Johannis, oder „midsommer madness“, 2026

„Wahn! Wahn!
Überall Wahn!“

So besingt der Meistersinger Hans Sachs den Wahnsinn der Welt.

„Wahn! Wahn!

Überall Wahn!
Wohin ich forschend blick‘,
in Stadt- und Weltchronik,
den Grund mir aufzufinden,
warum gar bis aufs Blut
die Leut‘ sich quälen und schinden
in unnütz toller Wut!
Hat keiner Lohn
noch Dank davon:
in Flucht geschlagen,
wähnt er zu jagen;
hört nicht sein eigen Schmerzgekreisch,
wenn er sich wühlt ins eig’ne Fleisch,
wähnt Lust sich zu erzeigen!

Gott weiss, wie das geschah?“ (Richard Wagner, Die Meistersinger von Nürnberg, 3. Akt)

Aber weil es eben die verrückte Zeit um die Johannisnacht ist, die Zeit der „midsommer madness“, die auch Shakespeare kennt und nennt und ihr ein ganzes traumhaft wundervolles Stück widmet, in der alle Welt verrücktspielt – auf nette und überaus lustige Weise verrücktspielt – wechselt auch Hans Sachs bei seinem Meister Richard Wagner das Register bei der Ursachenforschung. Die ernste Frage beantwortet er sich mit einem Spaß:

„Ein Kobold half wohl da:
ein Glühwurm fand sein Weibchen nicht;
der hat den Schaden angericht’t.
Der Flieder war’s: Johannisnacht!“

„Ist denn die ganze Welt verrückt geworden?“ – fragt einer meiner keineswegs immer mental stabil wirkenden Lieblingsfilmfiguren Walter (in „The Big Lebowski“); „Ist denn die ganze Welt verrückt geworden?“ – und weil das wohl nicht nur heute, sondern zu vielen Zeiten ganz entschieden bejaht werden muss, wenden wir uns Johannes dem Täufer zu, der „hamletgleich“ einer verrückt gewordenen Welt den Verrückten vorspielt, um ihre Verrücktheit wie in einem Spiegel zu zeigen und sie zu entlarven:

Normal war es jedenfalls nicht wie Johannes in die Wüste zu ziehen, sich von Honig und Heuschrecken zu ernähren, einen ausgesprochen shabby chic zu pflegen, also einen Kamelhaarmantel – aber einen von der abgerissen, verlotterten Sorte – zu tragen, interessierte Passanten auf Wunsch ins Wasser zu tauchen, ihnen zu predigen, dass sie alles falsch machen und alles anders machen sollen, und sogar den herbeigelaufenen Soldaten zu erklären, dass sie doch besser auf Gewalt verzichten mögen.

Ein verrückter Schrat – und damit würdige Ikone unserer verrückten Zeit, oder etwa nicht?

2. Sonntag nach Trinitatis, 14. Juni 2026, Tauferinnerung

Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart.Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht. (Matthäus 11,25-30)

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

Wasser ist Leben; das Wasser der Taufe verspricht neues Leben: Erfrischung, Belebung, Erneuerung – Erquickung. Das schöne Wort – erquicken – ist einerseits etwas aus der Mode gekommen, aber immer noch unmittelbar verständlich. Was müde, mühselig, beladen, erschöpft, erlahmt, kaputt, zerschlagen ist, soll wieder heil und ganz und lebendig – quicklebendig – werden. Die Strapazen des Lebens – die manchmal kaum auszuhaltenden Strapazen des Lebens – sollen gelindert werden. Was dem Fußballer seine Eistonne, ist dem Christenmenschen seine Taufe. Danke, Per Mertesacker für Erfrischung und Erquickung in vielfältiger Form!

Erquicken übersetzt aus dem Griechischen Original und aus der lateinischen Standardübersetzung Wörter, die Erholung und Erneuerung bezeichnen; eigentlich: sich durch Pausen erholen; bzw. neu-machen. Erschöpfte setzen sich hin unter den Schatten eines Baumes an einem Bächlein und gewinnen neue Kraft: Der gute Hirte führt mich an eine grüne Aue, er erquickt meine Seele. Er kommt zu mir, der ich mühselig und beladen bin, und erquickt mich.

Balsam für Leib und Seele; Wellness nennen wir es heute; Erschöpfte, Versehrte genießen heilsame Bäder. Wiesbadener wissen, wovon ich spreche; schon die Römer haben es ihnen, also uns gesagt und gezeigt und unseren schönen Ort Aquis Mattiacis getauft, an den Wassern der Mattiakern; deren Nachfahren es dann in Wisibada – nun ja – nicht gerade eindeutschten.

Uralte Heilkraft, ewigjunge Schönheit – verheißt der Ruf zur Heilung auf historischen Plakaten, wie dieses des in Wiesbaden tätigen Künstlers Fred Overbeck von Anfang der Dreißiger Jahre. Ich finde, dass es jünger wirkt als ist – aber vielleicht bin ja auch ich nur älter als ich meine – jedenfalls zeigt sich für mich auf dem Bild keine Spur der dunkel-drohenden Entstehungszeit und der bedauerlichen Verstrickung unseres Künstlers in ihr, sondern es kommt mir selbst so ewigjung und schön vor, wie die Heilung, die es verheißt: antike oder antikisierende Säulen, Wasserwellen und ein Frühlingsstrauß werben für unsere Bäderstadt. Gemeinsam mit dem Slogan, der das Alte und das Junge, das Ewige und das Aktuelle verbindet, greift das Plakat – bewusst oder unbewusst – auf den antiken Mythos des Jungbrunnens. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. – Aber ganz anders als Jesus das meinte.

Die antike und am Ende des Mittelalters gleichsam wiedergeborene Idee des Jungbrunnens malt uns unsere Sehnsucht nach ewigjunger Schönheit vor Augen, lässt uralte, gebrechliche Männlein und Weiblein auf der einen Seite in einen Swimmingpool gleiten – manche müssen getragen werden – um sie dann zumindest an ihren Körpern sichtbar verjüngt, vergnügt und erquickt auf der anderen Seite herausspringen zu lassen. (Lucas Cranach, Der Jungbrunnen 1546). Alle Lebensgeister – auch die erotischen (und selbstverständlich war das Thema für den Künstler auch ein Vorwand möglichst viele Nackte zu präsentieren) – sind neu geweckt. Siehe das Alte ist vergangen, Neues ist geworden. Siehe, ich mache alles neu. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

Wie gesagt, Jesus hat das sicherlich anders gemeint, aber als Bild unserer Erneuerung durch Gott in der Taufe lasse ich es mir gerne gefallen. Und die zeitgenössischen Betrachter werden es schon auch richtig verstanden haben, dass ihnen ewigjunge Schönheit durch uralte oder auch ultramoderne Heilkraft äußerlich und körperlich verwehrt bleibt, auch als Getaufte, die an das zukünftige Leben mit Christus glauben.

Soviel Weisheit bringen heutzutage nicht alle auf, wenn man immer wieder von technisch-medizinischer Körperertüchtigung und Lebensverlängerung hört, die statt dem Sprung in die Eistonne sich für die Zukunft gleich ganz einfrieren lassen, oder zumindest die Spuren des gelebten Lebens sich wegspritzen und -schnippeln lassen. Was für ein Unsinn! Auch als rundum chirurgisch und chemisch erneuerter Mensch werde ich mich mit meinem Ende auseinandersetzen müssen – dann eben ein paar Jahre oder Jahrzehnte später.

Das war sicherlich unserem Künstler – Lucas Cranach übrigens – klar, dem wir nicht nur Darstellungen des Jungbrunnens, sondern auch der Taufe verdanken (Lucas Cranach, Wittenberger Altar). So wie auf seinem Bild werden auch bei unseren gewohnten Tauffeiern eher keine Sehnsüchte nach ewiger Jugend durch das Bad der Taufe assoziiert. Das edle Tuch der Sonntagskleider nach bürgerlicher Tradition, die uns ja schon beinahe fremd geworden ist, bedeckt schicklich, was bedeckt werden muss. Nur das erfreulich fröhliche Baby liegt ohne Kleidung wohlig auf der Hand des Pfarrers und Lutherfreundes Philipp Melanchthon und scheint sich für das glitzernde Wasser zu interessieren. So sind die Babys bei ihrer Taufe (wenn der Pfarrer sie richtig hält!) und so waren wir da wohl auch. In der Taufe der anderen erkennen wir unsere eigene, und in der immer gleichen, immer ähnlichen Darstellung einer Initiation werden wir gewahr, dass der Täufling wie wir nun zu Gott gehört – weil Gott zu uns gehören will.

Die darstellende Handlung der Taufe bewirkt nichts Sichtbares, keine physische Veränderung in der materiellen Welt. Die Haut wird nicht straffer, die Züge nicht jünger, die Muskeln nicht stärker – aber wir sollen erkennen und wissen und uns durch sie daran erinnern, dass wir zu Gott gehören und er zu uns; dass wir wie Jesus und als seine Angehörigen und Freunde an seinem Leben teilhaben. Die Taufe ist wie ein heiliges Spiel, ohne Zweck wie jedes richtige Spiel – aber mit Sinn, also Geist theologisch gesprochen. Taufe ist das, was wir mit ihr meinen.

Aber das sichtbare Zeichen der Taufe ist das Wasser, als weites und weitgehend unerschöpfliches Symbol unserer Erneuerung, Erfrischung, Erquickung. Darin spricht Gott zu uns in seinem Sohn Jesus Christus: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

Trinitatis, 31. Mai 2026, Konfirmationsjubiläum

Und der Herr redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der Herr segne dich und behüte dich;der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne. (4. Mose 6, 22-27)

Sprich deinen milden Segen
zu allen unsern Wegen,
laß Großen und auch Kleinen
die Gnadensonne scheinen.

So verdichtet, liebe Schwestern und Brüder, diese Segensbitte der Liederdichter Paul Gerhardt, dessen Leben und Lieder wir uns in diesem Jahr 2026 seines Todes vor 350 Jahren erinnern. Als Elfte von 15 Strophen hat Paul Gerhardt sie als Neujahrslied eines der schrecklichen Kriegsjahre des Dreissigjährigen Krieges jedenfalls vor 1648 gedichtet – und so singen wir sie, wie so viele seine Lieder; auch wir heute Morgen, noch heute.

Gedenkfeiern, Jubiläen und Jahrestage – Neujahrsmorgen und Geburtstage – auch goldene und silberne Konfirmationsfeiern sind wie Ausrufezeichen im Strom der Zeit. Sie unterbrechen unseren Alltag, geben ihm Sinn und Halt, und laden ein, unsere Lebenszeit unter Gottes Segen zu stellen, unsere Lebensgeschichte als in Gottes Geschichte mit uns Menschen verwickelt zu verstehen: Nicht bloß Ansammlung zufälliger Punkte in einem chaotischen Universum, sondern Linie mit Anfang und Ziel. Wir blicken zurück und wir schauen nach vorne, bedenken, was uns trägt und was uns behütet – Gottes Segen in unserem Leben.

Lasst uns singen:

1. Nun laßt uns gehn und treten
mit Singen und mit Beten
zum Herrn, der unserm Leben
bis hierher Kraft gegeben.

2. Wir gehn dahin und wandern
von einem Jahr zum andern,
wir leben und gedeihen
vom alten bis zum neuen

3. durch so viel Angst und Plagen,
durch Zittern und durch Zagen,
durch Krieg und große Schrecken,
die alle Welt bedecken.

Als goldene Friedensgeneration – Gottseidank! – kennen wir den Krieg und seine Schrecken nur von Ferne: aus den Erzählungen der Eltern und Großeltern, und durch die Nachrichten aus fremden Ländern. Unser Dichter dagegen kannte die meiste Zeit seines Lebens keinen anderen als den Kriegszustand, dessen Schrecken sich ihm und seinen Zeitgenossen in seiner unmittelbaren Gewalt zeigten, wie auch in den mittelbaren Folgen: Hunger, Seuchen, Unordnung, Verwahrlosung ganzer Landstriche und Länder – und aus seiner Sicht damit alle Welt bedeckten. Paul Gerhardt konnte deshalb so überzeugend vom Frieden als Gottes Segen singen und sagen, weil er den Fluch des Krieges kannte.

4. Denn wie von treuen Müttern
in schweren Ungewittern
die Kindlein hier auf Erden
mit Fleiß bewahret werden,

5. also auch und nicht minder
läßt Gott uns, seine Kinder,
wenn Not und Trübsal blitzen,
in seinem Schoße sitzen.

6. Ach Hüter unsres Lebens,
fürwahr, es ist vergebens
mit unserm Tun und Machen,
wo nicht dein Augen wachen.

Den ersten Segen unseres Lebens erfahren wir in den Armen unserer Mutter. Sie stiftet das Grundvertrauen, mit dem wir unser Leben bestehen können, und auch wenn es Zeit wird, die Arme der Mutter zu verlassen. Unsere persönlichen Jubiläen und Jahrestage lassen uns an Kindheit und Jugend zurückdenken, und an die Menschen, denen wir unser Leben verdanken, die uns so viel mitgaben an Gutem, aber auch manches schwere Gepäck, an dem wir bis heute tragen. Noch als Erwachsene, noch im Alter spüren wir das immer wieder, dass wir nicht die alleinigen Autoren unserer Lebensgeschichte sind – das ja auch – aber dass wir ebenfalls Geschichten fortschreiben, dass wir uns in Geschichten einschreiben, deren erster Satz nicht von uns stammt.

7. Gelobt sei deine Treue,
die alle Morgen neue;
Lob sei den starken Händen,
die alles Herzleid wenden.

8. Laß ferner dich erbitten,
o Vater, und bleib mitten
in unserm Kreuz und Leiden
ein Brunnen unsrer Freuden.

9. Gib mir und allen denen,
die sich von Herzen sehnen
nach dir und deiner Hulde,
ein Herz, das sich gedulde.

Eine der spannendsten Fragen unseres Lebens ist die nach seinen Zusammenhängen, nach Kontinuitäten und Kontrasten, nach Brüchen und Brücken: Bin ich mir eigentlich selbst gleich? Bin ich mir selbst gleich-geblieben? Was verbindet das Kind mit der Jugendlichen mit der Erwachsenen? Was verbindet mein jetziges Ich mit den vielen Ichs unterschiedlicher Lebensalter? Die meisten Zellen unseres Körpers dürften sich über die Jahre erneuert haben, Gedanken doch hoffentlich auch. Auf den Bildern von damals erkenne ich mich manchmal nur kaum. Und doch bin ich ganz gewiss, trotz aller Verschiedenheit dieselbe in den unterschiedlichen Zeiten und Phasen meines Lebens, nehme ich mich als die eine war in den Bindungen früherer Jahre: Verschieden und doch gleich; anders und doch identisch. – Übrigens kann man diese Frage auch an Gottes Wesen stellen; und sie wird folgerichtig und traditionell am heutigen Sonntag Trinitatis gestellt; und zwar nach der Einheit Gottes in seiner Verschiedenheit, nach der Identität von Schöpfer, Versöhner und Erlöser, nach Vater, Sohn und Heiligem Geist, nach Gottes eigener Geschichte , die er als Familiengeschichte erzählt; kurz: nach Gottes Treue an jedem neuen Morgen.

10. Schließ zu die Jammerpforten
und laß an allen Orten
auf so viel Blutvergießen
die Freudenströme fließen.

11. Sprich deinen milden Segen
zu allen unsern Wegen,
laß Großen und auch Kleinen
die Gnadensonne scheinen.

12. Sei der Verlaßnen Vater,
der Irrenden Berater,
der Unversorgten Gabe,
der Armen Gut und Habe.

Dem Dichter Paul Gerhardt – und darin kann er uns Anregung und Vorbild sein – sucht und benennt Konkretionen des Segens in der Vielfalt des Lebens. Ich glaube, dass unser individueller und gewohnheitsmäßiger Alltagsatheismus etwas damit zu tun hat, dass uns ganz einfach die Phantasie fehlt, den Segen unseres Lebens zu entdecken und ihn als Segen Gottes zu erkennen. Das barocke Lebensgefühl hingegen erlaubt es Paul Gerhardt im Gelingen und Gedeihen Gottes Segen zu erkennen: in freundlicher Gesellschaft, im Erkennen der Wahrheit, im Sieg der Gerechtigkeit, in Nahrung und Sättigung, in Genesung und persönlichem Glück. Überall dort, wo wir nicht mit unserer Not alleine bleiben und diese gewendet wird, ereignet sich Gottes Segen; zuerst und vor allem im großen Thema seiner und doch auch unserer Zeit: im Krieg und seiner Überwindung durch Frieden.

13. Hilf gnädig allen Kranken,
gib fröhliche Gedanken
den hochbetrübten Seelen,
die sich mit Schwermut quälen.

14. Und endlich, was das meiste,
füll uns mit deinem Geiste,
der uns hier herrlich ziere
und dort zum Himmel führe.

15. Das alles wollst du geben,
o meines Lebens Leben,
mir und der Christen Schare
zum sel’gen neuen Jahre.

Ein ganzes Leben in einem Lied – ein Lied wie ein Leben. Damit mag auch erklärt sein, warum sich Paul Gerhardt soviel Zeit nimmt in seinen Liedern, deren viele Strophen nur an den wenigsten Gelegenheiten alle gesungen werden. Er zeichnet wie gesagt unser Leben in die Geschichte Gottes ein. Gott ist der Anfang und das Ende unseres Lebens; an dem wird er uns in den Himmel führen. Bis dahin stehen wir – Jahr für Jahr, Tag um Tag – unter seinem Segen, dass er uns hier herrlich ziere. Darum bitten wir Gott:

Sprich deinen milden Segen
zu allen unsern Wegen,
laß Großen und auch Kleinen
die Gnadensonne scheinen.

Amen

Ostermontag, 6. April 2026

Als sie aber davon redeten, trat er selbst mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch! Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz? Seht meine Hände und meine Füße, ich bin’s selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe. Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und Füße. Da sie es aber noch nicht glauben konnten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen? Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor. Und er nahm’s und aß vor ihnen.

Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose und in den Propheten und Psalmen. Da öffnete er ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden. (Lukas 24,36-45)

Essen ist Leben!

Wer isst, wer essen muss, lebt. Wer ist, isst.

Das dürfte so etwa der Beweisgang unserer österlichen Anekdote sein, die ja auch etwas Komisches hat, wenn man sie nämlich als Gespensterprobe liest: Kommt ein Geist zu einer Mahlzeit … Dem, den man für einen Geist hält, auch nach ausführlicher Betrachtung und Berührung für einen Geist halten muss, dem wird Fisch vorgelegt, um ihn auf die Probe zu stellen: denn Geister, das wusste schon damals jedes Kind, so scheint´s, haben keinen Appetit. Aber was passiert? Der vermeintliche Geist verspeist sichtlich angetan die Mahlzeit; voila, kein Geist; siehe da, ein Mensch! (Umgekehrt funktioniert der Test leider nicht, denn merkwürdigerweise verweigern nicht nur Geister sondern auch manche Menschen Fisch zur Mahlzeit.)

Essen ist Leben! Das stimmt ja nicht nur biologisch (Lebewesen brauchen Energie, die sie sich bekanntlich durch Nahrung zuführen), nicht nur kulinarisch oder meinetwegen ökotrophologisch – sondern auch sozial – im Alltag und anlässlich von Festen und Feiern. Auch die Gemeinschaft Jesu feierte ihre Gemeinschaft regelmäßig als Mahl. Das gemeinsame Essen ist noch heute für viele der Moment am Tag, wenn wir unsere Familie und Mitbewohner treffen, unsere Gemeinsamkeit erleben; und die wir eben an besonderen Tagen – an Geburtstagen – an Feiertagen, doch auch jetzt zu Ostern! – feiern; das darf dann auch mal etwas größer und etwas mehr sein als sonst. Ein Fest ohne Festessen ist kaum denkbar. Warum nicht ein Stück gebratener Fisch?

Andere Tests auf menschliches Leben lassen sich denken. Sie müssten geeignet sein, das zu prüfen, was uns zu wirklich lebenden, wahrhaft lebendigen – also liebenden, mitfühlenden, denkenden, strebenden – Menschen macht. Und dabei dürfte die Unterscheidung der Menschen von Geistern an Bedeutung verlieren – und die Unterscheidung der Menschen von Maschinen und ihren Programmen gewinnen. Alle Welt spricht von KI, von künstlicher Intelligenz, und dass ihre Produkte kaum oder gar nicht mehr von denen von Menschen zu unterscheiden seien. Ob das stimmt? Oder ob das nicht ein alter Fisch ist, der uns da vorgesetzt wird und uns entgegen stinkt. Ich behaupte: Noch der Gestank von Gammelfisch besteht demgegenüber den Wirklichkeitstest; um wieviel mehr der verführerische Duft einer Bouillabaisse, wie sie mir in letzter Zeit gelegentlich gelingt.

Aber es mag schon sein, dass wir uns gelegentlich täuschen lassen; oder – wie ich finde – noch schlimmer: dass wir uns selbst täuschen, also selbst hinter unseren menschlichen Möglichkeiten zurückbleiben und von Maschinen ununterscheidbar werden. Vielleicht produzieren wir einfach selbst zu viel überflüssigen Text, der doch genauso gut – oder genauso schlecht! – künstlich hergestellt werden könnte. Dann wäre der Test, dem wir uns zu stellen haben, nur noch das zu produzieren, was uns als Menschen zeigt – mit unserer Lebendigkeit, unseren Gefühlen, unserer natürlichen Intelligenz und in unserem künstlerischen Ausdruck. Jeder Mensch ist ein Künstler! Eben, aber nicht seine technische Reproduktion. Auf ziemlich unwahrscheinliche Weise nötigte uns damit der Umgang mit sogenannter künstlicher Intelligenz, uns unserer Menschlichkeit zu vergewissern und unser Gegenüber darauf zu testen – ganz anders und ganz gleich wie in unserer Ostergeschichte vom gebratenen Fisch.

Die Osterbotschaft verkündet den Sieg des menschlichen Lebens über die Mächte des Todes. Darauf gibt es keinen Test außer dem, dass wir uns als lebendige Menschen zeigen, die das Leben lieben.

Altjahresabend 2025

Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.

Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.

(Brief an die Hebräer 13, 8b-9)

„Was gibt’s Neues?“ – hat mein Vater – Gott hab ihn selig – regelmäßig zur Begrüßung gesagt und gefragt. „Was gibt’s Neues?“ Das war zum einen – so habe ich die Frage gedeutet – das Interesse am Leben der Kinder, an dem er mit den Jahren ja nicht mehr direkt teilnahm; und das war zum anderen die Sorge vor schlechten Neuigkeiten, die ihn mehr und mehr beherrschte. Lange vor dem Zeitalter des „Doomscrolling“ auf unseren Telefonbildschirmen saß er eigentlich täglich vor dem Fernseher, um in langer Folge Nachrichtensendung um Nachrichtensendung anzuschauen, die ihn, auch wenn es wenig Neues gab, zuverlässig mit kleinen und großen Kalamitäten aller Art versorgten. Verstehen konnte ich das damals nicht, oft genug habe ich darauf mit Unwillen reagiert, zumal es mir wie eine Art Fluch erschien, unter dem er stand – und unter dem heute so viele von uns stehen. Nachrichten als Sucht und Fluch zugleich. Only bad news are good news.

Für mich passt das gut zu einer Redensart, die wohl entgegen einer häufigen Zuschreibung nicht, oder zumindest nicht direkt aus dem Chinesischen stammt „Mögest du in interessanten Zeiten leben!“ Und sie ist anders als es vielleicht ein erster Eindruck erscheinen lässt, nicht als Segenswunsch, sondern als Fluch gemeint. „Mögest du in interessanten Zeiten leben!“ Denn das Interessante, das Neue ist hier das, was die Betroffenen plagt. Interessante Zeiten in diesem Sinne sind schlimme Zeiten, sind Seuchen- und Hungerjahre, sind Krisen und Kriege, Umstürze, Bankenzusammenbrüche und Firmenpleiten – wir wissen, was gemeint ist. Ein bisschen langweiliger, wäre schon schön.

Ein bisschen langweiliger, wäre schon schön. Also etwa so langweilig, wie die gute Nachricht von heute klingt: Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Langeweile als Programm. Der Vers müsste ja wohl – so stelle ich mir vor – der Alptraum jeder kirchlichen PR-Abteilung sein, die sich – stets auf der Suche nach dem heißesten Scheiß – der guten alten Botschaft, des Evangeliums schämt. Immer dasselbe. Immer so weiter. Alle Jahre wieder. Langweile vertont und gesungen.

Wir folgen aber heute nicht der bisweilen kopf- und atemlosen kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit, sondern dem Evangelium selbst. Gerade jetzt zum Jahreswechsel erklingt das Lob der scheinbar langweiligen, der vermeintlich uninteressanten Verlautbarung von der Beständigkeit und der Verlässlichkeit Gottes, und sie klingt ziemlich passend. Wenn alles fällt, bleibt doch der Eine bestehen. Wenn sich alles in Auflösung befindet, finden wir festen Halt an Gott. An ihm möge unser Herz fest werden – in den Worten unseres Autors, den wir außer durch seinen Brief nicht weiter kennen.

Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.

Diese Worte gehören zum Schlusskapitel seines Briefes an die Hebräer. Sie formulieren noch einmal prägnant die Gebrauchsanweisung seines Schreibens, so wie andere seiner Schlussworte ebenfalls zusammenfassend auf den praktischen Nutzen zielen:

Wenn er etwa das Vorübergehende unserer Existenz betont; Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Als wanderndes Gottesvolk versteht er die christliche Gemeinde; in der Nachfolge des Wanderers Jesus; im Rückblich und Anklang an das Volk der Hebräer, das sich immer als herumziehend, als nomadisch verstand, mit allen Konsequenzen für das praktische Leben.

Praxis klingt auch an, wenn es ihm um die Nächstenliebe als von den Juden erlernte christliche Grundtugend geht; Gutes zu tun und mit andern zu teilen vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott. Als erste und wichtigste Wanderregel gilt, dem anderen beizustehen – dem anderen, mit dem ich wandere, und dem anderen, dem ich begegne.

Wir könnten nun ein ums andere Thema, und zahlreiche, im Grunde jeden seiner Aussprüche betrachten – und immer würden wir erleben, dass der Autor an die Hebräer nicht auf der Suche nach Neuem ist, keine Neuigkeiten formulieren möchte – sondern in der gebotenen Ausführlichkeit und Umständlichkeit das Uralte seiner Botschaft herausstellt. Wichtig, bedeutend, gültig, sinnvoll – ist das was er zu sagen hat, nicht weil es neu ist, sondern weil es alt ist. Weil das Wesentliche das Alte ist.

Man könnte das beinahe für ein fernes Echo des Prediger Salomo halten, seines „Es gibt nichts Neues unter der Sonne“ – nur das dieser in tiefer Resignation dann gleich alles für absurd und nichtig erklärt hat: „Es ist alles ganz eitel, alles absurd, alles Windhauch, alles nichtig und flüchtig wie Kains Bruder Abel: Häbäl Habelim.“ Die Sehnsucht nach Neuem, Sucht und Fluch der neuesten Nachrichten verwandeln sich ihm in eine tiefe Skepsis am Leben, in eine beinahe zynische Lebensunlust: Alles schon geseh´n, alles schon erlebt, was soll ich dort?

Im völligen Gegensatz zum Prediger Salomo nimmt der Autor unseres Briefes an die Hebräer das Neue im Alten war, als das Alte, das wesentlich bleibt. Für ihn, wie für uns, ist dieses uralte Neue mit dem Namen Jesus Christus verbunden:

1Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, 2hat er zuletzt in diesen Tagen zu uns geredet durch den Sohn, den er eingesetzt hat zum Erben über alles, durch den er auch die Welten gemacht hat. 3Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens und trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort und hat vollbracht die Reinigung von den Sünden und hat sich gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe 4und ist so viel höher geworden als die Engel, wie der Name, den er ererbt hat, höher ist als ihr Name. (Hebräer 1)

Was gibt’s Neues? Gibt’s was Neues? Das Neue ist, dass das Uralte, von dem heute die Rede ist, gültig bleibt, weil es nicht veraltet. Der erste Anfang durch Gott bleibt sozusagen aktiv in seinem Sohn. „Schöpfung“ meint den ersten Anfang, der fortwährend neue Anfänge ermöglicht und verwirklicht. Jung bleiben wir, solange wir solche Anfänge für möglich halten. Neujahr und unsere Art es zu begehen, bezeichnen im besten Fall die kulturelle Aneignung der Kategorie Schöpfung: Siehe, ich mache alles neu! (Jahreslosung 2026). Amen.

Heiligabend 2025

Weihnachten ohne Glauben ist wie ein Leben ohne Mops: möglich aber sinnlos. Nicht allen vermittelt sich die tiefe Wahrheit solcher Sätze. Manche können sich ja sogar ohne den Besuch bei der Pufferchristel auf den Besuch des Christkinds vorbereiten. Und natürlich kann auch darüber streiten, wer mag. Aber vielleicht doch lieber zum Anlass nehmen, darüber nachzusinnen, was einem wirklich wichtig ist an Weihnachten. Was macht für uns Weihnachten zu Weihnachten?

Noch der wildeste, verstörendste ausgewachsene Feiertagsnotstand – sei er am Bildschirm erlebt oder im richtigen Leben erlitten – vermittelt, was Weihnachten eigentlich ist. Zu den kanonischen, in jeder Saison unbedingt zu sehenden Weihnachtsfilmen meiner Familie gehören deshalb wie bei vielen die Klassiker wie „Schöne Bescherung“ oder „Kevin allein zu Haus“ und manchmal muss es einfach „Stirb langsam“ sein mit Bruce Willis als unserem Weihnachtsmann.

Gerade die Leerstellen und Abwesenheiten, die Übertreibungen und Fehlleistungen zeigen an, was eigentlich gemeint ist mit dem Fest aller Feste. Manchmal brauchen wir Abstand, um das zu verstehen, und manchmal noch mehr Abstand, um darüber zu lachen. Weißt Du noch, als wir keinen Weihnachtsbaum hatten – und das inmitten der Weite der Wälder Schwedens, die noch nie kein Fuß betreten hat außer unseren – so kam es uns wenigstens vor; weißt du noch, als wir in unserer rotbemalten Bullerbü-Hütte gleich zwei Festtagsschmause hatten nach zwei konkurrierenden Traditionen – und keiner uns schmeckte; weißt Du noch, als uns ein Kind geboren war – das uns den Frieden nicht brachte, sondern nahm. Selten war ein Weihnachten so verkorkst; und selten hat ein so verkorkstes Weihnachten so genau gezeigt, was an Weihnachten wichtig ist und was nicht.

Und dabei plädiere ich doch keineswegs für das absichtliche Scheiternlassen der Feier; keineswegs für Nachlässigkeit bei der Vorbereitung oder Unachtsamkeit beim Fest; vielmehr dafür, alles für sein Gelingen zu tun; aber wohl wissend, dass das gar nicht in unserer Macht steht; und wohl wissend, dass auch noch die verkorkste Wirklichkeit die Wahrheit von Weihnachten nicht beschädigen kann, und zwar weil diese eben in seiner Möglichkeit liegt.

Denn: Das was wir an Weihnachten feiern ist eine Möglichkeit, die liegt in der Zukunft, und bezeichnet eine Hoffnung. Das ist theologisch entscheidend! Die Weihnachtsbotschaft: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens! – diese Botschaft bezieht sich nicht einfach auf eine andere Wirklichkeit – etwa in einem Paralleluniversum unserer selbstgebackenen Wünsche und selbstgebastelten Träume – sondern auf eine Möglichkeit, die Gott durch seine Engel und Propheten verkünden lässt und die Gott selbst herbeiführen wird. Nichts gegen Basteln und Backen an Weihnachten, nichts gegen Wünsche und Träume zum Fest – aber gemeint ist schon was anderes und in den Worten des Propheten Hesekiel klingt das damals wie heute so:

Mein Knecht David soll ihr König sein und der einzige Hirte für sie alle. Und sie sollen wandeln in meinen Rechten und meine Gebote halten und danach tun. Und sie sollen wieder in dem Lande wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe, in dem eure Väter gewohnt haben. Sie und ihre Kinder und Kindeskinder sollen darin wohnen für immer, und mein Knecht David soll für immer ihr Fürst sein. Und ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen, der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Und ich will sie erhalten und mehren, und mein Heiligtum soll unter ihnen sein für immer. Meine Wohnung soll unter ihnen sein, und ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein, damit auch die Völker erfahren, dass ich der Herr bin, der Israel heilig macht, wenn mein Heiligtum für immer unter ihnen sein wird. Amen.

Ein guter König, Frieden und Herrschaft des Rechts, Wohnung und Heimat für alle Menschen, Bund und Freundschaft unter den Völkern: zu viel um es schon für wirklich zu halten, zu wenig als bloße ort- und zeitlose Utopie; aber nicht mehr und nicht weniger als Gott es für seine Zukunft für uns verkünden lässt.

Man kann ja schlecht behaupten, dass die Weihnachtsbotschaft schon im Weihnachtsgeschehen erfüllt worden wäre. Ganz im Gegenteil haben wir auch heute wieder – alle Jahre wieder! – von den Nöten jener Zeit gehört, die wir aus unserer Zeit allzu gut, besser als wir uns das wünschen würden, kennen: Herrscherlicher Größenwahn – Make Rome Great Again!, Fremdherrschaft ohne Recht und Gesetz, Macht durch Gewalt, Krieg als Politik, Bedrückung der Armen, Mangel an Obdach und medizinischer Pflege, Unheiliges im heiligen Land.

Und dennoch erklingt ausgerechnet dort die Botschaft der Propheten und der Chor der Engel: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens! Für einen Moment bescheint das göttliche Licht noch den finstersten Ort dieser Erde; zeigt unübersehbar an, wie Gott seine Schöpfung gemeint hat und immer noch meint: als moralisches Universum, in dem jeder Akt des Rechts die Gerechtigkeit stärkt und jeder Akt der Nächstenliebe unweigerlich den nächsten nach sich zieht. Wäre doch schade, wenn ausgerechnet mit unserer Generation diese Glaubenswahrheit von Weihnachten verstummen sollte.

„Wenn´s aber keinen Gott gibt und keine Macht, die die unterschiedlichen Elemente zusammengefügt, was sind dann Worte, und woher kommt das innere Licht?

Und woher kommt die Freude? Wohin geht das Nichts? Wo wohnt die Vergebung?

Warum verschwinden die kleinen Träume am Morgen und die großen wachsen?“ (Adam Zagajewski)

Darum eben: Weil es Gott gibt; und weil Gott an Weihnachten Mensch geworden ist; und weil er unser König sein will. Amen.

Predigt zum Michaelstag am 29. September, 28.09.2025

Die Zweiundsiebzig aber kamen zurück voll Freude und sprachen: Herr, auch die Dämonen sind uns untertan in deinem Namen. Er sprach aber zu ihnen: Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. Seht, ich habe euch Macht gegeben, zu treten auf Schlangen und Skorpione, und Macht über alle Gewalt des Feindes; und nichts wird euch schaden. Doch darüber freut euch nicht, dass euch die Geister untertan sind. Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind. (Lukas 10, 17-20)

Einen starken Engel wünsche ich mir. Einen starken Engel, der mich gegen Gewalt aller Art in mir und außer mir schützt, der mich gegen Gewalt von Schlangen und Skorpionen beschützt, gegen Blitz und Donner, gegen den Satan selbst beschützen kann; und der mir so den Himmel befreit. So wie der starke Engel Michael, auf den auch unser kleines Textstück anspielt; auf den Engelskampf nämlich, den Michael gegen Satan und alle Teufel dieser Erde und dieses Himmels kämpft und besteht, für uns besteht:

„Und es entbrannte ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen. Und der Drache kämpfte und seine Engel, und er siegte nicht, und ihre Stätte wurde nicht mehr gefunden im Himmel. Und es wurde hinausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt. Er wurde auf die Erde geworfen, und seine Engel wurden mit ihm dahin geworfen.“ (Offenbarung des Johannes 12,7-9)

So sieht es der Seher Johannes und so schreibt dann der Evangelist vom starken Engel Michael, so wie ich ihn mir wünsche.

Und so wie wir ihn heute gemalt vor uns sehen, den starken Engel, die starken Engel, drei in eins und eins in drei (wir kennen das), wie ihn unsere liebe Nachbarin und Künstlerin Erika Fröhlich gesehen und für uns gemalt hat, in starken Farben. Lassen Sie ihn uns ein paar Minuten betrachten, jeder für sich und bedenken, was wir uns von diesem Engel wünschen würden … (Musik)

Ein starker Engel für mich, drei starke Engel (Nein, nicht die drei Engel!), drei in einem und einer in dreien, dreifach kraftvoll, kraftvoll farbig, die das in ihrer Mitte beschützen und stärken; die sich in Bewegung setzen, voller Bewegung sind und in das Licht streben, ihrer Mitte und ihrem Ziel entgegen. Das Dunkel ist überwunden, von dem wir alle wissen und von dem auch die Bibel weiß und spricht und nicht schweigt; das ganze Satans- und Teufelspack auf der ganzen Welt, dazu Blitz und Donner, Schlangen und Skorpione, die teuflischen Mächte und der ganze satanische Rest überall, außer uns und in uns selbst. Wir werden die nicht beherrschen. Aber Gott sendet uns starke Engel, seinen starken Engel Michael, uns zu gut, uns den Himmel zu befreien: Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.

Diesen starken Engel sollen wir uns gefallen lassen, damit wir uns nicht alles gefallen lassen müssen. Denn dieser Engel lässt sich nicht alles gefallen. Was mich übrigens an einen guten Schüler, aufgeweckten Konfirmanden und netten Nachbarn erinnert, der nach einer ausführlichen Unterrichtseinheit über die Bergpredigt – „Du sollst deinen Feind lieben, wie dich selbst. Wenn dich einer auf die rechte Backe haut, halte auch die linke hin. Selig sind die Friedfertigen“ – dieser Schüler, der wie wir alle diese Lektion aus der Bergpredigt durchaus nötig hatte, also antwortet auf die Frage an die Klasse, was denn nun das wichtigste Gebot sei, dass uns Jesus von Gott weitersagt und dass auch für uns wichtig sein soll; auf diese Frage antwortet er: „Sich nicht alles gefallen lassen.“ Oje! Das kann selbst den liberalsten Religionslehrer, der meistens noch die abwegigsten Antworten zurechtbiegt, aus der Reserve locken, aber wie wäre denn dieses: „Sich nicht alles gefallen lassen“ zu retten? Damals gar nicht. Damals habe ich nur gestaunt und wie so oft am Sinn meiner Unterrichtsbemühungen gezweifelt.

Heute bin ich etwas klüger; denn weder der starke Engel, dem wir heute begegnen, noch Jesus selbst, in dessen Namen und Auftrag dieser Engel handelt, lässt sich alles gefallen. In seltenen Momenten schmeißt ein ungehaltener Jesus die Händler aus dem Tempel, beschimpft seine Gegner als Schlangen und Otterngezücht (was nicht nett ist!), fährt seine Jünger an, weist seine Familie, seine Mutter zumal, zurecht. Nicht weil wir uns das selbst zur Regel machen sollten, sondern weil er sich eben nicht alles gefallen lässt und man sich nicht alles gefallen lassen muss.

Dabei hat doch Jesus so viel an sich geschehen lassen: Spott, Leid und Tod; und leidet noch heute im Leiden der Menschen mit. Und wir sollen nicht so tun, dass das Gottes Willen wäre, was da an Scheußlichkeiten geschieht – und ja doch auch unbegreiflicherweise für uns aus seinem Willen heraus – doch und trotzdem mit und gegen seinen Willen – geschieht. Als ob Gott selbst mit sich in Streit geraten wäre, als ob es einen Streit im Himmel selbst geben würde: Nemo contra deum nisi deus ipse, Niemand gegen Gott, wenn nicht Gott selbst, wie die großen Theologen dieses unlösbare Rätsel, zumindest in klaren Gedanken unlösbare Paradox – nun nicht lösen – aber auf den Punkt zu bringen versuchen. Niemand gegen Gott, wenn nicht Gott selbst. Als ob es einen Streit in Gott, im Himmel geben könnte.

Aber genau davon ist ja nun heute die Rede: „Und es entbrannte ein Streit im Himmel“, den Michael gegen Satan stellvertretend für Gott auf der einen und für uns Menschen auf der anderen Seite austrägt. Als großes Weltgemälde zeichnet uns das der Seher Johannes und nach seinem Bild der Evangelist Lukas – übrigens als einziger der vier Evangelisten, so ferne und so heikel ist ihnen dieses Bild – aber er zeichnet und malt damit ein Geschehen, das kaum in Worte zu fassen ist: Dass sich Gott selbst nicht alles gefallen lässt. Dass ein Streit im Himmel entbrennt.

Als seinen Stellvertreter schickt Gott seinen starken Engel Michael in den Kampf („Auf in den Kampf!“) gegen seinen stärksten Widersacher – und: lässt ihn siegen! Im Himmel zuerst kämpfen und siegen, damit dieser frei werde, auch für uns; aber eben auch bei uns auf dieser schönen Erde frei von Schlangen und Skorpionen und dem Otterngezücht, das schon Jesus geplagt hat, damit diese Erde wahrhaft schön wieder werde.

Ich will in den drei Engeln von Erika Fröhlich auch die auf die Erde kehrende kraftvolle Schar des Michael erkennen, wie sie aus dem Licht – aus dem neu Licht gewordenen Himmel – auf die Erde kommt uns zur Stärke und Hilfe, wie wir das zu Konfirmation auch unseren Konfirmanden zusprechen, besonders denen, die sich nicht alles gefallen lassen: Schutz und Schirm vor allem Argen, Stärke und Hilfe zu allem Guten, aus der gnädigen Hand Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Diesen starken Engel wünsche ich mir, gerade dann, wenn ich mir am meisten gefallen lassen muss. Amen.

Sonntag nach Trinitatis, 24. August 2025

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Der Predigttext für den heutigen 10. Sonntag nach Trinitatis steht bei Markus im 12. Kapitel:

Und es trat zu ihm (zu Jesus) einer der Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen? Jesus antwortete: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft« 5. Mose 6,4-5. Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« 3. Mose 19,18. Es ist kein anderes Gebot größer als diese.

Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Ja, Meister, du hast recht geredet! Er ist einer, und ist kein anderer außer ihm; und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und mit aller Kraft, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer. Da Jesus sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen. (Markus 12,28-34)

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder, liebe Konfirmanden!

Mal was ganz anderes vorneweg: Wer lässt sich nicht gerne ablenken?

Also gerade dann ablenken, wenn etwas zu erledigen ist, was vielleicht nicht nur Spaß macht, sondern auch anstrengend sein könnte. Holt ihr euch vorher auch noch gerne was zu trinken, schaut aus dem Fenster, macht die Lieblingsmusik an, sendet noch schnell einen Text oder schaut euch ein Bild an, wenn es eigentlich mit der Arbeit losgehen sollte? Die vorläufig gute Nachricht für uns Abgelenkte ist, dass es seit längerem einen schicken Begriff für solche Ablenkungen gibt: Multitasking. Multitasking ist – und jetzt übertreibe ich nur ein ganz klein wenig – die vornehme Version der Ablenkung.

Multitasking ist unter anderem die Vorstellung, mehrere Sachen gleichzeitig erledigen zu können; als ob ich also neben dem Aufschreiben meiner Predigt auch noch Emails erledigen und den einen oder anderen Anruf entgegennehmen könnte; oder für Schüler vielleicht etwas lebensnäher, als ob ich gleichzeitig meine Hausaufgaben erledigen (dumme Sache!), Musik hören, meine Accounts pflegen und den einen oder anderen Anruf entgegennehmen könnte. Wäre ja praktisch und zeitsparend – – – klappt aber nicht! Das war schon die schlechte Nachricht.

Denn Multitasking ist ein Gerücht: Je mehr andere Sachen nebenherlaufen, desto schlechter wird das Ergebnis der Hauptsache, die ich eigentlich machen will und soll. Klar, irgendetwas wird schon irgendwie dabei herauskommen, die Seiten werden möglicherweise gefüllt, aber vielleicht doch nicht so, wie es eigentlich möglich wäre. Je mehr Sachen laufen, desto mehr verteilt sich die Energie, desto weniger habe ich für das eine wichtige, auf das es doch eigentlich ankommt. Nicht selten habe ich, wenn ich zu viel gleichzeitig will, gar nichts in den Händen. Und es geht mir womöglich so wie den Leuten in dem alten Witz aus der alten DDR: Keine Wurst gibst gegenüber, hier gibt’s keinen Käse.

Umgekehrt: je weniger nebenherläuft, desto besser wird mein Ergebnis; das ist so sicher wie das Amen in der Kirche, was übrigens auch die Experten, die nichts mit Kirche am Hut haben, bestätigen. Die empfehlen uns bei Aufgaben und Erledigungen aller Art, uns auf eins und nur eins zu konzentrieren – one at a time. Sie empfehlen uns, unsere Energie zu fokussieren und das ganze andere Zeugs mal beiseite zu lassen.

Und genau das – diese Konzentration, diesen Fokus – empfiehlt uns heute auch der Religionsexperte, also eigentlich empfehlen es die drei Experten in Sachen Religion, die in unserem Text zu Wort kommen und glasklar übereinstimmen: Mose, der Gesetzeslehrer der Juden, dann ein weiterer jüdischer Schriftgelehrter und Jesus, ebenfalls jüdischer Schriftgelehrter, aber noch viel mehr. Jesus will ja das Beste seiner jüdischen Religion – und das ist fast alles! – für uns Nichtjuden erreichbar und hörbar machen, so dass wir daran glauben und unser Leben daran ausrichten können. Er lässt uns heute das eine Wort konzentrierten, kondensierten, fokussierten, verdichteten Glaubens hören, das uns mit unseren ganzen religiösen Aufmerksamkeitsproblemen hilft:

»Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft« Und: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«

Jeder fromme Jude spricht dieses Wort, den ersten Teil davon, jeden Tag. Es ist das berühmte „Schma Jisrael“, mit dem sich jeder Jude – und wenn es nach Jesus geht – eben auch jeder Christ auf den einen und einzigen Gott konzentriert und – zumindest für die Zeit des Gebets das andere Zeugs mal sein lässt. Kein Multitasking, sondern Monotasking, wie es im Lehrbuch steht. Keine Ablenkung, sondern vollen Fokus auf den einen und einzigen Gott.

Das ist – wenig überraschend und keineswegs zufällig – das Programm für den Konfirmandenkurs, der nun so richtig beginnen soll: Lasst uns gemeinsam auf Gottes Wort hören! Lasst uns gemeinsam hören und miteinander besprechen, was Gott uns zu sagen hat! Lasst uns diskutieren und herausfinden, was es für uns heißen kann, Gott zu lieben und unseren Nächsten, also unseren Mitmenschen wie uns selbst. Und lasst uns dabei mit den Experten unserer Religion – natürlich auch mit eurem Gemeindepädagogen und mit eurem Pfarrer – aber zuerst und vor allem mit Mose und Jesus und den Aposteln ins Gespräch kommen, was es mit Gottesliebe und Nächstenliebe auf sich hat.

Jetzt könnten Schlaumeier – die sich nicht so leicht ablenken lassen! – fragen: Gottesliebe und Nächstenliebe? Das sind doch schon zwei Sachen statt einer und einzigen, zu denen wir aufgefordert werde, streng genommen müsste hier doch schon ein schwerer Fall von Multitasking vorliegen. Und angeblich geht doch nur eins; entweder ich entscheide mich für die Religion, also Gott zu lieben – oder für die Menschen. Anders verfehle ich beide, oder nicht?

Tatsächlich gibt es Menschen, und durchaus welche, die sich den Anstrich von Experten geben, die genau das seit jeher behaupten.

Die z.B. sagen, dass es nicht so sehr auf den Glauben ankäme, viel wichtiger sei es doch, ein guter Mensch zu sein. Und andere umgekehrt, die sagen, dass wenn ich Gott liebe und er mich, ich mir doch eigentlich alles erlauben kann – und sei es noch die größte Schweinerei. „Gottes Freund und aller Welt Feind“, war der Wahlspruch des bösen und gefürchteten Piraten Klaus Störtebecker in der Ostsee – da waren jetzt gerade manche von uns. Und manchmal wird sogar behauptet, dass das eine das andere beschädigt oder regelrecht unmöglich macht: Wer Gott liebt, kann das Leben nicht lieben. Ist das so?

Darüber wollen und werden wir ins Gespräch kommen in der nächsten Zeit. Und wir werden gemeinsam und jeder für sich prüfen, was für uns dran ist mit der Religion, welche Antworten auf unsere Fragen die Bibel bereithält. Eine ziemlich geniale Antwort, gerade auch auf unsere Frage ist Jesus Christus, womit jetzt nicht der alte Witz aus der Schule gemeint ist, dass die Antwort „Jesus“ im Reli-Unterricht eigentlich immer stimmt (Für die, die den Witz nicht kennen oder nochmal hören wollen: Einer der Schüler, nennen wir ihn Fritzchen, ist abgelenkt und starrt aus dem Fenster, soll vorkommen. So spannend ist das jetzt gerade alles nicht. Ein Eichhörnchen hüpft vorbei. Die menschenfreundliche Lehrerin fragt: Fritzchen, was ist das? Worauf es dieser mit der Goldstandard-Antwort versucht: Jesus?)

In Jesus Christus begegnen wir Gott und den Menschen zugleich, womit sich die Frage nach verbotenem Multitasking erstmal erledigt hätte: Gottesliebe und Nächstenliebe fallen nicht auseinander, sondern ineinander. Wer seinen Mitmenschen liebt, begegnet Gott. Komplizierter wird es nicht, aber auch nicht einfacher mit dem Glauben.

Die Prognose besteht, dass wir uns auch in der kommenden Zeit des Unterrichts ablenken lassen. Ablenkungen, Abschweifungen, Störungen allerart sind zu erwarten. Aber am Ende werden wir uns von Gott rufen lassen und unter sein Wort versammeln: Gott ist die Liebe. Und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott in ihm. Amen.

Konfirmation 2025 (1. Juni 2025 – mit Foto)

Was bleibt eigentlich jetzt noch zu sagen? Nachdem sicherlich nicht alles, aber doch so vieles gesagt wurde im vergangenen Jahr eurer Konfirmandenzeit. Bei unseren Treffen am Donnerstag, in den Gottesdiensten am Sonntag, auf den Freizeiten im Westerwald und in Waldkappel am Fuße des Hohen Meißners, ganz schön weit von hier – dort hinten im hessischen Teil Sibiriens, wo einem im Winter die Zehen abfrieren und die Sonne nicht aufgeht – ok, das war jetzt übertrieben, aber nur ein bisschen.

Es gibt Kollegen von mir, die die Versäumnisse des Konfirmandenjahres durch eine möglichst umfassende und ausführliche Konfirmationspredigt auszugleichen versuchen; auch unter dem Gesichtspunkt, dass realistischerweise Gott der Herr mir Euch heute ein – hoffentlich vorläufig! – letztes Mal in die Hand gegeben hat. Eine verständliche, aber doch wenig aussichtsreiche Taktik, der ich heute mal nicht folge.

Denn dass bei den vielen Worten, die wir bei all solchen genannten Gelegenheiten während des Konfirmandenjahres machen, notwendigerweise viel mehr ungesagt bleibt als gesagt wird, das hätte ich euch gerne vermittelt. Gott der Schöpfer ist unausschöpflich, Gott läuft über vor Leben und Liebe, läuft über vor Gerechtigkeit und Wahrheit. Herr, deine Güte reicht, soweit der Himmel ist, und deine Wahrheit, soweit die Wolken gehen.

Alle unsere Worte, selbst wenn sie einigermaßen zutreffen, können doch nie Gott selbst fassen. Aber indem unsere Worte Teil eines großen Gesprächs werden, Teil der langen Geschichte Gottes mit den Menschen werden, kommt ihnen Bedeutung und Sinn und im besten Fall Wahrheit zu. Auf andere Weise als im Gespräch mit anderen, lässt sich von Gott nichts erfahren. Und selbst wenn wir dann Teile davon aufschreiben, wie das die Menschen von alters her getan haben, wie in den Geschichten der Bibel, bleiben das Szenen und Kapitel eines langen Stroms der Erzählungen; bleiben das Teile und einzelne Gesprächsgänge des einen großen Gesprächs Gottes mit den Menschen mit Gott.

Da also alle Gottesdinge zutiefst menschlich sind, bedarf es dafür menschlicher Intelligenz; nicht ganz dieselbe, die uns bei einer Physikaufgabe hilft oder bei einer Übersetzung; aber eigentlich schon dieselbe, insofern sie eben menschlich und nicht künstlich ist; und unsere menschliche Urteilsfähigkeit stärkt. Wenn euch in religiösen Themen nicht mehr jeder jeden Quatsch erzählen kann, wäre das ein gewünschter Effekt unseres Unterrichts. Selbst denken, macht klug, auch in der Religion.

Ich persönlich finde daher die Produkte Künstlicher Intelligenz oft nicht besonders intelligent, sondern gelegentlich sogar ziemlich doof: Wissen Sie Herr Pfarrer, dass, was Sie da vorhin gesagt haben, ist ganz anders als das, was mir ChatGPT sagt – Das will ich doch hoffen!

– auch wenn die, die sich die Computerprogramme dafür ausgedacht haben, natürlich um Längen intelligenter sind als ich – allerdings auch als ihre Anwender. Aber deren Produkte spiegeln sehr deutlich wider, dass hier nicht nur Wissen, sondern auch Irrtümer gesammelt, regelrecht aufgetürmt, dann kombiniert und so präsentiert werden, dass es dem Nutzer gefallen könnte: „Halluzinieren“ und „Schleimen“ heißt das wohl im KI-Jargon; und jeder kennt beides aus der Schule.

Natürlich ist es einfacher, das haben wir alle gelernt, die Lösungen vom Nachbarn abzugucken oder sich im Extremfall einen Aufsatz schreiben zu lassen. Aber es ist offensichtlich Quatsch, das dann für meine eigenen Gedanken zu halten; obwohl ich mich auf Gedeih und Verderb für den von mir vorgelegten Quatsch verantwortlich mache. Selbst denken, macht klug, auch in der Religion.

Ein solcher Satz widerspricht witzigerweise einem verbreiteten Vorurteil über die Religion, dass sie nämlich im Nachbeten autoritärer Floskeln bestünde. Aber das ja nun gerade dann nicht, wenn doch Religion die Teilnahme an einem Gespräch ist. Und je interessanter – also interessierter, kritischer, auch selbstkritischer – die Gesprächspartner, desto interessanter das Gespräch. In manchen glücklichen Momenten haben wir das gemeinsam erlebt im vergangenen Jahr.

Es gibt wenige interessantere Gesprächspartner als die Autoren und die Figuren der Bibel; und das gerade nicht, weil die Bibel in einem nicht zu hinterfragenden Sinn wahr und deshalb fraglos zu glauben wäre. Wie gesagt, wir wollen die Bibel nicht für einen autoritären Klotz halten, den jemand aus dem Himmel wirft und damit unseren Kopf verletzt. Sondern die Bibel ist deshalb so interessant, weil sie das menschliche Gespräch Gottes mit den Menschen mit Gott notiert, und zwar über Jahrhunderte; weil es sich deshalb lohnt, in ein Gespräch mit ihnen zu treten; weil es erfüllt und regelrecht glücklich machen kann, sich von ihnen etwas sagen zu lassen. Und sei es nur ein Schnipsel aus der Bibel, wie euer Konfirmationsspruch. Manchmal steckt da so viel drin, dass es für ein ganzes Leben reicht und interessant bleibt – manchmal sogar darüber hinaus.

So ähnlich hat offensichtlich einer vor etlichen hundert Jahren gedacht, der im heutigen Frankfurt-Heddernheim, dem römischen Nida, dem „deutschen Pompeji“ zu Grabe getragen wurde. Um seinen Hals hat ein Silberamulett die Jahrhunderte überdauert, und darin eine hauchdünne, brüchige Folie mit dem ältesten Zeugnis christlichen Glaubens nördlich der Alpen. Was sich wie eine Sensation anhört, war auch eine, auch wenn vielleicht nicht genau die, zu der sie die Lokalpresse gemacht hat, dass nämlich der erste und älteste Christ nördlich der Alpen ein Frankfurter gewesen sei, frei nach dem lokalstolzen Motto des großen Friedrich Stolze: Eins geht mir net in de Kopp enei, wie kann e Mensch net von Frankfurt sei.

Also: Ob dieser Mensch im Grab aus Frankfurt war, ob das Amulett aus Frankfurt stammt, ob der Verstorbene den Text kannte oder sogar selbst lesen oder vielleicht sogar selbst schreiben konnte, kann kein Mensch wissen, aber dass dieser Text, den er bei seiner Auffindung um den Hals trug, der älteste christliche Text nördlich der Alpen und deshalb eine Sensation ist, ist nicht zu bestreiten.

Und da ich jetzt gerade keine weiteren Sensationen im Ärmel habe, und also nicht so genau weiß, was ich hier und heute noch sinnvoll sagen könnte, lese ich euch einfach einen Text aus der Bibel vor, den Predigttext für den heutigen Sonntag, das Gebet eines Apostelschülers, die Fürbitten an seine Gemeinde, meine Fürbitten für euch heute:

Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater,
15von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf Erden seinen Namen hat,
16dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen,
17dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne. Und ihr seid in der Liebe eingewurzelt und gegründet,
18damit ihr mit allen Heiligen begreifen könnt, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist,
19auch die Liebe Christi erkennen könnt, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet, bis ihr die ganze Fülle Gottes erlangt habt.
20Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, 21dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus durch alle Geschlechter von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. (Epheser 3,14-21)

Himmelfahrt 2025

Und Salomo trat vor den Altar des Herrn angesichts der ganzen Gemeinde Israel und breitete seine Hände aus gen Himmel und sprach: Herr, Gott Israels, es ist kein Gott weder droben im Himmel noch unten auf Erden dir gleich, der du hältst den Bund und die Barmherzigkeit deinen Knechten, die vor dir wandeln von ganzem Herzen; der du gehalten hast deinem Knecht, meinem Vater David, was du ihm zugesagt hast. Mit deinem Mund hast du es geredet, und mit deiner Hand hast du es erfüllt, wie es offenbar ist an diesem Tage. Nun, Gott Israels, lass dein Wort wahr werden, das du deinem Knecht, meinem Vater David, zugesagt hast.

Denn sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe? Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, Herr, mein Gott, auf dass du hörst das Flehen und Gebet deines Knechts heute vor dir: (1. Könige 8, 22-24.26-28)

Joachim Neander, dessen Name ungleich glanzloser im deutschen Original als in seiner griechischen Aufwertung klingt, Joachim Neander, liebe Schwestern und Brüder, der Dichter eines unserer populärsten Kirchenlieder, „Lobe den Herren“, hat mit Freude das Lob Gottes in die Natur unter freien Himmel getragen, so wie wir ja auch und nicht nur heute. Joachim Neander hat das „Christenergötzung im Grünen“ genannt, darin wollen wir ihm folgen.

Sein Lieblingsort im Freien war nicht der Kurpark zu Wiesbaden, sondern das liebliche Tal der Düssel, das in felsig-waldiger Gegend zum Rhein führt, nach Düsseldorf nämlich, nur dass es schon seit langem seinen, des singenden Pfarrers Namen trägt, eben das „Neandertal“.

Und so heißt übrigens der Urmensch, dessen Skelett dort ausgegraben wurde, Neandertaler; er verdankt also seinen Namen zumindest indirekt, was nicht alle wissen, dem evangelischen Dichterpfarrer Joachim Neander.

Neandertaler haben in den 40000 Jahren ihres Ausgestorbenseins eher an Popularität gewonnen. Was für uns früher die Familie Feuerstein war, sind heute für unsere Kinder die Croods, Urmenschen mit fliehender Stirn, grober Natur und schlichter Gesinnung.

„Verlasse nie die Höhle!
Hab niemals keine Angst!
Alles Neue ist schlecht!“

Dieses Lebensmotto aus dem sehr unterhaltsamen Animationsfilm The Croods über eine Familie von Höhlenmenschen aus dem Jahr 2013 (also der Film nicht die Familie!), diese Lebensregel von Höhlenmenschen klingt gelegentlich auch in uns und unter uns noch nach, so wie ja auch einige Gene der Neandertaler noch in uns wirken, die wir uns für Homo sapiens halten.

Und wenn man im Landesmuseum Darmstadt vor einer Rekonstruktion des Neandertalers steht, blickt man in den Spiegel seiner selbst – Siehe da, ein Mensch! Nicht gerade hübsch, aber halt ganz so wie wir auch.

„Verlasse nie die Höhle!
Hab niemals keine Angst!
Alles Neue ist schlecht!“

Mit diesen Regeln versucht der Familienvorstand im Film seine freiheitsliebende Tochter in der Höhle zu halten. Diese Tochter Eep scheint wie so manche Pubertierende ein wenig aus der Art geschlagen und würde viel lieber unter freiem Himmel, hinaus in die Welt, hinaus in das Leben ihrer Jugend genießen, die Gefahren der Freiheit erfahren – und bestehen, was sie mit ihrer Familie in zahlreichen haarsträubenden Abenteuern in einer sich drastisch verändernden Welt dann tatsächlich auch tut.

Von den Steinzeitmenschen lernen, heißt überleben lernen; aber eben nicht, indem wir ihnen folgen, sondern indem wir unsere eigenen, neuen Wege finden.

Denn aus den einstürzenden Altbauten unserer Gewissheiten heraus, aus dem Dunkel ins Licht, aus dem Gestern ins Morgen, aus der Höhle hinaus unter den freien Himmel – auf diesen Weg ruft uns Gott, ganz besonders an einem solchen Tag wie Himmelfahrt, wenn das reichlich unwahrscheinliche aber umso spektakulärere Wunder der Himmelfahrt seines Sohnes uns aus den Höhlen lockt („Was ist denn da wieder los?!“), unseren Blick in den Himmel lenkt, und die himmlische Freiheit der Kinder Gottes ahnen lässt. Wenn uns also zugerufen wird:

Verlasst eure Höhlen!
Fürchtet euch nicht!
Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!
Oh what a wonderful world this could be.

Diesen Weg aus der Höhle heraus unter den freien Himmel beschreibt seit sehr, sehr langer Zeit ein Gleichnis, das Höhlengleichnis des ollen Griechen Platon: Es beschreibt unsere menschliche Existenz als Gefangenschaft in einer Höhle, die wir Menschen aber für das einzige, eigentliche und wahre Leben halten. Dabei ist alles, was wir sehen und erleben nur der Schatten der Dinge, die von einem Licht außerhalb der Höhle angestrahlt werden. Wenn nun einer kommt, der uns Menschen von einem Leben draußen in Freiheit unter freiem Himmel erzählt und uns herausführen will aus unserer Höhle, wenden wir uns misstrauisch, aggressiv dagegen und beharren dummdreist auf unsere selbstverschuldete Unmündigkeit.

Denn selbstverschuldet ist sie ja, sobald wir von anderen Möglichkeiten wissen, sobald wir vom Himmel außerhalb der Höhle hören. Und so übertönen wir alsbald den Ruf der Freiheit abermals mit dem Geschrei der Unmündigkeit.

„Verlasse nie die Höhle!
Hab niemals keine Angst!
Alles Neue ist schlecht!“

Aber wer könnte dem gegenüber – dem entgegengesetzt – garantieren, dass der Rufer einer neuen Freiheit recht hat? Dieser Rufer könnte sich doch irren; er könnte sogar Böses im Schilde führen – und nicht selten führt doch gerade der angestrebte Weg in die Freiheit geradewegs ins Verderben, in noch tiefere, dunklere Höhlen zurück, gar in die Hölle hinab. Aus solchen Sorgen gespeist funktionierte die Lebensregel der Höhlenmenschen erstaunlich lange.

Neandertaler haben sich ziemlich lange gehalten – bis ihnen dann doch eine fatale Verbindung aus Klimawandel, Konkurrenz und Mitgliederschwund den Garaus gemacht hat. Man schreibt ihnen, wie immer man das belegen wollte, zu, „Fortpflanzungsmuffel“ gewesen zu sein, was aber schonmal für das unternehmungslustige Höhlenmädchen in unserem Film nicht zutrifft. Auch das kein Zufall, denn sie führt ihre Familie und uns mit ihr aus der Höhle heraus – heraus unter den freien Himmel.

Dieser Himmel, auf den wir heute aufmerksam gemacht werden, steht für Gottes ungeahnte Möglichkeiten: Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen, ruft der weise Salomo in denselben. Da ist so viel mehr zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit zu wissen glaubt. Gott und seine Möglichkeiten sind – wenn wir es denn glauben wollen – größer und weiter als unsere Ängste und Sorgen; so wie seine Liebe größer ist als unser Hass; so wie seine Gnade größer ist als unsere Schuld; seine Hoffnung so viel größer als unser Kleinmut. Davon sollen wir heute an Himmelfahrt eine Ahnung bekommen.

Höhle zu Himmel verhalten sich wie Himmel und aller Himmel Himmel – da ist immer mehr und Größeres bei Gott, auf den wir auf unserem Weg nach draußen vertrauen können. Eine Garantie, dass unsere Unternehmungen gelingen, ist das nicht, aber Grund zur Zuversicht jedenfalls.

Also, Brüder und Schwestern: Zur Sonne, zur Freiheit, zum Himmel, zum Licht, Fürchtet euch nicht!