufinden,
warum gar bis aufs Blut
die Leut‘ sich quälen und schinden
in unnütz toller Wut!
Hat keiner Lohn
noch Dank davon:
in Flucht geschlagen,
wähnt er zu jagen;
hört nicht sein eigen Schmerzgekreisch,
wenn er sich wühlt ins eig’ne Fleisch,
wähnt Lust sich zu erzeigen!

Gott weiss, wie das geschah?“ (Richard Wagner, Die Meistersinger von Nürnberg, 3. Akt)

Aber weil es eben die verrückte Zeit um die Johannisnacht ist, die Zeit der „midsummer madness“, die auch Shakespeare kennt und nennt und ihr ein ganzes traumhaft wundervolles Stück widmet, in der alle Welt verrücktspielt – auf nette und überaus lustige Weise verrücktspielt – wechselt auch Hans Sachs bei seinem Meister Richard Wagner das Register bei der Ursachenforschung. Die ernste Frage beantwortet er sich mit einem Spaß:

„Ein Kobold half wohl da:
ein Glühwurm fand sein Weibchen nicht;
der hat den Schaden angericht’t.
Der Flieder war’s: Johannisnacht!“

„Ist denn die ganze Welt verrückt geworden?“ – fragt einer meiner keineswegs immer mental stabil wirkenden Lieblingsfilmfiguren Walter (in „The Big Lebowski“); „Ist denn die ganze Welt verrückt geworden?“ – und weil das wohl nicht nur heute, sondern zu vielen Zeiten ganz entschieden bejaht werden muss, wenden wir uns Johannes dem Täufer zu, der „hamletgleich“ einer verrückt gewordenen Welt den Verrückten vorspielt, um ihre Verrücktheit wie in einem Spiegel zu zeigen und sie zu entlarven:

Normal war es jedenfalls nicht wie Johannes in die Wüste zu ziehen, sich von Honig und Heuschrecken zu ernähren, einen ausgesprochen shabby chic zu pflegen, also einen Kamelhaarmantel – aber einen von der abgerissen, verlotterten Sorte – zu tragen, interessierte Passanten auf Wunsch ins Wasser zu tauchen, ihnen zu predigen, dass sie alles falsch machen und alles anders machen sollen, und sogar den herbeigelaufenen Soldaten zu erklären, dass sie doch besser auf Gewalt verzichten mögen.

Ein verrückter Schrat – und damit würdige Ikone unserer verrückten Zeit, oder etwa nicht?

2. Sonntag nach Trinitatis, 14. Juni 2026, Tauferinnerung

Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart.Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht. (Matthäus 11,25-30)

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

Wasser ist Leben; das Wasser der Taufe verspricht neues Leben: Erfrischung, Belebung, Erneuerung – Erquickung. Das schöne Wort – erquicken – ist einerseits etwas aus der Mode gekommen, aber immer noch unmittelbar verständlich. Was müde, mühselig, beladen, erschöpft, erlahmt, kaputt, zerschlagen ist, soll wieder heil und ganz und lebendig – quicklebendig – werden. Die Strapazen des Lebens – die manchmal kaum auszuhaltenden Strapazen des Lebens – sollen gelindert werden. Was dem Fußballer seine Eistonne, ist dem Christenmenschen seine Taufe. Danke, Per Mertesacker für Erfrischung und Erquickung in vielfältiger Form!

Erquicken übersetzt aus dem Griechischen Original und aus der lateinischen Standardübersetzung Wörter, die Erholung und Erneuerung bezeichnen; eigentlich: sich durch Pausen erholen; bzw. neu-machen. Erschöpfte setzen sich hin unter den Schatten eines Baumes an einem Bächlein und gewinnen neue Kraft: Der gute Hirte führt mich an eine grüne Aue, er erquickt meine Seele. Er kommt zu mir, der ich mühselig und beladen bin, und erquickt mich.

Balsam für Leib und Seele; Wellness nennen wir es heute; Erschöpfte, Versehrte genießen heilsame Bäder. Wiesbadener wissen, wovon ich spreche; schon die Römer haben es ihnen, also uns gesagt und gezeigt und unseren schönen Ort Aquis Mattiacis getauft, an den Wassern der Mattiakern; deren Nachfahren es dann in Wisibada – nun ja – nicht gerade eindeutschten.

Uralte Heilkraft, ewigjunge Schönheit – verheißt der Ruf zur Heilung auf historischen Plakaten, wie dieses des in Wiesbaden tätigen Künstlers Fred Overbeck von Anfang der Dreißiger Jahre. Ich finde, dass es jünger wirkt als ist – aber vielleicht bin ja auch ich nur älter als ich meine – jedenfalls zeigt sich für mich auf dem Bild keine Spur der dunkel-drohenden Entstehungszeit und der bedauerlichen Verstrickung unseres Künstlers in ihr, sondern es kommt mir selbst so ewigjung und schön vor, wie die Heilung, die es verheißt: antike oder antikisierende Säulen, Wasserwellen und ein Frühlingsstrauß werben für unsere Bäderstadt. Gemeinsam mit dem Slogan, der das Alte und das Junge, das Ewige und das Aktuelle verbindet, greift das Plakat – bewusst oder unbewusst – auf den antiken Mythos des Jungbrunnens. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. – Aber ganz anders als Jesus das meinte.

Die antike und am Ende des Mittelalters gleichsam wiedergeborene Idee des Jungbrunnens malt uns unsere Sehnsucht nach ewigjunger Schönheit vor Augen, lässt uralte, gebrechliche Männlein und Weiblein auf der einen Seite in einen Swimmingpool gleiten – manche müssen getragen werden – um sie dann zumindest an ihren Körpern sichtbar verjüngt, vergnügt und erquickt auf der anderen Seite herausspringen zu lassen. (Lucas Cranach, Der Jungbrunnen 1546). Alle Lebensgeister – auch die erotischen (und selbstverständlich war das Thema für den Künstler auch ein Vorwand möglichst viele Nackte zu präsentieren) – sind neu geweckt. Siehe das Alte ist vergangen, Neues ist geworden. Siehe, ich mache alles neu. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

Wie gesagt, Jesus hat das sicherlich anders gemeint, aber als Bild unserer Erneuerung durch Gott in der Taufe lasse ich es mir gerne gefallen. Und die zeitgenössischen Betrachter werden es schon auch richtig verstanden haben, dass ihnen ewigjunge Schönheit durch uralte oder auch ultramoderne Heilkraft äußerlich und körperlich verwehrt bleibt, auch als Getaufte, die an das zukünftige Leben mit Christus glauben.

Soviel Weisheit bringen heutzutage nicht alle auf, wenn man immer wieder von technisch-medizinischer Körperertüchtigung und Lebensverlängerung hört, die statt dem Sprung in die Eistonne sich für die Zukunft gleich ganz einfrieren lassen, oder zumindest die Spuren des gelebten Lebens sich wegspritzen und -schnippeln lassen. Was für ein Unsinn! Auch als rundum chirurgisch und chemisch erneuerter Mensch werde ich mich mit meinem Ende auseinandersetzen müssen – dann eben ein paar Jahre oder Jahrzehnte später.

Das war sicherlich unserem Künstler – Lucas Cranach übrigens – klar, dem wir nicht nur Darstellungen des Jungbrunnens, sondern auch der Taufe verdanken (Lucas Cranach, Wittenberger Altar). So wie auf seinem Bild werden auch bei unseren gewohnten Tauffeiern eher keine Sehnsüchte nach ewiger Jugend durch das Bad der Taufe assoziiert. Das edle Tuch der Sonntagskleider nach bürgerlicher Tradition, die uns ja schon beinahe fremd geworden ist, bedeckt schicklich, was bedeckt werden muss. Nur das erfreulich fröhliche Baby liegt ohne Kleidung wohlig auf der Hand des Pfarrers und Lutherfreundes Philipp Melanchthon und scheint sich für das glitzernde Wasser zu interessieren. So sind die Babys bei ihrer Taufe (wenn der Pfarrer sie richtig hält!) und so waren wir da wohl auch. In der Taufe der anderen erkennen wir unsere eigene, und in der immer gleichen, immer ähnlichen Darstellung einer Initiation werden wir gewahr, dass der Täufling wie wir nun zu Gott gehört – weil Gott zu uns gehören will.

Die darstellende Handlung der Taufe bewirkt nichts Sichtbares, keine physische Veränderung in der materiellen Welt. Die Haut wird nicht straffer, die Züge nicht jünger, die Muskeln nicht stärker – aber wir sollen erkennen und wissen und uns durch sie daran erinnern, dass wir zu Gott gehören und er zu uns; dass wir wie Jesus und als seine Angehörigen und Freunde an seinem Leben teilhaben. Die Taufe ist wie ein heiliges Spiel, ohne Zweck wie jedes richtige Spiel – aber mit Sinn, also Geist theologisch gesprochen. Taufe ist das, was wir mit ihr meinen.

Aber das sichtbare Zeichen der Taufe ist das Wasser, als weites und weitgehend unerschöpfliches Symbol unserer Erneuerung, Erfrischung, Erquickung. Darin spricht Gott zu uns in seinem Sohn Jesus Christus: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

Gemeindeversammlung

Sonntag, 21. Juni 2026, 11.00 Uhr

Der Kirchenvorstand lädt interessierte Gemeindemitglieder zu einer Gemeindeversammlung im Anschluss an den Gottesdienst ein. 

Die Tagesordnung lautet:

1. Begrüßung

2. Die Thomasgemeinde im Nachbarschaftsraum

3. Verschiedenes

Der Kirchenvorstand der Ev. Thomasgemeinde Wiesbaden

Richard-Wagner-Str. 88, 65193 Wiesbaden

Johannisgottesdienst mit Johannisfeuer

Ökumenischer Freiluft-Gottesdienst mit Pfarrerin Arami Neumann und Pastoralreferent i.R. Stefan Herok am Samstag, 20. Juni 26, um 20.30 Uhr

In der Zeit um die kürzeste Nacht des Jahres wird in vielen Gemeinden Johannes des Täufers gedacht, auch in diesem Jahr wieder in St. Mauritius und der ev. Thomasgemeinde. „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen“, so die Worte des letzten Propheten und Wegbereiters Jesu nach Joh 3,30. Das Johannisfeuer symbolisiert Johannes‘ Zeugnis vom „wahren Licht der Welt“. Im Anschluss an den musikalisch von Gabriela Blaudow begleiteten Gottesdienst vor der Thomaskirche (bei Regen in der Kirche) laden wir Sie herzlich zu einem Umtrunk ein.

(Foto privat)