Predigttext für den Sonntag Quasimodogeniti, 1. Sonntag nach Ostern, 11. April 2021

Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See von Tiberias. Er offenbarte sich aber so: Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sprechen zu ihm: Wir kommen mit dir. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts. Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten’s nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische. Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte: »Es ist der Herr«, da gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich in den See. Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen. Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und Fisch darauf und Brot. Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! Simon Petrus stieg herauf und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht. Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten: Es ist der Herr. Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt’s ihnen, desgleichen auch den Fisch. Das ist nun das dritte Mal, dass sich Jesus den Jüngern offenbarte, nachdem er von den Toten auferstanden war. (Evangelium des Johannes 21, 1-14)

Wenn man dieser Tage nicht gerade im Krankenhaus oder im Supermarkt beschäftigt ist, auch nicht zufällig im Bundekanzleramt benötigt wird, kann einem die Zeit lang, manchmal sehr lang werden. Vieles, was wir sonst täten, geht halt nicht. Also suchen wir uns andere Beschäftigungen: Kelleraufräumen, im Garten Wühlen, Yoga Turnen, Vogelstimmen Lernen, den Sternenhimmel Betrachten. Nicht alles macht gleich viel Spaß, aber manches ist toll und das meiste allemal sinnvoller als sich eine Corona-Kugel anzufuttern oder den Weinkeller zu leeren.

Unser Nachbar und mein lieber Kollege von der Bergkirche hat zum Beispiel ganz begeistert von seinem Angelschein erzählt, den er vor kurzem gemacht hat und er verbringt nun ungefüllte Pandemiestunden am Teich und fängt Fische. Das muss der ihm nicht neiden, der seine Begeisterung nicht teilt und die Angelei für den unerreichten Gipfel der Langeweile hält, aber ihm tut es gut und er kann sich für sein neues Hobby zurechnen, dass es einen engen Bezug zum Leben Jesu und seiner Jünger hat, die aus Fischern zu Menschenfischern wurden: Petri Heil!

Auch in unserer nachösterlichen Geschichte heute geht es um Fischer und Menschenfischer: Ich gehe fischen, sagt Petrus und die anderen antworten: Wir kommen mit dir. Auch sie erleben gerade so einen merkwürdigen Schwebezustand, den wir gut kennen, in dem das Leben weitergeht aber nicht richtig wie vorher und man auch nicht weiß, wie es weitergehen wird. Das Ich gehe fischen des Petrus könnte auch aus Langeweile gesprochen sein, oder aus dem Gefühl, das wir ganz gut kennen, dass wir irgendwas halt tun müssen, warum nicht fischen; besser als rumsitzen!Und so wie viele unserer Pandemiehobbies nicht nur den Sinn haben, die Zeit zu vertreiben, sondern auch Normalität vorzubereiten oder zumindest Normalität zu spielen – Haus, Garten und Körper Aufräumen oder die Natur Betrachten sind geradezu erschreckend normal – hat ja auch die Idee des Fischers und Menschenfischers Petrus – Ich gehe fischen – ganz und gar nichts Unnormales an sich: ein Fischer geht fischen; was denn sonst?

Die geradezu bestürzend normale Idee des Petrus setzt aber eine Folge von Ereignissen in Gang, die alles andere als erwartbar ist; d.h. zunächst schon, denn dass Fischer auch mal nichts fangen, gehört zum Berufsrisiko, kommt also vor; damit muss gerechnet werden. Wenn es einen Grund gibt für die Faszination des Angelns, dürfte es ja gerade der nicht völlig vorhersagbare Erfolg oder Misserfolg sein – der aber bei der berufsmäßigen Fischerei zur existentiellen Bedrohung werden kann, wenn etwa Überfischung oder Klimawandel oder Fischereiverträge mit für mich ungünstigen Fangquoten zu dauerhaftem Misserfolg führt.

Von alldem ist gar nicht die Rede, wohl aber von einem zunächst unbekannten, unerkannten Ratgeber – auch die finden sich mit ihren wertvollen aber ungebeten Tipps unweigerlich ein, wenn einer angelt. Dieser Ratgeber hier fordert Petrus und die seinen auf, es halt noch einmal zu versuchen. Auch sein Tipp folgt nicht gerade den Regeln der Fischereiwissenschaft (kann man sogar studieren) denn es ist schon Morgen und damit nicht mehr die rechte Zeit fürs Netze Auswerfen. Petrus und die seinen folgen dennoch dem Rat, sie haben ja nichts Besseres zu tun und dann passiert es: Das Netz ist übervoll, genau 153 Fische haben sie gefangen!

Die Zahl 153 ist hier sicherlich symbolisch gemeint und ohnehin eine faszinierende Zahl; allein schon mathematisch: sie ist die Dreieckszahl zur Basis 17, das heißt, sie entspricht der Summe der Zahlen von 1 bis 17; sie ist außerdem die Summe der Fakultäten von 1 bis 5; sie ist die kleinste Zahl deren Summe der Kuben ihrer einzelnen Ziffern wieder 153 ergibt: 1+125+27=153; sie ist die Summe aus 144, dem 12. Funktionswert der Fibonacci-Folge und der Quersumme von 144 (Quelle: Wikipedia zu Hunderdreiundfünfzig). Auch wenn man eigentlich – wie ich – keine Ahnung von Mathematik hat – worauf ich nicht stolz bin – kann sie einen faszinieren.

Auch biblisch-religiös fasziniert diese Zahl, nicht zuletzt wegen unserer Geschichte: Der Kirchenvater Hieronymus erwähnt in Auslegung von Hesekiel 47 unter Berufung auf unsere Stelle, dass griechische Zoologen seiner Zeit die Zahl aller Fischarten mit 153 angäben. An diesem Prophetenwort wird von einem reichen Fischfang berichtet, zwischen den Orten En Gedi und En Eglajim, wobei der Zahlenwert von Gedi 17, der von Eglajim 153 ist.

Insgesamt kann man davon ausgehen, dass die 153 hier einen überaus reichen Fang symbolisiert; und zwar nicht nur als Fischfang, sondern als Menschenfischfang. Hier in der nachösterlichen Geschichte zeigt sich gleichnishaft die Aufgabe der Jünger: Werft das Netz aus! Oder in den letzten Worten des Auferstandenen nach Matthäus: Gehet hin und lehret alle Völker, taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende (Matthäus 28,20).

Außer mit dem Auftrag das Netz auszuwerfen und Menschen zu fischen, beschäftigt sich unsere Geschichte mit dem schwierigen Problem der nachösterlichen Anwesenheit bzw. Abwesenheit des Herrn Jesus. Wie durchweg wird Jesus auch hier am See Genezareth in seinem Auferstehungsleib nicht gleich erkannt, seine Gestalt ist fremd, er ist zwar leiblich da, aber nicht in dem Leib, den seine engsten Vertrauten kennen; d.h. der irdische Jesus, wie er bis zu seinem Kreuzestod gelebt hat, lebt nicht mehr. Sein gewohntes, bisheriges Leben ist vorbei – aber in einem neuen Leib, in einem neuen Leben ist er bei uns alle Tage bis an der Welt Ende.

Anwesend ist der abwesende Jesus in seiner Gastfreundschaft, in seiner Hilfsbereitschaft zum gelingenden Leben, in seinem Wort und in seinem Sakrament: Kommt und haltet das Mahl! Umso schmerzhafter trifft uns der Verzicht auf das gemeinsame Mahl in diesen Zeiten; der Verzicht auf das Mahl mit den Freunden, die wir nicht treffen können, aber auch das Mahl in der Gemeinde, das wir nun bis auf wenigste Ausnahmen seit gut einem Jahr nicht mehr in der Gemeinde gefeiert haben. Heißt das, dass wir Jesus, dem Herrn, nicht begegnen?

Hoffentlich nicht, denn das steht ja auch in unserer Geschichte, dass wir Jesus begegnen – nein: dass Jesus uns aufsucht! – an Orten und zu Zeiten, an denen wir das nicht erwarten; an denen wir ihn zuerst gar nicht bemerken; an denen wir nie und nimmer mit ihm gerechnet hätten. Warum sollte er uns eigentlich nicht in diesem seltsamen Schwebezustand begegnen können und wollen, in dem wir uns gerade befinden; in dem wir nicht wissen wie es weitergeht und in dem wir nicht wissen, wann er ein Ende hat.

Das sollen wir heute hören: Es wird den Moment geben, dass Jesus uns aufsucht, völlig unerwartet, unerkannt, aber doch so, dass wir hören und verstehen: Werft das Netz aus! Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! Kommt und haltet das Mahl! Amen.

Predigttext für Ostermontag 2021, 5.4.2021

Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln. Und ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen? Und niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun noch es sehen. Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen. Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel. Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Wesen und mitten unter den Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet; es hatte sieben Hörner und sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes, gesandt in alle Lande. Und es kam und nahm das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß.

Und als es das Buch nahm, da fielen die vier Wesen und die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem Lamm, und ein jeder hatte eine Harfe und goldene Schalen voll Räucherwerk, das sind die Gebete der Heiligen, und sie sangen ein neues Lied: Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen und hast sie unserm Gott zu einem Königreich und zu Priestern gemacht, und sie werden herrschen auf Erden. Und ich sah, und ich hörte eine Stimme vieler Engel um den Thron und um die Wesen und um die Ältesten her, und ihre Zahl war zehntausendmal zehntausend und vieltausendmal tausend; die sprachen mit großer Stimme: Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob. Und jedes Geschöpf, das im Himmel ist und auf Erden und unter der Erde und auf dem Meer und alles, was darin ist, hörte ich sagen: Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Und die vier Wesen sprachen: Amen! Und die Ältesten fielen nieder und beteten an.

(Offenbarung des Johannes 5)

Anders als Osterhase und Osterei hat das Osterlamm – wie wir auch heute lesen – einen direkten Bezug zur Bibel. Aber in diesen merkwürdigen Zeiten wird uns selbst das noch merkwürdig: Wir hätten das doch im Leben nicht geglaubt, dass wir neidisch sein könnten auf unser Osterlamm, also auf das, was wir uns gestern Abend zubereitet haben; dass wir neidisch werden könnten auf das Öl, mit dem wir kochen, auf die Kräuter, mit denen wir würzen, auf den Wein, den wir trinken, auf das Fleisch, das wir essen – warum neidisch? Alle können weiter reisen als wir, das Öl aus Kreta, die Kräuter aus der Provence, das Gemüse aus Andalusien, der Wein aus dem Medoc, der Pfeffer aus dem Land, wo der Pfeffer wächst, das Lamm aus Neuseeland – selbst die Pfalz als Heimstatt meiner Kartoffeln scheint unerreichbar. Großartig – wenn auch nicht gerade klimafreundlich – unser weitgereistes Essen, aber tragisch und traurig wir selbst, die wir hier bleiben und hier bleiben müssen.

Nicht nur beim Essenkochen überfällt einen das Fernweh: Wenn wir uns jetzt gleich nach dem Gottesdienst ins Auto setzen, gut durchkommen, keine Staus haben, zügig fahren, dann stünden wir heute noch – pünktlich eine gute Stunde vor Schließung von St. Bavo in Gent in dieser mir liebsten der flämischen Städte, weniger museumshaft als Brügge aber noch etwas stimmungsvoller als Antwerpen – dann stünden wir heute noch vor dem Genter Altar , der versucht genau das in Szene zu setzen, was wir gerade gelesen haben: Die Anbetung des Lamms, Hauptwerk nicht nur der Gebrüder Hubert und Jan van Eyck, sondern Hauptwerk der europäischen Malerei aus Flandern, neben und mit der Toskana Wiege der europäischen Kunst.

Schon im vergangenen Jahr haben wir die Jahrhundert-Ausstellung verpasst, die mehr Werke von van Eyck zusammengeführt hat als je eine zuvor – und aller Wahrscheinlichkeit je wieder; Once in a lifetime. Isoliert in unserem Zuhause und eingesperrt in unserer Region verpassen wir gerade das Leben da draußen, blicken auf unsere Bildschirme und in unsere Erinnerungen voller Bedauern und gelegentlichem Ärger, auch mal meckernd und jammernd, nicht ohne Selbstmitleid, das uns berechtigt scheint – auch wenn unsereins manches besser verschmerzen kann als etwa die Jugendlichen, die ihre Erfahrungen – auch den ganzen Blödsinn, zu dem sie genetisch beauftragt sind – erst noch machen müssen, jetzt aber nicht können; gar nicht zu reden von den Alten und Anfälligen, die mit viel Schlimmerem zu kämpfen haben als ihrem Fernweh oder den unerfüllten Regungen der Pubertät.

Unter anderen Zwängen und vor undenklichen Zeiten und deshalb eigentlich unvergleichbar mit uns – aber in der Lebenssituation eben doch uns ähnlich – hat Johannes – einsam, isoliert, sozial überaus distanziert – seine Visionen als Eremit und Exilant auf der Insel Patmos aufgeschrieben. Moment! Da könnte man jetzt auch sagen, was will der eigentlich: Exil auf einer Insel im blauen Meer der Ägäis, womöglich inklusive Badestrand, Sirtaki, Gyros und Ouzo um die Ecke: das kann man schlechter treffen! Aber nach langen Monaten am heimischen Herd im schönen Wiesbaden und Wanderungen im bezaubernden Rheingau – aber eben kaum irgendwo sonst! – haben wir vielleicht einen Hauch von Ahnung, wie es dem einsamen, isolierten und auf sein Inselchen fixierten Propheten gegangen sein mag. Einfach mal rauskommen, wäre schon gut!

Zumal Johannes weiß und in seinen Visionen das sogar sehen kann, dass die Welt um ihn herum tobt, dass die Welt unterzugehen scheint in gewaltigen Turbulenzen, sozialen Verwerfungen, Verfolgungen, Gewalt und Krieg, Apocalypse Now. Er sieht nicht weniger als den Untergang seiner ganzen Welt. Tatsächlich geht unser Wort Apokalypse, das erst für uns die Katastrophe, ursprünglich aber die Vision der Katastrophe bezeichnet, auf den Propheten Johannes und sein Buch zurück; es ist eine Schöpfung des einsamen Sehers von der griechischen Insel. Johannes erlebt das alles zwar selbst nicht mit auf seiner Insel, aber er durchlebt es in seinen Träumen und Gesichten, seinen Visionen und Auditionen, die ihn aufrütteln und verfolgen, so wie der römische Gewaltstaat seine christlichen Schwestern und Brüder verfolgt. Auch zu diesen inneren Bildern des Johannes, diesen prophetischen Visionen gibt es die – nur scheinbar weit hergeholte – Strukturanalogie unserer Televisionen am Bildschirm von Fernseher und Computer unserer Zeit, oder etwa von Tafel und Leinwand in der Zeit van Eycks. Wir erleben in diesen Bildern das Toben der Welt noch in unserem stillen Kämmerlein.

Das Werk des Johannes deutet seine chaotische Welt; es deutet sie als irdisch-weltliches Theaterstück in der Rahmenhandlung eines himmlischen Geschehens, in dem nicht Menschen sondern Engel agieren, manchmal sehr viele: zehntausendmal zehntausend und vieltausendmal tausend. Im Zentrum des Geschehens steht der gekreuzigte Auferstandene, der wie es im Glaubensbekenntnis steht, nun zur Rechten Gottes im Himmel auf seinem himmlischen Thron sitzt. Übrigens haben durchweg alle Bilder des Johannes immer auch eine astronomisch-astrologische Bedeutung – das wurde damals noch nicht unterschieden: Das Lamm unserer Vision heute ist eigentlich ein Schafsbock, also ein Widder und bezieht sich auf dieses Sternbild. Die Ordnung der Sterne garantiert den Lauf der Welt in allen deren Irrungen und Wirrungen. Es soll ja noch heute welche geben, die sich ebenfalls in solchen wirren Zeiten in den Himmel vergucken und dort Ordnung suchen, die sie auf der Erde nicht finden.

Hauptfigur auch unserer Szene ist also das Christus-Lamm, das hier metaphorisch einigermaßen kompliziert eingesetzt wird. Es ist einerseits das Opferlamm, das uns an Karfreitag und etwa auch unseren Predigttext vom Karfreitag im Buch des Propheten Jesaja erinnert, wo es heißt: „Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf.“ (Jesaja 53,7) Passiv, schwach, leidend, Gewalt leidend – wie wir und mit uns.

Auffällig ist natürlich, wenn nun Johannes dieses Opferlamm nicht als geschlachtet sondern als wie geschlachtet bezeichnet. Dazu passen die Zeichen der Macht, mit denen es Johannes ausstattet, nämlich sieben Hörner und sieben Augen, was für meinen Geschmack das Bild ein bisschen sprengt. Dieser Schafsbock ist aktiv, stark, machtvoll – gottgleich also – und ist folglich derjenige, der würdig ist, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel. Das Buch der sieben Siegel aber ist nichts anderes als das Drehbuch der Weltgeschichte, das nun Christus als Weltenherrscher selbst in die Hand nimmt. Kein Tier aus dem Abgrund, kein Teufel, kein römischer Imperator regiert die Welt sondern Christus das Lamm.

Unser Maler van Eyck vollzieht diese Ambivalenz aus Macht und Ohnmacht im Christuslamm nach und neigt sie wie unser Text zugunsten der Macht: Das Lamm hat zwar die deutlich sichtbare Wunde am Hals, aus der das Blut strömt; aber diese Wunde hat das Lamm nicht dahingerafft, sondern das Lamm empfängt die im Text beschriebene Huldigung, es steht gravitätisch und majestätisch – wie je ein Lamm gestanden hat, möchte man sagen. Aber seltsam bleibt die gemalte Metapher allemal, auch durch die meisterliche Hand der van Eyck-Brüder.

Die Restauration des Altarbildes für die Jahrhundertausstellung hat unter zahlreichen Übermalungen und zur Überraschung aller die originalen Augen des Lamms ans Licht gebracht; nicht etwa sieben, das war dem Meister dann doch zu merkwürdig, aber statt Schafsaugen wie auf den Übermalungen hatte van Eyck ursprünglich dem Lamm Menschenaugen an den Kopf gemalt, bestimmt um deutlich zu machen, dass uns hier ein Mensch, nämlich Christus, anschaut, uns mit seinem Blick annimmt und segnet, und uns seiner weltbeherrschenden Gnade versichert.

In allem Chaos, das wir erleben, dürfen wir damit rechnen und dürfen das glauben, dass Christus regiert. Amen.

(Der Link zum Bild)

Predigttext für Ostern, 4. April 2021

Und der Herr verstockte das Herz des Pharao, des Königs von Ägypten, dass er den Israeliten nachjagte. Aber die Israeliten waren mit erhobener Hand ausgezogen. Und die Ägypter jagten ihnen nach, alle Rosse und Wagen des Pharao und seine Reiter und das ganze Heer des Pharao, und holten sie ein, als sie am Meer bei Pi-Hahirot vor Baal-Zefon lagerten. Und als der Pharao nahe herankam, hoben die Israeliten ihre Augen auf, und siehe, die Ägypter zogen hinter ihnen her. Und sie fürchteten sich sehr und schrien zu dem Herrn und sprachen zu Mose: Waren nicht Gräber in Ägypten, dass du uns wegführen musstest, damit wir in der Wüste sterben? Warum hast du uns das angetan, dass du uns aus Ägypten geführt hast? Haben wir’s dir nicht schon in Ägypten gesagt: Lass uns in Ruhe, wir wollen den Ägyptern dienen? Es wäre besser für uns, den Ägyptern zu dienen, als in der Wüste zu sterben. Da sprach Mose zum Volk: Fürchtet euch nicht, steht fest und seht zu, was für ein Heil der Herr heute an euch tun wird. Denn wie ihr die Ägypter heute seht, werdet ihr sie niemals wiedersehen. Der Herr wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein. […]

Da erhob sich der Engel Gottes, der vor dem Heer Israels herzog, und stellte sich hinter sie. Und die Wolkensäule vor ihnen erhob sich und trat hinter sie und kam zwischen das Heer der Ägypter und das Heer Israels. Und dort war die Wolke finster und hier erleuchtete sie die Nacht, und so kamen die Heere die ganze Nacht einander nicht näher. Als nun Mose seine Hand über das Meer reckte, ließ es der Herr zurückweichen durch einen starken Ostwind die ganze Nacht und machte das Meer trocken, und die Wasser teilten sich. 

Und die Israeliten gingen hinein mitten ins Meer auf dem Trockenen, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken. Und die Ägypter folgten und zogen hinein ihnen nach, alle Rosse des Pharao, seine Wagen und Reiter, mitten ins Meer. […]

Und das Wasser kam wieder und bedeckte Wagen und Reiter, das ganze Heer des Pharao, das ihnen nachgefolgt war ins Meer, sodass nicht einer von ihnen übrig blieb. Aber die Israeliten gingen trocken mitten durchs Meer, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken. So errettete der Herr an jenem Tage Israel aus der Ägypter Hand. […]

Da nahm Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, eine Pauke in ihre Hand, und alle Frauen folgten ihr nach mit Pauken im Reigen. Und Mirjam sang ihnen vor: Lasst uns dem Herrn singen, denn er ist hoch erhaben; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt.

(2. Mose 14, 8-14.19.23.28-30a; 15,20f.)

Nicht jeder ist so lustig wie er selbst denkt und zu den Kernkompetenzen protestantischer Pastoren gehört sicherlich nicht der Humor. Dennoch gilt das Osterlachen allgemein als wünschenswert und nicht die schlechtesten Geistlichen versuchen sich daran. Dabei kann man in dieser Sache viel verlieren, weshalb auch die Ehefrau – auf die man eigentlich immer hören soll! – dringend davon abgeraten hat. Auch einen guten Witz kann man schlecht erzählen und selbst wenn ein Scherz gelingen sollte, wird er nicht unbedingt verstanden. Also doch besser die Finger davon?

Andererseits gilt der jüdische Humor als einer der feinsten und warum sollte man sich nicht gerade an Ostern, dem jüdischsten aller christlichen Feste, einen Witz bei der jüdischen Mutter ausleihen? In vielen Sprachen – ausgerechnet nicht in der Deutschen! – klingt das jüdische Vorbild Passa im christlichen Osternamen nach: Pasqua – im Italienischen, Pâque im Französischen, Pask im Schwedischen – nur bei uns – Ostern – und unseren Englischen Freunden – easter – hört man nicht mehr das jüdische Vorbild heraus, sondern wird auf die heidnisch-germanische Morgenröte verwiesen – eine nordische Göttin Ostara hat es entgegen anderslautender Gerüchte wohl nie gegeben. Seis drum: Wenn schon kein Osterlachen, dann vielleicht ein Osterlächeln könnte das folgende schon provozieren:

„Zwei Juden unterhalten sich über ihre wundertätigen Rabbis. Der erste erzählt: „Mein Rabbi ist ein großer Wundertäter. Wir waren in der offenen Kutsche unterwegs. Da fing es an zu regnen. Der Rabbi hob die linke Hand, und was soll ich erzählen? Links regnet es, rechts regnet es und wir fahren trocken mitten hindurch.“ Der aus Kowno steht dem nicht nach und trumpft auf: „Das ist noch gar nichts. Wir fuhren in der Eisenbahn von St. Petersburg nach Moskau. Da fing es an zu schneien; und der Zug blieb in einer Schneewehe stecken. Als wir endlich weiterfahren konnten, war es Schabbat geworden; und jeder weiß, dass man am Schabbat nicht fahren darf. Was tut der Rabbi? Er hebt die linke Hand, und was soll ich erzählen? Links ist Schabbat, rechts ist Schabbat, und wir fahren mitten hindurch!”

Der hier anklingende Exodus – der rettende Hindurchzug mitten durch Gefahr, Wetter und hindernde Umstände – ist ein mächtiges Motiv, es durchzieht und bestimmt die jüdische Religion mit ihrem Hauptfest des Pessach und damit auch das christliche Ostern, das ebenfalls als Durchgang – und zwar als Durchgang vom Tod zum Leben gefeiert wird und bekanntlich seinen historischen Ursprung im letzten Passafest von Jesus und seinen Jüngern hat.

Kinder spielen eine wichtige Rolle in der jüdischen Pessachfeier – sie setzen mit ihren berühmten Fragen: Was ist anders in dieser Nacht? Erzählung und Feier erst in Gang, vergewissern sich und die anderen Anwesenden so der Geburtserzählung des Volkes Israel, von seiner wunderbaren Rettung aus der Hand der Ägypter, indem sie Gott unter der Führung des Mose trockenen Fußes durchs Meer ziehen lässt, um dann das Volk zu werden, das es anders als alle anderen Völker aus Gottes Gnade bis heute gibt.

Auch die christliche Religionspädagogik traktiert mit Vorliebe den Auszug der Israeliten aus Ägypten, sieht für die Grundschule den Unterricht in den Mosegeschichten vor mit dem Durchzug durchs Meer als Flucht- und Höhepunkt. Dabei kann der Realismus der Geschichte – wenn die Sklaven befreit werden, geht es den Sklavenhaltern an den Kragen – dabei kann, ja, die brutale Drastik einer Kriegsgeschichte, die der Exodus auch ist, den pädagogischen Novizen durchaus ins Schwitzen bringen: Lasst uns dem Herrn singen, denn er ist hoch erhaben; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt. Ein schönes Lied der Mirjam, aber eben schonungslos und brutal; eigentlich nichts für zarte Kinderseelen zum Mitsingen.

Und wenn einem da nicht eine gute Erklärung zum Ertrinken der Ägypter einfällt und auch noch das Ablenkungsmanöver mit dem Meerwunder von den pfiffigen Kerlchen sofort durchschaut wird, können schon einmal heiße Tränen aus Mitleid für die Ägypter fließen – wie mir das bei meinem ersten prüfungsrelevanten Unterrichtsbesuch vor gut drei Jahrzehnten passiert ist; ganz zu schweigen von meinen Bemühungen, auch noch das Lied der Mirjam erklingen zu lassen, was mir den nur halb scherzhaft gemeinten Vorwurf der vorsätzlichen schweren musikalischen Körperverletzung eingetragen hat. Sowohl Mose als auch die Musik sind pädagogisch nicht zu unterschätzen.

Jedenfalls ist der Exodus kein Kinderkram, auch wenn er uns nötigt, das Meerwunder mit einer gehörigen Portion kindlicher Unbefangenheit zu betrachten. Rationalisierende Erklärungen – das Spiel der Gezeiten, berechenbare Küstenwinde, Kenntnisse über das Relief des Meeresbodens: die Erklärung kommt ja wieder, wenn der Seewandel Jesu damit erklärt wird, dass er ja wohl gewusst habe, wo die Steine liegen, auf denen er durch den See balancieren kann – alle solche Erklärungen rationalisieren das Wunder weg, zerstören damit die Erzählung, verfehlen ihre Pointe, aber: Ein Wunder ist ein Wunder ist ein Wunder. Soviel zur Auferstehung!

Das heißt ja nicht, dass wir uns in einer kleinen, eskapistischen Abschweifung nicht an die Strände träumen dürfen, die uns in diesem Osterurlaub zu besuchen versagt sind; an die Gezeitenküsten von Nordsee und Atlantik, die uns in besseren Jahren am Strand im Spiel von Ebbe und Flut wie Mose das Meer auf dem Boden durchschreiten ließen, das ewige Überfluten und Auftauchen im Takt des Mondes und im Rhythmus der Winde: luctor et emergo, wie es im Wappen des ganz vom Meer geprägten niederländischen Seeland heißt: ich versinke und tauche auf.

Ich versinke und tauche in die Erinnerung: Jetzt wäre es schön da: Weite, Wind – und das unbändige Freiheitsgefühl, das den Spaziergänger am weiten Nordseestrand erfüllt, was sage ich, überfällt; am unmittelbarsten und überraschendsten und überwältigend nach langer anstrengender, gefährlicher Fahrt, verfolgt nicht von den Ägyptern auf ihren Streitrossen, sondern von den anderen Verkehrsteilnehmern mit ihren übermotorisierten Freizeitpanzern; herausgetrieben von Zuhause nicht von den Plagen Ägyptens sondern von den Sorgen des Alltags, den Mühen der Ebene; geführt nicht von einem treuen Mose sondern von den nicht minder zuverlässigen Navigationsgeräten, die uns heutzutage die früher allfälligen Ehekrisen beim Straßensuchen ersparen; begleitet vom periodischen Gemurre und Gezeter der süßen Kleinen, die sich nicht an die Fleischtöpfe Ägyptens sondern an den heimischen Spiel- und Bücherschrank zurücksehnen: und dann endlich – nach all den Strapazen und Gefahren – endlich: Weite, Wind und dieses unbändige Freiheitsgefühl: luctor et emergo.

Der Exodus vermag bis heute unsere Sehnsüchte und Wünsche nach Freiheit und nach dem Leben in Fülle in Worte zu kleiden und in Bilder zu hüllen. Wie Mirjam mit ihrem Lied, besingen die Unterdrückten und Versklavten vieler Generationen ihre Befreiung – die sie noch ersehnen oder die sie schon erlebt haben: Go down Mose … Let my people go! Solche Freiheitskämpfe und ihre Lieder können aber auch unsere Wünsche nach Freiheit unter den Bedingungen der Pandemie einordnen helfen. Es wäre geradezu albern, mein Fernweh, meine unerfüllten Reisewünsche und manche anderen Einschränkungen als Freiheitsberaubung, und schon gar als Unterdrückung zu bezeichnen, wie das nicht nur ein paar abgedrehte Spinner sondern zunehmend auch bislang für seriös gehaltene Politiker oder Journalisten tun und dabei verkennen, dass frei nur der sein kann, der lebt. Schon als Kranke erleben wir soviel Einschränkungen der Freiheit, aber jedenfalls mehr Freiheit, als wenn wir tot sind. Pessach und Ostern sind Feste des Lebens und des Weiterlebens! Befreiung zum Leben!

Beide Feste setzen sich – zugunsten des Lebens! – in großer, wunderstaunenden Naivität über die Bedenken des bloßen Verstandes, über die lähmenden Ambivalenzen der wirklichen Welt und über unser ewiges Gejammer und Gemecker einfach hinweg, Apropos Gemecker:

Zwei ältere Damen sitzen in einem Berghotel – sagt die eine: Gott, das Essen hier ist wirklich schrecklich – sagt die andere: Stimmt, und diese kleinen Portionen!

So jedenfalls wie dieser – natürlich! jüdische Witz (aus Woody Allens Film Anny Hall) – sollen wir das Leben nicht sehen; nicht an Pessach, nicht an Ostern und am besten sonst auch nicht: sondern als das unvergleichlich kostbare Geschenk eines uns liebenden Gottes.

Amen.

Predigttext für Karfreitag, 2. April 2021

Siehe, meinem Knecht wird’s gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein. Wie sich viele über ihn entsetzten – so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch und seine Gestalt nicht wie die der Menschenkinder –, so wird er viele Völker in Staunen versetzen, dass auch Könige ihren Mund vor ihm zuhalten. Denn was ihnen nie erzählt wurde, das werden sie nun sehen, und was sie nie gehört haben, nun erfahren. Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und an wem ist der Armes Herrn offenbart? Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der Herr warf unser aller Sünde auf ihn. Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wen aber kümmert sein Geschick? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat seines Volks geplagt war. Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist. Aber der Herr wollte ihn also zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und lange leben, und des Herrn Plan wird durch ihn gelingen. Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden. Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben und er soll die Starken zum Raube haben dafür, dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten. (Buch des Propheten Jesaja 52,13-53,12)

Die sonst eher kämpferische Autorin Samira El Ouassil äußert sich in einen überaus einfühlsamen, beinahe zarten Artikel (spiegel online, 1.4.2021) über das Leiden und Mitleiden in Zeiten von Corona, sie schreibt:

„Ein gutes Jahr … [nach den ersten Nachrichten über Corona] stehe ich auf einem Friedhof bei einer Beisetzung. Tante E. [92] war vor Kurzem an Covid erkrankt, ihr Sohn hatte sie angesteckt. Er hatte das Virus von der Arbeit mit nach Hause gebracht, obwohl er alles getan hatte, um Tante E. so gut wie möglich zu schützen: … Das Kümmern um seine greise Mutter, das Pflegen ihrer Gesundheit, waren sein Lebensinhalt, auch schon vor der Pandemie. Selten hatte ich einen Sohn gesehen, der sich so liebevoll um die eigene Mutter gekümmert hatte.

Tante E. hat die Infektion gut überstanden, nahezu symptomfrei. Sie ist fit, rüstig und widerstandsfähig. Ihr dreißig Jahre jüngerer Sohn hat Corona nicht überlebt.“

El Ouassil fährt fort: „In Anbetracht der inzwischen über 70.000 Verstorbenen allein in Deutschland müssten mittlerweile schon viele Personen die Beisetzung eines Coronatoten erlebt haben. … Auch sie sind Opfer von Corona, dieser surrealen Sache, die erst seit 425 Tagen in Deutschland existiert. Eine Kleinstadt an Menschen ist inzwischen gestorben, eine ganze Großstadt wie München ist vom Verlust dieser Menschen betroffen.“

Die Autorin der Kolumne möchte mit ihren einfühlenden Worten, die Geschädigten der Pandemie sichtbar machen – auch indem sie sicherlich ganz bewusst das Wort „Opfer“ verwendet. Was ist damit gemeint?

Wenn Menschen durch Gewalt zu Schaden kommen, dann sprechen wir ja oft davon, dass sie Opfer geworden sind: die 2724 Verkehrstoten im vergangenen Jahr etwa werden als Verkehrsopfer bezeichnet; die ungefähr 120000 Menschen, die jährlich an den Folgen des Rauchens sterben, werden ebenfalls Opfer des Rauchens genannt und die bisher sogar über 76000 an Corona Gestorbenen gelten uns als Opfer der Pandemie.

Im Begriff „Opfer“ stecken aber zumindest zwei grundverschiedene Bedeutungen, die im Deutschen nicht getrennt werden, aber etwa im Lateinischen oder auch im Englischen durch zwei verschiedene Vokabeln bezeichnet und damit unterschieden werden: victima oder victim auf der einen und sacrificium oder sacrifice auf der anderen. Während victim einen Menschen oder ein anderes Lebewesen bezeichnet, der oder das zu Schaden, womöglich ums Leben gekommen ist; bedeutet das sacrifice ein sichtbares Kommunikationsgeschehen, einen demonstrativen Tausch für einen höheren Zweck, eine öffentliche Hingabe für etwas; victima ist passiv, Objekt und stumm, oft anonym – sacrificium ist aktiv, Subjekt und spricht, identifizierbar.

Die eingangs genannten Opfer des Straßenverkehrs, des Rauchens oder der Pandemie, sind zuerst allesamt stumm und wurden passiv zum Opfer, anonym allein schon in den großen Zahlen; die Frage nach einem tieferen oder höheren Sinn ihres Leidens und Sterbens verbietet sich, wenn sie sich überhaupt stellt. Anders das Opfer, über das wir heute an Karfreitag nachdenken sollen: Wir sollen Jesus am Kreuz nicht ausschließlich als victim verstehen, das als bloßes Objekt einer brutalen Justiz vom Tode in Leben befördert wird – das er ja ist! – sondern wir sollen ihn auch als sacrificium sehen, als handelndes Subjekt, dessen Tod Hingabe für die Menschen und Kommunikation mit Gott ist. Wir sollen also den Sinn seines Kreuzestodes begreifen.

Das war früher nicht leichter als heute, zu groß der Schmerz und zu groß auch die offensichtliche Sinnlosigkeit von Gewalt und Tod. Welcher Sinn könnte darin bestehen, dass die antike Supermacht Rom einen Wanderprediger als politischen Aufrührer am äußersten Rand seines Imperiums exekutiert, eine Person, die den allerwenigsten Menschen im eigenen völlig unbedeutenden Land bekannt gewesen sein dürfte, geschweige denn irgendjemandem im fernen großen Rom. Niemand hat von Jesus in Rom zur Zeit seines Todes gewusst; und so viele im eigenen Land werden es auch nicht gewesen sein. Was für ein völlig sinnloser Tod.

Um damit irgendwie fertig zu werden, jenseits von Furcht und Zittern und der alles weitere lähmenden Stille, haben die Freunde und Jünger Jesu die Heilige Schrift befragt, das Alte Testament, und dabei sind sie auf Texte wie unseren Predigttext gestoßen. Dabei ist es nicht der Tod, auch in unserem Lied vom Gottesknecht ist es nicht der Tod selbst, der Sinn hat, sondern der Tod für andere kann deshalb Sinn machen, weil das Leben für andere Sinn hat. Der Prophet zeichnet den Gottesknecht als verachteten Außenseiter, als kranken, leidenden Schmerzensmann, als geplagten und gestraften Übeltäter – der als solcher seinen Mitmenschen, der Gesellschaft insgesamt den Spiegel vorhält. Er ist eben nicht der Sonderfall, für den er gehalten wird, sondern er trägt an sich sichtbar das Leid und die Schuld, die die Menschen alle an sich tragen – und löst das Entsetzen aus, dass eigentlich den Entsetzten selbst gilt. Dennoch wird er von Gott angenommen, trotz allem.

Das Opfer zu dem der Gottesknecht sich hingibt besteht im Sichtbarmachen, im schonungslosen Offenlegen menschlicher Nöte und Abgründe an sich selbst. In der Auseinandersetzung mit den Überlieferungen der Bibel rangen – und gewannen! – die ersten Christen dem sinnlosen Tod am Kreuz so einen Sinn ab. Der dort leidet und stirbt, ist nicht allein: In ihm sehen wir unser eigenes Leiden und Sterben. Die Evangelien gehen aber noch weiter, indem sie nicht nur im Tod des einen die vielen sehen und sichtbar machen, – sondern in großer theologischer Kühnheit und Konsequenz nicht nur den Menschen Jesus sondern auch den Gottessohn, ja Gott selbst am Kreuz erkennen: Wenn Gott in diesem Menschen Jesus gelebt hat – dann ist er auch mit ihm gestorben.

Diese Erkenntnis dürfte das Entsetzen der ersten Christen zunächst noch um einiges gesteigert haben: „Oh große Not, Gott´s Sohn ist tot“ – wie wir gesungen haben, oder wie es in der Originalfassung heißt – „Oh große Not, Gott selbst ist tot“ – um dann aber nach und nach zu erkennen, dass in dieser kaum zu überbietenden Steigerung der Solidarität nicht weniger als unser ganzes Heil liegt: Gott selbst nimmt Leid und Schuld von uns Menschen, indem er es auf sich nimmt, er begibt sich ans Kreuz, macht sich für uns zum sacrificium – damit wir endlich erkennen, wie er es mit uns meint.

Mit solcher göttlichen Solidarität wird das Opfer am Kreuz maximal sichtbar. Es geht also an Karfreitag neben allem anderen auch um das Sichtbarmachen der Leidenden und Sterbenden, deren Leben wir damit würdigen. Und es geht um Mitleid und Trost für die Betroffenen.

Die eingangs zitierte Autorin Samira El Ouassil schließt ihre Kolumne mit dem Passionsmotiv der trauernden Mutter:

„Tante E. drücke ich zum Abschied und halte ihre Hand. Nicht zu fest, ich will die fragile Dame nicht kaputt machen, aber doch fest genug, weil ich ihre Traurigkeit wegumarmen, ihre Angst wegstreicheln will. Aber wie fest umarmt man eigentlich eine trauernde Mutter, deren Kind an Covid gestorben ist? Ich weiß es nicht.“

Amen.

Predigttext für Palmsonntag, 28.3.2021

Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. In diesem Glauben haben die Alten Gottes Zeugnis empfangen. 

Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, an einen Ort zu ziehen, den er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme. Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen im Land der Verheißung wie in einem fremden Land und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung. Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist. Durch den Glauben empfing auch Sara, die unfruchtbar war, Kraft, Nachkommen hervorzubringen trotz ihres Alters; denn sie hielt den für treu, der es verheißen hatte. Darum sind auch von dem einen, dessen Kraft schon erstorben war, so viele gezeugt worden wie die Sterne am Himmel und wie der Sand am Ufer des Meeres, der unzählig ist.

Diese alle [- im Zusammenhang dieser Stelle werden noch Abel, Henoch, Noah, außerdem Isaak, Jakob, Josef, Mose, Josua und viele weitere große Glaubende des Alten Testaments genannt -] haben durch den Glauben Gottes Zeugnis empfangen und doch nicht die Verheißung erlangt, weil Gott etwas Besseres für uns vorgesehen hat: dass sie nicht ohne uns vollendet würden.

Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns umstrickt. Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, dass ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst. (Brief an die Hebräer 11,1-2[8-12.39-40]; 12,1.3)

Glauben ist nicht Wissen. Das kann man abwertend meinen wie in der unwirschen Nachfrage gegenüber einer Behauptung: „Glaubst Du das bloß, oder weißt Du das wirklich – dass der Bus kommt, dass Heinz und Frieda geheiratet haben, dass das das richtige Ergebnis der Matheaufgabe ist?“ Dann ist Glauben bloß eine mindere Form des Wissens oder eher eine Form des Unwissens.

Mit dem Aufstieg der Wissenschaften ist die Religion und ihre Glaubensvorstellungen in diesem abwertenden Sinn ins Hintertreffen geraten, so dass viele der Religion überhaupt keinen Platz mehr einräumen wollen, wie etwa der berühmte Evolutionsforscher Richard Dawkins, der alles, was nicht Wissen ist, für Humbug hält und der als „Gottes-Wahn“ bekämpft werden muss. Ist es Religion? Dann kann es weg!

Glauben ist nicht Wissen. Das kann man abwertend meinen, muss man aber nicht! Nach dem Autor des Hebräerbriefes ist Glauben keineswegs eine mindere Form des Wissens sondern eine andere, vielleicht sogar bedeutsamere, anspruchsvollere Form der Gewissheit. Glauben bezieht sich nicht auf das Offensichtliche, das Sichtbare, das Vor-Augen-Liegende; nicht auf das dann zu Erforschende, Überprüfbare, das Verständliche und Selbstverständliche – sondern auf das was man nicht sieht, weil man es nicht sehen kann! Und zwar entweder, dass speziell ich es nicht sehen kann, sei es, weil ich am falschen Ort stehe oder weil ich nicht klug genug bin: das wäre dann nur für mich und meinesgleichen zu glauben aber grundsätzlich schon ein Gegenstand möglichen Wissens und nicht besonders sinnvoll, es grundsätzlich zu bezweifeln – wie etwa Berichte aus Ländern, in denen ich nicht war; oder etwa Forschungsergebnisse aus Disziplinen, in denen ich mich nicht auskenne – das dürften übrigens immer und für alle Menschen die weitaus meisten sein. An Viren müssen wir in der Mehrheit solange glauben, wie wir selbst keine medizinischen oder biologischen, besser noch virologischen Kenntnisse erworben haben. Trotzdem sind Viren natürlich kein Glaubensgegenstand sondern Wissen, nur nicht meins.

Außer diesem Glauben, der sich auf ein Wissen bezieht und grundsätzlich in ein Wissen verwandelt werden kann, gibt es nach Meinung unseres Autors und nach Meinung der Religionen weithin, einen Glauben, der nicht in Wissen aufgelöst werden kann, sondern grundsätzlich und immer Glauben ist und bleibt. Dieser Glauben bezieht sich auf Gott, der kein Gegenstand unseres möglichen Sehens oder Erkennens ist, und der im strengen Sinne noch nicht einmal „Gegenstand“ genannt werden sollte, weil Gott ja per Definition kein Gegenstand unserer Wirklichkeit sondern „die alles bestimmende Wirklichkeit“ (Rudolf Bultmann) ist: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht“ (Dietrich Bonhoeffer) Und da dürften selbst die wildesten Atheisten mit den glühendsten Gläubigen übereinstimmen.

Während Gottes Unwirklichkeit als Teil unserer Welt von den einen als atheistische Kritik verstanden und verwendet wird, gehört genau das (also Gottes weltliche Unwirklichkeit) für die Glaubenden zum Wesen Gottes als „Geheimnis der Welt“ (Eberhard Jüngel): Gott ist kein Teil der Welt, denn er ermöglicht diese Welt erst. Gott ist nicht Teil sondern Grund und Ursache unserer Welt: Er ist der, der schlechthin nicht zu sehen und zu erkennen ist. Er kann nicht gewusst sondern nur geglaubt werden. Nicht durch Wissen und Wissenschaft sondern allein durch den Glauben erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort geschaffen ist, dass alles, was man sieht, aus nichts geworden ist (Hebräer 11,3).

Wen wir etwas von Gott erfahren, dann durch Gottes eigenes Zeugnis an seine Propheten und Apostel, die Wolke der Zeugen: Diese alle haben durch den Glauben Gottes Zeugnis empfangen – und bis zu uns weitergeben. Können uns diese Zeugen für Gott mit ihrem Zeugnis überzeugen? Wie alle Zeugen stehen sie unter Vorbehalt: Sie können sich ja geirrt haben, sie können etwas falsch verstanden haben, sie können sich getäuscht haben oder getäuscht worden sein, sie können das Zeugnis teils vergessen und teils ausgeschmückt haben, sie könnten es auch willentlich verfälscht haben. All das ist sicherlich auch passiert, die historische Kritik an der Bibel versucht möglichst genau nachzuzeichnen, wie sich das Zeugnis gebildet, entwickelt und verändert hat – ohne es dabei aufzulösen.

Weil es diesen Vorbehalt gibt, spricht unser Autor von der Wolke der Zeugen, die nicht alleine für sich stehen, sondern insgesamt und gemeinsam als große Erzählung der Bibel Zeugnis abgeben und Glauben erwecken, längst nicht bei jedem. Wenn sie es aber tun, üben sie in uns eine Fähigkeit, die gerade in schwierigen Situationen und Krisen äußerst nützlich sein kann: nämlich den gegenwärtigen Zustand, die Misere, in der wir uns befinden, nicht für das Ganze zu halten, nicht in Gedanken zu verewigen: in dem Glauben halt, der eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und einem Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht ist.

Hier wäre nun alles einzutragen zwischen Kummer und Katastrophe, was uns gegenwärtig beherrscht aber nicht auf ewig beherrschen wird. Sogar die verdammte Pandemie wird zu Ende gehen, wie es uns der naive, aber schöne Glaubenssatz aus Italien im vergangenen Jahr lehrte: andrà tutto bene.

Und damit wird keineswegs einer Realitätsflucht das Wort geredet, sondern die Gewissheit geäußert, dass unser Beharren im jetzigen Leiden den Sinn hat, uns für die Zeit danach zu erhalten. Es ist sinnvoll jetzt durchzuhalten, damit am Ende auch für uns alles gut sein wird: Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist!

Das könnte noch allzu sehr nach Durchhalteparole klingen, zu unbestimmt, zu wolkig, so dass sich die Wolke der Zeugen zum Nebel verdichtete, ohne Anhaltspunkt, ohne klares Bild, auf was genau sich der Glauben richtet, denn der Gott, der bildlos verehrt werden will („Du sollst dir kein Bild von Gott machen!“ 10 Gebote), könnte sich als bloßer Grenzbegriff, als bloßer Fluchtpunkt, von dem alles herkommt und auf den alles hinläuft, in einem bloßen grauen Nebel des Glaubens verflüchtigen (eher: Nebel des Grauens!)

Deshalb fährt unser Autor fort und schreibt: Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens; den hat Gott uns zu seinem Bild gegeben, an das wir uns halten können in den Kämpfen unseres Lebens. Er – nämlich Jesus – ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines – nämlich Gottes – Wesens und trägt alle Dinge – nämlich die ganze Welt – mit seinem kräftigen Wort – nämlich dem Zeugnis, von dem schon die Rede war (Hebräer 1,3 als programmatischer Anfang des ganzen Briefes).

Zu dem verbalen Zeugnis über Gott kommt das sichtbare Bild, mit dem wir Gott selbst erblicken, das freilich schon unserem Autor – wie auch uns – nur als Zeugnis der Propheten und Apostel überliefert ist. Ein bisschen ist es also für uns wie mit dem Blinden, dem die Farben und Formen der sichtbaren Welt erklärt werden, ohne dass er sie selbst je sehen könnte – er sich aber dennoch daraus etwas bildet, das beinahe „Bild“ genannt werden kann. Eine Bildbeschreibung wird die unmittelbare Erfahrung des Bildes nicht ersetzen, muss aber fürs erste, für dieses Leben, für diese Kämpfe in Zuversicht und Wachheit reichen: Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, dass ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.

500 Jahre Josquin Desprez († 1521)

Ob es Ludwig XI. oder Ludwig XII. war, dem Josquin, der wohl größte Komponist der Renaissance, einen Streich spielte, ist auch nach 500 Jahren noch nicht völlig geklärt. Auf jeden Fall war es der französische König persönlich, der den Meister um eine eigene Gesangspartie bat: er wolle bei einer Aufführung gerne einmal mitsingen. Josquin tat, wie ihm befohlen. Allerdings hielt er von den sanglichen Qualitäten des Königs so wenig, dass er dessen Stimme nur auf einem einzigen Ton komponierte.

Wer sich so etwas traut, weiß um seinen Wert. Nicht nur wegen seines kantigen Charakters wird Josquin oft mit Beethoven verglichen. Josquins Erneuerungen der frankoflämischen Vokalpolyphonie strahlten weit voraus bis hin zu J.S. Bach. Zwar sind die Stationen seines Lebens – St. Quentin, Aix-en-Provence, Paris, Mailand bei Kardinal Ascanio Sforza, Sixtinische Kapelle in

Rom, Mailand, Ferrara, zurück nach Nordfrankreich – nicht lückenlos rekonstruierbar. Aber einiges gilt doch als gesichert, z.B. dass Josquin 1503 in Ferrara als Kapellmeister am Hofe des Herzogs Ercole I. d’Este mit 200 Dukaten das höchste Gehalt verhandelte, das je ein Musiker dort erhalten hatte. Für den Herzog, eine schillernde, Pracht liebende Persönlichkeit, schrieb er eine ebenso prachtvolle Messe, die “Missa Hercules dux Ferrariae”. Schon zu Lebzeiten war sein Vorname in aller Munde, bei Herrschern, Musikern und Dichtern. In Italien verglich man ihn posthum mit Michelangelo. Als erstem Komponisten der Musikgeschichte wurde ihm ein Individualdruck seiner Messen mit dem hochmodernen Notendruckverfahren mit Metalllettern gewidmet. Eine größere Ehre gab es nicht.

Zu Josquins berührendsten Werken zählt die französische Trauermotette über den Tod Ockeghems, der 1497 an der damaligen Pandemie, der Pest, verstarb. Die “déploration de la mort de Jehan Ockeghem” imitiert mit fünf Stimmen den Stil des älteren Komponisten in unablässig ineinanderfließenden Linien über einem Cantus firmus aus dem Introitus “Requiem aeternam”. Ein pures Meisterwerk ist die “Missa Pange Lingua” für vier Gesangsstimmen. In der Regel singen höchstens drei Sänger je eine Stimme. Allen fünf Sätzen (Kyrie, Credo, Gloria, Sanctus und Agnus Dei) liegt der gleichnamige Hymnus von Thomas von Aquin zugrunde. Größere und kleinere Fragmente der berühmten Melodie ziehen sich nach den komplexen Regeln des Kontrapunkts echoartig durch das gesamte Stück. Gleichzeitig lässt Josquin kaum eine Gelegenheit der expressiven Ausdeutung des Textes durch die Musik aus und verleiht ihm dadurch noch mehr Tiefe. Mit Josquin setzt die Kunst der musikalischen Interpretation des Textes, später ein Hauptmerkmal des Barock, ein.

Luther schätzte Josquins Musik sehr und kannte sie in Form von Lautentabulaturen, also Transkriptionen von polyphonen Gesangsstücken für Zupfinstrumente. In den Tischreden schrieb er über den Nordfranzosen, der selbst nie in Deutschland gewesen war: “So hat Gott das Evangelium auch durch die Musik gepredigt, wie man an Josquin sieht.”

Anne Sophie Meine

CD-Tipps: The Tallis Scholars sing Josquin, Label Gimell 2015, mit “Missa Pange Lingua”; The Hilliard Ensemble: Missa Hercules Dux Ferrariae, Motets & Chansons, Label Plg Classics Warner 2004, mit “La déploration de la mort de Jehan Ockeghem”.

Predigttext für den Sonntag Judika, den 5. Sonntag in der Passionszeit, 21.3.2021

Hiob spricht: So merkt doch endlich, dass Gott mir unrecht getan hat und mich mit seinem Jagdnetz umgeben hat. Siehe, ich schreie »Gewalt!« und werde doch nicht gehört; ich rufe, aber kein Recht ist da. Er hat meinen Weg vermauert, dass ich nicht hinüberkann, und hat Finsternis auf meinen Steig gelegt. Er hat mir mein Ehrenkleid ausgezogen und die Krone von meinem Haupt genommen. Er hat mich zerbrochen um und um, dass ich dahinfuhr, und hat meine Hoffnung ausgerissen wie einen Baum. Sein Zorn ist über mich entbrannt, und er achtet mich seinen Feinden gleich. Vereint kommen seine Kriegsscharen und haben ihren Weg gegen mich gebaut und sich um meine Hütte her gelagert. Er hat meine Brüder von mir entfernt, und meine Verwandten sind mir fremd geworden. Meine Nächsten haben sich zurückgezogen, und meine Freunde haben mich vergessen. Meinen Hausgenossen und meinen Mägden gelte ich als Fremder; ich bin ein Unbekannter in ihren Augen. Ich rief meinen Knecht und er antwortete mir nicht; ich musste ihn anflehen mit eigenem Munde. Mein Odem ist zuwider meiner Frau, und den Söhnen meiner Mutter ekelt’s vor mir. Selbst die Kinder geben nichts auf mich; stelle ich mich gegen sie, so geben sie mir böse Worte. Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt. Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und nur das nackte Leben brachte ich davon. Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen! Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch? Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift, mit einem eisernen Griffel in Blei geschrieben, zu ewigem Gedächtnis in einen Fels gehauen! Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen. Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.(Buch Hiob 19,6-27; der vorgesehene Predigttext Hiob 19,19-27 ist vorgehoben)

Dass Optimismus nur ein Mangel an Information sei, liebe Schwestern und Brüder, lässt sich zumindest an Hiob nicht belegen: Ihn treffen die schrecklichsten Nachrichten – unsere redensartlichen Hiobsbotschaften – die Gewinnwarnungen und die Verlustmeldungen prasseln nur so auf ihn nieder und alle bewahrheiten sich: Gesundheit weg, Besitz weg, Wohlstand weg, Ansehen weg, Kinder weg, sogar die Liebe seiner Frau ist weg – Mein Odem ist zuwider meiner Frau (das soll vorkommen, besonders morgens) – und auf die Freunde, die ihm geblieben sind, könnte man gerne verzichten. Hiob geht auf Zahnfleisch. Warum geht er nicht unter? Was hält ihn am Leben, was hält ihn am Glauben? Was lässt ihn angesichts seiner Lage reichlich optimistisch sagen: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.

Eine wirkliche Antwort erhalten wir darauf nicht, nicht hier und nicht im ganzen Buch Hiob. Das Leid des Gerechten bleibt unerklärt und bleibt unerklärlich. Und die Erklärungsversuche, die das Buch anstellt – eine Sache gegen ihn zu finden, also die Schuld bei ihm zu suchen – zeigen nur, dass sie nichts taugen. Im Leiden, in Krankheit, in Seuche, in Katastrophen einen Sinn zu suchen, funktioniert nicht. Und Gott im Weltlauf zu erkennen, funktioniert genauso wenig wie ihn dafür zu rechtfertigen. Anders als der Philosoph Leibniz mit all seiner universellen Gelehrsamkeit in seinem Werk Theodizee sich bemüht hat, lässt sich Gott nicht rechtfertigen und so – angesichts der Weltläufe – schon gar nicht.

Im Gegenteil: Mit Hiob, der ausdrücklich sagen kann: „Die Erde ist in die Hand des Frevlers gegeben“ (Hiob 9,24) und damit Gott meint, erkennen wir im Herrn der Weltgeschichte den Teufel – wie ja auch die Hiobsgeschichte als Wette zwischen Gott und Satan konstruiert ist, wobei sich Gott in dieser makabren und blasphemischen Wette zum zweiten Teufel verdoppelt. Auch der reichlich theaterhafte Schluss der ganzen Geschichte, an dem ein deus ex machina das Lebensglück Hiobs gleich doppelt wiederherstellt, kann das Leid, das das doppelte Teufelchen mit seiner Wette angerichtet hat, niemals rechtfertigen. Wo aber ist Gott? wäre mit Hiob zu fragen – dessen hebräischer Name genau das heißt: Wo ist Gottvater? Er hat sich Hiob zum Feind gemacht – auch dieses Wort „Feind“ klingt im Hebräischen beinahe wie der Name Hiob: Gott hat mich zerbrochen um und um, dass ich dahinfuhr, und hat meine Hoffnung ausgerissen wie einen Baum. Sein Zorn ist über mich entbrannt, und er achtet mich seinen Feinden gleich.

Wenn also weder Gott noch Glauben mit der Hiobsgeschichte erklärt werden können oder sollen, was dann? Was will sie erzählen? Was sagt sie uns? Das Buch Hiob soll zeigen, dass der nackte – allen Schutzes, allen Schmucks und aller Schätze beraubte – Mensch, zumindest der nackte Hiob, an Gott glaubt und glauben kann; und dass dieser Glaube kein Tauschgeschäft für ein gutes Leben ist. Genau darum ging ja die Wette, die die Geschichte in Gang setzt, wenn der eine Teufel zum anderen sagt: Meinst du dass Hiob Gott umsonst fürchtet? Hast du doch ihn, sein Haus und alles, was er hat, ringsherum bewahrt. Du hast das Werk seiner Hände gesegnet und sein Besitz hat sich ausgebreitet im Lande. Aber strecke deine Hand aus und taste alles an, was er hat: Was gilt´s, er wird dir ins Angesicht fluchen! (Hiob 1,9-11), was seine Frau ihm dann auch empfiehl: Hältst du noch fest an deine Frömmigkeit? Fluche Gott und stirb! (Hiob 2,9; Der Heilige Augustinus hält sie wegen dieses Sätzchens für eine Helferin des Teufels, eine „adiutrix diaboli“) Ein unfrommer Rat, dem der fromme Hiob nicht folgt.Hiob wird zwar von allem entkleidet – Er hat mir mein Ehrenkleid ausgezogen – nur das nackte Leben brachte ich davon – er wird entblößt – und behält aber dennoch Würde und Glauben.

Nacktheit ist ja ein vieldeutiges, auch widersprüchliches Symbol, sie heißt so viel! – Unschuld im Paradies und Ursünde dortselbst, dann Scham; Liebe, Lust, Leidenschaft, Laster; private Intimität und öffentliches Ärgernis; Hingabe und Ausgeliefertsein; Schutzlosigkeit; Kälte, Armut; Anmut, Schönheit, Gleichheit, Freiheit (Freikörperkultur! für solche Worte wird die deutsche Sprache in aller Welt geliebt, mit Recht!), Brüderlichkeit, Lächerlichkeit, Peinlichkeit, Hässlichkeit, Grobheit.

„Auf die Erde voller kaltem Wind, kamt ihr alle als ein nacktes Kind. Frierend lagt ihr alle ohne Hab als ein Weib euch eine Windel gab“ dichtet der Dichter Bertolt Brecht „Von der Freundlichkeit der Welt“ und frei nach Hiob: “Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren.“ (Hiob 1,21); der Philosoph Giorgio Agamben philosophiert vom nackten Leben des homo sacer, der getötet aber nicht geopfert werden darf, und die Cartoonisten Hauck & Bauer machen sich über die von ihnen erfundene Nudistenpartei „Die Nackten“ lustig. Der Malerfürst Peter Paul Rubens malt Barockschinken, an deren Inkarnat wir uns heute noch erwärmen. Das Künstlerpaar Gilbert & George zeigt sich als living sculptures gerne selbst nackt, nackter jedenfalls als man es seinen minderjährigen Pfarrerstöchtern zumuten sollte. Nackt sind wir mit unserer Liebsten zusammen; nackt sind wir im OP, wo uns der nackte Leib aufgeschnitten wird. Nackt sind wir nicht in der Kirche, auch wenn einer meiner pubertären Lieblingswitze „die Nacht der Kirchen“ zu „Nackt in der Kirche“ verkalauert; nackt sind wir aber vor Gott. Nackt wie Hiob.

Als Nackte sind wir so, wie wir sind: unverborgen, ohne Maske, unverhüllt, ohne die Distinktionsmerkmale unserer Kleidung, auf uns selbst reduziert. So stehen wir vor Gott, der es – wie es Hiob erlebt und wir doch auch bisweilen so erleben – dabei belässt; uns nicht schützend bedeckt, nicht unsere Blöße zudeckt, eben nicht jede Krankheit heilt, nicht jeden Streit schlichtet, nicht – als Löser, wie es eigentlich im Text steht, als Fürsprecher – dem Gerechten zu seinem Recht verhilft, nicht die Sünden vergibt. So steht Hiob vor Gott und wir neben ihm – und so lässt Gott uns stehen, peinlich. Nackt am falschen Ort, das ist peinlich.

Diese metaphysische Nacktheit entdeckt, erzählt, erforscht uns die Hiobsgeschichte, die uns darin moderner erscheint, als sie ist. Denn warum sollte Gottesferne, warum sollte Gottverlassenheit eine Erscheinung der Moderne sein. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ – schreit ein Nackter am Kreuz vor zweitausend Jahren, gleichfalls wie Hiob ein leidender Gerechter. Von Gott und den Menschen verlassen wendet er sich an den, von dem er sich verlassen weiß.

Das muss man nicht für besonders konsequent, nicht für logisch oder vernünftig halten. Wie gesagt, die Hiobsgeschichte erklärt nicht sondern sie zeigt; also sie zeigt in den vielen Erklärungen, die sie durchprobiert, – Erklärungen über den Lauf der Welt, über Gott und die Menschen – dass diese Erklärungen nicht funktionieren; und sie zeigt uns mit Hiob einen Menschen, der ohne jeden Grund und gegen jeden Grund – unerklärlicherweise! – dennoch an Gott festhält.

Hiob weigert sich schlicht, die Abwesenheit Gottes zu akzeptieren: Abwesenheit ist keine Option, ziemlich verrückt. Seine Gottessehnsucht schlägt Gottesferne: Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen. Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust. 

Die christliche Lektüre – Hiob ist ja ein Buch im Alten Testament und wird von Juden und Christen gelesen – die christliche Lektüre wird in diesen Zeilen auch ihren Erlöser mitlesen und erkennen – „imaginieren“, wie Luther gelegentlich gesagt hat, also das Bild des – aus dem Staub – auferstandenen, lebendigen Erlösers Jesus Christus in diese Hiobverse eintragen. Noch so eine Glaubensvorstellung, die unserer Vernunft spottet: Auferstehungshoffnung schlägt Todesgewissheit, völlig verrückt!

Ein solcher Glauben mag manchen sinnlos erscheinen, aber er ist jedenfalls möglich, wie wir am Beispiel des Hiob sehen und lernen – und er kann unser nacktes Dasein umhüllen – in den überaus kleidsamen Worten des Propheten Jesaja:

Ich freue mich im Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt. (Jesaja 61,10)

Predigttext für den Sonntag Lätare, 4. Sonntag in der Passionaszeit, 14.3.2021

Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. Die traten zu Philippus, der aus Betsaida in Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollen Jesus sehen. Philippus kommt und sagt es Andreas, und Andreas und Philippus sagen’s Jesus. Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Wer sein Leben lieb hat, der verliert es; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird’s bewahren zum ewigen Leben. Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren. (Johannesevangelium 12,20-26)

Zur Feier des Weltfrauentages, liebe Schwestern zuerst, aber auch liebe Brüder, am vergangenen Montag haben wir in der Familie den neuen Film „Wonder Woman 1984“ angesehen, leider nicht im Kino sondern nur gestreamt im Fernsehen.

Da ich nicht annehme, dass alle von Ihnen den Film schon gesehen haben, fasse ich ihn kurz zusammen: Wie bei allen Superheldenfilmen rettet der Superheld – hier die Superheldin Wonder Woman, verkörpert durch die unvergleichliche israelische Schauspielerin Gal Gadot – sie rettet also die Welt vor einem Superschurken.

Umstände der Rettung, Fähigkeiten der Helden, Bösartigkeit der Schurken variieren – aber im Grunde sind die Filme alle gleich, indem unweigerlich und trotz größter Bedrängnis das Gute siegt über das Böse und am Ende das moralische Gleichgewicht im Universum wieder hergestellt ist. Diese Superheldengeschichten sind damit, nebenbei bemerkt, nicht nur allesamt allerhöchst moralische Märchen sondern säkularisierte Erlösungsmythen, in denen der Superheld engelsgleich die Lüfte durchfliegt und Botschafter des Guten ist. In diesem Film letzten Montag lernt Wonder Woman erst noch das Fliegen, aber sehr lange braucht sie dafür nicht, es zu lernen, um auch als sichtbar starker Engel mit goldenen Flügeln überaus ansehnlich die Welt zu retten.

Ihr schurkiger Gegenspieler, ein Versager und Betrüger, modelliert als Karikatur der Finanzwelt, hatte sich zuvor in den Besitz eines Wunschsteins gebracht, mit dessen Hilfe und bei Berührung des Steins ein beliebiger Wunsch – ich sage ja, es ist ein Märchen – in Erfüllung geht – allerdings nur ein Wunsch pro Person, wo kämen wir da hin. Deshalb, also um mehr Wünsche zur Verfügung zu haben, verwandelt sich der Schurke – hier wird es etwas verwirrend und das musste ich mir von meinen Töchtern erklären lassen – den Wunschstein ein, damit er nun beliebig viele Wünsche zur Verfügung hat. Allerdings muss der Wünschende im Tausch das ihm Liebste und Wichtigste weggeben und aufgeben – womit sich natürlich die Nemesis schon aufbaut. Wie gesagt – soviel Spoiler darf sein – anders als das Leben geht jede Superheldenstory gut aus – auch diese; vor allem deshalb, weil unsere Superheldin – im Gegensatz zum Superschurken – bereit ist, das ihr Liebste im Leben hinzugeben.

„Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönnen und nähme doch Schaden an seiner Seele“, fragt Jesus gelegentlich – und der Film antwortet eindeutig:

Dem Superschurken hat es nicht geholfen, die ganze Welt zu gewinnen, sondern durch den Schaden an seiner Seele gibt er dem rettenden Engel Wonder Woman Gelegenheit die Welt zu retten. So wie der Wunscherfüllung liegt auch der Erlösung ein Tausch oder ein Wechsel zugrunde, ein fataler Tausch auf der einen und ein fröhlicher Wechsel auf der anderen Seite. Ganz ohne Kenntnis unserer Superhelden hat Martin Luther vom „fröhlichen Wechsel“ gesprochen, der uns erlöst.

Tausch und Wechsel sind eigentlich ökonomische Vorgänge; auch unsere Geldwirtschaft hat keineswegs die Tauschwirtschaft überwunden sondern vielmehr nur verfeinert, denn sie beruht auf dem Eintauschen eines Metallplättchens, einer Geldmünze, oder eines Papierfetzens, einer Geldnote, in die Ware oder die Leistung, die ich zu haben wünsche. Um das eine zu bekommen, muss ich das andere hergeben. Das lernen wir meistens schon im Sandkasten, wenn uns gesagt wird, dass wir das Eimerchen an unseren Spielkameraden abgeben müssen, um dessen Schäufelchen zu bekommen. Wenn das einer nicht einsieht, fließen die Tränen – und wer das nicht im Sandkasten eingesehen hat, kann schon mal als Finanzjongleur die Welt in eine Wirtschaftskrise stürzen. Wer was bekommen will, muss was abgeben, basta. Noch der Ganove erlebt das an sich, wenn er zwar keinen Wert und keine Leistung hingibt, aber eben seine Rechtschaffenheit und seine Unschuld, und wenn er fortan damit rechnen muss, im Nachhinein für Schuld und Schulden zu bezahlen.

Wenn also unser Predigttext heute davon spricht, dass das Korn hinzugeben ist, um später die Frucht zu erhalten: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht, dann folgt er eigentlich auch mehr dieser grundsätzlichen wirtschaftlichen Logik als der oberflächlichen landwirtschaftlichen Logik – der natürlich auch. Aber dass es Jesus und seinem Biographen Johannes hier nicht so sehr um Wachsen und Gedeihen – und eben nach auflösender Deutung um Begraben Werden und Auferstehen – sondern um Tausch und Wechsel geht, erhellt ganz klar aus dem Zusammenhang: Wer sein Leben lieb hat, der verliert es; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird’s bewahren zum ewigen Leben. Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.

In einem Kommentar zu dieser eigentlich gut verständlichen, aber durch die Wendung „sein Leben hassen“ etwas sperrigen Stelle heißt es: „,Sein Leben zu lieben´ heißt, das eigene Leben und Überleben als der Güter Höchstes zu betrachten, es heißt allein darauf bedacht zu sein, die eigenen Interessen durchzusetzen, … Demgegenüber wird mit der Rede vom ,Hassen´ des eigenen Lebens ,in dieser Welt´ nicht etwa zu pathologischen Selbsthass aufgerufen, sondern [eine] Rangordnung eingeklagt. … [Man wird das Wort] besser durch ,hintansetzen´oder dem höheren Gut gegenüber ,geringachten´ übersetzen.“ (Thyen, Das Johannesevangelium)

Vielleicht folgt die hier ausgedrückte Idee aber vor allem der beschriebenen ökonomischen Logik, ohne das Tauschmittel abzuwerten – so wie wir ja auch den Zehneuroschein keineswegs schon dadurch abwerten, wenn wir mit ihm eine Kinokarte bezahlen. Im Tausch- und Zahlungsmittel selbst erfüllt sich noch nicht sein Zweck, aber auch noch uneingelöst vermittelt es dem Träger Freiheit es einzusetzen und Verantwortung es richtig einzusetzen. So werten Jesus und sein Biograph Johannes unser menschliches, irdisches Leben keineswegs ab, sie machen aber deutlich, dass sich der Zweck unseres Lebens nicht in diesem erfüllt.

Im vergangenen Jahr hat das schon zitierte Schiller-Wort eine erstaunliche Karriere in der Deutung der Pandemie gemacht: „das Leben ist der Güter höchstes nicht“ (Schiller, Braut von Messina, Schlusswort des Chors) und wir haben als Publikum gelernt, dass es ein breites Deutungsspektrum entfaltet. Allerdings dürfte es weder als milde Altersweisheit (wie vom Bundestagspräsidenten) noch als Alibi menschenverachtender Nützlichkeitserwägungen (wie vom Vorsitzenden der Partei am rechten Rand) vom Dichter gemeint gewesen sein, wenn der es vom Schlusschor ausdrücklich „erschüttert“ vortragen lässt: „Erschüttert steh’ ich, weiß nicht, ob ich ihn/ Bejammern oder preisen soll sein Loos./ Dies Eine fühl’ ich und erkenn’ es klar:/ Das Leben ist der Güter höchstes nicht,/ Der Uebel größtes aber ist die Schuld.“ Dann fällt der Vorhang vor den beiden Leichnamen der tragischen Helden.

Auf diese Erschütterung angesichts des Todes reimt sich weder stoischer Gleichmut noch das zynische Kalkül über Wert und Unwert von Menschenleben – auch nicht der verblendete Jubel der Märtyrer – sondern auf die Erschütterung angesichts des Todes reimt sich aber durchaus die Sorge um dieses eine unendlich kostbare Leben und die Angst vor dem Tod, mit dem wir es verlieren – trotz der österlichen Hoffnung mit Christus auferweckt zu werden. Die Endlichkeit unseres Lebens muss uns erschüttern, auch wenn an Ostern beides – das Leben und sein Ende – in einem neuen Licht erscheinen, wie die Frauen – in Furcht und Zittern! – es am leeren Grab erfahren haben – und wir von ihnen.

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Das gilt auch uns. Amen.

Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist

Jesus Christus spricht:
Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist.
(Lukasevangelium 6,36; Jahreslosung für das Jahr 2021)

Es versteht sich nicht von selbst, dass wir Gott für barmherzig und schon gar nicht, dass wir ihn für einen barmherzigen Vater halten. Gerade in Zeiten der Seuche könnte man ja auch auf das Gegenteil kommen, dass er grausam wäre, ein grausamer Herrscher, der uns Menschlein mit harter Hand straft und prüft und uns zeigt, wer der Herr ist. Es soll ja sogar solche Väter gegeben haben, die ihre Kinder mit harter Hand erziehen, getreu dem Bibelwort: „Wen der Herr lieb hat, den züchtigt er, und er schlägt jeden Sohn, den er annimmt.“ (Hebräerbrief 12,6 nach Sprüche 3,12) Und es soll sogar Theologen gegeben haben, die diese Form der schwarzen Pädagogik als die höhere Barmherzigkeit verkauften, Pfui Teufel!

Wahr bleibt, dass weder Gottes Barmherzigkeit am Lauf der Welt ablesbar ist (was die Bibel übrigens auch nicht behauptet; wohl aber gibt es historische Momente göttlicher Barmherzigkeit!), noch dass alle real existierenden Väter zum Bild der Barmherzigkeit taugen (was ebenfalls den Autoren der Bibel nicht entgangen ist; wohl aber erzählen sie und nicht nur ausnahmsweise von löblichen Beispielen!). Dennoch wissen wir, auch wenn wir selbst keinen solchen erlebt haben sollten, was mit der väterlichen Barmherzigkeit gemeint ist und nicht umsonst hat sich in der Bibel das Gottesbild „Vater“ weithin durchgesetzt – nach eher zurückhaltenden Anfängen im Alten Testament hin zur dominanten Metapher bei Jesus, der uns seinen Vater im Himmel als unseren Vater zu glauben gibt: „Vater unser im Himmel …“

Was genau ist mit der väterlichen, genauer (wie gleich zu sehen ist): elterlichen Barmherzigkeit gemeint, mit der uns Gott begegnet und mit der wir anderen begegnen sollen? Barmherzigkeit ist eher Kraft als bloße Eigenschaft, und zwar die, die von sich selbst absieht und anderes Leben schenkt: einem anderen seiner selbst Platz zum Leben einräumt. Das wird bildlich überdeutlich sichtbar an einem der vielen Begriffe für Barmherzigkeit in der Hebräischen Bibel, der nämlich zugleich auch Mutterleib bedeutet.

Natürlich ist Barmherzigkeit als das Geschenk des Lebens nicht zuerst oder vor allem biologisch gemeint, sondern umfassend als Selbstzurücknahme, als Verzicht auf eigene Ansprüche zugunsten eines anderen, der seine Ansprüche nicht anmelden, geschweige denn durchsetzen kann. Der Barmherzige gibt von dem, was er zu viel hat, einem anderen, der davon zu wenig hat. Das müsste er nicht – aber vielleicht doch und deshalb hat die Bibel Alten Testaments neben die großen Bereiche des Straf- und des Kultgesetzes den nicht geringeren des Erbarmensgesetzes gesetzt, dessen Grund und Auftrag unser Bibelwort zusammenfasst: Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist.

Barmherzigkeit ist nach biblischem Verständnis nicht die philanthropische Kür der Privilegierten, die sie sich leisten können, sondern von Gott auferlegte Pflicht, sich von der Bedürftigkeit anderer anrühren zu lassen und mit ihnen die eigenen Lebensmöglichkeiten zu teilen. Sie ist der für eine gelingende Gesellschaft unverzichtbare Verzicht auf eigene Privilegien zugunsten von Solidarität mit denen, die weniger vom Leben haben, damit auch die leben können.

Klaus Neumann, Pfarrer