14. Sonntag nach Trinitatis

Und er [Jesus] ging nach Jericho hinein und zog hindurch. Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen. Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.

Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams. Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. (Lukasevangelium 19, 1-10)

„Es steht ja wohl nicht im Gesetz des Mose, dass eine alte Schachtel nicht auf einen Baum klettern darf“ – sagte Astrid Lindgren, die 71jährige stolze, unwürdige Greisin, hoch oben von einem Baum herab. (Bei einem Filmdreh im Jahre 1978)

Ganz im Gegenteil! Können wir heute ergänzen, wenn doch das Evangelium des Lukas den etwas zu klein geratenen Oberzöllner Zachäus ausdrücklich für seine unschickliche Kletterei belobigt.

Es mag bessere und schlechtere Gründe für das Besteigen von Bäumen geben – Obstdiebstahl im Pfarrgarten gehört nicht zu den guten, wie unser Nachbar vor ein paar Jahren schmerzlich zu spüren bekam, als er bei seinem nächtlichen Raubzug aus ein paar Metern Höhe vom Quittenbaum fiel und dort erst einmal wie ein gestrandeter Käfer auf dem Rücken mit den Beinchen nach oben liegen blieb. Reue hat er nicht gezeigt, aber die Worte des schönen und lauten Liedes beherzigt: „Steh auf, wenn du am Boden bist!“. Nach einer Verschnaufpause hat er jedenfalls – gebückt und humpelnd – sein Diebesgut nach Hause verbracht, wo es ihm hoffentlich nicht allzu gut geschmeckt hat. Denn das steht ja nun mal bestimmt im Gesetz des Mose, dass einer nicht stehlen soll, alter Knacker oder nicht.

Aber das sollten wir vielleicht unserem Nachbarn zugestehen, dass er irgendwann doch seine Meinung geändert hat, so wie Zachäus, der als Oberzöllner und Obersünder den Leuten das Geld aus der Tasche zieht, sich nun doch um ein neues Verhältnis zu Gott bemüht. Er beginnt damit, seinen Standpunkt zu verändern, seine Sicht zu verbessern, dem Impuls folgend: Sehen und gesehen werden. Er klettert auf einen Baum. Von da oben sieht die Welt ganz anders aus, nämlich größer und mehr von ihr. Und er – der Kleine – wird nun auf einmal ebenfalls gesehen, er wird wahrgenommen und für wichtig gehalten – sogar von dem, für den er auf den hohen Baum geklettert war; und hoch kann der Baum, wird er gewesen sein.

Ein Maulbeerfeigenbaum (nicht zu verwechseln mit dem Maulbeerbaum oder dem Feigenbaum!), also ein Maulbeerfeigenbaum oder Eselsfeige kann bis zu 20 Meter hoch werden und wächst außer im subsaharischen Afrika fast nur im Jordantal in der Gegend um Jericho. Die Früchte sollen ganz ok schmecken, nicht so gut wie richtige Feigen, aber wegen der Früchte ist Zachäus ja auch nicht hinaufgeklettert, anders als unser Früchtchen aus der Nachbarschaft, von dem schon die Rede war.

Merkwürdig ist auch diese Szene allemal: Ein etwas zu klein geratener, aber doch wohl autoritätsheischender Oberzöllner erklimmt auf offener Szene einen hohen Baum; zwar kein reputierlicher deutscher Finanzbeamter (aber sicherlich auch nicht so schrecklich wie der garstige, gierige Oberzöllner aus Amerika); eigentlich offiziell genug, um sich normalerweise einen solchen Klettergang zu verbieten, gegen den zwar kein Gesetz des Mose, aber Anstand und Sitte und das Gerede der Leute stehen. Was erlaubt der sich? Vielleicht hält er auch seinen Ruf als mutmaßlich betrügerischer Geldeintreiber der römischen Besatzer für hinreichend ruiniert, dass ihn das alles nicht mehr genieren müsste. Dabei ist ihm im anschließenden Wortwechsel seine Rechtschaffenheit durchaus ein Selbstlob wert. Ganz egal ist ihm zumindest das Urteil Jesu nicht.

Um ihn, diesen Jesus geht es dem Zachäus. Von ihm hatte er gehört, nun will er ihn sehen, ihn erleben. Angeblich – so wurde es ihm erzählt – soll er sich mit Leuten wie ihm selbst abgeben, soll die anrüchige Gemeinschaft mit Sündern und Zöllnern pflegen, den damals sprichwörtlichen Sündern pflegen, warum nicht mit einem Oberzöllner wie ihm selbst. Von diesem Menschen Jesus heißt es, dass er die Verlorenen sucht und sie selig macht – und das sogar vom Gesetz des Mose für geboten hält: Selig die Verlorenen, denn sie sollen gefunden werden.

Dafür reckt und streckt sich der kleine Oberzöllner, klimmt sich die Äste empor, krabbelt den Stamm hinauf, bis ganz nach oben, wo er alles sehen und von allen gesehen werden kann. Er geht die Extra-Meile, klettert den Extra- Meter, strengt sich an, kämpft sich ab, fordert sich heraus. Könnten wir ihm auf seinen Baum folgen? Also ich schon mal nicht, der ich froh sein darf, meine drei Stufen zur Kanzel unfallfrei zu bewältigen. Wir Älteren sind entschuldigt, allerdings nicht durch ein Gesetz des Mose, wie Astrid Lindgren überzeugend dargelegt hat – sondern durch die Naturgesetze des Alters und der altersbedingten Wehwehchen.

Pädagogen und Mediziner beklagen, dass Kinder nicht mehr auf Bäume klettern, oft genug, weil wir Eltern unsere Kinder lieber mit dem Helikopter auf die Wipfel fliegen und nicht mehr auf die Bäume klettern lassen – und damit meine ich jetzt bestimmt nicht das betreute Klettern oben auf dem Neroberg. Gemeint ist vielmehr das freie und wilde, das glücklich machende; was sage ich: das allein seligmachende; genau, das Astrid Lindgrensche Klettern, von früher eben, als der Tag mit einer Platzwunde begann und den Erinnerungen an die eigenen Heldentaten endete – morgen versuche ich es noch einmal.

Aus seiner Komfortzone herausgeklettert lässt sich der Zöllner Zachäus von Jesus abholen, zeigt und sagt wie wichtig ihm die Sache mit Gott ist: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. Worauf sich Jesus die naheliegende Antwort verkneift, dass er sich die Betrügerei doch gleich hätte schenken können, geschenkt! So wie dem Zöllner die Gnade Gottes durch Jesus geschenkt ist, Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Sollen wir jetzt dem Zachäus nachfolgen, und wie er die Leute betrügen, um anschließend zu ihm auf den Baum zu klettern, um sich mit ihm sehen und retten und selig machen zu lassen? Natürlich nicht! Und zumindest das erste, das Betrügen stünde ja sehr wohl im Gesetz des Mose, dass wir es zu unterlassen haben. Aber wie Zachäus die eigenen Verstrickungen hinter sich lassen, einen neuen Standpunkt und eine neue Sichtweise annehmen und damit Freiheit von sich selbst und für Gott erlangen – das wäre schon was. Wie schon die wundervolle Astrid Lindgren sagte: „Freiheit bedeutet, dass man nicht unbedingt alles so machen muss wie andere Menschen.“ – Noch nicht einmal wie Zachäus.

11. Sonntag nach Trinitatis, 16. August 2026

„Den Mann nenne mir, Muse, den vielgewandten, der gar viel umgetrieben wurde, nachdem er Trojas heilige Stadt zerstörte. Von vielen Menschen sah er die Städte und lernte kennen ihre Sinnesart; viel auch erlitt er Schmerzen auf dem Meer in seinem Gemüte, während er sein Leben zu gewinnen suchte wie auch die Heimkehr der Gefährten.“ (Odyssee, übers. W. Schadewald)

Seit diesem Sommer sind wir ja alle Homerisch Gebildete und erkennen sofort die ersten Zeilen dieser großen Geschichte, erkennen die Motive von Irrfahrt und Heimkunft, erkennen die Bezeichnungen des vielgewandten, komplizierten, listenreichen Helden, des göttergleichen Odysseus.

Nicht von dieser Mutter aller Irrfahrten und Heimkünfte soll ich predigen, aber von Irrweg und Ankunft, von Umkehr und Heimkehr ist auch heute im Gottesdienst die Rede. Passt doppelt gut, denn wir sind ja auch gerade Heimkehrer in unser normales Leben mit Schule und Arbeit; heimgekehrt aus dem Urlaub, aus der Ferienzeit, wer weiß woher. Vielleicht hängen wir noch ein wenig wehmütig den schönen Tagen am Meer oder in den Bergen nach, der unbeschwerten Zeit des späten Aufstehens, ohne die Pflichten des Alltags und den Mühen der Ebene. Gleichzeitig können wir uns freuen über unser Zuhause, doch auch über Schule und Arbeit, die man erst richtig schätzt, wenn man nicht arbeiten gehen kann; können uns freuen über den Ort an den wir gehören, unseren Platz im Leben und in der Welt, an den wir wieder zurückgelehrt sind. Manchmal dauert es eine Weile und einige Mühe, bis wir diesen Ort gefunden, gewonnen haben – und damit meine ich nicht nur die Irrfahrten und Verspätungen, die wir als Reisende womöglich erlebt haben, als Irrende in einem Städtemeer oder als Verwirrte in einer Wildnis, die im Reiseprospekt eigentlich ganz gemütlich aussah.

Nicht vom vielgewandten, komplizierten Helden Odysseus kann heute die Rede sein, auch wenn es in unserer Geschichte aus der Bibel ebenfalls um Verirrung und Heimkehr geht und der Schlüssel zu ihrem Verständnis ebenfalls in einer Wende, einer Umkehrung liegt, die dem berühmten Beinamen des Odysseus zugrunde liegt: Polytropos wird er gleich zu Anfang und dann unzählige Male genannt: der Mann vieler Wendungen.

Dass nicht nur das Leben im Einflussbereich der vielen griechischen Götter voller Wendungen und Kehren ist, sondern auch das Leben vor Gott selbst durch Wende und Umkehr neu bestimmt wird, davon erzählt unser heutiger Predigttext.

Er [Jesus]sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden. (Lukas 18,9-14)

Unsere Geschichte zeichnet die beiden Hauptfiguren in groben Zügen, als Klischee, beinahe als Karikatur. Natürlich war nicht jeder Zöllner damals ein Betrüger und nicht jeder Betrüger hat seine Taten bereut. Und natürlich war nicht jeder Pharisäer ein Heuchler, der sich über andere erhebt und damit Gott verliert. Und natürlich möchte Jesus mit dieser Geschichte keineswegs Finanzbetrug rechtfertigen noch Gotteseifer denunzieren. Überhaupt erfahren wir relativ wenig und nichts Genaues über die Zustände im alten Jerusalem zur Zeit Jesu, weil das auch nicht die Absicht dieser Gleichnisgeschichte ist. Aber ihre ersten Hörer werden schon sich und ihre Mitmenschen darin wiedergefunden haben. Und auch wir als seine vorerst letzten Hörer sollen uns darin wiederfinden, auch wenn wir weder als Finanzbetrüger unsere Brötchen verdienen, die wir nicht verdienen, noch Tag und Nacht über dem Gesetz Gottes sitzen und es dann doch missachten. Wir sollen uns wiedererkennen, wenn wir uns wieder einmal für besser halten als die anderen; oder es gar nicht mehr merken, wenn wir andere übervorteilt haben. Solche Gleichnisse sollen als Orientierungshilfe, als Kompasse und Sextanten unserer Lebensreise dazu dienen, dass wir uns nicht verirren auf den Ozeanen unserer Selbstgerechtigkeit und nicht in den Tümpeln der Gaunerei.

Klar zur Wende! Ruft uns Jesus heute zu. Nicht unbedingt vielgewandt sein; das überlassen wir dem sagenhaften Helden der Antike. Für uns kommt es auf die eine Wende an, unsere Umkehr und Heimkehr zu Gott.

Umkehr ist Heimkehr, ist Heimkehr zu Gott. Der Schauplatz unserer Geschichte, der Tempel als Haus Gottes, macht diese Gleichsetzung von Umkehr und Heimkehr überdeutlich. Heimkehren zu Gott kann nur der, der umkehrt, seine Irrwege verlässt. Nur wer umkehren will, findet seinen Weg heim zu Gott. Der Zöllner, als der exemplarische Sünder kehrt zu Gott um, kehrt zu Gott heim.

Sünde bezeichnet das, was uns von Gott – und damit von unseren Mitmenschen trennt, uns zu Fremden macht, sogar von uns selbst entfremdet.

Indem der Pharisäer sich über seine Mitmenschen erhebt, trennt er sich von ihnen, entfremdet sich – sogar sich selbst.

Indem der Zöllner seine Trennung von Gott erkennt und beklagt, kehrt er um zu Gott, findet er nach Hause. Umkehr ist Heimkehr, ist Heimkehr zu Gott.

Einer, der Zöllner, hatte sich verirrt – und hat dann doch den Weg gefunden, ist umgekehrt, heimgekehrt zu Gott.

Ein anderer, der Pharisäer, hat sich verirrt, irrt noch, denkt, er sei schon zuhause und ist weiter von dort weg als es der erste je war. Dieser ein Irrläufer des Glaubens, jener ein Heimkehrer zu Gott.

Sich zu Gott wenden – und womöglich eine Heimat bei ihm finden, in seinem Haus, darum ging es heute – und darum geht es übrigens auch bei Unterricht und Konfirmation. Und so wie viele von uns Alten hier zuhause sind, wünschen wir euch, liebe Konfirmanden, dass ihr euch in dieser Kirche zuhause fühlt. Wir haben ja schon ein wenig damit angefangen, uns umzuschauen, uns zurechtzufinden, uns einzurichten, die ersten Klärungen geäußert, die ersten Fragen gestellt. Um eine der wichtigsten ging es heute: Wie – mit welcher Haltung – wende ich mich zu Gott? Wir kommen darauf zurück.

Johannis, oder „midsummer madness“, 2026

„Wahn! Wahn!
Überall Wahn!“

So besingt der Meistersinger Hans Sachs den Wahnsinn der Welt.

„Wahn! Wahn!

Überall Wahn!
Wohin ich forschend blick‘,
in Stadt- und Weltchronik,
den Grund mir aufzufinden,
warum gar bis aufs Blut
die Leut‘ sich quälen und schinden
in unnütz toller Wut!
Hat keiner Lohn
noch Dank davon:
in Flucht geschlagen,
wähnt er zu jagen;
hört nicht sein eigen Schmerzgekreisch,
wenn er sich wühlt ins eig’ne Fleisch,
wähnt Lust sich zu erzeigen!

Gott weiss, wie das geschah?“ (Richard Wagner, Die Meistersinger von Nürnberg, 3. Akt)

Aber weil es eben die verrückte Zeit um die Johannisnacht ist, die Zeit der „midsummer madness“, die auch Shakespeare kennt und nennt und ihr ein ganzes traumhaft wundervolles Stück widmet, in der alle Welt verrücktspielt – auf nette und überaus lustige Weise verrücktspielt – wechselt auch Hans Sachs bei seinem Meister Richard Wagner das Register bei der Ursachenforschung. Die ernste Frage beantwortet er sich mit einem Spaß:

„Ein Kobold half wohl da:
ein Glühwurm fand sein Weibchen nicht;
der hat den Schaden angericht’t.
Der Flieder war’s: Johannisnacht!“

„Ist denn die ganze Welt verrückt geworden?“ – fragt einer meiner keineswegs immer mental stabil wirkenden Lieblingsfilmfiguren Walter (in „The Big Lebowski“); „Ist denn die ganze Welt verrückt geworden?“ – und weil das wohl nicht nur heute, sondern zu vielen Zeiten ganz entschieden bejaht werden muss, wenden wir uns Johannes dem Täufer zu, der „hamletgleich“ einer verrückt gewordenen Welt den Verrückten vorspielt, um ihre Verrücktheit wie in einem Spiegel zu zeigen und sie zu entlarven:

Normal war es jedenfalls nicht wie Johannes in die Wüste zu ziehen, sich von Honig und Heuschrecken zu ernähren, einen ausgesprochen shabby chic zu pflegen, also einen Kamelhaarmantel – aber einen von der abgerissen, verlotterten Sorte – zu tragen, interessierte Passanten auf Wunsch ins Wasser zu tauchen, ihnen zu predigen, dass sie alles falsch machen und alles anders machen sollen, und sogar den herbeigelaufenen Soldaten zu erklären, dass sie doch besser auf Gewalt verzichten mögen.

Ein verrückter Schrat – und damit würdige Ikone unserer verrückten Zeit, oder etwa nicht?

2. Sonntag nach Trinitatis, 14. Juni 2026, Tauferinnerung

Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart.Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht. (Matthäus 11,25-30)

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

Wasser ist Leben; das Wasser der Taufe verspricht neues Leben: Erfrischung, Belebung, Erneuerung – Erquickung. Das schöne Wort – erquicken – ist einerseits etwas aus der Mode gekommen, aber immer noch unmittelbar verständlich. Was müde, mühselig, beladen, erschöpft, erlahmt, kaputt, zerschlagen ist, soll wieder heil und ganz und lebendig – quicklebendig – werden. Die Strapazen des Lebens – die manchmal kaum auszuhaltenden Strapazen des Lebens – sollen gelindert werden. Was dem Fußballer seine Eistonne, ist dem Christenmenschen seine Taufe. Danke, Per Mertesacker für Erfrischung und Erquickung in vielfältiger Form!

Erquicken übersetzt aus dem Griechischen Original und aus der lateinischen Standardübersetzung Wörter, die Erholung und Erneuerung bezeichnen; eigentlich: sich durch Pausen erholen; bzw. neu-machen. Erschöpfte setzen sich hin unter den Schatten eines Baumes an einem Bächlein und gewinnen neue Kraft: Der gute Hirte führt mich an eine grüne Aue, er erquickt meine Seele. Er kommt zu mir, der ich mühselig und beladen bin, und erquickt mich.

Balsam für Leib und Seele; Wellness nennen wir es heute; Erschöpfte, Versehrte genießen heilsame Bäder. Wiesbadener wissen, wovon ich spreche; schon die Römer haben es ihnen, also uns gesagt und gezeigt und unseren schönen Ort Aquis Mattiacis getauft, an den Wassern der Mattiakern; deren Nachfahren es dann in Wisibada – nun ja – nicht gerade eindeutschten.

Uralte Heilkraft, ewigjunge Schönheit – verheißt der Ruf zur Heilung auf historischen Plakaten, wie dieses des in Wiesbaden tätigen Künstlers Fred Overbeck von Anfang der Dreißiger Jahre. Ich finde, dass es jünger wirkt als ist – aber vielleicht bin ja auch ich nur älter als ich meine – jedenfalls zeigt sich für mich auf dem Bild keine Spur der dunkel-drohenden Entstehungszeit und der bedauerlichen Verstrickung unseres Künstlers in ihr, sondern es kommt mir selbst so ewigjung und schön vor, wie die Heilung, die es verheißt: antike oder antikisierende Säulen, Wasserwellen und ein Frühlingsstrauß werben für unsere Bäderstadt. Gemeinsam mit dem Slogan, der das Alte und das Junge, das Ewige und das Aktuelle verbindet, greift das Plakat – bewusst oder unbewusst – auf den antiken Mythos des Jungbrunnens. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. – Aber ganz anders als Jesus das meinte.

Die antike und am Ende des Mittelalters gleichsam wiedergeborene Idee des Jungbrunnens malt uns unsere Sehnsucht nach ewigjunger Schönheit vor Augen, lässt uralte, gebrechliche Männlein und Weiblein auf der einen Seite in einen Swimmingpool gleiten – manche müssen getragen werden – um sie dann zumindest an ihren Körpern sichtbar verjüngt, vergnügt und erquickt auf der anderen Seite herausspringen zu lassen. (Lucas Cranach, Der Jungbrunnen 1546). Alle Lebensgeister – auch die erotischen (und selbstverständlich war das Thema für den Künstler auch ein Vorwand möglichst viele Nackte zu präsentieren) – sind neu geweckt. Siehe das Alte ist vergangen, Neues ist geworden. Siehe, ich mache alles neu. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

Wie gesagt, Jesus hat das sicherlich anders gemeint, aber als Bild unserer Erneuerung durch Gott in der Taufe lasse ich es mir gerne gefallen. Und die zeitgenössischen Betrachter werden es schon auch richtig verstanden haben, dass ihnen ewigjunge Schönheit durch uralte oder auch ultramoderne Heilkraft äußerlich und körperlich verwehrt bleibt, auch als Getaufte, die an das zukünftige Leben mit Christus glauben.

Soviel Weisheit bringen heutzutage nicht alle auf, wenn man immer wieder von technisch-medizinischer Körperertüchtigung und Lebensverlängerung hört, die statt dem Sprung in die Eistonne sich für die Zukunft gleich ganz einfrieren lassen, oder zumindest die Spuren des gelebten Lebens sich wegspritzen und -schnippeln lassen. Was für ein Unsinn! Auch als rundum chirurgisch und chemisch erneuerter Mensch werde ich mich mit meinem Ende auseinandersetzen müssen – dann eben ein paar Jahre oder Jahrzehnte später.

Das war sicherlich unserem Künstler – Lucas Cranach übrigens – klar, dem wir nicht nur Darstellungen des Jungbrunnens, sondern auch der Taufe verdanken (Lucas Cranach, Wittenberger Altar). So wie auf seinem Bild werden auch bei unseren gewohnten Tauffeiern eher keine Sehnsüchte nach ewiger Jugend durch das Bad der Taufe assoziiert. Das edle Tuch der Sonntagskleider nach bürgerlicher Tradition, die uns ja schon beinahe fremd geworden ist, bedeckt schicklich, was bedeckt werden muss. Nur das erfreulich fröhliche Baby liegt ohne Kleidung wohlig auf der Hand des Pfarrers und Lutherfreundes Philipp Melanchthon und scheint sich für das glitzernde Wasser zu interessieren. So sind die Babys bei ihrer Taufe (wenn der Pfarrer sie richtig hält!) und so waren wir da wohl auch. In der Taufe der anderen erkennen wir unsere eigene, und in der immer gleichen, immer ähnlichen Darstellung einer Initiation werden wir gewahr, dass der Täufling wie wir nun zu Gott gehört – weil Gott zu uns gehören will.

Die darstellende Handlung der Taufe bewirkt nichts Sichtbares, keine physische Veränderung in der materiellen Welt. Die Haut wird nicht straffer, die Züge nicht jünger, die Muskeln nicht stärker – aber wir sollen erkennen und wissen und uns durch sie daran erinnern, dass wir zu Gott gehören und er zu uns; dass wir wie Jesus und als seine Angehörigen und Freunde an seinem Leben teilhaben. Die Taufe ist wie ein heiliges Spiel, ohne Zweck wie jedes richtige Spiel – aber mit Sinn, also Geist theologisch gesprochen. Taufe ist das, was wir mit ihr meinen.

Aber das sichtbare Zeichen der Taufe ist das Wasser, als weites und weitgehend unerschöpfliches Symbol unserer Erneuerung, Erfrischung, Erquickung. Darin spricht Gott zu uns in seinem Sohn Jesus Christus: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

Trinitatis, 31. Mai 2026, Konfirmationsjubiläum

Und der Herr redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der Herr segne dich und behüte dich;der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne. (4. Mose 6, 22-27)

Sprich deinen milden Segen
zu allen unsern Wegen,
laß Großen und auch Kleinen
die Gnadensonne scheinen.

So verdichtet, liebe Schwestern und Brüder, diese Segensbitte der Liederdichter Paul Gerhardt, dessen Leben und Lieder wir uns in diesem Jahr 2026 seines Todes vor 350 Jahren erinnern. Als Elfte von 15 Strophen hat Paul Gerhardt sie als Neujahrslied eines der schrecklichen Kriegsjahre des Dreissigjährigen Krieges jedenfalls vor 1648 gedichtet – und so singen wir sie, wie so viele seine Lieder; auch wir heute Morgen, noch heute.

Gedenkfeiern, Jubiläen und Jahrestage – Neujahrsmorgen und Geburtstage – auch goldene und silberne Konfirmationsfeiern sind wie Ausrufezeichen im Strom der Zeit. Sie unterbrechen unseren Alltag, geben ihm Sinn und Halt, und laden ein, unsere Lebenszeit unter Gottes Segen zu stellen, unsere Lebensgeschichte als in Gottes Geschichte mit uns Menschen verwickelt zu verstehen: Nicht bloß Ansammlung zufälliger Punkte in einem chaotischen Universum, sondern Linie mit Anfang und Ziel. Wir blicken zurück und wir schauen nach vorne, bedenken, was uns trägt und was uns behütet – Gottes Segen in unserem Leben.

Lasst uns singen:

1. Nun laßt uns gehn und treten
mit Singen und mit Beten
zum Herrn, der unserm Leben
bis hierher Kraft gegeben.

2. Wir gehn dahin und wandern
von einem Jahr zum andern,
wir leben und gedeihen
vom alten bis zum neuen

3. durch so viel Angst und Plagen,
durch Zittern und durch Zagen,
durch Krieg und große Schrecken,
die alle Welt bedecken.

Als goldene Friedensgeneration – Gottseidank! – kennen wir den Krieg und seine Schrecken nur von Ferne: aus den Erzählungen der Eltern und Großeltern, und durch die Nachrichten aus fremden Ländern. Unser Dichter dagegen kannte die meiste Zeit seines Lebens keinen anderen als den Kriegszustand, dessen Schrecken sich ihm und seinen Zeitgenossen in seiner unmittelbaren Gewalt zeigten, wie auch in den mittelbaren Folgen: Hunger, Seuchen, Unordnung, Verwahrlosung ganzer Landstriche und Länder – und aus seiner Sicht damit alle Welt bedeckten. Paul Gerhardt konnte deshalb so überzeugend vom Frieden als Gottes Segen singen und sagen, weil er den Fluch des Krieges kannte.

4. Denn wie von treuen Müttern
in schweren Ungewittern
die Kindlein hier auf Erden
mit Fleiß bewahret werden,

5. also auch und nicht minder
läßt Gott uns, seine Kinder,
wenn Not und Trübsal blitzen,
in seinem Schoße sitzen.

6. Ach Hüter unsres Lebens,
fürwahr, es ist vergebens
mit unserm Tun und Machen,
wo nicht dein Augen wachen.

Den ersten Segen unseres Lebens erfahren wir in den Armen unserer Mutter. Sie stiftet das Grundvertrauen, mit dem wir unser Leben bestehen können, und auch wenn es Zeit wird, die Arme der Mutter zu verlassen. Unsere persönlichen Jubiläen und Jahrestage lassen uns an Kindheit und Jugend zurückdenken, und an die Menschen, denen wir unser Leben verdanken, die uns so viel mitgaben an Gutem, aber auch manches schwere Gepäck, an dem wir bis heute tragen. Noch als Erwachsene, noch im Alter spüren wir das immer wieder, dass wir nicht die alleinigen Autoren unserer Lebensgeschichte sind – das ja auch – aber dass wir ebenfalls Geschichten fortschreiben, dass wir uns in Geschichten einschreiben, deren erster Satz nicht von uns stammt.

7. Gelobt sei deine Treue,
die alle Morgen neue;
Lob sei den starken Händen,
die alles Herzleid wenden.

8. Laß ferner dich erbitten,
o Vater, und bleib mitten
in unserm Kreuz und Leiden
ein Brunnen unsrer Freuden.

9. Gib mir und allen denen,
die sich von Herzen sehnen
nach dir und deiner Hulde,
ein Herz, das sich gedulde.

Eine der spannendsten Fragen unseres Lebens ist die nach seinen Zusammenhängen, nach Kontinuitäten und Kontrasten, nach Brüchen und Brücken: Bin ich mir eigentlich selbst gleich? Bin ich mir selbst gleich-geblieben? Was verbindet das Kind mit der Jugendlichen mit der Erwachsenen? Was verbindet mein jetziges Ich mit den vielen Ichs unterschiedlicher Lebensalter? Die meisten Zellen unseres Körpers dürften sich über die Jahre erneuert haben, Gedanken doch hoffentlich auch. Auf den Bildern von damals erkenne ich mich manchmal nur kaum. Und doch bin ich ganz gewiss, trotz aller Verschiedenheit dieselbe in den unterschiedlichen Zeiten und Phasen meines Lebens, nehme ich mich als die eine war in den Bindungen früherer Jahre: Verschieden und doch gleich; anders und doch identisch. – Übrigens kann man diese Frage auch an Gottes Wesen stellen; und sie wird folgerichtig und traditionell am heutigen Sonntag Trinitatis gestellt; und zwar nach der Einheit Gottes in seiner Verschiedenheit, nach der Identität von Schöpfer, Versöhner und Erlöser, nach Vater, Sohn und Heiligem Geist, nach Gottes eigener Geschichte , die er als Familiengeschichte erzählt; kurz: nach Gottes Treue an jedem neuen Morgen.

10. Schließ zu die Jammerpforten
und laß an allen Orten
auf so viel Blutvergießen
die Freudenströme fließen.

11. Sprich deinen milden Segen
zu allen unsern Wegen,
laß Großen und auch Kleinen
die Gnadensonne scheinen.

12. Sei der Verlaßnen Vater,
der Irrenden Berater,
der Unversorgten Gabe,
der Armen Gut und Habe.

Dem Dichter Paul Gerhardt – und darin kann er uns Anregung und Vorbild sein – sucht und benennt Konkretionen des Segens in der Vielfalt des Lebens. Ich glaube, dass unser individueller und gewohnheitsmäßiger Alltagsatheismus etwas damit zu tun hat, dass uns ganz einfach die Phantasie fehlt, den Segen unseres Lebens zu entdecken und ihn als Segen Gottes zu erkennen. Das barocke Lebensgefühl hingegen erlaubt es Paul Gerhardt im Gelingen und Gedeihen Gottes Segen zu erkennen: in freundlicher Gesellschaft, im Erkennen der Wahrheit, im Sieg der Gerechtigkeit, in Nahrung und Sättigung, in Genesung und persönlichem Glück. Überall dort, wo wir nicht mit unserer Not alleine bleiben und diese gewendet wird, ereignet sich Gottes Segen; zuerst und vor allem im großen Thema seiner und doch auch unserer Zeit: im Krieg und seiner Überwindung durch Frieden.

13. Hilf gnädig allen Kranken,
gib fröhliche Gedanken
den hochbetrübten Seelen,
die sich mit Schwermut quälen.

14. Und endlich, was das meiste,
füll uns mit deinem Geiste,
der uns hier herrlich ziere
und dort zum Himmel führe.

15. Das alles wollst du geben,
o meines Lebens Leben,
mir und der Christen Schare
zum sel’gen neuen Jahre.

Ein ganzes Leben in einem Lied – ein Lied wie ein Leben. Damit mag auch erklärt sein, warum sich Paul Gerhardt soviel Zeit nimmt in seinen Liedern, deren viele Strophen nur an den wenigsten Gelegenheiten alle gesungen werden. Er zeichnet wie gesagt unser Leben in die Geschichte Gottes ein. Gott ist der Anfang und das Ende unseres Lebens; an dem wird er uns in den Himmel führen. Bis dahin stehen wir – Jahr für Jahr, Tag um Tag – unter seinem Segen, dass er uns hier herrlich ziere. Darum bitten wir Gott:

Sprich deinen milden Segen
zu allen unsern Wegen,
laß Großen und auch Kleinen
die Gnadensonne scheinen.

Amen

Ostermontag, 6. April 2026

Als sie aber davon redeten, trat er selbst mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch! Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz? Seht meine Hände und meine Füße, ich bin’s selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe. Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und Füße. Da sie es aber noch nicht glauben konnten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen? Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor. Und er nahm’s und aß vor ihnen.

Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose und in den Propheten und Psalmen. Da öffnete er ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden. (Lukas 24,36-45)

Essen ist Leben!

Wer isst, wer essen muss, lebt. Wer ist, isst.

Das dürfte so etwa der Beweisgang unserer österlichen Anekdote sein, die ja auch etwas Komisches hat, wenn man sie nämlich als Gespensterprobe liest: Kommt ein Geist zu einer Mahlzeit … Dem, den man für einen Geist hält, auch nach ausführlicher Betrachtung und Berührung für einen Geist halten muss, dem wird Fisch vorgelegt, um ihn auf die Probe zu stellen: denn Geister, das wusste schon damals jedes Kind, so scheint´s, haben keinen Appetit. Aber was passiert? Der vermeintliche Geist verspeist sichtlich angetan die Mahlzeit; voila, kein Geist; siehe da, ein Mensch! (Umgekehrt funktioniert der Test leider nicht, denn merkwürdigerweise verweigern nicht nur Geister sondern auch manche Menschen Fisch zur Mahlzeit.)

Essen ist Leben! Das stimmt ja nicht nur biologisch (Lebewesen brauchen Energie, die sie sich bekanntlich durch Nahrung zuführen), nicht nur kulinarisch oder meinetwegen ökotrophologisch – sondern auch sozial – im Alltag und anlässlich von Festen und Feiern. Auch die Gemeinschaft Jesu feierte ihre Gemeinschaft regelmäßig als Mahl. Das gemeinsame Essen ist noch heute für viele der Moment am Tag, wenn wir unsere Familie und Mitbewohner treffen, unsere Gemeinsamkeit erleben; und die wir eben an besonderen Tagen – an Geburtstagen – an Feiertagen, doch auch jetzt zu Ostern! – feiern; das darf dann auch mal etwas größer und etwas mehr sein als sonst. Ein Fest ohne Festessen ist kaum denkbar. Warum nicht ein Stück gebratener Fisch?

Andere Tests auf menschliches Leben lassen sich denken. Sie müssten geeignet sein, das zu prüfen, was uns zu wirklich lebenden, wahrhaft lebendigen – also liebenden, mitfühlenden, denkenden, strebenden – Menschen macht. Und dabei dürfte die Unterscheidung der Menschen von Geistern an Bedeutung verlieren – und die Unterscheidung der Menschen von Maschinen und ihren Programmen gewinnen. Alle Welt spricht von KI, von künstlicher Intelligenz, und dass ihre Produkte kaum oder gar nicht mehr von denen von Menschen zu unterscheiden seien. Ob das stimmt? Oder ob das nicht ein alter Fisch ist, der uns da vorgesetzt wird und uns entgegen stinkt. Ich behaupte: Noch der Gestank von Gammelfisch besteht demgegenüber den Wirklichkeitstest; um wieviel mehr der verführerische Duft einer Bouillabaisse, wie sie mir in letzter Zeit gelegentlich gelingt.

Aber es mag schon sein, dass wir uns gelegentlich täuschen lassen; oder – wie ich finde – noch schlimmer: dass wir uns selbst täuschen, also selbst hinter unseren menschlichen Möglichkeiten zurückbleiben und von Maschinen ununterscheidbar werden. Vielleicht produzieren wir einfach selbst zu viel überflüssigen Text, der doch genauso gut – oder genauso schlecht! – künstlich hergestellt werden könnte. Dann wäre der Test, dem wir uns zu stellen haben, nur noch das zu produzieren, was uns als Menschen zeigt – mit unserer Lebendigkeit, unseren Gefühlen, unserer natürlichen Intelligenz und in unserem künstlerischen Ausdruck. Jeder Mensch ist ein Künstler! Eben, aber nicht seine technische Reproduktion. Auf ziemlich unwahrscheinliche Weise nötigte uns damit der Umgang mit sogenannter künstlicher Intelligenz, uns unserer Menschlichkeit zu vergewissern und unser Gegenüber darauf zu testen – ganz anders und ganz gleich wie in unserer Ostergeschichte vom gebratenen Fisch.

Die Osterbotschaft verkündet den Sieg des menschlichen Lebens über die Mächte des Todes. Darauf gibt es keinen Test außer dem, dass wir uns als lebendige Menschen zeigen, die das Leben lieben.

Altjahresabend 2025

Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.

Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.

(Brief an die Hebräer 13, 8b-9)

„Was gibt’s Neues?“ – hat mein Vater – Gott hab ihn selig – regelmäßig zur Begrüßung gesagt und gefragt. „Was gibt’s Neues?“ Das war zum einen – so habe ich die Frage gedeutet – das Interesse am Leben der Kinder, an dem er mit den Jahren ja nicht mehr direkt teilnahm; und das war zum anderen die Sorge vor schlechten Neuigkeiten, die ihn mehr und mehr beherrschte. Lange vor dem Zeitalter des „Doomscrolling“ auf unseren Telefonbildschirmen saß er eigentlich täglich vor dem Fernseher, um in langer Folge Nachrichtensendung um Nachrichtensendung anzuschauen, die ihn, auch wenn es wenig Neues gab, zuverlässig mit kleinen und großen Kalamitäten aller Art versorgten. Verstehen konnte ich das damals nicht, oft genug habe ich darauf mit Unwillen reagiert, zumal es mir wie eine Art Fluch erschien, unter dem er stand – und unter dem heute so viele von uns stehen. Nachrichten als Sucht und Fluch zugleich. Only bad news are good news.

Für mich passt das gut zu einer Redensart, die wohl entgegen einer häufigen Zuschreibung nicht, oder zumindest nicht direkt aus dem Chinesischen stammt „Mögest du in interessanten Zeiten leben!“ Und sie ist anders als es vielleicht ein erster Eindruck erscheinen lässt, nicht als Segenswunsch, sondern als Fluch gemeint. „Mögest du in interessanten Zeiten leben!“ Denn das Interessante, das Neue ist hier das, was die Betroffenen plagt. Interessante Zeiten in diesem Sinne sind schlimme Zeiten, sind Seuchen- und Hungerjahre, sind Krisen und Kriege, Umstürze, Bankenzusammenbrüche und Firmenpleiten – wir wissen, was gemeint ist. Ein bisschen langweiliger, wäre schon schön.

Ein bisschen langweiliger, wäre schon schön. Also etwa so langweilig, wie die gute Nachricht von heute klingt: Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Langeweile als Programm. Der Vers müsste ja wohl – so stelle ich mir vor – der Alptraum jeder kirchlichen PR-Abteilung sein, die sich – stets auf der Suche nach dem heißesten Scheiß – der guten alten Botschaft, des Evangeliums schämt. Immer dasselbe. Immer so weiter. Alle Jahre wieder. Langweile vertont und gesungen.

Wir folgen aber heute nicht der bisweilen kopf- und atemlosen kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit, sondern dem Evangelium selbst. Gerade jetzt zum Jahreswechsel erklingt das Lob der scheinbar langweiligen, der vermeintlich uninteressanten Verlautbarung von der Beständigkeit und der Verlässlichkeit Gottes, und sie klingt ziemlich passend. Wenn alles fällt, bleibt doch der Eine bestehen. Wenn sich alles in Auflösung befindet, finden wir festen Halt an Gott. An ihm möge unser Herz fest werden – in den Worten unseres Autors, den wir außer durch seinen Brief nicht weiter kennen.

Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.

Diese Worte gehören zum Schlusskapitel seines Briefes an die Hebräer. Sie formulieren noch einmal prägnant die Gebrauchsanweisung seines Schreibens, so wie andere seiner Schlussworte ebenfalls zusammenfassend auf den praktischen Nutzen zielen:

Wenn er etwa das Vorübergehende unserer Existenz betont; Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Als wanderndes Gottesvolk versteht er die christliche Gemeinde; in der Nachfolge des Wanderers Jesus; im Rückblich und Anklang an das Volk der Hebräer, das sich immer als herumziehend, als nomadisch verstand, mit allen Konsequenzen für das praktische Leben.

Praxis klingt auch an, wenn es ihm um die Nächstenliebe als von den Juden erlernte christliche Grundtugend geht; Gutes zu tun und mit andern zu teilen vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott. Als erste und wichtigste Wanderregel gilt, dem anderen beizustehen – dem anderen, mit dem ich wandere, und dem anderen, dem ich begegne.

Wir könnten nun ein ums andere Thema, und zahlreiche, im Grunde jeden seiner Aussprüche betrachten – und immer würden wir erleben, dass der Autor an die Hebräer nicht auf der Suche nach Neuem ist, keine Neuigkeiten formulieren möchte – sondern in der gebotenen Ausführlichkeit und Umständlichkeit das Uralte seiner Botschaft herausstellt. Wichtig, bedeutend, gültig, sinnvoll – ist das was er zu sagen hat, nicht weil es neu ist, sondern weil es alt ist. Weil das Wesentliche das Alte ist.

Man könnte das beinahe für ein fernes Echo des Prediger Salomo halten, seines „Es gibt nichts Neues unter der Sonne“ – nur das dieser in tiefer Resignation dann gleich alles für absurd und nichtig erklärt hat: „Es ist alles ganz eitel, alles absurd, alles Windhauch, alles nichtig und flüchtig wie Kains Bruder Abel: Häbäl Habelim.“ Die Sehnsucht nach Neuem, Sucht und Fluch der neuesten Nachrichten verwandeln sich ihm in eine tiefe Skepsis am Leben, in eine beinahe zynische Lebensunlust: Alles schon geseh´n, alles schon erlebt, was soll ich dort?

Im völligen Gegensatz zum Prediger Salomo nimmt der Autor unseres Briefes an die Hebräer das Neue im Alten war, als das Alte, das wesentlich bleibt. Für ihn, wie für uns, ist dieses uralte Neue mit dem Namen Jesus Christus verbunden:

1Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, 2hat er zuletzt in diesen Tagen zu uns geredet durch den Sohn, den er eingesetzt hat zum Erben über alles, durch den er auch die Welten gemacht hat. 3Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens und trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort und hat vollbracht die Reinigung von den Sünden und hat sich gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe 4und ist so viel höher geworden als die Engel, wie der Name, den er ererbt hat, höher ist als ihr Name. (Hebräer 1)

Was gibt’s Neues? Gibt’s was Neues? Das Neue ist, dass das Uralte, von dem heute die Rede ist, gültig bleibt, weil es nicht veraltet. Der erste Anfang durch Gott bleibt sozusagen aktiv in seinem Sohn. „Schöpfung“ meint den ersten Anfang, der fortwährend neue Anfänge ermöglicht und verwirklicht. Jung bleiben wir, solange wir solche Anfänge für möglich halten. Neujahr und unsere Art es zu begehen, bezeichnen im besten Fall die kulturelle Aneignung der Kategorie Schöpfung: Siehe, ich mache alles neu! (Jahreslosung 2026). Amen.

Heiligabend 2025

Weihnachten ohne Glauben ist wie ein Leben ohne Mops: möglich aber sinnlos. Nicht allen vermittelt sich die tiefe Wahrheit solcher Sätze. Manche können sich ja sogar ohne den Besuch bei der Pufferchristel auf den Besuch des Christkinds vorbereiten. Und natürlich kann auch darüber streiten, wer mag. Aber vielleicht doch lieber zum Anlass nehmen, darüber nachzusinnen, was einem wirklich wichtig ist an Weihnachten. Was macht für uns Weihnachten zu Weihnachten?

Noch der wildeste, verstörendste ausgewachsene Feiertagsnotstand – sei er am Bildschirm erlebt oder im richtigen Leben erlitten – vermittelt, was Weihnachten eigentlich ist. Zu den kanonischen, in jeder Saison unbedingt zu sehenden Weihnachtsfilmen meiner Familie gehören deshalb wie bei vielen die Klassiker wie „Schöne Bescherung“ oder „Kevin allein zu Haus“ und manchmal muss es einfach „Stirb langsam“ sein mit Bruce Willis als unserem Weihnachtsmann.

Gerade die Leerstellen und Abwesenheiten, die Übertreibungen und Fehlleistungen zeigen an, was eigentlich gemeint ist mit dem Fest aller Feste. Manchmal brauchen wir Abstand, um das zu verstehen, und manchmal noch mehr Abstand, um darüber zu lachen. Weißt Du noch, als wir keinen Weihnachtsbaum hatten – und das inmitten der Weite der Wälder Schwedens, die noch nie kein Fuß betreten hat außer unseren – so kam es uns wenigstens vor; weißt du noch, als wir in unserer rotbemalten Bullerbü-Hütte gleich zwei Festtagsschmause hatten nach zwei konkurrierenden Traditionen – und keiner uns schmeckte; weißt Du noch, als uns ein Kind geboren war – das uns den Frieden nicht brachte, sondern nahm. Selten war ein Weihnachten so verkorkst; und selten hat ein so verkorkstes Weihnachten so genau gezeigt, was an Weihnachten wichtig ist und was nicht.

Und dabei plädiere ich doch keineswegs für das absichtliche Scheiternlassen der Feier; keineswegs für Nachlässigkeit bei der Vorbereitung oder Unachtsamkeit beim Fest; vielmehr dafür, alles für sein Gelingen zu tun; aber wohl wissend, dass das gar nicht in unserer Macht steht; und wohl wissend, dass auch noch die verkorkste Wirklichkeit die Wahrheit von Weihnachten nicht beschädigen kann, und zwar weil diese eben in seiner Möglichkeit liegt.

Denn: Das was wir an Weihnachten feiern ist eine Möglichkeit, die liegt in der Zukunft, und bezeichnet eine Hoffnung. Das ist theologisch entscheidend! Die Weihnachtsbotschaft: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens! – diese Botschaft bezieht sich nicht einfach auf eine andere Wirklichkeit – etwa in einem Paralleluniversum unserer selbstgebackenen Wünsche und selbstgebastelten Träume – sondern auf eine Möglichkeit, die Gott durch seine Engel und Propheten verkünden lässt und die Gott selbst herbeiführen wird. Nichts gegen Basteln und Backen an Weihnachten, nichts gegen Wünsche und Träume zum Fest – aber gemeint ist schon was anderes und in den Worten des Propheten Hesekiel klingt das damals wie heute so:

Mein Knecht David soll ihr König sein und der einzige Hirte für sie alle. Und sie sollen wandeln in meinen Rechten und meine Gebote halten und danach tun. Und sie sollen wieder in dem Lande wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe, in dem eure Väter gewohnt haben. Sie und ihre Kinder und Kindeskinder sollen darin wohnen für immer, und mein Knecht David soll für immer ihr Fürst sein. Und ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen, der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Und ich will sie erhalten und mehren, und mein Heiligtum soll unter ihnen sein für immer. Meine Wohnung soll unter ihnen sein, und ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein, damit auch die Völker erfahren, dass ich der Herr bin, der Israel heilig macht, wenn mein Heiligtum für immer unter ihnen sein wird. Amen.

Ein guter König, Frieden und Herrschaft des Rechts, Wohnung und Heimat für alle Menschen, Bund und Freundschaft unter den Völkern: zu viel um es schon für wirklich zu halten, zu wenig als bloße ort- und zeitlose Utopie; aber nicht mehr und nicht weniger als Gott es für seine Zukunft für uns verkünden lässt.

Man kann ja schlecht behaupten, dass die Weihnachtsbotschaft schon im Weihnachtsgeschehen erfüllt worden wäre. Ganz im Gegenteil haben wir auch heute wieder – alle Jahre wieder! – von den Nöten jener Zeit gehört, die wir aus unserer Zeit allzu gut, besser als wir uns das wünschen würden, kennen: Herrscherlicher Größenwahn – Make Rome Great Again!, Fremdherrschaft ohne Recht und Gesetz, Macht durch Gewalt, Krieg als Politik, Bedrückung der Armen, Mangel an Obdach und medizinischer Pflege, Unheiliges im heiligen Land.

Und dennoch erklingt ausgerechnet dort die Botschaft der Propheten und der Chor der Engel: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens! Für einen Moment bescheint das göttliche Licht noch den finstersten Ort dieser Erde; zeigt unübersehbar an, wie Gott seine Schöpfung gemeint hat und immer noch meint: als moralisches Universum, in dem jeder Akt des Rechts die Gerechtigkeit stärkt und jeder Akt der Nächstenliebe unweigerlich den nächsten nach sich zieht. Wäre doch schade, wenn ausgerechnet mit unserer Generation diese Glaubenswahrheit von Weihnachten verstummen sollte.

„Wenn´s aber keinen Gott gibt und keine Macht, die die unterschiedlichen Elemente zusammengefügt, was sind dann Worte, und woher kommt das innere Licht?

Und woher kommt die Freude? Wohin geht das Nichts? Wo wohnt die Vergebung?

Warum verschwinden die kleinen Träume am Morgen und die großen wachsen?“ (Adam Zagajewski)

Darum eben: Weil es Gott gibt; und weil Gott an Weihnachten Mensch geworden ist; und weil er unser König sein will. Amen.

Predigt zum Michaelstag am 29. September, 28.09.2025

Die Zweiundsiebzig aber kamen zurück voll Freude und sprachen: Herr, auch die Dämonen sind uns untertan in deinem Namen. Er sprach aber zu ihnen: Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. Seht, ich habe euch Macht gegeben, zu treten auf Schlangen und Skorpione, und Macht über alle Gewalt des Feindes; und nichts wird euch schaden. Doch darüber freut euch nicht, dass euch die Geister untertan sind. Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind. (Lukas 10, 17-20)

Einen starken Engel wünsche ich mir. Einen starken Engel, der mich gegen Gewalt aller Art in mir und außer mir schützt, der mich gegen Gewalt von Schlangen und Skorpionen beschützt, gegen Blitz und Donner, gegen den Satan selbst beschützen kann; und der mir so den Himmel befreit. So wie der starke Engel Michael, auf den auch unser kleines Textstück anspielt; auf den Engelskampf nämlich, den Michael gegen Satan und alle Teufel dieser Erde und dieses Himmels kämpft und besteht, für uns besteht:

„Und es entbrannte ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen. Und der Drache kämpfte und seine Engel, und er siegte nicht, und ihre Stätte wurde nicht mehr gefunden im Himmel. Und es wurde hinausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt. Er wurde auf die Erde geworfen, und seine Engel wurden mit ihm dahin geworfen.“ (Offenbarung des Johannes 12,7-9)

So sieht es der Seher Johannes und so schreibt dann der Evangelist vom starken Engel Michael, so wie ich ihn mir wünsche.

Und so wie wir ihn heute gemalt vor uns sehen, den starken Engel, die starken Engel, drei in eins und eins in drei (wir kennen das), wie ihn unsere liebe Nachbarin und Künstlerin Erika Fröhlich gesehen und für uns gemalt hat, in starken Farben. Lassen Sie ihn uns ein paar Minuten betrachten, jeder für sich und bedenken, was wir uns von diesem Engel wünschen würden … (Musik)

Ein starker Engel für mich, drei starke Engel (Nein, nicht die drei Engel!), drei in einem und einer in dreien, dreifach kraftvoll, kraftvoll farbig, die das in ihrer Mitte beschützen und stärken; die sich in Bewegung setzen, voller Bewegung sind und in das Licht streben, ihrer Mitte und ihrem Ziel entgegen. Das Dunkel ist überwunden, von dem wir alle wissen und von dem auch die Bibel weiß und spricht und nicht schweigt; das ganze Satans- und Teufelspack auf der ganzen Welt, dazu Blitz und Donner, Schlangen und Skorpione, die teuflischen Mächte und der ganze satanische Rest überall, außer uns und in uns selbst. Wir werden die nicht beherrschen. Aber Gott sendet uns starke Engel, seinen starken Engel Michael, uns zu gut, uns den Himmel zu befreien: Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.

Diesen starken Engel sollen wir uns gefallen lassen, damit wir uns nicht alles gefallen lassen müssen. Denn dieser Engel lässt sich nicht alles gefallen. Was mich übrigens an einen guten Schüler, aufgeweckten Konfirmanden und netten Nachbarn erinnert, der nach einer ausführlichen Unterrichtseinheit über die Bergpredigt – „Du sollst deinen Feind lieben, wie dich selbst. Wenn dich einer auf die rechte Backe haut, halte auch die linke hin. Selig sind die Friedfertigen“ – dieser Schüler, der wie wir alle diese Lektion aus der Bergpredigt durchaus nötig hatte, also antwortet auf die Frage an die Klasse, was denn nun das wichtigste Gebot sei, dass uns Jesus von Gott weitersagt und dass auch für uns wichtig sein soll; auf diese Frage antwortet er: „Sich nicht alles gefallen lassen.“ Oje! Das kann selbst den liberalsten Religionslehrer, der meistens noch die abwegigsten Antworten zurechtbiegt, aus der Reserve locken, aber wie wäre denn dieses: „Sich nicht alles gefallen lassen“ zu retten? Damals gar nicht. Damals habe ich nur gestaunt und wie so oft am Sinn meiner Unterrichtsbemühungen gezweifelt.

Heute bin ich etwas klüger; denn weder der starke Engel, dem wir heute begegnen, noch Jesus selbst, in dessen Namen und Auftrag dieser Engel handelt, lässt sich alles gefallen. In seltenen Momenten schmeißt ein ungehaltener Jesus die Händler aus dem Tempel, beschimpft seine Gegner als Schlangen und Otterngezücht (was nicht nett ist!), fährt seine Jünger an, weist seine Familie, seine Mutter zumal, zurecht. Nicht weil wir uns das selbst zur Regel machen sollten, sondern weil er sich eben nicht alles gefallen lässt und man sich nicht alles gefallen lassen muss.

Dabei hat doch Jesus so viel an sich geschehen lassen: Spott, Leid und Tod; und leidet noch heute im Leiden der Menschen mit. Und wir sollen nicht so tun, dass das Gottes Willen wäre, was da an Scheußlichkeiten geschieht – und ja doch auch unbegreiflicherweise für uns aus seinem Willen heraus – doch und trotzdem mit und gegen seinen Willen – geschieht. Als ob Gott selbst mit sich in Streit geraten wäre, als ob es einen Streit im Himmel selbst geben würde: Nemo contra deum nisi deus ipse, Niemand gegen Gott, wenn nicht Gott selbst, wie die großen Theologen dieses unlösbare Rätsel, zumindest in klaren Gedanken unlösbare Paradox – nun nicht lösen – aber auf den Punkt zu bringen versuchen. Niemand gegen Gott, wenn nicht Gott selbst. Als ob es einen Streit in Gott, im Himmel geben könnte.

Aber genau davon ist ja nun heute die Rede: „Und es entbrannte ein Streit im Himmel“, den Michael gegen Satan stellvertretend für Gott auf der einen und für uns Menschen auf der anderen Seite austrägt. Als großes Weltgemälde zeichnet uns das der Seher Johannes und nach seinem Bild der Evangelist Lukas – übrigens als einziger der vier Evangelisten, so ferne und so heikel ist ihnen dieses Bild – aber er zeichnet und malt damit ein Geschehen, das kaum in Worte zu fassen ist: Dass sich Gott selbst nicht alles gefallen lässt. Dass ein Streit im Himmel entbrennt.

Als seinen Stellvertreter schickt Gott seinen starken Engel Michael in den Kampf („Auf in den Kampf!“) gegen seinen stärksten Widersacher – und: lässt ihn siegen! Im Himmel zuerst kämpfen und siegen, damit dieser frei werde, auch für uns; aber eben auch bei uns auf dieser schönen Erde frei von Schlangen und Skorpionen und dem Otterngezücht, das schon Jesus geplagt hat, damit diese Erde wahrhaft schön wieder werde.

Ich will in den drei Engeln von Erika Fröhlich auch die auf die Erde kehrende kraftvolle Schar des Michael erkennen, wie sie aus dem Licht – aus dem neu Licht gewordenen Himmel – auf die Erde kommt uns zur Stärke und Hilfe, wie wir das zu Konfirmation auch unseren Konfirmanden zusprechen, besonders denen, die sich nicht alles gefallen lassen: Schutz und Schirm vor allem Argen, Stärke und Hilfe zu allem Guten, aus der gnädigen Hand Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Diesen starken Engel wünsche ich mir, gerade dann, wenn ich mir am meisten gefallen lassen muss. Amen.

Sonntag nach Trinitatis, 24. August 2025

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Der Predigttext für den heutigen 10. Sonntag nach Trinitatis steht bei Markus im 12. Kapitel:

Und es trat zu ihm (zu Jesus) einer der Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen? Jesus antwortete: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft« 5. Mose 6,4-5. Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« 3. Mose 19,18. Es ist kein anderes Gebot größer als diese.

Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Ja, Meister, du hast recht geredet! Er ist einer, und ist kein anderer außer ihm; und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und mit aller Kraft, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer. Da Jesus sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen. (Markus 12,28-34)

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder, liebe Konfirmanden!

Mal was ganz anderes vorneweg: Wer lässt sich nicht gerne ablenken?

Also gerade dann ablenken, wenn etwas zu erledigen ist, was vielleicht nicht nur Spaß macht, sondern auch anstrengend sein könnte. Holt ihr euch vorher auch noch gerne was zu trinken, schaut aus dem Fenster, macht die Lieblingsmusik an, sendet noch schnell einen Text oder schaut euch ein Bild an, wenn es eigentlich mit der Arbeit losgehen sollte? Die vorläufig gute Nachricht für uns Abgelenkte ist, dass es seit längerem einen schicken Begriff für solche Ablenkungen gibt: Multitasking. Multitasking ist – und jetzt übertreibe ich nur ein ganz klein wenig – die vornehme Version der Ablenkung.

Multitasking ist unter anderem die Vorstellung, mehrere Sachen gleichzeitig erledigen zu können; als ob ich also neben dem Aufschreiben meiner Predigt auch noch Emails erledigen und den einen oder anderen Anruf entgegennehmen könnte; oder für Schüler vielleicht etwas lebensnäher, als ob ich gleichzeitig meine Hausaufgaben erledigen (dumme Sache!), Musik hören, meine Accounts pflegen und den einen oder anderen Anruf entgegennehmen könnte. Wäre ja praktisch und zeitsparend – – – klappt aber nicht! Das war schon die schlechte Nachricht.

Denn Multitasking ist ein Gerücht: Je mehr andere Sachen nebenherlaufen, desto schlechter wird das Ergebnis der Hauptsache, die ich eigentlich machen will und soll. Klar, irgendetwas wird schon irgendwie dabei herauskommen, die Seiten werden möglicherweise gefüllt, aber vielleicht doch nicht so, wie es eigentlich möglich wäre. Je mehr Sachen laufen, desto mehr verteilt sich die Energie, desto weniger habe ich für das eine wichtige, auf das es doch eigentlich ankommt. Nicht selten habe ich, wenn ich zu viel gleichzeitig will, gar nichts in den Händen. Und es geht mir womöglich so wie den Leuten in dem alten Witz aus der alten DDR: Keine Wurst gibst gegenüber, hier gibt’s keinen Käse.

Umgekehrt: je weniger nebenherläuft, desto besser wird mein Ergebnis; das ist so sicher wie das Amen in der Kirche, was übrigens auch die Experten, die nichts mit Kirche am Hut haben, bestätigen. Die empfehlen uns bei Aufgaben und Erledigungen aller Art, uns auf eins und nur eins zu konzentrieren – one at a time. Sie empfehlen uns, unsere Energie zu fokussieren und das ganze andere Zeugs mal beiseite zu lassen.

Und genau das – diese Konzentration, diesen Fokus – empfiehlt uns heute auch der Religionsexperte, also eigentlich empfehlen es die drei Experten in Sachen Religion, die in unserem Text zu Wort kommen und glasklar übereinstimmen: Mose, der Gesetzeslehrer der Juden, dann ein weiterer jüdischer Schriftgelehrter und Jesus, ebenfalls jüdischer Schriftgelehrter, aber noch viel mehr. Jesus will ja das Beste seiner jüdischen Religion – und das ist fast alles! – für uns Nichtjuden erreichbar und hörbar machen, so dass wir daran glauben und unser Leben daran ausrichten können. Er lässt uns heute das eine Wort konzentrierten, kondensierten, fokussierten, verdichteten Glaubens hören, das uns mit unseren ganzen religiösen Aufmerksamkeitsproblemen hilft:

»Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft« Und: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«

Jeder fromme Jude spricht dieses Wort, den ersten Teil davon, jeden Tag. Es ist das berühmte „Schma Jisrael“, mit dem sich jeder Jude – und wenn es nach Jesus geht – eben auch jeder Christ auf den einen und einzigen Gott konzentriert und – zumindest für die Zeit des Gebets das andere Zeugs mal sein lässt. Kein Multitasking, sondern Monotasking, wie es im Lehrbuch steht. Keine Ablenkung, sondern vollen Fokus auf den einen und einzigen Gott.

Das ist – wenig überraschend und keineswegs zufällig – das Programm für den Konfirmandenkurs, der nun so richtig beginnen soll: Lasst uns gemeinsam auf Gottes Wort hören! Lasst uns gemeinsam hören und miteinander besprechen, was Gott uns zu sagen hat! Lasst uns diskutieren und herausfinden, was es für uns heißen kann, Gott zu lieben und unseren Nächsten, also unseren Mitmenschen wie uns selbst. Und lasst uns dabei mit den Experten unserer Religion – natürlich auch mit eurem Gemeindepädagogen und mit eurem Pfarrer – aber zuerst und vor allem mit Mose und Jesus und den Aposteln ins Gespräch kommen, was es mit Gottesliebe und Nächstenliebe auf sich hat.

Jetzt könnten Schlaumeier – die sich nicht so leicht ablenken lassen! – fragen: Gottesliebe und Nächstenliebe? Das sind doch schon zwei Sachen statt einer und einzigen, zu denen wir aufgefordert werde, streng genommen müsste hier doch schon ein schwerer Fall von Multitasking vorliegen. Und angeblich geht doch nur eins; entweder ich entscheide mich für die Religion, also Gott zu lieben – oder für die Menschen. Anders verfehle ich beide, oder nicht?

Tatsächlich gibt es Menschen, und durchaus welche, die sich den Anstrich von Experten geben, die genau das seit jeher behaupten.

Die z.B. sagen, dass es nicht so sehr auf den Glauben ankäme, viel wichtiger sei es doch, ein guter Mensch zu sein. Und andere umgekehrt, die sagen, dass wenn ich Gott liebe und er mich, ich mir doch eigentlich alles erlauben kann – und sei es noch die größte Schweinerei. „Gottes Freund und aller Welt Feind“, war der Wahlspruch des bösen und gefürchteten Piraten Klaus Störtebecker in der Ostsee – da waren jetzt gerade manche von uns. Und manchmal wird sogar behauptet, dass das eine das andere beschädigt oder regelrecht unmöglich macht: Wer Gott liebt, kann das Leben nicht lieben. Ist das so?

Darüber wollen und werden wir ins Gespräch kommen in der nächsten Zeit. Und wir werden gemeinsam und jeder für sich prüfen, was für uns dran ist mit der Religion, welche Antworten auf unsere Fragen die Bibel bereithält. Eine ziemlich geniale Antwort, gerade auch auf unsere Frage ist Jesus Christus, womit jetzt nicht der alte Witz aus der Schule gemeint ist, dass die Antwort „Jesus“ im Reli-Unterricht eigentlich immer stimmt (Für die, die den Witz nicht kennen oder nochmal hören wollen: Einer der Schüler, nennen wir ihn Fritzchen, ist abgelenkt und starrt aus dem Fenster, soll vorkommen. So spannend ist das jetzt gerade alles nicht. Ein Eichhörnchen hüpft vorbei. Die menschenfreundliche Lehrerin fragt: Fritzchen, was ist das? Worauf es dieser mit der Goldstandard-Antwort versucht: Jesus?)

In Jesus Christus begegnen wir Gott und den Menschen zugleich, womit sich die Frage nach verbotenem Multitasking erstmal erledigt hätte: Gottesliebe und Nächstenliebe fallen nicht auseinander, sondern ineinander. Wer seinen Mitmenschen liebt, begegnet Gott. Komplizierter wird es nicht, aber auch nicht einfacher mit dem Glauben.

Die Prognose besteht, dass wir uns auch in der kommenden Zeit des Unterrichts ablenken lassen. Ablenkungen, Abschweifungen, Störungen allerart sind zu erwarten. Aber am Ende werden wir uns von Gott rufen lassen und unter sein Wort versammeln: Gott ist die Liebe. Und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott in ihm. Amen.