Predigttext für den 3. Sonntag nach Epiphanias, 23. Januar 2022

Als aber Jesus nach Kapernaum hineinging, trat ein Hauptmann zu ihm; der bat ihn und sprach: Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen. Jesus sprach zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen. Der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund. Denn auch ich bin ein Mensch, der Obrigkeit untertan, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut er’s. Als das Jesus hörte, wunderte er sich und sprach zu denen, die ihm nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden! Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern. Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast. Und sein Knecht wurde gesund zu derselben Stunde. (Matthäus 8,5-13)

Nicht nur in diesen pandemischen Zeiten, in denen sich so ziemlich alles um Gesundheit und Krankheit dreht, kommt der gesundheitlichen Aufklärung ein besonderer Wert zu – und gerade darum hat sich die sogenannte Rentner-Bravo, alias Apotheken-Umschau seit nunmehr 66 Jahren Verdienste erworben, die kaum abschätzbar sind.

Mein lieber Vater – Gott hab ihn selig – hat sie im Alter vierzehntäglich durchgearbeitet und konnte dann beim nächsten Arztbesuch ordentlich glänzen, also dem staunenden Doktor haarklein erklären, was ihm fehlt und was zu tun sei. Und nur in den Fällen, in denen der behandelnde Arzt noch nicht auf dem gleichen Kenntnisstand war, konnte es zu unerfreulichen Diskussionen kommen, die nicht durchweg dem Heilungsprozess förderlich waren.

Der Hauptmann von Kapernaum folgt der gegensätzlichen Strategie und erstaunt mit seinem unerschütterlichen Vertrauen und ohne jedes medizinische Vor-Urteil den sich wundernden Jesus: Sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund! Er leitet sein Vertrauen aus dem ihm als Militär vertrauten Lebenszusammenhang von Befehl und Gehorsam ab: ich bin ein Mensch, der Obrigkeit untertan, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut er’s. Ob das mal so gestimmt hat; es gab ja auch immer schon Deserteure – wie den kürzlich hochbetagt verstorbenen Hardy Krüger – gegen die böse und um der guten Sache willen.

Zumindest scheint – nebenbei gesagt – eine nicht unähnliche Hoffnung noch heute bei manchen dazu zu führen, in medizinischen Krisen wie der gegenwärtigen Pandemie militärischem Fachpersonal – keinem Hauptmann bloß, sondern einem General! – ihre Lösung anzuvertrauen und zuzutrauen. Höchst merkwürdig, aber wir kennen das. Im Kleinen haben viele von uns das auch schon erlebt, ich meine natürlich die Begegnungen mit den Bundeswehrsoldaten im Impfzentrum, in deren Obhut man sich gleich etwas sicherer vor dem Virus gefühlt hat. Aber ich schweife ab.

Als kurze lebenspraktische Zwischenbilanz wäre an dieser Stelle festzuhalten, dass sich – wie so oft im Leben – ein Mittelweg für den Umgang mit der eigenen Gesundheit empfiehlt: allgemeinverständliche Hintergrundinformationen und Empfehlungen zur Lebensweise gerne aus der Apotheken-Umschau, bei Konkreterem fragen wir unseren Arzt oder Apotheker. Noch der schlechteste Arzt dürfte unendlich viel bessere medizinische Kenntnisse haben als wir – womit dann auch zur Impffrage alles gesagt ist.

Für das Verständnis unseres Predigttextes ergibt sich, dass es weniger um ein Heilungswunder als um ein Glaubenswunder geht – nicht medizinische und therapeutische Fragen stehen im Vordergrund sondern solche des Glaubens und des Vertrauens: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden!

Dabei ist doch auch und gerade der hier vorgestellte und von Jesus gelobte unerschütterliche, von keinem Zweifel gestörte Glaube, der sich Gott wie einen General gegenüber den Mächten der Natur denkt, höchst fragwürdig und mindestens erklärungsbedürftig; kein Wunder, dass Jesus solchen Glauben in Israel bei keinem gefunden hat, denn Israel leitet seinen Glauben ja nicht aus Praxis und Psychologie seiner Militärs ab, sondern aus seinen jahrhundertelangen Erfahrungen mit Gott; aus der Geschichte und den Geschichten des Heils; von Adam und Eva oder mindestens von Abraham und Sara her. Solcher Glaube findet sich in Israel.

Das Gottesbild unseres Hauptmanns ist hingegen mit gutem Recht kritisiert worden als das von einem „General, der seine Truppen sieht, obgleich sie ihn nicht oder selten sehen. Er befiehlt, sie gehorchen; bei ihm laufen alle Fäden zusammen. Er ist der große, männliche Herrscher, der Chef, der Manager, der, der den Überblick hat und für alles zeichnet.“ Dieser General-Gott hat uns, wenn wir ihm denn anhängen – nach Meinung des Theologen Dietrich Ritschl – im Griff, sogar unsere Gedanken, ein General, „der uns zwingt, alles umzuinterpretieren: Leiden in verstecktes Glück, Tod in vermeintlichen Sinn, Diffamierung und Unterdrückung in gottgeplantes und -gewolltes pädagogisches Planen – Satan-Gott, wirklich! Ein Gott zum Hassen. Oft sind die Gläubigen wirklich so unterwürfig gewesen, dass sie bereit waren, alles umzuinterpretieren, das Leid, den Tod, den totalen Sinnverlust, die Liebe Gottes – alles waren sie bereit umzuinterpretieren, solange sie ihr Generalsbild von Gott aufrechterhalten konnten, die abstrakte Idee von seiner Allmacht.“ (Dietrich Ritschl, Auf der Suche nach dem verlorenen Gott, 1988)

Demgegenüber sollte es – ebenso nach Ritschl – darum gehen, solchen Glauben, wie er in Israel gefunden wurde und wird, neu zu hören und neu hören zu lassen; sich hineinzustellen in die Geschichten und die Geschichte von Gott und den Menschen. „Hineinschlüpfen müssten wir nachträglich in diese Geschichte Gottes mit Israel, Jesus und mit den frühen Christen, so sehr sie auch geirrt haben und so wenig vorbildlich sie auch gewesen sein mögen.“ (ebd.)

Apropos Irrtum: Was wäre, wenn wir es hier bei unserem Predigttext gleich mit einem doppelten Irrtum zu tun hätten; also zum ersten mit dem Irrtum des Hauptmanns von Kapernaum, der sich Gott als gleichsam stärkere Ausgabe seiner selbst denkt, als kosmischen General, der über die Kräfte des Kosmos befiehlt – aber eben einem produktiven Irrtum, der durch die Barmherzigkeit Jesu nicht beschämt wird, nicht bloßgestellt wird – wie es schlechte Lehrer mit unseren Irrtümern machen; sondern die Wahrheitsmomente unter allem Irrtum hervorheben, wie es die guten Lehrer machen, die nicht die Fehler bewerten sondern das, was richtig ist. Wahr wäre am Irrtum des Hauptmanns, dass er und wir uns auf Gott verlassen können, dass er über Kräfte der Heilung verfügt, von denen wir nichts ahnen und von denen noch nicht einmal die Apotheken-Umschau weiß. Wahr am Irrtum des Hauptmanns ist sein enthusiastischer, naiver, forscher, fordernder Glauben, alles von Gott zu erbitten, „denn er wird´s wohl machen“ (Psalm 37).

Und dann ist da noch der zweite Irrtum, den Jesus leider nicht mehr wie den ersten ausbügeln konnte, weil ihn seine Jünger und Biografen erst posthum notiert haben; der so stehen geblieben ist und nun durch unsere – hoffentlich nicht selber allzu irrtümliche – Deutung zurechtgebogen werden muss: ich meine die hässlichen, antijüdisch klingenden Worte vom Austausch des Gottesvolkes, vom Hinausst0ßen der Kinder des Reichs, also der Kinder Israels in die Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern. Ich will nicht glauben, dass Jesus selbst das gesagt hat und schon gar nicht, dass er es selbst so gemeint haben könnte; wie hätte er nur als geborener und jüdisch lebender Jude.

Viel eher dürfte er sich hier auf die uralte, alttestamentlich-jüdische Hoffnung der Völkerwallfahrt zum Zion, zur heiligen Stadt Jerusalem beziehen, wenn er verheißt: Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen. Von diesem Glauben war in Israel schon seit Jahrhunderten die Rede; jeder dort dürfte von diesem Glauben in Israel gehört haben:

„Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. 

Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“ (Sowas hören Generäle nicht gerne; damit es nicht überhört werden kann, zur Sicherheit gleich doppelt überliefert: Jesaja 2,2-4; Micha 4,1-5)

Und das wäre dann auch Pointe und Evangelium unseres Predigttextes: Alle können zu Gott, niemand wird abgewiesen; jeder kann sich in die Geschichte seines Volkes stellen und seine Geschichten hören; alle können zu Gott aus allen Ländern dieser Erde – mit ihrem Glauben und mit ihren Irrtümern; und noch unsere größten Irrtümer vermag Gott in Glaubenswahrheit zu verwandeln. Gott beschämt niemanden, der zu ihm kommt.

Oder mit den Worten unserer Jahreslosung: „Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen“ (Johannes 6,37).

Predigttext für den 2. Sonntag nach Epiphanias, 16.1.22

Auch ich, meine Brüder und Schwestern, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten oder hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu predigen. Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten.

Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten der Weisheit, sondern im Erweis des Geistes und der Kraft, auf dass euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft. Von Weisheit reden wir aber unter den Vollkommenen; doch nicht von einer Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen. Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. Sondern wir reden, wie geschrieben steht (Jes 64,3): »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.«Uns aber hat es Gott offenbart durch den Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen Gottes. (1. Korinther 2,1-10)

Kannst du ein Geheimnis bewahren? fragt der eine den anderen; und auf die eifrige Beteuerung: aber ja, erzähl! entgegnet jener: ich auch – und behält es für sich.

Eine schöne und auch wahre Geschichte, denn zum Geheimnis gehört natürlich, dass es geheim ist – allerdings nicht unbedingt, dass es geheim bleibt, zumindest nicht jedem. Ebenso gehört zum Geheimnis doch auch sein Verrat: Wenn es schlechthin nur verborgen wäre, wüssten wir ja gar nichts davon, noch nicht einmal, dass es eins gäbe. Mag schon sein, dass manche ein Geheimnis nur ganz allein und für sich durchs Leben tragen, ohne es je jemandem zu offenbaren; dennoch würde auch das erst durch die Sorge seines möglichen Verrats zum Geheimnis. Geheimnisse trennen – und verbinden! – Verborgenes und Offenbares – und verbinden die, die es kennen, indem sie sie von denen trennen, die es nicht kennen.

Könnt ihr ein Geheimnis bewahren? fragt uns heute der Apostel Paulus und offenbart es uns sogleich; und er will gerade nicht, dass wir es für uns behalten; und er will es deshalb nicht, weil Ursprung und Urheber des Geheimnisses das auch nicht will. Gott will, dass sein Geheimnis offenbart wird – ach was: dass es verraten wird, ausgeplaudert, erzählt wird, dass es mit den Spatzen von den Dächern gepfiffen und mit allen Vögeln des Himmels gezwitschert, meinetwegen auch getwittert wird; er will, dass sein Geheimnis gesungen, gebetet, gerufen und sogar gepredigt wird. Jeder, der es hören will, soll es hören können – und alle anderen auch.

Könnt ihr ein Geheimnis bewahren? – Ich kann es nicht, sagt Paulus und trägt sein Geheimnis bis an die Enden der Erde, also bis an die Grenzen der damals bekannten Welt, will es – nach alter Überlieferung, bis nach Spanien bringen, an dessen äußerte Ecke im Nordwesten der Halbinsel; solche Ecken heißen noch heute vielerorts und eben auch dort Finis Terrae, Ende der Welt, Fisterra. Und so ist dieses Geheimnis auf halbem Weg auf den Apostelreisen auch in Korinth längst laut geworden und wird hier in seinem ersten Brief an die Korinther vernehmlich angesprochen als Ziel der Reise und Zweck der Übung: euch das Geheimnis Gottes zu predigen.

Es geht dem Apostel darum, zu verkünden, was die Welt im Innersten zusammenhält – und er weist darauf hin, dass das, was die Welt im Innersten zusammenhält, nicht das ist, was die Schulweisheit seiner und aller Zeiten weiß, weil da eben mehr zwischen Himmel und Erde ist, als diese sich träumen lässt. Nicht weniger als die Weltformel beansprucht Paulus als Geheimnis zu offenbaren; nicht nur ein Standardmodell der Physik sondern die große Theorie der Metaphysik; das Zauberwort, dass die Welt neu erschafft; die Formel, die den Puzzleteilen unseres chaotischen Weltwissens ihren Ort zuweist.

Man wird Paulus demnach keine übertriebene Bescheidenheit vorwerfen müssen, wenn er der herrschenden Weisheit den Fehdehandschuh hinwirft – und das ja trotz seiner Beteuerung ohne große Worte oder hoher Weisheit zu sprechen: als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten oder hoher Weisheit. Er nimmt es gerade mal so auf mit den Geistesgrößen – den Vollkommenen, den Herrschenden – seiner Zeit; von Schwachheit Furcht und großem Zittern keine Spur.

Das wäre ungefähr so, als würde man heute aus der Perspektive des Glaubens den Gelehrten unserer Zeit die Begrenztheit und Endlichkeit ihrer großartigsten und bahnbrechenden Erkenntnisse vorhalten; den Astrophysikern den Urknall, den Biologen die Evolution und etwa den Moralphilosophen Autonomie und Selbstbestimmung des Menschen als letzten und höchsten Wert bestreiten – also nicht in ihrem jeweiligen Bereich bestreiten, da gelten sie natürlich, sondern als Erklärung der ersten und letzten Dinge. Aber genau das würde Paulus heute tun, weil er genau das damals getan hat – und so würde er vielleicht sprechen:

Der Urknall ist die beste und deshalb gültige Theorie für den Beginn der physischen Welt – aber sie darf nicht zu der Annahme verleiten, dass die Schöpfung ein bloßer Zufall wäre.

Die Evolution erklärt schlüssig die Entwicklung der Arten nach den Prinzipien von Mutation und Selektion – aber auch ihr gegenüber wäre es ein Fehler, das Leben insgesamt zum Spiel aus Zufall und Durchsetzungsmacht zu erklären.

Autonomie und Selbstbestimmung des Menschen sind unhintergehbare menschliche Grundwerte – aber ihr Absolutsetzen verfehlt die menschliche Natur als Gemeinschaftswesen und als fehlbares Wesen.

Paulus setzt menschlicher Weisheit und Wissen geradezu unverschämt seinen Glauben entgegen: Gott als Geheimnis der Welt, der sich in Christus als dem Gekreuzigten offenbart hat; wobei der Gekreuzigte Christus Gottes bedingungslose Hinwendung zu den Menschen beschreibt und verbildlicht – und deshalb würde Paulus heute vielleicht so sprechen:

Das Bild des Gekreuzigten zeigt: Wir sind als von Gott geliebte Menschen nichts weniger als Zufall; so sehr kein Zufall, dass Gott die Mühe des eigenen Todes für uns in Kauf nimmt.

In der von Gott gewollten Welt herrscht nicht die Macht und das Recht des Stärkeren, sondern der schwache, todgeweihte und den Tod erleidende Christus ist das Maß aller Dinge. Homo mensura est – ist zuerst ein christlicher Glaubenssatz, bevor er von den Religionskritikern gekapert wurde; allein der Mensch Jesus Christus ist als Mensch Maß aller Dinge, Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten.

Maßstab ist der Mensch aber als wirklicher und wahrer Mensch – nicht als Ideal- und Trugbild des ewig jungen, immer starken, allseitig gebildeten, strahlend schönen und nach der neuesten Ratgeberliteratur optimierten Menschen – sondern als einer, der das zwar alles auch sein kann und gerne auch sein soll; aber eben auch krank und schwach und leidend sein kann und sein wird – wie Christus der Gekreuzigte. (Und wenn ich das vergessen haben sollte, erinnern mich ein paar Tage Zahnschmerzen daran.)

Autonomie und Selbstbestimmung können daher dann zu Zerrbildern des Menschlichen werden, wenn sie die Anfälligkeit, die Fehlerhaftigkeit und die Gemeinschaftsbezogenheit des Menschen ausblenden. Deshalb ist es eine schlimme Verirrung des Rechts, wenn es neuerdings fordert, dass dem verzweifelten Lebensmüden in der Weise durch die Gemeinschaft beizustehen ist, ihm dabei zu helfen, sein Leben zu beenden.

Mit Paulus entdecken wir heute – und natürlich immer, wenn wir das wollen und auf ihn hören – dass Gottes Geheimnis, nämlich Christus der Gekreuzigte, der Weisheit und dem Wissen von uns Menschen entgegensteht. Das muss nicht jedem passen; aber wir haben es weiterzusagen, dieses Geheimnis: zu unserer Herrlichkeit.

Dieses Geheimnis jedenfalls können wir nur so bewahren, indem wir es weitersagen.

Predigttext für den 1. Sonntag nach Weihnachten, 2. Januar 2022

Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unseren Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens –

und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist -,

was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus.

Und das schreiben wir, damit unsere Freude vollkommen sei. (1. Johannesbrief 1,1-4)

Da scheint einer vor Aufregung zu stammeln. Die Worte, die Satzteile des Johannes, den wir aus seinem Evangelium ganz gut kennen, geraten durcheinander, Wiederholungen reihen sich, Bezüge verwirren sich, Satzteile bleiben in der Luft, noch einmal und noch einmal fängt der Autor an von dem zu reden, was ihm so wichtig ist.

Wer gelegentlich zu reden, vor anderen zu reden hat, kennt das. Dass einem die vielen Gedanken im Kopf, die Worte im Mund in Unordnung bringen. Oder umgekehrt – dass eine komplexe Situation, den Kopf einfach leer macht und unseren Mund ins Stammeln bringt. Da steht einer, und will was sagen – aber es kommt nichts Gescheites raus. Da sitzt einer und will was schreiben – aber die Worte und Satzteile fügen sich kaum zu etwas Sinnvollem.

Merkwürdigerweise wird solche Rede- oder Schreibhemmung nicht selten von bedeutenden religiösen Führern überliefert. Der stotternde Mose brauchte seinen Bruder Aaron um seine Botschaft weiterzugeben. Der Apostel Paulus wir von seinen Gegnern verspottet, wegen seines wenig eindrucksvollen Auftretens und Redens.

Dabei erwartet man doch gerade von Geistlichen, dass sie einigermaßen geradeaus sprechen können, dass sie ihre Botschaft in Worte zu fassen und damit Menschen zu überzeugen in der Lage sind.

Aber es könnte ja sein, dass gerade das Besondere der religiösen Botschaft gelegentlich ihre Botschafter so sehr verwirrt, dass sie hier versagen. Dass die Größe ihre Botschaft nicht mehr in ihren Mund passt. Dass sie schlicht überfordert und überwältigt sind, von dem was sie da weitersagen sollen und weitersagen möchten. Und dass dazu noch die eigene Erwartung und die der Hörer und Leser und der besondere Anlaß ein Übriges zur Einschüchterung und Verwirrung tun.

Umso schöner, wenn dann doch noch etwas einigermaßen Verständliches, Stärkendes, Aufbauendes, Glauben und Zutrauen Weckendes dabei herauskommt. So wie bei unserem Evangelisten und Briefautor Johannes, der bei aller Verwirrung, ganz deutlich macht, um was es ihm geht. Vielleicht ist seine Stammelei ja sogar ein Hilfsmittel, ein rhetorischer Kunstgriff, den er bewusst einsetzt, um Aufmerksamkeit und Erwartung zu wecken. Das, was ich jetzt zu sagen habe, ist so wichtig und bedeutend, da muß ich jetzt erst mal stottern. Das, was ich jetzt sagen möchte, geht mir selbst so nahe, dass es meinen Sprachfluß stört, damit Euer Denken und Glauben neu in Gang kommt.

Das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist.

Weihnachtsbotschaft: Gott kommt zu uns, Gott ist mit uns, seine Gegenwart erneuert uns, macht uns heil, schenkt uns Frieden. Das Leben ist erschienen.

Sicherlich meint Johannes hier das ganze Leben und Wirken Jesu, sein Heilen und Verkünden, seine Taten und Worte, sein Versöhnen und Lehren. Ganz besonders aber den Moment, da dieses ewige, göttliche Leben in menschliches Leben trat, als das Wort Fleisch wurde und das Licht in die Dunkelheit kam. So sagt es Johannes ja an anderer Stelle in seinem Schöpfungsbericht, der zugleich Geburtsgeschichte Jesu ist:

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott.

Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.

In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.

Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.

Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen.

Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht.

Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf.

Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind.

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. (Johannes 1,1-14*)

So spricht der Evangelist und Briefautor Johannes, wenn er sich Zeit nimmt für seine Formulierung, wenn er sich die Ruhe nimmt, die er für seine Besinnung braucht, wenn er ganz bei sich ist.

In beiden Fällen – der Gelegenheitsschrift wie dem wohlgesetzten Geburts- und Schöpfungslied – aber ist dasselbe gemeint.

Dass das Leben selbst erschienen ist und nun von ihm gesprochen werden soll.

Dass dieses Leben Jesu in die Gemeinschaft der Kinder Gottes führt.

Und dass dieses neue Leben Freude bereitet; mehr noch, unsere Freude vollkommen macht.

In den Worten des Briefautors Johannes läßt sich der freudige Überschwang noch hören. Die Festfreude, die Ausgelassenheit der gemeinschaftlich Feiernden.

Als immer noch Ergriffener spricht und schreibt Johannes, als einer der die Freude weitergeben geben will, die er selbst empfindet.

Das macht es ja ohnehin viel leichter, Freude weiterzugeben, wenn wir in uns diese Freudespüren. Wenn wir das selbst erlebt haben, wovon wir da sprechen. Wenn wir freudig von Freude sprechen.

Ich bin mir sicher, dass auch wir – dass alle von uns – wieder wahrhaft Weihnachtliches erlebt haben; selbst die, die ihr Fest nicht in berauschter Ausgelassenheit gefeiert haben oder feiern konnten.

Vielleicht war es ein besonders schönes Konzert in einer Kirche oder im Fernsehen.

Vielleicht war es eine Musik, die uns nach langer Zeit wieder aufleben ließ.

Vielleicht die Lieder im Weihnachtsgottesdienst oder im Familienkreis zu Hause.

Vielleicht ein Wort in einer Predigt, das uns erreicht hat.

Vielleicht ein Telefonanruf, ein Brief, ein klärendes Gespräch, eine Aufmunterung, eine Motivation, eine Perspektive.

Vielleicht das Geschenk, mit denen wir ein Kind eine Freude gemacht haben; vielleicht ein Geschenk von jemandem, von dem wir das nicht erwartet hätten.

Vielleicht die Gemeinschaft, die wir beim Essen und Trinken und Erzählen erleben durften.

Vielleicht der Spaziergang, den wir erlebten oder einer, an den wir uns erinnerten.

Vielleicht das bloße Aufatmen nach Tagen der Unruhe.

Ich bleibe dabei, dass ganz gewiß jede und jeder von uns ein solches weihnachtliches Erlebnis gehabt hat – vielleicht brauchen wir nur etwas um das Licht in der Dunkelheit zu finden. Vielleicht aber bracuhen wir ja auch ein bischen Dunkelheit um das wahre Licht im Lichtermeer zu finden.

Und jedes mal wird dieses Freudenereignis mit der Beziehung zu anderen Menschen zu tun gehabt haben, mit Menschen, deren Gegenwart – und sei es die indirekte Gegenwart der Erinnerung oder eines Telefongesprächs – die Gegenwart Gottes in unserer Welt erahnen, vielleicht sogar erleben läßt. Gott will, dass wir ihn in der Nähe eines anderen Menschen wahrnehmen; dass wir Gott im Antlitz unseres menschlichen Gegenübers sehen. Deswegen ist er für uns Mensch geworden.

Und deswegen wird gerade der Evangelist und Briefautor Johannes nicht müde, die Liebe unter den Menschen als Erfahrung Gottes darzustellen. An anderer Stelle unseres Briefes schreibt er: Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

So hat die Liebe unter den Menschen etwas ganz und gar Weihnachtliches: Denn in der Liebe zwischen Menschen zeigt sich Gott, in der Liebe wird Gott menschlich, kommt zu uns und will bei uns bleiben.

Und wie die Weihnachtsbotschaft vermag ja auch die Liebe bisweilen unsere Sprache in Unordnung zu versetzen, uns ins Stammeln zu bringen.

Das muss sie beide – weder die Liebe noch Weihnachtsbotschaft – schlechter machen.

Hauptsache sie kommen beide von Herzen – und das heißt für Johannes von Gott.

Predigttext Silvester 2021

Er legte ihnen ein anderes Gleichnis vor und sprach: Das Himmelreich gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte. Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon. Als nun die Halme wuchsen und Frucht brachten, da fand sich auch das Unkraut. Da traten die Knechte des Hausherrn hinzu und sprachen zu ihm: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut? Er sprach zu ihnen: Das hat ein Feind getan. Da sprachen die Knechte: Willst du also, dass wir hingehen und es ausjäten? Er sprach: Nein, auf dass ihr nicht zugleich den Weizen mit ausrauft, wenn ihr das Unkraut ausjätet. Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte; und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt in meine Scheune.

(Matthäusevangelium 13,24-30)

Unkraut verdirbt nicht: Was ja meistens einen Trost bei Krankheit und Plage zum Ausdruck bringt; – sagt der eine, dass das ja eine ziemliche Sache gewesen ist mit Krankheit und Plage eben, vielleicht eine große Operation oder so; sagt der andere, ach du weißt doch, man kann mehr überstehen, als man vorher denkt: Unkraut verdirbt nicht.

Das tut das Unkraut auch in unserer Geschichte nicht, aber hier ist es kaum tröstlich gemeint, wenn das Unkraut unbehelligt unter dem guten Korn mitwächst und damit die ganze Ernte zu verderben droht; aber vielleicht liegt immerhin darin ein Trost, dass bis zur Ernte erstmal kein Handeln erforderlich ist, es ihm dann aber an den Kragen geht: auch dieses Unkraut vergeht nicht von selbst, aber zu der richtigen Zeit wird es gejätet, gesammelt, verbrannt

Leider unterschlagen die deutschen Übersetzungen an dieser Stelle den Namen des im Text immer wieder ausdrücklich und namentlich genannten Unkrauts, griechisch Zizania, also Taumel-Lolch (Lolium temulentum), auch Rauschgras, Schwindelweizen, Tollgerste, Tollkorn, Schwindelkorn, Tobkraut, Giftstroh, Haferschwindel, Droonkart, Taubkraut, Schlafweizen, Teufelskraut oder Hennentöter.

Diese Namen beruhen auf den Vergiftungserscheinungen, die in der Vergangenheit – das Pflänzlein ist nämlich weitgehend ausgestorben bzw. verschollen, mithin auch die Vergiftungserscheinungen – die also nach dem Verzehr von mit Taumel-Lolch verunreinigtem Getreide auftraten. Dabei produziert die Pflanze nicht selbst das Gift sondern eigentlich ein mit ihr in Gemeinschaft lebender Pilz, wie das Mutterkorn im Roggen, das ja ebenfalls durch einen Pilz produziert wird, der das ähnlich rauschhafte, aber wohl ungleich gefährlichere Antoniusfeuer hervorruft – und dem wir mittelbar den Isenheimer Altar des Matthias Grünewald verdanken, der sein Werk im Auftrag und für das Kloster des Antoniterordens in Isenheim schuf, der sich im Mittelalter der Pflege der am Antoniusfeuer Erkrankten widmete.

In geringeren Mengen – die Dosis macht das Gift – kann man die Pflanze – den Taumel-Lolch, aber auch das Mutterkorn – absichtlich als Rauschmittel verwenden, wie das wohl schon bei den Elysischen Mysterien im alten Griechenland der Fall war; wovon aber auch die phantasievollen volkstümlichen Namen zeugen. Allein deren Vielfalt könnte dafür sprechen, dass das Pflänzlein neben seinem Schrecken auch eine gehörige Faszination ausgelöst und der eine oder andere absichtlich davon genascht hat. Auch wir werden heute Nacht in nicht unbeträchtlicher Zahl willentlich herbeigeführte Rauscherfahrungen machen, ohne dabei auf den Taumel-Lolch zurückzugreifen – obwohl: in der DDR etwa scheint es unter Jugendlichen den Brauch gegeben zu haben, in Ermangelung anderer Rauschmittel auf solche heimischen Schwindelkräuter zurückzugreifen um die Partystimmung zu heben – wie es etwa im wunderbaren Film „Sonnenalle“ von Leander Haußmann gezeigt wird. Davon – also nicht vom Film aber von solchen Stoffen – lassen wir mal besser die Finger.

Dem gleichniserzählenden Jesus und seinem Biografen Matthäus war dieses Kraut jedenfalls so wichtig, dass er es gleich sechs Mal mit seinem auffälligen Namen Zizania benennt; der ist das Signal, das seiner Geschichte Aufmerksamkeit verschafft, weil er dazu einlädt, ja auffordert, nach den Taumel-Lolchen zu fragen – und gleichzeitig sowohl eigene Nachforschungen als auch eigenhändige Beseitigung verbietet. Es gilt, das Unkraut auszuhalten, das im Schutz und Schatten des guten Korns wächst, in diesem Fall Zizania, das dem Weizenhalm nicht unähnlich ist und somit die im Text genannte Sorge durchaus verständlich sein lässt, man könnte den Weizen mit dem Unkraut ausrupfen. Deshalb den Taumel-Lolch einstweilen stehen lassen!

Was also nun hier als landwirtschaftlicher oder gärtnerischer Rat nicht unbedingt verallgemeinerbar erscheint – in meinem Gärtchen hat das Unkraut längst die Herrschaft übernommen – , das ist als Gleichnis sowieso nicht an den Gärtner gerichtet sondern an Hörer und Leser der christlichen Gemeinde.

Es geht natürlich auch nicht um den Landbau sondern um das Reich Gottes, in dessen Erwartung wir das Unkraut in den eigenen Reihen stehen lassen und keine eigenen Säuberungs- oder Reinigungsaktionen unternehmen sollen. Die christliche Kirche ist in ihrer äußeren Gestalt seit jeher eine höchst gemischte Körperschaft – ein corpus permixtum, wie schon die Reformatoren erklärten – mit Taumel-Lolchen, also Schwindlern (!) in den eigenen Reihen ist zu rechnen und – und das ist die Pointe unserer Gleichnisgeschichte – das muss uns auch nicht weiter beunruhigen, denn Gott selbst wird sich zur rechten Zeit ihrer annehmen.

Bis dahin sollen wir frei nach den Worten des Großen Vorsitzenden Mao „100 Blumen blühen lassen“, es im Gegensatz zu diesem aber auch ernst meinen, also sie nicht einfach bei nächster Gelegenheit wieder ausrupfen. „Lasst hundert Blumen blühen, lasst hundert Schulen miteinander wetteifern“ hat Mao 1956 bei einer Rede vor Funktionären gesagt, hat den Streit der Meinungen und Richtungen aber nur kurze Zeit ausgehalten und die Kritiker zu Hunderten in Arbeitslager gesteckt, wo sie schnell verblüht sind.

Die Konkurrenz der Schulen, den Streit der Meinungen zulassen, andere Kräutlein stehen lassen, das Unkraut aushalten; gar „das Wort Häresie wieder zu Ehren bringen“ (Schleiermacher) – so wird es Jesus kaum gemeint haben, aber vielleicht würde er sich an einem solchen kreativen Missverständnis, wenn es das ist, dennoch freuen.

Nichts ist langweiliger als eine erstarrte Orthodoxie; der ewig reiche Gott wird aber gar nicht gedacht, wenn er als langweilig gedacht wird; und was Jesus angeht: selbst seine ärgsten Kritiker haben ihm nie den Vorwurf gemacht, dass er sie gelangweilt hätte.

Warum sein großzügiges Wort über den Taumel-Lolch, mit dem zu rechnen und der von uns auszuhalten ist, nicht im Sinne konfessioneller Diversität oder religiöser Artenvielfalt deuten, die andere Glaubensweisen und andere Erlösungshoffnungen als die eigene aushält, sie erträgt und toleriert? Vielleicht ist der andere gar kein so schlimmer Taumel-Lolch, kein Rauschgras, Schwindelweizen, keine Tollgerste, Tollkorn, Schwindelkorn, kein Tobkraut, Giftstroh, Haferschwindel, kein Droonkart, Taubkraut, Schlafweizen, kein Teufelskraut oder Hennentöter; vielleicht ist er ja einfach nur ungenießbar, oder bloß schwer verdaulich; vielleicht muss ich nur lernen, wie ich mit ihm umgehen kann; vielleicht ist er nur anders und vielleicht überlasse ich bis auf weiteres einfach Gott das Urteil darüber. Und da hätten wir doch schon einen Prima-Vorsatz für mich für das neue Jahr: Leben lernen mit Taumel-Lolchen aller Art.

Das Kraut mit den vielen Namen ist übrigens längst dem Artensterben zum Opfer gefallen, als ausgestorben oder verschollen gilt es; verdrängt durch eine Form des Landbaus, die solche wie den Taumel-Lolch eben nicht aushält. Auch dazu haben wir Jesus heute gehört in seiner ökologischen Parabel, in der viel mehr steckt als unsere Schulweisheit meint. Unkraut verdirbt doch – und dann wird es uns sogar leidtun. Amen.

Predigttext für den 3. Advent, 12. Dezember 2021

Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse.
Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden.
Mir aber ist’s ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht; auch richte ich mich selbst nicht.
Ich bin mir zwar nichts bewusst, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist’s aber, der mich richtet.
Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten der Herzen offenbar machen. Dann wird einem jeden von Gott sein Lob zuteilwerden. (1. Korinther, 4,1-5)

Die Kirche, liebe Schwestern und Brüder,
die Kirche befriedigt keine Bedürfnisse sondern feiert Gottes Geheimnisse.
So hat es sinngemäß vor nicht allzu langer Zeit ein hoher katholischer Würdenträger geäußert.
Und dem ist – meine ich – auch evangelischerseits wenig hinzuzufügen.

Denn bei aller Übersetzungsarbeit, bei allen Bemühungen um Verständlichkeit, bei allem Kontakt zur aktuellen Wirklichkeit, geht es darum, Gott und nur ihn im Gottesdienst zu feiern, ihm, Gott, treu zu bleiben, seinem Geheimnis in unserem Leben einen Platz einzuräumen, also: Gott als Geheimnis der Welt zu erleben und zu feiern.

Die Biblische Botschaft damit nicht vom Urteil und der Kritik der Gesellschaft abhängig zu machen – sondern im Gegenteil, Gottes Urteil und Gericht über uns laut werden zu lassen.

In diesem Sinne Gott bei uns Platz einzuräumen; Gott groß zu machen, wie das Maria in ihrem adventlichen Lobgesang macht: „Meine Seele erhebt den Herrn“.

Dass dabei bekannte Sichtweisen verändert werden, dass dabei Größenverhältnisse, ja sogar Herrschaftsverhältnisse umgekehrt werden, bleibt nicht aus: Gott, sein Urteil, stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.

Das, was sonst überall gilt, hat in Gottes Namen noch lange keine Geltung.
Die, die sonst überall das Wort ergreifen und ihren Willen durchsetzen, sollen in der Kirche Jesu Christi gerade nicht den Ton angeben.
Gott nämlich „zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn“.

Wenn dagegen die Kirche bloßes Spiegelbild der Gesellschaft bleibt,
ihre Äußerungen bloßes Echo dessen sind, was ohnehin gedacht, gemeint, gesagt und geschrieben wird,
und ihr Handeln bloß der Erfüllung von Bedürfnissen – und sei es von religiösen Bedürfnissen – dient,
dann hat die Kirche ihren Sinn verfehlt.
Als öffentlich-rechtliche Bedürfnisanstalt für religiöse Angelegenheiten mag sie dann noch durchgehen – zur Dienerin Christi und Haushalterin über Gottes Geheimnisse taugt sie nicht mehr. Dafür aber, sagt Paulus, halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse.

Und wir dürfen – meine ich – hinzufügen: für treue Diener und gewissenhafte Haushalter Gottes gegenüber und bisweilen auch gegen Kirche und Gesellschaft:
Dass wir uns zuerst und den anderen aber auch sagen, was uns fehlt, wenn uns etwas fehlt, wenn uns Gott fehlt.

Hier, liebe Schwestern und Brüder, an dieser Stelle wäre nun etwa die Stimme zu erheben für einen Bußruf passend zur adventlichen Bußzeit:

Ein Ruf: Gegen die Gottesvergessenheit unserer Kirche und die Gottlosigkeit unserer Gesellschaft.
Etwa gegen immer neue kirchliche Strukturreformen, die doch nur die Gemeinden in ihren Rechten und Mitteln berauben, dass am Ende – also etwa am Ende von 2030, dem großen „Kirchenzerstörungsreformwerk“ unserer hessisch-nassauischen Kirche – ein selbstermächtigter Funktionärsklerus in Verwaltung und Leitung durchregiere.
Oder gegen die Marginalisierung des christlichen Glaubens in einer sich selbst säkularisierenden Gesellschaft – in der etwa – wie in der vergangenen Woche geschehen – nur noch eine Minderheit der neuen Regierenden Gott den Herrn beim Amtseid nennt und kennt und damit zumindest dem Anschein von Selbstherrlichkeit wehrt. Was hat es uns eigentlich zu sagen, dass diesmal nur und ausgerechnet die Minister einer liberalen – und damit traditionell eher religionskritischen – Partei geschlossen Gott um Hilfe bitten – „so wahr mir Gott helfe!“; sozialdemokratische und ökologische hingegen mehrheitlich oder gleich ganz darauf verzichten zu können meinen? Ist mir da was entgangen?

Wenn ein weiterer kirchen- und kulturpessimistischer Rundumschlag, auf den vermutlich nicht alle von uns gleich viel Lust haben; wenn der also hier und heute aber dennoch ausbleibt, liegt das an einer Entdeckung, die an unserem Predigttext zu machen ist. Paulus nämlich enthält sich – zumindest und auffälligerweise gerade an dieser Stelle – solcher weitausholender Kritik.

Der Vergewisserung des Paulus, dass wir als Christenmenschen Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse sind, folgt weder die von mir unterstellte, aber wie ich finde vertretbare Gegenüberstellung von Gottes Geheimnis – und menschlichem Bedürfnis,
noch folgt beim Apostel die prophetische Kritik an gesellschaftlichen und kirchlichen Verhältnissen.

Das glatte Gegenteil passiert: Der Apostel ermahnt uns zur Zurückhaltung bei der Kritik.
Richtet nicht! Richtet nicht selbst, denn Gott ist euer Richter. Gerade in religiösen Urteilen ist Zurückhaltung gefragt.

Das Auftreten dieses oder jenes Geistlichen mag nicht das meine sein.
Bestimmte Frömmigkeitsformen mögen mich nicht ansprechen.
Auftreten und Lebensstil anderer befremden mich vielleicht.
Diese oder jene Annäherung an das Geheimnis Gottes mag uns fremd sein und fremd bleiben…

Wenn aber Religion wirklich Sinn und Geschmack für das Unendliche ist, dann muss nicht alles Unsinn sein, was mir nicht gleich in den Sinn geht; dann kann auch gelegentlich eine Frage als Geschmacksfrage offen bleiben, über die nicht zu streiten und die erst einmal nicht zu kritisieren ist. Denn erst Gott der Herr wird ans Licht bringen, was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten der Herzen offenbar machen.

Paulus, den wir ja auch als Polemiker, als vehementen Kritiker religiöser Zustände kennen, empfiehlt hier Zurückhaltung im religiösen Urteil.
Sicherlich nicht zuletzt aufgrund der Anfeindungen, denen er sich selbst ausgesetzt sah.
Dabei folgt diese Zurückhaltung in religiösen Fragen keinem taktischen Kalkül, sondern dem Glauben an den ankommenden Gott. Paulus und ja auch wir leben in einer Zeit, die auf ein Ziel zuläuft: Die Ankunft Gottes.

Die noch ausstehende, die zukünftige Ankunft stellt unser Leben unter einen Vorbehalt.
Das ist schon wichtig, was wir jetzt tun und lassen, was wir reden und wovon wir schweigen. Aber unser Tun und Lassen, unser Reden und Schweigen wird von dem Anspruch befreit,
wir werden von dem Anspruch befreit, perfekt sein zu müssen – jetzt schon und von uns aus perfekt sein zu müssen. Das sind wir ohnehin nicht – aber wir müssen das auch nicht anstreben. Und wir können uns deshalb auch das eine oder andere an Kritik sparen, die wenig zum Guten verändert aber viel Unfrieden schafft.
Im Kern liegt hier in den wenigen Worten des Paulus an die Korinther die Leitlinie christlich verstandener Toleranz:
Der ist es nicht egal, was gesagt und getan wird.
Die verkündet keinen religiösen Relativismus.
Die propagiert nicht das große ethische Einerlei.
Die singt schon gar nicht das Hohelied auf die moderne religions-distanzierte Gesellschaft.

Aber diese christliche Toleranz erkennt an, dass nicht wir das letzte Wort über unser Leben, über unser Handeln, Reden und Glauben sprechen. Gott tut das. Gott wird das tun bei seiner endgültigen Ankunft. Die steht noch aus. Aber es lohnt sich, darauf zu warten.
Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten der Herzen offenbar machen. Dann wird einem jeden von Gott sein Lob zuteilwerden.

Bis dahin geht es in Ordnung, auch anderes gelten zu lassen –
Solange wir selbst nur von jedermann für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse gehalten werden können.
Amen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Predigttext für den 2. Advent, 5. Dezember 2021

Predigttext für den 2. Advent, 5. Dezember 2021

So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.

Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name.

Warum lässt du uns, HERR, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind!

Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten.

Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde. Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen,

wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten,

wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten – und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! –

und das man von alters her nicht vernommen hat. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren.

(Buch des Propheten Jesaja 63,15 – 64,3)

Komm raus, Gott, wenn es dich gibt!
Zeige dich, damit wir dich sehen!
Zeige, was du kannst! – Wenn du was kannst!
Reiß den Himmel, den Vorhang zwischen dir und uns endlich auf, reiße ihn ein, lass dich sehen.
Zeige deine Taten!

Das Warten ist dem Propheten lang geworden, zu lang. Jetzt muss auch einmal etwas passieren. Nach so viel Passivität; nachdem so lange nichts geschah.

Das Warten ist dem Propheten lang geworden. Nach so viel Leid und Unrecht, die der Prophet miterleben musste. Nach so viel Abfall von Gott, nach Eroberung des Heiligen Landes, nach dem Verlust der heiligen Stätten, nach der Zerstörung des Tempels durch die Babylonier, nach Verschleppung und Erniedrigung – nach so vielem, das gegen Gott spricht – soll Gott endlich wieder sprechen: ein Machtwort, eindeutig, klar, machtvoll. Zeige dich Gott, damit wir an dich glauben können!

Das Warten ist dem Propheten lang geworden – und so verlangt er um des Glaubens willen Zeichen und Taten Gottes; Zeichen und Taten, wie es sie früher gab und wie es sie heute wieder geben soll. Eine Erscheinung in Macht und Herrlichkeit, mit Feuer und Rauch, mit Aufwallungen der Natur, die das Kommen des Schöpfers begleiten.

Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen,
wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten,
wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten – und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen!

So hatte man sich das vorgestellt im alten Israel, im alten Orient überall, die machtvolle Niederkunft Gottes auf der Erde, seiner Erde, die er doch samt Himmel geschaffen hat. Das wollen wir glauben – so zeige uns, dass unser Glauben recht hat. Damit wir alles andere ertragen können.

Das Warten ist dem Propheten so lang geworden, dass er nun in prophetischer Ungeduld, Gott vom Himmel herab wünscht, ihn herabpredigen möchte, ihn hinunterzwingen möchte in die ganze Trostlosigkeit unserer menschlichen Existenz.

Wer könnte ihm in seinem prophetischen Eifer schon widersprechen? Wer könnte ihm sagen: das gehört sich nicht. Sei still und gib dich zufrieden! Harre des Herrn! Befiel dem Herrn deine Wege, er wird’s wohl machen! Oft genug sagen wir uns das, immer wieder sagen wir das, aber die Unheile nehmen ihren Lauf, die Verhängnisse gehen ihre Bahn, – und darüber wird das Warten länger, wer sollte da nicht auch seine Geduld verlieren?

Wenn Menschen, die wir lieb haben und lieb hatten, wenn die dann sterben müssen, aber nicht sterben können, sich quälen auf ein langes Ende hin – und das Warten lang wird.

Wenn Menschen, die wir lieb haben und für die wir Verantwortung haben, krank werden und leiden – immer wieder ja – und wir nicht wissen, ob es und wann es ein Ende haben wird, das Leiden und das eingeschränkte Leben – und das Warten darüber lang wird.

Wenn Menschen und Völker sich seit Generationen immer tiefer, immer tiefer in ihren Hass verstricken, Gewalt neue Gewalt schafft, Leben und Lebensmöglichkeiten zerstört, sogar das Wissen davon zu zerstören droht, dass auch ein anderes Leben möglich ist – und das Warten darüber unendlich, quälend lang wird.

Dann lässt sich doch gar nicht anderes tun als unserem ungeduldigen, zornigen Propheten zustimmen und mit ihm einstimmen in seine Rede:

So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. Bist du doch unser Vater!

Solcher prophetischer Zorn ist allemal besser, als Resignation und Gleichgültigkeit, die mit Gott nicht mehr rechnet, die sich selbst säkularisiert hat wie unsere Gesellschaft, wie unsere Kirche sogar, die sich weithin mit sich selbst beschäftigt, sich organisiert und verwaltet, aber kaum noch mit ihrem Gott beschäftigt; kaum noch auf ihren Gott wartet, von dessen Kommen sie spricht aber nichts mehr weiß.

Solcher prophetischer Zorn ist aber noch nicht das Beste in unserem Warten. Zu sehr erinnert dieses Warten mit seiner Erwartung an einen tobenden, mächtigen Gott an jene andere Prophetengeschichte, damals bei Elia, in der auch auf ein Zeichen Gottes gewartet wird, in der Gott erwartet wurde, also Gott im großen, starken Wind erwartet wurde, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach; Gott aber war nicht im Wind; und Gott im Erdbeben erwartet wurde, aber er war nicht im Erdbeben; und im Feuer erwartet wurde – aber war nicht im Feuer: Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen – darin sprach Gott..

Als Wartende werden unsere Erwartungen enttäuscht. Das mag schmerzhaft sein; aber es ist ein heilsamer Schmerz.

Unsere Täuschung wird aufgehoben; Gott sei Dank!
Gott entspricht nicht unseren Erwartungen, aber ein bloß erwarteter Gott, einer der unseren Erwartungen entspricht, wäre gar nicht Gott.
Ein Gott, der unseren Wünschen – und seien es die frommsten Wünsche – ein Gott, der unseren frommen Wünschen entspricht, ist nicht Gott; sondern Einbildung, Phantasie, ein Götze, der unsere Frömmigkeit nicht verdient.
Der lebendige Gott – und auf den lebendigen Gott warten wir doch – lässt sich nicht erwarten, nicht ausrechnen in seinem Handeln und seinem Kommen. Wenn wir ihn im Getöse erwarten, dann kommt er erst recht im sanften Säuseln des Windes.

Das scheint unserem zornigen Propheten, dem das Warten lang geworden ist, beinahe aus dem Blick geraten zu sein.
Beinahe: denn er sagt es ja selbst; dass Gott so kommen möge, wie man von alters her nicht vernommen hat. Wie es kein Ohr gehört, kein Auge gesehen hat; einen solchen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren.

Vielleicht fällt es diesem lebendigen Gott ein – gerade nicht in Macht und Herrlichkeit zu kommen – sondern – sagen wir mal etwas besonders Merkwürdiges, etwas besonders Gewagtes, etwas ganz und gar Unerwartbares: Vielleicht fällt es diesem Gott ein, als Mensch zu uns zu kommen; oder machen wir es noch merkwürdiger, noch gewagter, noch unerwartbarer; vielleicht gefällt es Gott als Mensch geboren zu werden, als kleines Kind zu uns zu kommen, damit er uns so aus unserem Elend erlöse.

Denn: »Unser Erlöser«, das ist doch von alters her dein Name. Und: Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren.

Darauf – das Gott kommen möge, wie er will – darauf lasst uns warten. Amen.

1. Advent, 28. November 2021

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.

Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der HERR unsere Gerechtigkeit«.

Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der HERR lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«,

sondern: »So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel herausgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.« Und sie sollen in ihrem Lande wohnen. (Buch des Propheten Jeremiah 23, 5-8)

Es kommt die Zeit, spricht Gott durch seinen Propheten, wenn es um das Gottesreich gehen soll, jenes Reich, in dem ein guter König – und das ist in der Tradition der Bibel ein Nachfahre des König David – Recht und Gerechtigkeit und Frieden – also den Frieden Gottes für die ganze Welt, den Schalom – für alle schaffen wird: Es kommt die Zeit.

„Es kommt die Zeit“, dichtet und singt der Volkssänger Campino von der Düsseldorfer Deutschpunk-Kombo Die Toten Hosen – die Älteren unter den Jüngeren werden sich erinnern – und bekennt dann halbironisch und ganz ernst seinen Glauben an ein zukünftiges Friedensreich, in dem Liebe und Gerechtigkeit herrschen, so – beinahe so – wie es in der Bibel steht:

„Es kommt die Zeit …

Ich glaube, dass die Welt sich noch mal ändern wird
Und dann Gut über Böse siegt …
Alle werden wieder voreinander gleich
Jeder kriegt, was er verdient

Ich glaube, dass die Menschheit Mal in Frieden lebt
Und es dann wahre Freundschaft gibt
Und der Planet der Liebe wird die Erde sein
Und die Sonne wird sich um uns drehen

Es wird ein großer Sieg für die Gerechtigkeit
Für Anstand und Moral
Es wird die Wiederauferstehung vom heiligen Geist
Und die vom Weihnachtsmann

Es kommt die Zeit …“

Wie gesagt, beinahe so wie es in der Bibel steht, sogar der weihnachtliche Bezug fehlt nicht; nur dass der Sänger mit seinen Wünschen und Träumen von einer besseren Gesellschaft und einer besseren Welt sich selber nicht ganz zu glauben scheint.

Glauben wir uns? Glauben wir unseren Propheten? Glauben wir unseren Träumen von einer besseren Gesellschaft und einer besseren Welt?

Zumindest wird man weder dem Propheten noch dem Sänger eine blauäugige Realitätsflucht nachsagen können; denn beide formulieren ja ihre Wünsche und Hoffnungen für eine bessere Welt angesichts einer miserablen Gegenwart, die ihrerseits vom guten Ende aus gesehen nur noch als „ein alter böser Traum“ erscheinen wird.

Davon können wir gerade nur träumen, nämlich unsere Gegenwart endlich für einen bösen alten Traum halten zu dürfen; noch sind wir ja gefangen in der Dauerschleife dieses Corona-Alptraums, der zwar in vielen – zuerst den Ärzten und Wissenschaftlern und Pflegern – viel Gutes hervorbringt; aber in viel zu vielen anderen von uns Schlechtes und Schlechtestes. Zwei Jahre Stress haben uns verändert und eben nicht durchweg zum Besseren: in anderen Zeiten harmlose Spinnereien – was juckt es mich normalerweise, wenn andere sich nicht impfen lassen? Selbst dran schuld, wenn sie erkranken! – eigentlich für andere harmlose Spinnereien verwischen unter Seuchenbedingungen die Konturen von Wahrheit und Wirklichkeit; harmlose Spinner verwandeln sich in Randalierer und Umstürzler; die Unterschiede in der Gesellschaft verschärfen sich in schneidende Gegensätze und eine gemeinsame Vorstellung von Recht und Gerechtigkeit verschwindet im Novembernebel der Pandemie.

Wehe den Hirten, die die Herde meiner Weide umkommen lassen und zerstreuen!, spricht der Herr (Jeremia 23,1) durch seinen Propheten Jeremia unmittelbar vor unserem Predigttext – und er scheint es direkt in unsere verwirrte und zerstreute Gesellschaft zu sprechen, in der so viele Menschen umkommen, den Seuchentod sterben müssen, in der vergangenen Woche – so haben wir es gehört – ist die Zahl der Coronatoten allein in unserem Land bei über 100.000 angekommen, was für eine Tragödie! Und die anderen, die sie nicht direkt trifft, müssen sich dennoch wieder einmal in das Exil des eingeschränkten Lebens begeben, mit Kontaktverminderung und dem ganzen Rest und Mist.

Und auch wenn wir die bisherige Regierung und die neue, die ja mindestens zur Hälfte die alte ist, bestimmt nicht für die bösen Hirten halten müssen, die ihre Herde umkommen lassen und zerstreuen, so tun wir ihnen – also den alten und den neuen alten Regierenden – gewiss auch kein Unrecht, wenn wir sie ebenfalls nicht für die biblisch erhofften, prophetisch angekündigten neuen guten Könige halten, die ein für alle Mal Recht und Gerechtigkeit aufrichten, dass alles gut werde, für immer und ewig.

Wir treten ihnen nicht zu nahe, wenn wir sie nicht für die gerechten Friedensherrscher halten und ihr Programm nicht für das Evangelium. Und doch müssen sie sich an dem Maßstab von Recht und Gerechtigkeit messen lassen – natürlich unter den Bedingungen und Begrenzungen fehlerhafter Menschen, die sie sind. Auch ihnen wird nach den vier Jahren ihrer Amtszeit viel zu vergeben sein – nämlich was sie uns zu einer besseren Gerechtigkeit schuldig geblieben sind.

Und hier scheint mir nicht nur der religiöse sondern auch der politische Sinn dieser prophetischen Texte eines Jeremia zu liegen, der selbst seine Worte nie nur religiös sondern immer auch politisch gemeint hat. Der gute König aus dem Hause David, der Frieden und Gerechtigkeit aufrichtet, war das Herrscherideal, vor dem sich der real existierende Herrscher messen musste. Was ja nicht einer gewissen Ironie entbehrt, da der biblisch erzählte, geschweige denn ein realer König David keineswegs seinem eigenen Idealbild entsprach. Der gute König ist also sozusagen doppelt fiktional: es gibt ihn nicht gegenwärtig als Realpolitiker und das verklärte Bild von ihm in der Rückschau ist eben genau das – eine Verklärung einer guten alten Zeit, die es nie gab. Wann hätte es die je gegeben?

Und dennoch entfaltet sein Bild Wirkung in der Wirklichkeit: die Sehnsucht nach Gerechtigkeit, das Verlangen nach Frieden und die Idee eines guten Ortes zum Leben – was die biblische Sprache im Wort Schalom zusammenfasst – sind in der Welt und wirken – jetzt schon; noch der Altpunker Campino (in einem Interview 2007) muss zugestehen: „Das Lied war eigentlich ironisch gemeint, aber die Leute haben es oft nicht so interpretiert. Also habe ich mir gesagt: Bitteschön, wenn denen das Mut macht, ist es auch okay.“

Das dürfte seine Umschreibung dafür sein, dass der Glaube an eine zukünftige, andere Wirklichkeit unsere gewohnte Wirklichkeit jetzt schon verändern kann, oder wie Jesus gelegentlich gesagt hat: Glaube versetzt Berge (Matthäus 17,20). Allein der Glauben an eine zukünftige Gerechtigkeit macht jetzt schon Mut für mehr und für eine bessere Gerechtigkeit. Es kommt die Zeit!

Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres, 7. November 2021

Herr, der du bist vormals gnädig gewesen deinem Lande
der du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk
und all ihre Sünde bedeckt hast;
der du vormals hast all deinen Zorn fahren lassen
und dich abgewandt von der Glut deines Zorns:
Hilf uns, Gott, unser Heiland,
und lass ab von deiner Ungnade über uns!

Willst du denn ewiglich über uns zürnen
und deinen Zorn walten lassen für und für?
Willst du uns denn nicht wieder erquicken,
dass dein Volk sich über dich freuen kann?
Herr, zeige uns deine Gnade
und gib uns dein Heil!

Könnte ich doch hören,
was Gott der Herr redet,
dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen,
auf dass sie nicht in Torheit geraten.

Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten,
dass in unserm Lande Ehre wohne;
dass Güte und Treue einander begegnen,
Gerechtigkeit und Friede sich küssen;
dass Treue auf der Erde wachse
und Gerechtigkeit vom Himmel schaue;
dass uns auch der Herr Gutes tue
und unser Land seine Frucht gebe;
dass Gerechtigkeit vor ihm her gehe
und seinen Schritten folge. (Psalm 85)

Am Tag nach dem Mauerfall – am 10. November 1989 – hatten wir neben ungläubigem Staunen und großer Freude über den Lauf der Geschichte – ausgerechnet am 9. November – auch noch erlebt und gelernt, dass uns als Land und als Volk beides, Lied und Gesang, fehlten, um diesem Staunen und dieser Freude Ausdruck zu geben. Bundeskanzler Kohl und Altkanzler Brandt – Gott hab sie selig! – und zahlreiche weitere Politiker hatten am Ende einer Kundgebung vor dem Brandenburger Tor, die den überaus erfreulichen historischen Moment würdigen sollte, die Nationalhymne angestimmt, sie auch tapfer aber ganz und gar kläglich zu Ende gebracht unter dem ohrenbetäubenden Gejohle und Gepfeife ihrer Zuhörer, während wir Zuschauer am Fernsehen doch eher peinlich berührt waren – und wären das vielleicht auch gewesen – also peinlich berührt, wenn es besser geklungen und besser geklappt hätte.

Denn jedes Schulkind – und die Älteren sowieso – kannte ja die Bilder von den Umzügen nur wenige Jahrzehnte zuvor, als am selben Ort dasselbe Lied gesungen, bzw. deutlich kraftvoller gegrölt wurde und in deren Tradition jeder Sänger dieses Liedes unweigerlich steht – wie auch in der Tradition von Missetat und Sünde, um deren Vergebung wir wie der Beter unseres Psalms bitten können, die Nachfahren unserer Opfer zuerst, aber auch Gott: der du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk/ und all ihre Sünde bedeckt hast.

In diesem Zusammenhang wirkte es unschicklich – bei aller berechtigter Freude – an diesem Ort mit diesem Lied dieser Freude Ausdruck geben zu wollen. Das Lied kann nichts dafür, dass es missbraucht wurde, aber wir können seinen Missbrauch nicht ignorieren.

Dabei wäre es doch schön, ein Lied zu haben und gemeinsam singen zu können, wenn uns etwas als Volk gemeinsam bewegt, sei es nun gemeinsame Freude wie beim Mauerfall oder etwa auch gemeinsame Sorge wie in den ersten Wochen und Monaten der Pandemie letztes Jahr, als wir uns noch nicht so heillos zerstritten hatten – in Torheit geraten – wie jetzt. Ein Lied, wie unser Psalm 85 heute, das Volksklagelied, das ein Volk in seiner Klage sammelt, seiner Sorge Ausdruck verleiht und dann in der Hoffnung von der Überwindung der Krise auch ein Versprechen, ein Verpflichtung anklingen lässt, zukünftig anders und besser miteinander umzugehen: dass Güte und Treue einander begegnen,/ Gerechtigkeit und Friede sich küssen; und dabei sogar „blühende Landschaften“ herbeisehnt, und unser Land seine Frucht gebe.

Aber auch ohne ein solches Lied, geht es darum in einem Gemeinwesen, sich über die Zeitläufe zu verständigen, die Schuld der Vergangenheit zu benennen, um Vergebung zu bitten und dann auch Vorstellungen für die Zukunft zu entwickeln. Es beschädigt unsere Bemühungen in der Gegenwart und unsere Chancen für die Zukunft, wenn wir uns unserer Missetaten in der Vergangenheit nicht oder nur als Last oder nur als lästige Pflichtübung erinnern. Nicht Vergessen, sondern Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung, heißt es in vielen Ansprachen in diesen Novembertagen, sehr zu Recht und auf vielfältige Weise zu Recht: Für unseren Psalmbeter heißt das, dass er sich an Gott mit der Bitte um Erinnerung wendet, indem er sich selbst erinnert; erst das Aussprechen der eigenen Schuld ermöglicht überhaupt ihre Vergebung; erst Erinnerung schafft die Bedingung der Möglichkeit zur Erlösung: Herr, der du bist vormals gnädig gewesen deinem Lande/ und hast erlöst die Gefangenen Jakobs;/ der du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk/ und all ihre Sünde bedeckt hast/ der du vormals hast all deinen Zorn fahren lassen/ und dich abgewandt von der Glut deines Zorns:/ Hilf uns, Gott, unser Heiland, und lass ab von deiner Ungnade über uns!

Erinnerung ist eine Frage der Ehre; mit dem Begriff der Ehre überschreibt der Psalmbeter seine Zukunftsvision, was in unseren Ohren einigermaßen unvertraut klingen mag, wobei im hebräischen Original eigentlich Gottes Herrlichkeit, sein majestätischer Lichtglanz und insofern seine heilbringende Gegenwart gemeint ist, die Leben schafft und Lebenserneuerung ermöglicht: Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten,/ dass in unserm Lande Ehre wohne . In Luthers Übersetzung klingt aber für mich auch die – ursprünglich gar nicht gemeinte – Ehre eines Volkes an, die durch Sünde, Missetat und Torheit verlorene Ehre; und die durch Erinnerung ermöglichte und durch Gott wiederhergestellte Ehre. Allerdings ist der Ehrbegriff nicht nur unvertraut sondern auch heikel; im Namen der Ehre sind die Massenmörder im schwarzen Gewand ihrem grausamen Geschäft nachgegangen unter dem Wahlspruch: Meine Ehre ist meine Treue; und noch heute werden sogenannte Ehrenmorde begangen – aus Rache für eine Kränkung der eigenen archaischen Lebensvorstellungen. Ohne den Bezug auf die Herrlichkeit Gottes, die auch uns bescheint und darin glänzen lässt, scheint mir der Ehrbegriff religiös untauglich zu sein.

Wie gesagt: im hebräischen Original ist ohnehin eigentlich Gottes Herrlichkeit, sein majestätischer Lichtglanz und insofern seine heilbringende Gegenwart gemeint, die Leben schafft und Lebenserneuerung ermöglicht. Der Psalmbeter versammelt die in seiner Tradition wichtigsten Sozialbegriffe: Güte, Treue, Gerechtigkeit, Frieden – religiöse Buzzwords, um das heilvolle Wirken Gottes zu beschreiben, dass er sich wünscht, dass er erbittet und das er von niemand anders erwarten kann als von Gott alleine: Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten,/ dass in unserm Lande – Gottes! – Ehre wohne;/ dass Güte und Treue einander begegnen,/ Gerechtigkeit und Friede sich küssen;/ dass Treue auf der Erde wachse und Gerechtigkeit vom Himmel schaue;/ dass uns auch der Herr Gutes tue und unser Land seine Frucht gebe;/ dass Gerechtigkeit vor ihm her gehe und seinen Schritten folge.

Predigttext für den Reformationstag, 31. Oktober 2021

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen. Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden lässt, dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist. Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, aus der Gnade seid ihr herausgefallen. Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die wir hoffen. Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist. (Brief des Paulus an die Galater 5,1-6)

Welche Freiheit meinen wir, wenn wir von Freiheit sprechen?

Die Freiheit der Autofahrer? – freie Fahrt für freie Bürger! – Oder die Freiheit der Radfahrer? – Immer diese Radfahrer! Fand schon Heinz Erhard. Und neuerdings immer diese Fahrer von Lastenrädern, den SUVs unter den Zweirädern, unter die kann man nicht nur als älterer Mensch leicht geraten. – Oder die Freiheit der Fußgänger? – Gerade in größeren Gruppen beherrschen sie spielend die Technik der nur unmerklichen sich bewegenden Straßensperre.

Die Freiheit der Hundebesitzer oder die Freiheit der Vorgartenhüter? – Ich wurde schon gelegentlich darüber aufgeklärt, dass die Entrichtung der Kirchensteuer doch wohl zur Benutzung des Kirchgartens als Hundeklo befreie. Welche Freiheit? Die Freiheit der Aktionäre oder die Befreiung der Armen? Die Freiheit dieser oder der nächsten Generationen? Freiheit wovon oder Freiheit wozu? Die Freiheit der Regeln oder der Regellosigkeit? Die Freiheit in Bindungen oder die Unfreiheit der Bindungslosigkeit.

Glauben wir noch an die liberale Lüge vom freien Spiel der Kräfte oder an den müden Mythos der Befreiung der Unfreien durch die Umverteilung der Güter – oder dann doch lieber gleich an den Weihnachtsmann? Die Gedanken sind frei.

Bin ich frei, wenn ich alles darf, oder dann, wenn ich manches muss – und ist das vielleicht sogar dasselbe, also dass der, der alles darf, auch alles muss, weil er es kann? Ist die Freiheit als Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit nicht der Eingang in die Unfreiheit der eigenen grenzenlosen Verantwortung unter den engen Bedingungen meiner endlichen Existenz? Ist die Freiheit eine Lust oder eine Last? So viele Fragen – aber allein sie zu stellen und nach den eigenen Antworten leben, heißt frei sein – trotz und in allen Ambivalenzen des befreiten Lebens.

Und welche Freiheit meint überhaupt Paulus, wenn er hier von Freiheit spricht; und welches Joch der Knechtschaft? Er sagt es ja: Paulus meint, dass die Befolgung des jüdischen Ritualgesetzes und also die Beschneidung nicht nur keine Voraussetzung für die Teilhabe an der Gnade Gottes sei, sondern geradezu ihre Verhinderung, weil allein in Christus allein der Glaube Gnade verleiht. Paulus hält die Beschneidung für religiöse Freiheitsberaubung, weil sie den Weg zu Christus auf einen Umweg, nein sogar auf einen Abweg führt.

Nun hat sich zwar diese Fragestellung im engeren Sinne seit längerem für Christen überholt – die allerwenigsten Christen kommen auf die Idee, sie müssten ihre Söhne oder sich selbst beschneiden lassen, um zu Gott zu gehören; und eigentlich ist es eher umgekehrt ein Beispiel von Freiheit, nämlich von Religionsfreiheit, wenn Staat und Gesellschaft trotz gelegentlicher antisemitischer Kampagnen den jüdischen Gemeinden die Beschneidung nicht verwehren – aber die hier von Paulus im Prinzip formulierte Freiheit des Glaubens besteht fort, aktuell wie eh und je; auch angefochten und bedrängt wie eh und je.

Die Freiheit des Glaubens besagt, dass sich keine Autorität, keine Behörde – und noch die wohlwollendste nicht -, auch keine Kirche zwischen mich und meinen Glauben stellen darf. Hilfestellung, Ermöglichung, Unterricht, Vermittlung, Formulierungshilfen – das alles ja: aber kein Zwang in Dingen des Glaubens, denn im Glauben sind wir christus-unmittelbar.

Martin Luther, an den wir uns heute erinnern, war ein treuer Schüler des Apostels und hat dessen Lehre von der christusunmittelbaren Glaubensfreiheit auf die Probleme seiner Zeit angewendet, die für Luther im Wesentlichen in der Gestalt der spätmittelalterlichen-katholischen Kirche begründet lagen. Für ihn und für erstaunlich viele andere (die Reformation war ein unvorstellbar erfolgreiches Massenereignis und ohne die ebenso unvorstellbare Gewalt der Gegenreformation hätte Luthers Reform zumindest nördlich der Alpen die Kirche als Ganze reformiert und nicht nur die beiden Kirchentümer hervorgebracht, die wir heute als die evangelische und die katholische Kirche kennen und sich viel ähnlicher sind, als wir bisweilen meinen) waren insbesondere das unbiblische priesterliche Amtsverständnis, die Lehre vom Abendmahl als priesterliches Opfer und der Mangel an biblischer Bildung der Kern des Anstoßes und der Grund seiner Kritik, weil sie je für sich und zusammen gegenseitig verstärkend Christus verdunkelten und nicht erhellten.

Dagegen setzte Luther seine Kernbotschaften

  • Von der Rechtfertigung des Sünders allein aus Glauben – kein Regeln oder Rituale bringen mich näher zu Gott, allein der Glaube
  • vom „allgemeinen Priestertum“ – alle Glaubenden und Getauften sind christusunmittelbar und bedürfen eines Priesters nicht,
  • vom Abendmahl für alle in beiderlei Gestalt,
  • und seine Bibelübersetzung in der Volkssprache, deren 500. Geburtstag wir dieses Jahr feiern.

In der von Paulus geforderten Standfestigkeit – So steht nun fest! – hat Luther der Forderung, diese Lehren zu widerrufen und damit unter das Joch (symbolisiert in der priesterlichen Stola, die mittlerweile und merkwürdigerweise auch viele Evangelische tragen) zurückzukehren, widerstanden – lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! Denn: Zur Freiheit hat uns Christus befreit!

Ein Denkmal, das uns zum gedenken und zum nachdenken auffordert: Gedenke! Denk mal! Denk mal bloß! (wie Karlsson vom Dach als freier Geist zu sagen pflegte), ja, denk mal bloß! – also ein Denkmal der Reformation wird diesen Moment zu verbildlichen suchen – so wie es das Lutherdenkmal in Worms versucht.

Lutherdenkmal in Worms

In der heroischen Bildsprache des wilhelminischen Kaiserreiches droht allerdings dem Geehrten in den Augen von uns nachgeborenen – also besserwissenden und besserwisserischen – Betrachtern leicht eine Verfälschung, oder sogar Fälschung, zumal der von mir gewählten Ausschnitt große Teile des Gruppendenkmals ausblendet und den Betrachter in Untersicht auch noch dem „Helden“ Luther unterwirft (was aber vor allem meinem fotografischen Unvermögen geschuldet ist). Bei den gelegentlichen Besuchen im vergangenen Jahr und zuletzt bei der Gemeindepilgerwanderung Anfang des Monats habe ich aber auch andere Seiten am Denkmal wahrgenommen. Dabei ist mir das Machwerk, dass man doch eigentlich schon immer schön scheußlich gefunden hat, ans Herz gewachsen, wieso?

  • Recht betrachtet und richtig fotografiert ist es eben kein Lutherdenkmal, sondern ein Reformationsdenkmal; das viele Figuren und Ereignisse abbildet und viele Sichtweisen erlaubt. Der Betrachter eignet sich durch sein Betrachten und Begehen des Denkmals in ziemlicher Freiheit höchstpersönliche Erfahrungen mit dem Denkmal an. Und je näher man dem dreieinhalbmetergroßen Luther kommt, desto weniger ist von ihm zu erkennen. Er befreit sich aus unserem Zugriff.
  • Auf unserem Bildausschnitt sind links und rechts große Skulpturen der Vorreformatoren Girolamo Savonarola und Jan Hus, dessen grausamer Märtyrertod auf dem Scheiterhaufen in Konstanz zeitlebens auch Luther vor Augen führte, dass die römische Kirche nicht mit ihm reden sondern ihn verbrennen wollte: Recht und Freiheit seines Lebens standen immer unter der Drohung des päpstlichen Mordauftrags.
  • Außer diesen und anderen Skulpturen zeigt das Denkmal in zahlreichen Inschriften und Reliefs weitere Aspekte der Reformation, wie in einer multiperspektivischen begehbaren bronzenen Graphic Novel der Reformation, virtuell realer Rundgang durch eine Epoche: Für uns auf dem Bild sichtbar den berühmten Satz Luthers in Worms vor Kaiser und Reich: Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen. Darunter Bilder zweier seiner politischen Unterstützer mit sprechenden Namen, auch wenn diese dem Betrachter nicht geläufig sein mögen: Johann der Beständige und Johann Friedrich der Großmütige – was für ein Wunder, dass es in solchen bewegten Zeiten Fürsten gab, denen solche Namen angeheftet werden konnten – und dann ein vielfiguriges Relief der Wormser Reichstagsszene, die weit über Kirche und Religion hinaus für die Freiheit des Einzelnen gegenüber den Mächtigen steht.
  • Um den auf unserem Bild sichtbaren Teil des Denkmals legt sich rechteckig eine äußere Mauer mit weiteren Akteuren und Ereignissen jener Zeit, genug Stoff für mehrere Besuche und neue Entdeckungen, beim letzten Mal hatte es mir die Personifikation der „Trauernden Magdeburg“ angetan, die als wunderschöne, aber todtraurige Frau, die unfassbare Gewalt darstellt, die ohne Zweifel auch in den Religionskriegen vor allem und unschuldigerweise als Nichtkombattanten damals wie heute Frauen und Kinder traf – und wenn die Opfer evangelisch waren typischerweise mit Glockengeläut im Vatikan bejubelt wurden. Freiheit ist immer die Freiheit der Schwächsten.
  • Ebenfalls in der äußeren Mauer befinden sich die großen Skulpturen zweier großer und weithin berühmter humanistischer Gelehrter ihrer Zeit: Johannes Reuchlin und seines entfernten Verwandten Philipp Melanchthon; beide aus dem noch heute bildungsprivilegierten deutschsprachigen Südwesten, wo sie in Heidelberg, Tübingen, Freiburg, Basel und Straßburg gelebt und gewirkt haben. Beide verweisen darauf, dass die Reformation eine Befreiung durch Bildung und zur Bildung hin gewesen ist – und lassen gerade durch ihre Anwesenheit die Abwesenheit des berühmtesten aller damaligen Humanisten Erasmus von Rotterdam noch viel schmerzhafter wirken. Der fehlt unserem Denkmal weil er eben auch der Reformation gefehlt hat, seinem freien Willen, über den er sich mit Luther publikumswirksam gestritten hat, gefolgt ist und im Schoß der katholischen Kirche sitzen geblieben ist!
  • Wer oder was fehlt noch? Sicherlich viele Opfer der Reformation, die tatsächlichen wie Bauern und Täufer; aber auch die Opfer übler Rhetorik, wie die Juden, denen Luther fürchterliche und unverzeihliche Tiraden entgegengeschickt und damit jüdischen Menschen über Jahrhunderte hinweg geschadet aber auch seinen eigenen Ruf nachhaltig beschädigt hat. Am auffälligsten – gerade für den wiederkehrenden Betrachter – ist aber die Abwesenheit dessen, um den es allein! in Luthers Freiheitsbotschaft geht: allein aus Christus her und allein zu Christus hin soll die Reform der Kirche nach Luther geschehen; da kann man ihr Gedächtnis eigentlich schlecht als Hagiographie alter Männer in Stein meißeln und zu Bronze schmieden.
  • Und was spricht überraschenderweise für das Denkmal? Dass es einer der wenigen einladenden Orte in einer nicht gerade durch Schönheit verwöhnten Stadt ist, an dem der Pilgerwanderer auf den Spuren Luthers sich beim Dönerschmaus stärken kann und den die Kinder vor allem der Einwanderer längst als Spielplatz der Freiheit für sich entdeckt haben, ballspielend zwischen Friedrich dem Weisen und Johannes Calvin. Erst reizt einen der hausmeisterliche Reflex, dieses Kinderspiel nervig zu finden, etwa weil er die Andacht stört – bis zu dem Moment der Einsicht, dass nichts besser passen könnte: Ein Lutherdenkmal als Ort kindlicher Freiheit! Die Idee der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes besiegt noch allen wilhelminischen Pomp alter, was sage ich, längst verblichener weißer Männer.

Martin Luther hat irgendwann seinen nicht gerade vornehmen Nachnamen gräzisiert und damit aufgewertet: Er verwandelt das schäbige Luder seiner Vorfahren in Luther – und verbindet sich so mit dem griechischen Eleutherius: d.h: der Freie. Als erster Freigelassene des kirchlichen Mittelalters ruft er uns noch heute das Pauluswort zu: Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!

Amen.