Gedenkjahr – Dietrich Bonhoeffer (1906-1945)

Vor 75 Jahren ist Dietrich Bonhoeffer am 9. April 1945 nach langer Haft von den Nazis als Widerständler und Mitverschwörer des 20. Juli 1944 im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet worden – wenige Tage vor Kriegsende. Wie kein anderer evangelischer Theologe des vergangenen Jahrhunderts hat Bonhoeffer durch sein Werk – und mehr noch durch sein Leben – Kirche und Theologie, aber auch die öffentliche Erinnerung an die Naziherrschaft geprägt. Wenn es einen evangelischen Märtyrer und „Heiligen“ gibt, dann Bonhoeffer. Als solcher ist er z.B. auf dem Portal der Westminster Abbey in London mit anderen Glaubenszeugen unterschiedlicher Nationen und Konfessionen abgebildet, so wie auf zahlreichen Denkmälern überall. Aber auch sein Werk, das für seine wenigen Lebens- und Schaffensjahre erstaunlich umfangreich ist, beinhaltet wichtige Stichworte und Anstöße bis heute, ohne dass man sagen könnte, dass die Kirche ihm gefolgt wäre. Ihm gelingen Wendungen, die noch heute im Ohr klingen: Dem Rad in die Speichen fallen, damit meint Bonhoeffer Recht und Pflicht des christlichen Widerstands gegen staatliches Unrecht, wenn kirchliche Kritik daran wirkungslos und praktische Hilfe für „die unter das Rad“ Gefallenen erschöpft und vergeblich sind.

Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen hat er seinen Vikaren in der Ausbildung der Bekennenden Kirche eingeschärft als erster und lange Zeit einziger deutscher Theologe, der sich gegen das nationalsozialistische Unrecht an den Juden wandte.

Kirche für andere war für Bonhoeffer die einzig wahre und mögliche Kirche, d.h. eine Kirche, die sich nicht um sich selbst dreht und mit sich selbst beschäftigt, sondern sich in der Nachfolge Jesu um die „Mühseligen und Beladenen“ kümmert und dazu konsequent auf eigenen Besitz und Sicherheit verzichtet.

Religionsloses Christentum wendet seine Idee von der „Kirche für andere“ auf theologische Grundsatzfragen an: Auch die Theologie hat den überkommenen Besitz und Ballast religiöser Sondersprache aufzugeben, um in einer säkularen Umwelt gehört zu werden und sich ganz ihrer Aufgabe zu widmen, den Glauben an Jesus Christus weiterzugeben.

Billige und teure Gnade unterscheidet ebenfalls theologisch zwischen menschengemachten Wunschvorstellungen von Gott („dem lieben Gott“, der uns alle gleich lieb hat, dem wir aber auch gleichgültig wären und der uns letztlich auch gleichgültig ist) und der Wirklichkeit Gottes (dem fordernden Gott, der uns zu Jesus am Kreuz stellt, aber uns auch dort zu halten und retten vermag).

Und in seinem Lied Von guten Mächten wunderbar geborgen trifft er einen Ton, der uns trösten kann. Er hat es 1944 im Gefängnis in der Haftanstalt Tegel in Berlin verfasst.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

Klaus Neumann

Als Treffpunkt Theologie digital diskutieren wir gegenwärtig Bonhoeffer-Texte. Wer mitmachen will, melde sich bei: Neumann-klausphilipp@t-online.de
Bildquelle: https://www.dietrich-bonhoeffer.net

Ökumenischer Johannisgottesdienst

mit Johannisfeuer

Samstag, 20. Juni 2020, 21.00 Uhr Vorplatz der Thomaskirche

Pfarrer Dr. Klaus Neumann, Ev. Thomasgemeinde, und Pastoralreferent Stefan Herok, Kath. Kirchort St. Mauritius

Gabriela Blaudow, Klavier

In der Zeit um die kürzeste Nacht des Jahres wird in vielen Gemeinden an den Geburtstag von Johannes dem Täufer mit einem Gottesdienst und einem Johannisfeuer – bei uns ein Feuerkorb in der Mitte des Kirchplatzes – gedacht. Bitte tragen Sie einen Mundschutz. Bei ein paar Regentropfen ziehen wir uns unter die Arkaden zurück. Bei Regen wird der Gottesdienst kurzfristig abgesagt.

Wir freuen uns auf Ihr Kommen!

Das Phänomen der Stille

In der Anfangszeit der Krise, als der Alltagslärm verstummte, nahmen wir alle plötzlich wieder wahr, wie still es sein kann. Seit es ihn gibt, horcht der Mensch. Er muss die Stille deuten. Ist eine unsichtbare Gefahr im Verzug? Oder ist sie Ausdruck des Friedens? Ganz still ist es nie. Naturgeräusche gehören dazu. Das Singen entstand daraus, und aus ihm die Musik. Sie ist wiederum ohne Stille nicht denkbar, denn Musik wird von Stille eingerahmt. Eine gezähmte Stille, in ihrer Dauer sauber notiert und gezielt gesetzt, ist die Pause. Dauert sie länger als erwartet, wird sie zur Stille umgedeutet. Der Mensch horcht auf (wie wir heute): Was passiert hier? Wann geht es weiter?

Eine unglaubliche Idee übernahmen die antiken Pythagoräer von den Babyloniern: die Sphärenharmonie. Sie stellten sich die Strecke von der Erde zum Himmel als gespannte Saite vor, die von den umlaufenden Planeten in exakten Höhenverhältnissen zum Schwingen gebracht wird. Dass ausgerechnet der Mensch die Sphärenharmonie nicht hören kann, war noch lange kein Argument gegen ihre Existenz. Die Idee wurde Jahrhunderte lang immer wieder diskutiert. Schließlich überwog die uns heute noch prägende Dialektik: Musik ist das Hörbare – Stille ist ihr Gegenteil.

Der Barockmusiker Johann Sebastian Bach setzte die längere Generalpause als rhetorische Figur ein, die z.B. in beiden Passionen den Tod Christi nach den Worten „…und verschied“ eindrucksvoll symbolisiert. Ein Freigeist wie Beethoven nutzte oft sehr dramatische Pausen. Ein Beispiel: Im Schlusssatz der 9. Sinfonie (1824 in Taubheit komponiert) schmettert der Chor mit voller Kraft: „und der Cherub steht vor Gott, vor Gott, vor Gott!“ Es folgt eine kurze, aber umso wirkungsvollere Pause: das ganze Gefüge hängt für einen atemlosen Moment in der Luft. Und dann folgt ein völlig neuer Teil. Noch dramatischer geht es in Igor Strawinskys Skandal-Ballett „Frühlingsopfer“ (1913) zu. Der erste Teil endet in einem irrsinnigen Tumult, der brutal abbricht. Ein unheilvolles Vorzeichen. Denn im leise beginnenden zweiten Teil wird nach heidnischem Ritus ein Mensch geopfert.

Den schmalen Grad zwischen Musik und Stille kannte niemand besser als Franz Schubert. Kurz vor seinem frühen Tod (1828) schrieb er sein Streichquintett C-Dur. Im Adagio gibt es eine sehr leise Stelle, wo die fünf Streicher wie blind und taub nach der Musik zu tasten scheinen. Die Pausen sind zwar sauber notiert, doch die Töne ergeben keinen Sinn mehr. Für einen Moment löst sich die Musik ins Nichts auf. Ganz ähnlich verfährt Arvo Pärt im 2. Satz „Silentium“ im Stück „Tabula Rasa“ (1977). Es bleiben –wie am Ende von Haydns Abschiedssinfonie – zwei Streichinstrumente übrig. Immer tiefer und leiser werdend, nähern sie sich der Stille an und verschmelzen schließlich mit ihr. Die Stille ist hier nicht mehr Gegenteil, sondern Teil der Musik.

Und schließlich John Cages „4‘33“. (1952) Der Musiker spielt viereinhalb Minuten: nichts. Cage dreht die Konzertsituation um. Also wird das Publikum unruhig und lauscht. Es horcht in sich hinein. Es nimmt den eigenen Atem, die Geräusche der anderen, die knisternde Stille wahr. Man könnte dies für einen simplen Kunstscherz halten, doch Cage führt hier etwas vor, was wir so oft vergessen. In der Stille schärft man seine Sinne und bemerkt vieles mehr als erwartet.

Anne Sophie Meine

CD-Tipp: Franz Schubert: Adagio aus Streichquintett C-Dur, Alban Berg Quartett, Heinrich Schiff; EMI. Arvo Pärt: Tabula Rasa: Viktoria Mullova, Paavo Järvi; Onyx.

Einfach spitze – für die Kinder

Liebe Kinder!
Wir möchten Euch zum Himmelfahrtstag eine Geschichte erzählen…

Außerdem haben wir hier einige Lieder aufgenommen, die wir oft singen. Hier könnt ihr mitsingen und tanzen, die Bewegungen kennt ihr ja! Viel Freude damit und wir freuen uns, wenn wir uns bald wiedersehen!

Einfach spitze…
Er hält die ganze Welt
Vom Anfang bis zum Ende
Wir singen alle Hallelu

Thomaskirche geöffnet

Wir freuen uns, wieder mit Ihnen Gottesdienst zu feiern!

Ab Juni feiern wir wieder zur gewohnten Zeit in der Thomaskirche um 10.00 Uhr (bzw. Familiengottesdienste um 11.00 Uhr).

Der Kirchenvorstand hat ein Sicherheitskonzept beschlossen, dem wir alle folgen müssen. Dazu gehört:

  • Bitte nehmen Sie den Sitz ein, der Ihnen vom Kirchenvorsteher gezeigt wird. Nur die Plätze, auf denen ein Gottesdienstblatt liegt, können belegt werden.
  • Bitte behalten Sie Ihre Maske während des Gottesdienstes auf.
  • Bitte halten Sie auch beim Ein- und Ausgang einen Abstand zu anderen Gottesdienstbesuchern von mindestens 2 Metern.
  • Bitte singen Sie bei den „Liedern ohne Worte“ nicht mit. Singen ist leider nicht erlaubt.
  • Bitte notieren Sie nach dem Gottesdienst Ihren Namen und Ihre Anschrift auf diesen Zettel und lassen Sie ihn auf Ihrem Platz liegen. (Wir sammeln die Blätter, verschließen sie in einem Umschlag und bewahren sie etwa drei Wochen auf für den unwahrscheinlichen Fall, dass eine Infektion dokumentiert werden muss.)

Wir danken Ihnen für die Beachtung und für Ihr Verständnis!

Der Kirchenvorstand der ev. Thomaskirchengemeinde

250 Jahre Ludwig van Beethoven (1770-1827): Die Missa solemnis (1824)

Das berühmteste aller Beethoven-Portraits (J.F. Stieler, 1820) zeigt den großen Jubilar mit selbstbewusstem, sinnendem Blick, romantischer Sturmmähne, feuerrotem Tuch und einem Skizzenbuch in der Hand. „Missa solemnis“ steht auf dem Deckblatt. Beethoven selbst nannte sie mehrmals sein „größtes Werk“. Kaum ein Stück hatte ihn über so viele Jahre (1817-1824) in Atem gehalten, noch nicht einmal seine parallel entstandene, ebenso monumentale „Neunte“. Ursprünglich war die „feierliche Messe“ für die Inthronisation des Erzherzogs Rudolph zum Erzbischof von Olmütz 1820 gedacht. Doch der Komponist hielt die Frist nicht ein. Das Projekt wuchs und wuchs und verlangte immer mehr Zeit. Beethoven erklärtes Ziel lag jenseits aller üblichen Zwecke, selbst dem einer Bischofsweihe. Es ging ihm um „wahre Kirchenmusik“. So schrieb er 1821 dem Erzbischof, seinem Freund, Förderer und Schüler: „Höheres gibt es nichts, als der Gottheit sich mehr als andere Menschen nähern, u. von hier aus die Strahlen der Gottheit unter das Menschengeschlecht verbreiten“. Die Missa solemnis hat den Charakter einer Bekenntnismusik, zum eigenen Trost und zum Wohle der
Menschheit.

Dass Beethoven ausgerechnet eine Messe für sein gelungenstes Werk hielt, ist schon bemerkenswert. Denn auf die Institution Kirche war der Komponist nicht immer gut zu sprechen. Seine geistlichen Werke lassen sich an einer Hand abzählen. Er war kein Kirchgänger und spöttelte gern über den Klerus. Als kritischer Geist verfolgte er aufmerksam die Umbrüche seiner Zeit, die Aufklärung, die Französische Revolution, die napoleonischen Kriege. Die alten Autoritäten, ob weltlich oder klerikal, stellte er prinzipiell in Frage und hing doch finanziell von ihnen ab. Zeitgleich lässt sich in Tagebüchern und Briefen eine Hinwendung zur Religion, eine intensive Beschäftigung mit Fragen des Glaubens feststellen. Während der akribischen Arbeit an der Missa solemnis war Beethoven von Krankheit, Geldsorgen und dem Vormundschaftsstreit um den Neffen geplagt und oft am Rande der Verzweiflung. Bei der Musikalisierung des Jahrhunderte alten und schon tausendfach vertonten Messtextes suchte er, taub und isoliert, nach eigenen Antworten. 1824 dann schrieb er, bei dieser Messe sei die „Hauptsache“, „sowohl bei den singenden als Zuhörenden religiöse Gefühle zu wecken und dauernd zu machen.“

Wie so oft bei Beethoven, dem „Titanen“, überschreitet auch die Missa solemnis alle Grenzen des Gewohnten. Zeitgenössische Kritiker suchten verwirrt nach passenden Umschreibungen. Auch heute noch kann sich der Zuhörer halb hingezogen, halb ausgeliefert fühlen, so schnell folgen nach dem „Knall“ des ersten Taktes die gegensätzlichsten Ideen in dem großen, festen Gefüge aufeinander. Kirchenmusikalische Vergangenheit wie
Choräle und Fugen wechseln mit Opernhaftem und Sinfonischem, plötzliche Momente tiefster Innerlichkeit bei den Solisten mit gewaltigen Klangströmen des Chores. Mittendrin fällt überraschend ein sanftes Violinsolo (Benedictus) vom Himmel. Beim „Dona nobis pacem“ erklingt drohende Kriegsmusik mit Blech und Schlagwerk, womit der Rahmen des Liturgischen nun vollends verlassen wird. Der Schluss bleibt absichtlich in der Schwebe. Auch das gehört zu Beethovens persönlichem Bekenntnis.

Konzerttipp: Rheingau Musik Festival, 20.8.2020; CD-Tipp: Einspielungen
unter Frieder Bernius (Carus 2019) und Nikolaus Harnoncourt (Sony 2016).

Anne Sophie Meine

Einander beistehen

Liebe Gemeindemitglieder,
liebe Nachbarinnen und Nachbarn
der ev. Thomasgemeinde!

Durch das Corona-Virus sind viele Dinge, die uns bisher selbstverständlich waren, derzeit nicht mehr möglich. Sie sollen aber wissen, dass wir gerade auch jetzt in dieser schwierigen Situation für Sie da sind! Einander beistehen, das können und wollen wir auch jetzt. Für ein seelsorgerliches Gespräch steht Ihnen Pfarrer Dr. Klaus Neumann gerne telefonisch unter 0611/52 35 46 zur Verfügung. 

Wir laden mit vielen anderen Gemeinden dazu ein, jeden Mittag gegen 12.00 Uhr, wenn die Glocken läuten, einen Moment innezuhalten und ein Vaterunser oder ein anderes Gebet zu beten: miteinander, füreinander, für die Kranken, für ihre Familien. Auch am Sonntag soll es um 12.00 Uhr für das gemeinsame Gebet läuten.

Ganz praktisch bieten wir Ihnen zusammen mit unserer katholischen Nachbargemeinde St. Mauritius unsere Hilfe an: Wer selbst auf Hilfe angewiesen ist und keine Angehörigen in der Nähe hat, den unterstützen wir gerne, in dem wir für Sie einkaufen. Wenden Sie sich hierfür bitte telefonisch an:

Anne Sophie Meine unter 0162/7474131 oder
Katrin Sünderhauf unter 0172/99 72 889 oder das
Pfarramt der Thomasgemeinde unter 0611/52 35 46.