Palmsonntag, 10. April 2022

Solches redete Jesus und hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist gekommen: Verherrliche deinen Sohn, auf dass der Sohn dich verherrliche; so wie du ihm Macht gegeben hast über alle Menschen, auf dass er ihnen alles gebe, was du ihm gegeben hast: das ewige Leben. Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen. Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue.Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war. Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie waren dein, und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt. Nun wissen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt. Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast. (Johannesevangelium 17,1-8)

Neulich im Konfirmandenunterricht haben wir über die Schöpfung gesprochen, über Gott und den Urknall, über den Beginn von allem und über den Anfang des Alls, darüber dass mit dem allerersten Anfang Raum und Zeit begann, und dass man deshalb auch eigentlich nicht von einem „Bevor“ der Schöpfung, oder eben einem „Bevor“ des Urknalls sprechen kann. „Bevor“ und „Danach“ sind ja Kategorien der Zeit, die nicht auf einen Zustand ohne Zeit angewendet werden können. 

Die Bibel selbst hat für diesen Zustand ohne oder außerhalb der Zeit den Begriff der „Ewigkeit“ angewendet, mit der eben nicht eine endlose Zeit gemeint ist – so etwa, wenn wir sagen: das dauert ja ewig; so also eigentlich nicht – sondern ein Zustand ohne Zeit gemeint ist: die Ewigkeit dauert ja gerade nicht ewig, wenn „dauern“ eine lange Zeit bezeichnet. Ewigkeit dauert nicht, nicht einmal ewig, sie ist zeitlos. (Insofern wird man das überaus lustige Wort des großen Woody Allen aus theologischen Gründen zurückweisen müssen, der bekanntlich gesagt hat: Die Ewigkeit dauert lange, besonders gegen Ende.)

Den Faden dieses wie immer sehr anregenden Gesprächs mit unseren Konfirmanden möchte ich heute aufnehmen im Nachdenken über unseren Predigttext, in dem sich Jesus von seinen Jüngern aus der Zeit in Gottes Ewigkeit verabschiedet; er und sie – wie wir ja auch am Beginn der Karwoche – gehen auf das Ende seines irdischen, menschlichen Lebens zu. Gerade beim Evangelisten Johannes wird das katastrophische menschlich-irdische Ende Jesu, sein gewaltsamer Tod am Kreuz, als Eingang – oder Rückkehr – in Gottes Herrlichkeit gedeutet und daher treffend Erhöhung genannt. Bei Johannes wird Jesus nicht erst in seiner Auferstehung zu Gott erhöht, sondern schon in Tod und Kreuz erhöht; und darin von Gott verherrlicht.  

Jesus verabschiedet sich von seinen Jüngern mit Reden über Gott und die Welt und einem Gebet, dessen Anfang wir heute hören und das durch zwei Schlüsselbegriffe geprägt wird, die mehrfach wiederholt werden: „verherrlichen“/ „Herrlichkeit“ – gleich sechsmal – und „ewig“ – zweimal genannt aber dreimal gemeint. Beide beschreiben, was nun mit Jesus geschieht; vor allem aber kennzeichnen sie, wer oder wie Gott ist.

Herrlichkeit ist das Wesen Gottes, mit der er die Welt erfüllt. „Heilig, heilig, heilig ist der Herr, alle Lande sind seiner Ehre voll – eigentlich seiner Herrlichkeit voll“ heißt es beim Propheten Jesaja (Jesaja 6,3). „Herrlichkeit“ bezeichnet den Lichtglanz Gottes, den Lichtglanz, in dem Gott lebt, der ihn umgibt und der von ihm ausstrahlt, der also nach den Worten des Jesaja auf seiner ganzen Schöpfung liegt. Gott wohnt im Licht – Licht ist göttlich– Licht ist Leben – ohne Licht kein Leben; das Licht hat die Menschen seit jeher über alle Maße fasziniert – und noch heute sind es die faszinierenden Eigenschaften des Lichts – seine Geschwindigkeit, seine Struktur, seine Wirkungen – denen die Forscher nachgehen, um die innersten Geheimnisse der Natur zu ergründen.

Wenn also unser Text gerade diesen Lichtglanz und diese Herrlichkeit hervorhebt, geht es ihm zunächst genau darum, den Lichtglanz, und zwar den Lichtglanz Gottes auf Jesus den Sohn zu lenken, der zu Gott im Gebet spricht: Verherrliche deinen Sohn, auf dass der Sohn dich verherrlicheIhnen beiden, Gott Vater und Gott Sohn, soll unsere ganze, ungeteilte Aufmerksamkeit gelten, sie sollen ins Scheinwerferlicht getaucht werden, das die Finsternis unterbricht und erhellt. So beginnt ja schon das Johannesevangelium, mit seiner ganz eigenen Geburtsgeschichte: „Das Licht scheint in der Finsternis“ (Johannes 1,5), „Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet“ (V.9), „und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit, als des eingeborenen Sohnes vom Vater“ (V.14). 

Dieses Licht auf Jesus Christus ist das Licht Gottes; es dient dazu, diesen Menschen Jesus als Gottes Sohn, als Gott zu identifizieren, ihn zu verherrlichen, ihn zu vergöttlichen: „Ich und der Vater sind eins“ (Johannes 10,30), sagt Jesus, und an anderer Stelle: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Johannes 8,12)

Wer sich zu Jesus in das göttliche Licht stellt, wird mit dem Sohn mitverherrlicht und hat so Anteil an der Ewigkeit Gottes; Jesus wird von Gott in seinen Lichtstrahl gestellt, um auch uns zu erleuchten: auf dass er ihnen alles gebe, was du ihm gegeben hast: das ewige Leben. Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.

Immer und immer wieder spricht Jesus im Johannesevangelium davon, dass der Glaube an Jesus Christus, an Gottes Sohn das ewige Leben ist; also jetzt schon ist; nicht erst zukünftig durch ihn sein werde oder erworben würde, sondern wie gesagt: schon ist: „Wer glaubt, hat das ewige Leben“ (Johannes 6,47, und öfter). Leuchtet uns das ein? Erhellt uns das? Trifft uns ein Strahl des göttlichen Lichts?

Man muss an dieser Stelle die Worte Jesu und die Lehre des Johannes nicht unnötig komplizieren. Trotz der häufigen Verwendung von Vokabeln der Erkenntnis und der Weisheit – auch hier in unserem Textabschnitt ist von „wahrhaftigem Erkennen“ die Rede – geht es glaube ich nicht um komplizierte Spekulationen oder Geheimlehren (wie lange angenommen wurde), sondern eher um das Verstehen als Geistesblitz oder, dass uns ein Licht aufgeht; es geht nicht so sehr um die Anstrengung des Denkens sondern um die Leichtigkeit des einen, aber entscheidenden Gedankens; nicht um die Erkenntnis als mühevolles Werk sondern als Gabe und Geschenk. 

Wir kennen das aus unseren eigenen Erfahrungen des Verstehens, das natürlich mit Mühe und Anstrengungen verbunden ist – sonst müssten wir ja nicht 13 oder mehr Jahre die Schulbank drücken – aber das uns in den raren Momenten der Erkenntnis mühelos erscheinen kann; wenn uns einmal doch der Groschen gefallen und das Licht wie angeschaltet aufgegangen sein sollte, dann liegt das Ergebnis vor uns, es bietet sich als offensichtlich dar, als könne esgar nicht anders sein.

In den Jesusgeschichten – insbesondere aus der Hand des Johannes – erleben wir immer wieder diesen Vorgang des plötzlichen Verstehens – wie auch den des dauerhaften Nichtverstehens. Auch darüber macht sich Johannes und sein Jesus keine Illusionen, dass es nämlich Menschen gibt und geben wird, die im Dunkeln bleiben und denen kein Licht aufgeht. Aber es gibt eben auch die, auf die das Licht trifft, die mitverherrlicht werden durch den Lichtglanz Gottes in Jesus Christus – und darin das ewige Leben haben.

Wer nämlich dieses Licht auf unserer Welt und in seinem Nächsten erkennt; wer wahrnimmt, dass die Natur nicht nur sinnloser Zufall ist, sondern Gottes Schönheit an sich trägt – noch unter dem Elektronenmikroskop oder im Teilchenbeschleuniger an sich träg; und wer im menschlichen Gegenüber Gott selbst erkennt – nach dem Johanneswort: „Gott ist Liebe. Und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“ (1. Johannesbrief 4,16), der lebt „ewig“, wie Johannes und sein Jesus es hier meinen. Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.       

Nochmal: Wer in der Welt und im Nächsten Gott erkennt, der erlebt jetzt schon „Ewigkeit“; wer in diesem Sinne glaubt, der hat das „ewige Leben“, der weiß sich von Gott geborgen. Wer weiß, dass Gott da ist, der weiß, dass Gott für ihn da ist; auch in den Stunden des Leidens und Sterbens wird Gott für uns da sein; auch dann wenn die Mächte der Finsternis ihr menschenfressendes Haupt erheben.

Diese Zuversicht trotz aller Bedrängnis strahlt Jesus hier kurz vor seinem Tod aus. Gott, da ist er sich sicher, lässt ihn nicht im Tod, sondern erhöht ihn zu sich, hat das schon getan, wie er sagt: „Ich bin nicht mehr in der Welt; sie aber sind in der Welt, und ich komme zu dir.“ (Johannes 17,11). Mit dieser Zuversicht wollen wir mit ihm in diese Woche gehen.

Mozarts Requiem – erst Neubeginn, dann letztes Werk

Ein grauer Bote klopft eines Nachts bei Mozart an. Sein anonymer Auftraggeber wünsche eine Totenmesse. Mozart nimmt den Auftrag samt Vorauszahlung an. Doch mit jeder Note fühlt er sich elender und muss schließlich vom Bett aus weiterkomponieren, bis ihm der Tod am 5.12.1791 nach exakt acht Takten im „Lacrymosa“ die Feder aus der Hand nimmt. Aus purem Neid soll der Komponist Salieri den Auftrag erteilt und seinen Konkurrenten dabei vergiftet haben. Wurde Mozart also dazu gedemütigt, sein eigenes Requiem zu schreiben?

Die Wirklichkeit war etwas profaner als diese berühmte Legende. Als Todesursache nimmt man heute eine plötzliche Infektion an. Der „graue Bote“, ein Wiener Rechtsanwalt, kam im Auftrag des Grafen von Walsegg, der zum Jahrestag des Todes seiner jungen Frau († 14.2.1791) eine Totenmesse bestellte – ein üblicher Vorgang, allerdings mit der pikanten Note, dass der Musik liebende Graf sich am liebsten mit fremden Federn schmückte. Ohne es zu wissen, sollte Mozart sein Ghostwriter sein.

Kirchenmusik war für Mozart kein Neuland. Die meisten Werke stammten noch aus Salzburger Zeiten. Im Mai 1791 hatte er sich die Nachfolge des Domkapellmeisters an St. Stephan in Wien gesichert. Ihm stand also nach der Karriere als Opernkomponist eine vielversprechende Neuausrichtung als Kirchenmusiker bevor. Das Requiem war damit als nicht zu prunkvoll ausgestattete, aber meisterhaft angelegte Kantatenmesse so etwas wie ein Referenzstück zum Vorzeigen. Da Mozart die Musik stets im Kopf entwarf, bevor er sie, erst in den Hauptstimmen, dann im vollen Satz zu Papier brachte, wurden aber nur das Introitus und teilweise das Kyrie voll auskomponiert. Die übrigen Sätze blieben Fragmente bzw. wurden posthum u.a. von Mozarts Assistenten Süßmayr ergänzt.

Seit langem gehört das Requiem fest zum Konzertrepertoire der Passionszeit. Es spannt den Bogen von der Archaik des Gregorianischen Chorals über die straffe Rhythmik und die Fugenlabyrinthe des Barock bis zu Passagen, die an Mozarts eigene Opern erinnern. Nicht die vier Vokalsolisten, sondern der vierstimmige Chor bildet das Herzstück. Auf kleinstem Raum wählt Mozart schärfste Kontraste, z.B. zwischen dem aggressiven „Confutatis maledictis“ in den Bässen und Tenören und dem leisen Bitten der Sopran- und Altstimmen im „Voca me cum benedictis“. In jedem Satz ringen im Hintergrund zwei Extreme miteinander, der Schrecken vor dem Jüngsten Gericht und die Hoffnung auf Erlösung. So fragmentarisch dieses Werk eigentlich ist, so eindrücklich klingt die Musik zu dem Jahrhunderte alten Latein, auch noch nach dem Hören, nach.

Man würde Mozart missverstehen, suchte man nach absichtlich Autobiografischem, romantisch Subjektivem in seinem Requiem. Nicht in der Tragik seiner Person erkennt man sich wieder, sondern in Universalität seiner Klangwelt. Der evangelische Theologe Karl Barth fasste dies einmal so zusammen: „Das ist das eigentümlich Aufregende und Beruhigende seiner Musik: sie kommt bemerkbar aus einer Höhe, von der her (man weiß dort um alles!) des Daseins rechte und seine linke Seite und also die Freude und den Schmerz, das Gute und das Böse, das Leben und den Tod zugleich in ihrer Wirklichkeit, aber auch in ihrer Begrenzung eingesehen sind.“

Anne Sophie Meine

Judika, 5. Sonntag in der Passionszeit, 3. April 2022

Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen zu ihm: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, was wir dich bitten werden. Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue? Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde? Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das zu geben steht mir nicht zu, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist. Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.
(Markus 10,35-45)

Was ist hier los?
Scheint sich um einen unappetitlichen Fall irgendwo in der Grauzone zwischen religiöser Streberei und kirchlichem Karrierismus zu handeln. Da will sich jemand einen Vorteil erschleichen, da schleimt sich jemand an den Meister heran, da will jemand mehr als ihm von Rechts wegen zukommt, um größer als die anderen zu sein. Schön ist das nicht, auf so unbillige Weise die teuren Plätze ergattern zu wollen, und der Evangelistenkollege Matthäus erzählt die Episode noch um einiges unschöner und krasser:

Da sind es nicht die beiden Apostelbrüder selbst sondern ihre Mutter – die ich mir als frühchristliche „tiger mom“, also als „Tigermutti“ vorstelle, (sie erinnern sich vielleicht an die chinesisch-amerikanische Professorin, die ihren Kindern mit harter Hand die Karriere befiehlt, jede 1- mit Hausarrest bestraft und darüber auch noch Bücher schreibt: Amy Chua, Die Mutter des Erfolgs. Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte; noch besser im amerikanischen Original: Battle Hymn of the Tiger Mother von 2011; die darin beschreibt, wie sie ihren Kindern, den prachtvollen Töchterchen Sophia und Lulu, koste es was es wolle, das Siegen beibringt) – und die also hier als zurück in die Zeit Reisende in unserer Parallel-Geschichte den unfrommen Wunsch äußert, ja, die Forderung nach Beförderung stellt, dass ihre beiden Prachtjungs Johannes und Jakobus, die Donnersöhne, wie Jesus sie an anderer Stelle nennt, doch bitte sehr stets und immer in der ersten Reihe sitzen mögen; Platz da, ruft sie donnernd und dröhnend (jedenfalls in meiner Phantasie): hier komm ich mit meinen beiden prachtvollen Siegersöhnen!

Schade eigentlich, dass Markus in seiner Version unsere Phantasie beschneidet und die beiden das selbst sagen lässt: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit.

Kann man das auch anders sehen? Vielleicht. Vielleicht ist das hier zunächst nicht mehr als der Wunsch der beiden nach Nähe zu ihrem Heiland; also die verständliche und nicht unsympathische Sehnsucht, ihm immer nahe zu sein und nahe zu bleiben, ihm nachzufolgen, wohin auch immer – „wo du hingehst, da will auch ich hingehen“ – auch wenn sich die Zeiten und die Verhältnisse ändern, was sie ja – das jedenfalls war die gemeinsame und weit verbreitete und sichere Erwartung – unmittelbar bald tun würden. Sie erwarteten ja mit ihrem Meister jeden Augenblick die große Zeitenwende, das endgültige Ende dieses Zeitalters und den Einbruch des neuen Äons, das Ende vom Ende und den Anfang eines ganz neuen Anfangs. Wenn das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist, wollen sie jedenfalls weiterhin ganz nahe bei ihm sein, in seinem Licht und von ihm erleuchtet: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit.

Jesus hält dieses Verhalten für anderes als eine etwas übertriebene Sympathiebekundung und für mehr als eine bloße Geschmacksverirrung und versucht seinen beiden Apostel, den Zebedäussöhnen Johannes und Jakobus, die zum innersten Kreis – dem inner circle – seiner Jünger gehören, den Ernst der Lage zu vermitteln, den sie offensichtlich trotz ihrer Nähe und Vertrautheit zu ihrem Meister noch nicht begriffen haben: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?

Mit dem Wort von Kelch und Taufe meint Jesus nicht nur seine bleibende Gegenwart in den Sakramenten der christlichen Gemeinde – die auch natürlich – sondern er meint vor allem sein Leiden und Sterben, das ihm bevorsteht und das die, die seine Nähe suchen, ebenso erwartet. Wenn Herrlichkeit, dann ist es die Herrlichkeit des Kreuzes. Könnt ihr das? Wisst ihr was ihr bittet?

Aber so leicht lassen die beiden Donnersöhne sich nicht abschütteln: Ja, das wissen wir und Ja, das können wir; meinen sie, nämlich aushalten. Und dann muss Jesus halt noch deutlicher werden, dass bei aller Nähe zu ihm und aller Leidensbereitschaft seiner Jünger, die Verhältnisse im Reich Gottes unverfügbar bleiben, dass noch nicht einmal er die Plätze an der Sonne verteilt und dass sich jede Rangelei und jedes Geschacher darum verbietet: zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das zu geben steht mir nicht zu, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist. Ein Vorteil vor Gott lässt sich nicht ausrechnen, der Platz in der ersten Reihe lässt sich nicht reservieren, die tickets für die besten Plätze im Gottesreich sind nicht verfügbar – und schon gar nicht für den, der darauf Anspruch erhebt, im Gegenteil!

Und jetzt kommt es richtig bitter für die eben noch siegessicheren Donnersöhne, denn Jesus wendet die Verhältnisse im Gottesreich – „die ersten werden die letzten sein“ – auf die Zeit davor an. Was sich dort dann definitiv umkehren wird, soll auch schon hier gelten: wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein – wie übrigens schon die Mutter Jesu, keine Tigermutti sondern Lämmermama noch vor dessen Geburt gesungen hat in ihrer unvergleichlichen Battle-Hymn gegen die Sieger und Krieger und von den unmittelbar bevorstehenden Umwälzungen durch Gott:

„Meine Seele erhebt den Herrn
Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.
der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.
Und seine Barmherzigkeit währet für und für
bei denen, die ihn fürchten.
Er übt Gewalt mit seinem Arm
und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.
Er stößt die Gewaltigen vom Thron
und erhebt die Niedrigen.
Die Hungrigen füllt er mit Gütern
und lässt die Reichen leer ausgehen.
… “ (Lukas 1,46-53)

Es geht für uns darum, mit dem eigenen Verhalten diesen großen Umwälzungen Gottes entgegen zu kommen, ihnen zu entsprechen. Jesus macht sich keine Illusionen über die Verhältnisse dieser Welt, aber er erwartet, dass wir diesen Verhältnissen nicht einfach entsprechen, sondern dass wir diesen mit unserem eigenen Verhalten widersprechen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht! So soll es unter uns nicht sein!

Auch wenn wir in diesen Jesusworten wieder einmal nicht anders können, als einen erstaunlich hellsichtigen Kommentar zu den Ereignissen unserer Tage hören – Ja, so ist es immer noch, dass die Autokraten ihre Völker niederhalten und die autoritären Regime nach innen und außen mit Gewalt herrschen – geht es Jesus an dieser Stelle eigentlich um die inneren Verhältnisse in der christlichen Gemeinde: Aber so ist es unter euch nicht. Wir hören heute nicht mehr aber auch nicht weniger als eine Absage aller Machtstrukturen in der Kirche, ein Ende kirchlicher Hierarchie, als scheinbar heiliger, göttlicher, gottgewollter Ordnung. Aber so ist es unter euch nicht.

Vor einiger Zeit offenbarte mir ein vergleichsweise verständiger Vertreter unserer evangelischen Kirche nach einer wie so häufig unerfreulichen Sitzung – die vergangene Woche war voll davon! – , dass die Evangelischen erst wieder den Umgang mit Macht und also Hierarchie lernen müssten. Wenn er sich da nicht irrt! Abgesehen davon, dass die Evangelischen ohnehin nur die farbenfrohe und glitzernde Hierarchie der Ämter und Gewänder, der Seidenschläppchen und Samthütchen, des von den Decken triefenden Goldes und des berauschenden Räucherwerks zugunsten der grauen und bis heute grauenerregenden Hinterzimmer-Hierarchie der Verwaltung eingetauscht haben – kein fröhlicher Wechsel! – können sich beide jedenfalls nicht auf Jesus berufen. Kein katholischer Bling-Bling und keine protestantischen Nieten in Nadelstreifen – was ist nur aus den Donnersöhnen geworden! – können sich als in der Wolle unterschiedlich gefärbte kirchliche Karrieristen auf Jesus berufen, der klar und deutlich fordert: Aber so ist es unter euch nicht.

So soll es nicht unter uns sein – und zwar nicht, weil ein demokratischer Zeitgeist das so wollte (wie demokratisch der ist, sei dahingestellt!) – sondern weil Jesus selbst das so will und weil Jesus selbst so war. Das ganze Wesen dessen, „der es nicht für einen Raub hielt Gott gleich zu sein, sondern sich selbst entäußerte und Knechtsgestalt annahm“ (Philipper 2), war nicht auf Herrschaft sondern auf Dienst gerichtet; nicht herrschend sondern nur dienend kann man ihm folglich nachfolgen: Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele. Auch für uns. Amen.

Konzert mit dem Leipziger Vokalensemble Consortium Vivente

Sonntag, 24. April 2022, 16.00 Uhr in der Ev. Thomaskirche, Wiesbaden

Consortium Vivente

Das Leipziger Vokalensemble Consortium Vivente ist eine Gruppe von sechs ehemaligen Mitgliedern des THOMANERCHORs Leipzig: Pascal Leonhardt, Henrik Weimann, Lukas Neumann, Adam Wahlgren, Jasper Lieckfeldt und Max Gläser.

Gegründet hat sich das Ensemble im Sommer 2018 aus der Idee heraus, nach dem Abitur und dem damit verbundenen Austritt aus dem Thomanerchor eine eigene abschließende Sommerreise zu gestalten und weiterhin aktiv zusammen zu musizieren. Diese und andere Projekte führten das Vokalensemble in verschiedenste Regionen Norddeutschlands mit Konzerten u.a. in der Evangelischen Kirche im Ostseebad Binz, im Klosterstift zum Heiligengrabe, in der Klosterkirche Rehna sowie zum Abschluss der Friedrich-Stellwagen-Orgeltage in Stralsund. Seither gestaltet das Ensemble regelmäßig Konzerte in seiner Heimatstadt Leipzig sowie Gastspiele in anderen Städten in Deutschland. Das breitgefächerte Repertoire der ehemaligen Thomaner reicht von der Renaissance bis zur Moderne mit weltlicher und geistlicher Musik.

Programm in der Ev. Thomaskirche, Wiesbaden: Reise durch die Leipziger Musikwelt mit Werken von Johann Sebastian Bach, Robert Schumann, Felix Mendelssohn Bartholdy, Ernst Friedrich Richter, Gustav Schreck u.a.

https://www.consortiumvivente.de

500 Jahre Lutherbibel (1552-2022)

Vor ziemlich genau 500 Jahren – im Winter 1521/22 – sitzt Martin Luther in seinem Kämmerchen auf der Wartburg und übersetzt das Neue Testament. Ein halbes Jahr später kommt das Werk nach zahlreichen Korrekturen und Revisionen auch zusammen mit anderen als „Septembertestament“ heraus und sorgt für Furore – nicht nur auf dem gerade sich herausbildenden Buchmarkt und nicht nur als Fanal der Reformation. Bis heute ist die daraus mit den Jahren entstandene „Lutherbibel“ ein epochales Ereignis und definiert mehr als alles andere, was „evangelisch“ heißt: Glauben aus dem Wort Gottes der Bibel, die allen zugänglich und verständlich ist – grundsätzlich auch ohne Vermittlung kirchlicher Profis, aber doch im Austausch mit anderen (d.h. „Gemeinde“). Denn die Bibel drängt selbst zu Kommunikation, zum „Bibelgespräch“, wie es viele Gemeinden, auch unsere, immer noch pflegen, oft genug in der Version Luthers.

Geradezu „un-evangelisch“ kann einem die Anhänglichkeit an diese alte und manchmal altertümlich klingende Übersetzung vorkommen, da sie (lutherische) „Tradition“ vor „Schrift“ (im Original) zu stellen scheint, selbst wenn jene nicht mehr dem heutigen Sprachgebrauch entsprechen sollte. Typisch protestantische Gegenmittel gegen mögliche Erstarrung in der Tradition sind aber zum einen die Revisionen der Lutherbibel, deren vorerst (aber sicher nicht die) letzte 2017 herausgekommen ist und die sich um Korrekturen und behutsame Anpassung bemühen; und andererseits der Pluralismus hervorragender Übersetzungen, die heutzutage per Internet nur einen Mausklick entfernt sind (viele davon bequem etwa unter die-bibel.de der Deutschen Bibelgesellschaft). Da erschließt sich auch sofort der Grund für die mehr als nur sentimentale Anhänglichkeit über die Jahrhunderte: Luthers Übersetzung ist durchweg und meistens die schönste. Deshalb: nimm und lies, vergleiche und wähle! Das können wir leicht selbst – nicht zuletzt durch das Ereignis „Lutherbibel“, das vor 500 Jahren begann.

Klaus Neumann

Predigttext für den Sonntag Okuli, 3. Sonntag in der Passionszeit, 20. März 2022

Und Ahab sagte Isebel alles, was Elia getan hatte und wie er alle Propheten Baals mit dem Schwert umgebracht hatte.
Da sandte Isebel einen Boten zu Elia und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast!
Da fürchtete er sich, machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Beerscheba in Juda und ließ seinen Diener dort.
Er aber ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter.
Und er legte sich hin und schlief unter dem Wacholder. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss!
Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen.
Und der Engel des HERRN kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.
Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.
Und er kam dort in eine Höhle und blieb dort über Nacht. Und siehe, das Wort des HERRN kam zu ihm: Was machst du hier, Elia?
Er sprach: Ich habe geeifert für den HERRN, den Gott Zebaoth; denn Israel hat deinen Bund verlassen und deine Altäre zerbrochen und deine Propheten mit dem Schwert getötet, und ich bin allein übriggeblieben, und sie trachten danach, dass sie mir mein Leben nehmen.
Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR wird vorübergehen.
Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben.
Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen.
Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle. (1. Könige 19, 1-13)

„Mögest du in interessanten Zeiten leben!“ – dass dieser chinesische Gruß, der wohl gar nicht aus China kommt – das sei jetzt aber mal dahingestellt – eher als Fluch denn als Segen gemeint ist, leuchtet in Zeiten wie diesen unmittelbar ein. Interessant sind die Zeiten gerade sehr, aber eher als Fluch und recht betrachtet wären uns etwas langweiligere Zeiten deutlich lieber. Krisen gab es schon vorher genug, die verdammte Pandemie ist noch lange nicht vorbei und jetzt hat auch noch ein Gewaltherrscher seinen Nachbarn und unserer Nachbarn Nachbarn überfallen und einen verfluchten Krieg vom Zaun gebrochen. Eigentlich längst Zeit für uns, eine Auszeit zu nehmen, den Rückzug in die Wüste anzutreten. Wer kennt eine dunkle Höhle, in die man sich wie Elia verkriechen könnte? Wer einen Ort ohne Viren, ohne Bomben und ohne Nachrichten von beiden?

Interessant, verflucht interessant, sind unsere Zeiten auch, weil sie uns zu Zeitreisenden machen. Das Zeitalter der Seuchen schien doch längst vorbei und die Epoche der Kriegstreiber und ihrer blindwütigen Überfälle auf Nachbarstaaten hatten wir doch hinter uns gelassen. Und indem wir uns gegen die Pandemie behaupten und das Kriegsgedröhn wieder hören müssen, scheinen wir zurück in dunkle, längst vergangene, eher: lange verdrängte Zeiten zu reisen. Unsere journalistischen Zeitreiseführer dahin sind dieselben, die uns vor dreißig Jahren mit dem Ende des Sowjetreiches das Ende der Geschichte verkündet haben und uns heute einen neuen Anfang derselben predigen: nämlich die Wiederkehr der Machtpolitik, die sich in Sturm, Beben und Feuer durchzusetzen hätte gegen das sanfte Säuseln von Diplomatie und Demokratie.

Apropos Zeitreise: In der Höhle, in die wir als Familie uns abends verkriechen, läuft gerade eine völlig abgedrehte norwegische Fernsehserie von Zeitreisenden, die dort „Beforeigners“ heißen, also aus einem Wortspiel von „before“ und „foreigners“ Menschen bezeichnen, die aus drei Epochen früherer Zeiten, nämlich der Steinzeit, der Wikingerzeit und aus dem 19. Jahrhundert, in der Jetztzeit auftauchen, und zwar buchstäblich aus den Wassern des Oslofjords auftauchen und als Zeitmigranten die Stadt bevölkern. Die Stadt verwandelt sich darüber bis zur Unkenntlichkeit in ein einziges, riesiges, brodelndes Flüchtlingslager, in welchem sich Fremde, Zeitmigranten verschiedener Zeiten begegnen, aufeinanderprallen in einem absurden und dennoch einleuchtenden „clash of cultures“, sich gegenseitig fremd sind und dabei doch nicht alle sich gegenseitig fremd bleiben. Das ist genauso abgedreht, wie es klingt, aber eben auch lustig und spannend und ziemlich interessant.

Interessant nicht zuletzt ist der Zusammenprall der Religionen der Wikinger auf der einen Seite mit dem Glauben der pietistischen Frömmler aus dem 19. Jahrhundert auf der anderen Seite, wobei es den kirchlichen Zuschauer betrüben kann, dass die Serie eindeutig mit den altnordischen Odingläubigen sympathisiert und die Christen ein bisschen zu sehr ihr Fett wegbekommen. In einer dennoch köstlichen Szene suchen zwei wilde Wikingerfrauen Zuflucht in einer Kirche und mokieren sich unter einem Kruzifix über den schwachen Gott, der dort hängt, und die erbärmlichen Christen, die an einen Gott glauben, der noch nicht einmal seinen eigenen Sohn retten konnte, geschweige denn sie. Irgendwie geht es auch in dem schrillen Panoptikum dieser norwegischen Fernsehserie um die Stärke der Religionen und die Gewalt der Götter. Und darum ging es doch auch in unserer Elia-Geschichte.

Auch Elia, der Diener des Herrn seines Gottes, dessen Name, gepriesen sei er, unaussprechlich ist, sieht sich in einem Kampf der Religionen, einem „clash of cultures“; er auf der Seite der nomadischen Migranten, der Hebräer nämlich und die Philister mit ihren Baalspriestern auf der Seite der Sesshaften, Besitzenden, die ihren angestammten Besitz zu verteidigen trachten. Wir betreten die Bühne dieser Auseinandersetzungen, als der große blutige Kampf Elias gegen die Baalspriester im Namen ihrer Götter gerade gekämpft war und der Nebel des Krieges sich gerade lichtet: wie er alle Propheten Baals mit dem Schwert umgebracht hatte. Vor der Rache der bösen Philisterkönigin Isebel: Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast! – flieht Elia in den Süden erst in das Grenzland nach Beerscheba, noch begleitet von seinem Diener, und dann ganz allein weiter, immer weiter in die Wüste.

In der Wüste, dem Ort der Gottesbegegnung, begegnet Elia seinem Gott. Ich stelle mir vor, dass ihm schon während der schrecklichen Prophetenschlacht gedämmert hatte, dass das Gottes Wille nicht sein kann, so wie wir heute doch auch glauben, dass Krieg eben nach Gottes Willen nicht sein soll. Ich stelle mir vor, dass die Lektion, die Elia zu lernen hat, genau die ist, die bis heute und gerade heute zu lernen ist, dass das Recht der Selbstverteidigung nicht in das gewaltige Unrecht des Krieges umschlagen darf; und dass dieser Umschlag, dieser „tipping-point“ immer umstritten bleibt und bleiben muss. Im grausig-blutigen Kampf der Propheten war dieser Punkt jedenfalls weit überschritten.

Der geflohene Elia erfährt humanitäre Hilfe: einen sicheren Ort, an dem er sich ausruhen kann, dazu ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Freundliche Hilfe und ein freundliches Wort; und dazu – er ist ja ein Prophet – den Auftrag, die Höhle am Gottesberg aufzusuchen, um Gott zu begegnen. Es waren sicherlich die schrecklichen Erfahrungen und Bilder des Prophetenkampfes, die ihn auf die nun folgende, alle seine Gewissheiten umstürzende Gottesbegegnung vorbereitet hatten. Gott selbst verweigert sich der Logik von Gewalt und Macht, erscheint nicht in Donner und Blitz sondern in einem sanften Sausen. Welche Zeit wäre bereit für diese Botschaft eines gewaltlosen Gottes?

Die biblische Tradition hat Elia als Zeitreisenden verstanden, als einen der ersten seiner Art, von dem man es für möglich hielt, dass er Zeitgrenzen überwinden und zu ganz anderen Zeiten wiedererscheinen, wiederauftauchen kann. Nur wenige Kapitel nach unseren Ereignissen, stirbt Elia – eben nicht!, sondern wird in einer spektakulären Aktion zu Gott entrückt: „Siehe, da kam ein feuriger Wagen mit feurigen Rossen, … und Elia fuhr im Wetter gen Himmel“ (2. Könige 2,11). Als zu Gott Entrückter und also nie Gestorbener wird Elia in der religiösen Phantasie der Bibel, aber vor allem in der spekulativen Literatur der nachbiblischen Zeit zum Zeitreisenden, dessen Auftauchen zu anderen Zeiten und an anderen Orten – vor allem da, wo es brennt und raucht – für möglich gehalten wird.

Noch in den Worten des machtlosen Gottes am Kreuz kann von den unterm Kreuz Stehenden der Ruf nach Elia gehört werden, obwohl dieser doch bloß seinen Schmerz in die Welt hinausschreit: „Eli, Eli, lama asabthani? Das ist verdolmetscht: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Und etliche, die dabeistanden, da sie das hörten, sprachen: Siehe, er ruft den Elia.“ (Markus 15,34f.) Jesus ruft nicht nach Elia, aber er ruft dessen erschütternde Erkenntnis vom gewaltfreien Gott in Erinnerung, zu dem ihn selbst erst ein Weg voller Gewalt geführt hatte:
Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben.
Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen.

Solche Worte der Bibel sind auch Zeitreisende, sind geeignet unsere Verhältnisse durcheinander zu bringen, klingen als Fluch und Segen über die Jahrhunderte hinweg, vermögen unsere allzu interessanten Zeiten, ertragen zu helfen, indem sie uns an den Gott erinnern, der sich selbst seiner Macht entäußert und darin in den Schwachen mächtig ist.

Amen.

Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. (Johannes 6,37)

Auch in diesem Jahr erreichen uns nicht nur schlimme Nachrichten – die ja auch – und mehr als wir hören wollen und ertragen können, aber eben auch gute, und sei es diese eine, dass Jesus uns einlädt, empfängt und nicht abweist. Gut zu hören!

Dabei will ich nicht glauben, dass er heimlich oder offen sich über sinnvolle Regeln und Maßnahmen einfach so hinweggesetzt hätte, die doch die Schwachen schützen und den Kranken helfen sollen. Gerade denen gilt seine Einladung im gleichen Sinne und an anderer Stelle: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“ (Matthäus 11,28)

Ich kann mir nicht vorstellen, nein, ich weiß, dass er nicht wie manche (aber doch viel zu viele, deren Dummheit uns Angst macht) einer Willkürfreiheit das Wort geredet und das Recht des Stärkeren propagiert hätte, wo er sich doch im Gegenteil immer wieder für die Schwächeren eingesetzt hat: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25,40) Freiheit ist immer auch die Freiheit der Schwächsten, die (also die Schwächsten und deren Freiheit) wir als Gemeinschaft zu schützen haben!

Vielleicht hätte Jesus besonnener als wir mit der Angst umgehen können und geduldiger das Ende der Seuche abgewartet, vielleicht hätte er fröhlicher die vorhandenen Nischen genutzt und vielleicht (ganz vielleicht nur!) hätte er mit seinen Wunderkräften hier und dort gezeigt, dass das Leiden so vieler nicht Gottes Willen ist. Ein gutes Wort bei seinem lieben Vater für uns eingelegt hätte er bestimmt, hat er bestimmt.

Und doch hätte Jesus sich mit uns unter das Geschehen gebeugt, hätte geschehen lassen, was auf dieser Welt geschieht, so wie er das zur Zeit seines Lebens und Wirkens gemacht hat, als er Kranke (einige wenige!), aber eben nicht die Krankheit geheilt hat, als er sich selbst für uns hingegeben hat, als er also nicht seinen Willen, sondern den seines Vaters im Himmel hat geschehen lassen. Wobei damit nicht unterstellt sei, dass Gott diese Pandemie will, aber wohl, dass Gott sie aus Gründen, die nur er kennt, geschehen lässt. Gleichzeitig setzt er Kräfte gegen das virale Böse auf vielfältige Weise frei: durch die Stärkung von medizinischer Pflege, Therapie und Forschung etwa oder durch Worte und Taten der Solidarität mit den Leidenden (ohne dass ich mir hätte vorstellen können, in welcher Weise auch die Dämonen destruktiver Irrationalität und des krassen Egoismus durch die Seuche entfesselt werden würden).

Auch das Wort, das uns als Jahreslosung für dieses Jahr gegeben ist, gehört zur Strategie Gottes gegen die Chaosmächte. Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen, sagt Jesus und will uns auf diese Weise sammeln – untereinander und vor Gott – als unter Gottes Wort versammelte Gemeinde. Und will uns so stärken.

Wir haben in dieser Zeit auf neue Art erfahren, wie weit Gottes Wort reicht, weit über die physische Präsenz von Menschen hinaus; und wir haben ebenso erfahren – leidvoll erfahren – wie sehr wir solche leibliche Gegenwart vermissen, wenn wir sie entbehren müssen. Aber was immer die aktuell herrschenden Bedingungen der Begegnung mit ihm sein mögen, steht doch seine bedingungslose Einladung an uns: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. Kein Wenn, kein Aber.

Klaus Neumann

Hilfe für Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine

Auch Nachbarn und Gemeindeglieder sind besorgt über die Ereignisse in der Ukraine und wollen helfen. Uns haben schon einzelne Angebote für Wohnungen für Kriegsflüchtlinge erreicht, andere fragen nach Möglichkeiten zu spenden.

Wir unterstützen deshalb das Angebot der Stadt Wiesbaden, sich bei einer dafür eingerichteten Stelle zu melden, wo alle Anfragen koordiniert werden.    

Wenn Sie privat Wohnraum zur Verfügung stellen möchten, wenden Sie sich bitte an: ukraine-hilfe@wiesbaden.de

Dort beantwortet ein Team von Freiwilligen alle Fragen rund um das Thema Unterbringung und Wohnraum sowie zur Sicherstellung des Lebensunterhalts der aus der Ukraine geflohenen Menschen.

Sollten Sie keine Möglichkeit haben, e-mails zu schreiben: melden Sie sich bitte beim Kirchenvorstand / Katrin Sünderhauf: 0172/9972889, wir leiten Ihr Hilfsangebot gern für Sie weiter.

Für Spenden: 
Diakonie Katastrophenhilfe, Berlin
Evangelische Bank
IBAN: DE68 5206 0410 0000 5025 02
BIC: GENODEF1EK1
Stichwort: Ukraine Krise

Sonntag Invokavit, erster Sonntag der Passionszeit, 6. März 2022

Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, dass ihr nicht vergeblich die Gnade Gottes empfangt. Denn er spricht (Jes 49,8): »Ich habe dich zur willkommenen Zeit erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.« Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!

Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit dieser Dienst nicht verlästert werde; sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Bedrängnissen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Aufruhr, in Mühen, im Wachen, im Fasten, in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig; als die Unbekannten und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben. (2. Korinther 6, 1-10)

Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!

Selten scheint ein Predigttext so daneben zu liegen wie heute; viel falscher geht es nicht, denn wann wenn nicht jetzt erleben wir Tage des Unheils und wann wäre das Zeitgeschehen unwillkommener gewesen als gerade jetzt. Beinahe sehnen wir uns in die Zeit zurück als nur Corona unsere Sorge war, von Migrationsproblemen oder Finanzkrisen zu schweigen und selbst der Klimawandel scheint hinter dem schrecklichen Krieg in unserer Nähe viel von seinem Schrecken zu verlieren. Unheil überall und von überall her. Es läuft gerade nicht so gut. Und dann hören wir das:

Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!

Im weiteren Verlauf unseres Textabschnitts wird deutlich, dass auch für Paulus das Heilswort nicht als Beschreibung der von ihm erlebten Wirklichkeit gemeint ist; sondern – wie bei uns gerade – unter seinem äußerlich sichtbaren Gegenteil auf ihn trifft: in Bedrängnissen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Aufruhr, in Mühen. Dennoch und trotzdem und gegen allen Augenschein ist jetzt die willkommene Zeit, ist der Tag des Heils! Wie unter dem Kreuz ist das Heil unter den Umständen und Zeitläufen verborgen – aber nicht weniger wahr. Alles ist schrecklich, aber alles wird gut – weil Gott alles gut gemacht hat und wieder gut machen wird.

Was unterscheidet eine solche Botschaft von einer bloßen Durchhalteparole, in Zeiten der Seuche, der Krise und nun des Krieges auszuhalten in großer Geduld? Was sollte uns dazu bringen, auf solche Worte zu hören, ihnen Glauben zu schenken? Was könnte uns davon überzeugen, dass trotz allem, was uns Sorgen macht und was uns bedrängt, auch heute ein Tag des Heils ist?

Nun, Durchhalteparolen sind gewöhnlich an andere gerichtet, die zu leiden haben, während man sich selbst schont; ganz anders der Apostel Paulus – und um den geht es zunächst in unserem Predigttext und eigentlich in seinem ganzen 2. Brief an die Korinther – der an sich zeigt, was es ihn kostet so zu glauben, wie er glaubt, und so zu leben, wie er lebt; wenn er von Bedrängnissen, Nöten, Ängsten, Schlägen, Gefängnissen, Aufruhr, Mühen spricht, dann von seinen eigenen, dann davon, dass er sie selbst erlebt hat und noch erlebt; was alles nicht wünschenswert, aber eben unvermeidbar ist, um Gottes Wort von der willkommenen Zeit, vom Tag des Heils auszurichten und selbst danach zu leben im Wachen, im Fasten, in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken.

Man muss sich hüten vor allzu vorschnellen Anknüpfungen oder kurzschlüssigen Bezügen, aber ich jedenfalls kann nicht anders als an den Präsidenten und den Bürgermeister in dieser fernen, nahen Stadt Kiew zu denken – gerade mal knapp zweitausend Kilometer von Wiesbaden entfernt und nach Google-Maps in 20 Stunden und angeblich ohne Stau – das dürfte ein Irrtum sein – auf Autobahnen über Ostdeutschland und Polen erreichbar. Seine, ihre Botschaften aus Bedrängnis und höchster Not sind ebenso wenig Durchhalteparolen sondern durch ihr Beispiel und das erhebliche Risiko für ihren eigenen Leib und ihr eigenes Leben beglaubigt.

Keine Mitfahrgelegenheit wolle er, auf das Angebot hin, ihn auszufliegen, keine Mitfahrgelegenheit wolle er, sondern Mittel zur Selbstverteidigung, Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, also Schwerter – rechts – zum Zurückschlagen und Schilder – links – zur Abwehr die Paulus nur metaphorisch und geistlich gemeint hat, die nun aber ein Gewaltherrscher die Angegriffenen im Wortsinn zu verstehen nötigt. Bei aller Undurchsichtigkeit im Nebel des Kriegsgeschehens, in dem bekanntlich die Wahrheit das erste Opfer ist, klingt in den Worten des hoffnungslos Unterlegenen das Wort der Wahrheit durch, dass ein solcher Überfall nicht gerecht sein kann und dass Selbstverteidigung ein Recht ist.

Im Weiteren skizziert Paulus die Unsicherheiten und Mehrdeutigkeiten, denen wir Menschen zeitlebens im eigenen und im Urteil der anderen ausgesetzt sind, besonders aber in Zeiten der Krise und des Krieges: Was ist die Wahrheit über mich? Was ist überhaupt Wahrheit? Und welches ist das Wort der Wahrheit? „Die einen sagen so, die anderen sagen so“, sagt der freundliche Kassierer im Tegut – selbst mutmaßlich kriegs- und fluchterfahren – und weiß nicht, was er aus den Nachrichten machen soll, außer sie mit Vorsicht zu genießen. Jedenfalls warnt er den Kunden, der eigentlich nur das Abendbrot einkaufen wollte, vor der Verwechslung der Wirklichkeit mit der Nachricht von ihr. So kann es im Land des Gewaltherrschers, der den jüdischen Präsidenten seines Nachbarlandes einen Nazi nennt, bis zu 15 Jahre Haft kosten, den Krieg Krieg zu nennen: Je nach Standpunkt und Blickrichtung kann sich Wahrheit in Lüge verwandeln und umgekehrt, wobei ich der altmodischen Vorstellung anhänge, dass nur eine gemeinsame Wahrheit diesen Namen verdient.

Paulus jedenfalls kennt diese unterschiedlichen, miteinander streitenden Sichtweisen auf dieselbe Sache, sieht sich ihnen selbst ausgesetzt, sieht sich und die seinen in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig; als die Unbekannten und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben.

Hin- und hergerissen aber nicht zerrissen; brennend aber nicht verbrennend; zerbrechlich aber nicht zerbrochen; ein tönernes Gefäß, das nichtsdestotrotz einen Schatz in sich trägt, von dem Paulus im selben Brief an anderer Stelle sagt: „Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, auf dass die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns. Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht.“ (2. Korinther 4,7f.)

Dieses Vexierbild unserer Existenz kann uns schwindelig machen; unser Leben mag schwanken in den Ambivalenzen und wanken in den Ambiguitäten der wirklichen Welt, unsere Sicherheiten mag durch böse Mächte und finstere Gestalten, den Wiedergängern des Teufels, den wir doch längst abgeschafft hatten, erschüttert werden, aber wir fallen nicht, weil Gottes Wort an uns nicht fällt, sondern uns aufrichtet.

Sein Zuspruch, dass jetzt wie stets die willkommene Zeit, der Tag des Heils ist, weil eben jede Zeit gleich unmittelbar zu Gott ist, erfüllt uns mit dem Heiligen Geist, der Kraft Gottes und befähigt uns zu Wahrheit und Gerechtigkeit in ungefärbter Liebe. So wenig der Apostel seinen Glauben und sein Leben vom Urteil der anderen abhängig gemacht hat, und so wenig er verzagt, obwohl ihm bange ist, so sehr sollen auch wir gerade in Bedrängnis und Not auf Gott und sein Wort hören. Nicht vor den bösen Mächten sollen wir uns beherrschen lassen, sondern von den guten Mächten geborgen wissen. Amen.

Noch will das alte unsre Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwere Last. Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen das Heil, für das du uns geschaffen hast.
Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet, so lass uns hören jenen vollen Klang der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, all deiner Kinder hohen Lobgesang.
Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

(Dietrich Bonhoeffer 1944)

Predigttext für den Sonntag Estomihi, letzter Sonntag vor der Passionszeit, 27. Februar 2022 

Und er fing an, sie zu lehren: Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen. Und er redete das Wort frei und offen. Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren. Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: Geh weg von mir, Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist. Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Will mir jemand nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten. Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme Schaden an seiner Seele? Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse? Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt unter diesem abtrünnigen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln. (Markus 8, 34-38)

Unter dem Eindruck der grässlichen Nachrichten aus der Ukraine hören wir heute in der Bibel davon, dass es das Leben in der Nachfolge Jesu, dass es das gute und wahre Leben nicht umsonst gibt, sondern dass das neue Leben uns etwas kosten kann und kosten wird, nicht weniger nämlich als das alte falsche Leben.

Unter dem Eindruck eines, der die Welt gewinnen will und darüber längst seine Seele verloren hat – aber was interessiert mich eigentlich dessen nachtschwarze Seele, wenn darüber so viele andere Seelen Schaden nehmen? – unter dem Eindruck eines, der sich nicht nur die übelsten Gewaltherrscher zum Vorbild nimmt, sondern gleich den Satan selbst mit seinem Lügen und Morden höchstpersönlich zum Beispiel zu nehmen scheint – Geh weg von mir, Satan! Aber so schnell wird man ihn nicht los – unter diesem Eindruck lesen und hören wir vom angekündigten Leiden, vom Verworfen werden, von den Kosten des gerechten und wahren Lebens, vom abtrünnigen und sündigen Geschlecht, und können doch gar nicht anders, als beides aufeinander zu beziehen:

Ja, der Satan hat immer wieder, auch heute Wiedergänger in der wirklich gelebten Welt, und dieser, der uns gerade plagt, vermag nach all den Jahren seines Unwesens – politische Meuchelmorde, Abschüsse ziviler Flugzeuge, getarnte Invasionen, rechtswidrige Annektionen, Unterstützung anderer Diktatoren, Manipulationen von Wahlen im eigenen und in fremden Ländern und so vieles mehr an Grausamkeiten und Scheußlichkeiten – dieser Unmensch vermag immer noch, erstaunlicherweise immer noch uns allzu harmlos Arglose zu überraschen mit seiner Heimtücke und seiner Bosheit, seinem Lügen und seinem Morden; und ja, es kostet etwas, ihn loszuwerden oder ihn zumindest auf Abstand zu halten: Geh weg von mir, Satan!

Aber wenn er sich als bösartiger Bär im Schafspelz erstmal eingenistet und unentbehrlich gemacht hat, kostet es umso mehr, ihn wieder loszuwerden; und es wird ein Vielfaches davon kosten – und es kostet die Menschen in der Ukraine jetzt schon ein Vielfaches – ihn nicht losgeworden zu haben und sich nicht aus seiner Abhängigkeit befreien zu können. Genau davon spricht unser Text: Von den Kosten des gerechten und wahren und letztlich des guten Lebens: Denn wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren.  

Natürlich weiß unser Bibeltext nichts von russischen Gewaltherrschern, aber er weiß von dem Wunsch, von der Gier von uns Menschen die Welt zu gewinnen, koste es was es wolle. Und der Text interessiert sich nicht für die armen Seelen in der Ukraine oder anderer überfallener Staaten, die solches gewalttätiges Weltgewinnen-Wollen kosten – andere Texte der Bibel natürlich sehr wohl – sondern unser Text interessiert sich für die Kosten für die eigene Seele selbst: Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme Schaden an seiner Seele? Er richtet sich also an uns, die wir im Durchschnitt weniger Schaden nach außen anrichten können als Diktatoren, aber deren Seele ganz genauso gefährdet ist wie die jener.

Dabei ist hier ja überhaupt nicht gemeint, dass jeder Wunsch, die Welt zu gewinnen, der Seele Schaden müsste. Wenn damit das Streben nach Erfolg gemeint ist, im Beruf, im Sport, in der Gesellschaft, auch im Wettbewerb der Staaten untereinander, dann darf man sich sicher sein, dass Gott seine Freude an uns hat, wenn wir mit den von ihm an uns gegebenen Gaben wirken. Unser Bibelwort richtet sich keineswegs mit einer generellen Warnung oder gar einem Verbot an die begnadeten Musiker, die Sportler, die Geschäftsleute, die Forscher oder die Politiker, keinen gerechten Gebrauch ihrer besonderen Gaben und Fähigkeiten zu machen – sondern es richtet sich an sie und uns alle, es bei unserem Erfolgsstreben nicht zu übertreiben, es also bei allen äußeren Erfolgen nicht gegen die Seele zu wenden, der Seele nicht zu schaden; unser Inneres nicht verhärten oder vereisen oder ausbrennen zu lassen. Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme Schaden an seiner Seele?

Jesus belässt es nicht bei diesem Wort, das – meine ich – auch den religiös Unmusikalischen verständlich sein müsste, sondern er fügt es ein in seinen Ruf in die Nachfolge. Dadurch verliert es nicht unbedingt an Allgemeinverständlichkeit, gewinnt aber an Konkretheit und an Konturen. Die Rücksicht auf das eigene Seelenheil besteht und geschieht in der Absage an die wahrscheinlich naturgegebene Rücksichtslosigkeit des natürlichen Menschen. Während dieser sich im immerwährenden Kampf ums Dasein befindet, in dem der Stärkste – und nur der Stärkste – überlebt, fordert Jesus uns auf, sein Lebensmodell zu übernehmen, das von der Rücksichtnahme für andere lebt und in der Hingabe für andere seine Erfüllung findet: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Nur die Hingabe an den anderen, also die Gabe, nichts für sich selbst zu sein zu vermögen, lässt mich – nach Jesus – das Leben und das Seelenheil finden.

Das erklärt dann auch den paradox formulierten Satz: Denn wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten.Nur wer bereit ist, die Gewaltlogik des natürlichen Menschen mit seinem Kampf ums Dasein zu verlassen, kann das wahre, gerechte und gute Leben erringen; er muss aber damit rechnen, das Leben zu verlieren. Sein Kreuz auf sich zu nehmen, heißt: das Leben am Kreuz verlieren zu können. Eine unerwartet harte Botschaft, die aber zu diesen unerwartet harten Zeiten passt.

Und man ist beinahe versucht, sie auch im Krieg in der Ukraine abgebildet zu finden, wenn die ukrainische Führung in ihrer Hauptstadt aushält und dabei droht ihr eigenes Leben zu verlieren, um dem Land ein besseres Leben zu ermöglichen; ein besseres als das miserable Leben unter der Gewaltherrschaft ihrer übermächtigen Nachbarn. Aber eine Versuchung und Täuschung wäre eine solche Deutung allein schon deshalb, weil das angegriffene und überfallene Land ja keineswegs freiwillig sondern aus äußerem Zwang das Schwächere ist und seine Selbstbestimmung verlieren wird. Wenn sie könnten, würden sie sich wehren – was sie ja auch noch tun.  

So bleibt uns das überaus unbefriedigende Fazit, dass das Wort vom Kreuz und der Ruf in die Nachfolge eben doch nicht zur Deutung solcher kriegerischer Konflikte geeignet ist, selbst wenn es in diesen Zeiten erklingt. Nach dem überwiegenden Zeugnis der christlichen Tradition lässt sich die Botschaft Jesu darauf – also auf staatliche oder zwischenstaatliche Konflikte – einfach nicht anwenden. Sondern wenn seine Botschaft eine Wahrheit hat, erweist sie sich in uns selbst: dort, wo die Seele sitzt: Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme Schaden an seiner Seele? Amen.