Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. (Johannes 6,37)

Auch in diesem Jahr erreichen uns nicht nur schlimme Nachrichten – die ja auch – und mehr als wir hören wollen und ertragen können, aber eben auch gute, und sei es diese eine, dass Jesus uns einlädt, empfängt und nicht abweist. Gut zu hören!

Dabei will ich nicht glauben, dass er heimlich oder offen sich über sinnvolle Regeln und Maßnahmen einfach so hinweggesetzt hätte, die doch die Schwachen schützen und den Kranken helfen sollen. Gerade denen gilt seine Einladung im gleichen Sinne und an anderer Stelle: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“ (Matthäus 11,28)

Ich kann mir nicht vorstellen, nein, ich weiß, dass er nicht wie manche (aber doch viel zu viele, deren Dummheit uns Angst macht) einer Willkürfreiheit das Wort geredet und das Recht des Stärkeren propagiert hätte, wo er sich doch im Gegenteil immer wieder für die Schwächeren eingesetzt hat: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25,40) Freiheit ist immer auch die Freiheit der Schwächsten, die (also die Schwächsten und deren Freiheit) wir als Gemeinschaft zu schützen haben!

Vielleicht hätte Jesus besonnener als wir mit der Angst umgehen können und geduldiger das Ende der Seuche abgewartet, vielleicht hätte er fröhlicher die vorhandenen Nischen genutzt und vielleicht (ganz vielleicht nur!) hätte er mit seinen Wunderkräften hier und dort gezeigt, dass das Leiden so vieler nicht Gottes Willen ist. Ein gutes Wort bei seinem lieben Vater für uns eingelegt hätte er bestimmt, hat er bestimmt.

Und doch hätte Jesus sich mit uns unter das Geschehen gebeugt, hätte geschehen lassen, was auf dieser Welt geschieht, so wie er das zur Zeit seines Lebens und Wirkens gemacht hat, als er Kranke (einige wenige!), aber eben nicht die Krankheit geheilt hat, als er sich selbst für uns hingegeben hat, als er also nicht seinen Willen, sondern den seines Vaters im Himmel hat geschehen lassen. Wobei damit nicht unterstellt sei, dass Gott diese Pandemie will, aber wohl, dass Gott sie aus Gründen, die nur er kennt, geschehen lässt. Gleichzeitig setzt er Kräfte gegen das virale Böse auf vielfältige Weise frei: durch die Stärkung von medizinischer Pflege, Therapie und Forschung etwa oder durch Worte und Taten der Solidarität mit den Leidenden (ohne dass ich mir hätte vorstellen können, in welcher Weise auch die Dämonen destruktiver Irrationalität und des krassen Egoismus durch die Seuche entfesselt werden würden).

Auch das Wort, das uns als Jahreslosung für dieses Jahr gegeben ist, gehört zur Strategie Gottes gegen die Chaosmächte. Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen, sagt Jesus und will uns auf diese Weise sammeln – untereinander und vor Gott – als unter Gottes Wort versammelte Gemeinde. Und will uns so stärken.

Wir haben in dieser Zeit auf neue Art erfahren, wie weit Gottes Wort reicht, weit über die physische Präsenz von Menschen hinaus; und wir haben ebenso erfahren – leidvoll erfahren – wie sehr wir solche leibliche Gegenwart vermissen, wenn wir sie entbehren müssen. Aber was immer die aktuell herrschenden Bedingungen der Begegnung mit ihm sein mögen, steht doch seine bedingungslose Einladung an uns: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. Kein Wenn, kein Aber.

Klaus Neumann

Sonntag Invokavit, erster Sonntag der Passionszeit, 6. März 2022

Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, dass ihr nicht vergeblich die Gnade Gottes empfangt. Denn er spricht (Jes 49,8): »Ich habe dich zur willkommenen Zeit erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.« Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!

Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit dieser Dienst nicht verlästert werde; sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Bedrängnissen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Aufruhr, in Mühen, im Wachen, im Fasten, in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig; als die Unbekannten und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben. (2. Korinther 6, 1-10)

Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!

Selten scheint ein Predigttext so daneben zu liegen wie heute; viel falscher geht es nicht, denn wann wenn nicht jetzt erleben wir Tage des Unheils und wann wäre das Zeitgeschehen unwillkommener gewesen als gerade jetzt. Beinahe sehnen wir uns in die Zeit zurück als nur Corona unsere Sorge war, von Migrationsproblemen oder Finanzkrisen zu schweigen und selbst der Klimawandel scheint hinter dem schrecklichen Krieg in unserer Nähe viel von seinem Schrecken zu verlieren. Unheil überall und von überall her. Es läuft gerade nicht so gut. Und dann hören wir das:

Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!

Im weiteren Verlauf unseres Textabschnitts wird deutlich, dass auch für Paulus das Heilswort nicht als Beschreibung der von ihm erlebten Wirklichkeit gemeint ist; sondern – wie bei uns gerade – unter seinem äußerlich sichtbaren Gegenteil auf ihn trifft: in Bedrängnissen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Aufruhr, in Mühen. Dennoch und trotzdem und gegen allen Augenschein ist jetzt die willkommene Zeit, ist der Tag des Heils! Wie unter dem Kreuz ist das Heil unter den Umständen und Zeitläufen verborgen – aber nicht weniger wahr. Alles ist schrecklich, aber alles wird gut – weil Gott alles gut gemacht hat und wieder gut machen wird.

Was unterscheidet eine solche Botschaft von einer bloßen Durchhalteparole, in Zeiten der Seuche, der Krise und nun des Krieges auszuhalten in großer Geduld? Was sollte uns dazu bringen, auf solche Worte zu hören, ihnen Glauben zu schenken? Was könnte uns davon überzeugen, dass trotz allem, was uns Sorgen macht und was uns bedrängt, auch heute ein Tag des Heils ist?

Nun, Durchhalteparolen sind gewöhnlich an andere gerichtet, die zu leiden haben, während man sich selbst schont; ganz anders der Apostel Paulus – und um den geht es zunächst in unserem Predigttext und eigentlich in seinem ganzen 2. Brief an die Korinther – der an sich zeigt, was es ihn kostet so zu glauben, wie er glaubt, und so zu leben, wie er lebt; wenn er von Bedrängnissen, Nöten, Ängsten, Schlägen, Gefängnissen, Aufruhr, Mühen spricht, dann von seinen eigenen, dann davon, dass er sie selbst erlebt hat und noch erlebt; was alles nicht wünschenswert, aber eben unvermeidbar ist, um Gottes Wort von der willkommenen Zeit, vom Tag des Heils auszurichten und selbst danach zu leben im Wachen, im Fasten, in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken.

Man muss sich hüten vor allzu vorschnellen Anknüpfungen oder kurzschlüssigen Bezügen, aber ich jedenfalls kann nicht anders als an den Präsidenten und den Bürgermeister in dieser fernen, nahen Stadt Kiew zu denken – gerade mal knapp zweitausend Kilometer von Wiesbaden entfernt und nach Google-Maps in 20 Stunden und angeblich ohne Stau – das dürfte ein Irrtum sein – auf Autobahnen über Ostdeutschland und Polen erreichbar. Seine, ihre Botschaften aus Bedrängnis und höchster Not sind ebenso wenig Durchhalteparolen sondern durch ihr Beispiel und das erhebliche Risiko für ihren eigenen Leib und ihr eigenes Leben beglaubigt.

Keine Mitfahrgelegenheit wolle er, auf das Angebot hin, ihn auszufliegen, keine Mitfahrgelegenheit wolle er, sondern Mittel zur Selbstverteidigung, Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, also Schwerter – rechts – zum Zurückschlagen und Schilder – links – zur Abwehr die Paulus nur metaphorisch und geistlich gemeint hat, die nun aber ein Gewaltherrscher die Angegriffenen im Wortsinn zu verstehen nötigt. Bei aller Undurchsichtigkeit im Nebel des Kriegsgeschehens, in dem bekanntlich die Wahrheit das erste Opfer ist, klingt in den Worten des hoffnungslos Unterlegenen das Wort der Wahrheit durch, dass ein solcher Überfall nicht gerecht sein kann und dass Selbstverteidigung ein Recht ist.

Im Weiteren skizziert Paulus die Unsicherheiten und Mehrdeutigkeiten, denen wir Menschen zeitlebens im eigenen und im Urteil der anderen ausgesetzt sind, besonders aber in Zeiten der Krise und des Krieges: Was ist die Wahrheit über mich? Was ist überhaupt Wahrheit? Und welches ist das Wort der Wahrheit? „Die einen sagen so, die anderen sagen so“, sagt der freundliche Kassierer im Tegut – selbst mutmaßlich kriegs- und fluchterfahren – und weiß nicht, was er aus den Nachrichten machen soll, außer sie mit Vorsicht zu genießen. Jedenfalls warnt er den Kunden, der eigentlich nur das Abendbrot einkaufen wollte, vor der Verwechslung der Wirklichkeit mit der Nachricht von ihr. So kann es im Land des Gewaltherrschers, der den jüdischen Präsidenten seines Nachbarlandes einen Nazi nennt, bis zu 15 Jahre Haft kosten, den Krieg Krieg zu nennen: Je nach Standpunkt und Blickrichtung kann sich Wahrheit in Lüge verwandeln und umgekehrt, wobei ich der altmodischen Vorstellung anhänge, dass nur eine gemeinsame Wahrheit diesen Namen verdient.

Paulus jedenfalls kennt diese unterschiedlichen, miteinander streitenden Sichtweisen auf dieselbe Sache, sieht sich ihnen selbst ausgesetzt, sieht sich und die seinen in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig; als die Unbekannten und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben.

Hin- und hergerissen aber nicht zerrissen; brennend aber nicht verbrennend; zerbrechlich aber nicht zerbrochen; ein tönernes Gefäß, das nichtsdestotrotz einen Schatz in sich trägt, von dem Paulus im selben Brief an anderer Stelle sagt: „Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, auf dass die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns. Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht.“ (2. Korinther 4,7f.)

Dieses Vexierbild unserer Existenz kann uns schwindelig machen; unser Leben mag schwanken in den Ambivalenzen und wanken in den Ambiguitäten der wirklichen Welt, unsere Sicherheiten mag durch böse Mächte und finstere Gestalten, den Wiedergängern des Teufels, den wir doch längst abgeschafft hatten, erschüttert werden, aber wir fallen nicht, weil Gottes Wort an uns nicht fällt, sondern uns aufrichtet.

Sein Zuspruch, dass jetzt wie stets die willkommene Zeit, der Tag des Heils ist, weil eben jede Zeit gleich unmittelbar zu Gott ist, erfüllt uns mit dem Heiligen Geist, der Kraft Gottes und befähigt uns zu Wahrheit und Gerechtigkeit in ungefärbter Liebe. So wenig der Apostel seinen Glauben und sein Leben vom Urteil der anderen abhängig gemacht hat, und so wenig er verzagt, obwohl ihm bange ist, so sehr sollen auch wir gerade in Bedrängnis und Not auf Gott und sein Wort hören. Nicht vor den bösen Mächten sollen wir uns beherrschen lassen, sondern von den guten Mächten geborgen wissen. Amen.

Noch will das alte unsre Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwere Last. Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen das Heil, für das du uns geschaffen hast.
Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet, so lass uns hören jenen vollen Klang der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, all deiner Kinder hohen Lobgesang.
Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

(Dietrich Bonhoeffer 1944)

Predigttext für den Sonntag Sexagesimä, zweiter Sonntag vor der Passionszeit, 20. Februar 2022

Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft geben müssen. (Hebräer 4,12-13)

Als ob sich das Wort vom „Wort als Schwert“ nicht von selbst verstünde, verweist die Lutherbibel zur Erklärung unserer Verse auf eine Bibelstelle im Buch der Richter im Alten Testament, in der der Richter und Retter Ehud dem – wie die Bibel schreibt – „sehr fetten“ Moabiterkönig Eglon ein Wort von Gott überbringt und dann linkshändig seinen Dolch in dessen mächtigen Bauch stößt: „Und Ehud sprach: Ich habe ein Wort von Gott an dich. Da stand er auf von seinem Thron. Ehud aber streckte seine linke Hand aus und nahm den Dolch von seiner rechten Hüfte und stieß ihm den in den Bauch, dass nach der Schneide noch der Griff hineinfuhr und das Fett die Schneide umschloss; denn er zog den Dolch nicht aus seinem Bauch.“ (Richter 3,20-22)

Diesen irritierenden Bezug auf diese drastische Begebenheit müsste man hier an unserer Stelle im Hebräerbrief eigentlich nicht bringen, da unser Autor an die Hebräer wohl kaum an den dicken König Eglon und den linkshändigen Richter Ehud gedacht hat, als er vom Wort Gottes als zweischneidigem Schwert sprach. Angebracht wäre für diesen Verweis schon eher eine sogenannte Triggerwarnung: Achtung, dieser Text enthält diskriminierende und gewalttätige Aussagen und Szenen, die Menschen verstören könnten. So wünscht sich das bekanntlich die „Schneeflöckchen“- Generation bei Inhalten in Büchern, Filmen oder Vorträgen, die Gewalt oder Diskriminierung enthalten: ein dicker, was sage ich: ein als sehr fett bezeichneter König wird brutal gemeuchelt und das auch noch aus womöglich rassistischen Gründen, oh Graus! Wenn schon vor „Dem dicken König Kalle Wirsch“ im Kinderbuch gewarnt werden muss.

Im Sinne solcher zartbeseiteter Schneeflöckchen – oder „snowflakes“, denn natürlich kommt sowohl das Phänomen als auch sein Name aus den Vereinigten Staaten zu uns herüber – müsste dann allerdings die ganze Bibel mit einer sehr, sehr großen Triggerwarnung versehen werden, da sie von Bruder- über Massenmord, von ethnischer Säuberung bis zu göttlich gefordertem Völkermord, von Darstellung sexueller Gewalt bis zur minutiös geschilderten Qual des Gottessohnes wenig auslässt. Andererseits bringe ich natürlich solche Scheußlichkeiten nicht dadurch aus der Welt, in dem ich meine Augen und Ohren vor ihnen verschließe. Man könnte eher umgekehrt von einer Wertsteigerung der Bibel durch ihren schonungslosen und alle Schneeflöckchen überfordernden Realismus sprechen: Sie spricht von der Welt, wie sie ist, aber wie sie nach Gottes Willen und Wirken nicht bleiben soll und nicht bleibt; darin liegt ihr Wert, und zwar gerade weil sie uns bisweilen wehtut.

Franz Kafka schreibt in einem Brief nicht über die Bibel, aber er meint etwas sehr Ähnliches:

“Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? Damit es uns glücklich macht, wie Du schreibst? Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten, und solche Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben. Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder vorstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.” (Franz Kafka in einem Brief am 27. Januar 1904)

Das Buch wie eine Axt und das Wort wie ein Schwert – fordernd und richtend, nur dann besteht eine Chance, dass nicht alles so bleibt wie es ist. Und genau so sind und genau das wollen die Bücher und Worte der Bibel; allerdings nicht alle Bücher in der gleichen Weise und nicht von allen ihren Autoren. Während die Propheten und in ihrer Nachfolge die Apostel wie Paulus das Wort Gottes – ganz im Sinne unseres Predigtwortes – vielfach als richterliches Schwert führen, um nämlich unhaltbare, gottlose Missstände zu benennen und zu kritisieren; selbst Jesus kann so sprechen, wenn er spricht: „Ich bin nicht gekommen den Frieden zu bringen sondern das Schwert“; während hier also die Schwerthaftigkeit des Wortes zur Geltung gebracht wird, wird es viel öfter doch ganz anders, geradezu gegenteilig gebraucht, als liebevolles, tröstendes, heilendes Wort, als Vokabel einer Sprache von Liebenden.

Selbst solche Sprache der Liebenden kann ja zum Schwert werden, in toxischen Beziehungen zumal, in denen dann auch jedes Wort, selbst das lieb-klingende Wort zum verletzenden Schwerthieb wird. Aber das ist natürlich nicht gemeint; sondern das Gegenteil ist gemeint, die liebevolle Verwendung von Sprache die nicht verletzt und nicht verletzen will; keinem Schwertstreich oder Axthieb gleicht, sondern einer zärtlichen Berührung oder einem sanften Streicheln; kein Angriff, auch kein Übergriff – sondern zartes Tasten im gegenseitigen Einverständnis.

Ausgerechnet der Apostel Paulus, den die Tradition mit dem Schwert verbindet und mit ihm darstellt und dem ja auch traditionell unser Hebräerbrief zugerechnet wurde, ausgerechnet also der schwerttragende und das Wort Gottes als Schwert bezeichnende Paulus also, hat uns unvergleichliche Worte der Liebe geschrieben, sein Hohes Lied der Liebe in seinem Brief an die Korinther, der freilich insgesamt und im Ganzen alles andere als ein Liebesbrief ist, hier aber schon:

„Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.“ (1. Korinther 13,4-7)

Die hier gemeinte – agapische oder gottförmige – Liebe als Selbstlosigkeit – „sie sucht nicht das Ihre“ – mit dem ausdrücklichen Schicklichkeitshinweis – „sie verhält sich nicht ungehörig“ – schützt die Liebe und bewahrt die Liebenden vor Grenzüberschreitung, die die Liebe zwar einerseits immer ist – sie überschreitet ja mich zu dir hin, und dich zu mir hin; aber sie darf unsere Grenzen eben nicht verletzen: „die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen“.

Denn das Wort als Schwert und das Wort als Liebkosung, beides, zielt auf unser Innerstes, auf mein innerstes intimstes Selbst, das ich selbst gar nicht erreiche, über das ich nicht verfüge, zu dem nur der Liebende vordringt, und letztlich nur Gott vordringt (was aber nach dem Wort der Bibel kein Unterschied und schon gar kein Gegensatz sein muss); Gott kommt mir in seinem Wort näher als ich mir selbst nahe zu sein vermag („interior intimo meo“, wie Augustinus sagte).

Das richtende und das liebende Wort Gottes dringt in unser Herz ein, indem es unsere Gedanken und Sinne richtet – und aufrichtet, wie Gott seinem Volk nach Gericht und Unheil wieder Heil verheißt und ihm seine Liebe erklärt; Gott spricht: „Ich habe dich je und geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte. Ich will dich wiederum bauen, dass du gebaut sein sollst, du Jungfrau Israel; du sollst dich wieder schmücken und mit Pauken anziehen im fröhlichen Tanz. Du sollst wiederum Weinberge pflanzen an den Bergen Samarias; pflanzen wird man sie und ihre Früchte genießen.“ (Jeremia 31,3-5)

Mir tut es jedenfalls gut, dass Gottes Wort nicht vor allem Axt und Schwert ist, das mich haut und sticht, das auch; aber zuerst und zuletzt das Wort, das mich erschaffen hat samt allen Kreaturen und mich in Liebe erhält, mich aufbaut und gelegentlich – bei aller Leibesfülle – sogar tanzen lässt.

Predigttext für den Vierten Sonntag vor der Passionszeit, 6. Februar 2022

Und alsbald drängte Jesus die Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm ans andere Ufer zu fahren, bis er das Volk gehen ließe. Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er auf einen Berg, um für sich zu sein und zu beten. Und am Abend war er dort allein. Das Boot aber war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen.Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem Meer. Und da ihn die Jünger sahen auf dem Meer gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht. Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht!

Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und sie stiegen in das Boot und der Wind legte sich. Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn. (Matthäus 14,22-33)

Heute müssen wir uns als Geisterjäger betätigen, als Ghostbusters in der Tradition der großen – und wie wir neuerdings wissen unsterblichen – Dr. Peter Venkman alias Bill Murray, Dr. Raymond „Ray“ Stantz alias Dan Ackroyd und Dr. Egon Spengler alias Harold Ramis, die die Geister jagten und die Gespenster dingfest machten; und die wenn sie aufs Meer gefahren wären, noch dort den Heiligen Klabautermann mit ihren nichtlizensierten Protonenbeschleunigern gefesselt und in ihrer Geisterfallen gesteckt hätten; aber darauf, dass es bei uns heute so lustig wird wie bei diesen drei, sollten wir nicht hoffen. Denn heute jagen wir die Geister unseres Unglaubens, die Gespenster unsere Ängste und die Phantasmen unserer heimlichsten, ungutesten Wünsche – in der Nachfolge des Petrus, der uns – als er einmal seinen Herrn Jesus für ein Gespenst hielt – einen gewaltigen Schritt vorausging und beinahe ertrank.

Nicht in die Geisterstunde – was ja passend wäre – entführt uns der heutige Predigttext sondern – noch viel passender – in die sogenannte Wolfstunde zwischen 3 und 6 Uhr, wie unsere Spukgeschichte uns in geradezu pedantischem, aber keineswegs überflüssigem Detail berichtet: in der vierten Nachtwache. In die Wolfstunde, wenn sich nach altertümlicher Vorstellung nur noch die Wölfe herumtreiben, bevor es zu Morgen dämmert, wenn die Glücklichen und die Gerechten ihren Schlaf schlafen, aber die weniger Glücklichen unter uns sich wach in ihren Kissen und in ihren Sorgen wälzen; das Gemüt geschwächt wie die psychologische Medizin weiß von einem Ungleichgewicht der Hormone: Melatonin, Serotonin und Cortisol, das eine zu viel, die anderen zu wenig; also beinahe so wie schon die Alten raunten, dass eine Krankheit einer unvorteilhaften Mischung unserer Körpersäfte geschuldet wäre. Wenn die Mischung nicht mehr stimmt, ist unsere Geisterabwehr geschwächt, unser Geist kann sich unserer Sorgen und Probleme nicht mehr erwehren, wir werden in unseren Nachtgesichten dorthin entführt, „wo die wilden Kerle wohnen“, wie schon das Kinderbuch erzählt; oder wovon das Morgenlied singt: „Heut als die dunklen Schatten/mich ganz umgeben hatten/hat Satan mein begehret/Gott aber hats gewehret“ (EG 446)

Nicht an einen sicheren Ort mit sicherem Halt und festem Boden unter den Füßen führt unsere Geschichte, sondern aufs Meer hinaus, aufs Galiläische Meer, wie der See Genezareth auch genannt wird; tagsüber meist idyllisch aber keineswegs immer und nachts unheimlich wie die große Tiefe, Tehom oder Tiamat, das Urmeer als Macht des Chaos, gegen das Gott in der allerersten unvordenklichen Zeit gekämpft hat und nach uralter mythischer Vorstellung Nacht für Nacht immer wieder neu kämpft. Dieser Kampf mit dem Urmeer hat ein fernes Echo in unserer Urangst vor dem Ertrinken. „Gott hilf mir! Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle. Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist; ich bin in tiefe Wasser geraten und die Flut will mich ersäufen.“ Betet der Psalmbeter (Psalm 69) Noch der moderne Folterknecht nutzt die Wasserangst des Menschen in der teuflischen Qual des Waterboardings.

Und nicht bei sicherem, ruhigem Wetter geschieht das alles, sondern bei Wind und Wetter, wenn es vom Libanon und von den Golan-Höhen herunterstürmt und den idyllischen See in das chaotische Urmeer verwandelt, aufwühlt – so sehr aufwühlt, wie wir in den aufgewühltesten, schlaflosesten Nächten sein können. Selbst unser Fischer Torben an der auch nicht immer braven Ostsee mag sich bei Wind nicht auf See wagen, dann gibt’s eben keinen Dorsch und keine Scholle am Morgen, das lässt sich verschmerzen; besser als in Seenot zu geraten, wie es den Jüngern Jesu nun nicht zum ersten Mal passiert.

In diesen dreifach schaurigen Rahmen – aus grausiger Zeit, unheimlichen Ort, und wildem, windigen Wetter – malt unsere Geschichte das Bild, in dem man selbst Jesus für ein Gespenst halten könnte und Petrus ihn für ein Gespenst gehalten hat. Er und die Seinen meinen, ein über das Wasser wandelndes Phantasma, ein plastisches Nebelbild, einen voll-beweglicher Klasse-5-Dunst, eine torsohafte Erscheinung zu sehen: Es ist ein Gespenst!, und sie schrien vor Furcht.

Zünftig, furchtloses Geisterjagen geht anders, wie wir durch die einschlägigen, eingangs genannten Aufklärungsfilme wissen. Unsere Geschichte gönnt uns den Spuk aber nicht und löst ihn zum phantastischen Wunder hin auf: Ihr Zufolge ist es tatsächlich Jesus, der, wie nach antiker und nach biblischer Tradition nur Götter das können, über das Wasser geht und seine Freunde zu beruhigen versucht: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht!

Und dann setzt unsere Geschichte in der Fassung des Matthäus – die anderen Evangelisten dürften das für eine unzulässige Übertreibung gehalten haben und schweigen davon – noch einen drauf, spinnt sie weiter und lässt erzählerisch gewagt aber psychologisch nicht unplausibel den Petrus in einer Mischung aus Zweifel, Übermut und Streberei um freies Geleit durch Wind und über Wellen bitten: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser.

Jesus reagiert mit einem reichlich lakonischen und wenig begeisterten: Komm her! Also: Na komm schon, wenn es sein muss; du wirst schon sehen, was du davon hast. Und muss einen Augenblick später den schon wieder schreienden, und nun pitschnassen Petrus – wie ein aus Neugier und Ungeschicklichkeit in jeden erreichbaren Brunnen fallendes Kleinkind, ich kannte mal so eins – mit starker Hand und ausgestrecktem Arm aus dem Wasser fischen: Jesus, ein Menschenfischer auch hier; während Petrus auf die unsanfte Art daran erinnert wird, dass es Menschen nicht zukommt, wie die Götter über das Wasser zu wandeln zu begehren. Du wirst nicht sein wie Gott!

Ob sich, wie es der Erzählverlauf zunächst nahezulegen scheint, die Vorhaltung Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? nur – oder überhaupt – auf das Irrewerden des Petrus an seiner vermeintlichen neuen Fähigkeit des Über-Wasser-Laufens bezieht, muss also sehr bezweifelt werden. Es scheint doch vielmehr ein globaler Vorwurf an Petrus und die Jünger zu sein, die immer wieder in Zaudern, Zweifeln und Zagen verfallen und bis zum bitteren Ende der Jesusgeschichte unsichere Kantonisten bleiben. Nur ganz gelegentlich gelingt ihnen wie hier zum ersten Mal das Christusbekenntnis: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn.

Mit beidem – dem Bedenken und dem Bekenntnis – richtet sich die Geschichte an uns; Denn sie weiß von den beständigen Rückfällen in die Nacht der Ängste, auf das Meer der Zweifel und in das Unwetter unserer übertriebenen Wünsche, die uns nicht weniger als die Jünger plagen. Aber sie kennt eben auch das Licht dieses Bekenntnisses, das uns empfohlen sei, wenn uns die Schrecken unserer Verzweiflung und die Schatten unserer Sünde den Seelenfrieden rauben. Wie die Schlaftherapeuten, die uns dazu raten, nicht allzu lange im Dunkeln mit den Dämonen zu ringen, sondern lieber im Licht der Nachttischlampe ein schönes Buch zu lesen, es muss ja nicht gerade eine Gespenstergeschichte sein.

Das hat sich der Evangelist Lukas wohl auch so gedacht, denn er wird die phantastische Seewandelgeschichte wie seine evangelistischen Kollegen gekannt haben und hat sich dennoch gegen ihre Aufnahme in seine Jesusbiographie entschieden. Vielleicht hat er geahnt, wieviel ungläubigen Spott sie auf sich ziehen wird – keine Sammlung von Jesuskarikaturen ohne seinen berühmten Gang übers Meer! – und dass sie, wenn sie im gläubigen Ernst nicht als Gespenstergeschichte erkannt wird, mehr Ärgernis als Glaubenszeugnis ist. Denn Gespenst will uns Jesus ja gerade nicht sein! Jesus ist kein Phantasma – darin hat unsere Geschichte recht; und gleicht auch keinem – darin hat sie sehr unrecht.

Sondern Jesus ist wahrhaftig Sohn Gottes, des Schöpfers des Himmels und der Erde, „der den Himmel ausgespannt hat und auf den Wogen des Meeres einherschritt“ (Hiob 9,8)

Predigttext für den letzten Sonntag nach Epiphanias, 30. Januar 2022

Als nun Mose vom Berge Sinai herabstieg, hatte er die zwei Tafeln des Gesetzes in seiner Hand und wusste nicht, dass die Haut seines Angesichts glänzte, weil er mit Gott geredet hatte. Als aber Aaron und alle Israeliten sahen, dass die Haut seines Angesichts glänzte, fürchteten sie sich, ihm zu nahen. Da rief sie Mose, und sie wandten sich wieder zu ihm, Aaron und alle Obersten der Gemeinde, und er redete mit ihnen. Danach nahten sich ihm auch alle Israeliten. Und er gebot ihnen alles, was der Herr mit ihm geredet hatte auf dem Berg Sinai. Und als er dies alles mit ihnen geredet hatte, legte er eine Decke auf sein Angesicht. Und wenn er hineinging vor den Herrn, mit ihm zu reden, tat er die Decke ab, bis er wieder herausging. Und wenn er herauskam und zu den Israeliten redete, was ihm geboten war, sahen die Israeliten, wie die Haut seines Angesichts glänzte. Dann tat er die Decke auf sein Angesicht, bis er wieder hineinging, mit ihm zu reden. (2. Mose 34,29-35)

Mose trägt Maske. Er schützt damit nicht zuerst sich selbst sondern seine vulnerablen Mitmenschen. Wir kennen das; nur dass bei Mose der Groschen schneller gefallen ist als bei uns.

Mose trägt Maske, bedeckt sein Antlitz, legt sich eine Decke aufs Gesicht, einen Schleier über den Kopf (übrigens keinen Aluhut; angestrahlt, aber nicht verstrahlt) – und zwar nicht um sich selbst vor einer zu hohen göttlichen Strahlenbelastung zu schützen; sondern um die anderen nicht seinem strahlenden Gesicht auszusetzen; denn das war es, weswegen sie sich fürchteten, ihm zu nahen. Nur von weitem und für einen kurzen Moment sehen sie sein strahlendes Angesicht sahen die Israeliten, wie die Haut seines Angesichts glänzte. Aber sie sehen es.

Mose trägt Maske, weil er strahlt und glänzt. Seine Gottesbegegnung – schon im brennenden Dornbusch hatte er die Stimme Gottes gehört – und nun die Begegnung hier am Sinai hat ihn verändert, auch sichtbar verändert. Er erscheint nun in einem neuen Licht, mit neuer Ausstrahlung, die alles und alle in den Schatten stellt, stellen würde. Es ehrt ihn doppelt, dass er als Träger göttlicher Ehre und Herrlichkeit – das hebräische Wort für Ehre meint zuerst die Herrlichkeit, den Lichtglanz Gottes; dass er damit die anderen nicht blenden will, kein Blender sein will. Er soll und will nicht als Chef verehrt und gefürchtet werden, sondern er will und soll als Diener seines Gottes und als Diener seines Volkes dessen Weg ausleuchten.

Mose trägt Maske, weil er glänzt, aber er will nicht auf anderer Leute Kosten glänzen, um die geht es ihm ja – um die anderen Leute – denen soll durch ihn ein Licht aufgehen; sie sollen durch ihn gestärkt, geleitet, geführt und befreit werden; denn so viel liegt hinter ihnen – die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten, der Zug durchs Meer – und so viel liegt noch vor ihnen – das verheißene Land, in dem Milch und Honig fließen – und vor allem – eine gute Ordnung für das neue Leben, Gesetze und Regeln der Freiheit.

Mose trägt keine Maske auf dem berühmten Marmorbildnis des Michelangelo, dafür trägt er Hörner, die sich durch einen Übersetzungsfehler in die mittelalterlich lateinische Version der Bibel geschlichen und auf den Moseskopf gepflanzt haben. Eigentlich und ursprünglich steht da was von Strahlen und nicht von Hörnern – gehörnt statt strahlend, darauf muss man erstmal kommen. Natürlich wird der Besucher – so wie wir als Gemeindegruppe vor fünf unendlich langen Jahren in der Kirche San Pietro in Vincoli in Rom – von jedem Reiseführer auf diesen berühmten Kunstfehler des Renaissancegenies hingewiesen, der übrigens leicht vermeidbar gewesen wäre, wenn Michelangelo sein Werk ein paar Jährchen später hätte schaffen können und durch die dann fertiggestellte Lutherbibel besser informiert gewesen wäre: strahlend statt gehörnt, ist doch klar!

Moses von Michelangelo
(c) Dino Quinzani from Brescia, Italy, Mosé (2475015425)CC BY-SA 2.0

Noch leichter vermeidbar gewesen wäre eigentlich der andere, deutlich schwerwiegendere Fehler, nämlich die fehlende Maske seiner Moseskulptur; aber vielleicht auch nicht. Bei Michelangelo trägt Mose keine Maske; dieses Zeichen der persönlichen Zurücknahme, der Selbstbeschränkung und Rücksicht auf die Schwachen passt nicht zum marmornen Herrscherportrait eines religiösen Genies der Renaissance, wie Michelangelo seinen Mose sich vorstellt und verbildlicht; also des Künstlers, der sogar den auferstandenen Christus als muskulösen Helden der Antike dargestellt hat – mit trainiertem Sixpack und elegantem Kontrapost (in der Kirche Santa Maria sopra Minerva nur einen Spaziergang in Rom von unserem Mose entfernt).

Was die Theologen meckern lässt, begeistert die Kunsthistoriker nichtsdestoweniger von Anfang an. Giorgio Vasari lobt und preist seinen etwas älteren Zeitgenossen Michelangelo in höchsten Tönen: „Er (Michelangelo) vollendete den 5 Ellen (also 2,35 m) hohen Moses aus Marmor, einer Statue, der kein modernes Werk an Schönheit je gleichkommen wird, wie es gleichermaßen von den antiken gesagt werden kann. In sitzender Position, von unsagbar würdiger Haltung, legt er einen Arm auf die Tafeln, während er sich mit der anderen in den Bart greift, der wallend und lang in einer Weise in Marmor ausgeführt ist, dass die Haare – womit die Bildhauerei große Schwierigkeiten hat – unendlich fein, flaumig weich und mit einzelnen Strähnen auf eine Weise wiedergegeben sind, dass es unmöglich scheint, wie der Meißel hier zum Pinsel wurde.“ (G. Vasari, Das Leben des Michelangelo 1550/1568; zitiert nach Wikipedia: Artikel zum Mose des Michelangelo)

Aber auch Vasari fällt auf, dass etwas, nämlich die Maske fehlt und wünscht sie sich – beinahe – dazu: „In seiner Schönheit besitzt das Gesicht in der Tat die Ausstrahlung eines wahren Fürsten, heilig und gewaltig, weshalb man ihn, während man ihn betrachtet, fast um einen Schleier bitten möchte, der sein Gesicht verhüllt, so strahlend und hell leuchtend wirkt es.“ (ebd.)

Während also Herrscherideal und Geniekult dem Mose die Maske verweigern, soll sie uns hingegen zum Zeichen des guten Fürsten werden, der als erster Diener seines Gottes und seines Volkes Rücksicht nimmt auf die Stärke des einen und die Schwäche der anderen. Es geht in der Bibel anders als bei unserem Künstler nicht um die Verherrlichung herrscherlicher Würde sondern um die von Gott verliehene Menschenwürde aller.

Ohne dass das im Bibeltext ausdrücklich vermerkt würde, kann man doch aus der Andeutung: als er dies alles mit ihnen geredet hatte, legte er eine Decke auf sein Angesicht – und aus dem Zusammenhang schließen, dass des Mose Rücksicht und Zurückhaltung seinem Auftrag entsprach und ihm zugutekam. Er sollte ja schließlich einem aufmüpfigen, streitlustigen und irregeleiteten Volk die Regeln für ein Leben in Freiheit vermitteln. Und es wird dem Mose eingeleuchtet haben – wie es ja auch uns einleuchten sollte – dass da ein zwingender, innerer Zusammenhang besteht, zwischen der Rücksicht gegenüber den Schwachen und den Freiheitsgesetzen einer Gesellschaft.

Gebote, Regeln und Gesetze, wenn sie denn taugen, schränken entgegen anderslautender Propaganda die Freiheit nicht ein, sondern ermöglichen sie erst – aber eben allen und auch den Schwächeren. Die propagandistisch verherrlichte Willkürfreiheit: frei ist der, und nur der, der seinen Willen durchzusetzen vermag – solche Willkürfreiheit ist dagegen gar keine, indem sie ausschließlich den Starken von der Rücksicht gegenüber Schwächeren befreit und zu einer Herrschaft der Starken und nicht zu einer Herrschaft des Rechts verleitet.

Mose und sein Werk sind weit über die von ihm gegründete Religion hinaus ein Symbol für die Freiheitlichkeit einer rechtsförmigen Gesellschaftsordnung. Gegen das Murren und Maulen seines Volkes und gegen größte innere und äußere Widerstände setzt er durch, dass das Zusammenleben seines Volkes Regeln folgt, dass diese Regeln das Erbarmen einschließen und die Schwächeren schützen und dass nur mit verbindlichen für alle geltenden Regeln ein Leben in Freiheit zu ermöglichen ist.

Für dieses Symbol passt natürlich – bei aller Bewunderung und Verehrung für das überwältigende Kunstwerk Michelangelos – sein Mose nicht; um einem solchen aus der Hand des Michelangelo zu begegnen, müssten wir unseren Spaziergang in der ewigen Stadt noch um ein gutes Stück verlängern, etwa über den Tiber hinweg zum Petersdom, in dem dann gleich rechts neben dem Eingang in einer Seitenkapelle die nicht minder berühmte Pieta unseres Künstlers steht, bei der sich in unüberbietbarer Zartheit eine mädchenhafte Maria liebevoll über den verstorbenen und von Gott aufzuerweckenden Jesus beugt und uns so das Gesetz des Erbarmens unmittelbar anschaulich verbildlicht – ganz ohne Maske.

Höchste Zeit mal wieder hinzufahren und nachzuschauen.

Predigttext für den 3. Sonntag nach Epiphanias, 23. Januar 2022

Als aber Jesus nach Kapernaum hineinging, trat ein Hauptmann zu ihm; der bat ihn und sprach: Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen. Jesus sprach zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen. Der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund. Denn auch ich bin ein Mensch, der Obrigkeit untertan, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut er’s. Als das Jesus hörte, wunderte er sich und sprach zu denen, die ihm nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden! Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern. Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast. Und sein Knecht wurde gesund zu derselben Stunde. (Matthäus 8,5-13)

Nicht nur in diesen pandemischen Zeiten, in denen sich so ziemlich alles um Gesundheit und Krankheit dreht, kommt der gesundheitlichen Aufklärung ein besonderer Wert zu – und gerade darum hat sich die sogenannte Rentner-Bravo, alias Apotheken-Umschau seit nunmehr 66 Jahren Verdienste erworben, die kaum abschätzbar sind.

Mein lieber Vater – Gott hab ihn selig – hat sie im Alter vierzehntäglich durchgearbeitet und konnte dann beim nächsten Arztbesuch ordentlich glänzen, also dem staunenden Doktor haarklein erklären, was ihm fehlt und was zu tun sei. Und nur in den Fällen, in denen der behandelnde Arzt noch nicht auf dem gleichen Kenntnisstand war, konnte es zu unerfreulichen Diskussionen kommen, die nicht durchweg dem Heilungsprozess förderlich waren.

Der Hauptmann von Kapernaum folgt der gegensätzlichen Strategie und erstaunt mit seinem unerschütterlichen Vertrauen und ohne jedes medizinische Vor-Urteil den sich wundernden Jesus: Sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund! Er leitet sein Vertrauen aus dem ihm als Militär vertrauten Lebenszusammenhang von Befehl und Gehorsam ab: ich bin ein Mensch, der Obrigkeit untertan, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut er’s. Ob das mal so gestimmt hat; es gab ja auch immer schon Deserteure – wie den kürzlich hochbetagt verstorbenen Hardy Krüger – gegen die böse und um der guten Sache willen.

Zumindest scheint – nebenbei gesagt – eine nicht unähnliche Hoffnung noch heute bei manchen dazu zu führen, in medizinischen Krisen wie der gegenwärtigen Pandemie militärischem Fachpersonal – keinem Hauptmann bloß, sondern einem General! – ihre Lösung anzuvertrauen und zuzutrauen. Höchst merkwürdig, aber wir kennen das. Im Kleinen haben viele von uns das auch schon erlebt, ich meine natürlich die Begegnungen mit den Bundeswehrsoldaten im Impfzentrum, in deren Obhut man sich gleich etwas sicherer vor dem Virus gefühlt hat. Aber ich schweife ab.

Als kurze lebenspraktische Zwischenbilanz wäre an dieser Stelle festzuhalten, dass sich – wie so oft im Leben – ein Mittelweg für den Umgang mit der eigenen Gesundheit empfiehlt: allgemeinverständliche Hintergrundinformationen und Empfehlungen zur Lebensweise gerne aus der Apotheken-Umschau, bei Konkreterem fragen wir unseren Arzt oder Apotheker. Noch der schlechteste Arzt dürfte unendlich viel bessere medizinische Kenntnisse haben als wir – womit dann auch zur Impffrage alles gesagt ist.

Für das Verständnis unseres Predigttextes ergibt sich, dass es weniger um ein Heilungswunder als um ein Glaubenswunder geht – nicht medizinische und therapeutische Fragen stehen im Vordergrund sondern solche des Glaubens und des Vertrauens: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden!

Dabei ist doch auch und gerade der hier vorgestellte und von Jesus gelobte unerschütterliche, von keinem Zweifel gestörte Glaube, der sich Gott wie einen General gegenüber den Mächten der Natur denkt, höchst fragwürdig und mindestens erklärungsbedürftig; kein Wunder, dass Jesus solchen Glauben in Israel bei keinem gefunden hat, denn Israel leitet seinen Glauben ja nicht aus Praxis und Psychologie seiner Militärs ab, sondern aus seinen jahrhundertelangen Erfahrungen mit Gott; aus der Geschichte und den Geschichten des Heils; von Adam und Eva oder mindestens von Abraham und Sara her. Solcher Glaube findet sich in Israel.

Das Gottesbild unseres Hauptmanns ist hingegen mit gutem Recht kritisiert worden als das von einem „General, der seine Truppen sieht, obgleich sie ihn nicht oder selten sehen. Er befiehlt, sie gehorchen; bei ihm laufen alle Fäden zusammen. Er ist der große, männliche Herrscher, der Chef, der Manager, der, der den Überblick hat und für alles zeichnet.“ Dieser General-Gott hat uns, wenn wir ihm denn anhängen – nach Meinung des Theologen Dietrich Ritschl – im Griff, sogar unsere Gedanken, ein General, „der uns zwingt, alles umzuinterpretieren: Leiden in verstecktes Glück, Tod in vermeintlichen Sinn, Diffamierung und Unterdrückung in gottgeplantes und -gewolltes pädagogisches Planen – Satan-Gott, wirklich! Ein Gott zum Hassen. Oft sind die Gläubigen wirklich so unterwürfig gewesen, dass sie bereit waren, alles umzuinterpretieren, das Leid, den Tod, den totalen Sinnverlust, die Liebe Gottes – alles waren sie bereit umzuinterpretieren, solange sie ihr Generalsbild von Gott aufrechterhalten konnten, die abstrakte Idee von seiner Allmacht.“ (Dietrich Ritschl, Auf der Suche nach dem verlorenen Gott, 1988)

Demgegenüber sollte es – ebenso nach Ritschl – darum gehen, solchen Glauben, wie er in Israel gefunden wurde und wird, neu zu hören und neu hören zu lassen; sich hineinzustellen in die Geschichten und die Geschichte von Gott und den Menschen. „Hineinschlüpfen müssten wir nachträglich in diese Geschichte Gottes mit Israel, Jesus und mit den frühen Christen, so sehr sie auch geirrt haben und so wenig vorbildlich sie auch gewesen sein mögen.“ (ebd.)

Apropos Irrtum: Was wäre, wenn wir es hier bei unserem Predigttext gleich mit einem doppelten Irrtum zu tun hätten; also zum ersten mit dem Irrtum des Hauptmanns von Kapernaum, der sich Gott als gleichsam stärkere Ausgabe seiner selbst denkt, als kosmischen General, der über die Kräfte des Kosmos befiehlt – aber eben einem produktiven Irrtum, der durch die Barmherzigkeit Jesu nicht beschämt wird, nicht bloßgestellt wird – wie es schlechte Lehrer mit unseren Irrtümern machen; sondern die Wahrheitsmomente unter allem Irrtum hervorheben, wie es die guten Lehrer machen, die nicht die Fehler bewerten sondern das, was richtig ist. Wahr wäre am Irrtum des Hauptmanns, dass er und wir uns auf Gott verlassen können, dass er über Kräfte der Heilung verfügt, von denen wir nichts ahnen und von denen noch nicht einmal die Apotheken-Umschau weiß. Wahr am Irrtum des Hauptmanns ist sein enthusiastischer, naiver, forscher, fordernder Glauben, alles von Gott zu erbitten, „denn er wird´s wohl machen“ (Psalm 37).

Und dann ist da noch der zweite Irrtum, den Jesus leider nicht mehr wie den ersten ausbügeln konnte, weil ihn seine Jünger und Biografen erst posthum notiert haben; der so stehen geblieben ist und nun durch unsere – hoffentlich nicht selber allzu irrtümliche – Deutung zurechtgebogen werden muss: ich meine die hässlichen, antijüdisch klingenden Worte vom Austausch des Gottesvolkes, vom Hinausst0ßen der Kinder des Reichs, also der Kinder Israels in die Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern. Ich will nicht glauben, dass Jesus selbst das gesagt hat und schon gar nicht, dass er es selbst so gemeint haben könnte; wie hätte er nur als geborener und jüdisch lebender Jude.

Viel eher dürfte er sich hier auf die uralte, alttestamentlich-jüdische Hoffnung der Völkerwallfahrt zum Zion, zur heiligen Stadt Jerusalem beziehen, wenn er verheißt: Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen. Von diesem Glauben war in Israel schon seit Jahrhunderten die Rede; jeder dort dürfte von diesem Glauben in Israel gehört haben:

„Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. 

Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“ (Sowas hören Generäle nicht gerne; damit es nicht überhört werden kann, zur Sicherheit gleich doppelt überliefert: Jesaja 2,2-4; Micha 4,1-5)

Und das wäre dann auch Pointe und Evangelium unseres Predigttextes: Alle können zu Gott, niemand wird abgewiesen; jeder kann sich in die Geschichte seines Volkes stellen und seine Geschichten hören; alle können zu Gott aus allen Ländern dieser Erde – mit ihrem Glauben und mit ihren Irrtümern; und noch unsere größten Irrtümer vermag Gott in Glaubenswahrheit zu verwandeln. Gott beschämt niemanden, der zu ihm kommt.

Oder mit den Worten unserer Jahreslosung: „Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen“ (Johannes 6,37).

Predigttext für den 2. Sonntag nach Epiphanias, 16.1.22

Auch ich, meine Brüder und Schwestern, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten oder hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu predigen. Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten.

Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten der Weisheit, sondern im Erweis des Geistes und der Kraft, auf dass euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft. Von Weisheit reden wir aber unter den Vollkommenen; doch nicht von einer Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen. Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. Sondern wir reden, wie geschrieben steht (Jes 64,3): »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.«Uns aber hat es Gott offenbart durch den Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen Gottes. (1. Korinther 2,1-10)

Kannst du ein Geheimnis bewahren? fragt der eine den anderen; und auf die eifrige Beteuerung: aber ja, erzähl! entgegnet jener: ich auch – und behält es für sich.

Eine schöne und auch wahre Geschichte, denn zum Geheimnis gehört natürlich, dass es geheim ist – allerdings nicht unbedingt, dass es geheim bleibt, zumindest nicht jedem. Ebenso gehört zum Geheimnis doch auch sein Verrat: Wenn es schlechthin nur verborgen wäre, wüssten wir ja gar nichts davon, noch nicht einmal, dass es eins gäbe. Mag schon sein, dass manche ein Geheimnis nur ganz allein und für sich durchs Leben tragen, ohne es je jemandem zu offenbaren; dennoch würde auch das erst durch die Sorge seines möglichen Verrats zum Geheimnis. Geheimnisse trennen – und verbinden! – Verborgenes und Offenbares – und verbinden die, die es kennen, indem sie sie von denen trennen, die es nicht kennen.

Könnt ihr ein Geheimnis bewahren? fragt uns heute der Apostel Paulus und offenbart es uns sogleich; und er will gerade nicht, dass wir es für uns behalten; und er will es deshalb nicht, weil Ursprung und Urheber des Geheimnisses das auch nicht will. Gott will, dass sein Geheimnis offenbart wird – ach was: dass es verraten wird, ausgeplaudert, erzählt wird, dass es mit den Spatzen von den Dächern gepfiffen und mit allen Vögeln des Himmels gezwitschert, meinetwegen auch getwittert wird; er will, dass sein Geheimnis gesungen, gebetet, gerufen und sogar gepredigt wird. Jeder, der es hören will, soll es hören können – und alle anderen auch.

Könnt ihr ein Geheimnis bewahren? – Ich kann es nicht, sagt Paulus und trägt sein Geheimnis bis an die Enden der Erde, also bis an die Grenzen der damals bekannten Welt, will es – nach alter Überlieferung, bis nach Spanien bringen, an dessen äußerte Ecke im Nordwesten der Halbinsel; solche Ecken heißen noch heute vielerorts und eben auch dort Finis Terrae, Ende der Welt, Fisterra. Und so ist dieses Geheimnis auf halbem Weg auf den Apostelreisen auch in Korinth längst laut geworden und wird hier in seinem ersten Brief an die Korinther vernehmlich angesprochen als Ziel der Reise und Zweck der Übung: euch das Geheimnis Gottes zu predigen.

Es geht dem Apostel darum, zu verkünden, was die Welt im Innersten zusammenhält – und er weist darauf hin, dass das, was die Welt im Innersten zusammenhält, nicht das ist, was die Schulweisheit seiner und aller Zeiten weiß, weil da eben mehr zwischen Himmel und Erde ist, als diese sich träumen lässt. Nicht weniger als die Weltformel beansprucht Paulus als Geheimnis zu offenbaren; nicht nur ein Standardmodell der Physik sondern die große Theorie der Metaphysik; das Zauberwort, dass die Welt neu erschafft; die Formel, die den Puzzleteilen unseres chaotischen Weltwissens ihren Ort zuweist.

Man wird Paulus demnach keine übertriebene Bescheidenheit vorwerfen müssen, wenn er der herrschenden Weisheit den Fehdehandschuh hinwirft – und das ja trotz seiner Beteuerung ohne große Worte oder hoher Weisheit zu sprechen: als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten oder hoher Weisheit. Er nimmt es gerade mal so auf mit den Geistesgrößen – den Vollkommenen, den Herrschenden – seiner Zeit; von Schwachheit Furcht und großem Zittern keine Spur.

Das wäre ungefähr so, als würde man heute aus der Perspektive des Glaubens den Gelehrten unserer Zeit die Begrenztheit und Endlichkeit ihrer großartigsten und bahnbrechenden Erkenntnisse vorhalten; den Astrophysikern den Urknall, den Biologen die Evolution und etwa den Moralphilosophen Autonomie und Selbstbestimmung des Menschen als letzten und höchsten Wert bestreiten – also nicht in ihrem jeweiligen Bereich bestreiten, da gelten sie natürlich, sondern als Erklärung der ersten und letzten Dinge. Aber genau das würde Paulus heute tun, weil er genau das damals getan hat – und so würde er vielleicht sprechen:

Der Urknall ist die beste und deshalb gültige Theorie für den Beginn der physischen Welt – aber sie darf nicht zu der Annahme verleiten, dass die Schöpfung ein bloßer Zufall wäre.

Die Evolution erklärt schlüssig die Entwicklung der Arten nach den Prinzipien von Mutation und Selektion – aber auch ihr gegenüber wäre es ein Fehler, das Leben insgesamt zum Spiel aus Zufall und Durchsetzungsmacht zu erklären.

Autonomie und Selbstbestimmung des Menschen sind unhintergehbare menschliche Grundwerte – aber ihr Absolutsetzen verfehlt die menschliche Natur als Gemeinschaftswesen und als fehlbares Wesen.

Paulus setzt menschlicher Weisheit und Wissen geradezu unverschämt seinen Glauben entgegen: Gott als Geheimnis der Welt, der sich in Christus als dem Gekreuzigten offenbart hat; wobei der Gekreuzigte Christus Gottes bedingungslose Hinwendung zu den Menschen beschreibt und verbildlicht – und deshalb würde Paulus heute vielleicht so sprechen:

Das Bild des Gekreuzigten zeigt: Wir sind als von Gott geliebte Menschen nichts weniger als Zufall; so sehr kein Zufall, dass Gott die Mühe des eigenen Todes für uns in Kauf nimmt.

In der von Gott gewollten Welt herrscht nicht die Macht und das Recht des Stärkeren, sondern der schwache, todgeweihte und den Tod erleidende Christus ist das Maß aller Dinge. Homo mensura est – ist zuerst ein christlicher Glaubenssatz, bevor er von den Religionskritikern gekapert wurde; allein der Mensch Jesus Christus ist als Mensch Maß aller Dinge, Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten.

Maßstab ist der Mensch aber als wirklicher und wahrer Mensch – nicht als Ideal- und Trugbild des ewig jungen, immer starken, allseitig gebildeten, strahlend schönen und nach der neuesten Ratgeberliteratur optimierten Menschen – sondern als einer, der das zwar alles auch sein kann und gerne auch sein soll; aber eben auch krank und schwach und leidend sein kann und sein wird – wie Christus der Gekreuzigte. (Und wenn ich das vergessen haben sollte, erinnern mich ein paar Tage Zahnschmerzen daran.)

Autonomie und Selbstbestimmung können daher dann zu Zerrbildern des Menschlichen werden, wenn sie die Anfälligkeit, die Fehlerhaftigkeit und die Gemeinschaftsbezogenheit des Menschen ausblenden. Deshalb ist es eine schlimme Verirrung des Rechts, wenn es neuerdings fordert, dass dem verzweifelten Lebensmüden in der Weise durch die Gemeinschaft beizustehen ist, ihm dabei zu helfen, sein Leben zu beenden.

Mit Paulus entdecken wir heute – und natürlich immer, wenn wir das wollen und auf ihn hören – dass Gottes Geheimnis, nämlich Christus der Gekreuzigte, der Weisheit und dem Wissen von uns Menschen entgegensteht. Das muss nicht jedem passen; aber wir haben es weiterzusagen, dieses Geheimnis: zu unserer Herrlichkeit.

Dieses Geheimnis jedenfalls können wir nur so bewahren, indem wir es weitersagen.

Predigttext für den 1. Sonntag nach Weihnachten, 2. Januar 2022

Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unseren Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens –

und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist -,

was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus.

Und das schreiben wir, damit unsere Freude vollkommen sei. (1. Johannesbrief 1,1-4)

Da scheint einer vor Aufregung zu stammeln. Die Worte, die Satzteile des Johannes, den wir aus seinem Evangelium ganz gut kennen, geraten durcheinander, Wiederholungen reihen sich, Bezüge verwirren sich, Satzteile bleiben in der Luft, noch einmal und noch einmal fängt der Autor an von dem zu reden, was ihm so wichtig ist.

Wer gelegentlich zu reden, vor anderen zu reden hat, kennt das. Dass einem die vielen Gedanken im Kopf, die Worte im Mund in Unordnung bringen. Oder umgekehrt – dass eine komplexe Situation, den Kopf einfach leer macht und unseren Mund ins Stammeln bringt. Da steht einer, und will was sagen – aber es kommt nichts Gescheites raus. Da sitzt einer und will was schreiben – aber die Worte und Satzteile fügen sich kaum zu etwas Sinnvollem.

Merkwürdigerweise wird solche Rede- oder Schreibhemmung nicht selten von bedeutenden religiösen Führern überliefert. Der stotternde Mose brauchte seinen Bruder Aaron um seine Botschaft weiterzugeben. Der Apostel Paulus wir von seinen Gegnern verspottet, wegen seines wenig eindrucksvollen Auftretens und Redens.

Dabei erwartet man doch gerade von Geistlichen, dass sie einigermaßen geradeaus sprechen können, dass sie ihre Botschaft in Worte zu fassen und damit Menschen zu überzeugen in der Lage sind.

Aber es könnte ja sein, dass gerade das Besondere der religiösen Botschaft gelegentlich ihre Botschafter so sehr verwirrt, dass sie hier versagen. Dass die Größe ihre Botschaft nicht mehr in ihren Mund passt. Dass sie schlicht überfordert und überwältigt sind, von dem was sie da weitersagen sollen und weitersagen möchten. Und dass dazu noch die eigene Erwartung und die der Hörer und Leser und der besondere Anlaß ein Übriges zur Einschüchterung und Verwirrung tun.

Umso schöner, wenn dann doch noch etwas einigermaßen Verständliches, Stärkendes, Aufbauendes, Glauben und Zutrauen Weckendes dabei herauskommt. So wie bei unserem Evangelisten und Briefautor Johannes, der bei aller Verwirrung, ganz deutlich macht, um was es ihm geht. Vielleicht ist seine Stammelei ja sogar ein Hilfsmittel, ein rhetorischer Kunstgriff, den er bewusst einsetzt, um Aufmerksamkeit und Erwartung zu wecken. Das, was ich jetzt zu sagen habe, ist so wichtig und bedeutend, da muß ich jetzt erst mal stottern. Das, was ich jetzt sagen möchte, geht mir selbst so nahe, dass es meinen Sprachfluß stört, damit Euer Denken und Glauben neu in Gang kommt.

Das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist.

Weihnachtsbotschaft: Gott kommt zu uns, Gott ist mit uns, seine Gegenwart erneuert uns, macht uns heil, schenkt uns Frieden. Das Leben ist erschienen.

Sicherlich meint Johannes hier das ganze Leben und Wirken Jesu, sein Heilen und Verkünden, seine Taten und Worte, sein Versöhnen und Lehren. Ganz besonders aber den Moment, da dieses ewige, göttliche Leben in menschliches Leben trat, als das Wort Fleisch wurde und das Licht in die Dunkelheit kam. So sagt es Johannes ja an anderer Stelle in seinem Schöpfungsbericht, der zugleich Geburtsgeschichte Jesu ist:

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott.

Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.

In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.

Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.

Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen.

Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht.

Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf.

Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind.

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. (Johannes 1,1-14*)

So spricht der Evangelist und Briefautor Johannes, wenn er sich Zeit nimmt für seine Formulierung, wenn er sich die Ruhe nimmt, die er für seine Besinnung braucht, wenn er ganz bei sich ist.

In beiden Fällen – der Gelegenheitsschrift wie dem wohlgesetzten Geburts- und Schöpfungslied – aber ist dasselbe gemeint.

Dass das Leben selbst erschienen ist und nun von ihm gesprochen werden soll.

Dass dieses Leben Jesu in die Gemeinschaft der Kinder Gottes führt.

Und dass dieses neue Leben Freude bereitet; mehr noch, unsere Freude vollkommen macht.

In den Worten des Briefautors Johannes läßt sich der freudige Überschwang noch hören. Die Festfreude, die Ausgelassenheit der gemeinschaftlich Feiernden.

Als immer noch Ergriffener spricht und schreibt Johannes, als einer der die Freude weitergeben geben will, die er selbst empfindet.

Das macht es ja ohnehin viel leichter, Freude weiterzugeben, wenn wir in uns diese Freudespüren. Wenn wir das selbst erlebt haben, wovon wir da sprechen. Wenn wir freudig von Freude sprechen.

Ich bin mir sicher, dass auch wir – dass alle von uns – wieder wahrhaft Weihnachtliches erlebt haben; selbst die, die ihr Fest nicht in berauschter Ausgelassenheit gefeiert haben oder feiern konnten.

Vielleicht war es ein besonders schönes Konzert in einer Kirche oder im Fernsehen.

Vielleicht war es eine Musik, die uns nach langer Zeit wieder aufleben ließ.

Vielleicht die Lieder im Weihnachtsgottesdienst oder im Familienkreis zu Hause.

Vielleicht ein Wort in einer Predigt, das uns erreicht hat.

Vielleicht ein Telefonanruf, ein Brief, ein klärendes Gespräch, eine Aufmunterung, eine Motivation, eine Perspektive.

Vielleicht das Geschenk, mit denen wir ein Kind eine Freude gemacht haben; vielleicht ein Geschenk von jemandem, von dem wir das nicht erwartet hätten.

Vielleicht die Gemeinschaft, die wir beim Essen und Trinken und Erzählen erleben durften.

Vielleicht der Spaziergang, den wir erlebten oder einer, an den wir uns erinnerten.

Vielleicht das bloße Aufatmen nach Tagen der Unruhe.

Ich bleibe dabei, dass ganz gewiß jede und jeder von uns ein solches weihnachtliches Erlebnis gehabt hat – vielleicht brauchen wir nur etwas um das Licht in der Dunkelheit zu finden. Vielleicht aber bracuhen wir ja auch ein bischen Dunkelheit um das wahre Licht im Lichtermeer zu finden.

Und jedes mal wird dieses Freudenereignis mit der Beziehung zu anderen Menschen zu tun gehabt haben, mit Menschen, deren Gegenwart – und sei es die indirekte Gegenwart der Erinnerung oder eines Telefongesprächs – die Gegenwart Gottes in unserer Welt erahnen, vielleicht sogar erleben läßt. Gott will, dass wir ihn in der Nähe eines anderen Menschen wahrnehmen; dass wir Gott im Antlitz unseres menschlichen Gegenübers sehen. Deswegen ist er für uns Mensch geworden.

Und deswegen wird gerade der Evangelist und Briefautor Johannes nicht müde, die Liebe unter den Menschen als Erfahrung Gottes darzustellen. An anderer Stelle unseres Briefes schreibt er: Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

So hat die Liebe unter den Menschen etwas ganz und gar Weihnachtliches: Denn in der Liebe zwischen Menschen zeigt sich Gott, in der Liebe wird Gott menschlich, kommt zu uns und will bei uns bleiben.

Und wie die Weihnachtsbotschaft vermag ja auch die Liebe bisweilen unsere Sprache in Unordnung zu versetzen, uns ins Stammeln zu bringen.

Das muss sie beide – weder die Liebe noch Weihnachtsbotschaft – schlechter machen.

Hauptsache sie kommen beide von Herzen – und das heißt für Johannes von Gott.

Predigttext Silvester 2021

Er legte ihnen ein anderes Gleichnis vor und sprach: Das Himmelreich gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte. Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon. Als nun die Halme wuchsen und Frucht brachten, da fand sich auch das Unkraut. Da traten die Knechte des Hausherrn hinzu und sprachen zu ihm: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut? Er sprach zu ihnen: Das hat ein Feind getan. Da sprachen die Knechte: Willst du also, dass wir hingehen und es ausjäten? Er sprach: Nein, auf dass ihr nicht zugleich den Weizen mit ausrauft, wenn ihr das Unkraut ausjätet. Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte; und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt in meine Scheune.

(Matthäusevangelium 13,24-30)

Unkraut verdirbt nicht: Was ja meistens einen Trost bei Krankheit und Plage zum Ausdruck bringt; – sagt der eine, dass das ja eine ziemliche Sache gewesen ist mit Krankheit und Plage eben, vielleicht eine große Operation oder so; sagt der andere, ach du weißt doch, man kann mehr überstehen, als man vorher denkt: Unkraut verdirbt nicht.

Das tut das Unkraut auch in unserer Geschichte nicht, aber hier ist es kaum tröstlich gemeint, wenn das Unkraut unbehelligt unter dem guten Korn mitwächst und damit die ganze Ernte zu verderben droht; aber vielleicht liegt immerhin darin ein Trost, dass bis zur Ernte erstmal kein Handeln erforderlich ist, es ihm dann aber an den Kragen geht: auch dieses Unkraut vergeht nicht von selbst, aber zu der richtigen Zeit wird es gejätet, gesammelt, verbrannt

Leider unterschlagen die deutschen Übersetzungen an dieser Stelle den Namen des im Text immer wieder ausdrücklich und namentlich genannten Unkrauts, griechisch Zizania, also Taumel-Lolch (Lolium temulentum), auch Rauschgras, Schwindelweizen, Tollgerste, Tollkorn, Schwindelkorn, Tobkraut, Giftstroh, Haferschwindel, Droonkart, Taubkraut, Schlafweizen, Teufelskraut oder Hennentöter.

Diese Namen beruhen auf den Vergiftungserscheinungen, die in der Vergangenheit – das Pflänzlein ist nämlich weitgehend ausgestorben bzw. verschollen, mithin auch die Vergiftungserscheinungen – die also nach dem Verzehr von mit Taumel-Lolch verunreinigtem Getreide auftraten. Dabei produziert die Pflanze nicht selbst das Gift sondern eigentlich ein mit ihr in Gemeinschaft lebender Pilz, wie das Mutterkorn im Roggen, das ja ebenfalls durch einen Pilz produziert wird, der das ähnlich rauschhafte, aber wohl ungleich gefährlichere Antoniusfeuer hervorruft – und dem wir mittelbar den Isenheimer Altar des Matthias Grünewald verdanken, der sein Werk im Auftrag und für das Kloster des Antoniterordens in Isenheim schuf, der sich im Mittelalter der Pflege der am Antoniusfeuer Erkrankten widmete.

In geringeren Mengen – die Dosis macht das Gift – kann man die Pflanze – den Taumel-Lolch, aber auch das Mutterkorn – absichtlich als Rauschmittel verwenden, wie das wohl schon bei den Elysischen Mysterien im alten Griechenland der Fall war; wovon aber auch die phantasievollen volkstümlichen Namen zeugen. Allein deren Vielfalt könnte dafür sprechen, dass das Pflänzlein neben seinem Schrecken auch eine gehörige Faszination ausgelöst und der eine oder andere absichtlich davon genascht hat. Auch wir werden heute Nacht in nicht unbeträchtlicher Zahl willentlich herbeigeführte Rauscherfahrungen machen, ohne dabei auf den Taumel-Lolch zurückzugreifen – obwohl: in der DDR etwa scheint es unter Jugendlichen den Brauch gegeben zu haben, in Ermangelung anderer Rauschmittel auf solche heimischen Schwindelkräuter zurückzugreifen um die Partystimmung zu heben – wie es etwa im wunderbaren Film „Sonnenalle“ von Leander Haußmann gezeigt wird. Davon – also nicht vom Film aber von solchen Stoffen – lassen wir mal besser die Finger.

Dem gleichniserzählenden Jesus und seinem Biografen Matthäus war dieses Kraut jedenfalls so wichtig, dass er es gleich sechs Mal mit seinem auffälligen Namen Zizania benennt; der ist das Signal, das seiner Geschichte Aufmerksamkeit verschafft, weil er dazu einlädt, ja auffordert, nach den Taumel-Lolchen zu fragen – und gleichzeitig sowohl eigene Nachforschungen als auch eigenhändige Beseitigung verbietet. Es gilt, das Unkraut auszuhalten, das im Schutz und Schatten des guten Korns wächst, in diesem Fall Zizania, das dem Weizenhalm nicht unähnlich ist und somit die im Text genannte Sorge durchaus verständlich sein lässt, man könnte den Weizen mit dem Unkraut ausrupfen. Deshalb den Taumel-Lolch einstweilen stehen lassen!

Was also nun hier als landwirtschaftlicher oder gärtnerischer Rat nicht unbedingt verallgemeinerbar erscheint – in meinem Gärtchen hat das Unkraut längst die Herrschaft übernommen – , das ist als Gleichnis sowieso nicht an den Gärtner gerichtet sondern an Hörer und Leser der christlichen Gemeinde.

Es geht natürlich auch nicht um den Landbau sondern um das Reich Gottes, in dessen Erwartung wir das Unkraut in den eigenen Reihen stehen lassen und keine eigenen Säuberungs- oder Reinigungsaktionen unternehmen sollen. Die christliche Kirche ist in ihrer äußeren Gestalt seit jeher eine höchst gemischte Körperschaft – ein corpus permixtum, wie schon die Reformatoren erklärten – mit Taumel-Lolchen, also Schwindlern (!) in den eigenen Reihen ist zu rechnen und – und das ist die Pointe unserer Gleichnisgeschichte – das muss uns auch nicht weiter beunruhigen, denn Gott selbst wird sich zur rechten Zeit ihrer annehmen.

Bis dahin sollen wir frei nach den Worten des Großen Vorsitzenden Mao „100 Blumen blühen lassen“, es im Gegensatz zu diesem aber auch ernst meinen, also sie nicht einfach bei nächster Gelegenheit wieder ausrupfen. „Lasst hundert Blumen blühen, lasst hundert Schulen miteinander wetteifern“ hat Mao 1956 bei einer Rede vor Funktionären gesagt, hat den Streit der Meinungen und Richtungen aber nur kurze Zeit ausgehalten und die Kritiker zu Hunderten in Arbeitslager gesteckt, wo sie schnell verblüht sind.

Die Konkurrenz der Schulen, den Streit der Meinungen zulassen, andere Kräutlein stehen lassen, das Unkraut aushalten; gar „das Wort Häresie wieder zu Ehren bringen“ (Schleiermacher) – so wird es Jesus kaum gemeint haben, aber vielleicht würde er sich an einem solchen kreativen Missverständnis, wenn es das ist, dennoch freuen.

Nichts ist langweiliger als eine erstarrte Orthodoxie; der ewig reiche Gott wird aber gar nicht gedacht, wenn er als langweilig gedacht wird; und was Jesus angeht: selbst seine ärgsten Kritiker haben ihm nie den Vorwurf gemacht, dass er sie gelangweilt hätte.

Warum sein großzügiges Wort über den Taumel-Lolch, mit dem zu rechnen und der von uns auszuhalten ist, nicht im Sinne konfessioneller Diversität oder religiöser Artenvielfalt deuten, die andere Glaubensweisen und andere Erlösungshoffnungen als die eigene aushält, sie erträgt und toleriert? Vielleicht ist der andere gar kein so schlimmer Taumel-Lolch, kein Rauschgras, Schwindelweizen, keine Tollgerste, Tollkorn, Schwindelkorn, kein Tobkraut, Giftstroh, Haferschwindel, kein Droonkart, Taubkraut, Schlafweizen, kein Teufelskraut oder Hennentöter; vielleicht ist er ja einfach nur ungenießbar, oder bloß schwer verdaulich; vielleicht muss ich nur lernen, wie ich mit ihm umgehen kann; vielleicht ist er nur anders und vielleicht überlasse ich bis auf weiteres einfach Gott das Urteil darüber. Und da hätten wir doch schon einen Prima-Vorsatz für mich für das neue Jahr: Leben lernen mit Taumel-Lolchen aller Art.

Das Kraut mit den vielen Namen ist übrigens längst dem Artensterben zum Opfer gefallen, als ausgestorben oder verschollen gilt es; verdrängt durch eine Form des Landbaus, die solche wie den Taumel-Lolch eben nicht aushält. Auch dazu haben wir Jesus heute gehört in seiner ökologischen Parabel, in der viel mehr steckt als unsere Schulweisheit meint. Unkraut verdirbt doch – und dann wird es uns sogar leidtun. Amen.