Predigttext für den 19. Sonntag nach Trinitatis, 18. Oktober 2020

Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.

Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen und gebt nicht Raum dem Teufel. Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann. Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören. Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung. Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit. Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus. (Brief an die Epheser 4,22-32)

Gibt es ein Menschenrecht auf Party? Eher nicht – andererseits steht in einem der wichtigsten Texte zum Thema in christlich-aufklärerischem Geist das „Streben nach Glück“ ausdrücklich neben und nach „Leben“ und „Freiheit“ als den unveräußerlichen Rechten eines jeden Menschen (“We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.” Amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776).

Man konnte beinahe – liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde – beinahe den Eindruck bekommen, als sei das wichtigste Thema in dieser Zeit und das höchste Recht des Menschen, insbesondere des jungen Menschen – aber fühlen wir uns nicht alle jung, zumindest jünger als wir sind – als sei es das wichtigste Thema und Menschenrecht, dass der Mensch Spaß habe und feiere. Selbst gemeinhin seriöse Zeitschriften ließen ihre Edelfedern spitzen, um das Recht auf Party der feiernden Jugend gegen das Recht auf Leben von 90jährigen abzuwägen; ja es wurde vor einem neuen Biedermeier gewarnt, wenn nun womöglich für ein paar Wochen das lustige Treiben in Parks und Clubs der Hauptstadt und anderswo coronahalber einzuschränken wäre. Geht’s noch? Selbst dem Feierwütigsten müsste doch bei vorübergehender Nüchternheit einleuchten, dass Lebensrecht vor Feierrecht geht und Lebensschutz vor Partyschutz – sagt einer, der selbst der 90 deutlich näher als der zwanzig ist, also doppelt: aus Befangenheit und aus Betroffenheit. Zudem geht es ja nicht um das Ende der Party sondern nur um ihre Unterbrechung bis zum Ende der Seuche.

Allerdings könnte man doch auch schon fragen, was das eigentlich soll, was für eine Idee des Feierns (und also des Glücks, bzw. des Strebens nach Glück) diese Partykultur steuert, die sich nicht unterbrechen lassen will und nicht unterbrechen lassen kann. Aber vielleicht ist da gar keine Idee sondern bloß Lustprinzip und Spaßbefehl, reiner triebgesteuerter Hedonismus, den auch der Autor unseres Briefes meint und vor dem er warnt, wenn er von zugrunde richtenden, trügerischen Begierden spricht, oder in den Zeilen davor mahnt, nicht wie die Heiden zu leben „in der Nichtigkeit ihres Sinnes. Ihr Verstand ist verfinstert, und sie sind entfremdet dem Leben, das aus Gott ist, durch die Unwissenheit, die in ihnen ist, und durch die Verstockung ihres Herzens. Sie sind abgestumpft und haben sich der Ausschweifung ergeben, um allerlei unreine Dinge zu treiben.“ (Epheser 4,17-19) Verfinstert, entfremdet, verstockt, abgestumpft – zugedröhnt, würde man heute sagen – , der Ausschweifung ergeben – hier drückt jemand ordentlich auf die Spaßbremse.

Man nimmt an, dass Paulus und seine Schüler hier nicht nur einem spießig biedermeierlichen Ressentiment folgen, sondern auch auf Verdächtigungen der heidnischen Umwelt gegen die christliche Gemeinde reagieren, galt doch der Kultstifter Jesus als „Fresser und Weinsäufer“ (Matthäus 11,19) und der Geburtstag der Kirche konnte von Außenstehenden als Trinkgelage missverstanden werden („Sie sind voll des süßen Weins“ Apostelgeschichte 2,13).

Der in der Antike berühmt berüchtigte Bacchanalienskandal lag zwar einige Generationen zurück aber lastete dennoch auf dem kollektiven Gedächtnis. Damals (also 186 vor Christus) wurden die Bacchanalien, Feste zu Ehren des Gottes Bacchus, verboten und unterdrückt, wilde nächtliche drogengeschwängerte und alkoholgetränkte, auch sexuelle Ausschweifungen von Frauen und Männern in Parks und Gärten, die nach Meinung der Obrigkeit Sicherheit und Ordnung gefährdeten. Auch nach dem Verbot hat es sie weiterhin – aber möglichst reglementiert – gegeben (und sie leben bis heute als uralte heidnische Wurzeln in unseren Karnevalsfeiern fort). Sicherlich hat es sie auch in der Nachbarschaft der Christen gegeben – aber damit wollte Paulus nichts zu tun haben. Er grenzt sich und die Seinen mit geradezu protestantischer Schärfe und Klarheit davon ab.

Er grenzt sich ab, und zwar weder aus Ressentiment noch zuerst aus Furcht vor einer Kultverwechslung, sondern aus Gründen des Glaubens: Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.

Die Gegenüberstellung von altem und neuem Menschen ist eine berühmte Denkfigur des Apostel Paulus, die – wie die ähnliche Redeweise von äußerem und inneren Menschen – die zunächst nicht sichtbare aber alles verändernde neue Wirklichkeit der Auferstehung im alten Leben bezeichnet: Alles ist anders – auch wenn alles so aussieht wie vorher; alles ist neu – auch wenn oberflächlich alles beim Alten bleibt: äußerlich Sünder – in Wahrheit gerecht, gerecht gesprochen durch Gott: „simul justus et peccator“ in der berühmten Wendung Luthers (Luther, Vorlesung über den Römerbrief 1515/16).

Dieser Rechtfertigung aus Glauben als innerem Geschehen entsprechen die menschlichen Versuche der Heiligung des Lebens nach außen, die hier der Apostelschüler in Anlehnung an 10 Gebote und Bergpredigt mit Beispielen beschreibt: Nicht Lügen, keine – auch keine verbale Gewalt (Die Anregung, lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen, hat schon manche Ehe gerettet.), nicht Stehlen! Besonders zeitgemäß klingt die Warnung vor faulem Geschwätz, vor Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung und aller Bosheit. (Hier kann jeder mit seinen Gedanken eintragen, was ihm an Beschimpfungen durch andere Verkehrsteilnehmer, an Pöbeleien wenig liebenswerter Zeitgenossen, an Gelegenheiten, wenn man mal wieder für dumm verkauft werden sollte, so einfällt – vorausgesetzt man gedenkt der eigenen Liebenswürdigkeiten, mit denen man andere bedacht hat, gleich mit.) Weg mit dem faulen Geschwätz!

Es kann ja eigentlich gar nicht anders sein, als dass das neue Wesen des Menschen von innen nach außen drängt; andererseits bleibt es draußen bis auf einige wenige Zeichen und Wunder als Vorzeichen der endgültigen Gottesherrschaft vorerst beim Alten; das heißt, die menschlichen Bemühungen um ein besseres, heiliges Leben sind insgesamt zum Scheitern verurteilt und auf Vergebung angewiesen: vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus. Das wäre nur dann ein überflüssiger Rat, wenn unsere Bemühungen der Heiligung nachhaltig wären, sind sie aber nicht! Und deshalb ist der Rat zu Vergebung hier wie so oft Fluchtpunkt und Pointe des heiliggemäßen Lebens: vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.

Was bleibt aber von den unveräußerlichen Rechten auf „Leben, Freiheit und Streben nach Glück“, zu dem selbstverständlich auch Fest, Feier und Party gehören – zu ihrer Zeit, die eben jetzt nicht in Zeiten der Seuche ist. Wir würden ja als Einzelne genauso wenig fiebrig und krank feiern gehen – also auch nicht, wenn die Gesellschaft insgesamt fiebert und krankt. Es werden auch wieder andere Zeiten kommen.

Von einem Zeitfaktor spricht auch unser Bibeltext: betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung. Als Tag der Erlösung wird uns das Ende der Seuche sicherlich vorkommen; auch wenn hier im Bibeltext Erlösung natürlich in einem viel umfassenderen Sinn gemeint ist. Keine Feier kann uns von den Leiden des Lebens erlösen – und wahrscheinlich ist genau das das Problem mit uns und unseren Partys: dass wir sie missverstehen, dass wir sie nicht zur Feier unseres Lebens sondern als Flucht aus dem Leben missbrauchen, dass sie uns darin trügerische Begierden werden und zugrunde richten.

Deswegen und dagegen ruft uns der Apostelschüler zur Ordnung: Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. Amen.

Predigttext für den 17. Sonntag nach Trinitatis, 4. Oktober 2020

Und Jesus ging weg von dort und entwich in die Gegend von Tyrus und Sidon. Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach, Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. Er aber antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach. Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. Sie sprach: Ja, Herr; aber doch essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde. (Matthäusevangelium 15,21-28)

Manchmal kann ich Jesus nicht so gut verstehen – und seine Biografen, die Evangelisten, die ihn doch in gutem Licht zeichnen sollten, auch nicht. Schroff, geradezu ruppig kann Jesus in manchen Situationen reagieren wie hier, wenn er die verzweifelte Mutter eines kranken Töchterchens abweist und sie mit einem Hund zu vergleichen scheint. Oder wenn er bei anderer Gelegenheit sogar seine eigene Mutter barsch zurückweist, er kenne sie nicht.

D.h. verstehen kann man diese Ruppigkeit eigentlich schon, weil man sie ja von sich selbst kennt, nur von Jesus hätte man es anders erwartet und anders gewünscht; ruhiger, geduldiger, souveräner, Guru-hafter; als einer, den nichts aus der Ruhe bringen kann. Aber nein, er scheint bisweilen regelrecht genervt zu sein, oder erschöpft, mit der Situation überfordert; vielleicht ausgebrannt, wenn er sich nach dramatischen Szenen – umstrittenen Heilungen, aufgeregten Streitgesprächen, religiösen Tumulten – wie übereinstimmend berichtet wird, immer mal zurückzieht, um alleine zu sein und sich selbst wiederzufinden. So ja auch hier, wenn er aus seiner gewohnten Umgebung Galiläa nach Norden, nach Nordwesten hin ausweicht, ziemlich weit; Tyrus und Sidon liegen schon im Libanon. Und sich einen Moment der Ruhe gönnt – den bekommt er nicht.

Wahrscheinlich verstehen wir Jesus nur, wenn wir uns seine Tätigkeit als Wanderprediger und Wunderheiler als anstrengend, als stressig, als Herausforderung vorstellen. Das war kein leichtes Leben: ohne feste Wohnung, ohne Einkommen, ohne Besitz, der einem Sicherheit geben könnte, und ohne die sichere Aussicht auf regelmäßige Mahlzeiten; angewiesen auf das Wohlwollen der Mitmenschen, die Bereitschaft seiner Unterstützer ihn zu versorgen, herausgefordert von vielen, die seinen Anspruch, Gottes Reich anzusagen und in Heilungen und anderen Wundern anzuzeigen, bestreiten; und dabei genau diesen Anspruch zu vertreten im Glauben, dass Gott ihm nahe ist – auch wenn die äußeren Umstände seines Lebens – und um wieviel mehr noch seines Sterbens! – ganz anderes nahelegten: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“; „gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“ und anscheinend, scheinbar selber eins, ein verlorenes Schaf, von Gott verlassen. So musste es doch für viele aussehen.

Andere – die selber Verlorenen – wird gerade das angezogen haben. Sie haben – ganz im Gegenteil – seine Menschenferne als Gottesnähe verstanden – und gerade deshalb seine Nähe gesucht; und meistens auch gefunden. Denn das entsprach ja seiner Sendung, wie er sie selbst verstand, die Verlorenen zu finden und sich von den Verlorenen finden zu lassen.

Aber halt nicht immer; nicht in der Auszeit, wenn man sich zurückgezogen hatte, weggegangen war, entwichen nach Norden, nach Nordwesten in die Gegend von Tyrus und Sidon, in den Libanon, um sich zu sammeln, zu erholen, zur Ruhe zu kommen, sich selbst wiederzufinden; wie Jesus das getan hatte.

Und wie das die meisten von uns und gerade Seelsorger und Ärzte immer noch brauchen und tun: sich zurückziehen, sich regenerieren, sich erholen – und dennoch regelmäßig, wie sie berichten, auch am Wochenende, auch in der Freizeit, sogar im Urlaub auf ihren Beruf angesprochen werden, und um Rat und Heilung gebeten werden. Das kann anstrengen und da kann man schon mal gereizt reagieren. Wer angestrengt wird, kann auch mal anstrengend werden.

Es muss ja nicht ganz so aussehen und ganz so enden, wie in der hinreißenden und schreiend komischen und sehr sehenswerten Filmkomödie „What about Bob? – Was ist mit Bob?“, in der Bill Murray (der uns schon so oft durch sein Spiel und seinen Humor geheilt hat!) als neurotischer Patient seinem Psychiater in dessen Ferienhaus im Urlaub auf die Pelle rückt und diesen in den Wahnsinn treibt, während er dabei selbst von seiner Zwangsstörung geheilt wird. Sie tauschen, was sie prägt: Krankheit und Gesundheit – vom einen zum anderen. Sie wechseln ihre Rollen.

Ein – wie gesagt – schreiend komischer Wechsel, der hier stattfindet, aber nicht ganz das, was Luther den „fröhlichen Wechsel“ genannt hat, oder vielleicht doch?

(“Hier hebt nun der fröhliche Wechsel und Austausch an: Da ja Christus Gott und Mensch ist, der niemals gesündigt hat und dessen Gerechtigkeit unüberwindlich, ewig und allmächtig ist, wenn der die Sünde der gläubigen Seele durch ihren Brautring, den Glauben, sich zu eigen macht und sich nicht anders verhält, als hätte er sie getan, dann müssen die Sünden in ihm verschlungen und ertränkt werden, denn seine unüberwindliche Gerechtigkeit ist allen Sünden zu stark. So wird die Seele von allen ihren Sünden allein durch ihre Mitgift, also um des Glaubens willen, los und frei und mit der ewigen Gerechtigkeit ihres Bräutigams Christus beschenkt. Ist das nun nicht eine fröhliche Hochzeit, wo der reiche, edle, gerechte Bräutigam Christus das arme, verachtete, unansehnliche Mädchen heiratet und sie von allem Übel befreit, mit allen Gütern ziert?“ Martin Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen 1520, Kap.12. Luther bezieht sich mit seiner Redefigur vom „fröhlichen Wechsel“ auf Paulus und eine lange mittelalterliche Tradition: „Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden.“ 2. Korinther 5,21; „Er, der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen.“ 2. Korinther 8,9)

Bob aus dem Film und die Kanaanäische Frau verbindet nicht nur ihre reichlich impertinente Art, den Ruhe und Erholung suchenden Heiler selbst am abgeschiedenen Ort mit ihrer Not zu belästigen, sondern auch und vielmehr der unerschütterliche Glauben, dass sie von diesem und nur von diesem Arzt geheilt werden können. (Die Analogie von Filmgeschichte und Jesusgeschichte lässt sich sogar noch weiter führen: Beider Heilung kostet die Heiler nicht weniger als ihr Leben in Wahnsinn und Kreuz – und nur die gattungsdifferente, also jeweils gattungsgerecht unterschiedliche Auferstehung – also das Wunder schlechthin – sorgt in der Komödie für ein happy end und bei Jesus für die Rückkehr zu Gott als Gottessohn.)

Wie in so vielen Wundergeschichten lenkt das sichtbare Wunder – also hier die Wunderheilung – vom eigentlichen Wunder und Grund der Heilung – also dem Glauben – eher ab: Frau, dein Glaube ist groß. Es ist dieser Glaube, der uns heilt, bzw. mittels dessen wir uns so an Christus und damit Gott binden, dass wir heil werden, „von allem Übel befreit“, wie Luther den Effekt des „fröhlichen Wechsels“ beschreibt (s.o): Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.

Wundergeschichten sind Glaubensgeschichten. Sie illustrieren das eigentlich rätselhafte und nicht aus sich selbst wahre Wort Jesu: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt“ (Markus 9,23) Stimmt das überhaupt? Noch werde ich allemal auch als Glaubender mir unweigerlich eine blutige Nase holen, wenn ich mit dem Kopf durch Wand will. Die Wirklichkeit ist stärker als unser Glaube – noch.

Aber: Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt, weil uns dieser Berge versetzende Glaube durch Jesus Christus so mit Gott verbindet, dass er uns heil und ganz macht. So zeigt es Jesus in seinen Wundermomenten, aber ja nur momenthaft, am Einzelfall, keineswegs generell und flächendeckend! Die meisten Kranken, denen Jesus begegnet sind krank geblieben (vgl. die besonders prekäre Situation am Teich von Bethesda mit seinen fünf Hallen voller Kranker, Blinder, Lahmer und Ausgezehrter, die im Moment des Wunders ins Wasser stürzen, aber nur der erste hat Chancen auf Heilung, und nur einer wird von Jesus geheilt, Johannes 5, 1-9).

Nur für einen Moment und um uns damit etwas zu zeigen, nimmt Jesus bei bestimmten Gelegenheiten die Zustände des Reiches Gottes vorweg, also wenn Gott alles in allem sein wird, und „die unmittelbare Gegenwart des ganzen ungeteilten Daseins“ aufscheint (so der Schleiermacherfreund Henrik Steffens, zitiert nach Eberhard Jüngel, Ganz werden S. IX): „Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt.“ (Matthäus 11,5) So ist es noch nicht – aber so wird es sein.

Als Heilung und Heil Suchende können wir auch den ruhebedürftigen und ruhesuchenden Heiler mit unserer Not belästigen; müssen zwar durchaus mit einer übelgelaunten Abfuhr rechnen, für die wir angesichts seiner Lebenssituation Verständnis haben sollten; dürfen aber darauf hoffen, nach allerlei Quengelei gehört und geheilt zu werden. Um dann schließlich einzusehen, dass Heilung hier als Glaubenssache gemeint ist, als Hinweis auf den am Ende alles gut machenden Gott („andrá tutto bene!“), als Angeld auf Gottes Reich, als Antizipation der „unmittelbaren Gegenwart des ganzen ungeteilten Daseins“ (s.o.), als Vorschein des alles erleuchtenden göttlichen Lichtes; wenn Gott alles in allem ist und auch uns in sein Erbarmen und in seine Gnade umschließt. Von dieser Hoffnung lebt die Bitte: Herr, erbarme dich meiner! Amen.

Klaus Neumann, Pfarrer

Predigttext für den 16. Sonntag n. Trinitatis, 27. September 2020, Konfirmation

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Schwestern und Brüder, liebe Konfirmationsgemeinde,

es wird euch freuen zu hören, dass es nicht nur einen Predigttext für den heutigen 16. Sonntag nach Trinitatis, sondern dass es auch ein Gedicht für den heutigen Tag im Jahr gibt, den 27. September. Das will ich Euch natürlich nicht vorenthalten:

Der schöne 27. September, von Thomas Brasch

Ich habe keine Zeitung gelesen. … (Gedicht wird vorgetragen)


Der Dichter Thomas Brasch singt das stille Lied vom Nicht-tun, das einen eigenen Wert neben und manchmal vor dem Tun hat; Glücklich die Menschen, die ein eigenes Wort dafür haben, das süße Nichtstun, das dolce far niente: süß ist´s, nichts zu tun; als Pause, als Stille, als Enthaltsamkeit und als Verzicht, auch bekannt als Abhängen, Relaxen, Chillen.

Das Nicht-tun kann einen Vorrang vor dem Tun haben – manchmal sind im Fußball die Tore, die spektakulär nicht geschossen werden, bleibender in der Erinnerung als die, die im Netz landen. In der Ruhe liegt die Kraft – man sollte sich halt im Strafraum nicht unbedingt wundliegen.

Nicht-tun ist wie die Ruhe vor dem Sturm – oder die Ruhe der Welt nach ihrer Erschaffung durch Gott, die wir in der Feiertagsruhe nacherleben sollen, Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest. … Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage; wer tut das noch: „ruhen“ und die Ruhe heiligen – wenn er es nicht gerade muss und er in einem Lockdown eingeschlossen ist.

Vielleicht könnte das doch ein Sinn, etwas Bleibendes aus dieser merkwürdigen Zeit sein, die wir erlebt haben und noch erleben – dass wir zur Ruhe kommen; unfreiwillig, ja – aber nicht nur zu unserem Schaden. Wie es uns der große Philosoph und kleine Bär Winnie the Pooh vorlebt: Sometimes I sits and thinks; and sometimes I just sits; wobei man staunen kann, dass er die ohnehin nicht gerade schweißtreibende Aktivität des Sitzens und Denkens noch weiter auf das bloße Sitzen reduzieren kann.

Das kann helfen, wenn es uns Durststrecken in Schulstunden, in Gottesdiensten oder langweilige Sitzungen überstehen lässt: Sometimes I just sits. Ich mach das so – und einige von Euch auch, wie ich feststellen konnte. Das ist ok.

Für ein ganzes Leben reicht diese Strategie nicht, manchmal muss man seinen Hintern hochkriegen – auch in Zeiten wie diesen im Schatten der Seuche. Die schüchtert uns ein, lähmt uns bisweilen – durch die Angst, die wir spüren und durch manche Maßnahmen, die uns beschränken. Dann müssen wir uns gegenseitig aufmuntern: an die guten Zeiten erinnern, die wir erlebt haben – als Konfigruppe auf Konficamp im rauen Westerwald und auf Konfikurs im öden Berghessen und auch sonst – und von den noch besseren Zeiten träumen, die noch kommen: als Rot-, Blau- oder Oberkappe beim Achim, auf Gemeindefesten wie heute Nachmittag und was weiß ich wann. Ihr wisst, wo ihr uns findet.

Und da kommt unser Predigttext ins Spiel, der uns aufmuntern und ermutigen will und dessen punchline in der Coronazeit oft gesagt und bedacht wurde: Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.

Was, so was Tolles steht in der Bibel, da könnte man doch genauer nachlesen; im Zusammenhang heißt es dort: („Paulus“ schreibt an Timotheus)

Ich erinnere mich an den ungefärbten Glauben in dir, der zuvor schon gewohnt hat in deiner Großmutter Lois und in deiner Mutter Eunike; ich bin aber gewiss auch in dir. Aus diesem Grund erinnere ich dich daran, dass du erweckest die Gabe, die in dir ist durch die Auflegung meiner Hände. Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit für das Evangelium in der Kraft Gottes. Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt, jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium, für das ich eingesetzt bin als Prediger und Apostel und Lehrer.

Heiliger Ruf, Handauflegen, Geistesgabe – damit sind doch schon ziemlich genau die äußeren Merkmale der Konfirmation benannt. Der Ritus der Konfirmation ist eigentlich eine Berufung: eine Berufung zum Leben mit Christus.

Und mit Großmutter Lois und Mutter Eunike sind Personen genannt, die bis heute Religion weitergeben, tradieren; wenn die es nicht tun, bricht die Tradition ab, da hilft auch nicht der beste Reli- oder Konfiunterricht – also zumindest der beste, den wir Euch geben konnten. Mein verehrter Heidelberger Lehrer – Gott hab ihn selig! – hat uns bei kniffligen theologischen Fragen immer an unsere Großmutter verwiesen: Was würde die dazu sagen?

Aber vor allen Dingen informiert uns unser Text über Sinn und Bedeutung der Konfirmation; Bestätigung der Taufe und des Glaubens ist noch nicht alles; hier wird deutlich, dass es um Bestärkung und Festigung unseres – Eures – Selbst als Person geht; um eine Übung in Resilienz, wie wir heute sagen; um uns – um Euch – fit zu machen gegen die Unbilden des Lebens, die Macht und die Mächte des Todes.

Insofern ist Konfirmation auch ein Mittel gegen Corona – kein pharmazeutisches natürlich, auf das wir alle warten, das uns – nebenbei gesagt – auch nicht unsterblich machen wird; sondern Konfirmation ist ein geistliches Mittel gegen Corona, um uns mit einem festen und starken Geist zu segnen, der uns Mut macht, dieser und der garantiert folgenden Krise zu begegnen, damit sie keine Macht haben über uns, weil Christus Jesus dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.

Da ist einer, der für uns eintritt: der uns stärkt, wenn wir müde sind, und der uns beruhigt, wenn wir vor lauter Aufregung keinen Plan haben; und der uns auf seine – auf göttliche – Weise liebt, so wie wir sind:

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Amen.

Johannes Brahms’ “Schicksalslied” nach Friedrich Hölderlin

Das Jahr 2020 kennt neben Beethoven noch einen weiteren großen Jubilar. Vor 250 Jahren, am 20. März 1770, wurde Friedrich Hölderlin geboren, einer der größten deutschen Dichter – zu seiner Zeit nur von wenigen erkannt und erst im 20. Jahrhundert rezipiert, etwa von nicht weniger als 20 Komponisten. Von der strengen Mutter für das evangelische Pfarramt vorgesehen, konnte sich Hölderlin nie dazu durchringen. Die Poesie galt ihm alles. Als hochgebildeter, von der griechischen Antike faszinierter „Sprachkünstler” erneuerte er die traditionellen Gedichtformen und schuf in seinem Roman “Hyperion”, in seinen Hymnen, Oden und Elegien einen bis dahin ungekannten Ton von hohem Pathos und außergewöhnlicher Musikalität. Selbst wenn man seine Gedichte nicht kennt, hat man vielleicht schon von seiner bewegten Biografie, seiner tragischen Liebe zu Suzette, der Frau des Frankfurter Bankiers Gontard, oder vom Tübinger “Hölderlin-Turm” gehört, wo der an einer schweren Psychose erkrankte Dichter von 1806 bis zu seinem Tod 1843 bei einer Schreinerfamilie untergebracht war und von ihr gepflegt wurde. Einen guten Einstieg in Hölderlins Welt bietet z.B. das “Schicksalslied” für Chor und Orchester von Johannes Brahms. In seiner Schönheit und Dramatik erinnert das im Sommer 1868 begonnene Werk an Brahms’ Deutsches Requiem von 1867. Die emotionale Fallhöhe des Gedichts aus “Hyperion” setzt der Komponist in einen quasi lichtdurchfluteten, schwebenden ersten Teil und einen stürmischeren, düsteren zweiten Teil um. Beim dritten Teil, der Wiederholung des sanften Anfangs, war sich Brahms auch noch nach der Uraufführung 1871 unschlüssig. Er beließ es dabei. Das Gedicht endet in Verzweiflung – die Musik aber sollte, wie das Requiem, mit der Hoffnung ausklingen.

Anne Sophie Meine

Schicksalslied
aus Hölderlins Roman “Hyperion oder
der Eremit in Griechenland” (1797/99)

Ihr wandelt droben im Licht
Auf weichem Boden, selige Genien!
Glänzende Götterlüfte
Rühren euch leicht,
Wie die Finger der Künstlerin
Heilige Saiten.
Schicksallos, wie der schlafende
Säugling, atmen die Himmlischen;
Keusch bewahrt
In bescheidener Knospe,
Blühet ewig
Ihnen der Geist,
Und die seligen Augen
Blicken in stiller
Ewiger Klarheit.
Doch uns ist gegeben,
Auf keiner Stätte zu ruhn,
Es schwinden, es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stunde zur andern,
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen,
Jahr lang ins Ungewisse hinab.

Mehr zu Hölderlin unter www.hoelderlin2020.de: mit vielen interessanten Texten, (virtuellen) Ausstellungen, Gesprächen und Radio-Podcasts.
Lyrik-CD: Friedrich Hölderlin: Gedichte. Mit Mathias Wiemann. SWR2 Lesung
1947/1956, SWR edition 2013.
Musik-CD: J. Brahms: Werke für Chor und Orchester, u.a. Danish National Choir & SO, Gerd Albrecht, Chandos 2004.

Predigttext für den 15. Sonntag nach Trinitatis, 20. September 2020

Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. 5Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen. Denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; 6aber ein Strom stieg aus der Erde empor und tränkte das ganze Land. 7Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.8Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. 9Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. (…)

15Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte. 16Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, 17aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.18Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht. 19Und Gott der HERR machte aus Erde alle die Tiere auf dem Felde und alle die Vögel unter dem Himmel und brachte sie zu dem Menschen, dass er sähe, wie er sie nennte; denn wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so sollte es heißen. 20Und der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen; aber für den Menschen wurde keine Hilfe gefunden, die ihm entsprach.

21Da ließ Gott der HERR einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und er nahm eine seiner Rippen und schloss die Stelle mit Fleisch. 22Und Gott der HERR baute eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm. 23Da sprach der Mensch: Die ist nun Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist. 24Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden sein ein Fleisch.25 Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht. (1. Mose 2,4b-25)

Verbotene Früchte von verbotenen Bäumen sind die verlockendsten. Wer´s nicht glaubt, soll gelegentlich beim Gemeindegarten vorbeikommen, jetzt im goldenen Herbst, wenn die Quitten durch die Blätter leuchten und langsam in der Septembersonne reifen. Unwiderstehlich für nicht wenige, die sie dann abrupfen. Zur Rede gestellt, warum sie sie denn nicht fertig reifen lassen und nicht mal fragen, ob sie sich welche nehmen können – sie sind nämlich wie jedes Jahr schon den Nachbarn und Bekannten versprochen – stellen sie sich meistens frech und dumm: „Die paar Früchte“ – „Die gehören doch keinem“ – „Die fallen doch sonst runter und verfaulen“ – „Jetzt haben sie sich mal nicht so, ich dachte sie sind von der Kirche“ Jeder Spruch ein Juwel in der Tradition von Adam und Eva, die sich in Unverschämtheiten und Ausflüchten üben, aber die Verantwortung für ihr Tun verweigern.

Aber warum eigentlich solche Regeln schon im Paradies; da ist doch kein Mangel, der verwaltet werden müsste; keine Konkurrenz, der die Früchte schon versprochen wären. Warum werden schon im Paradies Grenzen gezogen durch Regeln. Wird hier nicht die urzuständliche herrliche Freiheit der Kinder Gottes sinnwidrig beschränkt und begrenzt. Besteht nicht der eigentliche und erste Sündenfall darin, die uranfängliche Autonomie des Menschen heteronom zu untergraben.

Die Autoren unserer Geschichte dachten: nein. Vielleicht weil sie eine Ahnung davon hatten und weitergeben wollten, dass alles Leben, auch alles menschliche Leben von Anfang an begrenzt ist: räumlich, durch einen Körper, der nicht gleichzeitig hier und dort sein kann – und zeitlich, durch meine Lebenszeit, gerahmt von Geburt und Tod; und durch natürliche Bedingungen begrenzt wie Klima und Geographie und Nahrungsangebot; wie auch durch Regeln und Gesetze begrenzt: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Apfel, Birne oder Quitte!

Menschliches Leben ist vielfältig begrenzt, bedingt und abhängig; zuletzt und von Anfang an abhängig von unserem Schöpfergott, dem wir das anerkennen wenn wir glauben – also in und hinter den Erscheinungen der Welt nach dem Sinn fragen. Glauben sei das „Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit“ hat der Theologe Schleiermacher gesagt und damit gemeint, dass wir im Glauben die Voraussetzungen unseres Lebens anerkennen, die wir uns selbst nicht schaffen können. Über diesen Glauben kommuniziert die Bibel – auch mit uns, wenn wir sie lesen.

Die Schöpfungserzählung der Bibel ist unausschöpflich. Darin entspricht sie ihrem Gegenstand, der Schöpfung, die ist auch unausschöpflich (ganz zu schweigen vom Schöpfer selbst, der ist noch viel unerschöpflicher – schlechthin unausschöpflich) – mehr und größer als Menschen denken und forschen können. Dennoch – oder gerade deswegen – ist die Schöpfung seit jeher Gegenstand unseres Forschens und Fragens. Jede Menscheitsgeneration stellt ihre Fragen nach der Natur der Dinge auf ihre Weise und erhält die ihrer Zeit gemäßen Antworten. Die werden sich – wie die Fragen, wie die Methoden der Forschung – ändern und damit widersprechen – wenn nicht, würden wir uns ja nicht entwickeln sondern in unserem Wissen stagnieren. Es wäre schon seltsam, wenn diese Schöpfungserzählung – es gibt ja noch eine weitere, wahrscheinlich jüngere, die noch einmal ganz andere Vorstellung unterbreitet – es wäre schon seltsam, wenn diese Schöpfungserzählung von vor zweieinhalbtausend Jahren unserem heutigen Naturwissenschaftsstand entspräche; dann wären die Alten unfassbar klug oder wir unfassbar zurückgeblieben oder beides zugleich. Die Widersprüche – auch die scheinbaren Widersprüche! – der biblischen Erzählungen von der Schöpfung zu unseren modernen Erkenntnissen verstehen sich eigentlich von selbst. Das aber heißt nicht, dass nicht auch die alten Fragen und Antworten für uns interessant und erhellend sein können, und manchmal sogar – sie müssen ja nur lange genug vergessen sein – überraschen und für neu gehalten werden.

Überraschen muss, dass seit jeher Menschen ihre Geschlechterverhältnisse verhandeln – von Anfang an auch in der Bibel, auf diesen ersten Seiten schon. Beide Schöpfungserzählungen vertreten ganz unterschiedliche Modelle des Zusammenlebens. Während die erste und jüngere wie selbstverständlich und mit der Erklärung, dass Gott den Menschen zu seinem Bilde schuf, ein Modell der Gleichheit und Gleichberechtigung von Mann und Frau vertritt –„Gott schuf den Menschen als Mann und Frau“ – , erklärt die zweite und ältere, also unser heutiger Predigttext, mythologisch-phantasievoll Unterschied und Unterordnung der Frau unter den Mann als später und aus dem Mann heraus gebildetes Wesen – „Gott nahm (dem schlafenden Adam) eine Rippe und schloss die Stelle mit Fleisch. Und Gott der Herr baute eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm.“ Die Frau als sekundär und abgeleitet vom Mann, wie sie diese Geschichte im Gegensatz zur anderen sieht, klingt auch im hübschen Wortspiel „Mann-Männin“ an, mit dem Luther das eigentlich unübersetzbare hebräische Wortpaar „isch – ischah“/“Mann – Frau“ übersetzt: man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist.

Diese und weitere Unterschiede, Varianten und unzählige Widersprüche in der Bibel selbst laden zum weiterdenken und natürlich auch zum Aushalten von Widersprüchen ein. Wenn die Autoren der Bibel das schon aushalten, sich gegenseitig zu widersprechen – und zwar absichtsvoll und keineswegs aus Versehen – sollten wir es auch aushalten – und zwar so, dass wir den anderen trotzdem gelten lassen. Das wäre doch schon echter Fortschritt in den Fragen der Geschlechterverhältnisse unserer Zeit, in den Gender-Debatten, also Widerspruch zuzulassen, in beide Richtungen zuzulassen; ins Gespräch kommen, ohne den eigenen Standpunkt zu absolutieren, ihn dennoch zu vertreten – aber den anderen auch wahrnehmen.

Die Bibel überrascht mit der Vielfalt der Positionen, die sie aushält (die sie durchaus nicht immer aushält, es gibt auch Unduldsamkeit in der Bibel, der aber oft ebenfalls innerbiblisch widersprochen wird). Das ist der theologische Ertrag historischer Kritik an der Bibel: der Glauben ist vielfältig und verändert sich und bleibt sich in den Veränderungen treu. Umso mehr schmerzt es, dass die Bibel von einigen trotzdem als fundamentalistische Rechthaberfibel gelesen wird. Gerade die Schöpfungserzählungen werden zum Kampfplatz der eigenen Allwissenheitsfantasien; dabei taugen die dafür am wenigsten, wenn nämlich Pointe und punchline der Schöpfungsgeschichte ausgerechnet – wie wir heute lesen – die menschliche Nacktheit ist: Vor Gott sind wir nackt. Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht.

(So rechtfertige ich einen meiner Lieblingskalauer, nämlich über die „Nacht der Kirchen“, die ich als Aktion immer zu aktionistisch und dabei banal fand und daraus im Spaß „Nackt in der Kirche“ gemacht habe, um das Blöde an ihr zu entblößen. Wenn schon Quatsch dann richtig. Und wenn ernsthaft Nacht der Kirche, dann doch wohl die Osternacht oder der Heilige Abend! Das ändert aber nichts daran, dass wir im vergangenen Jahr eine sehr schöne Nacht der Kirche auch in der Thomaskirche gefeiert haben – und nach dem Corona-Spuk auch wieder feiern werden.)

Vor Gott sind wir nackt: Damit ergeht keine Aufforderung Speckröllchen und Falten in naturistischen Paradiesgärtlein auszuführen, sondern Nacktheit zeigt Verletzlichkeit und Zartheit des menschlichen Körpers und damit zeichenhaft Abhängigkeit und Freiheit des Menschen. „Die Nacktheit als Motiv der Begegnung von Gott und Mensch symbolisiert ein sich Öffnen, ohne etwas von sich zurückzuhalten. Sie stellt die unüberbietbare Unmittelbarkeit und eine vorbehaltlose Offenheit der Beziehung von Gott und Mensch heraus.“ (Johanna Rahner, Ein nackter Gott? 2008)

Nackt sind wir, wie Gott uns schuf (zumindest galt das, solange es keine Schönheitsoperationen und Tattoostudios gab – aber das ist ein anderes Thema, vielleicht aber auch nicht.) Als Nackte kehren wir zum Schöpfungsmoment zurück und werden unserer Geschöpflichkeit gewahr, genauer als geistlich Nackte: Selig sind die geistlich Nackten, wie Jesus bekanntlich nicht sagte.

Damit könnte gemeint sein, sich aller Hüllen und Masken zu entledigen (außer der einen Maske natürlich, mit der wir in dieser Zeit unseren Nächsten lieben, indem wir ihn vor uns schützen und damit uns selbst); damit könnte gemeint sein, sich aller Hüllen und Masken zu entledigen, mit denen wir uns verkleiden und verstellen; alle Hüllen zu beseitigen, in denen wir uns sehen wollen – und eben nicht mehr wirklich sehen; damit wir uns so sehen, wie wir sind und wie wir gemeint sind – von Gott, unserem Schöpfer.

Und damit könnte ebenfalls gemeint sein, dass wir als Nackte unterschiedslos – also bis auf den kleinen, aber überschätzten Unterschied – gleiche und gleichberechtigte Menschen sind. All men are created equal; alle Menschen sind gleich – als Gleiche – geschaffen: Nackt in eine freundliche Welt hinein geschaffen.

Amen.

Predigttext für den 14. Sonntag nach Trinitatis, 13. September 2020

1Und er – Jesus – ging nach Jericho hinein und zog hindurch. 2Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. 3Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. 4Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen. 5Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. 6Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden. 7Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. 8Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.9Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams. 10Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

(Lukasevangelium 19,1-10)

Es gibt verschiedene Gründe auf einen Baum zu steigen:

Geeignete Bäume, Kletterbäume sind natürliche Spielgeräte für Kinder. Auf Bäume Klettern macht Spaß, nicht zuletzt wegen des gewissen Nervenkitzels, ob man auch heil wieder runter kommt; wobei der Spaß bei spielenden Kindern naturgemäß größer ist als bei der elterlichen Aufsicht, die sich wenig trösten lässt von der Einsicht: runter kommen sie immer:

Es kommt ja darauf an, in welchem Zustand. Eine repräsentative Umfrage unter unseren Konfirmanden hat ergeben, dass sie das – also auf Bäume klettern – eigentlich alle als Kinder gerne gemacht haben – und erfreulicherweise ohne jeden bleibenden Schaden.

Auch bei der Obsternte ist gelegentlich ein Baum zu erklimmen durch den Besitzer wie auch durch sein Gegenteil. Der Gemeindequittenbaum an der Richard-Wagner-Straße weckt jeden Herbst geradezu unbezwingbare Begehrlichkeiten. Nicht wenige Passanten halten die Früchte für Birnen, rupfen sie ab, beißen hinein – und schmeißen sie weg. Andere wissen besser Bescheid, und kommen mit Sack und Pack zur illegalen Ernte. Zu meinem großen Erstaunen musste ich vor ein paar Jahren in der Dämmerung beobachten, wie ein betagter aber offensichtlich rüstiger Senior aus der Nachbarschaft unseren Quittenbaum erklomm und sich eine reife Frucht nach der anderen in die mitgeführte Einkaufstüte sammelte. Als das Behältnis schon gut gefüllt war, verließ den alten Herrn das Gleichgewicht und das Jagdglück und er fiel – zu seinem wie auch zu meinem Schrecken – vom Baum und auf den Rücken, zappelte dortselbst ein paar Minuten mit den nach oben gereckten Beinen wie ein verunglückter Käfer und konnte sich dann durch eine kühne Drehung zuerst in Bauchlage, dann in den Sitz und schließlich in den noch etwas unsicheren Stand bewegen, um sich zwar ohne Reue aber mit den geklauten Früchten nach Hause zu begeben.

Bei der nächsten Begegnung sprach er davon, unglücklich gefallen zu sein, wohl wahr!

Andere Gelegenheit zum Erklimmen eines Baumes kann die Flucht vor einem wilden Tier sein – wobei man sicher sein sollte, dass dieses nicht besser klettern kann als man selbst: Wildgewordene Kühe sind ok – Bären und Großkatzen eher nicht – bei Hunden bin ich mir eben nicht sicher.

Außerdem wäre das Überwinden von Hindernissen wie Mauern oder Bächen zu nennen, das durch günstig gewachsene Bäume erleichtert oder erst ermöglicht wird. Aber auch hier lauert Gefahr: wie leicht landet man im Bach oder auf der Nase.

Heute und mit dieser Zachäusgeschichte können wir unserem kleinen Katalog der Klettergründe einen weiteren Grund für das Besteigen von Bäumen hinzufügen: der etwas kurz geratene Zachäus will sich Überblick und Zugang zu einem interessanten Ereignis verschaffen, einem Event wie man heute sagen würde, eine celebrity kommt ins sonst eher verschlafene Städtchen, Neugier und Hunger auf die Sensation treiben ihn, religiöse Bedürfnisse ausdrücklich nicht: Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre.

Jesus, dem sein Ruf voraus geeilt ist, besucht Jericho, das Gedränge ist groß – undenkbar in unseren sozial distanzierten Zeiten gerade – und der zu spät gekommene und nicht gerade hünenhafte, sondern im Gegenteil kurz geratene Zachäus droht von dem Ereignis nur die Hinterköpfe und die Rücken der vor ihm Stehenden zu sehen.

Aber das Ereignis verspricht so interessant zu werden, dass Zachäus keine Mühe scheut, einen günstig stehenden Baum zu erklimmen – dabei auch das Risiko eines Sturzes in Kauf nehmend – um Jesu zu sehen und zu hören. Ganz ohne Komik – ich stelle ihn mir als kleinen, leicht übergewichtigen, sonst durchaus und jederzeit auf Autorität bedachten Finanzbeamten, nein Oberfinanzbeamten! vor, wie er umständlich und ungeübt den Baum erklimmt, dessen Äste unter der Last knacken und knirschen – ganz ohne Komik, ist das nicht. Eigentlich krabbeln gesetzte, wohlhabende Herren in Führungspositionen nicht auf Bäume.

So viel Interesse wecken nicht viele Prediger und auch Jesus, dem ja eigentlich durchweg die Leute zulaufen, nimmt den besonderen Eifer des Zachäus besonders wahr. Vielleicht fühlt er sich sogar ein bisschen geschmeichelt, dass da jemand diese Mühe auf sich nimmt, nur um ihm zu begegnen.

Jesus spricht den auf dem Baum Sitzenden an, macht ihn zum Gegenstand der Szene und der Geschichte und lädt sich bei ihm ein: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. Zachäus bleibt nicht Besucher und Beobachter – sondern wird zur Hauptfigur neben Jesus, zu seinem Gastgeber, mehr noch: zu seinem Stichwortgeber; er scheint sich von einer Sekunde auf die andere zum Musterfrommen, zum frommen Streber zu wandeln: Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück .

Jesus nutzt die Situation und zeigt an Zachäus, worum es ihm überhaupt geht: Alle dürfen zu Gott, niemand wird ausgeschlossen, auch die Sünder nicht, gerade die nicht. Jesus wendet sich in Gottes Namen den Diskriminierten zu – und eben auch denen, die sich selbst diskriminieren – die wie der Zöllner Zachäus durch Betrügen und Geld Zusammenraffen sich selbst diskriminieren: Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Aufmerksame Leser des Lukasevangeliums – und die sind wir ja – werden allerdings bemerken, dass sich unsere Zachäusgeschichte direkt auf die Gleichnisgeschichte vom Pharisäer und dem Zöllner aus dem Kapitel davor bezieht, über die wir vor ein paar Sonntagen nachgedacht haben und die es den Lesern viel weniger einfach macht sich zu identifizieren als zuerst vermutet. Auch unsere Geschichte ist viel weniger eindeutig als unsere Schulweisheit es will.

Zachäus, der reiche Oberzöllner, den wir uns als Betrüger an seinem Volk und als Kollaborateur der römischen Besatzer denken müssen, wendet sich – gut hörbar für die Umstehenden! – mit beinahe denselben Worten an Jesus; mit denselben Worten, die der streberhafte Pharisäer der anderen Geschichte zu Gott betet: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. Da geriert sich also jemand als Robin Hood von Jericho, der den betrügerischen Gewinn, sagen wir: seinen Zollraub, an die Armen verteilt.

Wahrscheinlich ist das nicht und das müssen wir ihm nicht glauben.

Das müssen wir ihm deshalb nicht glauben, weil er es ja – wie gesagt – gerade mit denselben streberhaften, prahlerischen und vermutlich heuchlerischen Worten sagt, mit denen der Pharisäer seine Qualitäten vor Gott und den Menschen anpreist, und die dort – nur ein Kapitel zuvor – ausdrücklich für diese Worte kritisiert werden.

Und das müssen wir auch deshalb nicht glauben, weil es nicht zum Fazit der Geschichte passen würde: Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. „Verloren“ zu nennen aus der Sicht Jesu, wäre ja der gerade nicht, der in solch vorbildlicher Weise Gerechtigkeit übt und sogar den Armen hilft – und dabei obendrein noch den römischen Herren ein Schnippchen schlägt; Zollbetrug als Akt des heimlichen Widerstands womöglich, statt Kollaboration Resistance – eher unwahrscheinlich!

Und das müssen wir schließlich schon gleich gar nicht glauben, weil es die Pointe der ganzen Geschichte moralisiert und damit kaputt macht: Der Gute wird gelobt, wie langweilig! Nein der Böse wird trotz allem angenommen. Die Gnade Gottes, die sich im Kommen des Menschensohns zeigt, ist doch viel größer und viel überraschender dann, wenn sie sich am ganz und gar unwürdigen Objekt zeigt; nicht am Musterknaben sondern am Bösewicht.

Aber vielleicht irre mich auch. Vielleicht mache ich uns die Geschichte komplizierter als sie ist. Oder schlimmer: vielleicht spricht auch nur der falsche Pharisäer aus mir und meiner Deutung, die dem Zöllner nichts zutraut, die ihn mit meinen Vorurteilen auf seine Sünde behaftet und über Gottes Gnade, die sich dem offensichtlichen Sündern zuwendet, murrt: Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt.

Das ist die neidvolle Haltung derer, die alles richtig zu machen meinen, ihre eigene Sünde verkennen – nämlich die des Hochmuts, der Selbstgerechtigkeit und der Heuchelei – und die darüber murren, wenn sie sich von Gott übergangen fühlen. Dann wären die – also wir – die wahren Verlorenen, die verlorenen Verlorenen, die genau das – also ihr eigenes Verlorensein – in solchen Geschichten erkennen sollen, um dann – irgendwann – nicht auf sich zu vertrauen, sondern auf Gott zu hoffen, um am Ende auch mitgemeint zu sein: Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Oder vielleicht gibt es einfach nicht nur mindestens 4 Gründe auf einen Baum zu klettern sondern auch mehr als eine Art unsere Geschichte zu erklären. Vielleicht will uns ja Jesus – und wollen es seine Biographen wie Lukas – so in seine Geschichten hinziehen, involvieren, verwickeln und umhüllen, damit sie zu unseren werden, damit wir in ihnen leben und denken und sind; nicht um uns in ihnen zu verlieren sondern um in Ihnen von Gott gefunden zu werden. Amen.

Klaus Neumann, Pfarrer

Predigttext für den 13. Sonntag nach Trinitatis, 6. September 2020

In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung. Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen. Darum, liebe Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind, die wollen wir bestellen zu diesem Dienst. Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben. Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Proselyten aus Antiochia. Diese stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten ihnen die Hände auf. Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam. (Apostelgeschichte 6, 1-7)

Das hört sich doch ganz vernünftig an: Ein Mangel wird festgestellt, Helfer werden beauftragt, die tägliche Versorgung von Bedürftigen, insbesondere von Witwen wird sichergestellt, ein Mangel wird behoben. Später wird man sie Diakone nennen. Und obendrein noch werden viele Priester dem Glauben gehorsam. Glaubensgehorsame Geistliche: was will man mehr? So weit, so gut. Darüber lässt sich reden. Darüber könnte man heute reden.

In den Auslegungen unserer Stelle heißt es, dass Lukas (der Autor der Apostelgeschichte und des nach ihm benannten Evangeliums) hier mit der Erwähnung der griechischstämmigen Gemeindeleiter (erkennbar an den griechischen und eben nicht hebräischen Namen) den unterschiedlichen Strömungen im frühen Christentum Rechnung trägt und auch die Konflikte unter ihnen zeigt; dass hier die „Griechen“ durch die apostolische Handauflegung aufgewertet und gleichzeitig durch ihre Bestellung zum bloßen „Tischdienst“ abgewertet werden, um dann im römischen System irgendwann als bloße „Diakone“ (da steckt das hier verwendete griechische Wort für Dienst drin) zu gelten – deutlich unterhalb der „Priester“; und dass sich hier schon der Konflikt zwischen dem Jerusalemer Petrus und dem mit der Heidenmission beauftragten Paulus abzeichnet (später zugespitzt im sogenannten „Antiochenischen Zwischenfall“: „Als aber Kephas [Petrus] nach Antiochia kam, widerstand ich ihm ins Angesicht, denn es war Grund zur Klage gegen ihn.“ [Galater 2,11] Paulus wirft Petrus nicht weniger als einen Verstoß gegen die „Wahrheit des Evangeliums“ vor. Von den Aposteln lernen, heißt streiten lernen.) So weit, so interessant. Auch darüber kann man predigen.

Mich interessiert heute etwas anderes: In weit größerem Maße als eine paradigmatische pragmatische Problemlösung oder eine historische Einordnung verdient ein anderes Thema des Textes unsere Aufmerksamkeit, nämlich der geradezu absurde Fall von Diskriminierung, der hier vorliegt und der so offensichtlich und dabei als so selbstverständlich geschildert wird, ohne ihn überhaupt anzusprechen, dass man ihn leicht „übersieht“ – wie die griechischen Witwen „übersehen“ werde. – Alltagsdiskriminierung könnte man dazu sagen in Anlehnung eines großartigen Buches der Journalistin Alice Hasters, das den alltäglichen Rassismus in unserer Gesellschaft beschreibt – und anklagt (Alice Hasters, Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten, München 2019).

Hasters schildert alltägliche Situationen, in denen Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe und damit aufgrund ihrer unterstellten möglichen anderen Herkunft und Kultur – ihrer „Rasse“ -diskriminiert werden. Allein schon die Frage an einen dunkelhäutigen oder asiatisch aussehenden Menschen nach seiner Herkunft – „Woher kommen Sie denn?“ – kann ausschließen, kann abwerten – insbesondere wenn sie eigentlich nichts zur Sache tut, wenn sie keinem erkennbaren Interesse an der anderen Person folgt, sondern einer bei einer ersten Begegnung unziemlichen Neugier entspringt, oder dem Gefühl, dass hier jemand ist, der da nicht hingehört. Hasters schildert Gelegenheiten, die wir – vermutlich alle von uns kennen – allerdings in der anderen Perspektive und Zielrichtung und also kaum als selbst Betroffene kennen und erlebt haben. Aber ich wette, die meisten kennen solche Szenen.

Ich erinnere mich an eine im Stadtbus hier in Wiesbaden von vor vielen Jahren, die sich mir eingeprägt hat, als Jugendlicher noch, als eine freundliche ältere Dame ein dunkelhäutiges Schulmädchen im Bus nach ihrer Herkunft fragte und das bestimmt nicht böse oder ablehnend sondern auf ihre Art freundlich meinte. Interesse an anderen ist ja eigentlich noch nichts Schlimmes: „Na, Wo kommst Du denn her?“ Das Mädchen verstand nicht gleich, worauf die Frage zielte, und nannte ihren Geburtsort irgendwo im Rhein-Main-Gebiet, worauf die Dame – nun schon etwas irritiert und dabei noch irritierender – nachfragte: „wo denn ursprünglich her“, und „woher die Eltern?“ Das war jetzt eindeutig unpassend – Was ging sie das an? Warum will sie das wissen? – auch für uns Mitfahrende unpassend, die das mitbekommen hatten, aber noch viel mehr für das Mädchen selbst, das trotz aller Irritation auch darauf antwortete und sagte, dass die Eltern auch aus diesem Ort kämen – und das glücklicherweise an der nächsten Haltestelle den Bus verlassen konnte. Auch dem Jugendlichen von vor 50 Jahren war klar, dass diese Szene improvisierter Ahnenforschung am „exotischen Objekt“ unangemessen war. Das gehört sich nicht. Aber geholfen, beigestanden haben wir anderen dem Mädchen auch nicht. Gar nicht so einfach – obwohl es doch eigentlich ganz einfach ist.

Diskriminierung – also wertende, abwertende Unterscheidung (die ursprüngliche Wortbedeutung „Diskriminierung=Unterscheidung“ hat erst im Alltagsgebrauch diese wertende und abwertende Bedeutung angenommen) aufgrund von äußerlichen Merkmalen ist ein Unrecht, das beide beschädigt: den der es begeht und den, der es erleidet. Deshalb können wir es auch nicht dem Lukas durchgehen lassen, der nichts dabei zu finden scheint, wenn griechischstämmige Witwen, wie er schreibt, „übersehen werden“ – also besonders verwundbare, ältere Menschen, Frauen, die der Hilfe bedürfen – diskriminiert und unterschiedlich behandelt, unterschiedlich bevorrechtet und benachteiligt werden – nur weil sie griechischer oder hebräischer Herkunft sind. Das ist ein Unrecht, das nicht einfach pragmatisch geregelt werden kann – sollen die Griechen doch für die Griechen sorgen! – oder historisch erklärt werden kann.

Zumal die christliche Gemeinde schon mal weiter war: Paulus – also etwa zwanzig Jahre vor Lukas – sagt ausdrücklich im schon erwähnten Brief an die Galater, dass unsere Unterschiede nicht relevant sind in der christlichen Gemeinschaft: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ (Galater 3,28) Wir wissen es besser, dass es sie gibt, immer noch – aber eigentlich kann und darf es Diskriminierung und Abwertung aufgrund von Herkunft, Geschlecht oder sozialem Stand in der Gemeinschaft von Christen nicht geben.

Jesus selbst ist noch viel weiter gegangen. Er predigt nicht nur das Evangelium von der Nicht-Diskriminierung, sondern geht selbst hin zu den Ausgestoßenen, den Abgewerteten, zu denen am Rand der Gesellschaft, „den Mühseligen und Beladenen“, zu den Diskriminierten. Und viele seiner Geschichten handeln davon, dass diskriminierende Barrieren überschritten werden – wenn es etwa ausgerechnet der in der Gesellschaft verachtete Samaritaner ist, der im Gegensatz ausgerechnet zu den angesehenen Geistlichen des eigenen Volkes zum Beispiel für Nächstenliebe wird: Ausgerechnet der hilft und erfüllt Gottes Gebot.

Genau das ist es aber: Gottes Gebot – und keineswegs eine Modeerscheinung oder politisch-korrekte Heuchelei, wenn wir uns gegenseitig erinnern, uns nicht gegenseitig abzuwerten aufgrund äußerer oder auch innerer Merkmale; uns nicht einfach so oder auch absichtsvoll zu „übersehen“, nur weil wir uns gegenseitig anders sind. Als „Gemeinschaft gegenseitigen Andersseins“ (in der Wendung Eberhard Jüngels) ist nicht nur Gott zu denken sondern auch die von ihm gewollte Gemeinschaft unter Menschen: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ (Galater 3,28).

Das wir das noch nicht gut genug hinkriegen ist offensichtlich und schmerzhaft. Aber wir sollten es wenigstens wollen!

Klaus Neumann, Pfarrer

Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist

Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen. Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes und dein Recht wie die große Tiefe. Herr, du hilfst Menschen und Tieren. Wie köstlich ist deine Güte, Gott, daß Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben! Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses, und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom. Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht. (aus Psalm 36).

Mein Lieblingspsalm spricht und singt von der alles umfassenden Gnade Gottes, der Leben und immer mehr und neues Leben schenkt. Ich spreche ihn bei den meisten Tauf- und Traugottesdiensten, die in besonderer Weise Feste des Lebens sind, das Leben feiern, und spreche ihn auch sonst gern, und denke an ihn in der Natur, am Meer, in den Bergen, unter weitem Himmel: Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist. Auch in diesem Jahr ist das so, in dem so vieles anders ist oder doch anders scheint. Eindringlich, vielleicht eindringlicher als sonst oft vermittelt die Seuche die Zerbrechlichkeit unseres menschlichen Lebens; aber wer einmal ernsthaft krank war oder einen Sterbenden begleitet hat, wusste das eigentlich schon vorher, dass wir zerbrechlich, dass wir sterblich sind; das wussten ja schon die alten Griechen, die die Menschen die „Sterblichen“ nannten und in der Bibel steht es natürlich auch: Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden (Psalm 90,12).

Auch unsere Psalmverse wissen davon, deuten das an, wenn von Hilfe, von Zuflucht, von Licht die Rede ist: Hilfe wovor, Zuflucht wohin, Licht in der Dunkelheit? Ohne diese Tiefendimension, ohne den Schatten über dem Bild, das der Psalm zeichnet, wäre es bloß Kitsch, ein alberner Schlager oder leerer Trivialroman. Der könnte uns allenfalls betäuben, aber nicht erheben, was er doch tut. Menschliches Leben ist hilfsbedürftig, braucht Zuflucht und Schutz, sucht Orientierung, wenn es geht, Orientierung am Licht des Lebens, damit wir nicht im Dunkeln herumirren. Zerbrechlichkeit und Sterblichkeit kränken unseren Anspruch auf Autonomie, wieso es nur folgerichtig, aber absurd ist, dass viele Menschen und mittlerweile sogar das meistens doch ganz vernünftige Bundesverfassungsgericht den selbstgewählten Tod – also die definitive Negation von Autonomie – für den letzten Test und entscheidenden Ausdruck menschlicher Selbstbestimmung halten.

(Dass wir diesem Urteil des Gerichts weniger als die notwendige Beachtung und Kritik zuwenden, gehört zu den Kollateralschäden der Seuche, die alle Aufmerksamkeit auf sich zieht.) Das Leben aktiv zu beenden oder dabei zu helfen, darf nicht für staatliche oder ärztliche Pflicht gehalten werden, sondern vielmehr die Fürsorge der Lebenden für die Sterbenden. (Und dass in Zeiten der Seuche so viele Menschen unbegleitet und ungetröstet sterben mussten, das ist allerdings ihr größter Schaden.)

So wie Religion möglicherweise im Bestattungskult einen Ursprung hat, so lässt sich – glaube ich – umgekehrt unser Sterben nicht ohne den Glauben denken und ertragen. Mit dem Leben hat uns Gott das Sterben gegeben, leben können heißt sterben müssen (was hier religiös gemeint ist, aber auch biologisch stimmt.) Unsere Aufgabe als Menschen, unsere Lebensaufgabe besteht darin, das Geschenk unseres Lebens anzunehmen – zu feiern! – und dabei dem, der uns das Leben gab, so zu vertrauen, dass wir es loslassen können, wenn er es uns wieder nimmt. Nicht zufällig bildet der Himmel den Ort ab, an den uns Gott nach dem Tod führt: Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist – viel weiter, als wir uns das denken können.

Klaus Neumann, Pfarrer

Predigttext für den 12. Sonntag nach Trinitatis, 30. August 2020

Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau. Nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe ich den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut. Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh, so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird es ans Licht bringen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen. Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen. Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch. Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wenn jemand den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören, denn der Tempel Gottes ist heilig – der seid ihr. (Brief des Paulus an die Korinther 3, 9-17)

Wer nach Fundamenten fragt ist noch kein Fundamentalist. Und wer von der reinigenden, prüfenden Kraft des Feuers spricht, ist noch kein Brandstifter.

Aber es sind doch missverständliche und bisweilen sogar gefährliche Redeweisen – insbesondere im Blick auf das, was wir am Wochenende erleben mussten: Fundamentalisten und Brandstifter proben den Aufstand. Über den Aufstand der Idioten könnte man lachen – und vielleicht lachen wir ja in ein paar Monaten darüber – aber das Lachen bleibt einem im Moment noch im Halse stecken. Zu gefährlich ist das, was sie tun – unmittelbar für sich selbst und für uns alle, die wir alle immer noch und für eine ganze Weile auf Schutzmaßnahmen angewiesen sind und sein werden. Und gefährlich ist es obendrein weil Rechtsradikale und Rechtsextreme sich von den Idiotenaufständen angezogen fühlen wie die Fliegen von der Scheiße. Unruhe stiften, Unruhe verbreiten, Unruhe nutzen – das ist genau ihre Strategie, damit man am Ende sagen kann: die lauwarmen Liberalen kriegen das nicht hin mit Recht und Ordnung, wir brauchen was Stärkeres.

Natürlich bezieht sich unser Paulustext nicht zuerst auf unsere gesellschaftliche Problemlage, sondern auf die christliche Gemeinde und auf religiöse Fragen. Die sind aber nicht unähnlich. Auch hier ist es nicht ungefährlich von Fundamenten und vom Feuer zu reden; man will ja nicht als Fundamentalist – also als einer mit den einzig richtigen Antworten auf alle Probleme – gehört werden, und auch nicht als Brandstifter, der mit Gewalt, der zumindest mit gewalttätiger Sprache stört und zerstört , was Generationen aufgebaut haben. Diese fundamentalistischen Zündler und Feuerköpfe gibt es auch in den Kirchen, sogar bei uns und nicht nur in Amerika, aber durchweg eher in freikirchlichen oder sogar sektenartigen Gemeinschaften – da sollen sie bleiben!

Aber: Trotzdem ist das eine berechtigte Frage, die nach den Grundlagen unserer Kirche; und es ist ein berechtigtes Anliegen, Einrichtungen der Kirche zu prüfen – das ist ja mit dem Bild des Feuers gemeint. Was hat Bestand? Was entspricht der ursprünglichen Idee und Stiftung unseres Glaubens? Was kann weg? Das sind im eigentlichen Sinne kirchenleitende Fragen und die Arbeit daran die wesentliche Aufgabe einer Kirchenleitung, zu der wir – als evangelische Christen – allesamt gehören.

Paulus selbst hat sich an diesen Fragen zeitlebens abgearbeitet: Eine seiner wichtigsten Antworten zur ursprünglichen Idee unseres Glaubens steht in einem anderen Brief von ihm, dem Römerbrief: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch Glauben.“ (Römer 3,28) Mit dieser Konzentration auf den Glauben erübrigt sich keineswegs die Frage nach unserem Handeln. Vielmehr nimmt er sie immer auf und auch die Pointe unseres heutigen Textes zielt darauf: Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wenn jemand den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören, denn der Tempel Gottes ist heilig – der seid ihr.

Jede und jede allein und alle gemeinsam sind wir Tempel Gottes, in denen der Geist Gottes wohnt. Was für ein großartiger Gedanke mit ganz weitreichenden Konsequenzen. Wie wir gemeinsam miteinander umgehen hat direkte Auswirkungen auf Gott – er wohnt ja in uns. Wie wir uns halten, pflegen und verhalten hat direkte Auswirkungen auf Gott – er wohnt ja in uns. Nicht wir sind die Autoren und Gesetzgeber unserer selbst – sondern Gott. Die Vorstellung von uns als Tempel Gottes verbietet Selbstzerstörung und Selbstverstümmelung.

Diese Glaubensvorstellung ist auch auf mein Gegenüber anzuwenden; sie beinhaltet nicht unbedingt eine Toleranz, die den anderen aufgibt, auch Selbstaufgabe sein erklärter Wunsch und Wille sein mag. Gerade weil diese Glaubensvorstellung im Gegner, also auch im politischen Gegner, Gottes Tempel wahrnimmt und anerkennt, lässt sie ihm nicht alles durchgehen. Der Spinner hat nicht jedes Recht auf Spinnerei, wenn er damit sich selbst und andere gefährdet. Aber jeder Spinner hat das Recht, als Gottes Tempel wahrgenommen und darauf angesprochen zu werden. Auch ihm wie uns gilt das Wort aus der Bibel:

„Ich danke dir – Gott – dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.“ (Psalm 139,14)