Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe

„Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe, der da reicht von der Erde bis zum Himmel“, was der Autor, Martin Luther, vor ziemlich genau 500 Jahren (in seiner Predigt am 7. Tag nach dem Sonntag Invokavit, am 15. März 1522), vielleicht nicht ganz so überschwänglich ausgesprochen hätte in einem backheißen Sommer wie diesem. Er selbst und seine Zeitgenossen des 16. Jahrhunderts hatten eher mit dem Gegenteil, einer sogenannten „kleinen Eiszeit“ zu kämpfen, die aber ebenfalls Missernten und Not mit sich brachte; und die übrigens genau wie unsere Klimaprobleme heute die Menschen als widernatürlich empfanden. Nur dass damals der Teufel und seine Leute verantwortlich gemacht wurden und heute wir höchstpersönlich und selbst dafür verantwortlich sind.

Vielleicht hat der Autor, der nämlich gerade in seiner Predigt über das Abendmahl nachdachte, den Duft seines Abendessens in der Nase gehabt: einen leckeren Auflauf, eine raffinierte Pastete, ein üppiges Brathähnchen, wer weiß? Vielleicht hat er sich auch an die Aromen der Küche seiner Kindheit erinnert, an köstliche Kuchen von Mutter oder Großmutter, wie sie auch uns träumend nun nicht mehr in die Nase, aber in den Kopf steigen: ach, dieser Apfelkuchen! Vielleicht hatte er auch nur einfach Kohldampf; wofür einiges spricht, da seinerzeit die Kartoffel noch nicht über den Atlantik gesetzt hatte und Fleisch ein seltener Festschmaus war.

Den glühenden Backofen ohne Backduft zu denken, verbietet sich schon aus Gründen der Energieeffizienz. An kalten Tagen war ein solcher Backofen die einzige Heizung und machte die Küche zum Mittelpunkt der Wohnung. Noch lange konnte man – wie mein lieber Vater, Gott hab ihn selig, es getan hat – vom Kanonenofen der Kindheit schwärmen, um den sich an Wintertagen die Familie versammelte, dem Knistern und Knastern von Holz und Kohle zuhörte, was ja nicht selten Unterhaltung genug ist. Der nur dem Namen nach kriegerische Ofen war mit seiner abstrahlenden Wärme ein Bild des Friedens, des Wohlbehagens, der Geselligkeit und des Schutzes. Wie wird es sein, wenn wir uns womöglich im nächsten Winter um die gerade noch hastig zusammengekauften Ölradiatoren und Heizlüfter sammeln und Wärme suchen?

Gott strahlt seine Liebesenergie in die Welt hinaus. Das zu bedenken, löst zunächst keins unserer aktuellen Probleme, aber es stellt sie in ein anderes Licht. Der Mensch lebt nicht von Holz und Kohle, nicht von Atom, Gas oder Wind allein, sondern von der wie ein glühender Backofen ausstrahlenden Liebe Gottes. In der zitierten Predigt Luthers geht es um das Abendmahl als Zeichen dieser grenzenlosen, überschwänglichen Liebe Gottes – und mehr noch darum, diese Liebe unter den Menschen auszubreiten, also Gemeinschaft zu suchen, gegenseitig zu helfen, Gott im Angesicht des Nächsten zu erblicken.

Not stresst, Mangel kann entzweien, wissen wir und haben wir zuletzt mit Corona und in unserer Reaktion auf den schrecklichen Krieg in der Ukraine erlebt; Mangel und Not können aber auch Impulse zur Solidarität geben, Energien der Hilfe freisetzen; auch das haben wir in den jüngsten Krisen erfahren. Darum soll es gehen, wenn wir die Liebe Gottes spüren, dass wir sie weitergeben. Wie das am besten geht, müssen wir jeder selbst herausfinden, aber wir wissen es ja auch schon. Ich für meinen Teil habe vor, mich noch mehr als bisher an Herd und Ofen zu stellen und von dort aus Gemeinschaft zu pflegen. Es muss ja nicht jeder sein eigenes Süppchen kochen. Auch aus unserem Backofen kann zwischen den herüberwehenden Aromen von Kohl und Wurzeln die Liebe Gottes strahlen: „Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist“ (Psalm 34,9)

Klaus Neumann, Pfarrer der Thomasgemeinde

Predigttext für den 14. Sonntag nach Trinitatis, 18. September 2022

Zu der Zeit wirst du sagen:
Ich danke dir, Herr! Du bist zornig gewesen über mich.
Möge dein Zorn sich abkehren, dass du mich tröstest.
Siehe, Gott ist mein Heil,
ich bin sicher und fürchte mich nicht;
denn Gott der Herr ist meine Stärke und mein Psalm
und ist mein Heil.
Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen
aus den Brunnen des Heils.


Und ihr werdet sagen zu der Zeit:
Danket dem Herrn,
rufet an seinen Namen!
Machet kund unter den Völkern sein Tun,
verkündiget, wie sein Name so hoch ist!
Lobsinget dem Herrn, denn er hat sich herrlich bewiesen.
Solches sei kund in allen Landen!
Jauchze und rühme, die du wohnst auf Zion;
denn der Heilige Israels ist groß bei dir!
(Buch des Propheten Jesaja 12)

Das Danklied, das wir gerade gesungen haben („Nun danket alle Gott“ EG 321) und das durchaus als Echo auf Danklieder der Bibel nachklingt, war für viele Generationen evangelischer Christen berühmt als der „Choral von Leuthen“. Was haben sie damit gemeint?

Am Abend nach der Schlacht von Leuthen, am 5. Dezember 1757, sollen die 25.000 preußische Soldaten spontan dieses Lied angestimmt haben – als Lob und Dank für einen unwahrscheinlichen Sieg, den sie unter König Friedrich dem II. – dem Großen – gegen eine österreichische Übermacht errungen hatten. Von diesem Ereignis aus ist das zuvor schon überaus populäre Kirchenlied – die 25.000 werden keine Liedblätter gehabt haben und konnten es trotzdem mitsingen – zu einer nationalen Hymne des weitgehend evangelischen Preußen geworden, wobei weder der Wortlaut selbst, noch die Melodie konfessionell evangelisch und schon gar nicht preußisch militärisch gefärbt sind, wie wir uns eben im Gesang überzeugen konnten. Man muss diese Wirkungsgeschichte nicht mitsingen, meine ich, aber ganz ausblenden kann man sie doch auch nicht.

In Kriegszeiten, in denen wir leben, lässt sich der Umgang vergangener Generationen mit Krieg und Frieden noch viel weniger ausblenden. Meine Generation hatte sich daran gewöhnt, dass Krieg ein Ereignis der fernen Vergangenheit oder ferner Länder wäre, jedenfalls nichts, was uns nahekommen oder direkt angehen könnte. (Obwohl die Redeweise von der Friedenszeit nach dem 2. Weltkrieg nie gestimmt hat.)

Nun aber haben wir eine Außenministerin, die vor Kriegsmüdigkeit warnt. Kein Tag vergeht, an dem nicht über Waffenlieferungen und taktische Finessen berichtet wird. Nicht der Abbruch von Kampfhandlungen sondern nur der Sieg soll den Krieg beenden. Noch die schlimmsten Schäden erscheinen nicht als Grund, den Krieg zu beenden, sondern als Grund, den Krieg fortzusetzen. Wir waren doch – so lange ist das nicht her – darin übereingekommen, dass Krieg nicht – und noch nicht einmal für den Sieger – zu gewinnen wäre angesichts seiner Verluste und Zerstörungen, und auf einmal macht sich der verdächtig, der einen Frieden ohne Sieg dem Krieg vorzieht. Dass wir Krieg wieder für ein Mittel halten, Frieden herzustellen, muss uns bedrücken. Mich bedrückt es.

Und deshalb – weil die Zeiten so sind – erreicht mich auch der Trost unseres biblischen Danklieds nicht mit seiner ganzen Kraft; wie ihn vielleicht auch seine ersten Hörer nicht mit ganzer Kraft traf. Denn auch sie konnten noch nicht – mit den Worten unseres Liedes gesprochen – die Fülle des Heils ausschöpfen; ihre Brunnen waren versiegt oder vergiftet, sie lebten in Zeiten des Zorns und Gottes Herrlichkeit war alles andere als bewiesen. Das Volk Gottes lebte zu Lebzeiten des Propheten im Exil oder unterdrückt im eigenen Land. Stadt und Tempel waren zerstört, das Land verwüstet. Fremde Herren bestimmten das geringe Leben im Land.

Der Dank unseres Danklieds nimmt also etwas vorweg, das noch nicht zu erleben war, das noch nicht real war, das noch in der Zukunft lag: Zu der Zeit wirst du sagen; Und ihr werdet sagen zu der Zeit – meint eine Zeit, die noch kommt, die noch aussteht; eine Zeit nach Unterdrückung und Krieg; eine Zeit nach Zerstörung und Gewalt. Wenn das alles geschehen und vergangen ist, dann ist die Zeit dieses Lobs und dieses Danks.

Zu den besonderen Gaben des Propheten gehören zum einen das Verstehen und Ansagen der Zeit; Zu der Zeit – also noch nicht jetzt! – wirst du sagen, sagt der Prophet;

und zu seinen Gaben gehören zum anderen die „Imaginationen des Friedens“ wie es Professor Scherle vor kurzem hier in der Thomasgemeinde genannt hat. Der Prophet kann sich vorstellen, wie es nach dieser bösen Zeit zu dieser anderen Zeit aussieht. Er blickt durch das Grauen des Krieges hindurch auf das zukünftige Heil durch Frieden. Er malt sich das aus und er malt es uns aus. Gerade im Buch des Propheten Jesaja finden sich kühne Bilder des Friedens:

  • Die gemeinsame Wallfahrt der Völker zum Zion
  • Gefüllte Brunnen; also die sichere Versorgung mit Wasser im von Dürre bedrohten Land
  • Der Garten, in dem wir unter Wein und Feigen sitzen werden
  • Das Umschmieden der Schwerter zu Pflugscharen
  • Friede unter den Tieren als Spiegel und Metapher des Friedens unter den Menschen: „Da wird der Wolf beim Lamm wohnen und die Panther beim Böcklein lagern. Kalb und Löwe werden miteinander grasen, und ein kleiner Knabe wird sie leiten. Kuh und Bärin werden zusammen weiden, ihre Jungen beieinander liegen, und der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind.“ – wie es ein paar Verse vor unserer Stelle heißt.

Die prophetische Überzeugung hält Frieden für möglich; Wandel durch Annäherung selbst von Carnivoren und Vegetariern; Leben ohne Gewalt und Waffen.

Dieser prophetische Überschwang soll sich zumindest im Lied auf die Gemeinde, auf die Sänger von Dank und Lob übertragen. Singend nehmen sie vorweg, was noch nicht sichtbar, noch nicht wirklich ist – aber vom Propheten für möglich gehalten wird.

Auch unser Kirchenlied „Nun danket alle Gott“ erscheint erstmals 1636, mitten im Dreißigjährigen Krieg, ein Frieden war da noch nicht in Sicht; zwölf unvorstellbar lange Jahre sollte die Verwüstung des Landes vor allem durch fremde Mächte da noch weiter betrieben werden, bis zur Erschöpfung und darüber hinaus. Erst allgemeine Kriegsmüdigkeit führte zum Frieden, der noch lange bloße Abwesenheit des Krieges und doch und deshalb schon willkommen war.

Wenn wir Gott danken und loben, haben wir allen Grund dazu, sichtbaren und spürbaren Grund; aber nicht allein und nicht vor allem deshalb sollen heute unser Dank, unser Lob erklingen; sondern um dieser Zeit willen, die Gott herbeiführen wird, wenn alle Furcht und aller Zorn vergangen sind:

Und ihr werdet sagen zu der Zeit:
Danket dem Herrn,
rufet an seinen Namen!
Amen.

Konzert zum Sommerausklang

Rückblick zum 11.9.22

(Fotos: David Eggert)

Kurz vor Beginn verzog dann doch noch das feuchte Wetter, der Flügel konnte behutsam vor die Türen der Kirche gerollt werden und später war der Himmel sogar strahlend blau: Vor einer großen Zuhörerzahl gaben Gabriela Blaudow (Klavier), Lisa Rau (Gesang) und Britta Roscher (Flöte) ein sommerliches Open air-Konzert mit Werken von Händel, Haydn, Debussy, Leonard Bernstein u.v.a. Das Publikum applaudierte begeistert. Mit einem Gläschen Sekt oder Saft klang dieser musikalische Sommerabschluss unter den Kastanien langsam aus.

In Zusammenarbeit mit dem Kulturamt der Landeshauptstadt Wiesbaden

Predigttext für den zweiten Sonntag nach Trinitatis, 26. Juni 2022

Und es geschah das Wort des Herrn zum zweiten Mal zu Jona: Mach dich auf, geh in die große Stadt Ninive und predige ihr, was ich dir sage! Da machte sich Jona auf und ging hin nach Ninive, wie der Herr gesagt hatte. Ninive aber war eine große Stadt vor Gott, drei Tagereisen groß. Und als Jona anfing, in die Stadt hineinzugehen, und eine Tagereise weit gekommen war, predigte er und sprach: Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen. Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und riefen ein Fasten aus und zogen alle, Groß und Klein, den Sack zur Buße an.Und als das vor den König von Ninive kam, stand er auf von seinem Thron und legte seinen Purpur ab und hüllte sich in den Sack und setzte sich in die Asche und ließ ausrufen und sagen in Ninive als Befehl des Königs und seiner Gewaltigen: Es sollen weder Mensch noch Vieh, weder Rinder noch Schafe etwas zu sich nehmen, und man soll sie nicht weiden noch Wasser trinken lassen; und sie sollen sich in den Sack hüllen, Menschen und Vieh, und heftig zu Gott rufen. Und ein jeder kehre um von seinem bösen Wege und vom Frevel seiner Hände! Wer weiß, ob Gott nicht umkehrt und es ihn reut und er sich abwendet von seinem grimmigen Zorn, dass wir nicht verderben. Als aber Gott ihr Tun sah, wie sie umkehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat’s nicht. (Buch des Propheten Jona 3,1-10)

„Das glaube ich nicht!“, ruft eine meiner Schülerinnen aus der 6. Klasse laut in den Unterricht bei vielen passenden und bei noch viel mehr unpassenden Gelegenheiten. Das nervt manchmal, weil der Reliunterricht in der Schule ja nun gerade kein Glaubensbekenntnis erfordert, sondern eigentlich Kenntnisse über die Religion vermitteln soll, unabhängig vom eigenen Glauben. Unterricht – auch Reliunterricht – ist kein Gottesdienst. Auch in Mathe muss niemand an die binomischen Formeln glauben oder sie verehren – sondern sie kennen. Andererseits erleichtert einem natürlich der eigene Sinn und Geschmack fürs Unendliche den Zugang zum Thema; man hat dann schonmal eine Ahnung, worum es geht und wieso das interessant sein könnte: Gott und die Welt und der ganze Rest; übrigens auch die Welt der Zahlen als Abbild der Schöpfung aus Gottes grenzenloser Barmherzigkeit.

Hier bei unserer Geschichte könnte uns auch so ein Ausruf „Das glaube ich nicht“ herausrutschen: Kommt einer nach Gottes Auftrag in eine Großstadt, stellt sich hin vor die Leute, sagt ihren Untergang voraus, und die Zuhörer – schon dass er welche findet im Getümmel der Stadt, klingt reichlich unglaubwürdig – also die Zuhörer glauben ihm nicht nur, sondern ändern ihr Verhalten – und zwar allesamt, die ganze Stadt, sogar der König – sie fasten und kleiden sich in Sack und Asche zum Zeichen der Buße, kehren um: komplett unglaubwürdig! „Das glaube ich nicht!“

Stellen sie sich unseren Propheten in einer Großstadt vor, durchaus mit Ausblick auf Symbole einer möglichen Katastrophe, die ja Warnung sein könnten – vielleicht im Frankfurt der Bankentürme, oder in Neapel im Angesicht des Vesuvs, oder jede beliebige Metropole im Februar des Jahres 2020, also kurz vor dem weltweiten Ausbruch der Pandemie: Ist es da überhaupt denkbar, dass mehr als nur eine Handvoll Zuhörer dem Unheilspropheten folgte und das Verhalten änderte, die Gefahrenzone verließe und Sicherheitsmaßnahmen befolgte – und zwar bevor der ganze Schlamassel losgeht? Keine Chance; ganz im Gegenteil, noch während oder kurz nach einer katastrophalen Krise kehren wir garantiert zurück in den alten Trott, auf die alten morschen Holzwege, in die Sackgassen neuer Krisen und Katastrophen. Ehrliche Reue, wirkliche Umkehr, nachhaltige Veränderungen – unglaublich! Meiner Schülerin ist in dieser Sache zuzustimmen: „Das glaube ich nicht!“

Und doch verklingt, verweht die Stimme des Propheten nicht; und doch lesen wir das Buch und die Worte des unbekannten Autors bis heute; erfreulicherweise etwas häufiger bei uns nach der letzten Lesereform der evangelischen Kirche (nicht alle Kirchenreformen sind Pfusch!); aber noch nicht ganz so regelmäßig und häufig wie unsere jüdischen Schwestern und Brüder, die das Buch Jona jährlich im Herbst am Jom Kippur, dem großen Versöhnungstag, dem höchsten jüdischen Feiertag, als gottesdienstliche Festtagslesung lesen und hören.

Stellen Sie sich den Neujahrsmorgen und Karfreitag zusammen vor, alles ist still, kein Geschäft ist geöffnet, kein Mensch geht seinen Geschäften an, das normale Leben ist unterbrochen – so begehen Juden in ihren Gemeinwesen diesen Feiertag; man bleibt Zuhause; geht nicht herum, geht nur in die Synagoge: spricht nicht, isst nicht, wäscht sich noch nicht einmal, verzichtet sogar aufs Deo, von anderen noch privateren Verrichtungen zu schweigen; ein gesteigerter Sabbat, Schabbat Schabbaton wird er genannt, der Sabbat der Sabbate.

In der Schule – der Lehrplan sieht in der sechsten Klasse gerade das Judentum als Thema vor – haben wir versucht, den Charakter dieses Tages nachzuvollziehen. Wir sind natürlich schnell auf die Erfahrung des ersten Lockdowns vor zwei Jahren gekommen, der ja auch unser normales Leben zum Erliegen gebracht hat, der uns weitgehend Zuhause gehalten hat, der uns auf uns selbst geworfen hat. Bei allen solchen Ähnlichkeiten sind aber die Unähnlichkeiten zum religiösen Ruhetag noch viel größer: der Jom Kippur unterbricht das normale Leben präzise nur für diesen einen Tag; man weiß genau, wann er endet und dass anderntags, am nächsten Morgen das Leben – aber hoffentlich nicht einfach nur das alte Leben – wieder weitergeht; und das Thema dieses geplanten und genau terminierten religiösen Lockdowns ist nicht die Angst vor einer unheimlichen Krankheit und der Schutz vor ihr; wenn auch der Versöhnungstag durchaus die Sorge um das Leben, aber eben weniger die Sorge um den Leib sondern um die Seele thematisiert: es geht um mein Verhältnis zu Gott.

Am Jom Kippur treten Juden vor Gott – indem sie von ihrem eigenen Leben einen Moment zurücktreten. Die Zeit, die sie durch Nichtstun gewinnen, widmen sie ihrer Gottesbeziehung. Um sich ganz und gar unabgelenkt vor Gott zu stellen und damit nichts anderes ihre Gedanken beschäftigt, sind Juden gehalten, in der Zeit vor diesem Feiertag ihre Verhältnisse zu ordnen, ihre Schulden zu begleichen, nicht nur die finanziellen, die auch, aber vor allem die sozialen und emotionalen Schulden, begangenes Unrecht gutzumachen, sich mit seinen Gegnern zu versöhnen: erst mit den Mitmenschen ins Reine zu kommen, um mit Gott ins Reine zu kommen. Und dann, indem die Juden am Versöhnungstag Versöhnung mit Gott für möglich halten, wird sie wirklich. Versöhnungsbereit erleben sie den versöhnenden Gott.

Denn das war ja das Unglaublichste unserer Jonageschichte; noch nicht die erstaunliche Aufmerksamkeit einer Stadtgesellschaft für ihre, also für unsere Lebensprobleme, noch nicht die Einmütigkeit der Reaktion und auch noch nicht die Bereitschaft der Menschen zur Umkehr, sondern – eigentlich und viel mehr – die Umkehr Gottes. Gott kehrt um (auch die hebräische Bibel verwendet dieselbe Vokabel für den Sinneswandel von Mensch und Gott gleichermaßen); Gott reut sein Tun; Gott verändert sich im und durch das Verhältnis zu den Menschen. Gott ist veränderlich. Darf Gott so sein? Und darf ich das von Gott denken?

Also Jona meint bekanntlich erstmal: nein! Das wäre ja noch schöner, wenn Gott sich nicht nach unseren Regeln und Erwartungen verhielte, Jona setzt sich hin und schmollt erstmal. Er braucht ein paar Tage in Hitze und Sonnenlicht bis ihm ein Licht aufgeht und die Geschichte – wie die meisten Märchen – auch für ihn gut ausgeht.

Für uns Leser und Hörer bleibt die Erkenntnis, dass Gott immer größer ist als unser Denken über ihn, und dass auch seine Bereitschaft zur Barmherzigkeit keine Grenzen kennt. Und in dieser Erkenntnis liegt das Geheimnis begründet, dass der jüdische Tag der Gottesbegegnung als Versöhnungstag, Jom Kippur gefeiert wird. Wer sich in aller Ehrlichkeit Gott öffnet, kann mit Versöhnung rechnen. Indem wir Versöhnung mit Gott für möglich halten, wird sie wirklich. Gott für wahr zu halten, heißt, ihn als Versöhner für wahr zu halten; heißt, ihn für meinen Versöhner zu halten.

Können wir das glauben? Meine ungläubige Sechstklässlerin jedenfalls würde sich zu Jona in die Ecke setzen, eine Runde mitschmollen und alsbald und unaufgefordert ihr trotziges „Das kann ich nicht glauben!“ in die Runde geben.

Aber das muss ja nicht das letzte Wort bleiben. Amen.

Pfingsten, 5. Juni 2022

So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.

Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt war, das tat Gott: Er sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches und um der Sünde willen und verdammte die Sünde im Fleisch, damit die Gerechtigkeit, die das Gesetz fordert, in uns erfüllt werde, die wir nun nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist.Denn die da fleischlich sind, die sind fleischlich gesinnt; die aber geistlich sind, die sind geistlich gesinnt. Denn fleischlich gesinnt sein ist der Tod, doch geistlich gesinnt sein ist Leben und Friede. Denn fleischlich gesinnt sein ist Feindschaft gegen Gott, weil das Fleisch sich dem Gesetz Gottes nicht unterwirft; denn es vermag’s auch nicht. Die aber fleischlich sind, können Gott nicht gefallen. Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich, da ja Gottes Geist in euch wohnt. Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein.

Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen. Wenn aber der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.

(Brief des Paulus an die Römer 8,1-11)

Wenn Menschen ihre Angehörigen im Sterben begleiten, berichten sie oft von diesem besonderen Moment des Übergangs vom Leben zum Tod, den alle Sterblichen, den alles Lebendige zu gehen hat, auch wir zu gehen haben, die wir unter dem Gesetz des Todes leben.

Bei aller Mühe, die uns das Sterben bereitet, ist das dann eher eine Erlösung, wenn der letzte Atemzug gemacht wird und endlich gemacht ist. Sein Leben aushauchen – oft hört man diesen letzten Atemzug ganz deutlich und er bleibt in Erinnerung als etwas Bedeutsames, wie denn auch nicht?

Meine große Schwester hat davon berichtet, keineswegs sentimental, was nicht ihre Art wäre, aber doch sehr eindrücklich, wie nach eher qualvollen Stunden der letzten Nacht – vor Jahren war das – meine Mutter und ihr Atem allmählich ruhiger wurde und dieser irgendwann aufhörte, der letzte Atemzug getan war. Als ich sie dann am nächsten Morgen wiedertraf waren beide verändert, offensichtlich meine Mutter, die das – also sie selbst – nicht mehr war ohne Atem und Leben; aber auch meine Schwester hat trotz ihrer nüchternen, in diesen Lebenssituationen besonders hilfreichen Art eine Weile gebraucht wieder für sich ins Leben zu finden.

In diesem Moment des Sterbens trennt sich der Geist von unserem Fleisch; in den alten Sprachen ist das oft dasselbe Wort: Atem und Geist. Es ist ja nicht nur der Atem der endet, sondern auch der Geist – das Denken und Fühlen kommt zu einem Ende. Der leblose Körper ist nach einem kurzen Moment unserer Orientierungslosigkeit kein Mensch mehr, sondern nur seine sterbliche Hülle, die sterblichen Überreste, die – wie es die Pietät gegenüber dem Verstorbenen und die Solidarität mit den Lebenden verlangt – möglichst würdig zu beseitigen sind. Erde zu Erde.

Wie die Bibel erinnert, beginnt menschliches Leben, das mit dem letzten Atemzug endet, auch mit einem Atemzug, und zwar dem Hauch Gottes, der als Geist Gottes dem Menschen – nichts anderes heißt Adam – das Leben einhaucht. Ganz am Anfang des Lebens heißt es am Anfang der Bibel: „Da machte Gott der Herr den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.“ (1. Mose 2,7)

Was die Bibel mythologisch erzählt, aber doch auch für uns Heutige nachvollziehbar und bis heute gültig erzählt, lässt sich biologisch nur schwer bestimmen: Wann beginnt das menschliche Leben? Wann erfüllt uns der Geist, den wir dann irgendwann als Gottes Geist begreifen lernen? Sicherlich nicht erst mit unserem ersten eigenen Atemzug, dem bis heute auf grobe Weise handgreiflich nachgeholfen wird – was hoffentlich mittlerweile der einzige Klaps auf den Hintern eines Kindes bleibt.

Aber mit dem ersten höchstpersönlichen Atemzug beginnt nicht erst das Leben, denn schon lange vor der Geburt atmet die Mutter für uns mit, gelangt Sauerstoff durch die Nabelschnur in das sich bildende Körperchen und beginnt neben allem anderen auch unseren Geist zu bilden und unsere Seele zu formen. Die vorgeburtlichen Erfahrungen gehören genauso zu unserem Seelenkostüm wie alles, was danach passiert. Dennoch bleibt natürlich unsere Geburt das entscheidende Ereignis unseres Lebens: Ein Mensch, mit Geist, mit Seele kommt auf die Welt, den gab es vorher nicht.

Der Apostel Paulus setzt diese Weltsicht des Menschen aus Fleisch und Geist voraus, die man keineswegs als die Lehre vom „Gespenst in der Maschine verunglimpfen“ oder schlichtweg für veraltet halten muss; denn sie knüpft an Menschheitserfahrungen an und verarbeitet Beobachtungen des Alltäglichen und sie ist nur dann falsch, wenn sie sich gegen neue Beobachtungen und Erkenntnisse verschließt.

Der Apostel Paulus zeichnet sie jedenfalls in sein Verständnis der christlichen Erlösungsbotschaft hinein. Er spekuliert nicht über die Erneuerung des Fleisches und den Widereintritt in unser altes Leben nach dem Tod, sondern er erkennt im Geistbegriff einen Anknüpfungspunkt für die Bedingung der Möglichkeit unserer Auferstehung. Und zwar allein der Glaube – nichts anderes ist damit gemeint, dass Christus in uns ist – bewirkt, dass wir mit Christus leben, selbst wenn wir sterben.

Der absoluten Trostlosigkeit der Fleischlichkeit – wir würden heute von Materialismus sprechen – also der absoluten Trostlosigkeit des Materialismus, setzt er die geistige Existenz des an Christus Glaubenden gegenüber. Nur der Glaube bewahrt uns vor der Verdammnis, die wir im Verfall unseres Fleisches als Gleichnis erkennen. Um es mit dem Heidelberger Katechismus zu sagen: Jesus Christus ist mein einziger Trost im Leben und im Sterben – ohne ihn ist alles Tod und Finsternis.

Nun ist es aber so, dass selbst der frommste und fröhlichste Mensch nicht aus eigener Kraft stets und ständig einen solchen Glauben, der sich an Christus hängt, in sich findet und aus sich selbst produzieren kann. So viel – zu viel! – spricht dagegen, gegen diesen Trost des Glaubens – und so viel für die Stärke der Schwachheit des Fleisches im persönlichen Bereich aber auch im Öffentlichen: unsere eigene Todesverfallenheit – (ohne Sie beleidigen zu wollen) wenn der Blick in den Spiegel nicht reicht, schaut euch die Briefe mit den Befunden eurer Ärzte an! – und die Todessehnsucht ganzer Gesellschaften, die wir gerade wieder im Kriegskult eines Volkes erleben – mit der Verherrlichung militärischer Stärke und der Verklärung der Menschenopfer: fleischlich gesinnt sein ist Feindschaft gegen Gott.

Und so wichtig es ist, die militärische Selbstverteidigung eines Landes zu unterstützen, so viel wichtiger ist es, Erfahrungen des Friedens und des Lebens zu schaffen, um die Logik des Krieges zu bekämpfen.

Und hier kommt der Heilige Geist mit seinem Hochfest der Pfingsten ins Spiel. Dieser Geist hilft unserer Schwachheit auf, wie es die Chöre nach Bachs Noten in diesen Tagen singen. Dieser Geist stupst und stößt und drängt uns auf die Erfahrungen des Friedens und des Lebens, die uns vielleicht sonst entgangen wären – und sei es bei einem Schwimmbadbesuch, wenn wir hier ukrainische Kleinkinder mit ihren Zuflucht suchenden Müttern planschen sehen, uns daran freuen, dass es ihnen wenigstens in diesem Moment bei uns offensichtlich gut geht, und darüber erschrecken, dass ihre Papas womöglich im Krieg sind und – das möge Gott verhüten – schon nicht mehr leben.

Geistlich gesinnt sein ist Leben und Friede: Der Heilige Geist schafft Atempausen in den Konflikten des Lebens. Er reißt uns aus dem Tod ins Leben, zeigt uns das Leben neu. Er entgiftet uns vom Hauch des Todes, belebt uns mit dem Atem des Lebens.

Davon will Paulus, selbst ein Getriebener des Geistes, uns überzeugen: Wenn aber der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt. Amen.

Konfirmation am 29. Mai 2022

Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen! Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss es nicht, was er dir Gutes getan hat: der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit. (Psalm 103,1-4)

Aus reinem Überschwang singen, voller Begeisterung – voller Übertreibung ja auch – das Herz voll und der Mund überfließend – so singt der Vers hier vom Dank und von der Freude über Gott.

So geradezu ekstatisch nach außen gekehrt kennen wir das kaum aus unseren Gottesdiensten, die ja meistens an eine langweilige Schulstunde erinnern, sondern wir kennen es eher aus dem Fußballstadion, wenn uns die Choreographie und der Gesang mitreißen und in ganz seltenen Fällen – so ungefähr alle vierzig Jahre – auch das mitreißende Spiel selbst, wie neulich mal wieder im Waldstadion nicht weit von hier; oder eben vor 42 Jahren am selben Ort, was die Dichter nicht ruhen und ihre Helden in Hymnen damals besingen ließ:

„Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht,
Die den großen Gedanken vermochte, den
Knaben zu träumen, zu denken – und dann auch zu
Bilden mit den schnellen, beseelten, jauchzenden
Füßen des Jünglings: Flink, flitzend,
Flirrend und flackernd – nicht lange fackelnd,
Doch feuernd und feiernd; den fühlenden Herzen
Frankfurts zur Freude.
Bum Kun Cha! Freund aus dem Osten! Fremdling bist
Du nicht länger – nicht bitt’res Los ist Exil
Dir! Heimat, die zweite, du fandst sie. …“ (hier nach Wikipedia)

10 solche Verse lang besingt der Dichter Eckhardt Henscheid den Star jener Mannschaft; denkt euch Kostic in seinen besten Momenten und legt dann noch ne Schippe drauf, dann habt ihr einen Eindruck vom Spiel dessen, der da besungen wird. Genug davon.

Denn nicht von Fußballgöttern singt unser Psalm, sondern von Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde. Gibt es Momente, in denen wir solche Begeisterung für Gott empfinden, so dass wir singen und loben wollen und danken, dass es ihn gibt und dass es uns gibt durch ihn?

Vielleicht dieser: Vor ein paar Jahren habe ich mich nach einer kniffligen Operation im Krankenzimmer wiedergefunden, überall voller Schläuche – gut vernetzt könnte man sagen; noch mit schwerer Zunge – aber keiner lustigen Tränke wegen; zwar ohne Schmerzen, aber ziemlich unbeweglich, auch noch unsicher, wie gut es gegangen ist, aber doch schon froh, dass es gutgegangen ist. Laut singen hätte ich da noch nicht können, aber innerlich habe ich da gesungen, gelobt und gedankt; meinem Gott zuerst, der mein Gebrechen geheilt und mich vom Verderben erlöst hat; aber auch dem Halbgott in Weiß, den er mir geschickt hat, mit seinen geschickten Händen – ein von Gott begnadeter Handwerker wie ein Chirurg verdeutscht heißt – mein Innerstes auseinander- und dann wieder zusammenzuflicken sich getraut hat. Das war ein solcher Moment der überschwänglichen Begeisterung, dass es mich gibt – noch gibt aus reiner Gnade und Barmherzigkeit.

Und dann gleich der zweite Moment dieser Art; denn Gott hatte mir auch noch einen Zimmernachbarn geschickt, einen komischen Kauz, dem es schon etwas besser ging als mir, der mir ungefragt seine Lebensgeschichte anvertraute und seine Philosophie gleich dazu, die er durch mancherlei wunderliche Rituale mit Leben füllte – und hoffentlich immer noch füllt. Eins davon war sein Morgengruß, den er Gottseidank nur in abgemilderter Form im Krankenhaus durchführte, nämlich sonst eigentlich unbekleidet – also hier: schicklichkeitshalber leicht bekleidet – sich ans geöffnete Fenster zu stellen, die Arme auszustrecken und ein paar Minuten tief einzuatmen; dabei den ganzen Kosmos – den Weltengott nach seiner Lehre – zu spüren und ihm zu danken und zu loben: Lobe den Herrn, meine Seele! Konvertiert bin ich nicht zu seiner Religion, aber mich an seinem Glauben gefreut, das habe ich.

Und dann auch noch den dritten und viele weitere Momente, nämlich immer wenn meine Liebsten zu Besuch kamen, ihren Kummer über mein kümmerliches Äußere verbargen und mir allein durch ihre Anwesenheit ihre Liebe zeigten und mich meines neugewonnenen Lebens freuen ließen.

Die Liebe zu unseren Nächsten kann uns immer wieder mit Begeisterung, mit Lob und Dank erfüllen, auch wenn sie uns viel zu selten tatsächlich singen lässt, warum eigentlich nicht? Welcher Moment in einem Menschenleben wäre denn noch mehr ein Lied wert, als wenn wir unserem Kind das erste Mal begegnen: verschrumpelt, erschöpft, schreiend – aber nun da, nach unserem Abbild und in unserer Verantwortung. Sehr zu Recht feiern wir diesen Moment in einem Leben als das wichtigste Fest gleich neben Weihnachten, Halloween und dem Gewinn des Europapokals: Wie schön dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst! Noch im spätmodernen Geburtstagslied klingt das uralte Danklied nach: Lobe den Herrn, meine Seele!

Wenn wir heute als Eltern unsere Kinder zur Konfirmation begleiten, dann denken wir jenen ersten uranfänglichen und viele weitere Momente mit; so viel haben wir mit euch schon erlebt, so viel habt ihr schon erlebt; und so viel mehr wird da noch kommen. Und ihr habt es schon erfahren, dass uns keineswegs immer zum Singen zu Mute ist und sein wird; wenn wir Leid spüren und Verluste hinnehmen müssen; wenn wir an anderen schuldig werden; wenn wir Unrecht erleiden oder wenn uns etwas Wichtiges misslingt – und damit meine ich bestimmt nicht die 5 in Mathe, die wir zugleich überbewerten, denn sie sagt ja nun mal nichts über unsere Persönlichkeit; andererseits aber auch unterbewerten, denn immerhin spiegelt die Mathematik die Ordnung und damit die Schönheit der von Gott geschaffenen Welt: die alten Griechen haben es passenderweise bei dem einen Wort für alles drei belassen: Kosmos als Ordnung, als Schönheit, als Welt. Lobe den Herrn, meine Seele, der Himmel und Erde geschaffen hat!

Mit der Konfirmation feiern wir das Leben, das uns Gott gegeben hat und – trotz allem – erhält; und wir schaffen mit ihr einen weiteren Moment, an den wir uns erinnern können; einen Tag wie diesen für die Unendlichkeit in unserem endlichen, begrenzten Leben.

Der Volksdichter Campino hat das für die Freunde der lauten und schnellen Musik so verdichtet:

„Ich wart‘ seit Wochen
Auf diesen Tag
Und tanz‘ vor Freude, über den Asphalt
Als wär’s ein Rhythmus
Als gäb’s ein Lied
Dass mich immer weiter durch die Straßen zieht

Durch das Gedränge
Der Menschenmenge
Bahnen wir uns den altbekannten Weg
Entlang der Gassen
Zu den einen Terrassen
Über die Brücken, bis hin zu der Musik

An Tagen wie diesen
Wünscht man sich Unendlichkeit
An Tagen wie diesen
Haben wir noch ewig Zeit. …“ (hier nach Wikipedia)


Wir müssen nicht denken, dass hier die Konfirmation besungen wird, aber wenn wir sie darin wiedererkennen, umso besser. Auch der Volksdichter und -sänger kommt nicht ohne Übertreibungen aus, wo doch seine Musik eine einzige maßlose Übertreibung an Lärm und Tempo darstellt; aber anders als er richten wir mit dem Psalmvers unseren Überschwang und unsere Übertreibungen an Gott; wir halten Gott für den, der uns Lebenszeit schenkt und in ihr die Momente der Ewigkeit dazu; diese kostbaren, krönenden Momente voller Gnade und Barmherzigkeit.

Wir feiern heute, dass wir nicht aus uns selbst leben; wir sind keine autonomen Monaden, die nur um uns selbst kreisen und für sich selbst da sind; sondern wir leben unser Leben von Gott her und zu Gott hin: Lobe den Herrn, meine Seele. Amen.

Sonntag Rogate, 22. Mai 2022

Und es begab sich, dass er an einem Ort war und betete. Als er aufgehört hatte, sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht:

Vater!
Dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.
Gib uns unser täglich Brot Tag für Tag
und vergib uns unsre Sünden;
denn auch wir vergeben jedem, der an uns schuldig wird.
Und führe uns nicht in Versuchung.

Und er sprach zu ihnen: Wer unter euch hat einen Freund und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf.

Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.  Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Wo bittet unter euch ein Sohn den Vater um einen Fisch, und der gibt ihm statt des Fisches eine Schlange? Oder gibt ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten! (Lukasevangelium 11,1-13)

Beten heißt: über seine Sorgen und Freuden sprechen.
Beten heißt: einem anderen so sehr zu vertrauen, dass man ihm sein Innerstes anvertraut.
Beten heißt: nicht von sich selbst alles erwarten.
Beten heißt: Gott für einen Ansprechpartner zu halten und ihn zu seinem Ansprechpartner zu machen.

Das sind ganz schön viele Bedingungen für das Beten, kein Wunder, dass es vom Aussterben bedroht ist. Wer betet denn noch in diesen Zeiten des allgemeinen Gelabers, des gegenseitigen Misstrauens, der quasi religiös verklärten Autonomie und außerdem gefühlte Jahrhunderte nach der Verkündigung des Todes Gottes? Uns scheinen die Voraussetzungen, die Möglichkeiten, die Fähigkeit und der Gegenstand des Betens abhandengekommen zu sein. Wir sind dem Gebet abhandengekommen; es liegt nicht in der Luft, es bietet sich nicht an, es verweigert sich unseren geplagten Seelen.

Und da wirkt es nur wie ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn ein ganzer Kirchenvorstand in seiner Klausur über die Psalmen meditiert oder ein Konfirmandenkurs im frommen Eichsfeld das Beten buchstabiert. Was wir übrigens mit viel Freude in den letzten Wochen getan haben, beides, und beides hoffentlich mit dem Gewinn, dass uns unsere Sprachlosigkeit vor Gott zumindest zeitweise gelindert wird. Wie nachhaltig, muss sich zeigen.

Unser Predigttext klärt uns darüber auf, dass es schon zur Zeit Jesu eine Not des Betens gab, einen Mangel an richtigen Worten, die Not des Beters in Worte zu fassen. Die hier geschilderte Episode verdankt sich ja der Aufforderung der Jünger, dass Jesus sie beten lehren möge, worauf dieser ihnen das – oder besser gesagt ein – Vaterunser vorspricht, denn die Version bei Lukas ist zwar deutlich als Vaterunser erkennbar, aber doch anders als die uns vertraute Fassung bei Matthäus. Hier bei Lukas klingt das Gebet konzentrierter und etwas kantiger; aber ich würde mich nicht darauf festlegen, was jetzt die ursprünglichere Fassung sei, die längere, die gekürzt, oder die kürzere, die verlängert worden wäre. In einer Kultur, die viel stärker als unsere durch Sprechen als durch Lesen geprägt war, ist auch denkbar, dass beide Fassungen Spielarten eines Grundmusters sind und mal so und mal so geklungen haben, wer kann das schon wissen?

In beiden überlieferten Formen folgt jedenfalls nach der Heiligung des Gottesnamens, die wir der jüdischen Gebetstradition verdanken: Dein Name werde geheiligt, und nach der Bitte um das Kommen des Gottesreiches: Dein Reich komme; eine dreifache Bitte, mit der im Grunde alle denkbaren, möglichen Gebetsbitten zusammengefasst und doch voneinander unterschieden werden:

  • Erhaltung der geschöpflichen Lebensgrundlagen; also nicht nur Brot sondern überhaupt Nahrung, Luft, Kleidung, Obdach usw; Gib uns unser täglich Brot Tag für Tag
  • Wiederherstellung der Gerechtigkeit durch Vergebung; also dass Gerechtigkeit nicht allein durch die Identifizierung der Schuld sondern erst durch ihre Vergebung wiederhergestellt werden kann: und vergib uns unsre Sünden; denn auch wir vergeben jedem, der an uns schuldig wird.
  • Rettung vor dem Bösen innerhalb und außerhalb meiner selbst: Und führe uns nicht in Versuchung.

Damit gibt das Gebet Jesu nicht nur den Wortlaut eines Gebets vor, der ja, wie wir sahen, durchaus auch variieren kann, sondern darüber hinaus einen inhaltlichen Leitfaden für die eigenen Gebete, um je nach Lebenslage unterschiedliche Schwerpunkte zu setzen, ohne aber die anderen Aspekte zu vergessen. Das leisten die 150 Psalmen in ihrer ganzen Fülle als Gebet- und Liederbuch des alten Israel auf ihre Weise ja auch. Ein Dankgebet an einem Frühsommermorgen – „Herr, deine Güte reicht so weit der Himmel ist“ (mit Psalm 36) wird anders klingen als die angstvolle Klage aus dem Schutzbunker „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ (mit Psalm 130) – im Vaterunser aber ist das alles jeweils mitgedacht: ziemlich viel Gebet in wenig Worten.

Im Anschluss an das Vaterunser, an dem wir Wortlaut und Inhalt eines Gebetes lernen, geht es dann um die Haltung von uns Betern, die der Text in ziemlich drastischen Beispielen als „unverschämtes Drängen“ vor Gott nun nicht etwa verurteilt, sondern fordert: Maximale Impertinenz ist gefragt!

Die alltägliche Bitte des Nachbarn an seinen Nachbarn um das, was er gerade nicht hat aber braucht – eine Prise Salz zum Kochen, ein Ei zum Backen, was weiß ich noch; hier halt Brote für einen unverhofften Gast – wird beinahe ins Absurde gesteigert, zumindest so weit, dass es uns wehtäte: Nächtens, nach dem zu Bett gehen, die Kinder haben längst die Zähne geputzt, ihre Geschichte gehört und gebetet; und man selbst dämmert so langsam in den Schlaf – da klopft und klingelt es und der bis eben noch sehr geschätzte, beinahe befreundete Nachbar steht vor der Tür und fordert nicht ein, nicht zwei, nein, gleich drei Brote für seinen Gast. Der hätte doch eher die eine oder andere Freundlichkeit ins Gesicht verdient oder zumindest den guten Rat, dass jetzt eben bis zum Morgen mal Intervallfasten angesagt ist. Und dann kriegt er halt doch seine Brote, aber nicht weil ich ihn noch mag, sondern weil dann endlich Ruhe ist und wir alle weiterschlafen können.

Soll heißen: Wenn unsere harten Herzen sich schon erweichen lassen, dann ist unserem Gott, der es offensichtlich nicht so eng mit der Nachtruhe sieht („Der Herr schläft und schlummert nicht“ Psalm 121), schonmal gleich gar keine Bitte zu groß und keine Stunde zu spät, dass wir ihm nicht unser Anliegen vorbringen könnten.

Zurückhaltung ist nicht die Haltung des Betens, Bescheidenheit ziert das Gebet nicht, sondern wir sollen uns wünschen, was wir brauchen, und darauf vertrauen , dass es Gott unbedingt gut mit uns meint: Nicht Schlangen und Skorpione bietet er uns an – wobei ich mich nicht verbürgen würde, dass es nicht auch Weltgegenden gibt, in denen so etwas nicht nur für nahrhaft sondern für delikat gehalten wird – sondern Fisch und Ei – und die, die sich auch dafür nicht erwärmen können, dürfen sich hier ihre Lieblingsspeise hineindenken – von der baskischen Fischsuppe, die mir neulich ganz ordentlich gelungen ist, zu den obligaten Fritten an roter Soße aus der Plasteflasche, warum denn nicht?

Unser Evangelist Lukas spricht übrigens nicht davon, dass wir uns Gott als willfährigen Oberkellner zu denken hätten, der umgehend um die Ecke kommt und das von uns gewünschte Menü auftischt – sondern: er gibt uns den heiligen Geist: wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten! Wir bekommen so viel mehr, als das, worum wir Gott bitten.

Wenn wir am Anfang die Not des Betens betrachtet haben, können wir am Ende sagen, dass diese Not nur durch Beten gelindert werden kann; ein Zirkelschluss aber kein Teufelskreis, denn wir können ihn durchbrechen; heute haben wir die Anleitung dazu bekommen.

Predigttext Misericordias Domini, 01. Mai 2022

Da sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr, als mich diese lieb haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer! Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst. Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach! (Johannesevangelium 21,15-19)

und führen, wohin du nicht willst – so hat der seinerzeit weit bekannte Theologe Helmut Gollwitzer den Bericht seiner Erlebnisse in Krieg und Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion 1945-49 überschrieben. Trotz seiner – in der Gegenwart wieder schrecklich aktuellen – Erfahrungen als Gegner und Gefangener einer russischen Armee und eines russischen Machthabers hat er sich zeitlebens für die Aussöhnung mit dem einstigen Feind, für den Frieden über Feindesgrenzen hinweg und insbesondere gegen die Atombewaffnung eingesetzt und ist so zu einem Wortführer und Symbol eines pazifistischen Protestantismus geworden, dessen Wahrheit nun spätestens seit zwei Monaten schal geworden zu sein scheint. Ist sie das wirklich?

und führen, wohin du nicht willst – bringt für Gollwitzer den Verlust von Autonomie in Gefangenschaft und Verschleppung zum Ausdruck, aber auch schon den Verlust von Autonomie durch Teilnahme an einem ungerechten Krieg und der Beteiligung an den Verbrechen seines Volkes. Für Gollwitzer stellt der weitgehende Verlust der Selbstbestimmung in Krieg und Kriegsgefangenschaft aber keinen Grund dar, die Verantwortung für das eigene Leben und das eigene Handeln abzuweisen. Denn genau darum geht es ihm: die Möglichkeiten des richtigen Lebens im ganz und gar falschen Leben aufzuzeichnen. Noch im Gulag – falscheres, schlimmeres, fremdbestimmteres Leben lässt sich kaum denken – findet sich Leben.

Auch die Quelle seines Buchtitels, und führen, wohin du nicht willst, die wir heute als Predigttext besichtigen, meint den Verlust von Autonomie – nämlich des Petrus – in einer späteren Lebensphase. Man könnte das Jesuswort für eine allgemeingültige Beschreibung des fremdbestimmten Lebens im Alter halten und ihm darin zustimmen: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst. So ist es ja und jeder kann sich das jetzt schon anschauen im Seniorenheim, in das die wenigsten von uns geführt werden wollen, lange bevor es einen selbst treffen mag. Und natürlich wird hier zuerst ein altersbedingter Mangel beschrieben, der den Alltag beschwerlich macht; noch beschwerlicher allerdings für den, der niemanden hat, zu dem er seine Hände ausstrecken kann, der ihn gürtet und führt.

Aber sicherlich ist hier an unserer Bibelstelle konkreter der fremdbestimmt-selbstbestimmte Märtyrertod des Petrus gemeint, von dem der Autor des Johannesevangeliums dann wohl schon gewusst hat: Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Auch wenn – oder gerade weil! – hier etwas vorhergesagt wird, was schon eingetreten ist, wird man aber am Martyrium des Petrus in Rom – anderes als frühere Generationen – historisch nicht zweifeln müssen. Dieses römische Martyrium hat zu seiner besonderen Wertschätzung in der Erinnerung der frühen Christen beigetragen und natürlich zum Anspruch des römischen Bischofs als seines Nachfolgers.

Dabei sind die Erinnerungen an Petrus überaus ambivalent. Dreimal verleugnet Petrus seinen Heiland, lässt darüber einen Hahn heiser werden, und wohl deshalb fragt ihn Jesus diesmal dreimal, ob er ihn liebe. Sicher kann er sich dessen nicht mehr sein; wer einmal lügt, dem glaubt man nicht; und wer einmal die Solidarität verweigert, hat schnell sein Ansehen verspielt. Der Kummer des Petrus über die wiederholte, vergewissernde Frage Jesu – Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe. – ist einerseits verständlich – wer wird schon gerne an sein Versagen erinnert? – aber durchaus unberechtigt, denn Jesus möchte eben ganz genau wissen, auf was für einen wackeligen Felsen er seine Kirche baut.

Immerhin gibt Jesus ihn nicht auf, sondern fragt und beauftragt ihn nun eben dreimal – für jedes Leugnen eine Frage – seine Lämmer, seine Schafe zu weiden; also Hirte, Pastor seiner Kirche zu werden. Ob Petrus in Zukunft verlässlich sein wird, bleibt offen, ob sich Jesus auf ihn verlässt, nicht. Der Verlassene verlässt ihn nicht. Trotz seiner Fehler, die unsere Fehler sind, wird Petrus in die Verantwortung berufen; trotz unserer Verkrümmungen sollen wir für uns und andere geradestehen.

Helmut Gollwitzer bringt diese Bestimmung des Menschen durch Gott in einem anderen seiner vielgelesenen Werke auf den Punkt: „Krummes Holz – Aufrechter Gang“ lautet der sprechende Titel. Es mag sein, wie ein ehemaliger Kirchenvorsteher immer mal wieder bei passender Gelegenheit bemerkte, dass man aus einem Ochs kein Rindfleisch machen kann, aber Gott wenigstens will uns trotz unserer Verkrümmungen mit aufrechtem Gang durchs Leben gehen sehen; noch der feige, unsolidarische und leugnende Petrus soll sich wieder aufrichten, bekommt eine zweite Chance, eine geöffnete Tür, eine Brücke in ein Leben der Verantwortung für sich selbst und andere: „Krummes Holz – Aufrechter Gang“

Auch Helmut Gollwitzer und die von ihm zeitlebens geforderte Aussöhnung unter Feinden verdient eine relecture, eine zweite Chance. Es ist unbedingt richtig, den angegriffenen Menschen im überfallenen Land mit allen verantwortbaren Mitteln in ihrer Selbstverteidigung zu helfen. Vielleicht geht da noch mehr, „um dem Rad in die Speichen zu fallen“, also – in einer Wendung Dietrich Bonhoeffers – auch militärisch Widerstand zu leisten. Aber es erscheint mir nicht richtig – bitte korrigieren sie mich – mit dem Angreifer ein ganzes Volk, seine Kultur zu dämonisieren und seine Bekämpfung zu rechtfertigen. Auch mit Feinden wird Frieden zu schließen sein, angesichts der Zerstörungen und des Leids besser heute als morgen.

„Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen“ sagt Jesus an anderer Stelle und begründet damit den christlichen Pazifismus, der nun über Nacht falsch geworden sein soll, wo doch eigentlich nur die Mittel, Frieden zu sichern, sich als untauglich erwiesen haben. Bleibt zu hoffen und alles daran zu setzen, bessere Mittel zu finden, den Frieden zu stiften und dann zu erhalten, denn Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.

Predigttext Ostermontag, 18. April 2022

Aber der Herr ließ einen großen Fisch kommen, Jona zu verschlingen. Und 
Jona war im Leibe des Fisches drei Tage und drei Nächte.
Und Jona betete zu dem Herrn, seinem Gott, im Leibe des Fisches und sprach:
Ich rief zu dem Herrn in meiner Angst,
und er antwortete mir.
Ich schrie aus dem Rachen des Todes,
und du hörtest meine Stimme.
Du warfst mich in die Tiefe, mitten ins Meer,
dass die Fluten mich umgaben.
Alle deine Wogen und Wellen
gingen über mich,
dass ich dachte
ich würde von deinen Augen verstoßen,
ich würde deinen heiligen Tempel nicht mehr sehen.
Wasser umgaben mich bis an die Kehle,
die Tiefe umringte mich, Schilf bedeckte mein Haupt.
Ich sank hinunter zu der Berge Gründen,
der Erde Riegel schlossen sich hinter mir ewiglich.
Aber du hast mein Leben aus dem Verderben geführt,
Herr, mein Gott!
Und der Herr sprach zu dem Fisch, und der spie Jona aus ans Land.
(Buch des Propheten Jona 2, 1-11)

Save the whales! Rettet die Wale! Heißt es heute und zu recht so; biblisch ursprünglicher ist umgekehrt, dass ein Wal einen Menschen rettet, den Propheten Jona nämlich, wobei dahingestellt sei, ob es sich bei dem großen „Fisch“ um einen Wal gehandelt hat, was er als Säugetier nicht ist. Eine zoologische Besserwisserei ist hier jedoch nicht sonderlich ergiebig. Denn für die Alten war etwas, dass so aussah wie ein Fisch, so lebte wie ein Fisch und so schmeckte wie ein Fisch, nichts anderes als ein Fisch, und im Falle der Wale eben ein großer Fisch, ungeachtet der ihnen sicherlich unbekannten Tatsache, dass Wale ihre Nachkommen lebend gebären und eine Zeit lang säugen.

Und dass sie das immer noch tun, ist ein beinahe so großes Wunder wie das Jona- und Osterwunder zusammen. Denn trotz ihrer durch unsere Jona-Geschichte ausgewiesene Gottesfürchtigkeit und Prophetenfreundlichkeit – von ihrer Intelligenz und Geselligkeit gar nicht zu reden – wurden Wale bekanntlich lange Zeit gejagt, getötet und verwertet bis kurz vor ihrer Ausrottung. Bis zur Industrialisierung war der Walfang der größte und bedeutendste Wirtschaftszweig weltweit, vergleichbar der Energiewirtschaft heutzutage. Mittlerweile sind die Wale nicht mehr vom Aussterben durch den Walfang bedroht, der seinerseits gottseidank in den meisten Ländern ausgestorben ist, sondern bedroht durch die Vermüllung und Beschallung ihres Lebensraums, der Ozeane. Wer Wale retten will, muss ihren Lebensraum retten, die Meere natürlich. Und nur wer die Meere und die Wale rettet, rettet sich selbst: Save the whales! Rette die Wale und rette dich selbst.

Die wunderbare, wunderliche Jona-Geschichte hat schon deshalb recht und ist allein deshalb wahr, dass sie unsere Aufmerksamkeit auf die Natur lenkt, auf die natürlichen Lebensbedingungen von uns Menschen, auf die natürliche Umwelt als Matrix unseres Lebens. Was hülfe es dem Menschen, wenn er auferstünde, aber in eine tote Umwelt hinein? Nur wenn es Wale gibt, kann es den einen Wal geben, der Jona rettet; und nur wenn es intakte, lebendige und lebensvolle Meere gibt, kann es diesen Wal geben. Save the whales, rette die Welt, feiere das Leben!

Ostern als Fest des Lebens feiert seit jeher mit den Bildern des frühlingshaft auflebenden Lebens: Ei und Hase und der aus der Erde hervorkeimende Samen mit seinem zarten frischen Grün; deshalb stimmt der Blick, der heute auf die Meere als Welt der Wale gelenkt wird. Auch das nicht mehr aber auch nicht weniger als ein Bild aus der Natur für die Auferstehung, die ja eigentlich die Aufhebung der Natur meint mit deren unverrückbarem Gesetz, dass alles und nicht nur das Schöne sterben wird und sterben muss.

Aber auch das – also die übernatürliche Steigerung der Natur – leistet die Jona-Geschichte, die ja keineswegs naturalistisch und naturgetreu unseren Blick auf die Natur lenkt, sondern diese wundersam, märchenhaft überhöht. Nach Auskunft führender Walforscher neigen die meisten Wale – je größer desto eher – dazu, Menschen zu ignorieren; vermutlich weil wir aus ihrer Sicht einfach zu unbedeutend sind. Ein Verschlucken, noch dazu ein von Gott befohlenes fürsorgliches Verschlucken von Menschen durch Wale ist natürlicherweise nicht vorgesehen. Und wenn es ein Menschlein in einem allerhöchst unwahrscheinlichen Fall dann doch in den Bauch des Wales verschlüge, würde es dort keine gedeihlichen Bedingungen zum Überleben vorfinden – und schon gar nicht für drei Tage. Und selbst wenn der Mensch sich als für den Wal unverdaulich erweisen sollte – wir versteigen uns ins immer noch Unwahrscheinlichere – wäre nicht damit zu rechnen, dass er sich dann auch noch als kommodes Verkehrsmittel erweist, der seinen vorübergehend erblindeten Passagier am passenden Ort absetzt, pardon: ausspeit. Womit also hinreichend geklärt wäre, was ohnehin jedem Kind von vorneherein klar war, dass die Jona-Geschichte nicht nach der Natur sondern als Märchen erzählt wird, das die Regeln und Gesetze der Natur mühelos überschreitet – auch darin ein Bild der Auferstehung. Auferstehung ist keine von der Natur vorgesehene Option.

Sondern sie ist ganz und gar gottgemacht – wie auch die Rettung des Jona ganz und gar gottgemacht ist: Der Wal handelt im Auftrag des Herrn und Jona weiß genau, wem er seine Rettung verdankt: Aber du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, Herr, mein Gott!

Die Jona-Geschichte ist eine Glaubensgeschichte vom Durchgang aus dem Leben durch den Tod ins Leben: Ich schrie aus dem Rachen des Todes, und du hörtest meine Stimme. Du warfst mich in die Tiefe, mitten ins Meer, dass die Fluten mich umgaben. Das beschreibt etwa die Logik und den Zusammenhang von Karfreitag und Ostern, von Tod und Auferstehung: die Not der Gottverlassenheit: Alle deine Wogen und Wellen gingen über mich, dass ich dachte, ich würde von deinen Augen verstoßen, ich würde deinen heiligen Tempel nicht mehr sehen; und die Erfahrung, dass das Band Gottes aus Glaube, Hoffnung und Liebe dennoch hält: Aber du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, Herr, mein Gott!

Wir sind aufgefordert unsere eigenen Nahtoderlebnisse in diese Geschichte einzuzeichnen und in ihr zu deuten: Unsere Geschichten des Verlassenwerdens, des Verstoßenwerdens, des Verlusts, der Krankheit und der Not. Und wir dürfen das neue Leben als von Gott geschenkt verstehen: das Wiederfinden und Wiedergefundenwerden, die Genesung; auch das in der Folge von Krankheit eingeschränkte Leben, was mehr ist als kein Leben. Und ich finde schon auch, dass die Beispiele gefährdeter, geschädigter, schon scheintoter Natur und ihre Wiederbelebung hier dazugehören – die Renaturierung von ehemals abgestorbenen Flüssen und Seen etwa; wenn wir an den Rhein denken, der in meiner Kindheit vor 50 Jahren eine übel riechende, giftige Brühe war und nun wieder das Zuhause ist von den kleinen Verwandten oder bloß Wahlverwandten der Wale.

Auferstehung müssen wir das noch nicht nennen, so wie auch Jona nicht Jesus heißt; aber das eine, den einen als Bild des anderen zu nehmen, das geht schon an; und heute schon sagen, was morgen erst in seiner ganzen Fülle Wirklichkeit werden soll: du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, Herr, mein Gott!

Mozarts Requiem – erst Neubeginn, dann letztes Werk

Ein grauer Bote klopft eines Nachts bei Mozart an. Sein anonymer Auftraggeber wünsche eine Totenmesse. Mozart nimmt den Auftrag samt Vorauszahlung an. Doch mit jeder Note fühlt er sich elender und muss schließlich vom Bett aus weiterkomponieren, bis ihm der Tod am 5.12.1791 nach exakt acht Takten im „Lacrymosa“ die Feder aus der Hand nimmt. Aus purem Neid soll der Komponist Salieri den Auftrag erteilt und seinen Konkurrenten dabei vergiftet haben. Wurde Mozart also dazu gedemütigt, sein eigenes Requiem zu schreiben?

Die Wirklichkeit war etwas profaner als diese berühmte Legende. Als Todesursache nimmt man heute eine plötzliche Infektion an. Der „graue Bote“, ein Wiener Rechtsanwalt, kam im Auftrag des Grafen von Walsegg, der zum Jahrestag des Todes seiner jungen Frau († 14.2.1791) eine Totenmesse bestellte – ein üblicher Vorgang, allerdings mit der pikanten Note, dass der Musik liebende Graf sich am liebsten mit fremden Federn schmückte. Ohne es zu wissen, sollte Mozart sein Ghostwriter sein.

Kirchenmusik war für Mozart kein Neuland. Die meisten Werke stammten noch aus Salzburger Zeiten. Im Mai 1791 hatte er sich die Nachfolge des Domkapellmeisters an St. Stephan in Wien gesichert. Ihm stand also nach der Karriere als Opernkomponist eine vielversprechende Neuausrichtung als Kirchenmusiker bevor. Das Requiem war damit als nicht zu prunkvoll ausgestattete, aber meisterhaft angelegte Kantatenmesse so etwas wie ein Referenzstück zum Vorzeigen. Da Mozart die Musik stets im Kopf entwarf, bevor er sie, erst in den Hauptstimmen, dann im vollen Satz zu Papier brachte, wurden aber nur das Introitus und teilweise das Kyrie voll auskomponiert. Die übrigen Sätze blieben Fragmente bzw. wurden posthum u.a. von Mozarts Assistenten Süßmayr ergänzt.

Seit langem gehört das Requiem fest zum Konzertrepertoire der Passionszeit. Es spannt den Bogen von der Archaik des Gregorianischen Chorals über die straffe Rhythmik und die Fugenlabyrinthe des Barock bis zu Passagen, die an Mozarts eigene Opern erinnern. Nicht die vier Vokalsolisten, sondern der vierstimmige Chor bildet das Herzstück. Auf kleinstem Raum wählt Mozart schärfste Kontraste, z.B. zwischen dem aggressiven „Confutatis maledictis“ in den Bässen und Tenören und dem leisen Bitten der Sopran- und Altstimmen im „Voca me cum benedictis“. In jedem Satz ringen im Hintergrund zwei Extreme miteinander, der Schrecken vor dem Jüngsten Gericht und die Hoffnung auf Erlösung. So fragmentarisch dieses Werk eigentlich ist, so eindrücklich klingt die Musik zu dem Jahrhunderte alten Latein, auch noch nach dem Hören, nach.

Man würde Mozart missverstehen, suchte man nach absichtlich Autobiografischem, romantisch Subjektivem in seinem Requiem. Nicht in der Tragik seiner Person erkennt man sich wieder, sondern in Universalität seiner Klangwelt. Der evangelische Theologe Karl Barth fasste dies einmal so zusammen: „Das ist das eigentümlich Aufregende und Beruhigende seiner Musik: sie kommt bemerkbar aus einer Höhe, von der her (man weiß dort um alles!) des Daseins rechte und seine linke Seite und also die Freude und den Schmerz, das Gute und das Böse, das Leben und den Tod zugleich in ihrer Wirklichkeit, aber auch in ihrer Begrenzung eingesehen sind.“

Anne Sophie Meine