Predigttext für Pfingsten, 31. Mai 2020

Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen. Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa? Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache? Parther und Meder und Elamiter und die wir wohnen in Mesopotamien und Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Einwanderer aus Rom, Juden und Judengenossen, Kreter und Araber: wir hören sie in unsern Sprachen von den großen Taten Gottes reden. Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein.

Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, liebe Männer, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, und lasst meine Worte zu euren Ohren eingehen! Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde am Tage; sondern das ist’s, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist (Joel 3,1-5): »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben; und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen. Und ich will Wunder tun oben am Himmel und Zeichen unten auf Erden, Blut und Feuer und Rauchdampf; die Sonne soll in Finsternis und der Mond in Blut verwandelt werden, ehe der große Tag der Offenbarung des Herrn kommt. Und es soll geschehen: wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden.«      

(Apostelgeschichte 2,1-21)

Alle reden durcheinander, niemand hört auf den anderen, niemand versteht den anderen, sie sprechen in ihren verschiedenen Sprachen, kommen sich gegenseitig spanisch vor, was sage ich: Parthisch, Medisch und Elamitisch, Kappadokisch, Phrygisch, Pamphylisch – keine Ahnung, wie sich das anhört – Ägyptisch, Römisch, Kretisch oder Arabisch – eigentlich großartig, diese Vielfalt von Sprachen und Kulturen und Menschen, aber schade, wenn sie sich nicht verstehen, sich nicht verstehen wollen, nur ihre eigene Perspektive wahrnehmen, die anderen nicht sehen und nicht hören, nur ihren je eigenen Regeln und Traditionen folgen, sich nicht kümmern um Verständigung und die Gereiztheit dann wächst – das kommt uns bekannt vor:

Aus manchen Schulstunden, wenn alle herumkrakeelen und keiner aufeinander und schon gar nicht auf den Lehrer hört, Papierkügelchen gespuckt werden – oje, das geht ja nicht mehr – also geschnippst, Schwämme geschmissen und Stühle gekippt werden – der ganz normale Wahnsinn an höheren Bildungseinrichtungen. Und nicht nur dort!

Das kennen wir von Familienfeiern, wenn alle Lieben wieder einmal zusammenkommen und wir merken müssen, dass wir uns auseinandergeliebt und auseinandergelebt haben, unsere Sprachen sich auseinanderentwickelt haben, Gewohnheiten nicht mehr dieselben sind; die, die sich noch nie so grün waren, sich immer noch nicht mögen; und die, die einst ein Herz und eine Seele waren, sich nicht mehr verstehen, sich nichts mehr zu sagen haben; oder sich nur noch in Überlautstärke ihre Rechthabereien an den Kopf schmeißen. Und nicht nur die!

Das sehen wir in Talkshowrunden, wenn wir sie überhaupt noch ansehen mögen: wer am lautesten schreit, hat zwar ziemlich sicher unrecht, aber glaubt damit, wenigstens gehört zu werden, und mit ein bisschen Glück sogar eine Schlagzeile in der BLÖD-Zeitung zu ergattern. Wo sonst?

Auch in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Debatte – nach zwei, drei Monaten im Schatten von Corona – scheint die Verständigungsbereitschaft aufgebraucht zu sein: lieber nicht aufeinander hören, sondern gegenseitig angiften; lieber nicht über Politik nachdenken, sondern Politiker beschimpfen; lieber nicht auf die Wissenschaftler hören, sondern sie verleumden – auch da geht das genannte Blatt mit den großen Buchstaben giftig leuchtend voran; Ängste nutzen und schüren und wieder nutzen! Wenn alle durch das Neue und Böse verunsichert sind, die Unsicherheit vergrößern! Vielleicht lässt sich daraus ein Gewinn erzielen.

Dann sagen sich politische und andere Idioten: „Was, Corona-Bazillus? Hab noch nie nicht keinen gesehen“. „Das sind doch alles Verschwörer“, sagen die neuen Verschwörer, diese Geisterfahrer des Ungeistes („Was? Ein Geisterfahrer auf der A3? Hunderte!“) – verdrängen mal schnell die LKW-Kolonnen mit den Särgen in Bergamo, die Sterbezelte in New York, das jederzeit drohende Inferno auch bei uns – und verbinden sich auch noch mit den uralten Hassern gegen die phantasierte Weltverschwörung des ewigen Erb- und Erzfeindes („Ist doch klar, wer daran Schuld ist. Die, die schon immer Schuld waren“.)

Da hat sich ein böser Geist gebildet, bösartige Flatulenz eher, ein Faulgas eher, das ja auch sonst gelegentlich herumwabert – antipfingstlich sozusagen – unter Impfgegnern und Klimawandelleugnern und Mobiltelefonnetzphobikern und Ernährungsapostel (Veganer und Carnivore treffen sich ja auch irgendwo in extremis, was schon Nikolaus von Kues erkannte) und multipel Empörten – um die eher harmlosen Varianten zu nennen. (Die Liste der sinnlosen Missionen – „mission imbecile“[kein Schreibfehler!] – lässt sich beinahe beliebig verlängern.) Aber es wabert und dampft und stinkt eben auch unter den Bösartigen und Gefährlichen: unter Fremdenhassern und Antisemiten, Fundamentalisten und Frauenfeinden. Mief also unter gefährlichen Irren und unter sonst harmlosen Spinnern – ein stinkender Mief, der ihnen in diesen Tagen in die Segel und unter den Aluhut bläht. (Neulich habe ich doch tatsächlich einen Alubehüteten auf dem schönen Sonnenberger Dorfplatz gesehen. Konnte es kaum glauben und hätte es so gerne für eine dadaistische Aktion im Geiste des großen Joseph Beuys gehalten, der sich auch herrlich sinnlos aufregen konnte, aber anders und richtig.)   

Die Ausgangssituation der Pfingstgeschichte kann uns also ganz schön bekannt vorkommen: Alle reden durcheinander, niemand hört auf den anderen, niemand versteht den anderen, wir sprechen in verschiedenen Sprachen und leben in unseren eigenen Welten, halten unsere „Narrative“ für Wahrheiten (bezweifeln, dass es überhaupt Wahrheit gibt; schwafeln von „meiner eigenen Wahrheit“, die meistens noch nicht einmal die eigene, also selbstständig erworbene Meinung ist [Das radikal konstruktivistische „Es gibt nur meine eigene Wahrheit“ bildet neben dem fundamental hedonistischen „Mein Spaß ist der Sinn des Lebens“ das Grunddogma der zu bildenden Jugend, das einem beinahe täglich in der Schule begegnet. Von wem haben die das bloß? Von uns Alten natürlich!]; zeigen uns überrascht, überrumpelt und überfordert, wenn wir in Wissenschaftlern Wahrheitssuchende erkennen, erkennen müssten; verkennen, dass wir selbst aus nichts als der Wahrheit leben und sonst verkümmern und vergehen und eingehen wie eine Primel), kümmern uns nicht um Verständigung und die Gereiztheit wächst. Wir Corona-Gereizten sticheln und stänkern in einem fort. (Ich ja auch gerade. Und so oft wie in dieser Zeit habe ich noch nie einen Streit mit meiner Frau angezettelt.) –

Und dann:

Und dann passiert etwas, etwas völlig Neues („And now for something completely different“):

Ein Wind weht, ein Licht leuchtet, ein Fenster geht auf, ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen: Geistesblitze! Wind und Feuer – als Zeichen des Neuen. Neue Schöpfung. Reine Emergenz. Der Heilige Geist. Was bewirkt der?     

Wind und Geistesblitze bewirken Verständigung unter vorher Verständnislosen. Das verblüfft die Außenstehenden so sehr, dass sie es – gewiss in Spiegelung eigener Erfahrungen – für ein Besäufnis halten müssen, was sie da erleben: Sie sind voll des süßen Weins! (Die neue Verständigung wird also vom Außenstehenden als alkoholgesteuertes Übermaß gedeutet und folglich als sich selbst missverstehende Verständigung. Selbst in dieser Fehldeutung spiegelt sich noch eine gültige Beobachtung, nämlich die der bloß illusionären Verbrüderung von Saufkumpanen und Trinkschwestern, die den nächsten Kater aber nicht übersteht. Am Aschermittwoch ist alles vorbei.)

Diese Fehldeutung des Geschehens korrigiert der bibelkundige Petrus mit etwas, das man ebenfalls als Fehldeutung verstehen könnte – und dann aber missverstehen müsste. Er erinnert sich an ein Wort des Propheten Joel, wie es in den letzten Tagen, also am Weltende sein wird: Von gewaltigen Zeichen spricht er, von Wunder oben am Himmel und Zeichen unten auf Erden, Blut und Feuer und Rauchdampf; die Sonne soll in Finsternis und der Mond in Blut verwandelt werden. Aber nichts davon passiert ja. Irrt sich Petrus – oder zitiert er seinen Joel einfach nur vollständiger, als es seiner Erklärung gut tut? (Selbst ein richtiges Zitat kann das falsche sein.)

Denn aus dem Rest des Zitats, der besser zum beobachteten Geschehen passt, geht tatsächlich der entscheidende Hinweis hervor: Spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben; und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen .  

Gott gießt seinen Heiligen Geist aus, in einer Zeit der Bedrängnis; und er gießt ihn auf Söhne und Töchter, auf Jünglinge und Alte, auf Knechte und Mägde, also auf die am Rande der Gesellschaft, auf die Marginalisierten, auf die, die sonst wenig oder nichts zu sagen haben: auf die ganz Jungen und die ganz Alten, auf die Schwachen und Beeinträchtigten, auf die Recht- und Machtlosen, auf die, die nicht für sich selbst sprechen können, dass sie Gesichte sehen und Träume haben – also mehr sehen, als einfach vor Augen liegt.

Was will uns der Prophet Joel, was der Apostel Petrus, was Gott selbst denn damit sagen? Warum bekommen nicht alle und ausgerechnet wir nicht Gottes Geist? Wir Etablierten, Saturierten, Privilegierten, in der Mitte der Gesellschaft, wir Stützen der Gesellschaft? Sollen wir etwa geistlos bleiben, so geistlos wie wir sind? Oder brauchen wir ihn bloß deshalb nicht, weil wir ihn schon hätten, den Geist. Das hätte wir gern! (So wie Obelix, der deshalb keinen Zaubertrank mehr bekommt, weil er als Kind schon reingefallen ist? Das träumt der Obelix in mir, berauscht und voll des süßen Weins, den wir mit goldenen Löffeln geschlürft hätten. Aber selbst Obelix ist immer wieder scharf auf neuen Zaubertrank.)

Tatsächlich weht Gottes Geist – das ist die Pfingstbotschaft – von den Rändern her. In Wahrheit öffnet Gottes Geist Perspektiven der anderen unserer selbst. Die Ränder werden ausgeleuchtet, damit ein klares Bild entsteht. (Wie jeden Sonntag in der Sonntagszeitung, wenn Hauck&Bauer uns auf ihre Weise die Gesellschaft vom Rand her zeigen.)

Um eine Gesellschaft, um menschliches Leben überhaupt zu verstehen, muss man die am Rande der Gesellschaft sehen, ihre Armen, ihre Alten, ihre Schwachen, ihre Fremden, ihre Behinderten verstehen, die Unbedeutenden, die die nichts zu sagen haben, die Risikogruppen. Die Sichtweise derer am Rande ist der Schlüssel. (Sogar die der Spinner: Und so wären auch Wahrheitsmomente der oben genannten Randfiguren am „idiot fringe“ zu stärken, die sich ja in ihren eher harmloseren Varianten [die aber auch nicht harmlos sind, noch nicht einmal, wenn wir sie für uns behalten!] unter ihrer jeweiligen Verfallsform verbergen: Sorge ums Tierwohl, soziale Gerechtigkeit, menschenzugewandte Medizin etc. – Die bösartigen haben allerdings keine Wahrheit in sich. Da ist sie abgestorben.)     

Gottes Geist verleiht uns den empathischen Blick, aus dem folgt die Tat der Nächstenliebe: Nichts für sich selbst zu sein zur vermögen, wie es Mose und Jesus lehren: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Das ist die Gabe des Geistes.

Gut möglich, dass ausgerechnet die Gesichtsmaske zum Symbol unserer Krise und ihrer Überwindung wird. Zugegeben, sie nervt, sie behindert das Atmen, sie verdeckt unsere Persönlichkeit, unser Ich, sie schützt nicht einmal den, der sie trägt – aber sie schützt meinen Nächsten, sie zeigt und erweist darin meine Nächstenliebe – und erst darin schützt sie auch mich. („Warum trägst du die Maske? Die schützt dich doch gar nicht.“- „Aber dich!“)

Ganz ähnlich wie bei der Himmelfahrtsgeschichte, geht es also auch an Pfingsten nicht um das spektakuläre Geschehen an sich, hier also nicht eigentlich um Windesbrausen und Feuerflammen; das kann sogar vom Sinn der Sache ablenken. Es geht vielmehr um eine Umkehrung der Blickrichtung und um nicht weniger als ein neues Weltbild: Vom egozentrischen Weltbild weg – zu einem, das sich um die Blickrichtung meines Nächsten bemüht, damit ich ihn verstehe.

Die Wende vom egozentrischen zum empathischen Weltbild (eine noch viel größere als die berühmte kopernikanische Wende!) – das wirkt der Heilige Geist und das feiern wir an Pfingsten.  

Klaus Neumann, Pfarrer

Das Phänomen der Stille

In der Anfangszeit der Krise, als der Alltagslärm verstummte, nahmen wir alle plötzlich wieder wahr, wie still es sein kann. Seit es ihn gibt, horcht der Mensch. Er muss die Stille deuten. Ist eine unsichtbare Gefahr im Verzug? Oder ist sie Ausdruck des Friedens? Ganz still ist es nie. Naturgeräusche gehören dazu. Das Singen entstand daraus, und aus ihm die Musik. Sie ist wiederum ohne Stille nicht denkbar, denn Musik wird von Stille eingerahmt. Eine gezähmte Stille, in ihrer Dauer sauber notiert und gezielt gesetzt, ist die Pause. Dauert sie länger als erwartet, wird sie zur Stille umgedeutet. Der Mensch horcht auf (wie wir heute): Was passiert hier? Wann geht es weiter?

Eine unglaubliche Idee übernahmen die antiken Pythagoräer von den Babyloniern: die Sphärenharmonie. Sie stellten sich die Strecke von der Erde zum Himmel als gespannte Saite vor, die von den umlaufenden Planeten in exakten Höhenverhältnissen zum Schwingen gebracht wird. Dass ausgerechnet der Mensch die Sphärenharmonie nicht hören kann, war noch lange kein Argument gegen ihre Existenz. Die Idee wurde Jahrhunderte lang immer wieder diskutiert. Schließlich überwog die uns heute noch prägende Dialektik: Musik ist das Hörbare – Stille ist ihr Gegenteil.

Der Barockmusiker Johann Sebastian Bach setzte die längere Generalpause als rhetorische Figur ein, die z.B. in beiden Passionen den Tod Christi nach den Worten „…und verschied“ eindrucksvoll symbolisiert. Ein Freigeist wie Beethoven nutzte oft sehr dramatische Pausen. Ein Beispiel: Im Schlusssatz der 9. Sinfonie (1824 in Taubheit komponiert) schmettert der Chor mit voller Kraft: „und der Cherub steht vor Gott, vor Gott, vor Gott!“ Es folgt eine kurze, aber umso wirkungsvollere Pause: das ganze Gefüge hängt für einen atemlosen Moment in der Luft. Und dann folgt ein völlig neuer Teil. Noch dramatischer geht es in Igor Strawinskys Skandal-Ballett „Frühlingsopfer“ (1913) zu. Der erste Teil endet in einem irrsinnigen Tumult, der brutal abbricht. Ein unheilvolles Vorzeichen. Denn im leise beginnenden zweiten Teil wird nach heidnischem Ritus ein Mensch geopfert.

Den schmalen Grad zwischen Musik und Stille kannte niemand besser als Franz Schubert. Kurz vor seinem frühen Tod (1828) schrieb er sein Streichquintett C-Dur. Im Adagio gibt es eine sehr leise Stelle, wo die fünf Streicher wie blind und taub nach der Musik zu tasten scheinen. Die Pausen sind zwar sauber notiert, doch die Töne ergeben keinen Sinn mehr. Für einen Moment löst sich die Musik ins Nichts auf. Ganz ähnlich verfährt Arvo Pärt im 2. Satz „Silentium“ im Stück „Tabula Rasa“ (1977). Es bleiben –wie am Ende von Haydns Abschiedssinfonie – zwei Streichinstrumente übrig. Immer tiefer und leiser werdend, nähern sie sich der Stille an und verschmelzen schließlich mit ihr. Die Stille ist hier nicht mehr Gegenteil, sondern Teil der Musik.

Und schließlich John Cages „4‘33“. (1952) Der Musiker spielt viereinhalb Minuten: nichts. Cage dreht die Konzertsituation um. Also wird das Publikum unruhig und lauscht. Es horcht in sich hinein. Es nimmt den eigenen Atem, die Geräusche der anderen, die knisternde Stille wahr. Man könnte dies für einen simplen Kunstscherz halten, doch Cage führt hier etwas vor, was wir so oft vergessen. In der Stille schärft man seine Sinne und bemerkt vieles mehr als erwartet.

Anne Sophie Meine

CD-Tipp: Franz Schubert: Adagio aus Streichquintett C-Dur, Alban Berg Quartett, Heinrich Schiff; EMI. Arvo Pärt: Tabula Rasa: Viktoria Mullova, Paavo Järvi; Onyx.

Predigttext für den 24. Mai 2020, 6. Sonntag nach Ostern, Sonntag „Exaudi“, Konfirmation

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken. (Buch des Propheten Jeremia 31,31-34)

Binden, band, gebunden:

Zu den verständlichen und doch abwegigen Anliegen von Gemeinden, gehört der Wunsch, ihre Gemeindejugend, also auch die ehemaligen Konfirmanden „einzubinden“. Mein Kollege aus einer anderen Gemeinde erzählte auf seine ganz eigene Weise von der Vision, die sich seinem stets hellwachen Geist daraufhin unweigerlich einbildete: Er sieht ein Bündel Jugendlicher, gefesselt und geknebelt in einem dunklen Verlies hungernd und dürstend wie der Graf von Monte Christo im Chateau D´If vor Marseille – das müssen wir uns mal wieder anschauen nach Corona, aber von außen – also gefesselt und geknebelt irgendwo tief unter der Kirche – eingebundener in die Gemeinde geht’s nicht.

Zum Bund gehört Freiheit, sowohl beim Bundesschluss als auch im Bund selbst: Der große Theologe Karl Barth deutet die Bundeschlüsse zwischen Gott und den Menschen in der Bibel so: „Gott bindet sich in freier Liebe an den Menschen“. Barth meint, dass Gott ja auch ganz anders könnte, dass er aber auf seine absolute Freiheit verzichtet und sich um der Liebe zu den Menschen willen an sie bindet – mit allen Konsequenzen: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“ (Johannes 3,16). Barth hat recht. (Auch wenn er das mit der gebundenen Freiheit in seinem eigenen Ehebund nicht so ganz hingekriegt hat. Fragt Eure Eltern, wie das geht mit dem Ehebund und der Freiheit, die sich in Liebe bindet und dabei so viel – nicht nur Euch! – auch Freiheit gewinnt.)

Die Bibel berichtet von einer Reihe von Bundeschlüssen Gottes mit den Menschen – Noah, Abraham, Mose, Jesus – und spricht dabei auch im Alten Testament immer wieder vom Neuen Bund. (Das ist erklärungsbedürftig: Die Begriffe Altes Testament und Neues Testament übersetzen und bezeichnen – durchaus missverständlich – alten und neuen Bund; missverständlich deshalb, weil es in der Bibel, wenn es um Bund geht, nicht um das geht, was wir heute unter einem Testament verstehen, und weil alt und neu weder auf die beiden Teile der Bibel anzuwenden und zu verteilen ist, noch im Sinne von veraltet und ungültig einerseits und aktuell und gültig andererseits zu verstehen ist. Ein neues Testament bei uns ersetzt das alte; das ist mit den Begriffen Altes Testament und Neues Testament für die beiden Teile der Bibel genau nicht gemeint – außer man missversteht sie, vielleicht sogar absichtlich, was leider immer und immer wieder und immer noch passiert, vgl. den unfassbaren Berliner Streit um das Alte Testament vor ein paar Jahren, als ein Theologieprofessor der Humboldt-Universität behauptete, das Alte Testament – also Schöpfung, Noah, Abraham, Jakob, Mose, Jesaja, die Psalmen …! – gehöre nicht zum christlichen Glauben.)

Der Prophet Jeremia spricht jedenfalls eindeutig im Alten Testament vom neuen Bund, durch den Gott die Beziehung – die Bundesbeziehung – zu seinem Volk erneuern will: Ohne – und das ist nun echt wichtig! – ohne den „alten“ Bund aufzuheben, richtet Gott einen „neuen“ Bund auf. Der Prophet bezieht sich auf den „alten“ Bund mit Mose am Sinai, mit den Zehngeboten und dem ganzen Rest. Der ist von seinem Volk gebrochen worden – so wie ja auch von uns: durch Lügen und Betrügen, durch Stehlen und Begehren, in der Liebe und in der Religion immer und immer wieder gebrochen worden. Jetzt geht es Gott durch seinen Jeremias darum, die Beziehung trotz allem zu erneuern, zu bekräftigen, zu bestärken, zu revitalisieren!

Das Alte bewahren und das Neue ermöglichen! Was sich anhört wie der mittelmäßige Werbespruch einer wohlmeinenden aber etwas einfallslosen Volkspartei im ländlichen Raum – denken wir an Eckernförde oder Wanne-Eickel – fasst die prophetische Botschaft ganz gut zusammen. Das Alte bewahren und das Neue ermöglichen!

Und Jeremia gibt dazu drei ganz entscheidende Hinweise, die seiner Meinung nach das Neue des neuen Bundes ausmachen (ob die jeweils wirklich neu sind gegenüber dem Sinaibund mit Mose, sei dahingestellt). Bei der Gelegenheit, kann man ja gleich mal schauen, ob unser Konfiunterricht zu diesen Hinweisen passt.

1. Gott spricht: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben. „Learning by heart“ und „Knowing by heart“ – das heißt: etwas auswendig lernen und dann wissen. Man braucht also kein Buch mehr oder eine Computer-Cloud, um etwas zu wissen: sondern man hat es im Herzen geschrieben stehen. Es ist kein äußerliches Wissen mehr, sondern es gehört ganz tief zu einem da drin. Paradoxerweise ist ja gerade das die Kritik und der Grund, wieso wir nicht mehr die Konfirmanden auswendig lernen lassen: Das sei dann eben gerade nicht innerliches zu Herzen gegangenes Wissen, sondern plapperndes Papageiengeschwätz, pädagogisch nichts wert, schon gar nicht die mühevolle Aneignung. Ob wir uns da mal nicht täuschen. Ich z.B. bin kein guter Auswendiglerner, habe mich in der Schule immer vor dem großen Balladenaufsagen gedrückt, verhaspel mich wenn ich Pech habe und aufgeregt bin (und das bin ich im Gottesdienst immer) sogar beim Vaterunser oder beim Segen, aber was ich bei den Pfadfindern, im Kirchenchor, als Student – und merkwürdigerweise auch als Schüler in England: learning by heart – an Texten und Liedern gelernt habe, das sitzt tief und fest im Herzen und gehört jetzt zu mir. Es ist verinnerlicht – so ist das hier gemeint und gewollt beim Propheten Jeremia. Da müsst ihr also was nachholen, liebe Konfirmandinnen. (0:1 gegen unseren Konfiunterricht. Können wir das aufholen, den Anschlusstreffer erzielen, das Spiel noch umdrehen.)

2. Es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr . Das Herzenswissen, das Gott in seinem neuen Bund in unsere Herzen legt, ist kein Herrschaftswissen. Auch das ist auf eine überraschende Weise zutreffend. Es gibt kein Weisheitsprivileg für Alter und Erfahrung; das alberne Ausflugslied von den blauen Bergen und dem um keinen Deut klügeren Lehrer als seine Schüler bewahrheitet sich jederzeit tagtäglich in Schule und Gemeinde. Es kann einem als Pfarrer passieren, dass einem morgens der Knirps im Kindergarten etwas erklärt – von der Güte Gottes oder der Liebe einer Mutter – was der akademische Ruheständler auch im 100. Treffpunkt Theologie abends nicht begreifen wird. In den nicht so schwierigen Themenfeldern wie Quantenmechanik, Astrophysik oder Mikrobiologie mag das Schüler-Lehrer-Verhältnis gerechtfertigt sein; bei den wirklich wichtigen Dingen des Lebens – Wahrheit, Gerechtigkeit, Erbarmen und Liebe – gibt es andere Übertragungswege, die uns noch viel unbekannter sind als die einer Virusinfektion. Es könnte also für reine Anmaßung gelten, wenn wir uns im Konfiunterricht als Lehrer aufspielen und die anderen für unsere Schüler halten. Zumal wir es ja immer wieder erleben, dass die Lehrer von den Schülern mehr gelernt haben als umgekehrt. (Oje, 0:2, „Hoch werd mas nimma gwinnen“ – „Hoch werden wir das Spiel nicht mehr gewinnen“ – das waren die unsterblichen Worte des österreichischen Fußballers Anton Pfeffer beim Qualispiel gegen Spanien 1999 in der Halbzeitpause, als es 0:5 gegen unsere österreichischen Freunde stand; er sollte recht behalten, am Ende gabs ein 0:9, eine Jahrhundertklatsche. Wird es uns auch so gehen? Gemach, einer geht noch!)

3. (Wir sind immer noch bei den Hinweisen des Jeremias zum neuen Bund: 3.) Und letztens: Gott spricht: „Ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken“ Glück gehabt! Gott vergibt den ärgsten Sündern, also sogar seinen Dienern. Wie im Fußball werden Tore nicht einfach gezählt sondern gewichtet; manche Treffer zählen mehr. Die Big Points! Und so ist das auch mit Gottes Gnade, die allemal mehr zählt als unsere Verfehlungen. An den eigenen Ansprüchen gescheitert, haben wir doch gewonnen, wenn Gott auf unserer Seite ist.

Es waren die Propheten des Alten Israel, die das entdeckt haben, was man das Erbarmensgesetz nennen kann und das Jesus später in das Zentrum seiner Verkündigung gestellt hat: Schon dass Gott einen Bund mit seinem Geschöpf schließt, ist ja reine Gnade; dass er uns Menschen durch menschenfreundliche Gebote Lebensmöglichkeiten gibt, Räume eröffnet, auch durch menschengemäße gute Regeln, ist schon Barmherzigkeit: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, wie es Mose überliefert hat und Jesus aufnimmt.

Aber dass Gott – wie hier beim Propheten Jeremias – die Vergebung zum Prinzip seines Handelns macht uns zum Vorbild, lässt ganz zu Recht von einem neuen Bund sprechen. Weil ich auf die Vergebung Gottes hoffen kann, bin ich frei – so frei, dass ich anderen ebenfalls vergeben und sie dadurch befreien kann. So sollen wir ja beten: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern! Weil Gott mich von meinen Verfehlungen freispricht, bin ich nicht mehr an meine Vergangenheit gefesselt – und kann andere von ihren Vergangenheiten lösen.

Höchste Zeit also, die Jugendlichen aus den Kellerverliesen der Kirchen zu befreien, mit der Fackel in der Hand die Finsternis zu erleuchten, die Fesseln falscher Vorstellungen über Gott und die Welt zu lösen – und in die Welt zu entlassen, nach und nach.

Umso schöner wenn wir uns dann und wann, gerne bald mal – freiwillig! – wiedersehen. Auf Wiedersehen in der Freiheit der Kinder Gottes!

Klaus Neumann, Pfarrer

Predigttext für Christi Himmelfahrt, 21. Mai 2020

Christus spricht: Ich bitte aber nicht allein für sie [die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie waren dein, und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt. Nun wissen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt. Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast. Verse 6-8], sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, auf dass sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst. Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe die Welt gegründet war. Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich, und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen. (Johannesevangelium 17, 20-24 [+ 6-8])

Der unvergleichliche Schauspieler und Komödiant Bjarne Mädel beschenkt uns auch in diesen witzlosen Zeiten mit seinem Witz: „Wenn alle immer nur meckern, können wir so was wie Corona nicht mehr machen“.

Damit ein Witz nicht verstanden wird, muss eine von drei Bedingungen erfüllt sein; wenn man sicher gehen will, besser alle drei: Der Witz muss schlecht sein, er muss schlecht erzählt werden und er muss auf einigermaßen begriffsstutzige Leute treffen. Umgekehrt erklärt sich, warum so wenig gelacht wird.

Ähnliches gilt für die Geschichten der Bibel, die zwar nicht durchweg aufs Lachen zielen (vgl. aber die Geschichte vom Ostermontag mit der Fisch-Gespenster-Probe, Lukas 24), die aber auch alle eine Pointe haben, die man kapieren muss – und die ähnlich wie ein Witz eine befreiende, eine reinigende, eine kathartische Wirkung auf den Geist haben wollen – und dabei allerdings genauso schief gehen können. Man muss sie nur hinreichend schlecht erzählen oder dem falschen Publikum (an der Bibel als Vorlage liegt es anders als bei vielen Witzen meistens nicht). Und damit wäre dann auch erklärt, wieso sich die Kirchen leeren, obwohl das ja im Moment andere Gründe hat.

Die Himmelfahrtsgeschichte lenkt von ihrer eigenen Pointe ab. Man kann sie gut missverstehen. (Die Fähigkeit Witze wie Bibelgeschichten misszuverstehen hängt nur uneigentlich – sozusagen logarithmisch – vom Bildungsgrad der Hörer und Leser ab; gerade ein hohes Maß theologischer Halbbildung verhindert zuverlässig das Textverständnis, während schlichte Gemüter verblüffend hohe Trefferquoten auf Sinn und Pointe einer guten Geschichte haben.) Anders als man denken könnte, geht es der Himmelfahrtsgeschichte nicht um die Sensation und nicht um das Spektakel, dass da ein Mensch in den Himmel gehoben wird. Das ist hier eher so wie bei den Gemälden der alten niederländischen Meister, die ihren Gegenstand häufig im Offensichtlichen verstecken – und zwar unter einer Fülle anderer, oft viel spektakulärerer Motive – wahrscheinlich um uns allererst zu interessieren, uns in die Geschichte hineinzuziehen, uns zu verwickeln in den Grund, auch den Hintergrund oder die Abgründe einer Geschichte.

Also an Himmelfahrt geht es schon mal nicht um eine Fahrt in den Himmel – es geht noch nicht einmal um den Himmel, oder nur sehr indirekt. (Das heißt ja nicht, dass man „Himmel“ nicht als Aufhänger und Sprungbrett seiner Himmelfahrtspredigt verwenden könnte mit allen Aktualisierungen, die einem dazu so einfallen: Raumfahrt, Mondlandung, Science Fiction von Perry Rhodan [Tausende, nein: sagenhafte 160.000! Seiten herrlichster Schund und reinster Eskapismus] über Captain Kirk zu Han Solo und Luke Skywalker, Luftverkehr, „Open Skies“, Fluglärm, Flugangst, Flughafen Rhein-Main, Reinhard May: Über den Wolken, um nur eine kleine Auswahl der selbst erprobten Aktualisierungen der letzten Jahre zu nennen – aber die einem über die Jahrzehnte des Pfarrdienstes irgendwann dann doch ausgehen oder nicht immer überzeugen.)

Es geht also weder um Himmel noch Himmelfahrt sondern vielmehr um die Bewältigung von Abwesenheit: „Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier.“ (Osterevangelium Markus 16,6); oder in Anlehnung an eine berühmte Definition von Religion: um Absenzbewältigung (ursprünglich spricht Niklas Luhmann von „Kontingenzbewältigung“). Damit ist seit der „Himmelfahrt“ nicht nur ein diffuses opakes Wegsein gemeint („er ist nicht hier“), sondern dem Wegsein wird ein präziser Ort zugewiesen: Der Himmel.

Es geht an Himmelfahrt um Bewältigung von Abwesenheit als Präzisierung von Abwesenheit: Ich sehe ihn nicht, aber ich weiß wenigstens, wo er ist (Das hat schon manche Eltern beruhigt, wenn die Kinder weg waren, aber man wusste wenigstens wo weg). Jesus Christus ist damit auf eine präzise, qualifizierte Art weg. (Also vielleicht die Inversion der „qualifizierten Anwesenheit“ von Schülern, die ich mir als Benotungskriterium für die Sorte Schüler ausgedacht habe, die zwar meistens nix sagen, aber immer – und durch gelegentliche Nachfragen überprüfbar – mitdenken. Nur der oberflächliche Pädagoge belohnt nicht das tiefgründige Schweigen!) Dazu findet (erfindet?) der Evangelist Lukas die Himmelfahrt, die anderen Autoren der Bibel folgen ihm nicht (noch nicht einmal die, die ihm chronologisch folgen, also etwa Johannes).

Aber Johannes beschäftigt sich mit demselben Problem und beantwortet es auf seine Weise. Er kleidet es wie auch sonst in eine feinsinnig komponierte Jesusgeschichte und an unserer Stelle in das sogenannte Hohepriesterliche Gebet. Er betet und bittet hier für die Seinen, zuerst für seine Jünger (vgl. die eckige Klammer als Ergänzung unseres Predigttextes) und dann für alle, die sein Wort hören und in seiner Liebe leben (also uns!) und darin mit ihm und dem Vater eins sind: die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast … ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen eins seiendamit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.

Johannes verortet also ebenfalls wie Lukas den abwesenden Jesus, nun aber nicht in einem spektakulären Geschehen: der Himmelfahrt, und einem maximal entfernten Ort: dem Himmel, sondern in seinen Worten und in der Liebe, die von ihm ausgehend uns verbindet. Johannes leistet ebenfalls Absenzbewältigung, aber der Ort der präzisen Abwesenheit ist Jesu Wort und unsere Liebe.

Damit gelingt dem Johannes die Absenzbewältigung nicht äußerlich als Sensation aber theologisch umso spektakulärer: er nimmt „Entmythologisierung“ (Bultmann), Kritik der Religion (Barth) und „nichtreligiöse Interpretation“ (Bonhoeffer) ein paar Jahrhunderte (also zwanzig) vorweg. Der im „Himmel“ abwesende Jesus ist in seinem Wort und in unserer Liebe anwesend. Damit haben wir für Himmelfahrt unser Thema auf den Punkt gebracht. Die Worte Jesu sind weiterzutragen, immer wieder neu zu erzählen, den anderen zu kommunizieren und in unserem Handeln zu bezeugen: „Wie geht das mit dem gelingenden Leben?“ – „Eigentlich ganz einfach: Nicht nur an sich selbst denken. Den anderen berücksichtigen. Nichts für sich selbst zu sein zu vermögen. Den Nächsten lieben wie dich selbst. Wer ist dein Nächster? Der Dich braucht.“ Dann und darin ist der Abwesende anwesend: in unserer Liebe. „Gott ist Liebe. Und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (1. Johannes 4,16; Herbert Braun hat das in der theologischen Nachfolge der drei Meister noch einmal radikalisiert und umgekehrt: „Liebe ist Gott“. Dem konnten aber die wenigsten folgen.)

Die nichtmythologische Interpretation des Johannes von Himmelfahrt ist geeignet, sogar der Seuche standzuhalten. Sie bereitet uns auf das Ertragen von Abwesenheit vor: unsere eigene im von uns für normal gehaltenen Leben, die von unseren Nächsten in unserem sozialen Nahbereich, die von uns und den meisten in Kirche und Gemeindehaus – und trotzdem Nähe, das Miteinander, sogar das Ineinander zu wissen! Wir sollen das aushalten, ohne die religiöse Normalform auszukommen. Sie lehrt uns Absenzbewätigung, indem wir das unter Extrembedingungen gerade Mögliche uns genügen lassen: aus Gottes Wort den anderen lieben – sogar, wenn der gar nicht da ist, was für eine Pointe!

Ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen eins seiendamit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.

Klaus Neumann, Pfarrer

Einfach spitze – für die Kinder

Liebe Kinder!
Wir möchten Euch zum Himmelfahrtstag eine Geschichte erzählen…

Außerdem haben wir hier einige Lieder aufgenommen, die wir oft singen. Hier könnt ihr mitsingen und tanzen, die Bewegungen kennt ihr ja! Viel Freude damit und wir freuen uns, wenn wir uns bald wiedersehen!

Einfach spitze…
Er hält die ganze Welt
Vom Anfang bis zum Ende
Wir singen alle Hallelu

Predigttext für den 17. Mai 2020, 5. Sonntag nach Ostern, Sonntag „Rogate“

Wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten. Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel!Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme.Dein Wille geschehewie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brotgib uns heute.Und vergib uns unsere Schuld,wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.Und führe uns nicht in Versuchung,sondern erlöse uns von dem Bösen.Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen. Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben. (Matthäusevangelium 6, 5-14)

Zu den verrückteren Vorschlägen in dieser verrückten Zeit gehört, dass wir, um unsere Hände ausreichend lange zu waschen, dabei das Vaterunser sprechen sollen: Es habe dafür (genau: zum Händewaschen!) genau die richtige Länge. (Wir hören diesen Rat von einem Pfarrer und Liedermacher unserer Kirche, dem wir auch so zarte Blüten des Neuen Geistlichen Liedes verdanken wie „Wir wollen aufsteh´n, aufeinander zugeh´n, voneinander lernen, miteinander umzugeh´n“, das sich schon im Intro zu den unsterblichen Zeilen hinaufschwingt: „Dab dab da be du da dap/ dap dap da be du da/ dap dap da be du da dap/ dap dap da be du da“, was im besten Fall Glossolalie, die ja in diese pfingstliche Zeit passen würde, aber doch eigentlich bloß heidnisches Geplapper ist. [Wobei der unerbittlich bittende Bittlinger hier auch nur eine urdeutsche Traditionslinie aufnimmt, nämlich den stetig stabreimenden schnörkelig schwurbelnden schwellenden Wagnerschern Rheinwellengesang: Wagalaweia. Auweia!])

Verrückt und nur als Verrücktheit erwähnenswert ist dieser Rat nicht etwa, weil er uns das Händewaschen in ausreichender Dauer empfiehlt (wobei man sich wundern kann, dass ein Ratschlag, mit dem uns unserer Mütter durch die Kindheit verfolgten, solche Aufmerksamkeit verdient. Es versteht sich doch eigentlich von selbst, beim Nachhausekommen, vor und nach dem Essen [und dem Gegenteil, auf das wir noch zurückkommen, s.u.] gründlich die Hände zu waschen), sondern weil er das vielleicht schönste und prägnanteste und bekannteste Gebet der Religionsgeschichte als heidnisches Geplapper missbraucht – das zu vermeiden und dem zu entgegnen, Jesus ausdrücklich empfiehlt: Ihr sollt nicht viel plappern wie die Heiden!

Genau umgekehrt wäre demnach zu empfehlen, ein Gebet, und gerade dieses so bekannte Gebet nur dann zu sprechen, wenn ich auf seine Worte hören kann und will. Alles andere ist gottvergessenes, gotteslästerliches Geplapper, das Gottes Namen entheiligt. Denn auf das gleichfalls berühmte 1. Gebot der Zehngebote „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes nicht unnützlich führen, denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht“ (2. Mose 20) bezieht sich das Vaterunser: Dein Name werde geheiligt!

Nicht viele Worte machen: „Fasse Dich kurz“ – das war (neben der mütterlichen Aufforderung die Hände zu waschen) der elterlich daherkommende Rat der Deutschen Bundespost (Gott hab´ sie selig!) an ihre Nutzer der gelben Telefonzellen (dito!). Andere sollten auch eine Chance haben zur fernmündlichen Kommunikation und billiger wäre es ja auch. Auf den Punkt kommen! Nicht den Faden verlieren! (Ein Rat an den Predigttexter!) Zwar alles sagen, aber nicht alles noch einmal (Karl Valentin!) oder noch einmal, und dann aber umständlicher (Hauck&Bauer)! Wobei ich nicht glaube, dass es Gott an Geduld fehlt mit unserem Gebet, anders als uns oder jedenfalls mir, der ich innerlich abschalte, wenn mich eine überumständliche Erklärung langweilt und dann auch den interessanteren Teil nicht mitbekomme, um den es geht und um den es mir dann leid tut. Wenn wir unsere Anliegen vor Gott bringen, ihn anrufen (!), also auf die ganz altmodische Weise fernmündlich kommunizieren: „Er ruft mich an, so will ich ihn erhören“ (Psalm 91,15) – das ist ja das Geheimnis und die Verheißung des Gebets von Gott her – dann interessiert er sich für uns. Das ist umso erstaunlicher, weil er unsere Anliegen ja kennen dürfte – und zwar noch bevor wir sie gekannt haben! Sich beim Gebet kurz zu fassen, nicht viele Worte zu machen, sich zu konzentrieren – das soll nicht etwa Gottes Geduld mit uns schonen, sondern vielmehr uns helfen, uns darauf richten, uns konzentrieren und orientieren auf das, was jetzt dringlich und was bleibend wichtig ist.

Und weil man am besten am guten Beispiel lernt, zeigt Jesus uns im Vaterunser in wenigen Worten, wie die großen, bleibend wichtigen Themen des Glaubens vor Gott gebracht werden: Schöpfung, Schuld und Sühne, das Böse und Erlösung davon. Darum geht es beim Beten (oder man lässt es gleich) und daran angelehnt kann ich meine Anliegen an Gott im jetzt Dringlichen konkretisieren:

Unser tägliches Brotgib uns heute: Formuliert meine geschöpfliche Abhängigkeit in der Bitte nach dem, was ich täglich brauche, also: „Alles was Not tut für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und dergleichen.“ (Martin Luthers Kleiner Katechismus von 1529) Also auch: Medizin, Impfstoff, gute Pflege, Forschung, kluge und mitfühlende Ärztinnen – nicht nur in diesen Tagen.

Und vergib uns unsere Schuld,wie auch wir vergeben unsern Schuldigern: Weiß davon und rechnet damit, dass ich Schuld auf mich lade, unweigerlich; dass es oft nur zweitbeste Lösungen gibt; dass persönliche aber auch politische Entscheidungen nicht an der besten idealen sondern an der besten möglichen Lösung zu messen sind, solange wir eben bloß in der besten aller möglichen Welten leben. Das können wir deshalb getrost bitten, weil wir einen gnädigen Gott haben: „Er wolle es uns alles aus Gnaden geben, obwohl wir täglich viel sündigen und nichts als Strafe verdienen.“ Und das hat Folgen für uns Rechthaber, Streithammel, Wutbürger, Reizbare und Empörte: „So wollen wir wiederum auch herzlich vergeben und gerne wohltun denen, die sich an uns versündigen.“ (Luthers Kleiner Katechismus)

Und führe uns nicht in Versuchung,sondern erlöse uns von dem Bösen. Legt alles, auch die Schrecken, die uns treffen, in Gottes Hand. „Gott versucht zwar niemand; aber wir bitten in diesem Gebet, dass uns Gott behüte und erhalte, damit uns der Teufel, die Welt und unser Fleisch nicht betrüge und verführe in Missglauben, Verzweiflung und andere große Schande und Laster“ (Luthers Kleiner Katechismus).

In seiner Schrift „Ob man vor dem Sterben fliehen möge“ (1527; zwei Jahre vor seinem Kleinen Katechismus; es kann durchaus gute Theologie in bösen Zeiten geben!) reagiert Luther auf die Seuche und die Schrecken seiner Zeit (nämlich die Pest). Er schreibt sie dem Wirken des Teufels zu, der für Luther gleichzeitig Gegenspieler und Werkzeug Gottes ist. Das sprengt zwar den Rahmen unserer modernen harmlosen Theologie (zusammengefasst in dem berühmten Wort des amerikanischen Theologen H. Richard Niebuhr: „A God without wrath brought men without sin into a Kingdom without judgment through the ministrations of a Christ without a Cross“) – so wie unsere verdammte Seuche jeden Denkrahmen sprengt und uns unser normales Leben um die Ohren fliegen lässt. Aber wenn man Luthers mittelalterlich-katholischen Teufel als Symbol des Bösen und dessen Verhältnis zu Gott weniger als reinen Widerspruch (als Geist, der stets – bloß – verneint) sondern dialektisch auffasst (also als Geist, der stets verneint und darin trotzdem nicht anders kann, als Gottes Willen ausführen) , verstehen wir uns und diese Zeit vielleicht besser als bisher. Irgendwie muss man das Böse auf den Begriff bringen, sonst schadet es uns umso mehr.

In der Seuche begegnet uns als weltweite Gemeinschaft eine alle betreffende – darin „allmächtige“ (also pseudo-göttliche!) – Destruktivität, die bislang nicht zu bekämpfen ist, schon gar nicht individuell oder regional oder national (und schon gar nicht durch „Krieg“, wie es die hilfloseste aller Metaphern will), sondern vor der man sich nur – gut mittelalterlich – zu verkriechen versuchen kann: Quarantäne, Kontaktbeschränkung, Lockdown. Das aber überfordert uns Menschen als soziale Wesen, die auf Gemeinschaft aus sind (noch der „Asoziale“ braucht die anderen zum Piesacken!) und es produziert Stressreaktionen, die – wie Luther erlebt hat und wir das nun erleben – typischerweise in zwei Richtungen losgehen (jedenfalls aber nach hinten; Luther war auch derb skatologischer Theologe und verortete den Teufel auf dem Abort! [Noch ein Grund fürs gründliche Händewaschen, s.o.]): „Aber wenn’s so zugeht, dass ein Teil allzu verzagt ist und seinen Nächsten in der Not flieht, der andere Teil allzu dummkühn und hilft nicht wehren, sondern mehren, da hat der Teufel gut machen und muss wohl das Sterben groß werden. Denn auf beiden Seiten wird Gott und Mensch höchlich beleidigt, hier mit Versuchen, dort mit Verzagen; so jagt denn der Teufel den, der da flieht, und behält gleichwohl den, der da bleibt, so dass ihm niemand entläuft.“ Ich persönlich finde die Dummkühnen, die die Gefahr leugnen und unter ihren Aluhüten Idiotien ausbrüten weitaus erschreckender als die, die sich zuhause und hinter ihrem Mundschutz verkriechen (was wohl zeigt das ich zur zweiten Gruppe der vom Teufel Gefangenen gehöre, der ja alle gefangen hält!).

Mindestens bis zur Wiederherstellung des ungefährdeten Lebens, wie wir modernen Menschen es von der Moderne erwarten (etwa durch einen Impfstoff) – aber in Wahrheit solange es Menschen gibt und geben wird, ist uns die Bitte um Erlösung geraten, erlöse uns von dem Bösen: „Wir bitten in diesem Gebet, dass uns der Vater im Himmel vom Bösen und allem Übel an Leib und Seele, Gut und Ehre erlöse und zuletzt, wenn unser Stündlein kommt, ein seliges Ende beschere und mit Gnaden von diesem Jammertal zu sich nehme in den Himmel.“ (Luthers Kleiner Katechismus)

Denn der hoffentlich kommende Impfstoff wird uns nur vor dieser Krankheit schützen, erlösen wird er uns nicht. Er wird keine Unsterblichkeitsmedizin sein (kein „Pharmakon Athanasias“, wie die Alten das Abendmahl nannten – und selbst das ist es nicht!). Das vergessen wir ja bisweilen – und auch daran erinnert uns Jesus, damit unser Gebet kein Geplapper wie bei den Heiden sei – dass wir Gott um ein gutes Leben und um einen guten Tod bitten mögen – in der durch keinen Teufel und durch keine Seuche überwindbaren Hoffnung, dass Gott sich am Ende durchsetzen werde: Dein Reich komme.Dein Wille geschehewie im Himmel so auf Erden.

Alles wird gut.

Klaus Neumann, Pfarrer

Predigttext für den 10. Mai 2020, 4. Sonntag nach Ostern, Sonntag „Kantate“

Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des HERRN hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion. Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat gefeiert wird. Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten. und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertundzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen. Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem HERRN. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den HERRN lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus des HERRN erfüllt mit einer Wolke, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes. (2. Chronik 5,2-14)

Endlich mal was los im Tempel: alles voll, dazu 120 Bläser, jede Menge Zimbeln, Harfen und Saitenspiele. Singt dem Herrn ein neues Lied, jubelt ihm zu auf euren Instrumenten, erfüllt den Raum mit Musik und heiligem Lärm.

Oje, so kriegen wir das noch nicht einmal ohne Corona hin, wenn uns gerade keine Seuche in die Parade fährt und den Cheruben die Flügel stutzt. Eine volle Kirche mit jubelnder Musik und vollem Gesang gibt es in der Thomaskirche eigentlich nur zu Weihnachten und an der Konfirmation. Aber so wäre es schön gewesen, das Ende der Seuche und das Ende der Einschränkungen zu feiern. In meiner Naivität hatte ich mir im März das so vorgestellt, dass wir spätestens an Pfingsten aus dem Gröbsten raus sind und dann erstmal feiern: volle Hütte und jede Menge Musik, Orgel, Bläser, Saitenspiele, Sängerinnen und Sänger.

Jetzt müssen wir erstmal klein wieder anfangen. Ein erster tastender Schritt aus dem Schneckenhaus heraus ist gemacht, Sicherheitspläne ausgedacht, Hygienekonzepte konzipiert; hoffentlich tritt uns niemand auf die Fühler, dass wir wieder zurückmüssen wegen des großen Schreckens. Deshalb lieber behutsam und vorsichtig und schrittweise hinaus in das Leben, hinaus in die Welt und der Jugend – auch der verblichenen Jugend – eben noch nicht wieder umstandslos genossen (um es mit den Worten eines alten Studentenliedes zu sagen). Die ersten Unternehmungen sollen uns Tests sein; wie Noah seine Tauben nach der großen Flut hinaussandte und erst wenn die wieder allein zurechtkommen und wegbleiben, können wir aufatmen und die Schutzarche verlassen. (Allerdings ist das kein wirklicher Beweis und war es auch nicht zu Noahs Zeiten. Aus der bloßen Abwesenheit, ex negativo, lässt sich gar nichts beweisen. Denn es hätte der Taube ja auch etwas zustoßen können, Verletzung, Tod durch Erschöpfung, Beute eines Raubvogels, willkommene Speise – Taubenbraten! – eines anderen Noah, von dem die Welt und die Bibel nur nicht gehört hat. Dass es den nicht gegeben hat, schließen wir auch bloß ex negativo, also logisch zweifelhaft.) Die Gefahr aber wird vorerst bleiben – im besten Fall unsichtbar.

Dennoch: Ein bisschen was darf eben schon schon los sein. Wir können uns auf Orgel und Klavier und das Spiel unserer Gabriela Blaudow freuen und an einigen Sonntagen wird auch Lisa Rau für uns singen, wenn wir das selbst noch nicht dürfen, heute eben und auch an Pfingsten. Dass Gottesdienste nun eine Zeit lang ohne Gemeindegesang stattfinden müssen, wird uns noch viel deutlicher zeigen, wie sehr das gesungene Gotteslob dazu gehört, wie wichtig um nicht zu sagen „systemrelevant“ für das System Gottesdienst der gemeinsame Gesang ist. Noch nicht einmal der himmlische Gottesdienst kommt ohne Gesang aus (sagen die, die in den Himmel schauen konnten: Jesaja und Johannes), geschweige der Gottesdienst von uns Menschen – nicht nur wenn ein neuer Tempel eingeweiht wird: alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertundzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen. Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem HERRN. Was für ein herrlicher Lärm muss das gewesen sein!

Und … Dann passiert etwas völlig Unerwartetes, etwas, das man leicht überlesen kann, weil es so unerwartet und überraschend kommt („and now for something completely different“): da wurde das Haus des HERRN erfüllt mit einer Wolke… die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.

Gott selbst erscheint in seiner Wolke und erfüllt das Haus Gottes. Will er das Fest durch seine Anwesenheit ehren, hervorgelockt durch den lauten Klang? Oder will er für Ruhe sorgen, weil er sich gestört fühlt vom Lärm der Menschen? Dass Gott Stille bevorzugen könnte, ja lärmempfindlich sein könnte, wird an einigen Stellen in der Bibel angedeutet, etwa wenn Gott sich entscheidet, nicht in Lärm und Spektakel zu erscheinen, sondern im sanften Säuseln des Windes (vgl. die Eliageschichte, 1. Könige 19); oder wenn Gott sich aus seiner Wohnstatt, dem Himmel, herniederbeugt zum lautstarken Gebabbel derer, die den Turm zu Babylon errichten, und diesen zum Einsturz bringt und die lärmenden Menschen zerstreut (Da fuhr der Herr hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. … So zerstreute sie der Herr von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. 1. Mose 11). Das wäre dann so eine Art hausmeisterlicher Impuls, den auch Pfarrer kennen, wenn die bösen Buben es zu laut auf dem Kirchenvorplatz treiben.

Aber vielleicht ist seine unerwartete Anwesenheit im Tempel doch eher im Gegenteil als Anerkennung zu verstehen, wie von jemandem, der ein Ständchen dargebracht bekommt und es sich nicht nehmen lässt, es leibhaftig und persönlich entgegenzunehmen. Gewaltiger Lärm entfaltet nicht nur gewaltige Wirkung (die Posaunen vor Jericho, die die älteste Stadt der Welt zerlegten, Buch Josua 6) sondern vermittelt ebenfalls gewaltige Ehre (hörbar, beinahe fühlbar im Schlusschor von Bachs Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“: „Lob und Ehre und Preis und Gewalt sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. Alleluja.“ BWV 21; das ist steigerbar, vielleicht nicht in der musikalischen Qualität aber als Lärmerlebnis, z.B. in William Waltons „Belshazzar´s Feast“, das nur einen winzigen Schritt vor der musikalischen Körperverletzung Halt macht, und damit ein würdiger Vertreter des noch zu erfindenden „Church Metal“ auf dem Festival in Wacken wäre; ok, das ist jetzt übertrieben, aber nur ein bisschen.) Gerade die Orgel, als Kircheninstrument, das auch leise kann aber im Jubellärm seine Möglichkeiten erst ausschöpft, setzt auf musikalische Überwältigung. Man darf sich ein Orgelkonzert der französischen Romantik denken (Boellmann, Widor, Vierne; oder einen Zeitgenossen von uns aber in dieser Tradition: Olivier Messiaen: Apparition de l´église éternelle, das ich die ersten Male von einem Schulfreund an der Orgel in der Lutherkirche gespielt gehört habe und das einem musikalischen Erweckungserlebnis gleichkam), um sich den heiligen Lärm vorzustellen, der Gottes Erscheinung in unserer Szene präludiert und dann begleitet: Theophanie!

Und … Dabei passiert abermals etwas völlig Unerwartetes, eigentlich etwas noch viel „Unerwarteteres“ (vielleicht grammatikalisch unklug hier einen Komparativ zu wählen) etwas, das man leicht überlesen kann, weil es so unerwartet und überraschend kommt („and now for something – even more – completely different“, auch im Englischen kann man falsch steigern!): die Priester konnten nicht zum Dienst hinzutreten wegen der Wolke, denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.

Gott verdrängt die Priester, die Geistlichen, die Kleriker. Wenn das keine Pointe ist! In Gottes Haus ist nicht genug Platz für Gott und seine Diener; wenn Gott da ist, braucht es die Menschen nicht mehr, die zuvor auf ihn verwiesen haben. Die wahre Realpräsenz ersetzt die erinnerte und erhoffte, die ersehnte und imaginierte Gegenwart Gottes. Das darf neben der Anregung über Musik als Medium religiöser Begeisterung und als Quelle religiöser Offenbarung nachzudenken (hier wäre noch so unendlich viel mehr zu bedenken und zu nennen als oben schon getan, je nach Geschmack: Motetten von Schütz und Schubertlieder, Mozartopern und wenigstens op. 111 von Beethoven; von der populären Musik ganz zu schweigen, die uns aber doch auch aufwühlen, mitreißen, in Bewegung setzen kann; jede Liste ist albern und willkürlich und dennoch berechtigt, denn wir können sie uns ja gegenseitig empfehlen. Was gehört für Dich dazu?) als eigentlicher Fund unseres Textes gelten: Das wir Geistliche, Kleriker, Priester eigentlich gar nicht brauchen, dass sie keinen Platz haben neben Gott. Und umgekehrt, dass deren Ego andererseits bisweilen keinen Plätz lässt für Gott.

Das haben wir doch schon so oft erlebt und bestimmt auch wieder in diesen verrückten Zeiten, die wir gerade erleben. Wenn nämlich – live gestreamt, per podcast oder wie auch immer – so viel von sich und so wenig von Gott gesendet wird. Da können wir es mit Händen greifen und mit unserem Predigttext nun auch benennen: Wenn die Herrlichkeit Gottes das Haus erfüllt, können die Priester nicht herzutreten, was ja im Umkehrschluss heiß: Wenn die Herrlichkeit der Priester das Haus erfüllt, tritt Gott nicht herzu.

Wie gut, dass jetzt allmählich wieder Gottesdienste mit Gemeinde stattfinden können, die wie ein Mobile Musik und Worte, Geistliche und Laien, Menschliches und Göttliches ausbalancieren, ausgleichen, oder doch zumindest auszugleichen versuchen. So geht Gottesdienst – oder gar nicht.

Klaus Neumann

Thomaskirche geöffnet

Wir freuen uns, wieder mit Ihnen Gottesdienst zu feiern!

Ab Juni feiern wir wieder zur gewohnten Zeit in der Thomaskirche um 10.00 Uhr (bzw. Familiengottesdienste um 11.00 Uhr).

Der Kirchenvorstand hat ein Sicherheitskonzept beschlossen, dem wir alle folgen müssen. Dazu gehört:

  • Bitte nehmen Sie den Sitz ein, der Ihnen vom Kirchenvorsteher gezeigt wird. Nur die Plätze, auf denen ein Gottesdienstblatt liegt, können belegt werden.
  • Bitte behalten Sie Ihre Maske während des Gottesdienstes auf.
  • Bitte halten Sie auch beim Ein- und Ausgang einen Abstand zu anderen Gottesdienstbesuchern von mindestens 2 Metern.
  • Bitte singen Sie bei den „Liedern ohne Worte“ nicht mit. Singen ist leider nicht erlaubt.
  • Bitte notieren Sie nach dem Gottesdienst Ihren Namen und Ihre Anschrift auf diesen Zettel und lassen Sie ihn auf Ihrem Platz liegen. (Wir sammeln die Blätter, verschließen sie in einem Umschlag und bewahren sie etwa drei Wochen auf für den unwahrscheinlichen Fall, dass eine Infektion dokumentiert werden muss.)

Wir danken Ihnen für die Beachtung und für Ihr Verständnis!

Der Kirchenvorstand der ev. Thomaskirchengemeinde

Predigttext für den 3. Mai 2020, 3. Sonntag nach Ostern, Sonntag „Jubilate“

Jesus spricht: Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger. (Johannesevangelium 15,1-18)

Ein Gleichnis wie für uns gemacht, die wir beinahe im Rheingau wohnen, und mit dem Neroberg auch einen Weinberg mitten in der Stadt und einige Glückliche von uns sogar als Ausblick aus dem Fenster haben. Manchmal, wenn ich jemanden in der Händelstraße oder in der Rosselstraße besuche, muss ich mich erst ein paar Minuten ans Fenster stellen und den herrlichen Blick auf die Griechische Kapelle (ich weiß, dass sie eine russische Kirche ist!) und den Weinberg am Neroberg genießen (der mir aus zwanzig Kindheitsjahren von der anderen Seite des Nerotals so vertraut ist). Das kann leicht unhöflich wirken, ist aber nicht so gewollt und wird dann vielleicht durch das neidische Kompliment etwas gut gemacht, dass das nun wirklich ein herrlicher Ausblick sei (was beweist, dass Komplimente nicht lügen müssen).

Selbst in diesen irren und wirren Zeiten sind kurze Abstecher und lange Wanderungen – streng nach häuslichen Gemeinschaften isoliert, versteht sich – in den Rheingau, in die Weinberge möglich. Außer den Weingärtnern ist da jetzt kaum jemand, selbst an sonnigen Tagen ist es da gerade viel leerer als im – gleichfalls wunderbaren – Wiesbadener Stadtwald (also zur Erholung müssen wir uns jedenfalls nicht lange ins Auto oder gar in den Flieger setzen; so schön wie bei uns muss es anderswo erstmal sein). Man konnte in diesen Tagen den Buchen beim Grünen und den Weinstöcken beim Austreiben zuschauen. Und man bekommt bei den Arbeiten im Weinberg selbst als önologischer Laie (als solcher kann man ja trotzdem Amateur sein) einen Hauch von Ahnung und jede Menge Respekt vor der Kulturleistung, die der Weinbau darstellt, den uns bekanntlich die Römer vererbt haben. Manchmal – schon gegen den Mittelrhein zu, also ab Rüdesheim etwa – wird in geradezu abenteuerlichen Steillagen die Erde gepflügt, das Unkraut beseitigt, jeder einzelne Trieb gepflegt, keine Mühe gescheut, damit der Wein wächst und der Wein des Menschen Herzerfreue (Psalm 104).

Aber selbst im wunderbaren Geschenk des Weins zeigt sich die Ambivalenz, die alle Natur und die ganze Schöpfung regiert (wie ja auch die Überbringer dieses Geschenks, die Römer bekanntlich nicht nur Kultur und Weinkultur überbrachten sondern auch grausame Eroberer und Sklavenhalter waren). Aus dieser geschöpflichen Ambivalenz kommen wir nicht heraus: Der Wein, zu rechter Zeit und in rechtem Maß getrunken, erfreut Herz und Seele. Aber wenn man zu viel davon trinkt, bringt er Herzeleid. (Jesus Sirach 31) „Alkoholsensibel“ (für diese Vokabel verweise ich dankbar auf den Gesundheitsminister) ist nicht nur das Virus selbst, sondern auch wir als Träger, was wir als Jugendliche mit dem ersten Kater erleben und gar nicht wenige von uns in Krankheit und Sucht erleiden. In der kulturell tolerierten, was sage ich: In der unsere Kultur prägenden Droge Alkohol zeigt sich wie im Brennglas die Ambivalenz des Genusses, sein Segen und Fluch zugleich. Nicht von ungefähr waren die ersten Hotspots der Seuche auch Orte der alkoholgesteigerten Lebensfreude wie Karneval, Tanzclub und Apres-Ski. (Der in diesen Tagen hochbetagt gestorbene schwedische Dichter Per Olof Enquist hat seine alkoholischen Qualen und die Kämpfe gegen die Sucht – die er gewann! – aus der herzzerreißenden Innensicht beschrieben in seinem Buch „Ein anderes Leben“ – auch um andere „alkoholsensibel“ zu machen. Unbedingt (wieder)lesen!)

So hat der freimütige Umgang Jesu mit dem Wein (seine Gegner haben ihn als „Fresser und Weinsäufer“ beschimpft) seit jeher verwundert. Sein Umgang mit dem Wein als Bild des Heils muss irritieren (in den dazugehörigen Geschichten wird nicht etwa der übermäßige Alkoholkonsum: wenn sie betrunken sind, getadelt sondern auch noch Wasser in immer mehr Wein verwandelt! Johannesevangelium 2); ebenso der Weingenuss als Teil des Sakraments. So viel – zu viel? – Ehre für einen solch ambivalentes Geschöpf der ambivalenten Schöpfung wie den Wein. Warum? Vielleicht eben darum!

Wein verlangt uns Verantwortung ab, um Freiheit zu erleben; sein Genuss ist immer auch mit dem Risiko verbunden, daran zu scheitern. Wenn und solange wir aber diese Balance schaffen, kann unser Leben erhöht werden und viel Frucht bringen. Diese Idee liegt unserem Text zugrunde – glaube ich. Weder der vollständige Verzicht noch der übermäßige und darin destruktive Konsum sondern der verantwortliche genussvolle Gebrauch ist gemeint und bildet damit die schon (vielleicht ein bisschen zu oft) erwähnte Ambivalenz des geschöpflichen Daseins des Menschen ab. Und die wird erlebbar in der Gemeinschaft untereinander und mit Christus. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.Das Leben in Christus erhöht unser Leben.

Damit (in der Kulturbedeutung des Weins als Sinnbild unseres Lebens in und mit Christus) ist der Sinn unseres Textes sicherlich noch nicht erschöpft. Vielmehr beschreibt er bildlich, gleichnishaft die aus der eucharistischen (also Abendmahls-) Gemeinschaft hervorgehende mystische (d.h. verborgene) Verbindung mit Christus: Die Teilnehmer am Abendmahl werden Glieder am Leib Christi, am verborgenen, aber nichtsdestoweniger wirklichen und Wirklichkeit verändernden und am Ende sogar Wirklichkeit überwindenden Leib, – nämlich Glieder am die geschöpflichen Ambivalenzen zugunsten des Göttlichen Heils aufhebenden Leib Christi, damit Gott sei alles in allem (1. Brief des Paulus an die Korinther 15,28; worüber wir an Ostern nachgedacht haben). Während wir als wirkliche Menschen der wirklichen Welt am Abendmahl teilnehmen, werden wir – im Glauben! – schon zu Teilhabern einer noch verborgenen Wirklichkeit: Glieder am Leib Christi. Ich lebe, aber nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir (Brief des Paulus an die Galater 2,20; die „Mystik des Apostel Paulus“).

Jeder Teilnehmer am Abendmahl spürt (oder müsste eigentlich spüren), dass das Wesentliche verborgen ist; dass es jedenfalls nicht in den einzelnen Elementen besteht, auch nicht in der Gemeinschaft der zum Abendmahl Versammelten. Jeder Versuch, einzelne Elemente oder die Teilnehmer selbst als die Realität der Eucharistie zu präsentieren, muss scheitern (die aus evangelischer Sicht katholischen bzw. pfingstlichen Irrtümer der „Realpräsenz“), vielmehr bleibt Christus in, mit und unter der Feier (so die bleibende Formulierung Luthers) verborgen, aber als Verborgener ist er real präsent.

Die volle sichtbare Realität steht noch aus (allerdings als eine dem Glauben gewisse feste Zusage und nicht als vage Hoffnung auf einen Sankt-Nimmerleins-Tag), hat aber jetzt schon konkrete wirkliche Folgen: Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Früchte und Folgen können zusammengefasst werden im Begriff der Nächstenliebe, also der Fähigkeit, „nichts für sich selbst zu sein zu vermögen“ (nach der Wendung von Eberhard Jüngel). „Christus in mir“ bedeutet, dass ich nicht zur Selbstbehauptung gezwungen bin, dass ich mich nicht selbst verwirklichen muss, weil die für mich relevante Realität außer mir ist, eben in Christus. Und ich kann die freiwerdende Energie, die ich dann nicht mehr für mich verschwende, auf andere und anderes wenden: viel Frucht bringen! Anderen beistehen können wir auch ohne direkten Kontakt – nicht zuletzt, indem wir auf direkten Kontakt verzichten!

Und was bedeutet es, dass ich in diesen irren, wirren Zeiten keinen oder keinen gewohnten Gottesdienst und schon gar nicht mit Abendmahl feiern kann? Eigentlich weniger als befürchtet und weniger als beklagt. Mir fehlt sehr die Gemeinschaft mit den Geschwistern in Christus. Schmerzlich vermissen wir das sichtbare Zeichen, unter dem Christus konkret verborgen ist. Aber: der wäre und bliebe ja ohnehin verborgen, d.h. die Unmöglichkeit Abendmahlsgottesdienst zu feiern entzieht uns Christus nicht mehr, als dass er uns ohnehin entzogen ist (solange wir nicht dem katholischen oder dem pfingstlichen Irrtum über die Realpräsenz anhängen), zumal wir ja definitiv wissen, dass die Unmöglichkeit von Gottesdiensten zeitlich begrenzt ist. (Mit anderen Worten: Es ist schlimm, aber es gibt Schlimmeres in dieser Zeit, als auf den Gottesdienst zu verzichten!)

Wir bleiben Glieder am verborgenen Leib Christi – auch in der Phase, in der wir keine Gottesdienste in der gewohnten Form feiern können. (Manche evangelische Richtungen haben zu manchen Zeiten und Orten eine regelrechte „Abendmahlsscheu“ ausgebildet, so dass sogar ohne äußeren Zwang vielleicht nur einmal im Jahr die Eucharistie gefeiert wurde. Das muss man nicht wollen, aber es hat andererseits die solchermaßen abendmahlsscheuen Pietisten und etwa die Reformierten in Ostfriesland bestimmt nicht davon abgehalten, Glieder am Leib Christi zu sein.)

In dieser Phase ohne „normale“ Gottesdienste ist unsere Zuversicht gefragt auf ein Ende der Seuche („tutto andrá bene!“) und unsere Phantasie, Gott anders und auch zu Hause zu feiern: mit einem Vaterunser zum Glockenschlag am Mittag, mit einer Bibellesung, einem Hausabendmahl, mit den vielfältigen Angeboten im Fernsehen und im Internet. Wenn wir es glauben, bleiben wir Glieder am verborgenen Leib Christi. (Und ich werde auch mit meinen Lieben zu Hause einen guten Schluck Rheinwein trinken auf das Wohl der Lieben, die woanders sind – und dabei den Ambivalenzen meiner Geschöpflichkeit trotzen!)

Klaus Neumann, Pfarrer

Predigttext für den 26. April 2020, 2. Sonntag nach Ostern, Sonntag „Misericordias Domini“ (Hirtensonntag)

da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen; er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet; der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen. (1. Petrusbrief 2,21-25)

Der Herr ist mein Hirte: Der heutige „Hirtensonntag“ steht unter dem Leitbild des guten Hirten, eines besonders freundlichen und für viele von uns durch den 23. Psalm („Der Herr ist mein Hirte“) besonders vertrauten Gottesbildes. Wenn wir an Gott denken und ihn uns in unseren Gedanken abbilden, weil wir ihn ja nicht sehen und direkt erleben können, sollen wir an einen Hirten denken, der uns begleitet und führt, der für uns sorgt und uns beschützt.

Das Bild führt uns in eine pastorale Szenerie; gerade wir Stadtkinder sehen darin leicht ein ländliches Idyll ungetrübt vom Betrieb der Zivilisation, ein Leben im Einklang mit der Natur, in der der Hirte nicht der die natürliche Harmonie störende Eindringling Mensch ist (wie wir uns etwa in der Klimadiskussion wahrnehmen), sondern zum Bild des fürsorglichen und beschützenden Gottes wird, wie wir ihn uns wünschen.

Ohne solche religiöse Einbildungen wäre Glauben kaum möglich (ginge das überhaupt: bildlos glauben?). Aber selbst das so freundliche und vertraute Bild des Hirten teilt die Probleme aller Verbildlichungen Gottes. Ohne sie können wir zwar einerseits nicht glauben aber vor ihnen warnt andererseits schon die Bibel im Bilderverbot der 10 Gebote: Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnismachen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist:Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! (2. Buch Mose 20,4f.) Dieses Verbot hat verschiedene Gründe, letztlich aber will es unmissverständlich deutlich machen, dass kein irdisches, menschliches Bild auf Gott als den „ganz anderen“ zugreifen kann. Es geht um die Unverfügbarkeit Gottes. „Daher dürfen die Worte und Bilder, in denen der Glaube von Gott spricht, immer nur flüchtige Entwürfe … sein, welche die Wirklichkeit Gottes umkreisen, sie jedoch nicht definieren, wohl aber transparent werden lassen. Der Umgang mit ihnen gleicht dem Sprung von einer Eisscholle auf die andere; zu langes Verweilen führt zum Tod – nicht zum Tod Gottes, wohl aber des Gottesbildes.“ (So der seinerzeit populäre Theologe Heinz Zahrnt in einem Text von 1992)

Das soll uns eine Warnung sein, auch gegenüber diesem Gottesbild wachsam zu sein und seinen Gegenstand nicht für Gott selbst zu halten. Denn so wenig die Natur ein Idyll ist – zur Natur gehören die dunklen Täler, weiß schon der 23. Psalm; zur Natur gehören auch Wölfe, die Schafe reißen, sogar wieder bei uns, und die der Herde wie dem Hirten das Leben schwer machen; und zur Natur gehören auch Viren, die Menschen krank machen und eine Weltgesellschaft damit lahm legen – so wenig also die Natur ein Idyll ist, in der sich Schafe Hirten wünschen (vermutlich wünschen sie sich viel eher Freiheit auf einer grünen Aue am frischen Wasser), so wenig will ich mich als Mensch als Teil einer Herde sehen, die ihrem Hirten – teils willig, teils ängstlich – folgt. Ich bin doch kein Schaf! Soll ich mir dann wirklich Gott als einen Hirten vorstellen und wünschen?

Hinzu kommt: Die Sehnsucht nach einem guten Hirten macht ihn noch nicht zu einem – nämlich zu einem guten Hirten. Ich kann zwar davon ausgehen – und soweit stimmt das Bild – dass es ein Hirte gut meint, denn das Wohlergehen seiner Schäflein ist in seinem eigenen Interesse, aber ich muss auch davon ausgehen, dass es mehr und weniger kompetente Hirten und „Bischöfe“ (nach dem griechischen Wortsinn „Aufseher“, d.h. verantwortliche Leiter, also Regierende) gibt, wie sich etwa im Bereich der großen Politik in Zeiten der Krise wie in einem Brennglas oder wie in einem Labor überdeutlich zeigt. Es ist überhaupt nicht egal, sondern es kommt darauf an, wer als Hirte und „Bischof“ regiert und führt. Wir erleben gerade weltweit den großen Unterschied zwischen politischer Idiotie und vernünftig sachlicher Regierung und alle möglichen Schattierungen dazwischen und die jeweiligen Auswirkungen auf Leib und Leben der „Herden“; die sind gravierend, können das Leben kosten oder können ein gutes, auskömmliches Leben auf Jahre kosten. Wenn der Wolf kommt, wenn das Virus kommt, zeigt sich, wie gut der Hirte ist, den ich mir erwählt habe. Im Ausnahmezustand, wenn es darauf ankommt, zeigt sich auch der schlechte Hirte (der flieht vor der Gefahr in dummes Geschwätz, haltlose Schuldzuweisungen und absurde Maßnahmen), gegen den die Herde nicht immun ist (wie auch gegen das Virus noch lange nicht.)

Und damit kommen wir zu dem vielleicht schwierigsten und problematischsten Aspekt unseres heutigen Predigttextes aus dem Petrusbrief. Der Autor (der uns unbekannt und nach Auskunft der Wissenschaft nicht der Petrus aus den Evangelien ist) setzt seine Worte von der Nachfolge und das Bild vom guten Hirten in einen eigentlich unmöglichen Zusammenhang. Er erweist sich damit selbst kaum als guter Hirte und Bischof seiner Herde angesichts der überaus schwierigen, einen Grenz- und Ausnahmefall markierenden Frage, welche Auswirkungen die evangelische Freiheit auf die Situation der Sklaven haben soll. (Das große Rom, das herrliche Griechenland, das alte Israel waren bekanntlich allesamt Sklavenhaltergesellschaften, also Gesellschaften, in denen Menschen nicht nur in ungleichen Verhältnissen lebten wie immer noch bei uns, sondern in denen ihre Ungleichheit als Rechtlosigkeit gegenüber den Freien festgeschrieben war.) Unser Autor fordert die christlichen Sklaven (wenn es mal ein Oxymoron gibt, dann das „christliche Sklaven“, denn: Zur Freiheit hat uns Christus befreit! Paulus im Brief an die Galater 5,5) auf, in der Sklaverei zu bleiben – und das auch noch wegen ihres Glaubens: Ihr Sklaven, ordnet euch in aller Furcht den Herren unter, nicht allein den gütigen und freundlichen, sondern auch den wunderlichen. Denn das ist Gnade, wenn jemand um des Gewissens willen vor Gott Übel erträgt und Unrecht leidet. Denn was ist das für ein Ruhm, wenn ihr für Missetaten Schläge erduldet? Aber wenn ihr leidet und duldet, weil ihr das Gute tut, ist dies Gnade bei Gott. Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch … (unmittelbar unseren heutigen Predigttext einleitend und begründend). „Sklaven sollen Sklaven bleiben“ (nicht weil das in diesem Moment weltgeschichtlich und politisch nicht anders geht, was man als nüchtern, lebensklugen Ratschlag angesichts der Machtverhältnisse im römischen Reich verstehen könnte, sondern – so sagt und meint es doch tatsächlich unser Autor) um Christus in Treue nachzufolgen und um braves Schaf eines guten Hirten zu sein. Das ist ein böser Ratschlag.

Unser diffuses Unbehagen hat sich konkretisiert. Was zu beweisen war, hat sich gezeigt: Unser freundliches und vertrautes Gottesbild (das schon als antikes Wandbild in den römischen Katakomben begegnet mit einem jugendlichen Christus, der über seinen Schultern ein Schäfchen trägt) lässt sich ganz offensichtlich missbrauchen zur theologischen Still- und Durchhalteparole. Die Bilderskeptiker haben recht. Aber: Wie lässt sich das Bild in einer Art „zweiten Naivität“ wiedergewinnen?

Mir hilft es – vielleicht ja auch anderen – mich durch die Worte und Bilder der Bibel so wie heute durchzuarbeiten, sie in allen ihren Aspekten und Schichten durchzukauen und regelrecht wiederzukäuen, um sie dann auch verdauen zu können (vom Schaf zum Rindvieh, das ist auch eine Karriere!). Dann weiß ich, dass sich menschliche Worte über Gott wie alle menschlichen Worte missverstehen lassen und missbrauchen lassen, dass aber auch das nur ein Aspekt unter anderen ist und dass sie trotz ihrer Anfälligkeit und Verletzlichkeit oder gerade darin ihre Wahrheit und ihre Zärtlichkeit haben: Der Herr ist mein Hirte. Dabei will ich bleiben.

Gerade in den Worten des 23. Psalms höre ich nämlich die unzähligen Male mit, die ich ihn gesprochen und gebetet oder für andere gebetet habe; und die Male, wenn die Konfirmanden ihn sich angeeignet und gegenseitig erklärt haben; und auch wenn ein vergangenes Leben mit seinen Worten erklärt und nacherzählt wird vor Gott und den Menschen (so wie das Leben der Mutter durch den guten Pastor Geißler von der Lutherkirche nacherzählt und erinnert wurde):

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir

In diesen Worten vom guten Hirten ist Gott bei mir.

Klaus Neumann, Pfarrer