Predigttext für den Sonntag Estomihi, letzter Sonntag vor der Passionszeit, 27. Februar 2022 

Und er fing an, sie zu lehren: Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen. Und er redete das Wort frei und offen. Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren. Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: Geh weg von mir, Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist. Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Will mir jemand nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten. Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme Schaden an seiner Seele? Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse? Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt unter diesem abtrünnigen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln. (Markus 8, 34-38)

Unter dem Eindruck der grässlichen Nachrichten aus der Ukraine hören wir heute in der Bibel davon, dass es das Leben in der Nachfolge Jesu, dass es das gute und wahre Leben nicht umsonst gibt, sondern dass das neue Leben uns etwas kosten kann und kosten wird, nicht weniger nämlich als das alte falsche Leben.

Unter dem Eindruck eines, der die Welt gewinnen will und darüber längst seine Seele verloren hat – aber was interessiert mich eigentlich dessen nachtschwarze Seele, wenn darüber so viele andere Seelen Schaden nehmen? – unter dem Eindruck eines, der sich nicht nur die übelsten Gewaltherrscher zum Vorbild nimmt, sondern gleich den Satan selbst mit seinem Lügen und Morden höchstpersönlich zum Beispiel zu nehmen scheint – Geh weg von mir, Satan! Aber so schnell wird man ihn nicht los – unter diesem Eindruck lesen und hören wir vom angekündigten Leiden, vom Verworfen werden, von den Kosten des gerechten und wahren Lebens, vom abtrünnigen und sündigen Geschlecht, und können doch gar nicht anders, als beides aufeinander zu beziehen:

Ja, der Satan hat immer wieder, auch heute Wiedergänger in der wirklich gelebten Welt, und dieser, der uns gerade plagt, vermag nach all den Jahren seines Unwesens – politische Meuchelmorde, Abschüsse ziviler Flugzeuge, getarnte Invasionen, rechtswidrige Annektionen, Unterstützung anderer Diktatoren, Manipulationen von Wahlen im eigenen und in fremden Ländern und so vieles mehr an Grausamkeiten und Scheußlichkeiten – dieser Unmensch vermag immer noch, erstaunlicherweise immer noch uns allzu harmlos Arglose zu überraschen mit seiner Heimtücke und seiner Bosheit, seinem Lügen und seinem Morden; und ja, es kostet etwas, ihn loszuwerden oder ihn zumindest auf Abstand zu halten: Geh weg von mir, Satan!

Aber wenn er sich als bösartiger Bär im Schafspelz erstmal eingenistet und unentbehrlich gemacht hat, kostet es umso mehr, ihn wieder loszuwerden; und es wird ein Vielfaches davon kosten – und es kostet die Menschen in der Ukraine jetzt schon ein Vielfaches – ihn nicht losgeworden zu haben und sich nicht aus seiner Abhängigkeit befreien zu können. Genau davon spricht unser Text: Von den Kosten des gerechten und wahren und letztlich des guten Lebens: Denn wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren.  

Natürlich weiß unser Bibeltext nichts von russischen Gewaltherrschern, aber er weiß von dem Wunsch, von der Gier von uns Menschen die Welt zu gewinnen, koste es was es wolle. Und der Text interessiert sich nicht für die armen Seelen in der Ukraine oder anderer überfallener Staaten, die solches gewalttätiges Weltgewinnen-Wollen kosten – andere Texte der Bibel natürlich sehr wohl – sondern unser Text interessiert sich für die Kosten für die eigene Seele selbst: Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme Schaden an seiner Seele? Er richtet sich also an uns, die wir im Durchschnitt weniger Schaden nach außen anrichten können als Diktatoren, aber deren Seele ganz genauso gefährdet ist wie die jener.

Dabei ist hier ja überhaupt nicht gemeint, dass jeder Wunsch, die Welt zu gewinnen, der Seele Schaden müsste. Wenn damit das Streben nach Erfolg gemeint ist, im Beruf, im Sport, in der Gesellschaft, auch im Wettbewerb der Staaten untereinander, dann darf man sich sicher sein, dass Gott seine Freude an uns hat, wenn wir mit den von ihm an uns gegebenen Gaben wirken. Unser Bibelwort richtet sich keineswegs mit einer generellen Warnung oder gar einem Verbot an die begnadeten Musiker, die Sportler, die Geschäftsleute, die Forscher oder die Politiker, keinen gerechten Gebrauch ihrer besonderen Gaben und Fähigkeiten zu machen – sondern es richtet sich an sie und uns alle, es bei unserem Erfolgsstreben nicht zu übertreiben, es also bei allen äußeren Erfolgen nicht gegen die Seele zu wenden, der Seele nicht zu schaden; unser Inneres nicht verhärten oder vereisen oder ausbrennen zu lassen. Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme Schaden an seiner Seele?

Jesus belässt es nicht bei diesem Wort, das – meine ich – auch den religiös Unmusikalischen verständlich sein müsste, sondern er fügt es ein in seinen Ruf in die Nachfolge. Dadurch verliert es nicht unbedingt an Allgemeinverständlichkeit, gewinnt aber an Konkretheit und an Konturen. Die Rücksicht auf das eigene Seelenheil besteht und geschieht in der Absage an die wahrscheinlich naturgegebene Rücksichtslosigkeit des natürlichen Menschen. Während dieser sich im immerwährenden Kampf ums Dasein befindet, in dem der Stärkste – und nur der Stärkste – überlebt, fordert Jesus uns auf, sein Lebensmodell zu übernehmen, das von der Rücksichtnahme für andere lebt und in der Hingabe für andere seine Erfüllung findet: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Nur die Hingabe an den anderen, also die Gabe, nichts für sich selbst zu sein zu vermögen, lässt mich – nach Jesus – das Leben und das Seelenheil finden.

Das erklärt dann auch den paradox formulierten Satz: Denn wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten.Nur wer bereit ist, die Gewaltlogik des natürlichen Menschen mit seinem Kampf ums Dasein zu verlassen, kann das wahre, gerechte und gute Leben erringen; er muss aber damit rechnen, das Leben zu verlieren. Sein Kreuz auf sich zu nehmen, heißt: das Leben am Kreuz verlieren zu können. Eine unerwartet harte Botschaft, die aber zu diesen unerwartet harten Zeiten passt.

Und man ist beinahe versucht, sie auch im Krieg in der Ukraine abgebildet zu finden, wenn die ukrainische Führung in ihrer Hauptstadt aushält und dabei droht ihr eigenes Leben zu verlieren, um dem Land ein besseres Leben zu ermöglichen; ein besseres als das miserable Leben unter der Gewaltherrschaft ihrer übermächtigen Nachbarn. Aber eine Versuchung und Täuschung wäre eine solche Deutung allein schon deshalb, weil das angegriffene und überfallene Land ja keineswegs freiwillig sondern aus äußerem Zwang das Schwächere ist und seine Selbstbestimmung verlieren wird. Wenn sie könnten, würden sie sich wehren – was sie ja auch noch tun.  

So bleibt uns das überaus unbefriedigende Fazit, dass das Wort vom Kreuz und der Ruf in die Nachfolge eben doch nicht zur Deutung solcher kriegerischer Konflikte geeignet ist, selbst wenn es in diesen Zeiten erklingt. Nach dem überwiegenden Zeugnis der christlichen Tradition lässt sich die Botschaft Jesu darauf – also auf staatliche oder zwischenstaatliche Konflikte – einfach nicht anwenden. Sondern wenn seine Botschaft eine Wahrheit hat, erweist sie sich in uns selbst: dort, wo die Seele sitzt: Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme Schaden an seiner Seele? Amen.

Besuch des Jüdischen Museums Frankfurt mit Führung

Am Sonntag, 3. April 2022, um 15.00 Uhr laden die ev. Thomasgemeinde und die kath. St. Mauritius-Gemeinde zu einer gemeinsamen Besichtigung des neuen Jüdischen Museums am Bertha-Pappenheim-Platz ein.

Im Oktober 2020 wurden das restaurierte Rothschild-Palais und ein neuer, architektonisch ebenfalls beeindruckender Lichtbau im früheren Garten des Palais von der Stadt Frankfurt feierlich eingeweiht. Mit seinen zwei Häusern – dem Museumskomplex am Bertha-Pappenheim-Platz und dem Museum Judengasse in der Battonnstraße – zählt das Jüdische Museum zu den sehenswertesten Institutionen der Frankfurter Museumslandschaft.

Sie können zwischen zwei Führungen (1 und 2), die beide um 15.00 Uhr beginnen und ca. 45 Minuten dauern, wählen. Im Anschluss haben Sie die Möglichkeit, sich bis 18.00 Uhr weiter im Museum umzuschauen. Die Hin- und Rückreise erfolgt privat (z.B. per S-Bahn S1 um 13.35 Uhr ab WI Hbf bis Ffm Hbf, dann 800m Fußweg entlang der Kaiserstr.; Parkhaus: z.B. „Am Theater“) . Im Jüdischen Museum gilt die 2G+-Regel. Die Führung selbst ist für die Teilnehmer kostenlos, der Eintritt pro Person kostet 7 Euro. Der Treffpunkt ist um 14.45 Uhr am Eingang bei der Sicherheitskontrolle. Da die Teilnehmerzahl begrenzt ist, bitten wir um Ihre Anmeldung bis Freitag, 1. April unter Tel. 0162.7474131 oder per Mail unter asmeine@gmx.de.

Tradition und Ritual (Führung 1): „Die Führung zeigt die Vielfalt der jüdischen Religionspraxis. Sie greift die Frage der innerjüdischen Diversität auf und ermöglicht den Zugang zur jüdischen Philosophie und zu den verschiedenen religiösen Ritualen, weist aber auch auf die Besonderheiten des individuellen, kollektiven, religiösen sowie kulturellen Selbstverständnisses hin.“

Highlights der Ausstellung (Führung 2): „Vielseitig und dynamisch präsentiert sich die jüdische Geschichte Frankfurts von 1800 bis heute. Sie öffnet Fenster zu den Errungenschaften der Emanzipation und zum Aufbruch in die Moderne. Zugleich zeigt sie, wie eng Aufklärung und Modernisierung mit Judenfeindschaft bis hin zur Schoa verbunden sind. Die Führung gibt einen Überblick zu den Themen unserer Dauerausstellung ‚Wir sind Jetzt. Jüdisches Frankfurt von der Aufklärung bis zu Gegenwart‘ und erzählt die Geschichte des Hauses. Dabei stellen wir die zentralen Objekte der Ausstellung vor.“

Jüdisches Museum Frankfurt
Bertha-Pappenheim-Platz 1
60311 Frankfurt am Main

Ukraine: Kirchen rufen zu Glocken und Gebet auf

Die ev. Thomasgemeinde lädt ab 25.2.2022 mit einem täglichen Glockengeläut um 12.00 Uhr zum Friedensgebet ein.

Der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung hat die evangelischen Gemeinden dazu aufgerufen, angesichts des Angriffs von Russland auf die Ukraine „von heute an und in den nächsten Tagen um zwölf Uhr die Glocken zu läuten und für den Frieden zu beten“. Das Läuten der Glocken sei ein „Aufruf, innezuhalten“ und auch „persönlich zu beten“.

Nach Worten Jungs ist der militärische Angriff der russischen Regierung „entsetzlich und versetzt viele Menschen in große Angst.“ Die Folgen seien nicht absehbar. Jung: „Ich unterstütze alle Appelle an die russische Regierung, die militärischen Aggressionen sofort zu beenden und die Truppen abzuziehen. Für alle, die jetzt politisch zu entscheiden haben, bitte ich um Besonnenheit und den Willen, Eskalationen zu vermeiden und Wege des Friedens zu suchen und zu gehen. Krieg bringt schreckliches Leiden und Not über Menschen. Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.“

Predigttext für den Sonntag Sexagesimä, zweiter Sonntag vor der Passionszeit, 20. Februar 2022

Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft geben müssen. (Hebräer 4,12-13)

Als ob sich das Wort vom „Wort als Schwert“ nicht von selbst verstünde, verweist die Lutherbibel zur Erklärung unserer Verse auf eine Bibelstelle im Buch der Richter im Alten Testament, in der der Richter und Retter Ehud dem – wie die Bibel schreibt – „sehr fetten“ Moabiterkönig Eglon ein Wort von Gott überbringt und dann linkshändig seinen Dolch in dessen mächtigen Bauch stößt: „Und Ehud sprach: Ich habe ein Wort von Gott an dich. Da stand er auf von seinem Thron. Ehud aber streckte seine linke Hand aus und nahm den Dolch von seiner rechten Hüfte und stieß ihm den in den Bauch, dass nach der Schneide noch der Griff hineinfuhr und das Fett die Schneide umschloss; denn er zog den Dolch nicht aus seinem Bauch.“ (Richter 3,20-22)

Diesen irritierenden Bezug auf diese drastische Begebenheit müsste man hier an unserer Stelle im Hebräerbrief eigentlich nicht bringen, da unser Autor an die Hebräer wohl kaum an den dicken König Eglon und den linkshändigen Richter Ehud gedacht hat, als er vom Wort Gottes als zweischneidigem Schwert sprach. Angebracht wäre für diesen Verweis schon eher eine sogenannte Triggerwarnung: Achtung, dieser Text enthält diskriminierende und gewalttätige Aussagen und Szenen, die Menschen verstören könnten. So wünscht sich das bekanntlich die „Schneeflöckchen“- Generation bei Inhalten in Büchern, Filmen oder Vorträgen, die Gewalt oder Diskriminierung enthalten: ein dicker, was sage ich: ein als sehr fett bezeichneter König wird brutal gemeuchelt und das auch noch aus womöglich rassistischen Gründen, oh Graus! Wenn schon vor „Dem dicken König Kalle Wirsch“ im Kinderbuch gewarnt werden muss.

Im Sinne solcher zartbeseiteter Schneeflöckchen – oder „snowflakes“, denn natürlich kommt sowohl das Phänomen als auch sein Name aus den Vereinigten Staaten zu uns herüber – müsste dann allerdings die ganze Bibel mit einer sehr, sehr großen Triggerwarnung versehen werden, da sie von Bruder- über Massenmord, von ethnischer Säuberung bis zu göttlich gefordertem Völkermord, von Darstellung sexueller Gewalt bis zur minutiös geschilderten Qual des Gottessohnes wenig auslässt. Andererseits bringe ich natürlich solche Scheußlichkeiten nicht dadurch aus der Welt, in dem ich meine Augen und Ohren vor ihnen verschließe. Man könnte eher umgekehrt von einer Wertsteigerung der Bibel durch ihren schonungslosen und alle Schneeflöckchen überfordernden Realismus sprechen: Sie spricht von der Welt, wie sie ist, aber wie sie nach Gottes Willen und Wirken nicht bleiben soll und nicht bleibt; darin liegt ihr Wert, und zwar gerade weil sie uns bisweilen wehtut.

Franz Kafka schreibt in einem Brief nicht über die Bibel, aber er meint etwas sehr Ähnliches:

“Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? Damit es uns glücklich macht, wie Du schreibst? Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten, und solche Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben. Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder vorstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.” (Franz Kafka in einem Brief am 27. Januar 1904)

Das Buch wie eine Axt und das Wort wie ein Schwert – fordernd und richtend, nur dann besteht eine Chance, dass nicht alles so bleibt wie es ist. Und genau so sind und genau das wollen die Bücher und Worte der Bibel; allerdings nicht alle Bücher in der gleichen Weise und nicht von allen ihren Autoren. Während die Propheten und in ihrer Nachfolge die Apostel wie Paulus das Wort Gottes – ganz im Sinne unseres Predigtwortes – vielfach als richterliches Schwert führen, um nämlich unhaltbare, gottlose Missstände zu benennen und zu kritisieren; selbst Jesus kann so sprechen, wenn er spricht: „Ich bin nicht gekommen den Frieden zu bringen sondern das Schwert“; während hier also die Schwerthaftigkeit des Wortes zur Geltung gebracht wird, wird es viel öfter doch ganz anders, geradezu gegenteilig gebraucht, als liebevolles, tröstendes, heilendes Wort, als Vokabel einer Sprache von Liebenden.

Selbst solche Sprache der Liebenden kann ja zum Schwert werden, in toxischen Beziehungen zumal, in denen dann auch jedes Wort, selbst das lieb-klingende Wort zum verletzenden Schwerthieb wird. Aber das ist natürlich nicht gemeint; sondern das Gegenteil ist gemeint, die liebevolle Verwendung von Sprache die nicht verletzt und nicht verletzen will; keinem Schwertstreich oder Axthieb gleicht, sondern einer zärtlichen Berührung oder einem sanften Streicheln; kein Angriff, auch kein Übergriff – sondern zartes Tasten im gegenseitigen Einverständnis.

Ausgerechnet der Apostel Paulus, den die Tradition mit dem Schwert verbindet und mit ihm darstellt und dem ja auch traditionell unser Hebräerbrief zugerechnet wurde, ausgerechnet also der schwerttragende und das Wort Gottes als Schwert bezeichnende Paulus also, hat uns unvergleichliche Worte der Liebe geschrieben, sein Hohes Lied der Liebe in seinem Brief an die Korinther, der freilich insgesamt und im Ganzen alles andere als ein Liebesbrief ist, hier aber schon:

„Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.“ (1. Korinther 13,4-7)

Die hier gemeinte – agapische oder gottförmige – Liebe als Selbstlosigkeit – „sie sucht nicht das Ihre“ – mit dem ausdrücklichen Schicklichkeitshinweis – „sie verhält sich nicht ungehörig“ – schützt die Liebe und bewahrt die Liebenden vor Grenzüberschreitung, die die Liebe zwar einerseits immer ist – sie überschreitet ja mich zu dir hin, und dich zu mir hin; aber sie darf unsere Grenzen eben nicht verletzen: „die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen“.

Denn das Wort als Schwert und das Wort als Liebkosung, beides, zielt auf unser Innerstes, auf mein innerstes intimstes Selbst, das ich selbst gar nicht erreiche, über das ich nicht verfüge, zu dem nur der Liebende vordringt, und letztlich nur Gott vordringt (was aber nach dem Wort der Bibel kein Unterschied und schon gar kein Gegensatz sein muss); Gott kommt mir in seinem Wort näher als ich mir selbst nahe zu sein vermag („interior intimo meo“, wie Augustinus sagte).

Das richtende und das liebende Wort Gottes dringt in unser Herz ein, indem es unsere Gedanken und Sinne richtet – und aufrichtet, wie Gott seinem Volk nach Gericht und Unheil wieder Heil verheißt und ihm seine Liebe erklärt; Gott spricht: „Ich habe dich je und geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte. Ich will dich wiederum bauen, dass du gebaut sein sollst, du Jungfrau Israel; du sollst dich wieder schmücken und mit Pauken anziehen im fröhlichen Tanz. Du sollst wiederum Weinberge pflanzen an den Bergen Samarias; pflanzen wird man sie und ihre Früchte genießen.“ (Jeremia 31,3-5)

Mir tut es jedenfalls gut, dass Gottes Wort nicht vor allem Axt und Schwert ist, das mich haut und sticht, das auch; aber zuerst und zuletzt das Wort, das mich erschaffen hat samt allen Kreaturen und mich in Liebe erhält, mich aufbaut und gelegentlich – bei aller Leibesfülle – sogar tanzen lässt.

Ehrung von Dr. Hans Seiler

(Terminänderung: der Termin wurde vom 27. Februar auf den 27. März verlegt.)

Am Sonntag, 27. März 2022, erhält Dr. Hans Seiler im Gottesdienst die Ehrenurkunde der EKHN aus den Händen von Dekan Dr. Martin Mencke als Anerkennung und Auszeichnung für seinen jahrzehntelangen und außergewöhnlichen ehrenamtlichen Einsatz in der Ev. Thomasgemeinde und im Dekanat Wiesbaden.

Dr. Seiler war 30 Jahre lang Mitglied des Kirchenvorstands (1979-2009), 19 Jahre Synodaler in der Dekanatssynode (1985-2009), 11 Jahre Mitglied des Bauausschusses der Thomasgemeinde (1998-2009) und seit 2003 Prädikant im Dekanat Wiesbaden. In dieser Funktion hielt er zwei- bis viermal jährlich Gottesdienste in der Thomaskirche und den umliegenden Gemeinden. Für die Thomasgemeinde organisierte und leitete er unzählige Gemeindefahrten zu sehenswerten Zielen in der Region. Er war Mitglied im sonntäglichen Liturgiechor der Gemeinde und arbeitete viele Jahre lang in der Redaktion des Gemeindebriefes mit.

Die Thomasgemeinde ist sehr erfreut über diese hohe Auszeichnung eines ihrer Mitglieder und dankt Herrn Dr. Seiler von Herzen für alles, was er für die Gemeinde geleistet und bewegt hat! Ein großer Dank gebührt dabei auch Ursula Seiler, seiner Frau, die so viele Unternehmungen stets mitgetragen und unterstützt hat.

Dr. Hans Seiler (Wittenberg 2015)
Rom 2017

Besuch der Wiesbadener Synagoge am 8.2.2022

Mitten in der Stadt, in einem Innenhof der Friedrichstraße, befindet sich die Wiesbadener Synagoge, aber nur wenigen ist sie tatsächlich bekannt. Mit einem lebhaften und detailreichen Vortrag führte Steve Landau, der Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde und Leiter der Jüdischen Lehrhauses, unsere Gruppe von St. Mauritius und der Thomasgemeinde in die Geschichte und den Alltag seiner Gemeinde ein und gab Antwort auf verschiedenste Fragen. Unter anderem erklärte er auch die Besonderheiten des 1966 eingeweihten Bauwerks mit den großen farbigen Fenstern. Besonders interessant war der Blick auf die hinter einem Vorhang verborgenen, prächtig geschmückten Torarollen! Wir sind froh und dankbar darüber, dass es eine lebendige jüdische Gemeinde in unserer Stadt gibt.

(Fotos: Klaus Neumann)

Predigttext für den Vierten Sonntag vor der Passionszeit, 6. Februar 2022

Und alsbald drängte Jesus die Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm ans andere Ufer zu fahren, bis er das Volk gehen ließe. Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er auf einen Berg, um für sich zu sein und zu beten. Und am Abend war er dort allein. Das Boot aber war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen.Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem Meer. Und da ihn die Jünger sahen auf dem Meer gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht. Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht!

Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und sie stiegen in das Boot und der Wind legte sich. Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn. (Matthäus 14,22-33)

Heute müssen wir uns als Geisterjäger betätigen, als Ghostbusters in der Tradition der großen – und wie wir neuerdings wissen unsterblichen – Dr. Peter Venkman alias Bill Murray, Dr. Raymond „Ray“ Stantz alias Dan Ackroyd und Dr. Egon Spengler alias Harold Ramis, die die Geister jagten und die Gespenster dingfest machten; und die wenn sie aufs Meer gefahren wären, noch dort den Heiligen Klabautermann mit ihren nichtlizensierten Protonenbeschleunigern gefesselt und in ihrer Geisterfallen gesteckt hätten; aber darauf, dass es bei uns heute so lustig wird wie bei diesen drei, sollten wir nicht hoffen. Denn heute jagen wir die Geister unseres Unglaubens, die Gespenster unsere Ängste und die Phantasmen unserer heimlichsten, ungutesten Wünsche – in der Nachfolge des Petrus, der uns – als er einmal seinen Herrn Jesus für ein Gespenst hielt – einen gewaltigen Schritt vorausging und beinahe ertrank.

Nicht in die Geisterstunde – was ja passend wäre – entführt uns der heutige Predigttext sondern – noch viel passender – in die sogenannte Wolfstunde zwischen 3 und 6 Uhr, wie unsere Spukgeschichte uns in geradezu pedantischem, aber keineswegs überflüssigem Detail berichtet: in der vierten Nachtwache. In die Wolfstunde, wenn sich nach altertümlicher Vorstellung nur noch die Wölfe herumtreiben, bevor es zu Morgen dämmert, wenn die Glücklichen und die Gerechten ihren Schlaf schlafen, aber die weniger Glücklichen unter uns sich wach in ihren Kissen und in ihren Sorgen wälzen; das Gemüt geschwächt wie die psychologische Medizin weiß von einem Ungleichgewicht der Hormone: Melatonin, Serotonin und Cortisol, das eine zu viel, die anderen zu wenig; also beinahe so wie schon die Alten raunten, dass eine Krankheit einer unvorteilhaften Mischung unserer Körpersäfte geschuldet wäre. Wenn die Mischung nicht mehr stimmt, ist unsere Geisterabwehr geschwächt, unser Geist kann sich unserer Sorgen und Probleme nicht mehr erwehren, wir werden in unseren Nachtgesichten dorthin entführt, „wo die wilden Kerle wohnen“, wie schon das Kinderbuch erzählt; oder wovon das Morgenlied singt: „Heut als die dunklen Schatten/mich ganz umgeben hatten/hat Satan mein begehret/Gott aber hats gewehret“ (EG 446)

Nicht an einen sicheren Ort mit sicherem Halt und festem Boden unter den Füßen führt unsere Geschichte, sondern aufs Meer hinaus, aufs Galiläische Meer, wie der See Genezareth auch genannt wird; tagsüber meist idyllisch aber keineswegs immer und nachts unheimlich wie die große Tiefe, Tehom oder Tiamat, das Urmeer als Macht des Chaos, gegen das Gott in der allerersten unvordenklichen Zeit gekämpft hat und nach uralter mythischer Vorstellung Nacht für Nacht immer wieder neu kämpft. Dieser Kampf mit dem Urmeer hat ein fernes Echo in unserer Urangst vor dem Ertrinken. „Gott hilf mir! Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle. Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist; ich bin in tiefe Wasser geraten und die Flut will mich ersäufen.“ Betet der Psalmbeter (Psalm 69) Noch der moderne Folterknecht nutzt die Wasserangst des Menschen in der teuflischen Qual des Waterboardings.

Und nicht bei sicherem, ruhigem Wetter geschieht das alles, sondern bei Wind und Wetter, wenn es vom Libanon und von den Golan-Höhen herunterstürmt und den idyllischen See in das chaotische Urmeer verwandelt, aufwühlt – so sehr aufwühlt, wie wir in den aufgewühltesten, schlaflosesten Nächten sein können. Selbst unser Fischer Torben an der auch nicht immer braven Ostsee mag sich bei Wind nicht auf See wagen, dann gibt’s eben keinen Dorsch und keine Scholle am Morgen, das lässt sich verschmerzen; besser als in Seenot zu geraten, wie es den Jüngern Jesu nun nicht zum ersten Mal passiert.

In diesen dreifach schaurigen Rahmen – aus grausiger Zeit, unheimlichen Ort, und wildem, windigen Wetter – malt unsere Geschichte das Bild, in dem man selbst Jesus für ein Gespenst halten könnte und Petrus ihn für ein Gespenst gehalten hat. Er und die Seinen meinen, ein über das Wasser wandelndes Phantasma, ein plastisches Nebelbild, einen voll-beweglicher Klasse-5-Dunst, eine torsohafte Erscheinung zu sehen: Es ist ein Gespenst!, und sie schrien vor Furcht.

Zünftig, furchtloses Geisterjagen geht anders, wie wir durch die einschlägigen, eingangs genannten Aufklärungsfilme wissen. Unsere Geschichte gönnt uns den Spuk aber nicht und löst ihn zum phantastischen Wunder hin auf: Ihr Zufolge ist es tatsächlich Jesus, der, wie nach antiker und nach biblischer Tradition nur Götter das können, über das Wasser geht und seine Freunde zu beruhigen versucht: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht!

Und dann setzt unsere Geschichte in der Fassung des Matthäus – die anderen Evangelisten dürften das für eine unzulässige Übertreibung gehalten haben und schweigen davon – noch einen drauf, spinnt sie weiter und lässt erzählerisch gewagt aber psychologisch nicht unplausibel den Petrus in einer Mischung aus Zweifel, Übermut und Streberei um freies Geleit durch Wind und über Wellen bitten: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser.

Jesus reagiert mit einem reichlich lakonischen und wenig begeisterten: Komm her! Also: Na komm schon, wenn es sein muss; du wirst schon sehen, was du davon hast. Und muss einen Augenblick später den schon wieder schreienden, und nun pitschnassen Petrus – wie ein aus Neugier und Ungeschicklichkeit in jeden erreichbaren Brunnen fallendes Kleinkind, ich kannte mal so eins – mit starker Hand und ausgestrecktem Arm aus dem Wasser fischen: Jesus, ein Menschenfischer auch hier; während Petrus auf die unsanfte Art daran erinnert wird, dass es Menschen nicht zukommt, wie die Götter über das Wasser zu wandeln zu begehren. Du wirst nicht sein wie Gott!

Ob sich, wie es der Erzählverlauf zunächst nahezulegen scheint, die Vorhaltung Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? nur – oder überhaupt – auf das Irrewerden des Petrus an seiner vermeintlichen neuen Fähigkeit des Über-Wasser-Laufens bezieht, muss also sehr bezweifelt werden. Es scheint doch vielmehr ein globaler Vorwurf an Petrus und die Jünger zu sein, die immer wieder in Zaudern, Zweifeln und Zagen verfallen und bis zum bitteren Ende der Jesusgeschichte unsichere Kantonisten bleiben. Nur ganz gelegentlich gelingt ihnen wie hier zum ersten Mal das Christusbekenntnis: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn.

Mit beidem – dem Bedenken und dem Bekenntnis – richtet sich die Geschichte an uns; Denn sie weiß von den beständigen Rückfällen in die Nacht der Ängste, auf das Meer der Zweifel und in das Unwetter unserer übertriebenen Wünsche, die uns nicht weniger als die Jünger plagen. Aber sie kennt eben auch das Licht dieses Bekenntnisses, das uns empfohlen sei, wenn uns die Schrecken unserer Verzweiflung und die Schatten unserer Sünde den Seelenfrieden rauben. Wie die Schlaftherapeuten, die uns dazu raten, nicht allzu lange im Dunkeln mit den Dämonen zu ringen, sondern lieber im Licht der Nachttischlampe ein schönes Buch zu lesen, es muss ja nicht gerade eine Gespenstergeschichte sein.

Das hat sich der Evangelist Lukas wohl auch so gedacht, denn er wird die phantastische Seewandelgeschichte wie seine evangelistischen Kollegen gekannt haben und hat sich dennoch gegen ihre Aufnahme in seine Jesusbiographie entschieden. Vielleicht hat er geahnt, wieviel ungläubigen Spott sie auf sich ziehen wird – keine Sammlung von Jesuskarikaturen ohne seinen berühmten Gang übers Meer! – und dass sie, wenn sie im gläubigen Ernst nicht als Gespenstergeschichte erkannt wird, mehr Ärgernis als Glaubenszeugnis ist. Denn Gespenst will uns Jesus ja gerade nicht sein! Jesus ist kein Phantasma – darin hat unsere Geschichte recht; und gleicht auch keinem – darin hat sie sehr unrecht.

Sondern Jesus ist wahrhaftig Sohn Gottes, des Schöpfers des Himmels und der Erde, „der den Himmel ausgespannt hat und auf den Wogen des Meeres einherschritt“ (Hiob 9,8)

Predigttext für den letzten Sonntag nach Epiphanias, 30. Januar 2022

Als nun Mose vom Berge Sinai herabstieg, hatte er die zwei Tafeln des Gesetzes in seiner Hand und wusste nicht, dass die Haut seines Angesichts glänzte, weil er mit Gott geredet hatte. Als aber Aaron und alle Israeliten sahen, dass die Haut seines Angesichts glänzte, fürchteten sie sich, ihm zu nahen. Da rief sie Mose, und sie wandten sich wieder zu ihm, Aaron und alle Obersten der Gemeinde, und er redete mit ihnen. Danach nahten sich ihm auch alle Israeliten. Und er gebot ihnen alles, was der Herr mit ihm geredet hatte auf dem Berg Sinai. Und als er dies alles mit ihnen geredet hatte, legte er eine Decke auf sein Angesicht. Und wenn er hineinging vor den Herrn, mit ihm zu reden, tat er die Decke ab, bis er wieder herausging. Und wenn er herauskam und zu den Israeliten redete, was ihm geboten war, sahen die Israeliten, wie die Haut seines Angesichts glänzte. Dann tat er die Decke auf sein Angesicht, bis er wieder hineinging, mit ihm zu reden. (2. Mose 34,29-35)

Mose trägt Maske. Er schützt damit nicht zuerst sich selbst sondern seine vulnerablen Mitmenschen. Wir kennen das; nur dass bei Mose der Groschen schneller gefallen ist als bei uns.

Mose trägt Maske, bedeckt sein Antlitz, legt sich eine Decke aufs Gesicht, einen Schleier über den Kopf (übrigens keinen Aluhut; angestrahlt, aber nicht verstrahlt) – und zwar nicht um sich selbst vor einer zu hohen göttlichen Strahlenbelastung zu schützen; sondern um die anderen nicht seinem strahlenden Gesicht auszusetzen; denn das war es, weswegen sie sich fürchteten, ihm zu nahen. Nur von weitem und für einen kurzen Moment sehen sie sein strahlendes Angesicht sahen die Israeliten, wie die Haut seines Angesichts glänzte. Aber sie sehen es.

Mose trägt Maske, weil er strahlt und glänzt. Seine Gottesbegegnung – schon im brennenden Dornbusch hatte er die Stimme Gottes gehört – und nun die Begegnung hier am Sinai hat ihn verändert, auch sichtbar verändert. Er erscheint nun in einem neuen Licht, mit neuer Ausstrahlung, die alles und alle in den Schatten stellt, stellen würde. Es ehrt ihn doppelt, dass er als Träger göttlicher Ehre und Herrlichkeit – das hebräische Wort für Ehre meint zuerst die Herrlichkeit, den Lichtglanz Gottes; dass er damit die anderen nicht blenden will, kein Blender sein will. Er soll und will nicht als Chef verehrt und gefürchtet werden, sondern er will und soll als Diener seines Gottes und als Diener seines Volkes dessen Weg ausleuchten.

Mose trägt Maske, weil er glänzt, aber er will nicht auf anderer Leute Kosten glänzen, um die geht es ihm ja – um die anderen Leute – denen soll durch ihn ein Licht aufgehen; sie sollen durch ihn gestärkt, geleitet, geführt und befreit werden; denn so viel liegt hinter ihnen – die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten, der Zug durchs Meer – und so viel liegt noch vor ihnen – das verheißene Land, in dem Milch und Honig fließen – und vor allem – eine gute Ordnung für das neue Leben, Gesetze und Regeln der Freiheit.

Mose trägt keine Maske auf dem berühmten Marmorbildnis des Michelangelo, dafür trägt er Hörner, die sich durch einen Übersetzungsfehler in die mittelalterlich lateinische Version der Bibel geschlichen und auf den Moseskopf gepflanzt haben. Eigentlich und ursprünglich steht da was von Strahlen und nicht von Hörnern – gehörnt statt strahlend, darauf muss man erstmal kommen. Natürlich wird der Besucher – so wie wir als Gemeindegruppe vor fünf unendlich langen Jahren in der Kirche San Pietro in Vincoli in Rom – von jedem Reiseführer auf diesen berühmten Kunstfehler des Renaissancegenies hingewiesen, der übrigens leicht vermeidbar gewesen wäre, wenn Michelangelo sein Werk ein paar Jährchen später hätte schaffen können und durch die dann fertiggestellte Lutherbibel besser informiert gewesen wäre: strahlend statt gehörnt, ist doch klar!

Moses von Michelangelo
(c) Dino Quinzani from Brescia, Italy, Mosé (2475015425), CC BY-SA 2.0

Noch leichter vermeidbar gewesen wäre eigentlich der andere, deutlich schwerwiegendere Fehler, nämlich die fehlende Maske seiner Moseskulptur; aber vielleicht auch nicht. Bei Michelangelo trägt Mose keine Maske; dieses Zeichen der persönlichen Zurücknahme, der Selbstbeschränkung und Rücksicht auf die Schwachen passt nicht zum marmornen Herrscherportrait eines religiösen Genies der Renaissance, wie Michelangelo seinen Mose sich vorstellt und verbildlicht; also des Künstlers, der sogar den auferstandenen Christus als muskulösen Helden der Antike dargestellt hat – mit trainiertem Sixpack und elegantem Kontrapost (in der Kirche Santa Maria sopra Minerva nur einen Spaziergang in Rom von unserem Mose entfernt).

Was die Theologen meckern lässt, begeistert die Kunsthistoriker nichtsdestoweniger von Anfang an. Giorgio Vasari lobt und preist seinen etwas älteren Zeitgenossen Michelangelo in höchsten Tönen: „Er (Michelangelo) vollendete den 5 Ellen (also 2,35 m) hohen Moses aus Marmor, einer Statue, der kein modernes Werk an Schönheit je gleichkommen wird, wie es gleichermaßen von den antiken gesagt werden kann. In sitzender Position, von unsagbar würdiger Haltung, legt er einen Arm auf die Tafeln, während er sich mit der anderen in den Bart greift, der wallend und lang in einer Weise in Marmor ausgeführt ist, dass die Haare – womit die Bildhauerei große Schwierigkeiten hat – unendlich fein, flaumig weich und mit einzelnen Strähnen auf eine Weise wiedergegeben sind, dass es unmöglich scheint, wie der Meißel hier zum Pinsel wurde.“ (G. Vasari, Das Leben des Michelangelo 1550/1568; zitiert nach Wikipedia: Artikel zum Mose des Michelangelo)

Aber auch Vasari fällt auf, dass etwas, nämlich die Maske fehlt und wünscht sie sich – beinahe – dazu: „In seiner Schönheit besitzt das Gesicht in der Tat die Ausstrahlung eines wahren Fürsten, heilig und gewaltig, weshalb man ihn, während man ihn betrachtet, fast um einen Schleier bitten möchte, der sein Gesicht verhüllt, so strahlend und hell leuchtend wirkt es.“ (ebd.)

Während also Herrscherideal und Geniekult dem Mose die Maske verweigern, soll sie uns hingegen zum Zeichen des guten Fürsten werden, der als erster Diener seines Gottes und seines Volkes Rücksicht nimmt auf die Stärke des einen und die Schwäche der anderen. Es geht in der Bibel anders als bei unserem Künstler nicht um die Verherrlichung herrscherlicher Würde sondern um die von Gott verliehene Menschenwürde aller.

Ohne dass das im Bibeltext ausdrücklich vermerkt würde, kann man doch aus der Andeutung: als er dies alles mit ihnen geredet hatte, legte er eine Decke auf sein Angesicht – und aus dem Zusammenhang schließen, dass des Mose Rücksicht und Zurückhaltung seinem Auftrag entsprach und ihm zugutekam. Er sollte ja schließlich einem aufmüpfigen, streitlustigen und irregeleiteten Volk die Regeln für ein Leben in Freiheit vermitteln. Und es wird dem Mose eingeleuchtet haben – wie es ja auch uns einleuchten sollte – dass da ein zwingender, innerer Zusammenhang besteht, zwischen der Rücksicht gegenüber den Schwachen und den Freiheitsgesetzen einer Gesellschaft.

Gebote, Regeln und Gesetze, wenn sie denn taugen, schränken entgegen anderslautender Propaganda die Freiheit nicht ein, sondern ermöglichen sie erst – aber eben allen und auch den Schwächeren. Die propagandistisch verherrlichte Willkürfreiheit: frei ist der, und nur der, der seinen Willen durchzusetzen vermag – solche Willkürfreiheit ist dagegen gar keine, indem sie ausschließlich den Starken von der Rücksicht gegenüber Schwächeren befreit und zu einer Herrschaft der Starken und nicht zu einer Herrschaft des Rechts verleitet.

Mose und sein Werk sind weit über die von ihm gegründete Religion hinaus ein Symbol für die Freiheitlichkeit einer rechtsförmigen Gesellschaftsordnung. Gegen das Murren und Maulen seines Volkes und gegen größte innere und äußere Widerstände setzt er durch, dass das Zusammenleben seines Volkes Regeln folgt, dass diese Regeln das Erbarmen einschließen und die Schwächeren schützen und dass nur mit verbindlichen für alle geltenden Regeln ein Leben in Freiheit zu ermöglichen ist.

Für dieses Symbol passt natürlich – bei aller Bewunderung und Verehrung für das überwältigende Kunstwerk Michelangelos – sein Mose nicht; um einem solchen aus der Hand des Michelangelo zu begegnen, müssten wir unseren Spaziergang in der ewigen Stadt noch um ein gutes Stück verlängern, etwa über den Tiber hinweg zum Petersdom, in dem dann gleich rechts neben dem Eingang in einer Seitenkapelle die nicht minder berühmte Pieta unseres Künstlers steht, bei der sich in unüberbietbarer Zartheit eine mädchenhafte Maria liebevoll über den verstorbenen und von Gott aufzuerweckenden Jesus beugt und uns so das Gesetz des Erbarmens unmittelbar anschaulich verbildlicht – ganz ohne Maske.

Höchste Zeit mal wieder hinzufahren und nachzuschauen.

Fast wie neu…

Gemeindehaus der Thomasgemeinde frisch renoviert!

Dank des Einsatzes von Achim Hoock konnte pünktlich zum Jahresbeginn der Maler ins Gemeindehaus einziehen und innerhalb weniger Tage umfassende Arbeiten vornehmen. Jetzt erstrahlt das Gemeindehaus von innen und außen in neuem Glanz!

(Fotos: K. Neumann)

Neujahrsempfang der Thomasgemeinde 2022

(Foto: Michael Rau)

Am Sonntag, 30. Januar, feierte die ev. Thomasgemeinde ihren diesjährigen Neujahrsempfang mit einem Gottesdienst mit Pfarrer Dr. Klaus Neumann und einem kleinen feinen Konzert vor Freunden und Mitgliedern der Gemeinde. Gabriela Blaudow (Klavier) und Lisa Rau (Gesang) präsentierten Lieder quer durch die Musikgeschichte, von Händel und Schubert über Mendelssohn bis zu den Comedian Harmonists: „Wenn ich vergnügt bin, muss ich singen…“

Vergnügt und voller Zuversicht startet auch die Thomasgemeinde ins Jahr 2022 und lädt bald, da auf Essen und Trinken am 30.1. der Inzidenz wegen vorsichtshalber verzichtet wurde, zu einem Imbiss nach einem Sonntagsgottesdienst im Frühling auf dem Kirchplatz ein. Der Termin wird noch bekannt gegeben. Wir freuen uns, Sie dort zu sehen!