1. Weihnachtstag 2023

Und es ging hin ein Mann vom Hause Levi und nahm eine Tochter Levis zur Frau. Und sie ward schwanger und gebar einen Sohn. Und als sie sah, dass es ein feines Kind war, verbarg sie ihn drei Monate. Als sie ihn aber nicht länger verbergen konnte, nahm sie ein Kästlein von Rohr für ihn und verklebte es mit Erdharz und Pech und legte das Kind hinein und setzte das Kästlein in das Schilf am Ufer des Nils. Aber seine Schwester stand von ferne, um zu erfahren, wie es ihm ergehen würde. Und die Tochter des Pharao ging hinab und wollte baden im Nil, und ihre Dienerinnen gingen am Ufer hin und her. Und als sie das Kästlein im Schilf sah, sandte sie ihre Magd hin und ließ es holen. Und als sie es auftat, sah sie das Kind, und siehe, das Knäblein weinte. Da jammerte es sie, und sie sprach: Es ist eins von den hebräischen Kindlein. Da sprach seine Schwester zu der Tochter des Pharao: Soll ich hingehen und eine der hebräischen Frauen rufen, die da stillt, dass sie dir das Kindlein stille? Die Tochter des Pharao sprach zu ihr: Geh hin. Das Mädchen ging hin und rief die Mutter des Kindes. Da sprach die Tochter des Pharao zu ihr: Nimm das Kindlein mit und stille es mir; ich will es dir lohnen. Die Frau nahm das Kind und stillte es. Und als das Kind groß war, brachte sie es der Tochter des Pharao, und es ward ihr Sohn, und sie nannte ihn Mose; denn sie sprach: Ich habe ihn aus dem Wasser gezogen. (2. Buch Mose 2,1-10)

Was für ein Wunder: Ein Kind wird errettet, ein Kind wird vor den genozidalen Machenschaften des Pharao gerettet, der alle neugeborenen Knaben der Hebräer töten lässt – denn „das Volk Israel mehrte sich und wurde sehr stark“ (2. Mose 1,20); deshalb „kam die Ägypter ein Grauen an vor den Israeliten“ (1,12) Um Wachstum und Stärke des Volkes Israel zu verhindern, sollen alle männlichen Babys nach der Geburt getötet werden. Was für ein abgrundtiefes Verbrechen. Und was für ein großartiges Wunder, dass das Mosebaby dennoch gerettet wird.

Ein Kind wird errettet. Ein Kind wird gerettet mit dem Verstand und der List kluger Frauen, denen das Leben wichtiger ist als die Macht; für die ein Menschenleben mehr zählt als die Loyalität zum Vater, mehr als die Macht des Königs, mehr als das Geschick des eigenen Volkes. Jedes Leben zählt, und deshalb zählt auch das Leben dieses hebräischen Knäbleins – für die eigene Mutter und Schwester sowieso, aber eben auch für die Tochter des feindlichen Herrschers, die Prinzessin des Feindes, die Tochter des blutdürstigen Pharaos: Hebrew lives matter!

Ein Kind wird errettet. Ein Kind wird gerettet unter Gottes Schutz und Schirm ganz bestimmt; aber eben auch durch Verstand und List und die Fürsorge kluger Frauen; die der Mutter zuerst – wie hält die das eigentlich aus: Trennung vom neugeborenen Kind, das sie in Lebensgefahr im schaukelnden Körbchen auf dem Nil weiß und dann in der Obhut ihrer und seiner Todfeinde; Fürsorge aber auch seiner großen Schwester, die als stille Beobachterin die Vorgänge im Blick behält und zur rechten Zeit auch den Tipp an die Tochter des Pharaos weitergibt, wer das neugeborene Kind stillen könnte, die eigene Mutter natürlich, die hat ja gerade geboren, nämlich den dessen Amme und Leihmutter sie nun sein soll.

Generationen von Kindergottesdienstkindern haben von dieser Geschichte der Rettung des Mose als Baby gehört und gelesen, haben sie gespielt und besungen, gemalt und gestaltet. Weithergeholt und leicht nachvollziehbar zugleich für uns Stadtkinder des 20. Jahrhunderts. Ist doch klar, dass dieses Baby gerettet werden muss. Wie es sich gefühlt haben wird ganz allein in seinem Körbchen? Ob es sich müde geweint hat? Kalt wird es nicht gewesen sein im Schilf auf dem Nil; aber vielleicht allzu sehr der Sonne ausgesetzt am Tag in seinem handgebastelten Brutkästchen aus Schilf, und dann vielleicht doch gefroren in der finsteren ägyptischen Nacht. Aber vielleicht ging ja auch alles recht schnell, die Stelle an der er ins Wasser gelassen wurde, war ja ganz nahe der Badestelle der Königstochter – es kommt ein Schiff geladen. Verständlich jedenfalls, dass die sich gleich für die teure Fracht interessiert. Wem würde das nicht so gehen, dass wir uns interessieren für die Babys in unserer Nähe, ein neues Leben in unserer Mitte, jedes von ihnen ein Wunder – ein feines, schönes Kind.

Generationen haben die prekäre Geburtsgeschichte des Mose mit der nicht minder prekären Geschichte Jesu verbunden; der – wie es Lukas erzählt – fern von seinem Dorf, seiner Heimat geboren wird, unvorbereitet, ohne die weisen Frauen um Mutter und Kind, die sonst wohl in jener Zeit die Geburt begleiteten; fernab vom richtigen Zuhause, in Stall oder Krippe, aber immerhin ordentlich in Windeln gewickelt; allerdings – wie es Matthäus erzählt – gleich dem Moseknaben von Geburt an bedroht von einem eifersüchtigen Herrscher, der ihm nach dem Leben trachtet und der nicht zurückschreckt vor Kindermord; zur Flucht gezwungen nach Ägypten, ins Geburtsland des Mose, sicher für Kleinkinder ist es auch da nicht, wie wir heute lernen.

Auf ihre zynische Weise haben die neidisch, eifersüchtigen Herrscher, die diesen Kindern nach dem Leben trachten natürlich recht – so wie die Tyrannen und Terrorfürsten in Russland, in Gaza und an so vielen Orten der Welt auf ihre zynische Art recht haben mit ihren Vernichtungszügen gegen die, die sich gegen ihre Gewalt wehren. Denn von diesen Gotteskindern geht Gefahr für ihre ungerechte, gewalttätige Herrschaft aus. Diese sind von Gott gesandt und eingesetzt, Recht und Gesetz wieder aufzurichten, Gnade und Barmherzigkeit zu üben, den Frieden Gottes zu bereiten.

Die Geburtsgeschichten von Mose und Jesus zeigen überdeutlich, dass die Weihnachtsbotschaft mehr ist und mehr sein will, als der Zuckerguss auf unseren Zimtplätzchen und der Puderzucker auf dem Christstollen; also mehr als die stimmungsvolle Dekoration unsere Ansprüche nach Gemütlichkeit und Festtagsstimmung. Die Botschaft der Engel ist ernst gemeint und wörtlich zu verstehen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden, den Menschen seines Wohlgefallens“, will sagen: Wer den Frieden unter Menschen verletzt, entehrt Gott und kann nicht mit seinem Wohlgefallen rechnen.

Auch wenn wir einsehen und eingestehen müssen, dass wir auf diese Weise die weihnachtliche Friedensbotschaft um einiges teurer machen, wenn im Grenzfall das Eintreten für den Frieden auch der Kampf gegen das Böse und die Bösen einschließt – verstörend genug! – bleibt die Weihnachtsbotschaft Friedensbotschaft. Denn das lässt sich doch auch an unserer Mosegeschichte heute lernen, dass das Böse mit allen aber eben auch mit unterschiedlichen Mittel zu bekämpfen ist, und dass bisweilen Ausweichen und List eher zum Ziel führen als widerstehende Gewalt. Was hätte es dem Mose geholfen, wenn ihn die Seinen mit Waffen verteidigt hätten gegen einen übermächtigen Gegner? Genau, gar nichts. Mit ihrer lebenserhaltenden List aber retten ihn Mutter und große Schwester vor dem Schwert des Pharao.

Und auch die vorübergehende Flucht der Heiligen Familie weicht dem übermächtigen Herodes aus, um ihren Jesus weiterleben zu lassen. Er hat noch so viel zu sagen, das zum Beispiel:

„Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“

Heilig Abend 2023

Weihnachten ist die Zeit der Wunder. Wir öffnen ein Buch und lesen vom Geizhals Scrooge, der zum Menschenfreund gewandelt wird.

Wir laden uns ein Film herunter und erleben wie ein einsamer Polizist John McClane eine Terrorgruppe vermöbelt – so wie Kevin allein zu Haus oder allein in New York die beiden besonders blöden Banditen vernascht.

Wir gehen ins Theater und sehen und hören davon, wie zwei Besenbinderkinder Hans und Grete sich und viele andere in unterirdischen Höhlen gefangene Kinder – Wer Ohren hat, der höre! – aus der blutigen Hand der gar nicht so putzigen Knusperhexe mit dem putzigen Namen Rosina Leckermaul befreit: „Erlöst, befreit für alle Zeit.“

Und ich behaupte, dass der weihnachtliche Kern dieser Weihnachtsgeschichten in der Erlösung durch Liebe liegt, die uns Gott – uns und selbst allen, die von Gott nichts mehr wissen wollen – ursprünglich in die Krippe in Bethlehem hineingelegt hat. Noch die säkulare Weihnachtsreligion ist eine Erlösungsreligion und verdankt sich der Geburt Gottes in die heilige Familie.

Weihnachtswunder, Weihnachtszauber, Weihnachtsmärchen – heute Abend, und in diesen Tagen, aber ganz besonders heute Abend erleben und begehen wir den religiösen Ausnahmezustand, Gott erscheint in dieser ihm – und uns durch ihn – geweihten Nacht. Alles wird anders, wenn Gott erscheint. Heute Abend dürfen wir das, sollen wir das sogar glauben: das große Wunder von Gottes Erscheinung; sollen es für möglich halten, sollen wie die Kinder den Zauber der Heiligen Nacht nicht für umtriebigen Budenzauber und schon gar nicht für faulen Zauber halten – sondern für möglich halten. Denn als Kinder Gottes sind wir – auch wir Älteren – heute gemeint.

In einer Gesprächsrunde im Advent unter dem Titel „Winterwonderland – Wer glaubt denn noch an Wunder?“ diskutierten wir uns an die Frage heran, ob man für Wunder zu jung oder zu alt sein könnte; also umgekehrt, ob ganz junge oder doch eher sehr alte Menschen empfänglich sind für Wunder. Selbstverständlich waren die Meinungen geteilt, und während für die einen ein Mangel an Wissen den Wunderglauben begründete und damit erklärte – „Man muss unwissend genug sein, um etwas für ein Wunder zu halten“ – machten andere geltend, dass erst die lange Erfahrung in der normalen Welt für das Wunder sensibilisiere – „Man muss lebenserfahren genug sein, um Wunder überhaupt wahrzunehmen“.

Insgesamt erschien es uns sinnvoll, das Wunder – und eben auch das Weihnachtswunder – nicht auf das widernatürliche Spektakuläre zu reduzieren, sondern seine Funktion und seine Wirkung zu betrachten. Wunder wirken ganz ungeachtet der Wirklichkeit, die sich da ereignet haben mag: piepegal ob wirkliches oder scheinbares Wunder. Wunder wirken – und zwar so:

„Wirklichkeiten erschließen sich, Möglichkeiten werden einem zugespielt, Mögliches stellt sich ein, Unwahrscheinliches wird wahrscheinlich, Erwartetes bleibt aus, Unerwartetes überrascht, Neues geschieht, die Welt gerät aus den Fugen, das Leben nimmt Wendungen, die nicht absehbar waren, Ordnungen brechen zusammen, neue Ordnungen bahnen sich an, Vertrautes verliert seinen Sinn, Unbeachtetes gewinnt ungeahnte Bedeutung.“ So der Theologe Ingolf Dalferth über das Erscheinen Gottes im Wunder (in einem Zeitschriftenartikel über die Erscheinung Gottes, 2023).

Und er fährt fort: „Nicht von ungefähr wird das Wort theos im Griechischen ursprünglich als Prädikatsbegriff für derartige Widerfahrnisse gebraucht. Es kennzeichnet ein Ereignis das Ordnung, Struktur, Sinn, Berechenbarkeit ins Chaos der Welterfahrung bringt. Wo sich solche Ordnung im Chaos ereignet, rufen Menschen im antiken Griechenland theos, und wo das geschieht, wo sich die Welt wider alle Erwartung als kosmos erweist, muss man im Mythos reden.“ (ebd.)

Mythos in diesem Sinne – also Gottesrede, die in unserem menschlichen Chaos göttliche Ordnung schafft – Mythos in diesem Sinne, der uns an Weihnachten zur Verfügung steht, und als letzte ferne Quelle aller Weihnachtsmythen gelten kann, findet sich in der Bibel, findet sich in der Tiefe der christlichen Tradition. Der Apostel Paulus fasst diesen Mythos für uns heute so zusammen:

Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, auf dass er die, die unter dem Gesetz waren, loskaufte, damit wir die Kindschaft empfingen. Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater! So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott. (Galaterbrief 4,3-7)

So wie wir Weihnachten ohnehin schon immer feiern, als Familienfest, und so wie uns das die Erlösungsdramen der Kultur vorführen als Rettung und Widerherstellung der Familie – durch die Scrooges und MacLanes, die Kevins, Hänsels und Gretels und alle anderen Weihnachtshelden in ihren populären Verkleidungen auf ihren scheinbar säkularen Undercover-Missionen – genau als solches Fest der Familie ist Weihnachten von Gott gemeint: Nur eben als Fortsetzung und Steigerung in eine höhere Ordnung. Gemeinsam mit seinem Sohn, der heute zur Welt kommt, dürfen wir uns – gleich welchen Alters – als Kinder Gottes glauben und dürfen wir ihn Vater, ja Papa nennen: Abba, lieber Vater!

Abba“ – das ist Verniedlichungsform und Kosewort, das als sprachliche Lallform die ersten Sprechversuche des Kleinkinds abbildet: Mama, Papa, Daddy, Abba. Sie setzt den intimen Beziehungszusammenhang und selbstverständliches, fragloses Vertrauen zwischen Eltern und Kind voraus, begründet nicht nur unseren Spracherwerb, nicht nur unser Denken und Fühlen – sondern überhaupt erst unseren Platz in dieser Welt.

Im Glauben an den heute – wunderlich, wundersam, wundervoll – neugeborenen Gottessohn werden wir eingeladen, unsere Gottesbeziehung nach diesem Modell Abba, lieber Vater! zu modellieren. In dem bedingungslosen Vertrauen auf den väterlichen, mütterlichen Gott liegt das wunderbare Geheimnis unserer Erlösung. Keine andere Bindung, kein äußerer Zwang – kein Gesetz in der Sprache des Paulus – kann und soll sich zwischen uns und Gott drängen. Darin liegt unsere Befreiung, unsere Erlösung.

„Erlöst, befreit für alle Zeit“ – besser als es die Kinder im Theater singen, kann es die Bibel auch nicht sagen.

Zweiter Advent, 10. Dezember 2023

Und dem Engel der Gemeinde in Philadelphia schreibe: Das sagt der Heilige, der Wahrhaftige, der da hat den Schlüssel Davids, der auftut, und niemand schließt zu, und der zuschließt, und niemand tut auf: Ich kenne deine Werke. Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan, die niemand zuschließen kann; denn du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet. Siehe, ich werde einige schicken aus der Versammlung des Satans, die sagen, sie seien Juden, und sind’s nicht, sondern lügen. Siehe, ich will sie dazu bringen, dass sie kommen sollen und zu deinen Füßen niederfallen und erkennen, dass ich dich geliebt habe. Weil du mein Wort von der Geduld bewahrt hast, will auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die kommen wird über den ganzen Weltkreis, zu versuchen, die auf Erden wohnen. Ich komme bald; halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme! Wer überwindet, den will ich machen zum Pfeiler in dem Tempel meines Gottes, und er soll nicht mehr hinausgehen, und ich will auf ihn schreiben den Namen meines Gottes und den Namen der Stadt meines Gottes, des neuen Jerusalem, das vom Himmel herniederkommt von meinem Gott, und meinen Namen, den neuen. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! (Offenbarung des Johannes 3,7-13)

Ein Brief, ein Weihnachtsbrief vielleicht; die gibt’s immer noch und trotz allem – trotz Email, Whatsapp, Twitter jetzt X. Manche von uns schreiben tatsächlich noch Briefe auf Papier und die meisten freuen sich nach wie vor, wenn in diesen Tagen zwischen Rechnungen und Werbung ein wirklicher, wahrer Brief im Briefkasten steckt.

Meine Mutter – Gott hab sie selig – war eine fleißige Briefeschreiberin zu ihren Lebzeiten, was ich lange mit jugendlicher Arroganz verspottet habe, zu ausführlich, zu lang, zu langweilig waren mir ihre Schreiben. Ich wusste doch schon längst, von was sie schrieb und warum um alles in der Welt sollte sich irgendjemand dafür interessieren? Tat es aber doch offensichtlich; denn manche dieser Weihnachtsbrieffreundschaften überdauerten Jahrzehnte, ohne dass sich Absender und Adressaten sonst groß getroffen oder gesprochen hätten. Diese Briefe und Gegenbriefe haben eine soziale Verbundenheit geschaffen, denen im Unterschied zur Kommunikation heute in den sogenannten sozialen Medien ein viel intensiverer Austausch mit erheblicher höherer Verbindlichkeit und dabei in einem deutlich geschützteren Rahmen eignete. Mögliche negative Folgen durch allzu große Offenherzigkeit waren auf das Verhältnis zwischen Sender und Empfänger begrenzt; selbst die Weitergabe an Dritte hätte keinen allzu großen Schaden anrichten können – völlig anders als in der modernen elektronischen Plauderei.

Und völlig anders natürlich auch als im Kontext einer Diktatur, die sich nicht nur für die großen Umsturzpläne interessiert, sondern für jede Kleinigkeit und obendrein jede Kleinigkeit zu großen Umsturzplänen aufbläst. Da lässt sich in unserer Nähe an die Verhältnisse in der DDR denken und an die Schnüffeleien der Stasi, die ja nicht nur privateste Briefe geöffnet, sondern auch noch an verdächtigen Socken geschnüffelt hat. Da lässt sich aber auch – und damit nähern wir uns langsam unserem Predigttext – an die Verhältnisse einer religiösen Minderheit in einem Gewaltstaat denken, also etwa der Christen im römischen Reich.

Zu der Zeit nämlich schreibt dieser Johannes hier, aus seinem fernen Exil an die ihm vertrauten Gemeinden im Westen der heutigen Türkei, in Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodizea – unter den Bedingungen einer ebenfalls überall Verschwörung witternden Diktatur und dem Siegel der Verschwiegenheit. Johannes möchte Kontakt halten, möchte aufmuntern, möchte Ratschläge geben, Trost spenden und zwar, ohne dass ihn der zuständige römische Stasioffizier versteht; also verschlüsselt, verborgen, in Geheimsprache. An uns zweitausend Jahre jüngere Leser hat er dabei am wenigstens gedacht, aber wir müssen das jetzt miteinander ausbaden, dass wir nicht gleich alles verstehen: Schlüsselmeister, satanische Versammlungen, himmlisches Jerusalem – das lässt sich ja noch einigermaßen zuordnen; aber das Tier aus dem Abgrund, Schalen und Posaunen, die Frau und der Drache, der Engel mit dem Büchlein, apokalyptische Reiter, die Hure Babylon, das tausendjährige Reich, von denen es im übrigen Buch der Offenbarung nur so wimmelt – das alles ist uns fernen Lesern zunächst ein gut verschlüsselter Text, ein Buch mit sieben Siegeln, von dem ja auch im Zusammenhang die Rede ist und für das erst das rechte Gehör zu entwickeln ist: Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!

Unter den Bedingungen der Überwachung und Androhung von Gewalt durch die beherrschende Macht schreibt Johannes von Befreiung und Erlösung. Der anmaßenden Frechheit der Gewaltherrschaft und ihrer Macht setzt er – ebenfalls frech, aber ganz anders frech – aus einer Position völliger Machtlosigkeit die machtvolle Vision einer durch Gott herbeigeführten Herrschaft des Rechts und des Friedens entgegen, eine Hoffnung, die sich die Adressaten seiner Schreiben bewahren sollen – auch wenn sie unwahrscheinlich bis zum Irrwitz ist. Dass es besser werden kann und einst besser werden wird, diese Hoffnung sollen wir uns nicht ausreden lassen, von niemanden, auch nicht von denen in unseren Versammlungen, die sich als die unsrigen ausgeben, die sagen, sie seien Juden, und sind’s nicht, sondern lügen. Gegen solche trost- und hoffnungslosen Redner des Unglaubens hilft nur Glauben und Geduld.

Und es hilft natürlich die Abwehr der übergroßen Versuchung falscher, unhistorischer Konkretionen. Die Auslegungsgeschichte der Johannesoffenbarung hat vor allem unter solchen falschen Anwendungen und Zuordnungen gelitten, wenn nämlich ihre Bilder sozusagen frei Schnauze auf historische Konstellationen angewendet wurde, deren berüchtigtste der Missbrauch der Vorstellung eines Tausendjährigen Reiches durch die Nazis war. Johannes aber spricht zuerst in seine Zeit, und schreibt seinen Brief in seine Zeit.

Die Anknüpfungsmöglichkeit – das haben uns unsere Lehrer eingeschärft – liegt nicht in der Deutung dieses oder jenes historischen oder aktuellen Geschehens durch einzelne Motive im Buch der Offenbarung, sondern in seiner Darstellung des Glaubens: Glauben in den Verhältnissen des aggressiven Unglaubens, Hoffnung gegen alle Hoffnung, Geduld trotz Hast und Hetze.

In seiner extremen Notlage findet Johannes extreme Bilder nicht nur des liebenden und tröstenden, sondern auch des mächtigen und kämpfenden Gottes, die unsere Vorstellungskraft reichlich strapazieren – uns eben bis zum äußersten fordern. Sie sagen uns mehr als wir uns zu sagen trauen würden; sagen an, wieso die Geduld der Geduldigen nicht umsonst sein muss, und keine Einladung zur Resignation ist. Gott regiert, auch wenn alles dagegen spricht. Das ist die starke Behauptung des Johannes ohne jeden schwachen Beweis.

Und damit löst er eine der Aufgaben eines Briefeschreibers, bzw. eines Briefes ein: Uns etwas zu sagen, was wir uns selbst nicht sagen können. Das bewahrt den Brief vor der Langeweile des längst Bekannten oder ewig Gleichen. Heute jedenfalls hören und lesen wir etwas Neues, das neu bleibt, auch wenn wir es schon gelegentlich gehört haben. Amen.

Meine Augen haben deinen Heiland gesehen, das Heil, das du bereitet hast vor allen Völkern. (Lukasevangelium 2,30-31)

Als Großvater freue ich mich am Anblick meiner Enkelin, nicht nur weil sie natürlich die weitaus schönste Vierjährige landaus, landein ist, die klügste und begabteste ohnehin. Sondern ich freue mich, dass das Leben weitergeht, mit ihr auch etwas von meinem Leben dann in der übernächsten Generation weitergeht, Erzählungen, Gewohnheiten, Werte, etwas und manches, dass mir wichtig war und mich ausmachte. Und dabei weiß ich, dass wir damit unseren Kindern und Kindeskindern manches Gepäck aufladen, an dem sie schwer zu tragen haben, Irrtümer, Macken oder auch gravierende Lebensfehler, die nicht nur die Verantwortlichen selbst in ihrer Generation belasten, sondern auch die nachfolgenden, die damit eigentlich nichts zu tun haben. So falsch war die Rede von der „Erbsünde“ nicht (ohne deshalb richtig gewesen zu sein!). Aber allzu sehr trübt das meine Freude an meiner Enkelin nicht, denn mit den vererbten Lasten hat sie ja dennoch alle Möglichkeiten eines eigenen, eigenständigen und selbstverantwortlichen Lebens. Ein Enkel setzt dem Wunder des eigenen Kindes noch eins obendrauf:

Das Projekt geht weiter! Als Großvater meine ich daher, den großväterlichen Simeon verstehen zu können, der sich hochbetagt über den Anblick dieses Kleinkindes Jesus freut, ihn auf den Arm nimmt und sein Segenswort spricht: Meine Augen haben deinen Heiland gesehen, das Heil, das du bereitet hast vor allen Völkern – sehr zum Wunder seiner Eltern, und zwar nicht so sehr des Hochhaltens wegen (was heutige Eltern vermutlich am meisten gestört hätte: Hoffentlich lässt der Greis das Kind nicht fallen!), sondern vor allem wegen seiner Worte, die doch mit ihren hohen Erwartungen weit über jedes erwartbare Lebensziel hinausschießen, als da wäre: glänzende Karriere, bedeutende Beiträge zur Entwicklung der Menschheit, Olympiasieg oder Nobelpreis – mag ja alles angehen, aber das Heil der Völker, das Licht der Heiden überspannt den Rahmen doch um einiges, oder nicht?

Als Leser heiliger Geschichten wundert uns natürlich gar nichts, Wunder sind zu erwarten; wir haben ja schon einiges über gebärende Jungfrauen und jubelnde Engel auf dem Felde in den an dieser Stelle noch nicht abgeschlossenen ersten beiden Kapiteln des Lukasevangeliums gelesen, was die hypertrophe Zuschreibung eines vielleicht schon leicht verwirrten älteren Herrn einsortieren hilft: Der alte Narr hat einen Narren gefressen an dem Kinde! (Was ich neulich beim Versteckspielen auch über mich gedacht habe, mit vollem Einsatz unter dem Bett, unter dem ich nur unter größter Mühe und Aufbietung aller mir verbliebenen Kräfte wieder hervorkriechen konnte, aber eben maßlos stolz über das fachkundige Urteil des Kindergartenkindes: Das war ein gutes Versteck! Und übrigens besser als das der um eine Generation näheren Mitspieler: Zum Narren gemacht, mit Staub bedeckt, aber mit Ruhm bekleckert.)

Was mich am meisten beeindruckt an dieser Szene mit dem alten Simeon und dem kleinen Kind ist das – natürlich mit der Bürgschaft Gottes versehene – unbedingte Zutrauen des Alten zum Jungen. Hier trifft kein nörgelnder Boomer auf einen Jammerlappen der Gen-X. Sondern ein Greis, dessen Lebenserfahrung und dessen Glauben an den Gott, bei dem alles möglich ist, gibt diese Möglichkeitszuschreibung (vulgo: Optimismus!) an den Jüngeren weiter. Nichts und niemand macht so viel möglich, wie einer – ob Großvater, Mutter, ein Lehrer oder eben Gott – der einem dieses Zutrauen zuspricht. Und damit dürften wir – zugegebenermaßen über manche Umwege – zum Sinn unseres Weihnachtsglaubens gekommen sein: Die Verkündigung ungeahnter Möglichkeiten an uns durch Gottes Sohn.

Klaus Neumann

Lebendiger Adventskalender 2023 – Termine

Ev. Thomasgemeinde und Kath. Kirchort St. Mauritius

4 Adventskerzen, alle 4 brennen

Mit Liedern, Geschichten und Gedichten im Kerzenschein feiern wir vom 1. bis 22. Dezember an jedem Abend um 19.00 Uhr eine adventliche Viertelstunde vor einer Tür in der Nachbarschaft.

Freuen Sie sich auf das Akkordeon-Orchester „Harmonico“ am 3.12. (16 Uhr), den ökumenischen Kindergarten am 7.12., Klaviermusik mit Gabriela Blaudow am 9.12., den Kinderchor der Thomasgemeinde am 11.12. (17.45 Uhr), die Waldweihnacht an der Feldkapelle am 17.12. (17 Uhr), Chorgesang vor der Mauritiuskirche am 18.12. und viele schöne Momente und Begegnungen bei unseren weiteren Gastgeberinnen und Gastgebern aus St. Mauritius und der Thomasgemeinde. Alle sind herzlich eingeladen!

Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres, 19. November 2023

Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sich setzen auf den Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken. Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt!

Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? Oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht.Dann werden auch sie antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient? Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan. Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben. (Matthäus 25,31-46)

All lives matter; jedes menschliche Leben zählt; alle Leben sind wichtig.

Es ist diese Botschaft, die von der gewaltigen Bühne des Weltgerichts heute zu uns gesprochen wird; von einer Bühne, die mit ihren Requisiten und Bildern von Himmel und Hölle, vom Teufel und Engeln, mit ihrer Massenszene aller je gelebten Menschen – das kann voll werden – und mit den machtvollsten Protagonisten, die Menschen glauben können, Gott selbst und seinem Sohn: von einer Bühne also, die unsere religiöse Vorstellungskraft beansprucht und herausfordert wie keine andere, von dieser Bühne wird heute zu uns gesprochen, dass alles Leben wichtig ist, jedes menschliche Leben zählt: All lives matter.

Und zwar sind unserer aller menschlichen Leben Gott so wichtig, dass mit unserem Lebensende nicht einfach die Akten geschlossen werden, so unabgeschlossen und unabgegolten unsere Aktionen gewesen sein mögen, sondern dass sie von Gott wiederaufgenommen werden, dass er sie sich ein letztes und letztgültiges Mal noch einmal vorlegt. Nichts bleibt vergessen, nichts fällt unter den Tisch. Damit verwirklicht Gott eine Gerechtigkeit, die vor unseren Gerichten – und sei es am Ende eines langen Instanzenweges – unmöglich bleibt. Vollständige und umfassende Gerechtigkeit für alle und jeden kann es nur bei Gott geben: All lives matter, alle Leben zählen.

Kein gnädiges – und schon gar kein ungnädiges, also etwa gedankenloses, erschöpftes, unwilliges – Vergessen steht am Ende aller Zeiten und Tage, sondern vollständige, umfassende und gerechte Erinnerung als dem Geheimnis der Erlösung. Kein unterschiedsloses Zudecken mit Gnade und Begraben von Schuld steht am Ende, sondern die wahrhafte Suche, lückenlose Aufklärung, genaue Benennung: die Wahrheit als Voraussetzung von Gerechtigkeit. Kein Gericht und kein gesellschaftlicher Prozess der Aufarbeitung und Widergutmachung nach Gewaltherrschaft und Krieg kann das leisten, auch wenn sie in ihren besten Momenten diesem Ideal folgen oder doch jederzeit mit aller Kraft folgen sollten – ohne es zu erreichen. Dennoch – trotz und wegen unseres Unvermögens zu Wahrheit und Gerechtigkeit – hebt Gott unser Vergessen in seiner Erinnerung auf. Das ist das Weltgericht.

Das ist das Weltgericht, von dessen zweifachem Ausgang nicht erzählt wird, um Angst zu verbreiten, sondern um Angst zu nehmen; oder anders gesagt: von dem erzählt wird, um den Angstmachern Angst zu machen und den Ängstlichen sie zu nehmen, und damit beiden erst gerecht zu werden. Ein gerechtes Urteil kann ja nicht darin bestehen allen dasselbe zukommen zu lassen; Übeltätern und Wohltätern, Tätern und Opfern allen dasselbe. Gerechtigkeit muss Unterschiede machen. Ein gerechtes Urteil vor Gericht kann ebenso wenig wie ein um Gerechtigkeit bemühter Kommentar angesichts von Konflikten und Kriegen einfach neutral von Leid auf allen Seiten sprechen. Auch Täter können leiden und Opfer können Leid zufügen, ohne damit ein Schuldgleichgewicht herbeizuführen. Das Saldieren von Leid verdirbt die historische Buchführung.

Deshalb kann das wahre Wort – all lives matter, alle Leben zählen – zur konkreten Lüge werden, wenn es nämlich das konkrete Leid der Opfer und die konkrete Schuld der Täter überdecken soll. Black lives matter – behauptet ja nicht, dass nicht alle Menschenleben wichtig wären, sondern im Gegenteil: Weil alle Leben zählen, zählen eben auch schwarze Leben, was angesichts von schwarzem Leid und weißer Schuld aber ausdrücklich benannt werden muss. Jewish lives matter – behauptet ja nicht, dass nicht auch christliche oder muslimische, nicht auch deutsche oder palästinensische Leben wichtig wären, sondern im Gegenteil: Weil alle Leben zählen, zählen eben auch jüdische Leben, was angesichts von historischem und aktuellem Leid von Juden ausdrücklich und laut gesagt werden muss. In der konkreten Notlage kann ich nur so der allgemeinen Wahrheit – all lives matter – gerecht werden; anders wird sie angesichts eines Terrorangriffs einer Gruppe auf ein Land zur zynischen Lüge. Natürlich zählen die Menschen in Oberbayern und auf den Fidschi-Inseln – aber angesichts eines Gewaltaktes im jüdischen Israel muss das nicht extra gesagt werden. Das andere schon: Jüdische Leben zählen, jetzt!

Gerechtigkeit lebt von Genauigkeit. Gerechtigkeit erweist sich in Notlagen und gegenüber Notleidenden. Gerecht ist nicht zuerst der, der den allgemeinen Weltfrieden predigt, sondern der, der genau diesen Krieg bekämpft und genau jenen Frieden bereitet. Gerecht ist nicht zuerst der, der allen Essen und allen zu trinken gibt, sondern der, der den Hungrigen Essen und den Durstigen zu trinken gibt. Unser Gerichtsgleichnis lässt den richtenden König sagen: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Es ist die in der hebräischen Sprache „Gerechtigkeitstat“ – Zedaka – genannte Tat an den Bedürftigen gemeint, die zählt. Mit solchen Wohltaten, die das Unwohlsein Leidender lindern, machen wir deutlich, dass diese für uns zählen. Die „geringsten Brüder“ bezeichnen dabei nicht zuerst eine soziologisch beschreibbare Schicht als Unterschicht oder eine Klasse der Deklassierten, sondern unseren „Nächsten“, also die Person, die Not leidet und einen konkreten Mangel hat: Hunger, Durst, Fremdheit, Nacktheit, Krankheit, Gefängnis – und beschreibt also in zweiter Linie durchaus Personen insgesamt, deren Existenz vielfältigen Mängeln ausgesetzt sind. Diese genannten Mängel – und überhaupt Mängel wie diese – sind gemeint und schließen dann selbstverständlich Armut, Gewalt und Krieg ein. Mitzudenken ist die Fortsetzung der Reihe: Ich bin arm gewesen und ihr habt mit mir geteilt; ich habe Gewalt erfahren und ihr habt mich beschützt; ich war im Krieg und ihr habt für den Frieden gekämpft.

Unser Gerichtsbild wendet unsere Aufmerksamkeit auf die Sorge für den konkreten Fall, in dem sich unsere allgemeine Sorgepflicht erfüllt. Wir werden nicht den Hunger auf der Welt besiegen, und noch nicht einmal Jesus hat alle Kranken, die ihm begegneten, geheilt; aber wenn uns ein Hungriger begegnet oder wo wir Kranke sehen, sind wir nach unseren Möglichkeiten zur Hilfe gefordert. Der eine zählt, jeder einzelne zählt, weil alle zählen.

Aus unseren Möglichkeiten und mehr noch aus unseren Unmöglichkeiten zur Hilfe ergibt sich Gottes Zuständigkeit für das Große und Ganze. Am Weltgericht müssten wir Menschen uns verheben, schon ein Weltpolizist mutet sich zu viel zu. Aber Gott können wir das Gericht über die Welt überlassen. Auf seine Gerechtigkeit und auf seine Gnade ist Verlass. Für ihn zählen alle Menschen.

21. Sonntag nach Trinitatis, 29.10.2023

So zog Abram herauf aus Ägypten mit seiner Frau und mit allem, was er hatte, und Lot mit ihm ins Südland. Abram aber war sehr reich an Vieh, Silber und Gold. Und er zog immer weiter vom Südland bis nach Bethel, an die Stätte, wo zuerst sein Zelt war, zwischen Bethel und Ai, eben an den Ort, wo er früher den Altar errichtet hatte. Dort rief er den Namen des Herrn an. Lot aber, der mit Abram zog, hatte auch Schafe und Rinder und Zelte. Und das Land konnte es nicht ertragen, dass sie beieinander wohnten; denn ihre Habe war groß und sie konnten nicht beieinander wohnen. Und es war immer Zank zwischen den Hirten von Abrams Vieh und den Hirten von Lots Vieh. Es wohnten auch zu der Zeit die Kanaaniter und Perisiter im Lande. Da sprach Abram zu Lot: Es soll kein Zank sein zwischen mir und dir und zwischen meinen und deinen Hirten; denn wir sind Brüder. Steht dir nicht alles Land offen? Trenne dich doch von mir! Willst du zur Linken, so will ich zur Rechten, oder willst du zur Rechten, so will ich zur Linken. Da hob Lot seine Augen auf und sah die ganze Gegend am Jordan, dass sie wasserreich war. Denn bevor der Herr Sodom und Gomorra vernichtete, war sie bis nach Zoar hin wie der Garten des Herrn, gleichwie Ägyptenland. Da erwählte sich Lot die ganze Gegend am Jordan und zog nach Osten. Also trennte sich ein Bruder von dem andern, sodass Abram wohnte im Lande Kanaan und Lot in den Städten jener Gegend. Und Lot zog mit seinen Zelten bis nach Sodom. Aber die Leute zu Sodom waren böse und sündigten sehr wider den Herrn. (Mose 13,1-12)

Wie lässt sich ein Streit schlichten, wie Konflikte lösen, wie Kriege wenigstens begrenzen? Das dürfte die 1 Millionen-Schekel-Frage sein, nicht nur in unserer Zeit, sondern immer und zu allen Zeiten – aber eben auch gerade jetzt.

Und unser Predigttext schlägt zur Lösung des Streits vor, dass sich die Konfliktparteien um Lot und Abram, der später Abraham heißen wird, trennen: Trenne dich doch von mir! Willst du zur Linken, so will ich zur Rechten, oder willst du zur Rechten, so will ich zur Linken. Klingt vernünftig, denn manche Konflikte lassen sich wohl nicht anders als durch Trennung lösen, im Privaten, etwa in zerrütteten Ehen; im Beruflichen, etwa in ungedeihlichen Arbeitsverhältnissen; oder – wie wir heute hören – unter Nachbarn, wobei von Vorteil ist, wenn die Konfliktparteien mobil und nomadisch sind und die Gegend groß und weit.

Ausgerechnet die von unserer Geschichte erzählte Konfliktlösung scheint aber nicht hilfreich und nicht anwendbar zu sein auf den großen Konflikt um ein und dasselbe kleine, ja winzige Land, der uns gerade so erschüttert. Seit drei Wochen lässt uns das Geschehen in Israel und Palästina nicht los, die unfassbare Gewalt einer Mörderbande vornehmlich gegen Kinder und Frauen, gegen feiernde Jugendliche und freundliche Greise, gegen Juden im Staat der Juden; der sich seit dem Terroranschlag am 7. Oktober nun gegen diese Gewalt wehrt, wie es jeder Staat tut und tun würde, um die Täter zu bestrafen und es ihnen unmöglich zu machen, ihre Taten zu wiederholen. Und weil diese Täter sich mitten in der Bevölkerung aufhalten, sich zwischen Wohnungen und unter Krankenhäusern verstecken, gefährden und schädigen sie Leben und Güter derer, die sie zu vertreten vorgeben. Während das Leid der Opfer in Israel und Palästina gleich viel zählt und in gleicher Weise zu beklagen ist, sind die Mörder der Hamas für beides verantwortlich und für beides verantwortlich zu machen.

Allerdings wird deren Beseitigung kaum zum Ende der Gewalt führen – nicht nur aber auch, weil die Gegner dieses Streits ein und dasselbe Land beanspruchen und weil dieses Land selbst so winzig klein ist (etwas größer als Hessen und nicht halb so groß wie Bayern). Denn die berühmte Zwei-Staaten-Lösung, die eine Trennung der Streitenden ganz im Sinne unserer Trennungsgeschichte von Abraham und Lot vorsieht, scheitert nicht erst am Willen zum Frieden sondern am schieren Mangel an Platz, der eine Aufforderung zur friedlichen Trennung unmöglich erscheinen lässt: Trenne dich doch von mir! Willst du zur Linken, so will ich zur Rechten, oder willst du zur Rechten, so will ich zur Linken. Wie soll das gehen, wenn sich Streitende auch nach der Trennung täglich sehen und über den Weg laufen? Trennung, aber, in ein und demselben Land wäre Apartheid, die Israel jetzt schon von vielen Verleumdern zu Unrecht vorgeworfen wird.

Auch unsere Geschichte weiß von den Kontexten der Gewalt, in denen die jeweiligen Gewaltgeschichten eingebettet sind, von wo sie kommen und wohin sie führen. Wie ein Fluch liegt der Satz über Sodom über ihr: Aber die Leute zu Sodom waren böse und sündigten sehr wider den Herrn. Was neuen Ärger und neuen Streit mit den neuen Nachbarn von Lot bedeutet – und was sich bewahrheitet. Anders als für Abraham, der zum Stammvater vieler Völker wird, geht die Geschichte für Lot übel weiter und übel aus. Die Frau erstarrt auf der Flucht beim Zurückblicken zur Salzsäule, die Töchter erschleichen sich inzestuöse Nachkommen von ihrem saufenden Vater, was ein Elend! Und selbst diesen Nachkommen als Moabiter und Ammoniter bleiben die Nachfahren Abrahams untrennbar verbunden, selten zum Guten, meistens zum Schlechten.

Wenn sich Segen und Fluch so sichtbar wie bei Abraham und Lot – oder eben so sichtbar am Lebensstandard und Entwicklungsstand wie in Israel und Palästina – ablesen lassen, wird das genug Grund für neuen Streit geben: um Güter und Lebensmöglichkeiten, um Ansehen und Einfluss. Wir scheinen an unsere Nachbarn als unsere möglichen oder eben als unsere wirklichen Feinde unlösbar gekettet zu sein. Nachbarn zeigen uns nämlich, wie wir sein könnten und wie es uns gehen könnte – im Guten wie im Schlechten. Und deshalb ist die alttestamentliche Forderung zur Nächstenliebe nicht das fromme Sätzchen, für das wir es vielleicht halten, sondern bekommt in der Verschärfung durch Jesus, noch Nächsten zu lieben, wenn er mein Feind ist, von der wir heute in der Lesung gehört haben, ihren Sinn.

Erst wenn ich – so scheint es Jesus im Sinne seiner jüdischen Lehrer zu fordern: erst wenn ich im Feind mich selbst sehe und dieser sich in mir, besteht Aussicht auf ein Ende des Streits. Umgekehrt wird der Mangel an Empathie für das Leid der anderen mein eigenes Leid auf Dauer nur vergrößern. Angewendet auf unseren tragischen aktuellen Fall: Selbstverständlich hat das Land Israel jedes Recht sich zu verteidigen – und dennoch wird die Ausübung dieses Rechts neues eigenes Leid nicht verhindern, vom unermesslichen Leid palästinensischer Zivilisten, unzähliger unschuldiger Kinder zu schweigen. Und selbstverständlich haben die Palästinenser jedes Recht ihr Leid zu beklagen und die Ursachen zu bekämpfen, aber auch das wird unweigerlich zu neuem Leid führen.

Und so hören wir heute in Lesung und Predigttext von zwei genialen, aber streng gegensätzlichen Konfliktstrategien – von der pragmatischen Trennung von Feinden einerseits und andrerseits von der utopischen Liebe unter Feinden, die aber beide mit demselben Fehler behaftet sind, dass sie großartig in der Theorie aber untauglich in der Praxis – und dreimal untauglich in der Realität des Landes Israel sind. Jedes Schulkind weiß sofort, dass Liebe unter Feinden und das Hinhalten der anderen Backe nicht funktionieren und im Desaster enden werden, muss es das eigentlich? Und jeder kann sich einen Schulatlas nehmen und nachschauen, dass da kein Land für zwei Staaten ist, wo ja kaum Land für einen da ist. Was bleibt?

Es bleibt unsere Möglichkeit zu Empathie und Solidarität mit den Opfern und Hilfe für sie auf beiden Seiten dieses garstigen Grabens.

Es bleibt unsere Verantwortung für Gerechtigkeit, zu der auch die Einsicht in eigene Verstrickung und Schuld gehört.

Und es bleibt die Hoffnung, von der wir auch heute lesen, dass Gott Lösungen für Probleme findet, die für uns viel zu groß und zu schwer sind.

18. Sonntag nach Trinitatis, 8. Oktober 2023

(In der schriftlichen Fassung der Predigt selbst fehlt jeder Hinweis auf den Anschlag der Terroristen der Hamas auf Israel vom Vortag, dem 7. Oktober. Zu frisch, zu gewaltig und unbearbeitet sind die Eindrücke dieses Verbrechens, dem Hunderte von jüdisch-israelischen Zivilisten, darunter zahlreiche Babys, Kinder, Jugendliche und Greise zum Opfer fielen, um in die Predigt einzufließen. Dabei wurde es ausgerechnet am Schabbat und dem jüdischen Feiertag Simchat Tora verübt, der die dem Judentum wesentliche Freude über Gottes Gebot zum Ausdruck bringt und eigentlich mit fröhlichem Singen und Tanzen gefeiert wird – in friedlichen Zeiten. K.N.)

Und Gott redete alle diese Worte:

Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.

Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.

Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.

Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der Herr den Sabbattag und heiligte ihn.

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, geben wird.
Du sollst nicht töten.
Du sollst nicht ehebrechen.
Du sollst nicht stehlen.
Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat. (2. Mose 20.1-17)

Ausgerechnet an dem Tag, an dem wir uns einen Landtag wählen, den Gesetzgeber für die Belange unseres schönen Bundeslandes Hessen, und damit mittelbar eine Regierung und einen, der dieser als Ministerpräsident vorsitzt – ausgerechnet heute hören wir die 10 Worte des berühmtesten Gesetzgebers der Menschheitsgeschichte, den Gott sich für sein Volk erwählt und den sich sein Volk als Mittler zu Gott erwählt hat – auf den also auch wir, die wir nicht ursprünglich zum auserwählten Volk gehören, hören dürfen. Schaden wird es nichts, nützt es was? Sind diese uralten 10 Gebote mehr als religiöse Folklore oder ethische Altertumskunde? Was haben sie uns und was haben sie uns gerade heute zu sagen? Hier kommen 9 Angebote die 10 Gebote zu vergegenwärtigen:

1. Zuerst tun wir gut daran, die Bindung unseres Textes an eine längst vergangene Zeit nicht zu überlesen und ihn nicht unmittelbar für ein zeitloses, schon immer gültiges und für immer geltendes universales Gesetz zu halten, als das es zunächst nicht gedacht war und zu dem es erst mit der Zeit gemacht wurde. Denn zumindest nach der Erzählung des Alten Testaments folgt die Übermittlung der 10 Gebote – und zahlreicher weiterer Rechtsordnungen – der Befreiung der Israeliten aus Ägypten und dem Durchzug durchs Schilfmehr.

Der Exodus begründet – zumindest als theologische und historische Idee – die Entstehung des Volkes Israel und seine besondere Beziehung zu Gott. Beides – der Exodus und die 10 Gebote – stehen somit in unmittelbarem Zusammenhang, so dass sie gelegentlich als Gebote der Befreiung oder sogar der Verfassung des Volkes Israel genannt wurden. Dem entspricht, dass Gott der Herr sich im ersten Gebot als der gegenüber seinem Volk definiert, „der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe“. Gesetze und sogar Grundgesetze sind immer zeitgebunden und reagieren auf ihren historischen Kontext. Das wird auch für die vom heute gewählten hessischen Landtag gelten.

2. Wenn das erste Gebot „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“ die Konkurrenz anderer Götter zurückweist, erinnert uns das an einem Wahltag daran, jede Überhöhung des Staates abzuwehren, und auch daran, dass eine Trennung von Kirche und Staat, beiden gleichermaßen angemessen ist und gut tut; nach den Worten der Barmer Theologischen Erklärung: „Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen“. Was für unsere gegenüber 1934 ungleich friedlichere und unangefochtenere Zeiten dennoch heißen kann, dass moralische Überhöhungen oder sogar Absolutsetzungen durch staatliche Akteure zurückzuweisen sind. Staatliche Gesetze sind offensichtlich keine göttlichen Gebote, genauso wenig wie Gerichtsurteile oder unsere Wirtschaftsordnung.

3. Andrerseits verbinden die 10 Gebote moralische mit Glaubensgesetzen so untrennbar, dass die einen als Grundlage der anderen deutlich werden, frei nach dem berühmten Satz des Verfassungsrechtlers Böckenförde: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Und an die – ohne falsche Konfliktscheu – zu erinnern, doch wohl auch unsere Aufgabe als Christen in Staat und Land ist, zumal der dem Grundgesetz vorgesetzte Gottesbezug „Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen …“ der Hessischen Landesverfassung leider fehlt. Wäre doch schade, wenn diese Erinnerung ausgerechnet bei uns verloren ginge.

4. Während in den 10 Geboten Bilder verboten zu werden scheinen, spielen sie gerade im Wahlkampf aber auch sonst im politischen Wettbewerb eine überragende Rolle, einerseits natürlich zurecht, denn man muss ja wissen, wer das Volk vertritt; andererseits doch zu Unrecht in dem Maße, in dem sie verfälschen, beschönigen oder entstellen, und damit ja gerade verhindern zu wissen, wer das ist. Wer stattliche vielstellige Haushaltposten für seine Visagisten und Coiffeure ausgibt oder seine Plakate bis zur Unkenntlichkeit retouchieren lässt, scheint nicht unbedingt daran interessiert zu sein, etwas von sich preiszugeben. Und ziemlich genau dagegen richtet sich das biblische Bilderverbot: gegen die Verfügbarkeit durch zu gute und die Verfälschung durch zu schlechte Bilder.

5. Mit dem Bilderverbot, dem Blasphemieverbot und dem Feiertagsgebot sind drei Gebote zu Gottes Schutz formuliert, die im säkularen Staat keine Geltung für sich beanspruchen können, die uns aber aktuelle Denkaufgaben stellen, wie wir ja schon in der Bilderfrage gesehen haben. Auch das Verbot zu lästern lässt sich ohne weiteres auf unseren Umgang mit Medien anwenden, nicht zuletzt auf die sogenannten sozialen Medien. Besonders relevant aber erscheint das Feiertagsgebot, zumal wenn seine religiöse Begründung nicht mehr für den gesetzlichen Schutz ausreicht. Der arbeitsfreie wöchentliche Feiertag – zunächst wie gesagt als Heiligtum Gottes in der dahinfließenden Zeit gedacht – ist längst Freiraum der Menschen und Symbol gegen seine absolute Verfügbarkeit als Arbeitskraft und Rädchen im Wirtschaftsbetrieb.

6. Jede Gesellschaftsordnung, auch unsere hessische, gründet auf einen Generationenvertrag, also irgendeine Form von Respekt zwischen Alten und Jungen, und hier scheint in den 10 Geboten tatsächlich ein Mangel vorzuliegen, wenn dieser Respekt nur in eine Richtung gefordert wird: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren“. Ich glaube aber nicht, dass wir den Geboten Gewalt antun, wenn wir hier grundsätzlich Gegenseitigkeit mitdenken und dann eben im gesellschaftlichen Bereich den scheinbar natürlichen Generationenegoismus durch Empathie für die Lebenszeit zähmen, die nicht mehr oder noch nicht die eigene ist. Auf abgetakelte Boomer oder nörgelnde jugendliche Faulenzer zu schimpfen, ist so ziemlich gleich lächerlich, wenn ich mir bewusst mache, dass jeder das eine wie das andere gewesen sein oder werden wird.

7. Die nachfolgenden vier Gebote: nicht töten, nicht ehebrechen, nicht stehlen, nicht lügen, stehen für viele für den eigentlichen und universellen Kern der 10 Gebote; nicht ganz zu Unrecht, denn keine Gesellschaft dürfte Bestand haben, die den Schutz des Lebens, der Beziehung, des Eigentums, der Wahrheit – nicht fordert und nicht selbst zu garantieren versucht. Dabei gewichtet hier jede Zeit und jede Gesellschaft anders: Wer gerade noch gedacht hat, dass ein absolutes Wahrheitsgebot ein lebensfernes Ideal darstellt, sehnt sich im Zeitalter von Fake News und Deep Fakes bitter danach; und wer meinte, dass zumindest der Lebensschutz bei uns unhinterfragbar ist, reibt sich die Augen, wenn ausgerechnet ein deutsches Verfassungsgericht die staatliche Beihilfe zur Selbsttötung zum Menschenrecht erklärt. Keins dieser scheinbar selbstverständlichen Gebote versteht sich von selbst, noch nie.

8. Beim Verbot des Begehrens fremder Güter schließlich sollte man sich nicht lange daran stören, dass in einer patriarchalen Ordnung die patriarchale Unterordnung der Frau und ihre Einordnung in einen Güterkatalog festgeschrieben steht, so schlimm wie erwartbar das ist (Gesetze sind immer zeitgebunden! Siehe oben). Sondern wir sollten wahrnehmen, dass die Absage an jede Form des Fremdbegehrens, jede Form der Gier das volle Gewicht als Abschluss dieser elementaren Gebotsliste trägt. Mein Verzicht schützt meinen Nächsten – als Fluchtpunkt und Ziel der Gebote.

9. Womit wir bei der handlichen, schon bei Mose vorfindlichen und von Jesus an uns weiterempfohlenen Zusammenfassung der 10 Gebote sind:

„Du sollst Gott den Herrn lieben mit ganzer Seele, mit ganzem Herzen und aller deiner Kraft – und deinen Nächsten wie dich selbst.“

Eine Wahlempfehlung kann man daraus nicht ableiten, aber eine für ein gutes Leben. Amen.

16. Sonntag nach Trinitatis, 24. September 2023

Darum werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. Geduld aber habt ihr nötig, auf dass ihr den Willen Gottes tut und das Verheißene empfangt. Denn „nur noch eine kleine Weile, so wird kommen, der da kommen soll, und wird nicht lange ausbleiben. Mein Gerechter aber wird aus Glauben leben. Wenn er aber zurückweicht, hat meine Seele kein Gefallen an ihm“ (Habakuk 2,3-4). Wir aber sind nicht solche, die zurückweichen und verdammt werden, sondern solche, die glauben und die Seele erretten. (Brief an die Hebräer 10,35-39)

„Ruhig-Geduldig“ prangte es auf den leicht überdimensionierten Schildern einer Wiesbadener Fahrschule in den 70er und 80er Jahren, an die sich sicherlich noch manche Ureinwohner erinnern, besonders die, die wie ich, dort ihr Fahrdiplom erwarben. Die Geduld zahlte sich aus, zuerst für den geduldigen Inhaber Manfred Hardel, der lieber noch ein paar mehr Fahrstunden empfahl, wie auch für die zwar teuer aber bestens unterrichteten Fahrstudenten wie mich und doch auch nicht zuletzt für die verkehrsteilnehmende Allgemeinheit. Gerade in unserer schönen Heimatstadt dürfte Geduld die eine Kernkompetenz sein, die ob nun vor der Pförtnerampel oder im dicksten Innenstadtgewühl, nun zwar nicht weiter aber den Alltag bestehen hilft. „Ruhig-Geduldig“ – der Fahrlehrer nicht nur als philosophischer Freund der Weisheit sondern auch als Prophet – ein echter Habakuk.

Geduld ist keine unumstrittene Tugend. Wenn uns einer sagt: „Jetzt gedulden Sie sich, bitte!“ kann das ja auch unseren Unwillen hervorrufen und damit eine vielleicht schon vorhandene Ungeduld noch vergrößern, insbesondere wenn uns der Grund des Aufschubs nicht einleuchtet. Manchmal – das lehrt die Erfahrung – hilft ja gerade nicht Geduld, um zu seinem Recht zu kommen, sondern eher ein energisches Auftreten, klare Forderungen oder gleich selbst die Sache in die Hand zu nehmen. Was natürlich nicht überall möglich ist, da ich mich im Supermarkt nicht selbst abkassieren – zumindest noch nicht überall – und im Wartezimmer schlecht selbst behandeln kann. Aber es gibt sicherlich Fälle, in denen ich nicht geduldig die Lösung meiner Probleme anderen überlassen, sondern selbst angehen sollte. Solche Ungeduld könnte dann sogar für eine Tugend gehalten werden – zum „nützlichen Fehler“ werden – wie sie in schlauen Bewerbungsmanuals empfohlen wird: Wenn nach den eigenen Fehlern gefragt würde, dann sei es hilfreich, sich selbst der Ungeduld zu bezichtigen. Ob das der Einstellungskommission wirklich mehr sagt, als dass der Kandidat die einschlägigen Ratgeber zur Kenntnis genommen hat, sei dahingestellt.

In jedem Fall empfiehlt es sich, genau zu prüfen, zu unterscheiden und zu entscheiden, ob es sich um einen Fall für die Geduld oder für die Ungeduld handelt; ein bisschen so wie in dem Gebet, dass uns immer wieder mal in den Sinn kommt, wenn es um solche Fragen der Geduld, oder des Gehorsams oder der Gelassenheit handeln könnte:

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Geduld ist also dann gefragt, wenn mein Handeln ohnehin nichts ändert, während sie dann, wenn meine Intervention die Sache voranbringen oder sogar Schaden abwenden könnte, die falsche Wahl wäre. Geduld schließt überdies die Erwartung ein, dass sie sich lohnt: Es besteht die berechtigte Erwartung, dass sich das gewünschte Ergebnis einstellt, und zwar ohne dass ich dazu entscheidend beitragen könnte. Warten in Erwartung: das ist Geduld.

Der heutige Predigttext, ein Abschnitt aus dem Brief an die Hebräer, empfiehlt die Geduld als unverzichtbares Merkmal des Glaubens und beschreibt den Glauben als Warten in der Erwartung des Gottessohnes. Das leuchtet sofort ein. Was könnten wir dazu beitragen, den Himmel zu öffnen und Gott auf die Erde zu ziehen? Absurd! Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Was der berühmte Remo Largo ungeduldigen Eltern und Lehrern als pädagogische Wahrheit sagt, stimmt auch theologisch. Nicht wir entscheiden oder beeinflussen auch nur, wann sich Gott zeigt und wann er sein Reich errichtet. Und alle Versuche das menschlicherseits in die Hand zu nehmen oder auch nur zu beschleunigen, müssen fehlschlagen und sind eben auch fehlgeschlagen, meist ziemlich grauslich und blutig. Glauben heißt Geduld, heißt Warten in Erwartung.

Vielleicht ist damit aber noch nicht alles gesagt. Denn auch wenn unser Predigttext des Autors an die Hebräer besonderes Gewicht auf die Bewährung des Glaubens in der Geduld und im Aushalten von Verfolgung und Not legt, so dass er im unmittelbaren Anschluss unserer Stelle den Glauben in einer klassischen Formulierung insgesamt als „eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht“, bezeichnet, in einer Art Grunddogma des Glaubens als Wirklichkeitsverweigerung; wendet der Prophet Habakuk, den der Hebräer hier zitiert und auslegen will, den Blick unmittelbar auf die Wirklichkeit seiner Welt, die sich wenig von der ungerechten Wirklichkeit unserer heutigen Welt unterscheidet: „Der Gerechte aber wird durch seinen Glauben leben. So wird auch der treulose Tyrann keinen Erfolg haben, der stolze Mann nicht bleiben, der seinen Rachen aufsperrt wie das Reich des Todes und ist wie der Tod, der nicht zu sättigen ist. … Weh dem, der sein Gut mehrt mit fremden Gut – wie lange wird’s wären?“ (Habakuk 2,4-6*)

Der Glauben ist wartender und zugleich wachender Glaube; er „sagt, was ist“, und hält das zwar noch nicht für die „revolutionäre Tat“ (Rosa Luxemburg) aber für seine selbstverständliche Aufgabe: also den Fürsten ihre Macht, ihre Taten und Untaten zu spiegeln; ihnen zu sagen, was ist; die von den Mächtigen geschaffene Wirklichkeit abzugleichen mit den Maßstäben der Gerechtigkeit. Warten heißt nicht Stillhalten, Geduld nicht Resignation; sondern heißt die gegenwärtigen Nöte und Bedrängnisse mit der Erwartung einer von Gott bestimmten Zukunft zu konfrontieren – für sich im Herzen und laut für die anderen. Dem „es war schon immer so“ ein „es wird anders werden“ entgegenzusetzen – und dabei doch nicht den eigenen Willen mit dem Willen Gottes zu verwechseln.

Glauben trägt die Geduld, die weiß, dass ihre Stunde kommen wird. Amen.

14. Sonntag nach Trinitatis, 10. September 2023

Und es begab sich, als er nach Jerusalem wanderte, dass er durch das Gebiet zwischen Samarien und Galiläa zog. Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne und erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser! Und da er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein.Einer aber unter ihnen, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter. Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun? Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde? Und er sprach zu ihm: Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen. (Lukas 17, 11-19)

„Ich danke Gott, … dass ich bin“ hat mir einmal – es ist einige Zeit her – mein Jugend- und Lieblingspfarrer hier in Wiesbaden auf dem Markt am Samstagmorgen bei einer zufälligen Begegnung auf die Frage geantwortet, wie es ihm gehe. „Guten Morgen, wie geht es ihnen, Herr Geißler!“ – Ich wusste, dass er krank gewesen, aber nicht wie weit seine Genesung gediehen war. Und darauf antwortete er mir freudestrahlend – vor Freude strahlen, dass konnte und das kann er gut – wie gut es ihm gehe und wie dankbar er dafür sei und wie sehr er sich darüber freue, mit einem Dichtervers: „Ich danke Gott, und freue mich/ Wie’s Kind zur Weihnachtsgabe, / Daß ich bin, bin!“.

Das Gedicht kannte ich nicht, hatte auch seinen Dichter Matthias Claudius bisher meistens mit einem gewissen Hochmut umgangen – so kindlich, so fromm; aber mit den Worten meines Pfarrers, seinem Ton und seinem Gesichtsausdruck hat es mich überzeugt; und überzeugt mich noch heute durch seine nur scheinbar naive Lebens-Dankbarkeit als Freude über das Dasein; darüber, dass etwas ist und nicht etwa nichts ist; und dass ich bin und sein darf, und dadurch zum Zeugen des von Gott geschaffenen Daseins werden kann. Die Freude über mein Leben bezeugt Gottes Schöpfung.

Matthias Claudius: Täglich zu singen

Ich danke Gott, und freue mich
         Wie’s Kind zur Weihnachtsgabe,
Daß ich bin, bin! Und daß ich dich,
         Schön menschlich Antlitz! habe;

Daß ich die Sonne, Berg und Meer,
         Und Laub und Gras kann sehen,
Und abends unterm Sternenheer
         Und lieben Monde gehen;

Und daß mir denn zumute ist,
         Als wenn wir Kinder kamen,
Und sahen, was der heil’ge Christ
         Bescheret hatte, amen!

Ich danke Gott mit Saitenspiel,
         Daß ich kein König worden;
Ich wär geschmeichelt worden viel,
         Und wär vielleicht verdorben.

Es folgen noch ein paar Verse, aber die punchline des Gedichts steht eigentlich schon in der ersten Zeile: „Ich danke Gott, dass ich bin“. Hier äußert sich das Selbstverständliche, aber so, dass es mir erst bewusst wird, erst so geäußert, und so erst gefühlt und erlebt werden kann.

Wie das Staunen der Anfang der Philosophie: Warum ist eigentlich etwas und nicht nichts? – so ist der Dank der Anfang des Glaubens. Dank ist unsere Antwort auf die Gnade Gottes, der „das Sein aus dem Nichtsein ruft“ (Römer 4,17), „der dich vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit.“ (Psalm 103,4) Dank, verwunderter Dank ist der einzig angemessene Ausdruck für die Erkenntnis der Gnade. „Ich danke dir, dass du mich wunderbar gemacht hast. Wunderbar sind deine Werke. Das erkennt meine Seele.“ (Psalm 139,14) Das Selbstverständliche nicht für einen Anspruch zu halten, das kommt im freien Dank für freie Gnade zum Ausdruck.

Bleibt eigentlich nur noch die Warnung vor falschem Dank, die der Evangelist Lukas eine paar Zeilen weiter im nächsten Kapitel am Beispiel des „Pharisäers“ (der freilich nur eine Karikatur der rabbinischen Gottesgelehrten darstellt) ausspricht: „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht so bin wie die anderen …“(Lukasevangelium 18,11) Einen Dank, der sich nur selbst vergrößert, andere ausschließt, ungerecht oder rein taktisch verteilt wird, kann man sich schenken. Auch danken dürfen und danken müssen – „Hast du auch Danke gesagt?!“ – machen sich verdächtig. Dank für etwas, dass der Dankende gar nicht kennt oder weiß – die Kernkompetenz schlechter Vorgesetzter und Dienstherren – stößt auf; und wenn Dank gleich wieder von einer Bitte begleitet oder von einer Forderung gefolgt wird, verbittert er und verbietet sich. Dankbarkeit erfordert Denkarbeit; und wenn darunter die Spontaneität leiden sollte, muss halt schneller gedacht werden, damit der Dank nicht zu spät kommt. Dank lebt von Gelegenheiten.

Vielleicht hatten die neun anderen geheilten Aussätzigen ja noch vor, ihrem Wohltäter zu danken; vielleicht mussten sie in ihrem Überschwang des Geheiltseins erstmal das neu geschenkte Dasein genießen – sich freuen, dass sie sind! – also: über Wiesen springen und an Blumen schnuppern, sich nach den Einschränkungen ihrer Krankheit erstmal frei fühlen; und vielleicht hatten sie den Dank noch fest vor, nach der ersten Feier des Daseins.

So dürfen wir damit rechnen, dass der, der gesagt hat, dass die rechte Hand nicht wissen soll, was die linke tut, etwas großzügiger als sein Chronist mit der fehlenden Dankbarkeit umgegangen wäre. Vielleicht war ihm ja dir Freude der Geheilten – welche Freude kann größer als die über eine Heilung, eine Genesung! – Dank genug. Und vielleicht haben sie ja bei der nächsten Gelegenheit den gesparten Dank obendrauf gelegt.

Immerhin gab es einen unter den 10 Geheilten, der sich gefreut und gedankt hat, und den wir uns doch wohl als Vorbild genauer anschauen sollen. Keine besondere Kompetenz zeichnet ihn vor den anderen aus und doch unterscheidet ihn, den Fremden, den „aus anderem Volk Stammenden“ („allogenes“), etwas von den anderen, nämlich sein „Anders-sein“, das mehr ist als die Zugehörigkeit zu einer als fremd und feindlich gesehenen Gruppe. Sein Fremdsein befähigt ihn offensichtlich, seine Genesung nicht für die Erfüllung, die Einlösung eines Anspruchs zu halten. Vielmehr vermag er die Selbstverständlichkeit seines Daseins als Kostbarkeit zu empfangen: Sich selbst und seinen Ansprüchen so fremd zu werden, dass das eigene Sein als Gnade empfunden und eigentlich empfangen werden kann.