Predigttext für den Sonntag Invokavit, erster Sonntag in der Passionszeit, 21.2.21

Als Jesus das gesagt hatte, wurde er erregt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete. Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb. Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete. Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist’s? Jesus antwortete: Der ist’s, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald! Niemand am Tisch aber wusste, wozu er ihm das sagte. Denn einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben! oder dass er den Armen etwas geben sollte. Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht. (Evangelium des Johannes 13,21-30)

Neulich hat ein britischer Mathematiker ausgerechnet, dass alle Corona-Viren, die zu einem bestimmten Zeitpunkt auf der ganzen Welt gerade zirkulieren, in eine Cola-Dose passen, eigentlich reicht sogar eine halbe Coladose. Das erinnert einerseits an die berühmten mittelalterlichen Theologendispute (die es vielleicht gar nicht gab) über die Zahl der Engel, die auf einer Nadelspitze Platz finden. Toll, dass das einer berechnet, aber irgendwie sinnlos, zumal die Existenz von Engeln bestritten werden kann – die von Viren leider und idiotischerweise bekanntlich auch – und beiden eine gewisse, dem Alltagsverstand unzugängliche Körperlosigkeit eignet, die in keinem Verhältnis zu ihren Wirkungen steht – zum Guten die einen, zum Bösen die anderen. Ob Engel sich auf Nadelspitzen tummeln, bleibt spekulativ, aber dass die Corona-Viren längst ihre Cola-Büchse der Pandora verlassen haben, was immer die ist und wo immer die geöffnet wurde, und nun milliardenfach als nanometergroße apokalyptische Reiter, als wildes Heer in den letzten Winkel der Erde rasen – das aber ist schmerzhaft bekannt: so klein und schon so böse!

Auch der gefallene Engel, der Teufel – als es ihn noch gab – konnte sich klein machen, wie wir mit unserem: Der Teufel steckt im Detail, immer noch exorzistisch korrekt bekunden, und er konnte quasi körperlos seine Bosheit exekutieren, wie wir heute in unserem überaus merkwürdigen Predigttext lesen; so klein, dass er dem Judas in den Mund fährt, so körperlos, dass das niemand der zu Tische Liegenden sieht. Und das ist ja – neben ihrer Zerstörungswut bei gleichzeitiger Winzigkeit – eine weitere Ähnlichkeit zu den fiesen Viren, dass sich der Teufel menschlicher Körperöffnungen bedient, um als todbringender Parasit seinen Wirt zu befallen, zu verderben und umzubringen. Deswegen – und unter unwissender Vorwegnahme der virologischen Erkenntnisse späterer Zeiten – waren die mit diesen Öffnungen verbundenen Tätigkeiten so verdächtig – und wurden je nach Temperament der Exorzisten und Mode der Zeit dämonologisch priorisiert. Noch heute spucken wir unser Aerosol mit dem unseren Ekel bekundenden: Pfui Teufel! demselben symbolisch entgegen als performativer Mundschutz. Analoges hat Luther auf dem Klo verrichtet und ausführlich berichtet.

Damit dürften schon die wichtigsten Ähnlichkeiten einigermaßen erschöpfend benannt sein, die aber nur die viel größere Unähnlichkeit zwischen Teufel und Viren beleuchtet, insbesondere die für uns Aufgeklärte selbstverständliche Unähnlichkeit zwischen der Existenz der einen und Nicht-Existenz des anderen, bzw. die umgekehrt proportionale Idiotie bei der Leugnung beider. Aber vielleicht liegt da auch ein Irrtum vor: Vielleicht ist es genauso idiotisch den Teufel zu leugnen wie das Virus.

Einer meiner theologischen Lehrer hat uns auf die Frage, ob es den Teufel gäbe, geantwortet, dass er nicht an den Teufel glaube aber sich vor ihm fürchte, und dass dessen Geschäft seit alters die Verharmlosung des Bösen sei und seine Leugnung durch uns genau das wäre, was er sich wohl wünschen würde, wenn es ihn denn gäbe.

Mit der Austreibung des Teufels aus der Theologie – ein selten erfolgreicher Exorzismus! – fehlt uns nun ein Begriff für das Böse und mehr noch ein Symbol für den Bösen und wir halten den Sieg über den Teufel für einen Sieg über das Böse, was aber ein offensichtlicher Irrtum wäre, worüber uns jeden Morgen der Blick in die Zeitung unterrichtet: Böses gibt es reichlich und gerade das Virus, das ja zunächst und für sich eine Naturkatastrophe ist, bietet jede Menge Möglichkeiten das menschliche Böse zu kultivieren: sei es die Verfeinerung unseres rücksichtslosen Egoismus, schön erkennbar in der Impffrage; sei es die Relativierung menschlichen Lebens, wenn etwa reputierliche Wirtschaftsweise fordern, eine gewisse höhere Sterblichkeit zugunsten der Ökonomie hinzunehmen – das könnte beinahe vom Teufel persönlich stammen: lasst die Alten sterben damit es mit der Wirtschaft flutscht! – ; sei es die Verwirrung der öffentlichen Debatte durch chaotische Berichterstattung eines Journalismus, der alles Chaos und Katastrophe nennt, was eigentlich nur Fehler – und vielleicht nicht einmal das – genannt zu werden verdient. Darüber würde sich der Teufel bestimmt freuen, weil Verwirrung zu den Kerngeschäften des Teufels, also des Diabolus gehört – des „Durcheinanderwerfers“ nach dem griechischen Wort „diaballein“ – „durcheinanderwerfen“.

Die Kenntnis des Virus als biologischer Sachverhalt allein widerlegte noch nicht, dass die Pandemie ein Werk des Teufels ist, zumal Erderwärmung, Zerstörung der Urwälder und profitmaximierte Fleischindustrie das Entstehen neuer Viren und also auch des Corona-Virus begünstigt und allesamt auf menschliches Verhalten zurückgehen, für das man früher den Teufel – als es ihn noch gab – verantwortlich gemacht hat. Ohne ihn zerfällt die Suche nach den Ursachen und die Identifikation der Verantwortlichen in ein Puzzle ohne Bild, ohne Struktur und ohne moralische Logik: trotz aller Beteuerungen wird es nach einer Schrecksekunde von ein zwei Jahren wieder so weitergehen wie zuvor. Und das wünschen wir uns ja auch wie nichts sonst: die Rückkehr in die Normalität – unter völlig verwirrter Ausblendung, dass uns genau diese Normalität in genau diese Ausnahmesituation geführt hat. Also doch ein Werk des Teufels?

Dass der Teufel nach seinem Ableben nicht einfach theologisch reanimiert werden kann, erschwert auch unseren Zugang zu unserem Predigttext, in dem nun einmal der Teufel einen prominenten Auftritt hat. Mindestens zwei Nachrichten aber hat der Text für unser postdiabolisches Zeitalter, zuerst die schlechte:

Der Teufel – also für uns Ungläubige das schlechthin Böse – schleicht sich noch in die privatesten Beziehungen, vermag aus einem Freundeskreis einen wahren Teufelskreis machen, zersetzt unsere Verbindungen aus Vertrauen und Liebe. Wie das Virus lebt auch der Teufel von unseren sozialen Kontakten, und wie dieses lässt er sich bisweilen nur durch soziale Distanz aufhalten – so dachten wenigstens die Eremiten früherer Zeiten, die mit ihrem Gang in die Wüsteneinsamkeit auch dem Teufel entfliehen wollten; und so denken wir gelegentlich noch heute, wenn wir meinen, dass nur eine Trennung ehemals Liebender Böses und Böseres verhindern kann; und so wird dann ja auch der Verräter unserer Geschichte später getrennt – hinaus in die Nacht.

Der jesuanische Jüngerkreis wird in unserer Geschichte in irritierender Fremdheit und Offenheit als antikes Symposion geschildert: Der Meister und seine Freunde, darunter der Jünger, den Jesus liebte und dessen literarische Rolle die des Autors des Johannesevangeliums ist, liegen zu Tisch, je zwei auf einer Liege, körperlich näher als wir uns das vorgestellt haben, miteinander tuschelnd und sich gegenseitig die Brocken in den Mund fütternd. Und sogar in diesen heiligen Freundschaftsbund der Liebe und des Glaubens kann der Teufel eindringen. Nichts ist vor ihm sicher, noch nicht einmal der Gottessohn. Auch wir sollten uns nicht zu sicher fühlen. Soweit die schlechte Nachricht, jetzt die gute.

Trotz seiner Gewalt und seiner gewaltigen Macht noch die innigsten Kreise der Liebe zu durchdringen und zu zerstören, kann er doch nicht anders, als dem Willen Gottes zu folgen, der immer stärker bleibt. Selbst die krummen Touren des Teufels – seine Anstiftung zum Verrat der Liebe – müssen zum guten, zum göttlichen Ziel führen. Gott ist offensichtlich nicht so allmächtig, dass er den Teufel einfach wegsperren kann – so wie wir ihn in und mit unserer Vernunft wegzusperren vermeinen; aber Gott ist doch allemal mächtiger als dieser Widersacher. Einzelne – auch viele – infizieren mit seiner Bosheit, das kann er schon; aber Gottes Menschheitsprojekt dauerhaft und nachhaltig in Frage stellen, das kann er nicht. Unsere durchaus gefährdeten, verwundbaren – vulnerablen: noch so ein schönes Wort, dass uns die Seuche lehrt – Gemeinschaften sind stärker als alle möglichen Angriffe: stärker nicht durch Rüstung und Waffen, stärker vielmehr durch die Macht der Liebe und der Gemeinschaft und der Solidarität; stärker also durch ihre Verwundbarkeit und die Bereitschaft die Wunden anderer zu verbinden.

Die teilt Gott mit uns durch seinen Sohn, übrigens nicht erst am Kreuz, auf das wir nun in diesen Wochen zugehen, sondern schon hier und jetzt, wenn er nämlich auch schon seine Sorge und seinen Schmerz mit uns teilt, was da auf ihn zukommt. Wenn es in der Einleitung unserer kurzen Szene heißt: er wurde erregt im Geist , müsste es wörtlich eher heißen er „wurde betrübt im Geist“ in Anlehnung an den 42. Psalm, der hier frei zitiert wird:

„Was betrübst du dich, meine Seele,
und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.“

Aus unseren Wunden erweckt Gott das Wunder neuen Lebens, weiß der Beter und wir können das auch wissen. Amen.

Predigttext für den Sonntag Estomihi, letzter Sonntag vor der Passionszeit, 14.2.2021

Rufe laut, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und 

verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden! Sie suchen mich täglich und wollen gerne meine Wege wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie wollen, dass Gott ihnen nahe sei. »Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst’s nicht wissen?« Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der Herr Wohlgefallen hat? Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. (Buch des Propheten Jesaja 58,1-9a)

Was lässt sich nach diesem Sturm an Worten, liebe Schwestern und Brüder, noch für das Fasten vorbringen? Wie könnten wir es rechtfertigen nach diesem prophetischen Frontalangriff auf seine Wirkungslosigkeit, seine Läppischkeit, seine Heuchelei? Welche Argumente für das Fasten könnte es geben und wer lieferte sie uns?

Also die bekannte Fastenzeit-Aktion „Sieben Wochen ohne …“ der evangelischen Kirche eher nicht. Sie wirbt in diesem Jahr doch tatsächlich mit den folgenden Worten auf ihrer Homepage:

„ ‚Sieben Wochen ohne Blockaden‘ liegen vor uns. Klingt fast vermessen, oder? Selten wurden wir so umfassend ausgebremst wie jetzt, in der Corona-Pandemie. Kein Fußballtraining, kein Kino, kein Stöbern im Buchladen. Das Krankenhaus lässt keine Besucher:innen hinein. Die Gastwirtin darf ihr Lokal nicht öffnen. Diese Beschränkungen sind notwendig, wir müssen sie respektieren. Aber wir wollen in dieser Fastenzeit den Blick heben, um mehr zu sehen als nur die verschlossenen Türen.

Die ausgetretenen Pfade verlassen und neue Wege entdecken. Das war schon immer das Motto der Fastenaktion ‚7 Wochen Ohne‘. In diesem Jahr sind wir da besonders gefragt. Wir können uns als Fastengruppe nicht im Gemeindehaus treffen, als Gemeinde nicht in der Kirche Gottesdienste feiern. Diese Türen sind zu. Aber andere sind weit offen – die zur virtuellen Welt. Auf dem Bildschirm können wir uns digital begegnen. Es eröffnet sich ein neuer Raum, ein großer Spielraum. Betreten wir ihn gemeinsam!“

Sieben Wochen – ohne Blockaden? Geht’s noch? Ich hatte spontan eine – eine Blockade – beim Lesen und habe allein diesen Abschnitt ein paar Mal lesen müssen, um zu kapieren, auf was die eigentlich hinauswollen. Vermutlich haben sie gemeint, dass sie in diesem besonderen Jahr nicht an Corona vorbeikommen, womit sie wohl recht haben, aber was „Sieben Wochen ohne Blockaden“ jetzt mit Fasten und mit der Fastenzeit zu tun haben soll, erschließt sich mir nicht; abgesehen davon, dass Corona doch ohnehin über den Begriff der Quarantäne (von dem italienischen Wort für „Vierzig“) ganz eng mit der vierzigtägigen Fastenzeit verbunden ist; denn die Seuchenbekämpfung hat sich seit alters dieser biblischen Idee einer vierzigtägigen Abwesenheit oder Wüstenzeit bedient; die Brücke zwischen Fastenzeit und Corona wird einem ja förmlich mit dem Silbertablett serviert – aber von der Fastenaktion nicht überschritten.

Schon im vergangenen Jahr hatte die Aktion ordentlich danebengehauen mit dem damaligen Slogan „Sieben Wochen ohne Pessimismus“ und hatte auch sonst wohlwollende Leser oder teilnehmende Beobachter etwas ratlos gelassen: Was sollte das? Abgesehen davon, dass so mal kurz der ursprüngliche Sinn des biblischen Fastens, nämlich als Ausdruck der Trauer oder der Buße, ins Gegenteil verkehrt wurde, konnte nicht einleuchten, wieso der Verzicht auf Pessimismus als Einschränkung oder Mühe, die doch intrinsisch zum Fasten gehören, gesehen werden sollte. Dass der zeitgleiche Beginn der Pandemie vor einem Jahr allen Grund zu Pessimismus gab, konnte natürlich niemand vorherwissen, hebt aber nur noch den Missgriff hervor.

Dieser Missgriff könnte schon genau darin bestehen, was die Initiatoren als „Motto“ der Aktion bezeichnen und wohl als ihren eigentlichen Sinn meinen: „Die ausgetretenen Pfade verlassen und neue Wege entdecken“; also wohl eher ein religiöses Wellnessprogramm als alles andere: Sieben Wochen Wohlfühlen, sich etwas Gutes gönnen, Entschlackungskur, die Seele baumeln lassen.

Noch in dieser Karikatur des religiösen Fastens zeigt sich aber das Problem, das der Prophet wortgewaltig aufspießt: Fasten hat eine – vielleicht unvermeidliche – Tendenz zur religiösen Selbstbeschäftigung: „unterm Strich zähl ich“, um es in den Worten eines ollen Werbespruchs zu sagen. Wie jede Form der Askese fordert das Fasten eine Art selbstoptimierter Leistung, die aber eigentlich für alle anderen außer einem selbst komplett sinnlos ist: Denken wir an heilige Männer, die sich auf Nagelbretter setzen oder Gliedmaßen durchbohren oder ihr Leben hungernd auf einer Säule verbringen.

Um ein eigenes, nicht religiöses Beispiel zu nehmen: Das ist so ein bisschen wie bei den Spezialfähigkeiten bei der ehemaligen Fernsehshow „Wetten das“ – die Älteren werden sich erinnern, wo man auch immer gedacht hat: irgendwie toll, dass der das kann, aber warum verbringt er seine Zeit nicht mit was Sinnvollem? Ok, er kann mit einem Bagger Weinflaschen entkorken oder an Buntstiften die Farbe herausriechen – Nein, das konnte er nicht! – aber warum baut er kein Haus mit dem Bagger und warum malt er kein Bild mit den Stiften? Und beim Fasten: Warum verzichtet er nicht auf etwas, das anderen zugute kommt? Warum verwendet er seine Kraft nicht dazu anderen zu helfen? Warum – zum Teufel – glaubt er mit seinem – glauben wir mit unserem – Fasten, Gott zu beeindrucken, wenn gleichzeitig Menschen verhungern? Der mit dem Fasten beschäftigte Mensch ist letztlich mit sich selbst beschäftigt und verschließt sich Gott, anstatt sich ihm zu öffnen. Muss das so sein und muss man das so sehen?

Der Theologe und Philosoph Schleiermacher hat grundsätzlich zwei Formen menschlichen Handelns unterschieden: Das wirksame Handeln, etwa das Handeln, das Jesaja einfordert, um jemand Bedürftigem zu helfen – oder überhaupt auch das wirksame Handeln, mit dem wir im Alltag tätig sind, im Beruf, bei der Arbeit, in Haushaltsdingen. Er meint damit jedes Handeln, das auf einen Effekt oder ein Ergebnis ausgeht. Davon unterscheidet er das darstellende Handeln, das nichts bewirken, nichts erreichen will sondern etwas zeigen, etwas sichtbar machen, eben etwas darstellen soll. An Kinderspiel und Theater, an Fest und Feier ist da zu denken, aber auch an den Sonntagsgottesdienst, der ja auch nichts erreichen oder bewirken will sondern den gemeinsamen Glauben feiern und so darstellen soll. Auch solches darstellendes Handeln hat seine Berechtigung, es soll halt nur nicht mit dem anderem, dem wirksamen Handeln verwechselt werden oder es ersetzen. Es verhält sich ungefähr wie der Ruhetag zu den vorhergehenden Arbeitstagen, hat ein eigenes Recht und eine eigene Berechtigung; Schleiermacher spricht von der Hemmung der Geschäftstätigkeit als Voraussetzung und Sinn des darstellenden Handelns.

Wenn nun auch das Fasten als besondere Form des Gottesdienstes und damit als darstellendes Handeln verstanden wird, ließe sich vielleicht – sicher bin ich mir da nicht! – auch ein Jesaja damit versöhnen. Man müsste natürlich sicherstellen, dass mein übriges wirksames Handeln dem nicht widerspricht; man müsste sicherstellen, dass es nicht frommes Getue ist oder religiöser Leistungssport wird, sondern dass ich es mir selbst glaube, was ich da zeige.

Wenn wir das Fasten als religiöses Spiel betrachten, das nichts bewirkt und niemanden, schon gar nicht mich selbst, besser macht, dann könnte es vielleicht den strengen Blick des Propheten aushalten. Es wäre vor aller Verwechselbarkeit mit religiösen Wellnessprogrammen und auch vor dem Lob gesundheitlicher Vorteile – die es natürlich hat, die aber religiös unerheblich sind – zu bewahren. Es hätte die vierzig Wüstentage Jesu in ihrer Mühe und ihrer Einsamkeit nachzuvollziehen. Es hätte sich nichts zu beweisen, müsste sich klar sein, dass der echte Hunger allemal wichtiger und dringlicher ist als der gespielte Hunger und sollte glauben können, dass Gott auch ohne jedes Fasten zu mir sagt: Siehe, hier bin ich.

Kurz: Das Fasten müsste sich als Spiel ernst nehmen. Amen.

Predigttext für den Sonntag Sexagesimä, den vorletzten Sonntag vor der Passionszeit, 7. Februar 2021

Als nun eine große Menge beieinander war und sie aus jeder Stadt zu ihm eilten, sprach er durch ein Gleichnis: Es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges an den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen’s auf. Und anderes fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. Und anderes fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten’s. Und anderes fiel auf das gute Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Da er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre! (Lukasevangelium 8, 4-8)

Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Damit sind wir aufgefordert, liebe Schwestern und Brüder, auf das Gleichnis etwas genauer zu hören, es für mehr zu halten als die Summe seiner Worte, für mehr und anderes als das Bild, das es erzeugt. Wer Ohren hat zu hören, soll etwas heraushören, etwas mithören, zwischen den Zeilen und über die bloßen Worte hinaus: er soll das Gras wachsen hören – um im Bild von der Saat zu bleiben.

Wenn es bei dem Gleichnis einfach um Saat und Säen ginge, um das Wachsen und Gedeihen, um Misserfolg und Erfolg in der Landwirtschaft, könnte man dem reichlich nachlässigen Sämann einfach zurufen, dass er doch etwas mehr Sorgfalt bei seiner Tätigkeit walten lassen sollte, sein Saatgut halt nicht auf Wege, nicht auf Felsen, nicht zwischen Dornen streuen sollte, sondern nur und ausschließlich auf das gute Land, denn nur dann kann ein Landwirt damit rechnen, das seine Saat aufgeht – wohl wissend, dass es tausend Gründe geben kann, wieso die Saat aufgeht – oder auch nicht aufgeht: schlechtes Saatgut, schlechtes Wetter, Dürre und Überschwemmung, Zerstörung und Krieg; es ist ja an sich schon ein Wunder, dass die Saat aufgeht. Bei mir im Garten wächst nur Unkraut

Das – also dass Ackerbau Kenntnisse voraussetzt und andernfalls von Stadtkindern verpfuscht (Pfusch am Ackerbau!) – werden nicht nur die zuhörenden Landwirte gewusst und dann schnell gemerkt haben, dass es um mehr und anderes geht; um was?

Die sogenannte Gleichnistheorie und die Deutung, die sich in den Evangelien anschließt (Lukas 8, 9-15), hält das Gleichnis vom Sämann für eine Allegorie auf das Wort Gottes, das nur von wenigen seiner Hörer recht gehört und aufgenommen wird. Diese Deutung unterscheidet die Bildebene – also Säen, Saat, Gedeihen oder Ungedeihen – von einer Sachebene – also Reden, Wort, Hören und Verstehen oder nicht Verstehen. Jedes einzelne Element der Bildebene wird einem Element auf der Sachebene zugeordnet: die verschiedenen Unorte, auf die der Samen fällt, stehen für verschiedene Menschengruppen, die nicht auf Gottes Wort hören, aber schließlich: „Das auf dem guten Land sind die, die das Wort hören und behalten in einem feinen, guten Herzen und bringen Frucht in Geduld.“ (Lukas 8, 15)

Damit beschränkt eine solche allegorische Deutung den Sinn des Gleichnisses auf eine und nur eine Bedeutung. Mit dieser Beschränkung aber wird das Gleichnis zum bloßen Rätsel, das nach seiner Auflösung jeden Reiz verliert, es wird zur bloßen Illustration eines mehr oder weniger interessanten Lehrsatzes: „Nicht alle Hörer des Wortes verstehen es und folgen ihm“, das haben wir schon gewusst, wie langweilig, wie vorhersagbar, wie offensichtlich! Der Sinn des Gleichnisses wird verfehlt.

Demgegenüber ist das Gleichnis als offenes Kunstwerk zu würdigen mit zahlreichen Bedeutungen, die zwar auf eine Pointe hinauslaufen, sich aber keineswegs in einem Lehrsatz erschöpfen. Was sind das für Bedeutungen; und nochmal: Worum geht’s überhaupt?

Es geht eigentlich und vor allem – und darauf verweist auch der Hinweis im unmittelbaren Kontext („euch ist´s gegeben, zu wissen die Geheimnisse des Reiches Gottes“, Lukas 8,10) – um das Kommen des Reiches Gottes, so wie es um das Reich Gottes bei allen Gleichnissen Jesu geht, die alle jeweils einzelne Aspekte und damit erst in ihrer Kombination insgesamt das Reich Gottes zur Sprache bringen: seine höhere Gerechtigkeit, seine ansteckende Fröhlichkeit, seine überfließende Gnade, sein überwältigendes Glück – „die unmittelbare Gegenwart des ganzen ungeteilten Daseins“ (in der schon häufig zitierten Wendung des Schleiermacherfreunds Henrik Steffens).

In unserem Gleichnis vom Sämann geht es um das Kommen des Reiches Gottes, das kein Rätsel ist aber ein Geheimnis hat. Wie kommt etwas auf die Welt, dass nicht von dieser Welt ist, diese Welt aber gänzlich verändern und neu machen wird?

Unser Gleichnis beschreibt in bildlicher Redeweise, dass das Kommen des Reiches Gottes keinem Automatismus folgt, es aber einen quasi automatischen Aspekt hat; es passiert in einem Prozess, den Menschen nicht herbeiführen und nicht beschleunigen können, an dem wir Menschen aber dennoch beteiligt sind; einem Prozess, den Gott nicht als deus ex machina in einer machtvollen Aufhebung dieser Welt brachial erzwingt; einem Prozess, der bei aller Unvermeidlichkeit und Unaufhaltsamkeit dennoch vorübergehend vermieden und zeitweise aufgehalten werden kann – durch uns Menschen. Wie lässt sich das verstehen?

Eine Fülle von Deutungsaspekten klingt in unserem Gleichnis an; einige seien genannt, viel viel mehr ruhen in seiner Tiefe, ungehobene, zu hebende Schätze: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Das schöne afrikanische Sprichwort z.B., das viele durch den jüngst verstorbenen Arzt und Autor Remo Largo kennengelernt haben: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“ – soll heißen, dass es Prozesse gibt, etwa das Heranwachsen von Kindern oder eben das Reich Gottes, die geschehen einfach – also nicht unbedingt einfach, wenn man allein an die unermesslichen Qualen der Pubertät denkt; aber das mit dem Reich Gottes ist auch nicht viel leichter – und dass unser Einfluss darauf begrenzt ist, wie beim Sämann, dessen Saat aufgehen oder nicht aufgehen kann.

Oder das etwas grobschlächtigere germanische Sprichwort: „Die dümmsten Bauern ernten die dicksten Kartoffeln“ – Ernteerfolg hat immer einen unverfügbaren Aspekt des Zufalls, der auch ungerecht sein kann; erstaunlich dass Reich-Gottes-Gleichnisse regelmäßig mit unseren Vorstellungen von Gerechtigkeit kollidieren: der ungerechte Verwalter, die Arbeiter im Weinberg sind nur besonders krasse Beispiele einer höheren, der unseren widersprechenden Gerechtigkeit; völlig und letztlich steuerbar ist auch in unserem Gleichnis der Erfolg nicht – auch nicht durch Gerechtigkeitserwartungen: warum geht die Saat da auf und da nicht, gleiche Mühe und hinreichende Expertise einmal vorausgesetzt.

Oder das Weisheitswort aus der Bibel: „Der Mensch denkt und Gott lenkt“ (Sprüche 16,3), das auf zwei Ebenen ein und desselben Geschehens verweist, auf zwei Autoren derselben Aktion und der sichtbare menschliche ist nicht der effektive sondern der göttliche. So wie die im Ackerbau in Dienst genommene Kreativität der Natur sich im Glauben der zur Verfügung gestellten und doch unverfügbaren Kreativität Gottes verdankt.

Oder der Alltagsallgemeinplatz: „Unverhofft kommt oft“, der uns an Überraschungen, an Ungeplantes gewöhnen will, was ihm natürlich nicht gelingt, weil das Überraschende notwendigerweise überrascht – so wie die Saat, die mal aufgeht und mal nicht und in beiden(!) Fällen überraschtes Staunen hervorrufen kann.

Oder der wundervolle Aphorismus des großen Hessen Georg Christoph Lichtenberg (Lokalpatriotismus darf sein, zumal wir nicht so viele seines Kalibers haben): „Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?“ Dass die Saat der Gedanken aufgeht, hängt nicht nur von guten Gedanken sondern auch von dem ab, der sie denken soll: Gute Saat, gute Bücher allein bringen nichts – sie müssen auch dort hinfallen, wo sie gedeihen können, bzw. von einem gelesen werden, der was daraus macht. Kapieren hilft schonmal – aber reicht noch nicht: die Gedanken müssen anverwandelt und zu eigen gemacht werden, wenn die Saat aufgehen soll.

Oder der berühmte Christian Drosten: Der hat in einem seiner Corona-Podcasts letzten Herbst ein Phänomen beschrieben, den „Perkolationseffekt“, mit dem erst das Durchtröpfeln und dann Durchlaufen des heißen Wassers durch den gemahlenen Filterkaffee im Kaffeefilter erklärt wird und das Drosten dann als Bild für die verzögerte Wahrnehmung der Durchseuchung von Bevölkerungsgruppen in einer Pandemie verwendet hat. Es läuft schon die ganze Zeit das Wasser in den mit Kaffee gefüllten Filter, aber zuerst kommt nichts heraus; dasselbe mit dem Seuchengeschehen: Ansteckungen passieren immer mehr und immer mehr, bleiben aber zunächst in der Masse der Menschen verborgen; dann aber irgendwann, läuft unten der Kaffee heraus, zuerst ein paar Tröpfchen dann ein anschwellendes Rinnsal, dann schießt der Kaffee hervor; oder eben auf einmal steigen die Infektionszahlen auch sichtbar und schnell an – so wie im vergangenen Spätherbst. Als Perkolationseffekt könnte man – meine ich – durchaus auch das Reich-Gottes-Geschehen begreifen, dass zunächst kaum sichtbar ist, erfolglos scheint, marginal – und dann aber plötzlich und unerwartet Erfolg hat, sichtbar wird, unübersehbar und alles verändernd.

Auch die Theologie hat Begriffe entwickelt oder von wo anders geborgt, solche merkwürdigen – nur bedingt steuerbaren, insgesamt unverfügbaren – Prozesse und diesen merkwürdigsten aller Prozesse, das Reich Gottes, zu begreifen: Der amerikanische Theologe Gordon Kaufman hat für das Handeln Gottes den Begriff „Serendipity“ vorgeschlagen, womit ursprünglich die Entdeckung von etwas gemeint ist, das man gar nicht gesucht hatte. Kaufmann verwendet ihn so: Während das Handeln Gottes ein großes und tiefes Geheimnis bleibt, zeigt sich rückschauend die Naturgeschichte und die Weltgeschichte als „serendipitous creativity“, und darin zeigt sich Gott. Genau das beschreibt Jesus in seinem Gleichnis vom Sämann, wenn das Reich Gottes als bloßer „glücklicher Zufall“ drastisch unterbestimmt wäre, weil es doch von Gott selbst hervorgebracht wird; aber von uns aus kann es wie Zufall aussehen, wenn die Saat nach zahlreichen Misserfolgen endlich doch aufgeht. Wenn es dann – plötzlich und unerwartet bzw. nicht mehr erwartet – doch noch los geht mit dem Reich Gottes, dann verdankt sich das der „Serendipity“ Gottes.

Ein anderer Theologe, Michael Welker aus Heidelberg, der uns schon hier in der Thomasgemeinde besucht hat, bringt das Geschehen des Reiches Gottes auf einen anderen Begriff: Er nennt es ein „Emergenz“-Geschehen, womit er meint, dass hier etwas passiert, was durch seine Vorgeschichte nicht determiniert aber auch nicht ohne diese verständlich ist: es taucht als etwas Neues aus dem Alten heraus auf, es emergiert: ebenfalls plötzlich und nicht erwartbar – aber dennoch nicht ohne Bezug zur Vorgeschichte. Wie unser Gleichnis erzählt: Das Reich Gottes bleibt zunächst weitgehend unverstanden und wird nicht wahrgenommen – erst zuletzt inmitten des unscheinbaren Geschehens taucht es auf, es emergiert und verändert alles. Alles klar mit dem Reich Gottes und seinem Kommen?

Bei der immer bloß relativen Treffsicherheit solcher Gedanken und der begrenzten Reichweite solcher Begriffe gelingt es nicht, das Bild vom Sämann wie auch die anderen Bilder vom Reich Gottes vollständig zu übersetzen und damit zu ersetzen. Man hat immer das Gefühl, ok, da ist was dran, dass stimmt schon: Unverfügbarkeit, Überraschung, glücklicher Zufall, höhere Gerechtigkeit, Perkolation, Serendipity und Emergenz – das beschreibt wichtige, wesentliche Teile des Kommens des Reiches Gottes. Aber es bleibt immer und insgesamt ein unübersetzter Rest. Das, liebe Schwestern und Brüder, muss uns nicht betrüben.

Bilder und Gleichnisse haben immer einen Überschuss an Bedeutung, einen Mehrwert an Sinn, der in Begriffen und Erklärungen nicht vollständig aufgeht. Dass wir das Gleichnis vom Sämann nicht einfach übersetzen können, lässt uns nämlich die Hör-Erfahrung der ersten Hörer Jesu nachvollziehen und miterleben. Ohne Übersetzer und Deuter als theologische Zwischenhändler können wir auf die Worte Jesu hören und ihre Wirkung erleben und darauf vertrauen, dass im Gleichnis das Reich Gottes als Gleichnis (Eberhard Jüngel) gegenwärtig wird: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges an den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen’s auf. Und anderes fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. Und anderes fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten’s. Und anderes fiel auf das gute Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Da er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Predigttext für den letzten Sonntag nach Epiphanias, 31. Januar 2021

Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen. Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge.
Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen. (2. Petrusbrief 1,16-19)

Verschwörungstheorien sind keineswegs eine Erfindung der Gegenwart. Eigentlich muss es Verschwörungsmythen heißen, also ausgedachte Mythen, ausgeklügelte Fabeln, von denen unser Text spricht und wir deshalb davon heute zu sprechen haben und der tatsächlich das Wort „Mythos“ verwendet und es näher bestimmt und begleitet mit einem Wort, dass sich von den Sophisten ableitet, also jenen antiken Populärphilosophen, die ihren Gesprächspartnern in betrügerischer Absicht das Wort im Munde herumdrehten; wenn es das Wort gäbe, könnte man von „scheinschlauen“ Mythen sprechen, aber „ausgeklügelt“ trifft es gut, wenn man darin die Täuschungsabsicht mitdenkt – oder eben Verschwörungsmythen.
Verschwörungsmythen sind keineswegs eine Erfindung der Gegenwart. Aber im Moment gerade haben sie Konjunktur – in Amerika zumal, aber sie schwappen auch zu uns rüber und schlagen Wellen. Manchmal sind sie so aberwitzig, dass man sich gar nicht vorstellen kann, dass irgendjemand sie für wahr hält: Die Mondlandung hätte gar nicht stattgefunden, bzw. nur als Filmprojekt irgendwo in einem Studio zum Zwecke der Täuschung von Freund und Feind! Präsident Kennedy wäre gar nicht ermordet worden oder zumindest anders und von anderen als behauptet! In der amerikanischen Wüste wären Außerirdische mit Ufos gelandet und würden dort festgehalten – gegen ihren Willen! Mobilfunkstrahlen oder die von Mikrowellenöfen könnten das Gehirn schädigen und sollen das auch! (welches Gehirn?) Kondensstreifen der Flugzeuge in der Luft vergifteten als Chemtrails die Menschen auf der Erde! Corona wäre ein großer Trick von Bill Gates und den Pharmakonzernen, um noch reicher zu werden und uns noch ärmer zu machen! Und man könnte sich mit einem Aluhut davor schützen! Eine mächtige Clique würde Kinder entführen und quälen und sich von ihrem Blut ernähren und die Weltherrschaft anstreben – Sie erinnern sich an den Büffelkrieger mit dem großen Q auf der behaarten Brust, der mit Tausenden anderer das Parlament in Washington gestürmt hat! Qanon scheint der irrste und dabei gefährlichste Verschwörungsmythos unserer Tage zu sein, zumal er sich in perfider Weise älterer antisemitischer Verschwörungs- und Hetzmythen bedient – die bekanntlich nicht in Amerika ausgeklügelt wurden. Auch Europa kann Verschwörungsmythus und in unserem Land wurde vor nicht so langer Zeit von der „Weltverschwörer-Clique“ gefaselt und gebrüllt.
Unglaublich sagt der gesunde Menschenverstand – aber damit hat er nicht ganz recht, denn für viele, allzu viele ist das alles durchaus glaublich. Es wird ja geglaubt! Und es richtet Schaden an – sei es – und das ist der geringste Schaden – dass man Zeit und Energie mit sinnlosen Diskussionen vergeudet; sei es, dass sie eigenes Unrecht verschleiern sollen; sei es, dass überhaupt ein einigermaßen verlässlicher und wahrheitsgemäßer Zugriff auf die gemeinsam belebte Wirklichkeit in Frage gestellt wird. Die Mythen im einzelnen mögen für die meisten von uns zu abstrus sein, um sie ernst zu nehmen – in ihrer Summe erschüttern sie aber durchaus unser Zutrauen in eine wirklichkeitsgemäße – also wahre, oder Wahrheit anstrebende – Sicht der Dinge. Selbst nüchterne Zeitgenossen denken bisweilen: Könnte was dran sein – denken wir nur an die weit verbreitete Impfskepsis oder an den Aberglauben an die magische Heilkunst der Homöopathie gerade auch unter manchen Gebildeten.
All das scheint es schon früher, vielleicht schon immer gegeben zu haben. Was hätte man sich also wohl ausdenken können an ausgeklügelten Fabeln, an Verschwörungsmythen in biblischer und nachbiblischer Zeit? Also man hätte zum Beispiel ausdenken und behaupten können, dass die Welt, die wir sehen, gar nicht da ist, nur eine Scheinwelt ist, während die wahre verborgen ist; dass diese Scheinwelt von einem bösen Gott erschaffen wäre und beherrscht würde. Der ist ein Gegenspieler des guten Gottes, und der böse Gott wäre verantwortlich für alles Leid und alles Übel in der Welt. Auch dass der wahre Jesus gar nicht gestorben wäre, sondern einen anderen für sich am Kreuz hätte leiden und sterben lassen – und das auch noch aus sicherer Distanz aber veränderter Gestalt beobachtet hätte. Und dass man das alles nur mittels einer besonderen Erkenntnis, gottgegebenen Erkenntnis – einer Gnosis – erkennen könnte, die schon tief in einem steckt, aber von Eingeweihten erst noch erweckt werden müsste.
Wer jetzt denkt, dass sei zu irre, zu abgedreht, zu abstrus, um je Glauben gefunden zu haben, irrt sich. All das wurde behauptet und gelehrt und geglaubt in biblischer und nachbiblischer Zeit als „Gnosis“ nämlich, die in ihrer Zeit eine überaus populäre und erfolgreiche Verschwörungstheorie war und durchaus das Potential hatte, den christlichen Glauben zu bedrängen und zu bedrohen. Wie alle Verschwörungsmythen knüpft auch diese ausgeklügelte Fabel an merkwürdige und auffällige Phänomene der Wirklichkeit an, verknüpft sie zu einem Gespinst aus halben Wahrheiten und ganzen Lügen, die sich gegenseitig bestärken und zu bestätigen scheinen, zu einem gewaltigen, wirklichkeitsresistenten und wahrheitswidrigen Knoten, der kaum durchschlagen werden kann: Es gibt ja wirklich Leid und allerhand Übel in der Welt, die doch von keinem guten Gott gewollt sein können; und wie könnte ein guter Gott und Vater seinen lieben Sohn Jesus leiden und sterben lassen, oder überhaupt erst mit allen Konsequenzen Mensch werden lassen; und wir täuschen uns doch so oft im Leben, was wäre wenn das alles hier eine große Täuschung wäre; und auf einmal bekommt das alles für die Verschwörunsymythiker einen Sinn – der von außerhalb aber ein gewaltiger Unsinn ist, ein riesiger Humbug allererster Güte!
Wie kann man dem entgegnen, ihn bekämpfen und entlarven? Gar nicht so einfach! Selbst heutzutage nicht, obwohl ganze Heerscharen von Forschern und Wissenschaftlern ein der Wahrheit verpflichtetes Bild der Wirklichkeit erarbeiten und präsentieren und unaufhörlich revidieren; und obwohl auch fachfremde und wissenschaftliche Laien wie Du und ich sich mittels einer Vielzahl an Medien umfassend und zuverlässig informieren können. Aber es immunisieren sich die Verschwörungsmythiker immer mehr und immer verstockter gegen die Wahrheit und bekämpfen Wissenschaft und freie Medien, wie und wo sie nur können. Der Kampf des ehemaligen Präsidenten der USA und seiner Komplizen gegen „die“ Wissenschaft und gegen „die“ Medien war nur ein besonders dreistes Beispiel dieses Kampfes der Verschwörer gegen die Wirklichkeit. Und es ist umso bedauerlicher, wenn einige Medien wie die Boulevardpresse ihre Rolle missbrauchen, oder wenn einige Wissenschaftler ausgerechnet in der Coronakrise durch ihr Verhalten und ihre Äußerungen Zweifel am Ernst ihrer Wahrheitssuche säen. (Anders als erst in der letzten Woche wieder in der durchaus seriösen Presse aus der Hand von Hochschullehrern zu lesen war, sammelt die Wissenschaft nicht Zweifel sondern Wissen an, wobei der Zweifel zu den wichtigsten Instrumenten der Wissenschaft gehört, aber immer als Mittel und nicht Zweck derselben. Sogar in der wissenschaftlichen Theologie liegt der Sinn der historischen Kritik, also so etwas wie der institutionalisierte Zweifel, nicht in sich selbst, sondern in der Prüfung des Wissens über den Glauben, in der Unterscheidung von Wahrheit und Unwahrheit und von Glauben und Aberglauben – und damit in der Vermehrung des Wissens und der Kultivierung des Glaubens.)
Dem Autor unseres Textes standen das heutige Wissen und die modernen Medien zur Wissensvermittlung selbstverständlich und offensichtlich nicht zur Verfügung. Dennoch bemüht er sich eben mit seinen Mitteln die haltlosen Mythen – die ausgeklügelten Fabeln – seiner Gegner, die man sich als Gnostiker, also als Anhänger der – oder einer – Gnosis (es gab die Gnosis in unterschiedlichen Varianten), vorzustellen hat, zu entkräften und zu entlarven. Seine Mittel sind die Erfahrung und die Vernunft, und die einschlägige Fachliteratur, in seinem Fall die Bibel des Alten Testaments. Er appelliert an die gemeinsame Erinnerung an die Erfahrung des Menschen Jesus in Fleisch und Blut – und eben nicht als bloßem gnostischen Geistleib. Er erinnert – durchaus weihnachtlich, auch wenn er auf die Verklärungsszene anspielt – an die Erfahrung der Menschwerdung Gottes. Er vergleicht – durchaus aufklärerisch – unsere Erfahrung des menschgewordenen Gottes mit einer Erleuchtung, wenn der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen, wie wir es nicht nur zur Weihnachtszeit singen und sagen. Und er verweist auf seine ihm und seinen Lesern gemeinsam gültige Autorität der Heiligen Schrift. In alledem ist ihm wahrscheinlich weniger als uns bewusst, dass es hier um Angelegenheiten des Glaubens geht – die aber zumindest vom Standpunkt des Glaubens aus von Aberglauben und Verschwörungsmythen zu unterscheiden sind, so weit so gut. Ich meine, dass er damit recht hat.
Nicht so gut ist, dass er seine Widerrede gegen die ausgeklügelten Fabeln der Gnostiker in eine nicht weniger ausgedachte Fiktion seiner selbst verkleidet. Er ist ja gar nicht der Erzapostel Petrus, als der er diesen Brief zu schreiben vorgibt und sich – wie weithin üblich in der antiken und auch der biblischen Literatur– mit dem geliehenen Namen in die Tradition dessen stellt, der ihn ursprünglich getragen hat. Das ist nach den Regeln der damaligen Zeit nicht weiter zu beanstanden, aber heutzutage natürlich für die Auslegung zu beachten – so wie wir das ja auch gegenüber den Paulusbriefen, die ebenfalls nicht alle aus der eigenen Hand des Paulus stammen, selbstverständlich handhaben. Unser uns unbekannter Autor des 2. Petrusbriefes erweist sich und seiner Glaubwürdigkeit an dieser Stelle aber einen Bärendienst, wenn er für sich die Augenzeugenschaft des Petrus und der Apostel beansprucht, um die irdische, menschliche, geschichtliche Existenz Jesu gegenüber ihren Leugnern zu belegen. Wer andere – sicherlich zu Recht und mit richtigen Argumenten – der ausgeklügelten Fabeln und ausgedachter Mythen bezichtigt, darf – um im Recht zu bleiben – für sich keine falsche Identität ausdenken.
An uns als nachgeborene Adressaten dieses Briefes richtet er damit – indirekt – das Gebot zur eigenen Wahrhaftigkeit insbesondere, wenn es um die Wahrheit des Glaubens und die Unwahrheit des Aberglaubens geht. Kritik neu-gnostischer Verschwörungsmythen ist dann umso glaubwürdiger, wenn die Kritiker den eigenen Maßstäben folgen. Es geht hier ja um Sachen des Glaubens und nicht des Wissens, d.h. der Glaube hat hier viel zu verlieren, wenn er sich mit dem Aberglauben gemein und verwechselbar macht.
Trotz allem enthält auch unser Text aus dem 2. Petrusbrief, der als letzte Schrift gerade noch so in die Bibel hineingerutscht ist, die ganze Wahrheit des Evangeliums, nämlich: Gott ist Mensch geworden im Menschen Jesus von Nazareth. Nicht über ein gnostisches Gespenst sollen wir phantasieren, sondern wenn es um unseren Glauben an Gott und unser Wissen vom Menschen geht, sollen wir uns an den Menschen Jesus halten. Dieses Menschen Geburtstag ist zu feiern, sein Leben zu erinnern, seine Worte zu hören, seinem Weg zu folgen, sein Tod zu beklagen, seine Auferstehung zu loben – darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen. 

Predigttext für den 3. Sonntag nach Epiphanias, 24. Januar 2021

Zu der Zeit, als die Richter richteten, entstand eine Hungersnot im Lande. Und ein Mann von Bethlehem in Juda zog aus ins Land der Moabiter, um dort als Fremdling zu wohnen, mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen. Der hieß Elimelech und seine Frau Noomi und seine beiden Söhne Machlon und Kiljon; die waren Efratiter aus Bethlehem in Juda. Und als sie ins Land der Moabiter gekommen waren, blieben sie dort. Und Elimelech, Noomis Mann, starb, und sie blieb übrig mit ihren beiden Söhnen. Die nahmen sich moabitische Frauen; die eine hieß Orpa, die andere Rut. Und als sie ungefähr zehn Jahre dort gewohnt hatte, starben auch die beiden, Machlon und Kiljon. Und die Frau blieb zurück ohne ihre beiden Söhne und ohne ihren Mann. Da machte sie sich auf mit ihren beiden Schwiegertöchtern und zog aus dem Land der Moabiter wieder zurück; denn sie hatte erfahren im Moabiterland, dass der Herr sich seines Volkes angenommen und ihnen Brot gegeben hatte. Und sie ging aus von dem Ort, wo sie gewesen war, und ihre beiden Schwiegertöchter mit ihr. Und als sie unterwegs waren, um ins Land Juda zurückzukehren, sprach sie zu ihren beiden Schwiegertöchtern: Geht hin und kehrt um, eine jede ins Haus ihrer Mutter! Der Herr tue an euch Barmherzigkeit, wie ihr an den Toten und an mir getan habt. Der Herr gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jede in ihres Mannes Hause! Und sie küsste sie. Da erhoben sie ihre Stimme und weinten 1und sprachen zu ihr: Wir wollen mit dir zu deinem Volk gehen. 11Aber Noomi sprach: Kehrt um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen? Wie kann ich noch einmal Kinder in meinem Schoße haben, die eure Männer werden könnten? Kehrt um, meine Töchter, und geht hin; denn ich bin nun zu alt, um wieder einem Mann zu gehören. Und wenn ich dächte: Ich habe noch Hoffnung!, und diese Nacht einem Mann gehörte und Söhne gebären würde, wolltet ihr warten, bis sie groß würden? Wolltet ihr euch einschließen und keinem Mann gehören? Nicht doch, meine Töchter! Mein Los ist zu bitter für euch, denn des Herrn Hand hat mich getroffen. Da erhoben sie ihre Stimme und weinten noch mehr. Und Orpa küsste ihre Schwiegermutter, Rut aber ließ nicht von ihr. Sie aber sprach: Siehe, deine Schwägerin ist umgekehrt zu ihrem Volk und zu ihrem Gott; kehre auch du um, deiner Schwägerin nach. Rut antwortete: Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der Herr tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.

Als sie nun sah, dass sie festen Sinnes war, mit ihr zu gehen, ließ sie ab, ihr zuzureden. So gingen die beiden miteinander, bis sie nach Bethlehem kamen.

(Das Buch Ruth 1,1-19)

Ausländerbiographien – Fremdlingsgeschichten (Vers 1) so wie die von Ruth – schaffen sich unter den Inländern besondere Aufmerksamkeit; sei es, dass sie von Schwierigkeiten und vom Scheitern erzählen (oft gruselig genüsslich gemein wie die Machwerke eines Sarrazin, der Einwanderer pauschal für gewaltbereit und dumm erklärt), mehr noch, wenn sie vom Erfolg, von gelungener Einwanderung erzählen, wie jetzt gerade aktuell vom türkischen Forscherpaar aus Mainz, die schneller als andere Forscher auf der ganzen Welt einen Impfstoff gegen das Corona-Virus gefunden haben (und doch so dumm nicht sein können). Das Buch Ruth wird ebenfalls als Erfolgsgeschichte erzählt; es erzählt von großen Schwierigkeiten gewiss, aber eben auch von abgewendetem Scheitern, auch von gelungener Integration, so gelungen und so integriert, dass Ruth zur Stammmutter des jüdischen Königs David werden konnte – also des Messias und des Christus (was ja bekanntlich dasselbe ist).

Zuerst aber erreichen nicht die Taten der Ruth sondern ihre Worte unsere Aufmerksamkeit. Und die wenigsten Brautpaare dürften sich dieses großen Erzählrahmens und dieses weltgeschichtlichen Zusammenhangs bewusst sein, wenn sie ihre Trauung und ihre Ehe unter das wunderbare Wort der Ruth stellen, das zu den beliebtesten Trausprüchen gehört: Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Den meisten wird das nicht bekannt sein: Auch nicht dass sich hier die Schwiegertochter der Schwiegermutter verspricht, nicht dass sich die junge Witwe der älteren Witwe anvertraut – als Bekenntnis von Frau zu Frau – , nicht dass es zwischen Aus- und Einwanderern gesprochen ist (wobei hier beide beides schon sind oder noch werden!), auch nicht dass hier von einer Wirtschaftsflucht, nein eigentlich einer Hungerflucht erzählt wird, und nicht dass hier die legendäre Stammmutter des König David und damit des Heilands Jesus Christus vor ihrer Reise nach Bethlehem spricht. Das alles dürfte den wenigsten Brautleuten und den allerwenigsten Hochzeitsgesellschaften bewusst sein. Macht aber nichts!

Denn die Wahrheit dieses wunderbaren Wortes scheint ja trotzdem durch oder zeigt sich auch im neuen Zusammenhang, sie wird sichtbar und offenbar (nach griechischer Wahrheitslehre) und muss sich bewähren in der Beziehung (nach dem hebräischen Verständnis von Wahrheit).

Etwas bedauerlicher ist aber schon, dass oft nicht nur der Erzählzusammenhang unbewusst ist, sondern meistens auch die erklärenden nachfolgende Sätze im Trauspruch fehlen: Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der Herr tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden. Auch diese Sätze passen doch ausgezeichnet zu Ehe und ehelicher Gemeinschaft, in der Lebensgeschichten verschmelzen und Familien zusammenwachsen, Traditionen verbunden und in der auch geistige Heimaten geteilt werden, und zwar unbedingt, ohne Vorbehalt, ohne Netz und doppelten Boden – vor dem Horizont der Ewigkeit „bis der Tod uns scheidet“. Das Versprechen dort hinzugehen, wohin der andere hingeht, benennt die Liebe als gegenseitige Hingabe, nichts für sich selbst zu sein und alles für den anderen hinzugeben – und trifft also ziemlich genau die Idee der Ehe.

Wenn also nicht nur keine Einwände gegen dieses wunderbare Wort als Trauspruch vorzubringen sind, sondern es im Gegenteil nur wärmstens zum ehelichen Gebrauch empfohlen werden kann, macht es doch sein Zusammenhang in der Ruthgeschichte noch um ein Vielfaches reicher und interessanter.

Die Geschichte der Ruth teilt die Urerfahrung des Alten Israel, dass seine Herkunft als Volk weit weit weg ist und die von Gott zugeteilte Heimstatt erst nach langem Weg gefunden werden musste: „Mein Vater war ein umherziehender Aramäer“ (1. Mose 26,5), heißt es in einem kurzen Abriss der Heilsgeschichte im Alten Testament (das sogenannte „Kleine geschichtliche Credo“, so genannt vom großen Bibelwissenschaftler Gerhard von Rad). Die Vorväter – und wenn wir an Ruth denken: die Vorväter und -mütter der Israeliten sind erst nach langen Wanderungen – mit der Auswanderung, dem Exodus aus Ägypten als der markantesten Etappe der Migration – in ihre Heimat gelangt, die immer neue Heimat war.

Mit diesem Bewusstsein hat sich in Israel auch zum ersten Mal eine Vorstellung von Geschichte herausgebildet, dass eben nicht immer alles so war, wie es jetzt ist, und nicht alles so bleiben wird. Die Welt ist veränderlich, sie verändert sich – und zwar in eine von Gott gezeigte Richtung. Während in der altorientalischen Umwelt ein zyklisches Weltbild herrschte, in dem das Immergleiche am selben Ort ewig wiederkehrt, entwickelt das Alte Israel insbesondere durch seine Propheten Konzepte der Geschichte, der Veränderung und des Fortschritts. Das hat der christliche Glauben übernommen und weitergeführt, und noch die religionslosen Vorstellungen von Entwicklung und Fortschritt unserer Zeit sind geprägt von der bahnbrechenden Erkenntnis Israels, dass nicht alles bleibt wie es ist sondern einem Ziel entgegengeführt wird – nicht immer geradlinig und vorhersagbar, durchaus „aufhaltsam“ und gelegentlich auf Um- und Irrwegen, aber letztlich doch zielgerichtet.

Das ist das eigentliche Thema der Ruthgeschichte, dass Gott uns auf verborgenen Pfaden durchs Leben führt – und uns dabei zu Wanderern, zu Pilgern, zu Nomaden und Migranten macht – alle von uns in unterschiedlichem Maß und in unterschiedlicher Weise, aber irgendwie dann schon, und sei es dass wir als einer, der nur ein paar Hundert Meter von seinem Geburtsort, der Augenheilanstalt nämlich in der Kapellenstraße, heute lebt, dann eben Anteil hat an der Wandergeschichte der Eltern, die von ziemlich weither kamen – flüchtend, vertrieben die eine, der Arbeit folgend der andere – oder seiner Frau von sehr weither, die auf der anderen Seite des Globus zur Welt und von dort hierher kam. Unsere Geschichten und die Geschichte der Menschen überhaupt lassen sich nur als Wander-, als Migrationsgeschichten schreiben. Und wer das leugnet, leugnet einen Teil seiner selbst.

Ruth jedenfalls ist Migrantin; zuerst ja nicht, wenn sie vom wirtschaftsflüchtigen, nein hungerflüchtigen Auswanderer bei ihr zuhause geehelicht wird und ihm eine neue Heimat gibt; aber dann sehr wohl Migrantin, wenn sie als Einwanderin mit ihrer Schwiegermutter – auch das kann also ein gutes Verhältnis sein – in das Land ihres verstorbenen Ehemanns zieht und dort eine neue Heimat findet; geborgen vom Vertrauen, dass Gott sie führt; geborgen auch vom Vertrauen zu ihrer Familie; geborgen vom Vertrauen so sehr, dass sie eine neue, eigene Familie in ihrer neuen Heimat gründen wird – auch einen neuen Mann sich sucht und findet, dem sie das dann vielleicht – wer weiß – als Eheversprechen gesagt hat, was viele von uns unserem Gemahl versprochen haben : Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der Herr tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.

Predigttext für den 2. Sonntag nach Epiphanias, 17. Januar 2021

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht bei Johannes im 2. Kapitel:
Und am dritten Tage war eine Hochzeit in Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da.
Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen.
Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr.
Jesus spricht zu ihr: Was geht’s dich an, Frau, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.
Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut.
Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße.
Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan.
Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt’s dem Speisemeister! Und sie brachten’s ihm.
Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wußte, woher er kam – die Diener aber wußten’s, die das Wasser geschöpft hatten -, ruft der Speisemeister den Bräutigam und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie betrunken werden, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückbehalten.
Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, geschehen in Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.
Amen.

Sieben Fässer Wein können uns nicht gefährlich sein – Glaubt keinem Schlagersänger, liebe Schwestern und Brüder, schon gar nicht, wenn er davon singt, was wir uns wünschen!

Sieben Fässer, sieben Flaschen, sieben Gläser – manchmal können sogar sieben Schlückchen, sieben winzige Schlückchen, was sage ich: ein wönziger Schlöck gefährlich sein; gerade jetzt in der Pandemie, wenn wir Geselligkeit vermissen, Feiern und Feste absagen müssen – und unseren Schoppen alleine trinken.

Und dann so ein Predigttext; nach dem vernünftigen, nüchternen Gottesdienst in der letzten Woche – nun so viel Unvernunft aus dem Munde Jesu.

Wein in Mengen, Wein wie Wasser, Wein in Wasserkrügen, Öffentliches Betrinken!

Man muß sich, schon wundern, über Jesus und seinen Evangelisten Johannes, über ihren unbefangenen, ja leichtsinnigen Umgang mit Wein als alkoholischem Getränk.

Als geradezu jugendgefährdend kommt heute unser Text daher, wenn er ganz selbstverständlich vom Wein als geradezu notwendigem Begleiter eines Festes spricht, vom richtig viel Trinken, und vom betrunken werden.

Wie können wir unsere Jugendlichen und uns selbst davon überzeugen, dass das Vorglühen, das Komasaufen gefährlich und verwerflich sind – und eben nicht ein Problem der Jugend sondern eins der Gesellschaft, in der die Droge Alkohol allgegenwärtig, überall erhältlich und ihr Konsum für selbstverständlich genommen wird. Nicht der, der den Alkohol konsumiert, sondern der, der darauf verzichtet, muss sich auf Feiern rechtfertigen und wird als Spaßverderber angesehen, als irgendwie merkwürdig.

Manchmal liegt im Wein keine Wahrheit – oder nur die bittere Wahrheit über unsere Anfälligkeit gegenüber Süchten. Wir kriegen das nicht hin, einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Alkohol, vor allem nicht gegenüber unseren Kindern. Aber wir kriegen das ja selbst oft nicht hin: Einen unschädlichen, verantwortungsvollen und doch genussvollen Umgang mit dem Genussmittel Alkohol, damit es nicht zum Suchtmittel werde. Wir alle schaffen das nicht immer für uns selbst und einige schaffen es gar nicht. Das ist die bittere Wahrheit des Weines.

Aber: Darum geht es in unserem Predigttext nicht.

Die andere, die süße Wahrheit besteht darin, dass der Wein seit buchstäblich Tausenden von Jahren zu menschlicher Kultur gehört; eben nicht zur Verrohung sondern zur Verfeinerung unserer Sitten. Wein ist ein Kulturgut erster Ordnung. Ein Stück mittelmeerischer Lebensart, das sogar in unseren rauen Klimaten gedeiht. Ein Geschenk der feinen Römer an uns barbarische Germanen; dolce vita vom Mittelmeer an rauen, winters schneeverwehten Mittelgebirgshängen; Toskana im Rheingau – nur wer die Sehnsucht kennt, was wir leiden!

Ein Getränk, das unserer Geselligkeit Glanz und Funkeln verleiht, unser Abendessen in eine Speise verwandelt und unsere Feste zu Erlebnissen macht.

Dabei lohnt sich bei allen Gelegenheiten die Frage, ob wir denn auch noch ohne Alkoholbegleitung uns mit Freunden treffen, ein gutes Essen genießen und fröhlich feiern können. Denn nur wer ohne Alkohol Spaß haben kann, kann das auch mit.

Nur der Verzicht gestattet auch Genuss.

Vielleicht fällt auch deshalb die Antwort Jesu gegenüber der Nachfrage seiner Mutter, dass kein Wein mehr sei, so barsch aus: Na und, der Wein ist alle, aber wir können eigentlich auch ohne fröhlich weiterfeiern.

Offensichtlich aber hat Jesus nach der ersten, zurückweisenden Reaktion doch noch der Bitte entsprochen und den Mangel beseitigt. Vielleicht taten ihm die Brautleute einfach leid, denen ihr großes Fest ruiniert zu werden drohte. Jedenfalls verwandelt Jesus in unserer Geschichte ganz diskret Wasser in Wein. Hauptsache: Das Fest ist gerettet.

Wie immer bei den biblischen Wundergeschichten ist die Neugier am vordergründigen physikalisch-chemischen Mirakel, an der scheinbaren Manipulation der Natur wenig ergiebig. Das Wunder lebt davon, dass es den Naturzusammenhang unterbricht und damit unsere Vorstellungen – wie auch die der Leute damals – auf den Kopf stellt. Das geht ja gar nicht sagen wir – und das werden die Leute damals in der Mehrheit auch so gedacht haben.

Aber die Bibel verwendet Wundertätigkeit nicht – oder nicht in erster Linie – um die Macht und Autorität des Wundertäters zu verherrlichen, sondern vielmehr um einen praktischen Mangel auszugleichen – wie bei Speisungs- und wie bei unserem Weinwunder – oder um einen tatsächlichen Defekt wiederherzustellen – wie bei den Krankenheilungen.

Im Wunder unterbricht Gott die Natur um sie wiederherzustellen. Im Wunder zeigt sich Gott als Schöpfer, in dem er zumindest teilweise und zeitweise die gute, anfängliche Schöpfungsordnung wiederherstellt. Das hört sich paradox an, weil Gott ja durch seinen Eingriff die Ordnung der Natur aufzuheben scheint.

Das ist aber nur scheinbar paradox.

Denn wichtig ist hier die Unterscheidung von Natur und Schöpfung; dass wir in der Natur eben nicht unmittelbar, nicht uneingeschränkt und nicht ohne Mängel Gottes gute Schöpfung erleben und erkennen. Gott greift im Wunder – gleichnishaft und beispielhaft – in die Natur ein um ein Stück Schöpfung wiederherzustellen.

Und wichtig ist vor allem die Beobachtung, dass es eben keine Wunder um ihrer selbst willen gibt, keine ausschließlichen Machtdemonstrationen, keine Wunder als göttliche Fingerübung oder göttliches Spiel – sondern Wunder immer und ausschließlich als Hilfe und Rettung.

Gerade für den Evangelisten Johannes gilt das, der seine Wunder Jesu konsequent Zeichen nennt und damit ihren Charakter als Gleichnis betont. In diesen Zeichen wird das Reich Gottes sichtbar – nur für einen kurzen Moment, nur an einem kleinen Beispiel, nur als Gleichnis; aber doch wirklich und doch so, dass man sich auf das Reich Gottes freuen kann. Es wird eine Zeit kommen und Gott wird sie herbeiführen, in der die ursprüngliche Gottesgegenwart wiederhergestellt ist, in der kein Mangel – aber auch keine Verschwendung herrscht -, in der Menschen und Natur miteinander versöhnt sind.

Das ist der Sinn der Wundergeschichten und ganz besonders der Zeichen des Johannesevangeliums, dass in ihnen das Reich Gottes als Gleichnis sichtbar wird.

Wie aber und auf welche Weise wird das Reich Gottes im Weinwunder bei der Hochzeit zu Kana sichtbar?

Haben wir uns das Jenseits als immerwährende Hochzeitsfeier zu denken; als Land in dem nicht nur Milch und Honig sondern auch Wein und Bier fließen. Natürlich nicht.

Aber tatsächlich kennt die Bibel an vielen Stellen Festmahl und Feier, gerade auch eine Hochzeitsfeier als Bild für Gottes Reich und Ewigkeit. Nicht zuletzt ist uns ja auch die Feier des Heiligen Abendmahl ein Gleichnis der endgültigen Gemeinschaft von Gott und Mensch. Im Bild der Hochzeitsfeier verdichtet sich unsere Hoffnung nach Gemeinschaft, nach Liebe und Weitergabe des Lebens.

Dabei sind Fest und Feier in dieser Welt Ausnahmezeiten, sind Unterbrechungen des Alltags, sind Hoch-Zeiten des Gefühls und der Geselligkeit, sind damit auch Kraftquellen für die normaleren Phasen – auch die Krisenzeiten – unseres Lebens. Gerade in den Festen, mit denen wir runde Geburtstage oder Familienereignisse feiern, bündelt sich unser Leben und unsere Lebensfreude.

Außerdem: Einzelne besondere Festzeiten bewahren uns davor, uns ganz in unserer Partyseligkeit zu verlieren; unsere Sehnsüchte und Süchte in unser ganzes Leben zu tragen.

Ich bin froh über unsere Wundergeschichte; über diesen Jesus, der bei einer Hochzeitsfeier erscheint – wir haben ja Epiphanias, sein Erscheinungsfest – und mit uns also nicht nur die Leiden sondern auch die Freuden teilt.

Ich bin froh, dass wir uns unsere Feiern nicht als gottlose Veranstaltungen denken müssen. Dass wir sicher sein können, dass Gott auch da ist, wenn wir uns freuen und ausgelassen und glücklich sind – und wieder sein werden.

Und ich bin dem Johannes dankbar, dass er mich darüber nachdenken lässt, was für mich gut und was des Guten zuviel ist. Dass er keine Verbote aufstellt, keine Trinkregeln verfasst, die doch nur zum Übertreten verführen; sondern dass er Gottes großzügiges Angebot schöpferischer Fülle darstellt und mich damit anregt und auffordert, mein eigens Maß zu finden.

Gott jedenfalls meint es gut mit mir – ich hoffentlich auch!

Amen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Predigttext für den 1. Sonntag nach Epiphanias, 10. Januar 2021

Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat. Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, so sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des anderen Glied, und haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Ist jemand prophetische Rede gegeben, so übe er sie dem Glauben gemäß. Ist jemand ein Amt gegeben, so diene er. Ist jemand Lehre gegeben, so lehre er. Ist jemand Ermahnung gegeben, so ermahne er. Gibt jemand, so gebe er mit lauterem Sinn. Steht jemand der Gemeinde vor, so sei er sorgfältig. Übt jemand Barmherzigkeit, so tue er’s gern. (Brief des Paulus an die Römer 12, 1-8)

„Wir werden uns am Ende eine Menge verzeihen müssen“ – hat der Gesundheitsminister am 24. April des letzten, sehr besonderen Jahres gesagt und damit plötzlich und unerwartet einen Ton getroffen, der lange nachhallt. Im zunehmend kakophonen Getöse, in dem beinahe jede Maßnahme gegen die Seuche in Ultraschallgeschwindigkeit zum Versagen, zum Fiasko, zum Debakel, zum Chaos und zum Irrsinn – was für ein Irrsinn! – geschrien und geschrieben wird, wenn sie nicht sofort und unmittelbar erfolgreich ist oder auch nur nicht von allen verstanden wird, klingt in der vielleicht auch nur beiläufig gemeinten Bemerkung eine tiefe Lebensweisheit und zentrale Wahrheit des christlichen Glaubens durch: Wir werden uns – und nicht nur am Ende – eine Menge verzeihen müssen: und wir können das auch, weil wir immer schon – wenn wir es denn wahrnehmen und wahrhaben – in einem Zusammenhang des Verzeihens und der Barmherzigkeit aufgehoben und umfangen sind: mehr noch: in ihm empfangen werden; nicht umsonst heißt einer der hebräischen Begriffe aus dem Alten Testament für Barmherzigkeit auch Mutterleib. Der barmherzige Gott ist wie die Mutter, die einem das Leben gab – oder wie der Vater, der uns verlorene Töchter und Söhne annimmt, immer wieder annimmt und uns in Barmherzigkeit verzeiht. Deshalb ist uns gesagt: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ (Lukas 6,36)

Und deshalb rahmt der Apostel Paulus seine Gedanken zum Leben der Gemeinde mit dem Begriff der Barmherzigkeit, der immer das Verzeihen als den Verzicht auf Durchsetzung eigenen Rechts und eigener Möglichkeiten – und sei es das vermeintliche Recht sich auch mal gehörig aufzuregen – meint. Barmherzigkeit kann sogar sein, einfach mal die Klappe zu halten; meistens ist sie mehr, viel mehr: Sie räumt mir und allen anderen trotz meiner Unzulänglichkeiten und Verfehlungen und die der anderen einen Platz zu Leben ein. Alles Leben und eben auch das Gemeindeleben verdankt sich aus christlicher Sicht und aus christlichem Glauben der Gnade und der Barmherzigkeit unseres Gottes. „Gnädig und barmherzig ist der Herr, geduldig und von großer Güte“ Ohne Gnade ist nicht nur alles nichts, sondern ist überhaupt nichts.

Das ist aber nicht die Logik dieser Weltzeit, dieses Äons oder Säkulums – nicht Wesen und Form der säkularen Welt in der wir leben, weshalb das Ministerwort so herausklingt im Lärm und so funkelt im Dunkeln. In der säkularen – oder weitgehend säkularisierten – Welt gilt eigentlich das Recht des Stärkeren, der Kampf ums Dasein, das survival of the fittest, Konkurrenz und Kampf und Freiheit als Freiheit mich gegen die anderen, auch gegen die Natur und letztlich sogar gegen mich selbst durchzusetzen, kämpfend durchzusetzen.

Im Gegensatz dazu überschreibt Paulus seine Gedanken zum Leben der Gemeinde als vernünftigen, wörtlich „logischen“ Gottesdienst – also als der Logik der Barmherzigkeit folgenden Gottesdienst – und fordert seine Schwestern und Brüder, also uns, dazu auf, nicht der säkularen Logik dieser Welt zu folgen, sich nicht ihrem Schema anzupassen und uns ihr gleichzuschalten, sondern sich selbst zu ändern, zu verwandeln, eigentlich sich einer unser ganzes Selbst und Wesen verwandelnden Metamorphose (wie die Raupen zum Schmetterling) zu unterziehen, um erneuert und wie wiedergeboren dem Willen Gottes, also dem schöpferischen Gnadenwillen Gottes zu folgen und das ganze Leben zu widmen: Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

Dazu hat uns Gott Gaben gegeben, Geistesgaben, nein: Gnadengaben. Paulus ersetzt ausdrücklich den damals gebräuchlicheren Begriff Geistesgaben („pneumatika“) durch seine eigene Wortschöpfung „Charismen“, um das gnadenhafte unserer Fähigkeiten und Begabungen herauszustreichen und sie nicht etwa einem überlegenen in uns wohnenden Geist zuzuschreiben. Insofern verwenden wir heutzutage den Begriff Charisma zumindest missverständlich, wenn wir ihn der besonderen, strahlenden, überlegenen Wirkung einer brillanten und dominanten Persönlichkeit anheften – die etwa alle Blicke auf sich zieht, wenn sie den Raum betritt und deren Worte uns unmittelbar treffen, erschüttern und bewegen. Solchen religiösen Geniekult hatte Paulus in Korinth kennen und ablehnen gelernt, weil er der säkularen Leistungsideologie folgt und Gemeinschaft zerstört: Schneller, höher, weiter gehört auf den Sportplatz aber nicht in die Kirche. Ihm ist wichtig, alle Gaben gleichermaßen – auch die unscheinbaren und scheinbar unbedeutenden – als Gottesgaben zu würdigen und für die Gemeinde fruchtbar zu machen – ohne Hierarchie der Gaben und der Begabten – was ja eine gewisse Relevanz und eine gehörige Brisanz für eine heutige Gemeindeorganisation und damit auch für den zweiten Programmpunkt unseres heutigen Vormittags hat.

Des Paulus Bild dafür ist das eines Körpers mit seinen Organen und Gliedern, das in der Antike weit verbreitet war und das er mit der Vorstellung des verborgenen Christus in, mit und unter den Christen – vor allem aber nicht nur! – beim Abendmahl verbindet. So wie wir alle zu Christus gehören, gehören wir alle zusammen – mit unseren Unterschieden und unterschiedlichen Gaben aber ohne Rangfolge und Hierarchie.

Dass dieses Bild gelinde gesagt zum Missbrauch einlädt, wenn nicht sogar dazu verführt, in dem es bestehende Machtverhältnisse verklärt oder verschleiert, liegt auf der Hand und ist oft bemerkt worden: Was nützt die beschworene Gleichrangigkeit den „Füßen“, wenn sie wie Fußabtreter, und was dem „Gesäß“, wenn es wie der letzte – nein, das sag ich jetzt nicht – behandelt werden. Es kommt darauf an, die behauptete Würde erfahrbar und erlebbar und damit wirklich zu machen, und die zuerst darin besteht, die jeweilige Funktion in ihrem Eigenwert zu würdigen: Was wären wir ohne unsere Füße, die uns gerade jetzt durch den Winterwald tragen können; und was – ja was? – ohne funktionierende Verdauung.

Genau darauf (also nicht auf die Darmtätigkeit sondern auf den jeweiligen Eigenwert jedes Organs im Zusammenhang des Organismus) zielen die treffenden, nur scheinbar redundanten und gerade darin subtilen, bisweilen sogar zartfühlenden Bemerkungen des Apostels: Vor allem geht es ihm darum, dass jeder das mache und so gut wie möglich mache, was ihm durch Gottes Gnade eben gut zu machen gegeben und deshalb seines Amtes ist (da kann man sich auch verdammt täuschen, vor allem auch über sich selbst!): der Tröster soll trösten, der Lehrer lehren, der Prophet Gesellschaftskritik üben und der Helfer Hilfe leisten; orientiert an der Sache selbst und an denen, auf die meine Tätigkeit zielt; nicht als Egotrip und nicht als Showbusiness, also eben nicht nach der Aufmerksamkeitsökonomie der säkularen Welt – sondern orientiert an der Gnade Gottes als Prinzip und Ziel.

Besonders überzeugen mich die drei Wendungen am Ende:

Gibt jemand, so gebe er mit lauterem Sinn: Nichts ist schlimmer als Almosen und praktische Barmherzigkeit zum Zweck der moralischen Selbstvergrößerung oder auch nur als inquisitorischen Schnüffelei der Wohlhabenden in den kargen Verhältnissen der Armen. Man hilft nur, wenn man nur helfen will.

Steht jemand der Gemeinde vor, so sei er sorgfältig: – wörtlich steht da „mit Eifer“. Also: Sich nicht lange bitten lassen, selbst die Dinge in die Hand nehmen, Probleme sehen, das Notwendige tun – die gemeinsame Sache als die eigene begreifen. Auch da mag es Übertreibungen geben, wenn der Eifer in Eigenmächtigkeit umschlägt; also: die eigene Sache als gemeinsame Sache begreifen.

Übt jemand Barmherzigkeit, so tue er’s gern; wörtlich „in Fröhlichkeit“ dessen, dem selbst Barmherzigkeit widerfahren ist.

Der Predigttext bricht an dieser Stelle ab, was schade ist, denn Paulus setzt seine Bemerkungen zum Leben der Gemeinde fort – und zwar mit dem paulinischen Großthema der Liebe, die für ihn im wesentlichen auch nichts anderes ist als eine Begabung aus Gottes Gnade und Barmherzigkeit – und zwar die größte: „die Liebe aber ist die größte unter ihnen“ (1. Korinther 13); die Liebe nämlich, die nichts für sich selbst zu sein vermag, „nicht das ihre sucht“; die nicht plattmacht und quetscht, sondern die einem anderen einen Platz einräumt; die verzichten und vieles verzeihen kann.

Predigttext Silvesterabend 2020

So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste. Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.

Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht. Amen. (2. Buch Mose 13, 20-22)

„Nur ein oberflächlicher Mensch urteilt nicht nach dem Äußeren“ – Meistens ist es sehr sinnvoll mit Oscar Wilde, dem ersten Eindruck und der äußeren Erscheinung zu folgen: Wenn in der Kirche einer mit einem Talar herumsteht, wird das sehr häufig ein Pfarrer sein – und wenn im mythologischen Weltbild des Alten Orients Rauch- und Wolkensäulen umherwandern, könnte das Gott sein. Das Innere verrät sich im Äußeren, in unseren Bildern zumal; das kann als Faustregel gelten, von der es aber Abweichungen gibt. Es ist damit zu rechnen, dass gerade religiöse Gegenstände und insbesondere Gott selbst sich in vielfältigen auch unerwarteten Verhüllungen und Enthüllungen offenbart, nicht zuletzt unter seinem Gegenteil; wir kommen darauf zurück.

Beim Durchsehen der Bilder des vergangenen Jahres – also weniger bei den offiziellen Präsentationen in Zeitungen oder im Fernsehen, als vielmehr bei den eigenen Bildern, die sich auf dem Handtelefon so übers Jahr ansammeln; oder auch bei den anderen, die man als Weihnachtsfamilienkarten bekommt und die vielfach wahre Kunstwerke sind – also beim Durchsehen dieser privaten, persönlichen Bilder des Jahres 2020 fällt auf, dass das alles beherrschende Thema, die alles bestimmende Wirklichkeit – früher war das ein Gottesprädikat! („Gott als alles bestimmende Wirklichkeit“ bei Rudolf Bultmann) – also nun aber die alles bestimmende Wirklichkeit der Seuche kaum oder gar nicht vorkommt.

Auf diesen Bildern, die ich meine und die wir vermutlich alle im Smartphone mit uns herumtragen, gehen wir durch das Jahr mit lachenden, freundlichen Gesichtern, wir und unsere Lieben, an schönen Orten bei gutem, oder zumindest interessantem Wetter. Nur ganz gelegentlich blitzt eine Maske hervor und wir wissen – noch, aber in ein paar Jahren nicht mehr – aus welcher Phase der Pandemie dieses oder jene Bild stammt, also etwa zeitgleich mit den ikonisch gewordenen Bildern der Militärlaster voller Särge in Bergamo, der Behelfslazarette in New York, der Umarmung der Angehörigen durch eine Plastikfolie im Altenheim; oder der sommerlichen Idiotenpartydemos und der Beinahe-Erstürmung des Bundestages durch selbige; oder – nochmal ganz anders – der leeren Fußballstadien.

Aber in den Sammlungen der meisten von uns kommt die Seuche – merkwürdigerweise, glücklicherweise – nicht vor. Das liegt – denke ich mir – zum einen daran, dass wir trotz allem auch im vergangenen Jahr meistens das gemacht haben, was wir eben immer machen und davon auch unsere Bilder gemacht haben; und in der großen Mehrheit – wie gesagt: glücklicherweise – keinen direkten Kontakt mit den grausamen, tödlichen Seiten der Seuche hatten. Das könnte aber auch zu einem anderen Teil daran liegen, dass wir – unbewusst, bewusst – den Schrecken verdrängen und ihn mit unseren fröhlichen Bildern zudecken, verhüllen wollen: Andere mögen leiden und sterben – aber wir doch nicht! Falls das stimmt – aber vielleicht bin ich hier wieder mal zu grübelnd, zu nörgelnd – wäre das eine nicht ganz so schöne Erkenntnis über uns selbst.

Bei einem zweiten, genaueren Blick durch die Bildersammlungen, finden wir dann vielleicht aber doch die Spuren der Pandemie – die immer selben Spaziergänge im Frühjahr, die spärlich besetzten Lokale, die leeren Strandabschnitte; auch die Leerstellen könnten uns auffallen: die Menschen, die wir nicht trafen, und die Orte, die wir nicht besuchten. Es war so vieles gleich in diesem Jahr – und doch alles anders. Und wenn auch nicht alles sichtbar ist, so doch manches erkennbar unter seinem Gegenteil.

Und wenn man so weitergeht in seinen Gedanken zur Sichtbarkeit der Pandemie in unserem persönlichen Bildergedächtnis, ergibt sich – zumindest wenn uns Fragen der Religion interessieren – die Frage nach der Sichtbarkeit Gottes in diesen Tagen und der Orientierung durch unseren Glauben. Auch wer in dieser Hinsicht keine Feuersäulen oder Wolkensäulen erwartet – das wäre wohl zuviel verlangt in Zeiten säkularer Vernunft – würde sich doch Eindeutigeres über Gott oder noch besser von Gott wünschen. Welche Antworten des Glaubens finden sich in diesen Zeiten? Wo ist Gott in der Pandemie? Wer ist uns – nun sei dennoch danach gefragt – Wolkensäule am Tag und Feuersäule in der Nacht?

Nach einer Schrecksekunde des monatelangen Schweigens hat sich der Glauben in vielfältigen theologischen Stellungnahmen geäußert, ohne je kraftvoll zu einer Stimme zu finden. Die Antworten, die in früheren Zeiten plausibel waren, dass eine solche Krise Strafe oder Prüfung Gottes sein müsse, verfängt nicht mehr, da einem Gott, der die Liebe ist, ein solches strafendes oder prüfendes Handeln schlicht nicht mehr zugetraut wird. Der liebe Gott straft und prüft nicht. Einen anderen aber kennen wir nicht – nicht mehr.

Angesichts von Seuche und Seuchentod kann dann aber auch die Gottesaussage „alles bestimmende Wirklichkeit“ nicht mehr zutreffen, wenn sie es denn je getan hat. Allerdings deckt hier die Krise nur theologische Defizite auf, die es schon längst gab und die schon längst hätten bearbeitet werden müssen: Gott könnte doch nur dann gleichzeitig als „Liebe“ und als „alles bestimmende Wirklichkeit“ ausgesagt werden, wenn ich alles, was überhaupt ist, für gut erklärte, und wenn also gleichzeitig das offensichtlich Nicht-Gute: Krankheit und Leiden, Gewalt und Tod einfach für irrelevant erklärt würden. Das sollte dem christlichen Glauben eigentlich unmöglich sein, wenn es auch die Kommentare zur Pandemie immer wieder implizieren mit Behauptungen, dass doch jeder sterben müsse, und mit Beschwichtigungen, dass Krankheiten zum Leben dazugehörten; wohl wahr! Nur dass das beides vor allem Argumente nicht gegen ihre Bedeutung sondern für mitfühlende Sterbebegleitung und effiziente Krankenversorgung sind – auch Jesus hat Krankheiten nicht erklärt sondern geheilt! Und gut finden und für göttlich gewollt halten – muss man sie schon gleich gar nicht.

Der Mangel an christlichen Deutungen in der pandemischen Öffentlichkeit spiegelt sich in einem Überfluss nicht-christlicher und religionskritischer Kommentare. Die häufen auf die System-Irrelevanz von Kirche und Theologie in der Pandemie und den demoskopischen Niedergang der Institutionen noch den triumphalen Abgesang auf die Religion überhaupt – allerdings – und das muss den Polemiker in einem betrüben – war die Religionskritik auch schon mal besser, nämlich treffender und trittsicherer als heute.

Entweder sie verkauft Ladenhüter vom Grabbeltisch der Historisch-Kritischen Forschung als Sensation, etwa dass sich Religionen entwickeln und verändern und dabei immer auch Elemente ihrer Umwelt aufnehmen, und dass also z.B. in Ermangelung eines Geburtsdatums Jesu der Zeitpunkt des Weihnachtsfestes zur Wintersonnenwende sich dem Festkalender der alten Römer verdankt – was doch höchstens Konfirmanden erstaunen kann, wenn sie es als 13jährige erstmals hören.

Oder die Kritiker verzichten gleich ganz auf Recherche und „meinen“ einfach wild drauflos – nach dem Motto: Eine starke Behauptung ist immer noch besser als ein schwaches Argument, wie z.B. neulich in einer großen Wochenzeitschrift, in der ein Autor das Recht des konfessionellen Religionsunterrichts an Schulen bestreitet, was natürlich möglich ist und interessant sein kann, aber doch nicht so: Ihm war völlig entgangen, dass die kirchlichen Lehrkräfte an staatlichen Schulen selbstverständlich dem Recht des Staates und der Ordnung der Schule unterstehen, dass Lehrpläne für Religion wie für alle anderen Fächer staatlich beschlossen werden und dass genauso wenig wie der Glaube an den Satz des Pythagoras in der Mathematik der Glaube an Bekenntnissätze im Religionsunterricht benotet wird – nur kennen sollte man sie halt und wissen, was man damit anfangen kann. Am betrüblichsten aber war, dass dem Autor gerade das fehlte, was zu den wichtigsten zu erwerbenden Kompetenzen des Religionsunterrichts gehört, nämlich eine eigene Urteilsfähigkeit in Sachen der Religion auszubilden, die insbesondere auch einschließt, sich selbst in Frage zu stellen.

Wenn die Kritik sich so wenig Mühe macht und sich machen zu leisten können scheint, muss es schlecht um die Religion bestellt sein. Dabei könnte die Krise doch eine Stunde der Religion sein, die Situation zu deuten und die Menschen zu trösten. Selten waren – um im Bild unseres Predigttextes und seines Erzählzusammenhangs zu bleiben – die Meeresfluten einer Bedrohung gewaltiger und die hinter uns her stürmenden Feinde gewalttätiger; selten die vor uns liegenden Wüsten der Bewährung und der Geduld vor uns dürrer und ausgedehnter; und sehr selten unser Bedarf an Wegweisung und Erleuchtung größer als gerade jetzt. Wo ist Gott; wo der, über den wir sagen könnten: Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.

Auch wenn wir nichts dergleichen erkennen, muss das nicht für Gottes Abwesenheit sprechen, bzw. es könnte Gottes Abwesenheit für uns eher die Verhüllung seiner Anwesenheit sein. Martin Luther hat so etwas gesagt, nämlich dass sich Gott unter dem Kreuz verbirgt, dass sich Gottes Macht unter der Ohnmacht verhüllt und das Luther folgerichtig Kreuzestheologie genannt hat. Größer als eine sichtbar machtvoll „alles bestimmende Wirklichkeit“, die es nicht mehr gibt (und nie gegeben hat), ist die die eigene Ohnmacht aushaltende Macht der Liebe. Nach Luther hat der Glauben nicht nach Machterweisen zu suchen und diese dann Gott zuzuschreiben, nicht sich von Wolken- und Feuersäulen führen und leiten lassen, sondern im Leiden der Menschen Gott zu erkennen, das er teilt, das er erträgt und trägt und so überwindet – und uns durch gemeinsames, gegenseitiges Tragen zu überwinden anstiftet. Mit dem Kreuz als Zeichen der Ohnmacht stellt Gott sich und unsere Ansprüche an Gott in Frage – aber er gibt sich auch so zu erkennen als Gott der Liebe, „der nichts für sich selbst zu sein vermag“ (Eberhard Jüngel).

Also doch der liebe Gott? Ja schon, aber so, dass seine Liebe überraschen kann, herausfordern kann, uns nicht nur bestärkt in dem, was wir schon immer glaubten, sondern unsere Schwäche ertragen lässt. Liebe ist ja nicht schon dann, wenn ich den Tollen toll finde, sondern wenn mich seine Schwächen berühren. Solche Liebe kann uns bei Tag führen und in der Nacht den Weg leuchten – oder nochmal anders:

Jesus Christus spricht, ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt, wird nicht wandeln in der Finsternis sondern das Licht des Lebens haben. Amen.

Predigttext Weihnachten 2020

Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn. Und Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des Herrn. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören, sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande, und er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten. Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften.

Da wird der Wolf beim Lamm wohnen und der Panther beim Böcklein lagern. Kalb und Löwe werden miteinander grasen, und ein kleiner Knabe wird sie leiten. Kuh und Bärin werden zusammen weiden, ihre Jungen beieinanderliegen, und der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein kleines Kind wird seine Hand ausstrecken zur Höhle der Natter. 

Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land ist voll Erkenntnis des Herrn, wie Wasser das Meer bedeckt. Und es wird geschehen zu der Zeit, dass die Wurzel Isais dasteht als Zeichen für die Völker. Nach ihm werden die Völker fragen, und die Stätte, da er wohnt, wird herrlich sein. (Buch des Propheten Jesaja 10,1-10)

„Es ist ein Ros´ entsprungen/ aus einer Wurzel zart“ – selten hat sich eine saubere Aussprache so gelohnt: An Weihnachten geht es – zumindest metaphorisch – um Rosen und nicht um Pferde; um Sprösslinge und nicht um Rösser. Wenn hier und heute jemand herumspringt, dann sind das kleine Kinder unterm Weihnachtsbaum; oder eigentlich das eine Kind Gottes in der Weihnachtskrippe, und das springt noch nicht – weil es nämlich im wesentlichen liegt oder getragen wird im Arm der Eltern, deren Herz wir uns aber sehr wohl als vor Glück hüpfend und springend vorstellen dürfen.

Wie alle Eltern werden sie dieses unfassbare, unverdiente und unvergleichliche Glück empfunden haben über ihr neugeborenes rosiges leicht verschrumpeltes Kindlein; aber dabei kaum selbst als Eltern im Stall herumgesprungen sein, die eine vor Erschöpfung nicht und der andere aus solidarischer Erschöpfung nicht (oder auch aus der stillen Freude, nicht selbst Gebärer zu sein; wie meine Großmutter – Gott hab sie selig – gesagt haben soll: „Würden die Kerls die Kinder bekommen, wären die Menschen längst ausgestorben.“ Da könnte was dran sein; vgl. auch die einschlägigen Erkenntnisse zum „Männerschnupfen“.)

„Es ist ein Ros´ entsprungen“ – verdankt sich der prophetischen Zeile aus dem prophetischen Text des Jesaja, die und der seit jeher – also zumindest seitdem Christen über Christi Geburt nachgedacht haben, auf Jesus von Nazareth bezogen wurden, wieso ihn die Weihnachtsgeschichte in Bethlehem statt im näherliegenden Nazareth geboren sein lässt: Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Also eigentlich „Reis“ wie Reisig statt „Rose“. Also Ästchen, oder Zweiglein statt Blume; aber da wollen wir nicht zu genau hinschauen, da Genauigkeit bei der Betrachtung von Wundern diese beschädigen könnten. Ob Reis oder Ros – da sprießt etwas hervor, ein Sprössling der Familie David, uralter judäischer Adel von königlich-messianischem Geblüt, ausgewählt von Gott zum guten König über sein Volk.

Der christliche Glauben pfropft hier nichts auf oder ein zur Erschleichung eines Adelstitels, auf den Jesus zweifellos verzichten könnte, sondern um eine theologische Aussage zu veranschaulichen: Der hier gemeinte und geglaubte Christus ist der jüdische-davidische Messias, auf den Gottes Volk wartet und dessen Herrschaft in umfassender Weise ersprießlich sein wird.

Denn viel wichtiger als die Fragen der Phonetik oder der Historik oder meinetwegen der Pomologik ist hier die Theo-logik, was denn das für ein göttlicher Herrscher sei, wenn er kommt, dieser Messias und was sein messianisches Reich wäre, wenn er es aufrichtet. Ein geisterfüllter Herrscher und Messias jedenfalls, voll des Geistes des Herrn, des Geistes der Weisheit und des Verstandes, des Geistes des Rates und der Stärke, des Geistes der Erkenntnis und der Furcht des Herrn.

Von allen guten Geistern angeblasen, bewegt und begleitet wird er Gottes Idee eines moralischen Universums durchsetzen, in dem Gerechtigkeit und Frieden herrschen. Beides steht noch aus: Gerechtigkeit und Frieden für die ganze Welt, Schalom für Mensch und Tier, genauer sogar für jedes Blümelein und für jeden Spross; Das steht noch aus, steht nach einhelliger Meinung der Bibel noch aus, weshalb man sich über die immer nur wundern kann, die sich darüber wundern, dass und warum trotz eines gerechten und friedenbringenden Gottes noch soviel Ungerechtigkeit und Unfrieden in der Welt sei.

Der „Frieden auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens“ steht noch aus, der Weihnachtsfrieden formuliert eine Zukunft, eine Utopie, aber als eine konkrete Utopie – also eine, die unser Denken und Fühlen jetzt schon bewegt, damit sich unsere Welt jetzt schon verändert, damit wir unsere Welt jetzt schon verändern. (Mit dem Begriff der konkreten Utopie bezeichnet Ernst Bloch die Hoffnung als die die Gegenwart verändernde Kraft aus den Bildern der Zukunft: „Es kommt darauf an das Hoffen zu lernen. Seine Arbeit entsagt nicht, sie ist ins Gelingen verliebt statt ins Scheitern.“ „Sozialutopie arbeitet als ein Teil der Kraft, sich zu verwundern und das Gegebene so wenig selbstverständlich zu finden, dass nur seine Veränderung einzuleuchten vermag.“)

Die konkreten Zukunftsbilder, die der Prophet vor uns ausbreitet, sind dazu geeignet und haben die Kraft, unsere Gegenwart zu verändern: Frieden und Gerechtigkeit in jeder Ecke der Welt und in jedem Winkel der Natur: Da wird der Wolf beim Lamm wohnen und der Panther beim Böcklein lagern. Kalb und Löwe werden miteinander grasen, und ein kleiner Knabe wird sie leiten. Kuh und Bärin werden zusammen weiden, ihre Jungen beieinanderliegen, und der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein kleines Kind wird seine Hand ausstrecken zur Höhle der Natter. 

„Geist“ ist biblisch unter anderem die Kraft, die mich etwas von einem anderen Standpunkt als meinem eigenen aus vorstellen lässt:

  • „Geist“ lässt mich den Konflikt mit den Augen meines Gegners betrachten;
  • „Geist“ erzählt eine Geschichte aus der Perspektive der Marginalisierten, der Armen, der Frauen, der Kinder;
  • „Geist“ interessiert sich für mehr als die anthropozentrische Weltsicht sondern auch für Wölfe und Lämmer, Löwen und Nattern, Aale und Habichte, Ochsen und Esel;
  • „Geist“ schildert die Gegenwart aus dem Blickwinkel einer möglichen Zukunft.

Durch Gottes Geist – den Geist des Herrn, den Geist der Weisheit und des Verstandes, den Geist des Rates und der Stärke, den Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn – verlassen wir das Gefängnis unserer bloß eigenen Privatwelt, legen wir unsere egoistische egozentrische Befangenheit ab: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – indem du deines Nächsten Standpunkt einnimmst und seine Sichtweise ausprobierst. Damit ich nicht richte nach dem, was meine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was meine Ohren hören, sondern mit Gerechtigkeit.

Weihnachten lebt vom empathischen Geist der Utopie:

  • Himmel und Erde verbinden sich im „englischen“ Ruf – also dem Ruf des Engels – nach Frieden und Gerechtigkeit;
  • Marginalisierte werden vom Rand in die Mitte gerückt;
  • Frauen und Kinder schreiben die Geschichte – in Hütten, nicht in Palästen;
  • armselige Hirten werden königliche Herolde
  • und noch die Krippenfolklore durchbricht die gewohnte, auf Menschen fixierte Sichtweise, indem sie Ochs und Esel zum Christkind stellt und den ewigen Frieden – so wenig wahrscheinlich er uns vorkommen mag – an der Vielfalt der friedlich vereinten Arten veranschaulicht: an Wolf und Lamm, an Panther und Böcklein, an Kalb und Löwe, an Kuh und Bärin, an Löwe und Rind, an Menschenkind und Schlange. Und wir haben ökologischen Respekt und den Schutz der Artenvielfalt für neue Ideen gehalten!

Das ganze hat nur Sinn, wenn ich verstehe, dass der weite Blick in die Vergangenheit einen noch weiteren in die Zukunft gewährt – und damit – und erst damit – mich in meiner Gegenwart erreicht, damit ich sie verändere. Selten also könnte ein Lied so sehr den weihnachtlichen Sinn verfehlt haben wie das „Alle Jahre wieder“ unserer Kindheit, wenn es die jährliche Wiederkehr des ewig Gleichen besingt, und als Besitzanspruch auf Heimat im Idyll die Weihnachtsbotschaft in ihr Gegenteil verkehrt. Dagegen bleibt festzuhalten: „Es geht um den Umbau der Welt zur Heimat, ein Ort, der allen in der Kindheit scheint und worin noch niemand war.“ (Ernst Bloch)

Denn das bezeichnet den eigentlichen „ernsten ausgewachsenen Feiertagsnotstand“ (ausgerufen vom unvergleichlichen Chevy Chase in seiner Weihnachtskomödienfarce „Schöne Bescherung“ aus dem Jahr 1989; unbedingt wiedersehen!), wenn ich Weihnachten für verfügbar halte, es als meinen Besitz, ja Raub erachte, auf den ich Anspruch habe und den ich nach meinem Gutdünken verhunzen kann, schepperndes Familienglück und greller Frohsinn inklusive. (Es sollen ja schon Pfarrer am Heiligen Abend in ihrer Kirche Schimpfe bekommen haben, wenn sie nicht fröhlich genug geschaut haben.)

Wenn uns dieses blöde Virus in all seiner Grausamkeit eins lehren kann, dann das: dass Weihnachten unverfügbar bleibt, es eben nicht uns gehört; dass es unseren Zugriff verweigert, es sich nicht in Besitz nehmen lässt; dass es wie ein Ross scheut und davonspringt, wenn wir ihm zu nahe treten; oder aber – als zartes Pflänzchen für uns aufblüht, wenn wir nicht darauf herumtrampeln.

Wir müssen Weihnachten in diesem Jahr anders feiern – aber wir können das auch: rücksichtsvoller, empathischer, utopischer – und in der Hoffnung, im nächsten Jahr es wieder anders, vor allem gemeinsamer feiern zu können – ohne dass doch alles einfach so wäre wie früher. Denn alles so bleiben, wie es immer schon war – das soll es ja an Weihnachten gerade nicht. Amen.

Predigttext für den 2. Advent, 6. Dezember 2020

So seid nun geduldig, Brüder und Schwestern, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe. Seufzt nicht widereinander, damit ihr nicht gerichtet werdet. Siehe, der Richter steht vor der Tür. Nehmt zum Vorbild des Leidens und der Geduld die Propheten, die geredet haben in dem Namen des Herrn. Siehe, wir preisen selig, die erduldet haben. Von der Geduld Hiobs habt ihr gehört und habt gesehen, zu welchem Ende es der Herr geführt hat; denn der Herr ist barmherzig und ein Erbarmer. (Brief des Jakobus 5, 7-11)

Ruhig – Geduldig. Das hört sich nicht nur so an wie der Slogan einer Fahrschule, sondern das war auch einer. Die alten Wiesbadener werden sich vielleicht daran erinnern; an diese leicht überdimensionierten Schilder auf dem Dach und auf den Seiten der Fahrzeuge: Ruhig – Geduldig: Manfred Hardel. In diesem Fahrinstitut habe ich meine automobilistische Matura erworben mit sehr viel Geduld auf beiden Seiten nach 32 Fahrstunden – das war einsamer Rekord, was unter anderem daran lag, das mein Papa – Gott hab ihn selig – das vorzeitige illegale Üben im Privat-PKW verweigert hat – auch mit dem Hinweis, als Jurist könne er das nicht verantworten und im übrigen sei ohnehin nicht zu erwarten, dass ich mit meinen natürlichen Anlagen zum Autofahren tauge.

Der Ruhe und der Geduld meines Fahrlehrers (und meiner eigenen) verdanke ich nicht nur den berühmten grauen Lappen, den heute noch das Bild des damals 19 Jährigen ziert, sondern auch die Merksätze des theoretischen Unterrichts, die den praktischen ergänzten; deren schönster mir heute noch in den Ohren klingt: „In der Fahrschule lernen Sie nicht fahren sondern bremsen“. Ruhig – geduldig!

Bremsen können und Geduld üben dürfte zu den Kernkompetenzen des heutigen Autofahrens gehören, nicht nur bei plötzlichen Wintereinbrüchen wie letzte Woche, sondern ganzjährig in Staus und verstopften Straßen, auch in unserer schönen Heimatstadt Wiesbaden – in der bekanntlich erst gerade ein kollektiver selbstquälerischer Impuls eine Verkehrsentlastung durch eine Straßenbahn ausgebremst hat. Das kann man konsequent und authentisch finden, wenn sich die Stadt des rückwärtsgewandten Historismus kraftvoll zurückwendet, muss man aber nicht – und bereuen werden es gerade wir Automobilisten bitter.

Wir, die Ausgebremsten: das könnte man ja überhaupt über dieses Jahr schreiben; Und Geduld üben, Geduld erstmal lernen – ist Jahresthema und Jahresaufgabe im Schatten der Seuche; hier in der Stadt und überall: urbi et orbi.

Ruhig – Geduldig: Das wissen Kranke und Leidende ja sowieso, müssen es als Ausgebremste ertragen, tragen es in ihrem Namen als Patienten: – der Geduldige und geduldig Leidende; der Wartende auf den Termin, im Wartezimmer auf die Behandlung, dann auf die Diagnose, dann mit etwas Glück auf Heilung oder doch zumindest Wiedereintritt in etwas, das man Alltag nennen kann.

Kranke haben eine deutlichen Mehrbedarf an Geduld. Eine Krankheit ist meistens auch eine Geduldsprobe; die Zeit erst heilt Wunden, viele zumindest; aber es braucht halt Zeit, nicht immer 100 Jahre, bis alles – Heile, Heile, Gänschen wieder – gut wird, aber eine gefühlte Ewigkeit eben doch – manchmal: bis das Treppensteigen geht, bis man wieder durchschnaufen kann, bis man seine Gliedmaßen wieder durchzählen und bewegen kann, bis ich wiederhergestellt bin, den Beruf ausüben, die Vergnügen pflegen, wieder Reisen kann, bis ich wieder hergestellt, belastbar und ganz gesund bin. Aber das ist keineswegs garantiert, das alles bin ich ja durchaus nicht immer nach einer Krankheit oder eben nicht ganz – und dann brauche ich wieder Geduld, neue Geduld, eine neue Art von Geduld, mich an meine Beschränkungen zu gewöhnen. Krankheit als Chance ist meistens eine dicke Lüge – aber Krankheit als Chance Geduld zu üben, nein als Zwang Geduld zu üben – da ist was dran.

Und gemeinsam Kranke, also wir im Schatten der Seuche brauchen allemal Geduld: Wir wünschen uns das alles weg und zwar möglichst schnell: Das Virus, die Krankheit, die Maßnahmen, die Einschränkungen – wer nicht gelernt hat seine Wünsche von der Wirklichkeit zu unterscheiden, setzt sich einen Aluhut auf den Kopf, reißt sich die Maske vom Gesicht und schimpft auf die Verantwortlichen: Magisches Denken. Demgegenüber ist mit dem großen Philosophen Bjarne Mädel festzuhalten: Wenn alle immer nur meckern, können wir sowas wie Corona eben nicht mehr machen (- das ist immer noch das beinahe Profundeste, was zur Seuche gesagt worden ist).

Geduld üben können setzt offensichtlich einen Reifeprozess voraus, der mich erkennen lässt, dass Seuchen ziemlich sicher mit der Zeit vorübergehen, aber auch so oder so vorübergehen, also ganz unterschiedlich erlitten werden können; dass sie viel Leid oder unermesslich viel Leid bringen; dass sie Naturkatastrophen sind, die auszuhalten sind, und eine Aufgabe für Menschen zugleich, die zu bewältigen ist.

Aushalten und Gestalten; damit haben wir den Kern einer vorläufigen Theorie der Geduld erreicht, den unser Predigttext durch zwei verschiedene Vokabeln abzubilden versucht: Der oft nicht sonderlich geschätzte Jakobusbrief – die stroherne Epistel wie Luther sagt – verwendet zwei unterschiedliche Wörter (das ist in der Übersetzung nicht erkennbar, die beide mit „Geduld“ übersetzt) und gibt uns damit eine Vorlage, zwei Aspekte der Geduld zu unterscheiden: Aushalten und Gestalten. Während die „Hypomonä“ das reine Aushalten, das bloße Geschehen lassen, das passive Leiden bezeichnet; könnte mit „Makrothymia“ – also eigentlich: „Langmut“ oder „Großmut“ – eine Annahme und Hinnahme, zwar durchaus Passivität, aber eher schöpferische Passivität gemeint sein, die die abgebremste Selbstbestimmung zumindest für eine selbstbestimmte Gestaltung der Zwangspause nutzen lässt.

Diese beiden unterschiedlichen Aspekte des Geduldig-Seins lassen sich ganz leicht veranschaulichen: Wenn etwa der Fahrschüler begreift, dass man die Lebensweisheiten des Fahrlehrers besser erträgt und kürzer ertragen muss, wenn man sich nicht nur berieseln lässt, sondern endlich fahren lernt. Oder wenn ich in der Schule den Schülern begreiflich zu machen versuche, dass sie die belästigende Zwangspause vom Leben, die für manche die Schule darstellt, paradoxerweise dadurch erträglicher mache, wenn ich mitmache: Plötzlich ist die Stunde rum. Und schon die Jüngsten – und ihre herausgeforderten Eltern – erleben beim Warten aufs Christkind: Je weniger ich am Tag des Heiligen Abends zu tun haben, desto größer ist die Langeweile, desto schwerer kann ich das Warten aushalten. Umgekehrt: Je vielfältiger mein Programm, desto schneller ist das Christkind da.

Wir warten auf das Christkind – ruhig – geduldig: Das war früher – also ziemlich lange früher – keine Geduldsprobe für Kinder, sondern das zentrale Problem des Frühchristentums: Parusiverzögerung – Verzögerung der Wiederkehr des Gottessohnes. Wo bleibt er nur, der Herr Jesus Christus? Wann kommt er wieder?

Statt darüber nachzugrübeln, was ihn aufhalten mag, empfiehlt Jakobus: So seid nun geduldig, Brüder und Schwestern, bis zum Kommen (Parusia) des Herrn. Das müssen wir jetzt aushalten, da müssen wir durch, aber wir können dieses Aushalten gestalten. Nicht nur rumsitzen und warten, sondern erwarten und tun.

Jakobus gibt uns im Zusammenhang seiner Geduldigkeitsrede gleich zwei wertvolle Tips zur schöpferisch passiven Gestaltung unserer Zeit der Geduld: Unmittelbar nach unserem Predigttext spricht Jakobus von der Kraft des Betens: Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen. Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn.  Denn: Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist. (Jakobus 5,13-16) Beten hilft und hat eine Kraft, die nicht erst heutzutage unterschätzt wird. Das etwas betuliche deutsche Wörtchen „ernstlich“ verfehlt das, was hier eigentlich steht, worum es dem Jakobus eigentlich geht; er will sagen, dass das Gebet Energie hat, die größer ist als die Worte und größer ist als ihr Sprecher, weil das Gebet durch Gott selbst energetisiert wird: Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es voller göttlicher Energie ist. Beten hat Power!

Und unmittelbar vor unserem Predigttext zeigt Jakobus wozu diese Energie befähigt; in einem flammenden Aufruf zur Gerechtigkeit, gegen den übermäßigen Reichtum der wenigen, gegen die Plutokratie, gegen den Raubtierkapitalismus der Antike und aller Zeiten, gegen die Herrschaft des als Gott verehrten Geldes, wendet er sich an die Wohlhabenden, an die Zuviel Habenden; etwa an uns? Wohlan nun, ihr Reichen: Weint und heult über das Elend, das über euch kommen wird! Euer Reichtum ist verfault, eure Kleider sind von Motten zerfressen. Euer Gold und Silber ist verrostet und ihr Rost wird gegen euch Zeugnis geben und wird euer Fleisch fressen wie Feuer. Ihr habt euch Schätze gesammelt in den letzten Tagen! Siehe, der Lohn der Arbeiter, die euer Land abgeerntet haben, den ihr ihnen vorenthalten habt, der schreit, und das Rufen der Schnitter ist gekommen vor die Ohren des Herrn Zebaoth. Ihr habt geschlemmt auf Erden und geprasst und eure Herzen gemästet am Schlachttag. Wow, wieder mal eine prophetische Brandrede wie aus dem Windkanal, die im Wesentlichen darauf hinausläuft, dass auf dem Streben nach Reichtum kein Segen liegt; dass man nicht zwei Herren dienen kann – nicht Gott und dem Mammon; und dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel gelangt, wie Jesus schon treffend bemerkte. Ist uns eigentlich klar, was das für einer ist, auf den wir da warten?

Beten und das Tun des Gerechten; das ist ein schönes Programm für die Zeit der Geduld, wenn schon die meisten Adventsvergnügen geschlossen sind; aber ein bisschen was fehlt doch noch, zum adventlichen Predigtglück, das uns der Jakobusbrief, diese stroherne Epistel nicht bietet, – der Text für den Nikolaustag, den wir heute ja auch feiern, aber sehr wohl: Der Prophet Jesaja blickt weit voraus in die Zeit, wenn Gott zu uns kommt, wie es dann sein wird. In aller Unbekümmertheit und Begeisterung ruft er es hinaus und erfindet dabei das schöne Wort von der guten Botschaft, das uns als das „Evangelium“ so wichtig und lieb ist:

Gott hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft (das Evangelium!) zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; zu verkündigen ein gnädiges Jahr des Herrn und einen Tag der Rache unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden. (Jesaja 61,1f.)

Das beziehen wir jetzt einfach mal auf unser nächstes Jahr, das ein gnädigeres Jahr werden möge als dieses und in dem es in Gottes Namen dem Virus so richtig an den Kragen geht, frei und ledig zu werden, zu trösten alle Kranken und Trauernden. Dann werden wir ein Fest feiern, das seinen Namen verdient und das wie jede echte Feier ein Vorgriff auf das große Fest sein wird, wenn Gott zu uns kommt. Dann werden wir mit Jesaja das besingen, was uns Jakobus mit Geduld zu erwarten rät:

Ich freue mich im Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt. Denn gleichwie Gewächs aus der Erde wächst und Same im Garten aufgeht, so lässt der Gott der Herr Gerechtigkeit aufgehen und Ruhm vor allen Völkern. (Jesaja, 61,10; vgl. Jakobus 5,7; s.o.)

Wir werden allen Grund haben uns im Herrn zu freuen! Amen.