Predigttext für Palmsonntag, 28.3.2021

Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. In diesem Glauben haben die Alten Gottes Zeugnis empfangen. 

Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, an einen Ort zu ziehen, den er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme. Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen im Land der Verheißung wie in einem fremden Land und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung. Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist. Durch den Glauben empfing auch Sara, die unfruchtbar war, Kraft, Nachkommen hervorzubringen trotz ihres Alters; denn sie hielt den für treu, der es verheißen hatte. Darum sind auch von dem einen, dessen Kraft schon erstorben war, so viele gezeugt worden wie die Sterne am Himmel und wie der Sand am Ufer des Meeres, der unzählig ist.

Diese alle [- im Zusammenhang dieser Stelle werden noch Abel, Henoch, Noah, außerdem Isaak, Jakob, Josef, Mose, Josua und viele weitere große Glaubende des Alten Testaments genannt -] haben durch den Glauben Gottes Zeugnis empfangen und doch nicht die Verheißung erlangt, weil Gott etwas Besseres für uns vorgesehen hat: dass sie nicht ohne uns vollendet würden.

Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns umstrickt. Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, dass ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst. (Brief an die Hebräer 11,1-2[8-12.39-40]; 12,1.3)

Glauben ist nicht Wissen. Das kann man abwertend meinen wie in der unwirschen Nachfrage gegenüber einer Behauptung: „Glaubst Du das bloß, oder weißt Du das wirklich – dass der Bus kommt, dass Heinz und Frieda geheiratet haben, dass das das richtige Ergebnis der Matheaufgabe ist?“ Dann ist Glauben bloß eine mindere Form des Wissens oder eher eine Form des Unwissens.

Mit dem Aufstieg der Wissenschaften ist die Religion und ihre Glaubensvorstellungen in diesem abwertenden Sinn ins Hintertreffen geraten, so dass viele der Religion überhaupt keinen Platz mehr einräumen wollen, wie etwa der berühmte Evolutionsforscher Richard Dawkins, der alles, was nicht Wissen ist, für Humbug hält und der als „Gottes-Wahn“ bekämpft werden muss. Ist es Religion? Dann kann es weg!

Glauben ist nicht Wissen. Das kann man abwertend meinen, muss man aber nicht! Nach dem Autor des Hebräerbriefes ist Glauben keineswegs eine mindere Form des Wissens sondern eine andere, vielleicht sogar bedeutsamere, anspruchsvollere Form der Gewissheit. Glauben bezieht sich nicht auf das Offensichtliche, das Sichtbare, das Vor-Augen-Liegende; nicht auf das dann zu Erforschende, Überprüfbare, das Verständliche und Selbstverständliche – sondern auf das was man nicht sieht, weil man es nicht sehen kann! Und zwar entweder, dass speziell ich es nicht sehen kann, sei es, weil ich am falschen Ort stehe oder weil ich nicht klug genug bin: das wäre dann nur für mich und meinesgleichen zu glauben aber grundsätzlich schon ein Gegenstand möglichen Wissens und nicht besonders sinnvoll, es grundsätzlich zu bezweifeln – wie etwa Berichte aus Ländern, in denen ich nicht war; oder etwa Forschungsergebnisse aus Disziplinen, in denen ich mich nicht auskenne – das dürften übrigens immer und für alle Menschen die weitaus meisten sein. An Viren müssen wir in der Mehrheit solange glauben, wie wir selbst keine medizinischen oder biologischen, besser noch virologischen Kenntnisse erworben haben. Trotzdem sind Viren natürlich kein Glaubensgegenstand sondern Wissen, nur nicht meins.

Außer diesem Glauben, der sich auf ein Wissen bezieht und grundsätzlich in ein Wissen verwandelt werden kann, gibt es nach Meinung unseres Autors und nach Meinung der Religionen weithin, einen Glauben, der nicht in Wissen aufgelöst werden kann, sondern grundsätzlich und immer Glauben ist und bleibt. Dieser Glauben bezieht sich auf Gott, der kein Gegenstand unseres möglichen Sehens oder Erkennens ist, und der im strengen Sinne noch nicht einmal „Gegenstand“ genannt werden sollte, weil Gott ja per Definition kein Gegenstand unserer Wirklichkeit sondern „die alles bestimmende Wirklichkeit“ (Rudolf Bultmann) ist: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht“ (Dietrich Bonhoeffer) Und da dürften selbst die wildesten Atheisten mit den glühendsten Gläubigen übereinstimmen.

Während Gottes Unwirklichkeit als Teil unserer Welt von den einen als atheistische Kritik verstanden und verwendet wird, gehört genau das (also Gottes weltliche Unwirklichkeit) für die Glaubenden zum Wesen Gottes als „Geheimnis der Welt“ (Eberhard Jüngel): Gott ist kein Teil der Welt, denn er ermöglicht diese Welt erst. Gott ist nicht Teil sondern Grund und Ursache unserer Welt: Er ist der, der schlechthin nicht zu sehen und zu erkennen ist. Er kann nicht gewusst sondern nur geglaubt werden. Nicht durch Wissen und Wissenschaft sondern allein durch den Glauben erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort geschaffen ist, dass alles, was man sieht, aus nichts geworden ist (Hebräer 11,3).

Wen wir etwas von Gott erfahren, dann durch Gottes eigenes Zeugnis an seine Propheten und Apostel, die Wolke der Zeugen: Diese alle haben durch den Glauben Gottes Zeugnis empfangen – und bis zu uns weitergeben. Können uns diese Zeugen für Gott mit ihrem Zeugnis überzeugen? Wie alle Zeugen stehen sie unter Vorbehalt: Sie können sich ja geirrt haben, sie können etwas falsch verstanden haben, sie können sich getäuscht haben oder getäuscht worden sein, sie können das Zeugnis teils vergessen und teils ausgeschmückt haben, sie könnten es auch willentlich verfälscht haben. All das ist sicherlich auch passiert, die historische Kritik an der Bibel versucht möglichst genau nachzuzeichnen, wie sich das Zeugnis gebildet, entwickelt und verändert hat – ohne es dabei aufzulösen.

Weil es diesen Vorbehalt gibt, spricht unser Autor von der Wolke der Zeugen, die nicht alleine für sich stehen, sondern insgesamt und gemeinsam als große Erzählung der Bibel Zeugnis abgeben und Glauben erwecken, längst nicht bei jedem. Wenn sie es aber tun, üben sie in uns eine Fähigkeit, die gerade in schwierigen Situationen und Krisen äußerst nützlich sein kann: nämlich den gegenwärtigen Zustand, die Misere, in der wir uns befinden, nicht für das Ganze zu halten, nicht in Gedanken zu verewigen: in dem Glauben halt, der eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und einem Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht ist.

Hier wäre nun alles einzutragen zwischen Kummer und Katastrophe, was uns gegenwärtig beherrscht aber nicht auf ewig beherrschen wird. Sogar die verdammte Pandemie wird zu Ende gehen, wie es uns der naive, aber schöne Glaubenssatz aus Italien im vergangenen Jahr lehrte: andrà tutto bene.

Und damit wird keineswegs einer Realitätsflucht das Wort geredet, sondern die Gewissheit geäußert, dass unser Beharren im jetzigen Leiden den Sinn hat, uns für die Zeit danach zu erhalten. Es ist sinnvoll jetzt durchzuhalten, damit am Ende auch für uns alles gut sein wird: Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist!

Das könnte noch allzu sehr nach Durchhalteparole klingen, zu unbestimmt, zu wolkig, so dass sich die Wolke der Zeugen zum Nebel verdichtete, ohne Anhaltspunkt, ohne klares Bild, auf was genau sich der Glauben richtet, denn der Gott, der bildlos verehrt werden will („Du sollst dir kein Bild von Gott machen!“ 10 Gebote), könnte sich als bloßer Grenzbegriff, als bloßer Fluchtpunkt, von dem alles herkommt und auf den alles hinläuft, in einem bloßen grauen Nebel des Glaubens verflüchtigen (eher: Nebel des Grauens!)

Deshalb fährt unser Autor fort und schreibt: Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens; den hat Gott uns zu seinem Bild gegeben, an das wir uns halten können in den Kämpfen unseres Lebens. Er – nämlich Jesus – ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines – nämlich Gottes – Wesens und trägt alle Dinge – nämlich die ganze Welt – mit seinem kräftigen Wort – nämlich dem Zeugnis, von dem schon die Rede war (Hebräer 1,3 als programmatischer Anfang des ganzen Briefes).

Zu dem verbalen Zeugnis über Gott kommt das sichtbare Bild, mit dem wir Gott selbst erblicken, das freilich schon unserem Autor – wie auch uns – nur als Zeugnis der Propheten und Apostel überliefert ist. Ein bisschen ist es also für uns wie mit dem Blinden, dem die Farben und Formen der sichtbaren Welt erklärt werden, ohne dass er sie selbst je sehen könnte – er sich aber dennoch daraus etwas bildet, das beinahe „Bild“ genannt werden kann. Eine Bildbeschreibung wird die unmittelbare Erfahrung des Bildes nicht ersetzen, muss aber fürs erste, für dieses Leben, für diese Kämpfe in Zuversicht und Wachheit reichen: Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, dass ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.

Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist

Jesus Christus spricht:
Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist.
(Lukasevangelium 6,36; Jahreslosung für das Jahr 2021)

Es versteht sich nicht von selbst, dass wir Gott für barmherzig und schon gar nicht, dass wir ihn für einen barmherzigen Vater halten. Gerade in Zeiten der Seuche könnte man ja auch auf das Gegenteil kommen, dass er grausam wäre, ein grausamer Herrscher, der uns Menschlein mit harter Hand straft und prüft und uns zeigt, wer der Herr ist. Es soll ja sogar solche Väter gegeben haben, die ihre Kinder mit harter Hand erziehen, getreu dem Bibelwort: „Wen der Herr lieb hat, den züchtigt er, und er schlägt jeden Sohn, den er annimmt.“ (Hebräerbrief 12,6 nach Sprüche 3,12) Und es soll sogar Theologen gegeben haben, die diese Form der schwarzen Pädagogik als die höhere Barmherzigkeit verkauften, Pfui Teufel!

Wahr bleibt, dass weder Gottes Barmherzigkeit am Lauf der Welt ablesbar ist (was die Bibel übrigens auch nicht behauptet; wohl aber gibt es historische Momente göttlicher Barmherzigkeit!), noch dass alle real existierenden Väter zum Bild der Barmherzigkeit taugen (was ebenfalls den Autoren der Bibel nicht entgangen ist; wohl aber erzählen sie und nicht nur ausnahmsweise von löblichen Beispielen!). Dennoch wissen wir, auch wenn wir selbst keinen solchen erlebt haben sollten, was mit der väterlichen Barmherzigkeit gemeint ist und nicht umsonst hat sich in der Bibel das Gottesbild „Vater“ weithin durchgesetzt – nach eher zurückhaltenden Anfängen im Alten Testament hin zur dominanten Metapher bei Jesus, der uns seinen Vater im Himmel als unseren Vater zu glauben gibt: „Vater unser im Himmel …“

Was genau ist mit der väterlichen, genauer (wie gleich zu sehen ist): elterlichen Barmherzigkeit gemeint, mit der uns Gott begegnet und mit der wir anderen begegnen sollen? Barmherzigkeit ist eher Kraft als bloße Eigenschaft, und zwar die, die von sich selbst absieht und anderes Leben schenkt: einem anderen seiner selbst Platz zum Leben einräumt. Das wird bildlich überdeutlich sichtbar an einem der vielen Begriffe für Barmherzigkeit in der Hebräischen Bibel, der nämlich zugleich auch Mutterleib bedeutet.

Natürlich ist Barmherzigkeit als das Geschenk des Lebens nicht zuerst oder vor allem biologisch gemeint, sondern umfassend als Selbstzurücknahme, als Verzicht auf eigene Ansprüche zugunsten eines anderen, der seine Ansprüche nicht anmelden, geschweige denn durchsetzen kann. Der Barmherzige gibt von dem, was er zu viel hat, einem anderen, der davon zu wenig hat. Das müsste er nicht – aber vielleicht doch und deshalb hat die Bibel Alten Testaments neben die großen Bereiche des Straf- und des Kultgesetzes den nicht geringeren des Erbarmensgesetzes gesetzt, dessen Grund und Auftrag unser Bibelwort zusammenfasst: Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist.

Barmherzigkeit ist nach biblischem Verständnis nicht die philanthropische Kür der Privilegierten, die sie sich leisten können, sondern von Gott auferlegte Pflicht, sich von der Bedürftigkeit anderer anrühren zu lassen und mit ihnen die eigenen Lebensmöglichkeiten zu teilen. Sie ist der für eine gelingende Gesellschaft unverzichtbare Verzicht auf eigene Privilegien zugunsten von Solidarität mit denen, die weniger vom Leben haben, damit auch die leben können.

Klaus Neumann, Pfarrer

Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist

Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen. Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes und dein Recht wie die große Tiefe. Herr, du hilfst Menschen und Tieren. Wie köstlich ist deine Güte, Gott, daß Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben! Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses, und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom. Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht. (aus Psalm 36).

Mein Lieblingspsalm spricht und singt von der alles umfassenden Gnade Gottes, der Leben und immer mehr und neues Leben schenkt. Ich spreche ihn bei den meisten Tauf- und Traugottesdiensten, die in besonderer Weise Feste des Lebens sind, das Leben feiern, und spreche ihn auch sonst gern, und denke an ihn in der Natur, am Meer, in den Bergen, unter weitem Himmel: Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist. Auch in diesem Jahr ist das so, in dem so vieles anders ist oder doch anders scheint. Eindringlich, vielleicht eindringlicher als sonst oft vermittelt die Seuche die Zerbrechlichkeit unseres menschlichen Lebens; aber wer einmal ernsthaft krank war oder einen Sterbenden begleitet hat, wusste das eigentlich schon vorher, dass wir zerbrechlich, dass wir sterblich sind; das wussten ja schon die alten Griechen, die die Menschen die „Sterblichen“ nannten und in der Bibel steht es natürlich auch: Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden (Psalm 90,12).

Auch unsere Psalmverse wissen davon, deuten das an, wenn von Hilfe, von Zuflucht, von Licht die Rede ist: Hilfe wovor, Zuflucht wohin, Licht in der Dunkelheit? Ohne diese Tiefendimension, ohne den Schatten über dem Bild, das der Psalm zeichnet, wäre es bloß Kitsch, ein alberner Schlager oder leerer Trivialroman. Der könnte uns allenfalls betäuben, aber nicht erheben, was er doch tut. Menschliches Leben ist hilfsbedürftig, braucht Zuflucht und Schutz, sucht Orientierung, wenn es geht, Orientierung am Licht des Lebens, damit wir nicht im Dunkeln herumirren. Zerbrechlichkeit und Sterblichkeit kränken unseren Anspruch auf Autonomie, wieso es nur folgerichtig, aber absurd ist, dass viele Menschen und mittlerweile sogar das meistens doch ganz vernünftige Bundesverfassungsgericht den selbstgewählten Tod – also die definitive Negation von Autonomie – für den letzten Test und entscheidenden Ausdruck menschlicher Selbstbestimmung halten.

(Dass wir diesem Urteil des Gerichts weniger als die notwendige Beachtung und Kritik zuwenden, gehört zu den Kollateralschäden der Seuche, die alle Aufmerksamkeit auf sich zieht.) Das Leben aktiv zu beenden oder dabei zu helfen, darf nicht für staatliche oder ärztliche Pflicht gehalten werden, sondern vielmehr die Fürsorge der Lebenden für die Sterbenden. (Und dass in Zeiten der Seuche so viele Menschen unbegleitet und ungetröstet sterben mussten, das ist allerdings ihr größter Schaden.)

So wie Religion möglicherweise im Bestattungskult einen Ursprung hat, so lässt sich – glaube ich – umgekehrt unser Sterben nicht ohne den Glauben denken und ertragen. Mit dem Leben hat uns Gott das Sterben gegeben, leben können heißt sterben müssen (was hier religiös gemeint ist, aber auch biologisch stimmt.) Unsere Aufgabe als Menschen, unsere Lebensaufgabe besteht darin, das Geschenk unseres Lebens anzunehmen – zu feiern! – und dabei dem, der uns das Leben gab, so zu vertrauen, dass wir es loslassen können, wenn er es uns wieder nimmt. Nicht zufällig bildet der Himmel den Ort ab, an den uns Gott nach dem Tod führt: Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist – viel weiter, als wir uns das denken können.

Klaus Neumann, Pfarrer

Ich glaube, hilf meinem Unglauben! (Markus 9, 24)

Auf halbem Weg zwischen Glauben und Zweifel trifft mich dieses Wort. Wo kommt es her? Ein über seinen kranken Sohn verzweifelter Vater schreit es Jesus entgegen, der soll ihm helfen: Ich glaube, hilf meinem Unglauben! Von Kind auf quält den Sohn ein sprachloser Geist, reißt ihn in Anfällen hin und her, droht ihn zu zerreißen, den Vater gleich mit. Es wäre keine Wundergeschichte aus dem Neuen Testament, wenn sie nicht glücklich endete: Jesus bedroht den sprachlosen Geist und gebietet ihm auszufahren und er fährt aus. Und dann liegt der Sohn da wie tot, sodass alle sagen, er sei tot. Jesus aber ergreift seine Hand und richtet ihn auf – und er steht auf! (Markus 9,14 – 29, stark gekürzt) Auch eine Auferstehungsgeschichte!

Nicht selten ist Sprachlosigkeit für unsere Probleme verantwortlich, einen dämonisch gedachten sprachlosen Geist müssen wir gar nicht annehmen; wenn das Gespräch zwischen ehemals Liebenden verstummt; wenn ich meinen Kindern nicht sagen kann, was mir wichtig ist, und umgekehrt; wenn Partner sich nichts mehr zu sagen haben. Wer redet, ist nicht tot, aber umgekehrt: wer immer nur schweigt, ist schon beinahe halbtot. Vielleicht ist es ja doch ein böser Geist, der uns die Sprache nimmt; nicht einfach nur die Worte im Munde verdreht, wie das in alten Zeiten der Teufel (der diabolus, der alles „Durcheinander-Werfer“) gemacht hat, sondern uns die Worte stiehlt, uns verstummen lässt.

Einiges spricht dafür, dass auch für unsere religiösen Probleme, für unseren Unglauben, für unsere Zweifel an Gott dem Vater, dem Allmächtigen, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, und unsere Zweifel an Jesus Christus, seinem eingeborenen Sohn, und unsere Zweifel am Heiligen Geist eine Sprachlosigkeit Schuld ist. Wir können nicht (mehr?) darüber reden, was uns unbedingt angeht; nicht mehr davon, woher wir kommen, wohin wir gehen. Selbst wenn wir nicht einfach bloß abgelenkt sind und vor uns hindatteln (wer täte das nicht?), sondern uns um ernsthafte Dinge kümmern: Wissenschaft, Technik, Medizin (wer tut das schon?). Die erklären so viel, erleichtern, verbessern unser Leben, aber selbst sie können nicht unsere Lebensfragen beantworten. Hauptsache gesund? Auch der gesunde Greis ist nicht unsterblich und will wissen, wohin er geht. Das perfekte Fahrzeug kann uns überallhin und bequem transportieren, aber warum eigentlich? Irgendwann landet jeder SUV sonntags früh beim Bäcker, der auch zu Fuß erreichbar wäre. Und das menschliche Wissen war noch nie so umfassend wie heute, aber es scheint vor allem neue Fragen zu produzieren: Ich weiß, dass ich nichts weiß; das ist schon eine Menge, aber keine wirklich neue Erkenntnis.

Es ist der Alltagsatheismus, der entweder alles zu wissen meint oder von nichts Wichtigem wissen will, der uns religiös sprachlos macht. Und es braucht diese Grenzsituationen, wie sie unsere Wundergeschichte beschreibt – schlimme Krankheit, das Leiden unserer Kinder, Menschen in Not, Todesangst und Todeswirklichkeit – um uns unsere Sprachlosigkeit, unseren Unglauben zu zeigen, sie aufzubrechen, damit wir auch – vielleicht – sagen können: Ich glaube, hilf meinem Unglauben!

Unsere seltsame Wundergeschichte endet mit einem seltsamen Satz: Auf die Frage der Jünger, warum sie den sprachlosen Geist nicht austreiben konnten, antwortet Jesus: Diese Art kann durch nichts ausfahren als durch Beten. Also: Sprachlosigkeit kann nur durch Sprechen überwunden werden, Unglauben nur durch Glauben. Wenn ich verstumme, brauche ich einen, der mich anspricht, der mich aus meinem Schweigen erlöst. Und ich brauche einen Fürsprecher, der gelegentlich ein gutes Wort für mich einlegt bei den Menschen und bei Gott: Kommt, reden wir zusammen; wer redet, ist nicht tot.

Klaus Neumann, Thomasgemeinde

Meine Zeit steht in Gottes Händen – Psalm 31

Nach einem wunderschönen Urlaub und am Ende herrlich langer Ferien kommt die Jüngste des Hauses eines Abends nicht zur Ruhe, weint bitterlich und klagt, „dass die Zeit, dass alles so schrecklich schnell vergehe“. Nicht etwa nur Urlaub und Ferien, woran das Problem aber deutlich, ja unvermeidlich wird, sondern eben alles und wir dann doch wohl auch werden vergehen, so schnell. Wie kann man sie trösten?

Tränen und Klage, dass „die Zeit so schrecklich schnell vergehe“ erwartet man eher von 80jährigen als von einer Achtjährigen. Aber auch schon ein Kind kann über das Bedauern über das Ende der Ferien hinaus, diesen metaphysischen Schmerz empfinden, dass alles ein Ende hat, auch unser Leben. Vielleicht ist das Empfinden und das Erschrecken über diese Erkenntnis beim ersten Mal sogar am schrecklichsten, wenn es unsere Gewissheit einer stabilen Harmonie der Welt erschüttert: Nein, es wird nicht immer so sein, wie es jetzt ist; nein, das Leben geht nicht weiter, immer so weiter – zumindest für den nicht, der das jetzt denkt und empfindet und darüber schon als Kind in Tränen ausbrechen kann. Was kann uns trösten?

Erstmal so leicht nichts; und wir sollten uns davor hüten, uns und andere zu vertrösten. Das metaphysische Übel der Endlichkeit (Leibniz) des natürlichen Lebens ist genauso schlimm, wie es sich in den Wahrheitsmomenten unseres Lebens anfühlt, und es ist unheilbar. „Alles Fleisch ist wie Gras“, sagt die Bibel, sagen Jesaja und Petrus, und wer wissen will, wie das gemeint ist, hört nach bei Brahms – oder besser noch, singt gemeinsam in einem Chor das Brahms-Requiem und erlebt dann doch – gemeinsam singend – jenen nicht geringen Trost, den die Kunst und den die solidarische Gemeinschaft der Sterblichen vermittelt.

Gemeinsam den Zumutungen unseres Lebens begegnen und sie womöglich in Kunst zu verwandeln – oder sie wenigstens als Kunst zu genießen: beide Verfahren der Schicksalsbewältigung haben sich bewährt, aber eben nur soweit bewährt, wie unter Menschen möglich. Trotz anderslautender Gerüchte machen uns weder die Liebe noch die Kunst unsterblich, auch wenn beides, die Liebe den Tod des Liebenden und die Kunst den des Künstlers, überlebt. Aber Goethe und Mozart sind tot, Romeo und Julia auch, wir werden folgen. Was kann uns trösten?

Die Bibel und der christliche Glaube machen uns ein Angebot, das wir nicht leichtfertig ausschlagen sollten. Sie behaupten nicht, dass Gott unser Leben verlängert oder nach dem Tod zurückgibt. (Beides ist mit Auferweckung und ewigem Leben gerade nicht gemeint!) Gott belässt es bei unserer Sterblichkeit, aber er lässt uns unser Leben in einem neuen Licht sehen. Er schlägt uns einen Perspektivenwechsel vor. Nicht von uns aus sollen wir auf unser Leben schauen sondern von Gott aus. Ja, „alles Fleisch ist wie Gras und alle Herrlichkeit der Menschen wie des Grases Blume. Das Gras ist verdorrt und die Blume abgefallen; aber des Herrn Wort bleibt in Ewigkeit“ (Jesaja 40; 1. Petrus 1).

Meine Zeit steht in Gottes Händen. Unsere menschliche Lebenszeit ist eingebettet von Gottes Ewigkeit. Wir Menschen wohnen in Gottes Ewigkeit. Wir können uns an Gott halten, weil er uns hält. Dann und so gehalten können wir uns nach dem metaphysischen Schrecken über das Ende von allem wieder der Herrlichkeit des menschlichen Lebens zuwenden. Die steht nicht für sich – sondern in Gottes Händen.

Klaus Neumann, Pfarrer der Thomasgemeinde

Zeige deine Wunde

Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben.(Johannesevangelium 20,25)

„Zeige deine Wunde“ heißt eine Installation des Künstlers Joseph Beuys aus den Jahren 1974-75, die zu ihrer Zeit große Unruhe geschaffen hat: zu irre, zu teuer, zu verstörend. Genau so muss Kunst sein! Die Installation zeigt Gegenstände aus Klinik und Pathologie und zwar jeweils paarweise. Sie verweist auf die Verletzlichkeit von uns Menschen, unsere Angewiesenheit auf jemanden, der uns liebt, und sie verweist auf die Geschichte, die den Namensgeber unserer Gemeinde bekannt gemacht hat.

Jesus zeigt dem zweifelnden Thomas seine Wunde. Dann und deshalb kann dieser an ihn glauben. Erst die Wunde, die Verletzung, die Verletzlichkeit des Menschen Jesus machen ihn glaubwürdig – für Thomas und damit für uns. Da ist einer wie wir, die wir verletzlich und verletzt leben. Die Wunde zeigt, dass Jesus nicht bloße Fiktion, nicht bloße Fantasie, keine Einbildung ist, sondern ein wirklicher Mensch, der wirkliche Mensch Jesus. So betrachtet erzählt Johannes nicht die Geschichte vom „ungläubigen Thomas“, sondern vom „wirklichen Jesus“.

Die Aufforderung des Thomas „Zeige deine Wunde“ hat seit jeher (nicht erst seit Beuys) dazu angeregt, das „Zeige deine Wunde“ zu zeigen, sozusagen als Intensiv- und Dringlichkeitsstufe der Passionsbetrachtung: Ich sehe im Thomasgeschehen nicht „nur“ den leidenden Jesus, sondern ich sehe, wie jemand den leidenden Jesus zu begreifen versucht, wie jemand deshalb mit seinen Händen in die Wunde greift, wie jemand seine Finger in die Wunde legt. Gerade die barocken Darstellungen kennen keine Scheu, uns mit dem Anblick der maximal invasiven Finger des Thomas in der Wunde des Jesus – faszinierend und erschreckend – zu verstören. So wie früher, wenn wir uns gegenseitig die blutenden Knie beim Spielen zeigten und dann – angezogen und abgeschreckt – hinschauen mussten, aber eigentlich nicht hinschauen konnten. Die Wunde zu zeigen, offenbart meine Verwundbarkeit als Mensch und weist mich damit als Mensch aus. Indem ich meine Wunde zeige, offenbare ich mich auch als Individuum, als dieser eine besondere Mensch mit dieser einen, eigenen und besonderen Wunde: Zeige deine Wunde! Worin besteht meine Verletzlichkeit, wo ist meine Schmerzgrenze, was ist meine Verwundung, die ich trage? Indem ich so frage und den anderen so fragen lasse, wird die Wunde zum Zugang zu meinem Innersten, zu dem, was mich ausmacht, zu meiner Seele. Nicht jeden geht das an, aber die, die es angeht, lernen mich kennen. Die Wunde zu zeigen, sich gegenseitig die Wunde zu zeigen, zeigen zu können, heißt Liebe, weil es das Vertrauen voraussetzt, dass dem eigenen Leiden ein Mitleiden entspricht.

Darauf – auf diesem Hineinfühlen und Mitfühlen (analog dem Fassen und Greifen der Hände) – beruhen unsere Liebesverhältnisse – zu unseren Lieben, zu Gott. Zeige deine Wunde! ist also die Aufforderung sich lieben zu lassen, seine Verletzlichkeit einem anderen anzuvertrauen, seine Verletzung zur Öffnung zum Innersten seiner selbst zu machen, sich zu offenbaren. Deshalb zeigt Jesus seine Wunden und deshalb müssen wir in der Nachfolge Jesu unsere eigenen Wunden nicht verbergen.

Klaus Neumann, Thomasgemeinde

Bewegung

Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Wind und Regen gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann. (Paul Gerhardt, Evangelisches Gesangbuch 361)

Unsere Spaziergänge, unsere Wanderungen, unsere Ausflüge, unsere Reisen – da steht jetzt wieder einiges an – sind alle mehr, als was sie zunächst scheinen: Zerstreuung, Erholung, Entdeckung, Bildung bestimmt – aber darüber hinaus auch noch Sinnbild für unser Leben. Das ist in Bewegung. Noch das ruhigste, scheinbar gleichförmigste, stabilste, an ein und demselben Ort verbrachte, mönchischste Leben (die Mönche sprachen von der stabilitas loci) – noch ein solches Leben ist im eigentlichen Sinne bewegt zu nennen. Unser Heidelberger Frisör erzählte uns bei jedem Besuch, dass er niemals in seinem Leben aus dem Neckartal herausgekommen sei (ob das wirklich gestimmt hat?). Und er erzählte es mit einem gewissen Stolz, denn er meinte, dass es kaum irgendwo schöner sei und sein könnte und damit hat er ja recht. Noch sein ziemlich ruhiges Leben ist bewegt, denn es durchläuft ja wie jedes die Lebensalter, durcheilt die Lebensphasen, rast mit der Zeit, in der es gelebt wird. (Ob er – der Frisör – noch lebt?) Und deshalb sagt und zeichnet eine Reise etwas über unser Leben.

Ein Ziel ist nötig, ein Weg wird gesucht, Begleitung willkommen: Wohin, wie, mit wem will ich reisen: Berge oder Meer, Städte oder Strand, Übersee oder Ostsee, wo alle anderen sind oder wo niemand ist (das kann schwer werden), wo wir schon immer oder wo wir noch niemals waren. Reisen hat ja auch etwas Spielerisches, neue Reise, neues Glück, neues Ziel. Das Ziel kann verloren gehen. Wohin und zu welchem Zweck bin ich eigentlich unterwegs? Meistens dürfte die Rückkehr nach Hause, der Wiedereintritt in unser altes Leben das eigentliche Ziel sein. Aber mit  etwas Glück haben wir vorher auf der Reise erlebt, dass sich Wege gefunden und neue Ziele gezeigt haben. In den meisten Fällen werden wir das dann nicht dem zuschreiben, der Wolken, Wind und Regen Wege, Lauf und Bahn gibt. Wir scheinen da Möglichkeiten unseres Glaubens nicht zu nutzen.

Aber genau dazu lädt uns der Dichter Paul Gerhardt mit seinem Lied ein: Dass wir uns und unsere Wege dem Gott anvertrauen, der Himmel und Erde gemacht hat; wie ja schon der ursprüngliche Psalmvers: Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohl machen (Psalm 37,5). Ohne unsere Probleme zu verniedlichen, setzt er sie heilsam zum großen Ganzen in Beziehung. Wenn uns einer helfen kann, dann ist es der, der Himmel und Erde gemacht hat und erhält und in Bewegung hält. Der wird auch uns weiterhelfen, wenn wir ins Stocken geraten, wenn wir auf der Stelle treten, oder wenn wir in die Irre geraten, nicht mehr weiterwissen.

Und auch das zweite, dass wir unsere Kränkungen, unsere Verletzungen des Herzens und der Seele vor Gott bringen, ist einen Versuch wert. Es ist ja vielleicht kein Zufall, dass Paul Gerhardt als Seelsorger die Suche nach dem Weg mit der Sorge um unsere Seele zusammenbringt. Wir wären nicht die ersten, denen es geholfen hat – auch seelisch geholfen hat, sich in Bewegung zu setzen. Gehend, wandernd, schreitend pflegen wir unsere Seele – ob im Wiesbadener Stadtwald oder an einem fernen Strand.

Ihr Klaus Neumann

Von drauß’, vom Walde komm ich her …

Zu den schönsten Weihnachtserinnerungen aus meiner Kindheit gehört die jährliche Feier der Waldweihnacht mit den Pfadfindern. Ein kleines Häuflein zieht in der Dämmerung in den Wald Richtung Platte, heißen Tee und Weihnachtsgebäck im Rucksack. Nach einem ordentlichen Weg durch den dunklen Wald findet sich ein geschützter Platz unter Tannen, Laternen werden angezündet, Lieder gesungen, Geschichten vorgelesen, gemeinsam gebetet. Dann gibt’s Tee und Kekse und noch mehr Lieder und Geschichten. Irgendwann ist allen kalt genug, dass man sich wieder aufmacht zurück nach Hause. Da ist es noch viel schöner, wenn man von draußen wieder ins Warme, Helle kommt. Ich bin froh, dass wir in unserer Gemeinde auch Waldweih- nacht feiern, anders als damals, in größerer Runde meistens, aber doch auch draußen, am Waldrand an der Feldkapelle oben im Tennelbachtal, auch im Dunkeln und im Kalten, mit Liedern, Geschichten und Keksen. Die Kapelle ist weniger ein Unterschlupf als ein Wegzeichen. Das Kreuz am Waldrand nur schemenhaft unterm Nachthimmel zu erkennen. Zeichen dafür, dass wir Gott in die Natur tragen und in der Natur suchen. Das machen wir ja im Jahresverlauf häufiger – und seit es die Feldkapelle gibt, meist dort als Station oder Ziel. Wir werden von ihr in die Natur, in den Wald gelockt, um auch dort Gott zu finden. Im Sommer habe ich eine andere Feldkapelle besucht, vor ein paar Jahren vom großen schweizerischen Architekten Peter Zumthor errichtet und dessen Landsmann Nikolaus von Flüe gewidmet, dem Bruder Klaus, wie er volkstümlich genannt und noch heute in seiner Heimat sehr verehrt wird. Dieser andere Nikolaus war ein echter alpenländischer Waldschrat, ein Eremit, der sein Haus verlassen und eine Behausung im Wald gesucht hat, um dort Gott zu finden. Hat er uns was zu sagen? Vielleicht, dass die Behausung, die uns Gott gibt, mehr ist als das Haus, in dem wir wohnen. Dass wir bisweilen anders auf unser Leben, auch unser Haus, blicken sollten – von draußen sozusagen – um es neu wertzuschätzen. Dass wir an Weihnachten eingeladen sind, auf das Urbild jeder Feldkapelle – die Krippe im Feld! – zu schauen und von dort zurück auf uns, auf unser Leben, in dem nun Gott wohnen will. Dass wir – gerade an Weihnachten – einen Blick für das Wesentliche bekommen.

Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir.
Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich führet zu dir.
Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.

Nikolaus von Flüe (1417-1487)

Eine gesegnete Weihnachtszeit!

Ihr Klaus Neumann

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen (Apostelgeschichte 5,29)

Ist das so? So sagt es der biblischen Überlieferung nach der Apostel Petrus, als ihm der jüdische Hohepriester verbieten will, über Jesus zu predigen. Petrus lässt sich den Mund nicht verbieten, beruft sich auf den göttlichen Auftrag und erzählt immer mehr und immer weiter von Jesus. Wie könnte er schweigen von dem, was ihn bewegt? Für ihn ist das klar: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Aber man muss diesen Satz nicht für immer wahr halten. Es sind genau solche Behauptungen, hinter denen sich religiöse Fanatiker verschanzen, wenn sie das Recht brechen, um dem vermeintlichen Auftrag eines Gottes zu folgen. Das hätten wir schon immer wissen können, dass auch fromme Menschen zu schlimmen Taten fähig sind; und nun erleben wir es mit Schrecken, dass religiöse Fanatiker unter Berufung auf Gott die schlimmsten Gräueltaten rechtfertigen. Auch Terroristen im Namen Gottes sagen diesen Satz: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen – aber dann ist er falsch und gefährlich. Wie die meisten solcher allgemeinen Sätze kann auch dieser richtig und falsch sein, je nach Situation und Sichtweise. Auch Martin Luther hat sich immer wieder auf Gottes Wort berufen, wenn er die seiner Meinung nach falsche Lehre der Menschen seiner Kirche kritisierte. Die Unterscheidung zwischen Gotteswort und Menschenwort zugunsten des ersten war ihm wichtig. Und in vielem, also etwa der Diagnose der groben kirchlichen Missstände seiner Zeit, wird man ihm heute über die Konfessionsgrenzen zustimmen. Bei anderem, also z.B. dem Verhältnis zu den Juden, muss man ihm ebenfalls im breiten Konsens heutzutage widersprechen. Da ist er gerade nicht Gottes Wort gefolgt, sondern dem Wort der Menschen seiner Zeit; da ist er hinter seinen eigenen bahnbrechenden Erkenntnissen aus dem Evangelium zurückgeblieben.

Was bleibt also von unserem Satz? Muss man Gott mehr gehorchen als den Menschen? Es kommt darauf an! Es kommt darauf an, dass ich verstehe, dass Gottes Wort, dem ich gehorchen will, nie anders als im Wort der Menschen da ist. Auch die Worte der Bibel sind von Menschen gedacht, gesprochen und aufgeschrieben worden. Und nur in den Worten der Menschen kann die Bibel heute lebendig werden, kann das Wort Gottes heute und neu „geschehen“. Deshalb ist es ja so schwierig – eigentlich unmöglich, außerhalb der Kirche Gottes Wort zu hören. Und es kommt darauf an, dass ich mich nicht mit Hinweis auf Gottes Auftrag gegen die Kritik meiner Mitmenschen immunisiere; oder im schlimmsten Fall Gottes Auftrag missbrauche, um anderen zu schaden. Im bloßen Streit der Meinungen halte ich mich tunlichst zurück mit dem dann nur scheinbar frommen Hinweis, Gott mehr gehorchen zu wollen als den Menschen. Nur wenn ich mir ganz sicher bin, wenn ich mir meiner Sache gewiss bin, wenn mein Gewissen spricht – nur dann kann ich mich darauf berufen, Gott gehorsam zu sein.

Das ist nun – glaube ich – die Wahrheit unseres Satzes: Wir verweisen damit auf eine höhere Instanz, nämlich das Gewissen, in dem Gott mit mir spricht. Und ich müsste darauf eingestellt sein, dass mir Gott nicht unbedingt das sagt, was ich hören will. Dem Gewissen zu folgen und darin Gott gehorsam zu sein, kann unbequem werden, kann Unannehmlichkeiten nach sich ziehen. Die sind dann auszuhalten, „weil es weder sicher noch geraten ist, etwas wider das Gewissen zu tun“ (Martin Luther auf dem Reichstag in Worms 1521). Denn man muss Gott mehr gehorchen als sich selbst.

Klaus Neumann, Pfarrer der Thomaskirche