Predigttext für den Sonntag Okuli, 3. Sonntag in der Passionszeit, 20. März 2022

Und Ahab sagte Isebel alles, was Elia getan hatte und wie er alle Propheten Baals mit dem Schwert umgebracht hatte.
Da sandte Isebel einen Boten zu Elia und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast!
Da fürchtete er sich, machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Beerscheba in Juda und ließ seinen Diener dort.
Er aber ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter.
Und er legte sich hin und schlief unter dem Wacholder. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss!
Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen.
Und der Engel des HERRN kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.
Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.
Und er kam dort in eine Höhle und blieb dort über Nacht. Und siehe, das Wort des HERRN kam zu ihm: Was machst du hier, Elia?
Er sprach: Ich habe geeifert für den HERRN, den Gott Zebaoth; denn Israel hat deinen Bund verlassen und deine Altäre zerbrochen und deine Propheten mit dem Schwert getötet, und ich bin allein übriggeblieben, und sie trachten danach, dass sie mir mein Leben nehmen.
Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR wird vorübergehen.
Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben.
Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen.
Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle. (1. Könige 19, 1-13)

„Mögest du in interessanten Zeiten leben!“ – dass dieser chinesische Gruß, der wohl gar nicht aus China kommt – das sei jetzt aber mal dahingestellt – eher als Fluch denn als Segen gemeint ist, leuchtet in Zeiten wie diesen unmittelbar ein. Interessant sind die Zeiten gerade sehr, aber eher als Fluch und recht betrachtet wären uns etwas langweiligere Zeiten deutlich lieber. Krisen gab es schon vorher genug, die verdammte Pandemie ist noch lange nicht vorbei und jetzt hat auch noch ein Gewaltherrscher seinen Nachbarn und unserer Nachbarn Nachbarn überfallen und einen verfluchten Krieg vom Zaun gebrochen. Eigentlich längst Zeit für uns, eine Auszeit zu nehmen, den Rückzug in die Wüste anzutreten. Wer kennt eine dunkle Höhle, in die man sich wie Elia verkriechen könnte? Wer einen Ort ohne Viren, ohne Bomben und ohne Nachrichten von beiden?

Interessant, verflucht interessant, sind unsere Zeiten auch, weil sie uns zu Zeitreisenden machen. Das Zeitalter der Seuchen schien doch längst vorbei und die Epoche der Kriegstreiber und ihrer blindwütigen Überfälle auf Nachbarstaaten hatten wir doch hinter uns gelassen. Und indem wir uns gegen die Pandemie behaupten und das Kriegsgedröhn wieder hören müssen, scheinen wir zurück in dunkle, längst vergangene, eher: lange verdrängte Zeiten zu reisen. Unsere journalistischen Zeitreiseführer dahin sind dieselben, die uns vor dreißig Jahren mit dem Ende des Sowjetreiches das Ende der Geschichte verkündet haben und uns heute einen neuen Anfang derselben predigen: nämlich die Wiederkehr der Machtpolitik, die sich in Sturm, Beben und Feuer durchzusetzen hätte gegen das sanfte Säuseln von Diplomatie und Demokratie.

Apropos Zeitreise: In der Höhle, in die wir als Familie uns abends verkriechen, läuft gerade eine völlig abgedrehte norwegische Fernsehserie von Zeitreisenden, die dort „Beforeigners“ heißen, also aus einem Wortspiel von „before“ und „foreigners“ Menschen bezeichnen, die aus drei Epochen früherer Zeiten, nämlich der Steinzeit, der Wikingerzeit und aus dem 19. Jahrhundert, in der Jetztzeit auftauchen, und zwar buchstäblich aus den Wassern des Oslofjords auftauchen und als Zeitmigranten die Stadt bevölkern. Die Stadt verwandelt sich darüber bis zur Unkenntlichkeit in ein einziges, riesiges, brodelndes Flüchtlingslager, in welchem sich Fremde, Zeitmigranten verschiedener Zeiten begegnen, aufeinanderprallen in einem absurden und dennoch einleuchtenden „clash of cultures“, sich gegenseitig fremd sind und dabei doch nicht alle sich gegenseitig fremd bleiben. Das ist genauso abgedreht, wie es klingt, aber eben auch lustig und spannend und ziemlich interessant.

Interessant nicht zuletzt ist der Zusammenprall der Religionen der Wikinger auf der einen Seite mit dem Glauben der pietistischen Frömmler aus dem 19. Jahrhundert auf der anderen Seite, wobei es den kirchlichen Zuschauer betrüben kann, dass die Serie eindeutig mit den altnordischen Odingläubigen sympathisiert und die Christen ein bisschen zu sehr ihr Fett wegbekommen. In einer dennoch köstlichen Szene suchen zwei wilde Wikingerfrauen Zuflucht in einer Kirche und mokieren sich unter einem Kruzifix über den schwachen Gott, der dort hängt, und die erbärmlichen Christen, die an einen Gott glauben, der noch nicht einmal seinen eigenen Sohn retten konnte, geschweige denn sie. Irgendwie geht es auch in dem schrillen Panoptikum dieser norwegischen Fernsehserie um die Stärke der Religionen und die Gewalt der Götter. Und darum ging es doch auch in unserer Elia-Geschichte.

Auch Elia, der Diener des Herrn seines Gottes, dessen Name, gepriesen sei er, unaussprechlich ist, sieht sich in einem Kampf der Religionen, einem „clash of cultures“; er auf der Seite der nomadischen Migranten, der Hebräer nämlich und die Philister mit ihren Baalspriestern auf der Seite der Sesshaften, Besitzenden, die ihren angestammten Besitz zu verteidigen trachten. Wir betreten die Bühne dieser Auseinandersetzungen, als der große blutige Kampf Elias gegen die Baalspriester im Namen ihrer Götter gerade gekämpft war und der Nebel des Krieges sich gerade lichtet: wie er alle Propheten Baals mit dem Schwert umgebracht hatte. Vor der Rache der bösen Philisterkönigin Isebel: Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast! – flieht Elia in den Süden erst in das Grenzland nach Beerscheba, noch begleitet von seinem Diener, und dann ganz allein weiter, immer weiter in die Wüste.

In der Wüste, dem Ort der Gottesbegegnung, begegnet Elia seinem Gott. Ich stelle mir vor, dass ihm schon während der schrecklichen Prophetenschlacht gedämmert hatte, dass das Gottes Wille nicht sein kann, so wie wir heute doch auch glauben, dass Krieg eben nach Gottes Willen nicht sein soll. Ich stelle mir vor, dass die Lektion, die Elia zu lernen hat, genau die ist, die bis heute und gerade heute zu lernen ist, dass das Recht der Selbstverteidigung nicht in das gewaltige Unrecht des Krieges umschlagen darf; und dass dieser Umschlag, dieser „tipping-point“ immer umstritten bleibt und bleiben muss. Im grausig-blutigen Kampf der Propheten war dieser Punkt jedenfalls weit überschritten.

Der geflohene Elia erfährt humanitäre Hilfe: einen sicheren Ort, an dem er sich ausruhen kann, dazu ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Freundliche Hilfe und ein freundliches Wort; und dazu – er ist ja ein Prophet – den Auftrag, die Höhle am Gottesberg aufzusuchen, um Gott zu begegnen. Es waren sicherlich die schrecklichen Erfahrungen und Bilder des Prophetenkampfes, die ihn auf die nun folgende, alle seine Gewissheiten umstürzende Gottesbegegnung vorbereitet hatten. Gott selbst verweigert sich der Logik von Gewalt und Macht, erscheint nicht in Donner und Blitz sondern in einem sanften Sausen. Welche Zeit wäre bereit für diese Botschaft eines gewaltlosen Gottes?

Die biblische Tradition hat Elia als Zeitreisenden verstanden, als einen der ersten seiner Art, von dem man es für möglich hielt, dass er Zeitgrenzen überwinden und zu ganz anderen Zeiten wiedererscheinen, wiederauftauchen kann. Nur wenige Kapitel nach unseren Ereignissen, stirbt Elia – eben nicht!, sondern wird in einer spektakulären Aktion zu Gott entrückt: „Siehe, da kam ein feuriger Wagen mit feurigen Rossen, … und Elia fuhr im Wetter gen Himmel“ (2. Könige 2,11). Als zu Gott Entrückter und also nie Gestorbener wird Elia in der religiösen Phantasie der Bibel, aber vor allem in der spekulativen Literatur der nachbiblischen Zeit zum Zeitreisenden, dessen Auftauchen zu anderen Zeiten und an anderen Orten – vor allem da, wo es brennt und raucht – für möglich gehalten wird.

Noch in den Worten des machtlosen Gottes am Kreuz kann von den unterm Kreuz Stehenden der Ruf nach Elia gehört werden, obwohl dieser doch bloß seinen Schmerz in die Welt hinausschreit: „Eli, Eli, lama asabthani? Das ist verdolmetscht: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Und etliche, die dabeistanden, da sie das hörten, sprachen: Siehe, er ruft den Elia.“ (Markus 15,34f.) Jesus ruft nicht nach Elia, aber er ruft dessen erschütternde Erkenntnis vom gewaltfreien Gott in Erinnerung, zu dem ihn selbst erst ein Weg voller Gewalt geführt hatte:
Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben.
Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen.

Solche Worte der Bibel sind auch Zeitreisende, sind geeignet unsere Verhältnisse durcheinander zu bringen, klingen als Fluch und Segen über die Jahrhunderte hinweg, vermögen unsere allzu interessanten Zeiten, ertragen zu helfen, indem sie uns an den Gott erinnern, der sich selbst seiner Macht entäußert und darin in den Schwachen mächtig ist.

Amen.

Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. (Johannes 6,37)

Auch in diesem Jahr erreichen uns nicht nur schlimme Nachrichten – die ja auch – und mehr als wir hören wollen und ertragen können, aber eben auch gute, und sei es diese eine, dass Jesus uns einlädt, empfängt und nicht abweist. Gut zu hören!

Dabei will ich nicht glauben, dass er heimlich oder offen sich über sinnvolle Regeln und Maßnahmen einfach so hinweggesetzt hätte, die doch die Schwachen schützen und den Kranken helfen sollen. Gerade denen gilt seine Einladung im gleichen Sinne und an anderer Stelle: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“ (Matthäus 11,28)

Ich kann mir nicht vorstellen, nein, ich weiß, dass er nicht wie manche (aber doch viel zu viele, deren Dummheit uns Angst macht) einer Willkürfreiheit das Wort geredet und das Recht des Stärkeren propagiert hätte, wo er sich doch im Gegenteil immer wieder für die Schwächeren eingesetzt hat: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25,40) Freiheit ist immer auch die Freiheit der Schwächsten, die (also die Schwächsten und deren Freiheit) wir als Gemeinschaft zu schützen haben!

Vielleicht hätte Jesus besonnener als wir mit der Angst umgehen können und geduldiger das Ende der Seuche abgewartet, vielleicht hätte er fröhlicher die vorhandenen Nischen genutzt und vielleicht (ganz vielleicht nur!) hätte er mit seinen Wunderkräften hier und dort gezeigt, dass das Leiden so vieler nicht Gottes Willen ist. Ein gutes Wort bei seinem lieben Vater für uns eingelegt hätte er bestimmt, hat er bestimmt.

Und doch hätte Jesus sich mit uns unter das Geschehen gebeugt, hätte geschehen lassen, was auf dieser Welt geschieht, so wie er das zur Zeit seines Lebens und Wirkens gemacht hat, als er Kranke (einige wenige!), aber eben nicht die Krankheit geheilt hat, als er sich selbst für uns hingegeben hat, als er also nicht seinen Willen, sondern den seines Vaters im Himmel hat geschehen lassen. Wobei damit nicht unterstellt sei, dass Gott diese Pandemie will, aber wohl, dass Gott sie aus Gründen, die nur er kennt, geschehen lässt. Gleichzeitig setzt er Kräfte gegen das virale Böse auf vielfältige Weise frei: durch die Stärkung von medizinischer Pflege, Therapie und Forschung etwa oder durch Worte und Taten der Solidarität mit den Leidenden (ohne dass ich mir hätte vorstellen können, in welcher Weise auch die Dämonen destruktiver Irrationalität und des krassen Egoismus durch die Seuche entfesselt werden würden).

Auch das Wort, das uns als Jahreslosung für dieses Jahr gegeben ist, gehört zur Strategie Gottes gegen die Chaosmächte. Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen, sagt Jesus und will uns auf diese Weise sammeln – untereinander und vor Gott – als unter Gottes Wort versammelte Gemeinde. Und will uns so stärken.

Wir haben in dieser Zeit auf neue Art erfahren, wie weit Gottes Wort reicht, weit über die physische Präsenz von Menschen hinaus; und wir haben ebenso erfahren – leidvoll erfahren – wie sehr wir solche leibliche Gegenwart vermissen, wenn wir sie entbehren müssen. Aber was immer die aktuell herrschenden Bedingungen der Begegnung mit ihm sein mögen, steht doch seine bedingungslose Einladung an uns: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. Kein Wenn, kein Aber.

Klaus Neumann

Hilfe für Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine

Auch Nachbarn und Gemeindeglieder sind besorgt über die Ereignisse in der Ukraine und wollen helfen. Uns haben schon einzelne Angebote für Wohnungen für Kriegsflüchtlinge erreicht, andere fragen nach Möglichkeiten zu spenden.

Wir unterstützen deshalb das Angebot der Stadt Wiesbaden, sich bei einer dafür eingerichteten Stelle zu melden, wo alle Anfragen koordiniert werden.    

Wenn Sie privat Wohnraum zur Verfügung stellen möchten, wenden Sie sich bitte an: ukraine-hilfe@wiesbaden.de

Dort beantwortet ein Team von Freiwilligen alle Fragen rund um das Thema Unterbringung und Wohnraum sowie zur Sicherstellung des Lebensunterhalts der aus der Ukraine geflohenen Menschen.

Sollten Sie keine Möglichkeit haben, e-mails zu schreiben: melden Sie sich bitte beim Kirchenvorstand / Katrin Sünderhauf: 0172/9972889, wir leiten Ihr Hilfsangebot gern für Sie weiter.

Für Spenden: 
Diakonie Katastrophenhilfe, Berlin
Evangelische Bank
IBAN: DE68 5206 0410 0000 5025 02
BIC: GENODEF1EK1
Stichwort: Ukraine Krise

Sonntag Invokavit, erster Sonntag der Passionszeit, 6. März 2022

Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, dass ihr nicht vergeblich die Gnade Gottes empfangt. Denn er spricht (Jes 49,8): »Ich habe dich zur willkommenen Zeit erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.« Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!

Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit dieser Dienst nicht verlästert werde; sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Bedrängnissen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Aufruhr, in Mühen, im Wachen, im Fasten, in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig; als die Unbekannten und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben. (2. Korinther 6, 1-10)

Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!

Selten scheint ein Predigttext so daneben zu liegen wie heute; viel falscher geht es nicht, denn wann wenn nicht jetzt erleben wir Tage des Unheils und wann wäre das Zeitgeschehen unwillkommener gewesen als gerade jetzt. Beinahe sehnen wir uns in die Zeit zurück als nur Corona unsere Sorge war, von Migrationsproblemen oder Finanzkrisen zu schweigen und selbst der Klimawandel scheint hinter dem schrecklichen Krieg in unserer Nähe viel von seinem Schrecken zu verlieren. Unheil überall und von überall her. Es läuft gerade nicht so gut. Und dann hören wir das:

Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!

Im weiteren Verlauf unseres Textabschnitts wird deutlich, dass auch für Paulus das Heilswort nicht als Beschreibung der von ihm erlebten Wirklichkeit gemeint ist; sondern – wie bei uns gerade – unter seinem äußerlich sichtbaren Gegenteil auf ihn trifft: in Bedrängnissen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Aufruhr, in Mühen. Dennoch und trotzdem und gegen allen Augenschein ist jetzt die willkommene Zeit, ist der Tag des Heils! Wie unter dem Kreuz ist das Heil unter den Umständen und Zeitläufen verborgen – aber nicht weniger wahr. Alles ist schrecklich, aber alles wird gut – weil Gott alles gut gemacht hat und wieder gut machen wird.

Was unterscheidet eine solche Botschaft von einer bloßen Durchhalteparole, in Zeiten der Seuche, der Krise und nun des Krieges auszuhalten in großer Geduld? Was sollte uns dazu bringen, auf solche Worte zu hören, ihnen Glauben zu schenken? Was könnte uns davon überzeugen, dass trotz allem, was uns Sorgen macht und was uns bedrängt, auch heute ein Tag des Heils ist?

Nun, Durchhalteparolen sind gewöhnlich an andere gerichtet, die zu leiden haben, während man sich selbst schont; ganz anders der Apostel Paulus – und um den geht es zunächst in unserem Predigttext und eigentlich in seinem ganzen 2. Brief an die Korinther – der an sich zeigt, was es ihn kostet so zu glauben, wie er glaubt, und so zu leben, wie er lebt; wenn er von Bedrängnissen, Nöten, Ängsten, Schlägen, Gefängnissen, Aufruhr, Mühen spricht, dann von seinen eigenen, dann davon, dass er sie selbst erlebt hat und noch erlebt; was alles nicht wünschenswert, aber eben unvermeidbar ist, um Gottes Wort von der willkommenen Zeit, vom Tag des Heils auszurichten und selbst danach zu leben im Wachen, im Fasten, in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken.

Man muss sich hüten vor allzu vorschnellen Anknüpfungen oder kurzschlüssigen Bezügen, aber ich jedenfalls kann nicht anders als an den Präsidenten und den Bürgermeister in dieser fernen, nahen Stadt Kiew zu denken – gerade mal knapp zweitausend Kilometer von Wiesbaden entfernt und nach Google-Maps in 20 Stunden und angeblich ohne Stau – das dürfte ein Irrtum sein – auf Autobahnen über Ostdeutschland und Polen erreichbar. Seine, ihre Botschaften aus Bedrängnis und höchster Not sind ebenso wenig Durchhalteparolen sondern durch ihr Beispiel und das erhebliche Risiko für ihren eigenen Leib und ihr eigenes Leben beglaubigt.

Keine Mitfahrgelegenheit wolle er, auf das Angebot hin, ihn auszufliegen, keine Mitfahrgelegenheit wolle er, sondern Mittel zur Selbstverteidigung, Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, also Schwerter – rechts – zum Zurückschlagen und Schilder – links – zur Abwehr die Paulus nur metaphorisch und geistlich gemeint hat, die nun aber ein Gewaltherrscher die Angegriffenen im Wortsinn zu verstehen nötigt. Bei aller Undurchsichtigkeit im Nebel des Kriegsgeschehens, in dem bekanntlich die Wahrheit das erste Opfer ist, klingt in den Worten des hoffnungslos Unterlegenen das Wort der Wahrheit durch, dass ein solcher Überfall nicht gerecht sein kann und dass Selbstverteidigung ein Recht ist.

Im Weiteren skizziert Paulus die Unsicherheiten und Mehrdeutigkeiten, denen wir Menschen zeitlebens im eigenen und im Urteil der anderen ausgesetzt sind, besonders aber in Zeiten der Krise und des Krieges: Was ist die Wahrheit über mich? Was ist überhaupt Wahrheit? Und welches ist das Wort der Wahrheit? „Die einen sagen so, die anderen sagen so“, sagt der freundliche Kassierer im Tegut – selbst mutmaßlich kriegs- und fluchterfahren – und weiß nicht, was er aus den Nachrichten machen soll, außer sie mit Vorsicht zu genießen. Jedenfalls warnt er den Kunden, der eigentlich nur das Abendbrot einkaufen wollte, vor der Verwechslung der Wirklichkeit mit der Nachricht von ihr. So kann es im Land des Gewaltherrschers, der den jüdischen Präsidenten seines Nachbarlandes einen Nazi nennt, bis zu 15 Jahre Haft kosten, den Krieg Krieg zu nennen: Je nach Standpunkt und Blickrichtung kann sich Wahrheit in Lüge verwandeln und umgekehrt, wobei ich der altmodischen Vorstellung anhänge, dass nur eine gemeinsame Wahrheit diesen Namen verdient.

Paulus jedenfalls kennt diese unterschiedlichen, miteinander streitenden Sichtweisen auf dieselbe Sache, sieht sich ihnen selbst ausgesetzt, sieht sich und die seinen in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig; als die Unbekannten und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben.

Hin- und hergerissen aber nicht zerrissen; brennend aber nicht verbrennend; zerbrechlich aber nicht zerbrochen; ein tönernes Gefäß, das nichtsdestotrotz einen Schatz in sich trägt, von dem Paulus im selben Brief an anderer Stelle sagt: „Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, auf dass die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns. Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht.“ (2. Korinther 4,7f.)

Dieses Vexierbild unserer Existenz kann uns schwindelig machen; unser Leben mag schwanken in den Ambivalenzen und wanken in den Ambiguitäten der wirklichen Welt, unsere Sicherheiten mag durch böse Mächte und finstere Gestalten, den Wiedergängern des Teufels, den wir doch längst abgeschafft hatten, erschüttert werden, aber wir fallen nicht, weil Gottes Wort an uns nicht fällt, sondern uns aufrichtet.

Sein Zuspruch, dass jetzt wie stets die willkommene Zeit, der Tag des Heils ist, weil eben jede Zeit gleich unmittelbar zu Gott ist, erfüllt uns mit dem Heiligen Geist, der Kraft Gottes und befähigt uns zu Wahrheit und Gerechtigkeit in ungefärbter Liebe. So wenig der Apostel seinen Glauben und sein Leben vom Urteil der anderen abhängig gemacht hat, und so wenig er verzagt, obwohl ihm bange ist, so sehr sollen auch wir gerade in Bedrängnis und Not auf Gott und sein Wort hören. Nicht vor den bösen Mächten sollen wir uns beherrschen lassen, sondern von den guten Mächten geborgen wissen. Amen.

Noch will das alte unsre Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwere Last. Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen das Heil, für das du uns geschaffen hast.
Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet, so lass uns hören jenen vollen Klang der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, all deiner Kinder hohen Lobgesang.
Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

(Dietrich Bonhoeffer 1944)

Predigttext für den Sonntag Estomihi, letzter Sonntag vor der Passionszeit, 27. Februar 2022 

Und er fing an, sie zu lehren: Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen. Und er redete das Wort frei und offen. Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren. Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: Geh weg von mir, Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist. Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Will mir jemand nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten. Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme Schaden an seiner Seele? Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse? Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt unter diesem abtrünnigen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln. (Markus 8, 34-38)

Unter dem Eindruck der grässlichen Nachrichten aus der Ukraine hören wir heute in der Bibel davon, dass es das Leben in der Nachfolge Jesu, dass es das gute und wahre Leben nicht umsonst gibt, sondern dass das neue Leben uns etwas kosten kann und kosten wird, nicht weniger nämlich als das alte falsche Leben.

Unter dem Eindruck eines, der die Welt gewinnen will und darüber längst seine Seele verloren hat – aber was interessiert mich eigentlich dessen nachtschwarze Seele, wenn darüber so viele andere Seelen Schaden nehmen? – unter dem Eindruck eines, der sich nicht nur die übelsten Gewaltherrscher zum Vorbild nimmt, sondern gleich den Satan selbst mit seinem Lügen und Morden höchstpersönlich zum Beispiel zu nehmen scheint – Geh weg von mir, Satan! Aber so schnell wird man ihn nicht los – unter diesem Eindruck lesen und hören wir vom angekündigten Leiden, vom Verworfen werden, von den Kosten des gerechten und wahren Lebens, vom abtrünnigen und sündigen Geschlecht, und können doch gar nicht anders, als beides aufeinander zu beziehen:

Ja, der Satan hat immer wieder, auch heute Wiedergänger in der wirklich gelebten Welt, und dieser, der uns gerade plagt, vermag nach all den Jahren seines Unwesens – politische Meuchelmorde, Abschüsse ziviler Flugzeuge, getarnte Invasionen, rechtswidrige Annektionen, Unterstützung anderer Diktatoren, Manipulationen von Wahlen im eigenen und in fremden Ländern und so vieles mehr an Grausamkeiten und Scheußlichkeiten – dieser Unmensch vermag immer noch, erstaunlicherweise immer noch uns allzu harmlos Arglose zu überraschen mit seiner Heimtücke und seiner Bosheit, seinem Lügen und seinem Morden; und ja, es kostet etwas, ihn loszuwerden oder ihn zumindest auf Abstand zu halten: Geh weg von mir, Satan!

Aber wenn er sich als bösartiger Bär im Schafspelz erstmal eingenistet und unentbehrlich gemacht hat, kostet es umso mehr, ihn wieder loszuwerden; und es wird ein Vielfaches davon kosten – und es kostet die Menschen in der Ukraine jetzt schon ein Vielfaches – ihn nicht losgeworden zu haben und sich nicht aus seiner Abhängigkeit befreien zu können. Genau davon spricht unser Text: Von den Kosten des gerechten und wahren und letztlich des guten Lebens: Denn wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren.  

Natürlich weiß unser Bibeltext nichts von russischen Gewaltherrschern, aber er weiß von dem Wunsch, von der Gier von uns Menschen die Welt zu gewinnen, koste es was es wolle. Und der Text interessiert sich nicht für die armen Seelen in der Ukraine oder anderer überfallener Staaten, die solches gewalttätiges Weltgewinnen-Wollen kosten – andere Texte der Bibel natürlich sehr wohl – sondern unser Text interessiert sich für die Kosten für die eigene Seele selbst: Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme Schaden an seiner Seele? Er richtet sich also an uns, die wir im Durchschnitt weniger Schaden nach außen anrichten können als Diktatoren, aber deren Seele ganz genauso gefährdet ist wie die jener.

Dabei ist hier ja überhaupt nicht gemeint, dass jeder Wunsch, die Welt zu gewinnen, der Seele Schaden müsste. Wenn damit das Streben nach Erfolg gemeint ist, im Beruf, im Sport, in der Gesellschaft, auch im Wettbewerb der Staaten untereinander, dann darf man sich sicher sein, dass Gott seine Freude an uns hat, wenn wir mit den von ihm an uns gegebenen Gaben wirken. Unser Bibelwort richtet sich keineswegs mit einer generellen Warnung oder gar einem Verbot an die begnadeten Musiker, die Sportler, die Geschäftsleute, die Forscher oder die Politiker, keinen gerechten Gebrauch ihrer besonderen Gaben und Fähigkeiten zu machen – sondern es richtet sich an sie und uns alle, es bei unserem Erfolgsstreben nicht zu übertreiben, es also bei allen äußeren Erfolgen nicht gegen die Seele zu wenden, der Seele nicht zu schaden; unser Inneres nicht verhärten oder vereisen oder ausbrennen zu lassen. Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme Schaden an seiner Seele?

Jesus belässt es nicht bei diesem Wort, das – meine ich – auch den religiös Unmusikalischen verständlich sein müsste, sondern er fügt es ein in seinen Ruf in die Nachfolge. Dadurch verliert es nicht unbedingt an Allgemeinverständlichkeit, gewinnt aber an Konkretheit und an Konturen. Die Rücksicht auf das eigene Seelenheil besteht und geschieht in der Absage an die wahrscheinlich naturgegebene Rücksichtslosigkeit des natürlichen Menschen. Während dieser sich im immerwährenden Kampf ums Dasein befindet, in dem der Stärkste – und nur der Stärkste – überlebt, fordert Jesus uns auf, sein Lebensmodell zu übernehmen, das von der Rücksichtnahme für andere lebt und in der Hingabe für andere seine Erfüllung findet: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Nur die Hingabe an den anderen, also die Gabe, nichts für sich selbst zu sein zu vermögen, lässt mich – nach Jesus – das Leben und das Seelenheil finden.

Das erklärt dann auch den paradox formulierten Satz: Denn wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten.Nur wer bereit ist, die Gewaltlogik des natürlichen Menschen mit seinem Kampf ums Dasein zu verlassen, kann das wahre, gerechte und gute Leben erringen; er muss aber damit rechnen, das Leben zu verlieren. Sein Kreuz auf sich zu nehmen, heißt: das Leben am Kreuz verlieren zu können. Eine unerwartet harte Botschaft, die aber zu diesen unerwartet harten Zeiten passt.

Und man ist beinahe versucht, sie auch im Krieg in der Ukraine abgebildet zu finden, wenn die ukrainische Führung in ihrer Hauptstadt aushält und dabei droht ihr eigenes Leben zu verlieren, um dem Land ein besseres Leben zu ermöglichen; ein besseres als das miserable Leben unter der Gewaltherrschaft ihrer übermächtigen Nachbarn. Aber eine Versuchung und Täuschung wäre eine solche Deutung allein schon deshalb, weil das angegriffene und überfallene Land ja keineswegs freiwillig sondern aus äußerem Zwang das Schwächere ist und seine Selbstbestimmung verlieren wird. Wenn sie könnten, würden sie sich wehren – was sie ja auch noch tun.  

So bleibt uns das überaus unbefriedigende Fazit, dass das Wort vom Kreuz und der Ruf in die Nachfolge eben doch nicht zur Deutung solcher kriegerischer Konflikte geeignet ist, selbst wenn es in diesen Zeiten erklingt. Nach dem überwiegenden Zeugnis der christlichen Tradition lässt sich die Botschaft Jesu darauf – also auf staatliche oder zwischenstaatliche Konflikte – einfach nicht anwenden. Sondern wenn seine Botschaft eine Wahrheit hat, erweist sie sich in uns selbst: dort, wo die Seele sitzt: Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme Schaden an seiner Seele? Amen.

Besuch des Jüdischen Museums Frankfurt mit Führung

Am Sonntag, 3. April 2022, um 15.00 Uhr laden die ev. Thomasgemeinde und die kath. St. Mauritius-Gemeinde zu einer gemeinsamen Besichtigung des neuen Jüdischen Museums am Bertha-Pappenheim-Platz ein.

Im Oktober 2020 wurden das restaurierte Rothschild-Palais und ein neuer, architektonisch ebenfalls beeindruckender Lichtbau im früheren Garten des Palais von der Stadt Frankfurt feierlich eingeweiht. Mit seinen zwei Häusern – dem Museumskomplex am Bertha-Pappenheim-Platz und dem Museum Judengasse in der Battonnstraße – zählt das Jüdische Museum zu den sehenswertesten Institutionen der Frankfurter Museumslandschaft.

Sie können zwischen zwei Führungen (1 und 2), die beide um 15.00 Uhr beginnen und ca. 45 Minuten dauern, wählen. Im Anschluss haben Sie die Möglichkeit, sich bis 18.00 Uhr weiter im Museum umzuschauen. Die Hin- und Rückreise erfolgt privat (z.B. per S-Bahn S1 um 13.35 Uhr ab WI Hbf bis Ffm Hbf, dann 800m Fußweg entlang der Kaiserstr.; Parkhaus: z.B. „Am Theater“) . Im Jüdischen Museum gilt die 2G+-Regel. Die Führung selbst ist für die Teilnehmer kostenlos, der Eintritt pro Person kostet 7 Euro. Der Treffpunkt ist um 14.45 Uhr am Eingang bei der Sicherheitskontrolle. Da die Teilnehmerzahl begrenzt ist, bitten wir um Ihre Anmeldung bis Freitag, 1. April unter Tel. 0162.7474131 oder per Mail unter asmeine@gmx.de.

Tradition und Ritual (Führung 1): „Die Führung zeigt die Vielfalt der jüdischen Religionspraxis. Sie greift die Frage der innerjüdischen Diversität auf und ermöglicht den Zugang zur jüdischen Philosophie und zu den verschiedenen religiösen Ritualen, weist aber auch auf die Besonderheiten des individuellen, kollektiven, religiösen sowie kulturellen Selbstverständnisses hin.“

Highlights der Ausstellung (Führung 2): „Vielseitig und dynamisch präsentiert sich die jüdische Geschichte Frankfurts von 1800 bis heute. Sie öffnet Fenster zu den Errungenschaften der Emanzipation und zum Aufbruch in die Moderne. Zugleich zeigt sie, wie eng Aufklärung und Modernisierung mit Judenfeindschaft bis hin zur Schoa verbunden sind. Die Führung gibt einen Überblick zu den Themen unserer Dauerausstellung ‚Wir sind Jetzt. Jüdisches Frankfurt von der Aufklärung bis zu Gegenwart‘ und erzählt die Geschichte des Hauses. Dabei stellen wir die zentralen Objekte der Ausstellung vor.“

Jüdisches Museum Frankfurt
Bertha-Pappenheim-Platz 1
60311 Frankfurt am Main

Ukraine: Kirchen rufen zu Glocken und Gebet auf

Die ev. Thomasgemeinde lädt ab 25.2.2022 mit einem täglichen Glockengeläut um 12.00 Uhr zum Friedensgebet ein.

Der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung hat die evangelischen Gemeinden dazu aufgerufen, angesichts des Angriffs von Russland auf die Ukraine „von heute an und in den nächsten Tagen um zwölf Uhr die Glocken zu läuten und für den Frieden zu beten“. Das Läuten der Glocken sei ein „Aufruf, innezuhalten“ und auch „persönlich zu beten“.

Nach Worten Jungs ist der militärische Angriff der russischen Regierung „entsetzlich und versetzt viele Menschen in große Angst.“ Die Folgen seien nicht absehbar. Jung: „Ich unterstütze alle Appelle an die russische Regierung, die militärischen Aggressionen sofort zu beenden und die Truppen abzuziehen. Für alle, die jetzt politisch zu entscheiden haben, bitte ich um Besonnenheit und den Willen, Eskalationen zu vermeiden und Wege des Friedens zu suchen und zu gehen. Krieg bringt schreckliches Leiden und Not über Menschen. Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.“

Predigttext für den Sonntag Sexagesimä, zweiter Sonntag vor der Passionszeit, 20. Februar 2022

Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft geben müssen. (Hebräer 4,12-13)

Als ob sich das Wort vom „Wort als Schwert“ nicht von selbst verstünde, verweist die Lutherbibel zur Erklärung unserer Verse auf eine Bibelstelle im Buch der Richter im Alten Testament, in der der Richter und Retter Ehud dem – wie die Bibel schreibt – „sehr fetten“ Moabiterkönig Eglon ein Wort von Gott überbringt und dann linkshändig seinen Dolch in dessen mächtigen Bauch stößt: „Und Ehud sprach: Ich habe ein Wort von Gott an dich. Da stand er auf von seinem Thron. Ehud aber streckte seine linke Hand aus und nahm den Dolch von seiner rechten Hüfte und stieß ihm den in den Bauch, dass nach der Schneide noch der Griff hineinfuhr und das Fett die Schneide umschloss; denn er zog den Dolch nicht aus seinem Bauch.“ (Richter 3,20-22)

Diesen irritierenden Bezug auf diese drastische Begebenheit müsste man hier an unserer Stelle im Hebräerbrief eigentlich nicht bringen, da unser Autor an die Hebräer wohl kaum an den dicken König Eglon und den linkshändigen Richter Ehud gedacht hat, als er vom Wort Gottes als zweischneidigem Schwert sprach. Angebracht wäre für diesen Verweis schon eher eine sogenannte Triggerwarnung: Achtung, dieser Text enthält diskriminierende und gewalttätige Aussagen und Szenen, die Menschen verstören könnten. So wünscht sich das bekanntlich die „Schneeflöckchen“- Generation bei Inhalten in Büchern, Filmen oder Vorträgen, die Gewalt oder Diskriminierung enthalten: ein dicker, was sage ich: ein als sehr fett bezeichneter König wird brutal gemeuchelt und das auch noch aus womöglich rassistischen Gründen, oh Graus! Wenn schon vor „Dem dicken König Kalle Wirsch“ im Kinderbuch gewarnt werden muss.

Im Sinne solcher zartbeseiteter Schneeflöckchen – oder „snowflakes“, denn natürlich kommt sowohl das Phänomen als auch sein Name aus den Vereinigten Staaten zu uns herüber – müsste dann allerdings die ganze Bibel mit einer sehr, sehr großen Triggerwarnung versehen werden, da sie von Bruder- über Massenmord, von ethnischer Säuberung bis zu göttlich gefordertem Völkermord, von Darstellung sexueller Gewalt bis zur minutiös geschilderten Qual des Gottessohnes wenig auslässt. Andererseits bringe ich natürlich solche Scheußlichkeiten nicht dadurch aus der Welt, in dem ich meine Augen und Ohren vor ihnen verschließe. Man könnte eher umgekehrt von einer Wertsteigerung der Bibel durch ihren schonungslosen und alle Schneeflöckchen überfordernden Realismus sprechen: Sie spricht von der Welt, wie sie ist, aber wie sie nach Gottes Willen und Wirken nicht bleiben soll und nicht bleibt; darin liegt ihr Wert, und zwar gerade weil sie uns bisweilen wehtut.

Franz Kafka schreibt in einem Brief nicht über die Bibel, aber er meint etwas sehr Ähnliches:

“Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? Damit es uns glücklich macht, wie Du schreibst? Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten, und solche Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben. Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder vorstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.” (Franz Kafka in einem Brief am 27. Januar 1904)

Das Buch wie eine Axt und das Wort wie ein Schwert – fordernd und richtend, nur dann besteht eine Chance, dass nicht alles so bleibt wie es ist. Und genau so sind und genau das wollen die Bücher und Worte der Bibel; allerdings nicht alle Bücher in der gleichen Weise und nicht von allen ihren Autoren. Während die Propheten und in ihrer Nachfolge die Apostel wie Paulus das Wort Gottes – ganz im Sinne unseres Predigtwortes – vielfach als richterliches Schwert führen, um nämlich unhaltbare, gottlose Missstände zu benennen und zu kritisieren; selbst Jesus kann so sprechen, wenn er spricht: „Ich bin nicht gekommen den Frieden zu bringen sondern das Schwert“; während hier also die Schwerthaftigkeit des Wortes zur Geltung gebracht wird, wird es viel öfter doch ganz anders, geradezu gegenteilig gebraucht, als liebevolles, tröstendes, heilendes Wort, als Vokabel einer Sprache von Liebenden.

Selbst solche Sprache der Liebenden kann ja zum Schwert werden, in toxischen Beziehungen zumal, in denen dann auch jedes Wort, selbst das lieb-klingende Wort zum verletzenden Schwerthieb wird. Aber das ist natürlich nicht gemeint; sondern das Gegenteil ist gemeint, die liebevolle Verwendung von Sprache die nicht verletzt und nicht verletzen will; keinem Schwertstreich oder Axthieb gleicht, sondern einer zärtlichen Berührung oder einem sanften Streicheln; kein Angriff, auch kein Übergriff – sondern zartes Tasten im gegenseitigen Einverständnis.

Ausgerechnet der Apostel Paulus, den die Tradition mit dem Schwert verbindet und mit ihm darstellt und dem ja auch traditionell unser Hebräerbrief zugerechnet wurde, ausgerechnet also der schwerttragende und das Wort Gottes als Schwert bezeichnende Paulus also, hat uns unvergleichliche Worte der Liebe geschrieben, sein Hohes Lied der Liebe in seinem Brief an die Korinther, der freilich insgesamt und im Ganzen alles andere als ein Liebesbrief ist, hier aber schon:

„Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.“ (1. Korinther 13,4-7)

Die hier gemeinte – agapische oder gottförmige – Liebe als Selbstlosigkeit – „sie sucht nicht das Ihre“ – mit dem ausdrücklichen Schicklichkeitshinweis – „sie verhält sich nicht ungehörig“ – schützt die Liebe und bewahrt die Liebenden vor Grenzüberschreitung, die die Liebe zwar einerseits immer ist – sie überschreitet ja mich zu dir hin, und dich zu mir hin; aber sie darf unsere Grenzen eben nicht verletzen: „die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen“.

Denn das Wort als Schwert und das Wort als Liebkosung, beides, zielt auf unser Innerstes, auf mein innerstes intimstes Selbst, das ich selbst gar nicht erreiche, über das ich nicht verfüge, zu dem nur der Liebende vordringt, und letztlich nur Gott vordringt (was aber nach dem Wort der Bibel kein Unterschied und schon gar kein Gegensatz sein muss); Gott kommt mir in seinem Wort näher als ich mir selbst nahe zu sein vermag („interior intimo meo“, wie Augustinus sagte).

Das richtende und das liebende Wort Gottes dringt in unser Herz ein, indem es unsere Gedanken und Sinne richtet – und aufrichtet, wie Gott seinem Volk nach Gericht und Unheil wieder Heil verheißt und ihm seine Liebe erklärt; Gott spricht: „Ich habe dich je und geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte. Ich will dich wiederum bauen, dass du gebaut sein sollst, du Jungfrau Israel; du sollst dich wieder schmücken und mit Pauken anziehen im fröhlichen Tanz. Du sollst wiederum Weinberge pflanzen an den Bergen Samarias; pflanzen wird man sie und ihre Früchte genießen.“ (Jeremia 31,3-5)

Mir tut es jedenfalls gut, dass Gottes Wort nicht vor allem Axt und Schwert ist, das mich haut und sticht, das auch; aber zuerst und zuletzt das Wort, das mich erschaffen hat samt allen Kreaturen und mich in Liebe erhält, mich aufbaut und gelegentlich – bei aller Leibesfülle – sogar tanzen lässt.

Ehrung von Dr. Hans Seiler

(Terminänderung: der Termin wurde vom 27. Februar auf den 27. März verlegt.)

Am Sonntag, 27. März 2022, erhält Dr. Hans Seiler im Gottesdienst die Ehrenurkunde der EKHN aus den Händen von Dekan Dr. Martin Mencke als Anerkennung und Auszeichnung für seinen jahrzehntelangen und außergewöhnlichen ehrenamtlichen Einsatz in der Ev. Thomasgemeinde und im Dekanat Wiesbaden.

Dr. Seiler war 30 Jahre lang Mitglied des Kirchenvorstands (1979-2009), 19 Jahre Synodaler in der Dekanatssynode (1985-2009), 11 Jahre Mitglied des Bauausschusses der Thomasgemeinde (1998-2009) und seit 2003 Prädikant im Dekanat Wiesbaden. In dieser Funktion hielt er zwei- bis viermal jährlich Gottesdienste in der Thomaskirche und den umliegenden Gemeinden. Für die Thomasgemeinde organisierte und leitete er unzählige Gemeindefahrten zu sehenswerten Zielen in der Region. Er war Mitglied im sonntäglichen Liturgiechor der Gemeinde und arbeitete viele Jahre lang in der Redaktion des Gemeindebriefes mit.

Die Thomasgemeinde ist sehr erfreut über diese hohe Auszeichnung eines ihrer Mitglieder und dankt Herrn Dr. Seiler von Herzen für alles, was er für die Gemeinde geleistet und bewegt hat! Ein großer Dank gebührt dabei auch Ursula Seiler, seiner Frau, die so viele Unternehmungen stets mitgetragen und unterstützt hat.

Dr. Hans Seiler (Wittenberg 2015)
Rom 2017

Besuch der Wiesbadener Synagoge am 8.2.2022

Mitten in der Stadt, in einem Innenhof der Friedrichstraße, befindet sich die Wiesbadener Synagoge, aber nur wenigen ist sie tatsächlich bekannt. Mit einem lebhaften und detailreichen Vortrag führte Steve Landau, der Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde und Leiter der Jüdischen Lehrhauses, unsere Gruppe von St. Mauritius und der Thomasgemeinde in die Geschichte und den Alltag seiner Gemeinde ein und gab Antwort auf verschiedenste Fragen. Unter anderem erklärte er auch die Besonderheiten des 1966 eingeweihten Bauwerks mit den großen farbigen Fenstern. Besonders interessant war der Blick auf die hinter einem Vorhang verborgenen, prächtig geschmückten Torarollen! Wir sind froh und dankbar darüber, dass es eine lebendige jüdische Gemeinde in unserer Stadt gibt.

(Fotos: Klaus Neumann)