Predigttext für Sonntag Trinitatis, 30. Mai 2021, Konfirmationsjubiläum

Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, ein Oberster der Juden. Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm. Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.

Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht geboren wird aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von Neuem geboren werden. Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist. Nikodemus antwortete und sprach zu ihm: Wie mag das zugehen? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du bist Israels Lehrer und weißt das nicht? Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wir reden, was wir wissen, und bezeugen, was wir gesehen haben, und ihr nehmt unser Zeugnis nicht an. Glaubt ihr nicht, wenn ich euch von irdischen Dingen sage, wie werdet ihr glauben, wenn ich euch von himmlischen Dingen sage? Und niemand ist gen Himmel aufgefahren außer dem, der vom Himmel herabgekommen ist, nämlich der Menschensohn. Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. (Johannesevangelium 3,1-18)

Über den trinitarischen Gott, den wir heute feiern, die gesellige Gottheit, wie Kurt Marti sie nennt, dichtet der Schweizer Dichterpfarrer:

Am Anfang also Beziehung.
Am Anfang: Rhythmus.
Am Anfang: Geselligkeit.
Und weil Geselligkeit: Wort.
Und im Werk, das sie schuf, suchte die gesellige Gottheit sich neue Geselligkeiten.
Weder Berührungsängste noch hierarchische Attitüden.
Eine Gottheit, die vibriert vor Lust, vor Leben.
Die überspringen will auf alles, auf alle.

Und das Gegenteil eines geselligen, gelenkigen, gemeinschaftswilligen und gemeinschaftsfähigen Wesens ist: — der Stiesel!

„So ein ‚Stiesel‘ “ konnte meine Mutter – Gott hab sie selig – über jemanden sagen, der ungesellig war, der irgendwo nicht hineinpasste – oder gleich nirgendwo hineinpasste – und auch keine Anstalten machte, sich etwas passender zu machen. „Sei nicht so ein ‚Stiesel‘ “ hat sie uns gelegentlich mitgegeben, wenn wir über unseren Schatten springen sollten – nicht immer mit Erfolg.

Das Mitmachwörterbuch der rheinischen Umgangssprache erklärt den Stiesel zum ungelenken, geistig unbeweglichen Sturkopf, der an alten Zeiten und Gewohnheiten hängt. Soziale Kompetenz ist des Stiesels Stärke nicht. Geselligkeit bleibt ihm fremd. Vielleicht ist er sich selbst fremd.

Insofern wird man weder Nikodemus noch Jesus ohne weiteres mit diesem schönen, doch etwas aus der Mode gekommenen Ausdruck belegen wollen, da sie sich ja über manche Gräben hinweg um ein Gespräch bemühen, über ihren Schatten springen, heimlich im Schatten der Nacht, Umstände auf sich nehmend, an Verständigung interessiert – aber Verständnis zu keiner Zeit erreichend.

Das liegt – meine ich – daran, dass sie sich eben doch gegenseitig Stiesel sind, indem ihre jeweiligen Denk- und Lebensweisen, an denen sie hängen, und in denen sie verharren, echtes Verständnis eigentlich verbietet. Johannes verteilt als Biograph seines Heilands die Sympathien und Schuldanteile an diesem misslingenden Gespräch eindeutig, aber auch der Jesus in der Zeichnung des Johannes kommuniziert hier für uns hörende Beobachter merkwürdig, ungelenk, rätselhaft und ohne auf die Fragen und Probleme seines Gegenübers einzugehen. Schon stieselig.

Ich wäre aber wohl trotzdem kaum beim Nachdenken über unseren Text auf den Ausdruck Stiesel gekommen, ohne den frischen Eindruck einer Fernsehserie des israelischen Fernsehens, deren 3 Staffeln, 33 Folgen und genau 3 mal 3 mal 3 Stunden – was ich jetzt mal – bei so viel Dreien – als an uns Christen gerichtete trinitarische Chiffre deute – mir und meinen Lieben zu einem abendlichen Vergnügen in dieser Zeit geworden sind – so viele Vergnügen gibt es ja nicht unter den Bedingungen der Pandemie – und die unter dem Namen „Shtisel“ das Leben einer ultraorthodoxen jüdischen Familie im heutigen Jerusalem – eben, der Shtisels – erzählt; wobei ich bisher nicht herausgefunden habe, ob die Familie nach unserem rheinisch-westfälischen Sturkopf benannt wurde oder ob dieser womöglich jiddische Wurzeln hat oder beides; das ist ja nur eine der berührenden Seherfahrungen, dass wir das Jiddische im Grunde als deutschen Dialekt erleben, und beinahe jeden jiddisch gesprochenen Satz verstehen können.

Der Patriarch dieser Familie, Rabbi Schulem Shtisel, Lehrer und Leiter einer Bibel- und Talmudschule, einem Cheder – ist ein geistiger Nachfahre unseres Nikodemus, Pharisäer und Oberster der Juden, als Pharisäer einer, der mit besonderem Ernst Gottes Geboten zu folgen versucht. Sie bleiben im Wesentlichen unter sich und Shtisel würde im Leben nicht darauf kommen bei einem Christen um ein Gespräch zu bitten, weder tagsüber noch des Nachts und auch im Evangelium des Johannes ist das Treffen von Nikodemus und Jesus ein äußerst unwahrscheinlicher Fall.

Aber bei aller Fremdheit dieser religiösen Gemeinschaft, wachsen die Figuren einem ans Herz, ihre Suche nach Lebensglück in Ehe und Familie nach den Regeln ihres Glaubens gewinnt uns Zuschauer für sie: Unglaublich wie allgegenwärtig der Glauben bei ihnen ins Leben spielt. Kein Bissen wird gegessen, kein Schluck getrunken, keine Wohnung betreten – ohne das Lob Gottes auf der Zunge. Und man fragt sich: Welche Rolle spielt eigentlich unser Glauben in unserem Leben, in unserem Alltag? Haben wir nicht einmal vor Jahrzehnten versprochen, auch im Glauben wachsen und ein lebendiges Mitglied der Kirche sein zu wollen, Tag für Tag?

Shulem Shtisl zeigt sich immer wieder als echter Stiesel, der stur in den überkommenen Regeln und Verhaltensweisen verharrt, der wenig Wert darauf legt, sich seinen Mitmenschen übertrieben angenehm zu machen oder gar anzupassen – und dennoch wächst unsere Sympathie, ja Zuneigung für ihn und die Seinen von Folge zu Folge, von Staffel zu Staffel. Man würde ihn gerne treffen, warum nicht nachts und über Gott und die Welt sprechen, wobei die nächtliche Ausgangssperre – glaube ich – das geringste Problem wäre. Ein solches Treffen wäre eine echte Stieselprobe, nämlich der Austausch mit einem, der ganz was anderes glaubt als ich selbst, ob wir beide das aushalten? – und zwar nicht wie in missverstandener Toleranz, weil uns das alles nicht so wichtig ist, sondern im Gegenteil, weil uns beiden nichts wichtiger ist als unser Glauben.

In einem solchen Gespräch im Schutz der Nacht würde ich ähnlich wie der johanneische Jesus das christliche Gottesverständnis ausbreiten wollen, zu dem das Wirken des Geistes, der weht wo er will und das Geschick des Sohnes gehört, den Gott gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben und es sich daher für uns Christen nicht vermeiden ließ, Gott als Trinität zu denken: Gott verharrt nicht bei sich, sondern setzt sich in Bewegung, verändert sich, hat eine Geschichte, ist gesellig, sucht Gesellschaft, Gemeinschaft, Gott ist nach allem, was wir wissen können, eben kein Stiesel; sondern wie in Kurt Martis Worten: Die gesellige Gottheit.

Und wir würden von dem neuen Nikodemus, den Gott uns nach Hause schickt – und warum sollte Gott ihn uns nicht in diesen Zeiten über den Bildschirm als Fernsehserie des Nachts nach Hause schicken? – wir würden wissen wollen, wie das in seiner Tradition geglaubt wird, wie es zur Sprache kommt und wie es lebendig wird: Gottes Lebendigkeit, seine Beweglichkeit und seine Geselligkeit. Und dann würden wir vielleicht zuerst dazu ermahnt, Gottes Heiligkeit und Verborgenheit zu achten, die in der jüdischen Tradition dadurch geäußert wird, dass er eben nicht geäußert wird der Name Gottes, um ihm nicht zu nahe zu treten; Gott ist den frommen Juden unaussprechlich, nur als der „Name“ Haschem kommt er zur Sprache; und das immerzu im Milieu der Stisels im Lobpreis bei jeder Gelegenheit: Boruch Haschem, Gelobt sei der Name, gelobt sei Gott!

Und dann würden wir erinnert werden, dass sich das Lob Gottes im Befolgen seiner Gebote spiegelt. Gott lebt in unserem Leben: und je mehr unser Leben Gottes Geboten folgt, desto sichtbarer wird dessen Lebendigkeit, seine Gemeinschaftstreue, sein unerschöpfliches Talent zur Geselligkeit: Auch dieser Gott ist kein Stiesel, wie auch, es ist ja derselbe wie unsrer, der nach unserem Glauben seinen Sohn sandte und uns mit seinem Geist bewegt: die gesellige Gottheit.

Und dann wäre es noch einmal – auch für uns – ganz neu auszuhalten, was der johanneische Jesus dem Nikodemus des Nachts zuraunt in der Hoffnung auf Wiedergeburt durch den Geist: Als Geist verbindet Gott Unverfügbarkeit und Nähe, die unverfügbare Nähe des geselligen Gottes, uns zu verändern, uns zu erneuern – was sage ich! – uns neu zu gebären, und wären wir längst alt geworden. Und dann würden – vielleicht – wir in die Rolle des ratlosen Nikodemus fallen und ratlos fragen: Wie soll das gehen, neu geboren werden, Altgewordene, die wir sind, gegründet in unseren Überzeugungen, gehalten in unseren Gewohnheiten, eingerichtet in unserem Leben. Was ja erstmal nicht schlecht und nicht falsch ist. Wie sollte man anders leben – etwa haltlos und bodenlos? Etwa ohne Überzeugungen, etwa ohne Gewohnheiten? Fordert Jesu etwa von uns die permanente Revolution unseres Lebens, die fortgesetzte midlife Krise?

Soll ich mir rote Schuhe kaufen – wie ein Freund das letztens gemacht hat – soll ich eine neue Frisur ausprobieren, eine, die nicht von den Schließungen der Frisörsalons erzwungen ist, aber dem zufälligen Wildwuchs der Coronazeit folgt, wie ein Bekannter vorgeschlagen hat: Siehst viel besser außer jetzt! – soll ich endlich das sportliche Auto fahren, für das ich bestimmt bin – von anderen Narreteien mal zu schweigen? Selbst der gottesfürchtige Shulem Shtisel hat Momente, in denen er sich neu erfinden möchte auf einem sündhaft teuren Shopping-Trip mit edlem Tuch und schickem Hut, keinem Borsolino, einem Brandolino! – und der immerhin postwendenden Erkenntnis, dass das jetzt Quatsch war. Muss auch mal sein, aber es ist Quatsch.

Also vermutlich – ganz sicher! – ist das mit der Neugeburt aus Gottes Geist doch anders gemeint. Es geht eher darum, in unserem Leben den Geist Gottes abzubilden, besser: den Geist sich abbilden zu lassen; und uns nicht durch periodische oder permanente Neuerfindung unserer selbst zu ermüden und zu beschämen; sondern indem wir Gottes Geist Raum geben für uns, in uns; aufmerksam werden für Gottes Wirken um uns herum; auf das Brausen des Geistes hören, denn:

Der Geist bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. Amen.

Predigttext für Pfingstmontag, 24.5.2021

Es sind verschiedene Gaben; aber es ist ein Geist. Und es sind verschiedene Ämter; aber es ist ein Herr. Und es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen. Durch einen jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller. Dem einen wird durch den Geist ein Wort der Weisheit gegeben; dem andern ein Wort der Erkenntnis durch denselben Geist; einem andern Glaube, in demselben Geist; einem andern die Gabe, gesund zu machen, in dem einen Geist; einem andern die Kraft, Wunder zu tun; einem andern prophetische Rede; einem andern die Gabe, die Geister zu unterscheiden; einem andern mancherlei Zungenrede; einem andern die Gabe, sie auszulegen. Dies alles aber wirkt derselbe eine Geist, der einem jeden das Seine zuteilt, wie er will. (1. Korintherbrief des Paulus 12, 4-11)

Was ist deine besondere Stärke? Was dein Talent, dass du pflegen solltest? Was sind deine Gaben, die Gott dir gegeben hat?

Als Kind galt ich als musikalisch, hatte Freude am Flötenspielen schon vor der Grundschule und brauchte dann 10 Jahre entsagungsvollen Klavierunterricht, um einzusehen – bzw. um meine Eltern einsehen zu lassen, dass das jedenfalls nicht mein Talent ist, das ich pflegen sollte. Ich habe das auch immer meinen beiden Klavierlehrern angelastet, deren eine – überaus schöne – aus der guten alten bulgarischen Musikschultradition stammte und keine Probleme damit hatte, ihr Temperament auch lautstark gegen mich zu wenden; und deren anderer – überaus hässlicher – unsere gemeinsame Leidenszeit dadurch abzukürzen versuchte, dass er mich zu Beginn der Stunde Wasser für seine unter den Missklängen seiner amusischen Schüler dahinsiechenden Zimmerpflanzen zu holen beauftragte. Still leiden und Wasser tragen konnte ich am Ende meiner Klavierdekade, Klavierspielen nicht.

Auch sportlich lief es nicht so gut, beim Hockey im Nerotal war ich für den Trainer – selbst Weltmeister mit gehörigem Selbstbewusstsein und ohne jedes Verständnis für das Unvermögen anderer – das „Talent“ und immer dann ein Problem, wenn er nicht darum herum kam, mich aus Mangel an verfügbaren Spielern nun doch für die Wochenendturniere aufzustellen, dann aber mit dem dringenden Auftrag mich möglichst fern vom Spielgeschehen zu halten, im Abseits sozusagen, was mir nicht immer gelang, auch weil die Abseitsregeln in diesem Sport für mich als Außenstehenden geradezu absurd kompliziert sind – und was ich dann mit geschwollenen Knöcheln und ansehnlichen Hämatomen bezahlt habe; ein Hockeyball ist klein, hart und wird von denen, die davon Ahnung haben, auf bisweilen überraschende Flugbahnen und beträchtliche Geschwindigkeiten gebracht; kein Wunder dass sie leicht übersehen werden können.

Was ist meine besondere Stärke? Was mein Talent, dass ich pflegen sollte? Was sind meine Gaben, die Gott mir gegeben hat? Hab ich welche?

Gerade Jugendliche beschäftigen sich – im genetischen Auftrag der Selbstfindung – mit der Suche nach ihren Stärken und Begabungen und müssen lernen mit ihren Schwächen umzugehen. Und als Herangewachsene sollten wir uns einigermaßen darüber im Klaren sein, was geht und was nicht, wo sich die Mühe lohnt und was wir besser lassen, womit sich ein Leben bestreiten lässt und was auch anderen nützen kann. Meine Entscheidung von damals ist bekannt: Klavier und Hockey klappen nicht so – versuchen wir es mit der Religion. (Reli stresst weniger, lernt man schon in der Schule, übrigens zu Recht; der Reli-Unterricht ist nicht umsonst als „kulturökologische Nische“ bezeichnet worden).

Der Apostel Paulus erfindet sich für unsere Gaben und Talente ein eigenes Wort, dass wir dank seiner bis heute verwenden, aber etwas anders, als es Paulus ursprünglich meinte: Charisma ist für ihn nicht die besondere, wirkungsvolle, beeindruckende, gleichsam auratische Erscheinung – wie für uns – sondern die Gabe, mit der uns Gott segnet und auszeichnet; beides schließt sich nicht aus, meint aber Verschiedenes. Im Wörtchen Charisma steckt das Wort Gnade und so bezeichnet es zugleich die besondere Gabe wie auch die Gnade, aus der sie gewährt wurde. So weit, so gut – aber anders als in Demut und Dankbarkeit sollte man dieser Gabe, wenn man sie denn hat oder von ihr durch andere profitiert, nicht begegnen; auch unser Wort Dank steckt in der griechischen Vokabel Charis und Charisma. Was ist das Problem?

Das Problem und das Drama des begabten Christen, das Paulus insbesondere in den Auseinandersetzungen mit den Korinthern erlebt hat und dann in seinen Briefen adressiert, besteht nicht so sehr wie in meinen Kindheitserinnerungen in einem Mangel an Begabung sondern eher im Gegenteil, also in dem, was sich an gewissen Musiklehrern oder manchen Sportübungsleitern zeigt, nämlich im hochmütigen Unverständnis gegenüber ihren tiefbegabten Schützlingen, in deren Scheitern sie sich selbst auch scheitern sehen; solcher Hochmut aber entwertet als Lieblosigkeit die eigenen großen Talente: Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle. Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und meinen Leib dahingäbe, mich zu rühmen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mir´s nichts nütze. (1. Korintherbrief des Paulus 13,1-3)

Wenn der Apostel Paulus nur kurz vor diesen berühmten Versen – seinem Hohen Lied der Liebe – in unserem Predigttext die legitime Verschiedenheit der christlichen Begabungen und implizit auch der Minderbegabungen betont – denn die Aufzählung der Charismen geht ja kaum von Doppel- oder Mehrfachbegabungen als Regelfall aus und rechnet folglich durchaus mit Talentlosigkeit auf allen Gebieten außer dem einen einzigen eigenen – dann ist das von diesem Hohen Lied der Liebe des Paulus als Pointe her zu lesen: Die Begabungen und Talente haben ihr Recht, sind auch notwendig für das Gelingen der Gemeinde, sie schaden aber – so wie in Korinth – wenn sie als Distinktionsmerkmale einer charismatischen Elite und nicht als Gnadengabe des einen göttlichen Geistes zusammengebunden im Band und im Dienst der Liebe gesehen werden. Erst die Liebe vermag die Begabten einzubinden und ihre Begabungen für die anderen erträglich, sozialverträglich und dann auch nutzbar zu machen.

Erst mit dieser und der folgenden Einsicht des Paulus, dass aus den verschiedenen Gaben keine Hierarchie abzuleiten ist, wie schließlich der, dass – in Abwandlung eines Satzes des charismatischen Künstlers Joseph Beuys – jeder Christ ein Charismatiker ist, wäre also an dieser Stelle frei nach Luther das allgemein Charismatikertum zu verkündigen: Jeder Christ ist ein Charismatiker, von Gottes Geist begabt.

Damit erübrigt sich nicht etwa sondern es verschärft sich die eingangs gestellte Frage zur Lebensfrage: Was sind unsere besonderen Stärken? Was gerade unsere Talente, die wir pflegen sollten? Was sind unsere Gaben, die Gott durch seinen Geist uns gibt? Und wie können wir sie einbringen? Amen.

Predigttext für Pfingsten, 23. Mai 2021

Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. Als sie nun von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut über die ganze Erde. Da fuhr der Herr hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. Und der Herr sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! So zerstreute sie der Herr von dort über die ganze Erde, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, weil der Herr daselbst verwirrt hat aller Welt Sprache und sie von dort zerstreut hat über die ganze Erde.

(1. Mose 11,1-9)

Wer auf dem Lutherweg von Oppenheim kommend in Richtung Süden nach Worms wandert, genießt nicht nur die unmittelbare Umgebung der Weinberge und Hügel – die hier rheinhessisch heimelig Hiwwel heißen und so ganz anders wirken als die vertrautere Gegend von Rheingau und Taunus – , sondern der kann auch den Blick schweifen lassen, weit schweifen lassen über den Rhein und die Rheinebene hinweg bis zum Odenwald hinüber, zum Melibokus und zur Starkenburg und den anderen Berglein, hoch sind sie ja nicht wirklich, die aber zusammengenommen ein schönes Gebirgspanorama abgeben. Die reine Erholung, für die Augen und den Geist – auch wenn der Weg sich ziehen kann. Zeugnis für Gottes unerschöpflichen Schöpfergeist.

Und mittendrin lenkt den Blick eine Ansammlung von hohen, mächtigen Türmen auf sich, Kühltürme eines Kraftwerks und die Hauben zweier Reaktoren, Biblis A und Biblis B; längst eine Industrie- und Bauruine, abgeschaltet ziemlich genau vor 10 Jahren unter dem Eindruck der Reaktorkatastrophe von Fukushima.

Die meisten von uns Älteren kennen noch die Diskussionen und die gesellschaftlichen Konflikte um die Atomkraft der 80er und der darauffolgenden Jahre, haben jeder für sich ein Bild davon, um was es ging – hoch her jedenfalls – und um was es geht. Über diese Konflikte ist in den Hintergrund geraten, welche Hoffnungen einst die geniale Ingenieurleistung der Kernspaltung begleitete, nämlich weit mehr als bloß die Sicherung der Energieversorgung sondern nicht weniger als die Bezähmung der Schöpfungskräfte durch den Menschen, der ein zweites Mal den Göttern das Feuer entreißt, Prometheus 2.0: Ihr werdet sein wie Gott! nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Die Diskussionen und Konflikte sind keineswegs beendet; der deutsche Atomausstieg aus Sorge vor der Unbeherrschbarkeit der Kernkraft und ihrer unbeherrschbaren Folgen für die Menschen der Zukunft, dieser Ausstieg blieb ein Sonderweg und gilt vielen unserer Nachbarn als Irrweg, als Irrweg gerade angesichts des menschengemachten Klimawandels und der Notwendigkeit auf fossile Brennstoffe zu verzichten.

Als Symbol für Triumph und Scheitern menschlichen Ehrgeizes taugen die nutzlos gewordenen und dem Ruin geweihten Türme in der lieblichen Landschaft des Rheintals allemal: Soviel haben wir gewollt, so wenig ist uns gelungen, so viel bleibt zweifelhaft. (Und so gibt es seit langem politische Plakate, die den Turmbau zu Babel in die Kühltürme von Biblis und den anderen Standorten einzeichnen, etwa in Bearbeitung der berühmten Babelturmbilder des Pieter Brueghel durch den Schweizer Plakatkünstler Pierre Brauchli.) Soviel haben wir gewollt, so wenig ist uns gelungen. Was ist da geschehen?

Die Turmbaugeschichte der Bibel verdankt sich derselben Frage: Was ist da geschehen? fragten die Menschen angesichts der großen, beeindruckenden Ruinen im Zweistromland, den Überresten der gewaltigen Zikkurate in Babylonien, der Tempeltürme und Wohnpyramiden, dieser Himmelshügel und Götterberge, wie sie genannt wurden, die aber schon zu biblischer Zeit nur noch ruinöse und zerfallene Denkmäler ihrer selbst waren. Was war da geschehen?

Offensichtlich lag schon damals nahe, die Ursache solcher Bauruinen im Hochmut – dass wir uns einen Namen machen – und im Streit der Menschen – wenn keiner des andern Sprache versteht – zu sehen. Manchmal wollen wir zu viel, riskieren wir zu viel und verlieren wir zu viel über unserem Ehrgeiz und über unserer Gier. Wer hoch baut, kann auch tief fallen. Wer zu viel will, wird am Ende alles verlieren. Hochmut kommt vor dem Fall.

Unsere Predigttext-Geschichte macht insbesondere Mängel und Fehler der Kommunikation für das Scheitern des Projekts verantwortlich. Wer etwas erreichen will, muss die gleiche Sprache sprechen mit denen er etwas erreichen will. Das leuchtet unmittelbar ein für den Betrieb einer Baustelle: Wer den Auftrag nicht versteht, kann ihn nicht ausführen; und wer das Problem nur auf sumerisch äußern kann, wird der nicht begreifen, der sich vornehmlich auf hetitisch verständigt; und manchmal versteht man noch nicht einmal seinen rheinhessischen Nachbarn: In ländlicher Abgeschiedenheit kann selbst der obligate Kauf von Weck, Woscht und Woi zum Abenteuer mit ungewissen Ausgang werden; es soll Norddeutsche geben, die mit leeren Händen die Warentempel rheinhessischer Kulinarik verlassen mussten. Darüber hinaus gibt es ausgezeichnete Möglichkeiten in derselben Sprache aneinander vorbei zu sprechen – oder noch in denselben Worten in unterschiedlichen Welten zu leben.

Das könnte man leicht zeigen in den Konflikten unserer Zeit, sozusagen auf den Großbaustellen in der ganzen Welt:

– Bis heute gibt es keine gemeinsame Erzählung über die Atomkraft, ihrer Chancen, ihrer Gefahren, ihrer Katastrophen. Erst kürzlich habe ich einen seriös gemeinten Zeitungsartikel von einem offensichtlich klugen und informierten Menschen gelesen, der behauptete, dass Atomkraft die Energie der Zukunft sei und dass es ja weder in Tschernobyl noch in Fukushima unmittelbar Tote gegeben habe, während gleichfalls seriöse Untersuchungen internationaler Organisationen unter Verweis auf tausende Opfer allein dieser beider emblematischen Unglücke unserer Zeit jede weitere Nutzung rundherum ablehnen.

– Oder in den Wahrnehmungen und Deutungen der Pandemie finden die Befürworter und Gegner mancher oder aller Maßnahmen trotz derselben Sprache keine gemeinsame Sprache. Auch hier scheinen – und zwar diesseits der offensichtlich durchgeknallten Leugner und Hetzer – offensichtlich rationale und um Informationen bemühte Kommentatoren in verschiedenen Welten zu leben und zu argumentieren, wenn „No-Covid“ für die einen eine – und zwar die beste und vernünftigste – Möglichkeit ist, die Pandemie einzudämmen, für andere aber nur für die unvernünftige Illusion der Totalvermeidung des Lebensrisikos steht, die das Leben selbst erstickt.

– Oder – schrecklich und traurig zugleich – im gegenwärtigen und schon so alten Konflikt im Heiligen Land, wenn so viele auf beiden Seiten nur jeweils ihr Leid und ihr Recht sehen und nicht das der anderen. Nicht selten blenden die ehrlich herzzerreißenden Opferberichte der einen das Leid der anderen völlig aus.

Wir würden sicherlich auch im Kleinen und im persönlichen Nahbereich – in Familien, unter Freunden, in Gemeinden – immer wieder auf Konflikte stoßen, die an diesem Mangel einer gemeinsamen Sprache, die an diesen Fehlern der Kommunikation, die an der Verweigerung von Empathie leiden, die Familien und Freundschaften zerbrechen lassen und Gemeinwesen schädigen. Es sind ja nicht schon die widerstreitenden Interessen und Ansprüche an sich, die zum Konflikt führen, sondern die Verweigerung diese zu verhandeln.

Unsere Geschichte vom Turmbau zu Babel – was hier durchaus lautmalerisch gemeint ist: Babel – Gebabbel; aber nicht in seiner sympathisch mundartlichen Variante unserer Heimat sondern als unverständliches pseudosprachliches Geräusch – gibt hier bloß den Hinweis, dass solche Konflikte letztlich Sprachkonflikte sind; aber sie löst sie nicht auf, sie zeigt keine Lösungen, weist nicht über die Ruinen, den Ruin hinaus. Auch wenn das Problem erkannt ist, ist es noch lange nicht gebannt. Was kann helfen?

Die Pfingstgeschichte, wie sie der Evangelist Lukas erzählt, gibt eine Antwort; sie ist in gewisser Weise eine Antwort auf die uralte Sage vom Turmbau, wenn nämlich an Pfingsten die gemeinschaftszerstörende babylonische Sprachverwirrung zurückgenommen und aufgehoben wird – durch den Geist Gottes. Der wirkt nach dem breiten und einheitlichen Zeugnis der Bibel und so auch hier in den Worten des Lukas, dass er Sprachblockaden überwindet, Kommunikationsknoten löst, Einfühlung in die anderen empfiehlt. Es geht darum, wieder – und trotz allen Widerwillens – gemeinsam und miteinander zu sprechen – von mir aus auch zu babbeln, zu quatschen, zu quasseln, zu schwätzen – gerne wie einem der Schnabel gewachsen ist, aber auch so, dass einem am Verständnis der anderen etwas liegt, mit Interesse.

Macher – vor allem solche, die sich selbst für welche halten – meinen manchmal, dass irgendwann genug geredet sei und jetzt mal „gemacht“ werden müsste; kann schon sein. Aber dieses „irgendwann“ ist nicht unbedingt schon dann erreicht, wenn meine Geduld aufgebraucht ist und ich keine Lust mehr aufs Zuhören habe. Eine Alternative zu Verhandlungslösungen gibt es nicht – was auch furchtbar altklug klingt aber deshalb nicht weniger stimmt. Probleme und ihre möglichen Lösungen müssen solange erklärt werden, bis sie verstanden werden. Und manchmal kann es dann sogar besser sein, nix zu tun als das offenkundig Falsche.

Die Grundlage solcher Verhandlungen, solcher Gespräche wird immer das Gemeinsame der Streitenden sein, gemeinsame Interessen, gemeinsame Geschichte, gemeinsame Ziele, gemeinsame Überzeugungen; so wie Petrus an Pfingsten die gemeinsame Heilsgeschichte und die gemeinsame Sehnsucht benennt und darüber die Hörenden zusammenführt.

Angesichts der babylonischen Turmruinen im Rheintal liegt das Gemeinsame sowieso auf der Hand, aber vielleicht tut es gut nochmal davon zu sprechen, frei nach Karl Valentin, dass zwar schon alles gesagt wurde, aber noch nicht von allen und noch nicht bei jeder Gelegenheit: Wer könnte, wer wollte die unvergleichliche Schönheit dieser Ebene gefährden, riskieren. Kein wirtschaftlicher Gewinn, kein Mehr an Bequemlichkeit könnte den Verlust einer bewohnbaren Heimat gutmachen, dieser jahrhundertealten Kulturlandschaft voller Naturschönheit, Handlungsort unserer Geschichte – nicht nur Luther war hier; Goethe sowieso – und Erbe für unsere Kinder und Enkel, sichtbar gesegnet durch Gottes Schöpfergeist. Ausschöpfen werden wir das nie, weder in unserem Erleben noch in unserem Reden. Aber gut, dass wir mal wieder darüber gesprochen haben. Amen.

Predigt zur Konfirmation 2021 Matthäus, 22. Mai 2021

Geht hinein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und viele sind’s, die auf ihm hineingehen. Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind’s, die ihn finden!

Seht euch vor, vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig sind sie aber reißende Wölfe. (Matthäusevangelium 7,13-15)

„Zwei Wege boten sich mir dar, / Ich nahm den, der weniger begangen war, / und das veränderte mein Leben“ –

So wie hier ein berühmtes amerikanisches Gedicht endet – „Two roads diverged in a wood, and I -/ I took the one less traveled by,/and that has made all the difference“;

so wie dieses Gedicht endet, beginnt manchmal das Herumirren in einem finstern Wald auf schlecht markierten Trampelpfaden. Es muss nicht immer die richtige, die weise Entscheidung sein, in unbekanntem Terrain den breiten, ausgetretenen Weg zu verlassen und sich stattdessen auf engem Pfad durch die Büsche zu schlagen.

In meiner Familie bin ich längst als falscher Prophet der Wanderkarte bekannt und meine berühmten „Abkürzungen“ – „Wieviel länger wird diese ‚Abkürzung‘ werden, Papa?“ – sind, nun ja, berüchtigt; der gewohnheitsmäßigen Versicherung „nennenswerte Steigungen sind nicht zu erwarten“ wird wenig bis kein Vertrauen geschenkt; aber die Erleichterung am Ziel über ein Leben diesseits des Waldes überstrahlt noch jedes Mal die Erschöpfung nach einer Wanderung.

Bei dieser Gelegenheit könnt ihr euch, liebe Konfirmanden, – bei allem, was euch entgangen ist in diesem ungewöhnlichen Konfirmandenjahr und was wir beklagen – wenigstens dessen glücklich schätzen, dass euch das Schicksal einer meiner früheren Konfigruppen erspart blieb, mit der ich – damals noch im schönen Odenwald – bei Schnee und Finsternis – einer falschen Eingebung und also einem Weg folgend, der gar nicht begangen war, außer von uns – verloren gegangen bin – verirrt und frierend wie die Wölfe ohne Schafspelz – uns alle beinahe – beinahe – in die Verdammnis geführt habe und wo wir uns mit letzter Kraft in ein Wirtshaus – noch nicht ganz im Spessart aber halt im falschen Ort – retten konnten, aus dem uns dann nach einer heißen Schokolode für die Konfis und etwas Geistlichem für den Geistlichen eine barmherzige eingeborene und gänzlich unbekannte Konfirmandenmutter per SUV-Staffel ins Landschulheim zurückgefahren hat – Taxis gab´s dort nämlich nicht im winterlich nächtlich finstern Odenwald, dem Wald Odins des Wanderers.

„Auf halbem Weg des Menschenlebens fand/ Ich mich in einen finstern Wald verschlagen/ Weil ich vom graden Weg mich abgewandt“ – so ist es schon größeren als unsereinem gegangen, und deshalb beginnt der diesjährige Jubilar Dante seine Göttliche Komödie mit eben diesen Worten (mein altitalienisch ist noch ein bisschen schlechter als mein modernes italienisch, wenn das überhaupt möglich ist, denn auch das ist erbärmlich): „Nel mezzo del cammin di nostra vita/ mi ritrovai per una selva oscura/ ché la diritta via era smarrita“. Das jetzt nur so nebenbei, weil letztens jemand in der Gemeinde darüber geklagt hat, Dante würde nicht mehr gelesen. Stimmt also nicht, wir lesen Dante, sogar im altitalienischen Original, und seien es drei Zeilen.

Man kann davon ausgehen, dass sowohl der amerikanische wie der italienische Dichter auch Bibelstellen wie unseren Predigttext im Ohr hatten, wenn sie vom Leben als Lebensweg sprachen. Und so wie es bei Dante die ersten drei berühmten Zeilen sind, so sind es bei Robert Frost die letzten drei Zeilen, die viele kennen, diese oft zuerst (wie ich) aus dem großartigen Film „Der Club der Toten Dichter“ mit dem noch großartigeren Komödianten Robin Williams – Gott hab ihn selig! -, der seinen Schülern im Film zeigt, wie überaus lebendig die vermeintlich toten Dichter sind, und der uns Unterrichtenden zeigt, wie lebendig Unterricht sein kann. So müssten wir das auch hinkriegen – natürlich ohne die hollywoodmäßigen Übertreibungen und ohne das tragische Ende. So wünschte ich mir selbst unseren Unterricht über das überaus lebendige Wort Gottes – nichts ist lebendiger als die Worte der Bibel, wenn wir sie unserer Einbildungskraft anverwandeln – dass Gottes Wort also leben möge in euch und euch begleiten möge, auf eurem Lebensweg, auf dem die Konfirmation eine nicht unbedeutende Wegmarke darstellt: aus der Kindheit heraus in das Heranwachsen hinein.

Ich habe mich lange gefragt, ob das Jesuswort von den beiden Wegen und den beiden Pforten, vom breiten und vom schmalen Weg und von der weiten und von der engen Pforte eine so gute Wahl für die Konfirmation ist – mal abgesehen davon, dass es ausdrücklich für die Konfirmation vorgesehen und seit Generationen den Konfirmanden gepredigt wird. Es kann ja doch als Drohung gehört werden und das wäre so ziemlich das letzte, was wir wollen, euch drohen. Auch eine allzu dringliche Warnung könnte kontraproduktiv wirken, denn Angst vor dem Leben sollen wir – trotz allem, trotz Seuche, Tod und Teufel, die euch und uns allesamt fernbleiben mögen – Angst sollen wir nach Gottes Willen gerade nicht haben: Fürchte dich nicht – sagt Gott – ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.

Aber ich glaube, Jesus möchte uns mit seinen Worten vom Weg und der Pforte aufmerksam machen, dass das Leben und unsere Entscheidungen bei aller jugendlichen Leichtigkeit, auf die gerade ihr, liebe Konfirmanden, jedes Recht habt, und die wir gemeinsam schmerzhaft entbehren – unendlich wichtig sind. Leben und Lebensentscheidungen verdienen unsere ganze Aufmerksamkeit, alle Wachheit, derer wir fähig sind, auch allen Eifers und aller Liebe für das, was uns wichtig ist; für das, was wichtig ist: „Carpe diem“, noch so ein Satz aus dem genannten Film, bringt es überaus missverständlich, geradezu riskant aber dennoch treffend auf den Punkt. „Nutze, Pflücke den Tag“, soll wenigstens in seiner christlichen Aneignung nicht den maximalen Lustgewinn fordern, wie ursprünglich vom lebendig toten Dichter Horaz gemeint und wie es die Spaßgesellschaft durch ihre falschen Propheten der in Wirklichkeit unerträglichen Leichtigkeit des Seins bis heute predigt; sondern „Carpe diem“, „Pflücke den Tag“ soll uns der Einzigartigkeit jedes einzelnen Tags unseres Lebens, jedes einzelnen Meters – was sage ich: Zentimeters – unseres Lebensweges erinnern. Wir haben nur dieses eine Leben hier – auch die Auferstehung wird uns nicht in dieses Leben zurück- sondern aus diesem Leben zu Gott bringen! – und es ist nicht egal, was wir aus diesem irdischen Leben machen, das uns Gott gegeben hat. Jede Entscheidung, jede Wendung kann einen Unterschied machen, macht einen Unterschied – makes all the difference; verändert unser Leben, wie der Dichter uns mitteilt.

Das kann jetzt schon ein bisschen einschüchtern, soll es aber nicht. Es gehört zur religiösen Mündigkeit, die Konfirmierten zugesprochen wird, dass wir uns dieser facts of life bewusst werden. Die Sache wird übrigens dadurch noch ein bisschen komplizierter, dass wir – anders als unser Predigttext aber auch das Dichterwort zu sagen scheinen – „Zwei Wege boten sich mir dar,/ Ich nahm den, der weniger begangen war,/ und das veränderte mein Leben“ ; dass wir in den Entscheidungssituationen unseres Lebens – also täglich – nicht ohne weiteres wissen, was der breite und was der enge Weg ist, welcher der ausgelatschte, vor dem gewarnt wird, und welcher der empfohlene, der weniger begangen ist. Nicht jeder Weg trägt einen Wegweiser! Und es stellt die ziemlich überraschende Pointe des Gedichts von Robert Frost dar, dass für ihn erst der Rückblick auf den Lebensweg darüber entscheidet, was überhaupt der Weg ist, der weniger begangen war, der sich gelohnt hat, der der richtige war und der den Unterschied gemacht hat. An der Entscheidungssituation selbst, an der Weggabelung können beide ziemlich gleich aussehen. Klingt kompliziert? Ist kompliziert! So wie das Leben.

Was kann uns da helfen, was kann uns leiten? Gott selbst natürlich, ohne den wir unseren Lebensweg nicht gehen müssen: „Der Wolken Wind und Regen gibt Wege Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann“ Wenn wir ganz genau auf diesen Liedvers hören, sagt er nicht nur, dass es einen Weg für mich – und gerade für mich – geben wird – was schon mal gut ist – sondern dass es eine Vielzahl von Wegen gibt, die sich je und je ergeben und je und je verändern. Der Vielzahl solcher Wege assoziiert der Dichter, Paul Gerhard übrigens, die Veränderlichkeit von Wetterphänomenen. Wenn es Gott hinbekommt – so die dichterische Logik – im chaotischen System Wetter den Überblick zu bewahren, wird er auch uns nicht im Regen stehen lassen, also: auf unseren verschlungenen Pfaden durchs Leben nicht aus den Augen verlieren. Nicht wir allein suchen uns unsere Wege, sondern Gott wird sie uns finden: Gott gewährt uns freies Geleit durchs Leben.

Und so sei diese Predigt voller toter Dichter mit einem Vers aus der lebendigsten aller Gedicht- und Liedersammlungen beendet, dem Buch der Psalmen:

Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohl machen. Amen.

Predigttext für den Sonntag Exaudi, 16. Mai 2021, Konfirmation

Jesus Christus spricht: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt,wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen. Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten. (Johannesevangelium 7,37b-39a)

Ströme lebendigen Wassers fließen: Panta rhei! Alles fließt – gehört zu den ersten Erkenntnissen der Philosophie überhaupt; dem griechischen Philosoph Heraklit wird diese Einsicht zugeschrieben, irgendwann vor mehr als zweieinhalb tausend Jahren hat er das erkannt und dann gesagt – in seinen berühmten Flussfragmenten: dass „alles fließt und nichts bleibt; es gibt nur ewiges Werden und Wandeln“; „Wer in denselben Fluss steigt, dem fließt anderes und wieder anderes Wasser zu“; „Wir steigen in denselben Fluss und doch nicht in denselben, wir sind es und wir sind es nicht.“; „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.“

Panta rhei! Noch im Namen unseres Flusses Rhein, klingt diese uralte Weisheit nach, denn der ist nach demselben Wortstamm gebildet: rhei – Rhein, wenn man die Worte vor sich sieht, ist es noch deutlicher: der Rhein, der Fließende, der sich Wandelnde; wie wahr!

In meiner Kindheit – vor einem halben Jahrhundert: Kinder, wie die Zeit vergeht und verfließt! – war der Rhein auch schon schön, aber auch schön stinkig, stinkend nach Haushalt, nach Klo, nach Chemie; nicht nur die Schornsteine mussten rauchen sondern auch die Abwässer fließen; niemand wäre auf die Idee gekommen, in Biebrich, in Schierstein, oder auf der Rettbergsau, der Mariannenau, der Maaraue den Inselrhein auch als Badestätte zu genießen, heute hindert uns nur noch die Strömung oder der Schiffsverkehr daran, allzu sorglos im Rhein zu baden; krank machen würde er uns wohl nicht mehr, Fische und Vögel fühlen sich jedenfalls wieder wohl. Alles fließt, alles wandelt sich – nicht alles wandelt sich zum Schlechteren.

Ein paar hundert Kilometer flussaufwärts lässt sich wieder oder noch – alles fließt, alles wandelt sich, alles bleibt im Wandel – erleben, in Basel nämlich, wo die Menschen in den Fluss steigen, in ihm mitfließen, sich treiben lassen, sich selbst zum Treibgut machen, an der einen Stelle hinein und ein paar hundert Meter weiter hinaus, im Flussbadi – wie es in unseren nördlichen Ohren niedlich helvetisch klingt. Wenn man das als Besucher von weitem erlebt, die scheinbar hilflos im Wasser treibenden Menschlein als Punkte vom gegenüberliegenden Ufer sieht, denkt man erst an ein Unglück, möchte als ersten Impuls um Hilfe telefonieren, und erkennt nach einem Schreckmoment, dass die da zum Vergnügen sind, dass sie Spaß haben, und man lernt später, dass das, was sie da in Händen halten kein Rettungsgerät sondern der geniale Basler Wickelfisch ist, eine Trockentasche, die die Klamotten bis zum Ausstieg am anderen Ende der Stadt sicher verwahrt: Panta rhei; wenn schon alles fließt, muss aber noch lange nicht alles nass werden, denkt sich der patente Schweizer und verbindet das Vergnügen mit der Philosophie. Alles fließt und ich mit.

Panta rhei – was für ein starker Satz! Und das fließende Wasser – was für ein starkes Symbol! Mitreißend – und mitgerissen hat es uns ein wenig auch vom Predigttext, aber nur scheinbar fortgerissen. Denn da geht es nun einmal in einer Art hydrologischen Glaubenslehre um das Fließen von Strömen lebendigen Wassers, als Symbol des Wandels, des Lebens, der Kommunikation – das heißt ja „Geist“ – aus Christus; um das Fließen des Wassers – Jesus und sein Biograph Johannes werden Heraklit nicht gelesen haben – ich ja auch nicht, nur über ihn – aber beide benutzen dieselbe Vokabel, kommunizieren mit ihr mit uns, wie das Panta rhei, das noch den Rhein durchfließt.

Auf Flüssen und über Flüsse hinweg kommunizieren wir, zum Guten wie zum Bösen. Die Flüsse hinunter und hinauf ergaben, ergeben sich die Kulturkontakte; und über die Flüsse hinweg kreuz und quer haben unsere Vorfahren ihre Kulturkonflikte ausgekämpft: „Lieb Vaterland magst ruhig sein, fest steht die Wacht am Rhein“ – heute noch schön scheußlich in Stein gemeißelt, oben in Rüdesheim, im Niederwalddenkmal, darüber die Germania, die Siegeselse zum Gedenken an 1871, gerade einmal 150 Jahre her, mit stolzem Blick über den Rhein hinweg aus einer anderen Welt, weniger drohend und weniger martialisch als die Worte darunter, sie selbst vielmehr stolz und schön, eine starke Frau mit wehendem Haar, feministisches Statement, Frauenpower der Bismarckzeit, zumindest in der Bildsprache dieser Hauptfigur; ihrer französischen Schwester Marianne viel weniger unähnlich als gedacht. Mir gefällt sie, je öfter ich sie besuche und je länger ich sie kenne. Was hat sie uns zu sagen?

Unser Predigttext benutzt das Bild der Wasserströme um unsere Kommunikation zu zeigen; oft genug ist die gestört, gerade jetzt in diesen bösen Zeiten. Manches werden wieder neu lernen müssen nach der Pandemie; anderes haben wir neu eingeübt, auch zum Guten. Wenn wir nur vor dem Bildschirm sitzen ist das zwar Mist, aber besser als ganz allein zu sein; etwas Geist strömt da ja doch durch die bits und bytes unserer Daddelkisten.

Noch besser, viel besser aber ist es in direkten Kontakt zu treten, sich gegenseitig gegenwärtig zu werden, Geist zu spüren, Präsenz zu erleben. Das wird wieder passieren – und das ist schon wieder passiert. Das war ein besonderer Moment für mich, dass ihr den Vorstellungsgottesdienst präsent, gegenwärtig, real für und mit uns feiern konntet – nach so vielen Monaten vor dem Bildschirm Euch zu erleben, nicht nur als flimmerndes Bild oder schwarze Kachel. Euch gibt’s ja wirklich!

Und dass ihr euren Gottesdienst unter das Thema gestellt habt, das so viel für unseren Glauben bedeutet: Gerechtigkeit, die ja letztlich Regeln der Kommunikation betrifft! Gerechtigkeit: Wie gehen wir miteinander um, was verdient einer, was gehört sich, wie fließen unsere individuellen Lebensbächlein zusammen in den Strom der Gesellschaft.

Unser Predigttext heute bezieht sich direkt auf einen Text im Alten Testament, dem es wie so oft um nichts anderes geht als gerade das: Gerechtigkeit! Wie beziehen wir uns auf andere, wie kommunizieren wir, wie geht das: jedem das seine zukommen zu lassen (noch der beste Satz kann zum schlechtesten werden, den Schatten des Schreckens tragen); wie geht das, jedem und jeder gerecht zu werden. Gerechtigkeit ist Kommunikation – im weitesten Sinne – mit den anderen; wie bekommen wir es hin, dass jeder und jedem das ihm Gebührende zukommt, zufließt? Panta rhei, nun als Frage und als Aufgabe. Der Prophet Jesaja schreibt:

Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«. (Buch des Propheten Jesaja 58,9b-12)

Konfirmiert werden heißt – neben so vielem anderen, über das wir gesprochen haben – auch, dass ich mich als von Gott zur Gerechtigkeit beauftragt verstehe: die Ströme der Gerechtigkeit fließen zu lassen, dazu beitragen, Ungerechtigkeit in Gerechtigkeit zu verwandeln – und dadurch den Strom des Lebens durch mich fließen zu lassen. Was für eine Aufgabe, mit der wir heute – alle von uns, nicht nur die Konfirmanden – entlassen werden in den Strom des Lebens. Panta rhei. Amen.

Predigttext für Christi Himmelfahrt, 13. Mai 2021

Darum, nachdem auch ich gehört habe von dem Glauben bei euch an den Herrn Jesus und von eurer Liebe zu allen Heiligen, höre ich nicht auf, zu danken für euch, und gedenke euer in meinem Gebet, dass der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, euch gebe den Geist der Weisheit und der Offenbarung, ihn zu erkennen. Und er gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid, wie reich die Herrlichkeit seines Erbes für die Heiligen ist und wie überschwänglich groß seine Kraft an uns ist, die wir glauben durch die Wirkung seiner mächtigen Stärke. Mit ihr hat er an Christus gewirkt, als er ihn von den Toten auferweckt hat und eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und jeden Namen, der angerufen wird, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen.Und alles hat er unter seine Füße getan und hat ihn gesetzt der Gemeinde zum Haupt über alles, welche sein Leib ist, nämlich die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt. (Brief an die Epheser 1, 15-23)

Wer beherrscht den Himmel, wer regiert die Welt?

Was die Lufthoheit über den Stammtischen bei unseren lieben Nachbarn, den Bayern, ist, bedeutet die Eroberung des Weltraums durch die Supermächte und solche, die es werden wollen – jeder wie er kann und mag: was dem einen sin Ul, ist dem andern sin Nachtigall (auch beides sehr schöne Flugkörper!) – und da kann selbst die Schließung der Biergärten bei den einen und abstürzender Weltraumschrott der anderen die Aspirationen der Luft- und der Weltraum-Aspiranten nicht nachhaltig bremsen: per aspera ad astra. (Wer Ohren hat zu hören, der höre!) Die sichtbare Beherrschung des Himmels scheint jede Mühe zu rechtfertigen, denn wer den Himmel beherrscht, beherrscht die Welt, signalisiert Überlegenheit, demonstriert Dominanz. Und mit Schrecken und Trauer sehen wir gegenwärtig in den Nachrichten aus dem Heiligen Land, dass das auch eine militärische Logik darstellt. Wer den Himmel beherrscht, regiert die Welt.

Herrschaft des Himmels ist ein Symbol an der Grenze zwischen Politik und Religion; mit dem Himmelfahrtstag öffnen wir ein Kapitel politische Theologie; souverän ist, wer den Ausnahmezustand beherrscht und recht betrachtet ist die Welt eine Verkettung von Ausnahmezuständen. Für Weltherrschaftsaspiranten liegt es also nahe, den Stoff, der den Ausnahmezustand beherrschen lässt, nach einem berühmten Weltraumflugkörper zu benennen, dem berühmtesten, dem ersten menschengemachten Flugobjekt im Orbit: Sputnik! Himmelfahrt stellt die Machtfrage in letzter Konsequenz: Wer regiert den Himmel, wer regiert die Welt?

Geld regiert die Welt – hätten wir vielleicht früher geantwortet und lägen damit auch heute nicht ganz falsch. Geld schießt halt doch Tore, wie alle Bayernverächter, auch in dieser Saison wieder leidvoll erfahren mussten; und die Menge des eingesetzten Geldes hat einen, vielleicht den entscheidenden Einfluss, wie der große und scheußliche Ausnahmezustand Pandemie bewältigt werden kann; das gilt wohl für reiche Menschen und reiche Länder gleichermaßen. Geld regiert die Welt. Da ist was dran.

Aber Vorsicht: Dass Geld die Welt regiert, sagen und benutzen ja auch die Verschwörungsmythiker und Lügenerzähler, wenn sie den vielleicht nicht ganz falschen Satz isolieren und variieren, aufblähen und mit ihren versammelten Vorurteilen beladen und wenn dann am Ende im besten Fall Quatsch mit Soße – und im schlimmen Fall Quatsch mit brauner Soße hinten rauskommt, was für eine Metapher!

Wer regiert die Welt? Im vergangenen Jahr ist eine neue Antwort dazukommen, die einige Evidenz für sich hat: Mikroben, Bakterien, Pilze und vor allem Viren regieren die Welt und uns in ihr. Das uns allen bis zum Überdruss bekannte Virus, das ich aus lauter Verachtung am liebsten Bazillus nenne, diktiert seit einem Jahr ziemlich souverän den Ausnahmezustand und bestimmt die Bedingungen unseres Lebens – und Sterbens. Unvorstellbar, dass dieses etwas, das biologisch noch nicht mal den Namen Lebewesen verdient und von denen alle, die gleichzeitig existieren, in eine Cola-Dose passen – dicke in eine Cola-Dose passen! (wie ein britischer Mathematiker nachgerechnet hat, der muss es wissen) –unser Leben bestimmt und millionenfach frühzeitig qualvoll beendet. Hat das Kronenvirus – Nomen est omen! – uns, Krone der Schöpfung, entthront?

Oder wird es am Ende doch der Mensch sein, der die Welt regiert, vielleicht sogar zum Guten hin regiert: in seinen großartigen Wissenschaftlern, den unermüdlichen Medizinern, auch in den politischen Entscheidungsträgern, die – genau betrachtet – viel mehr richtig machen, als dass sie falschen machen, und jedenfalls das meiste besser als wir Meckerer das je hinbekommen hätten. (Wir erinnern uns an den prophetischen Satz des großen Bjarne Mädel vor einem Jahr: Wenn alle immer nur meckern, können wir sowas wie Corona nicht mehr machen.) Allein unsere Sehnsucht auf die Rückkehr in unser altes Leben, das aber doch diesen Ausnahmezustand zuerst ermöglicht oder zumindest begünstigt hat, spricht gegen uns.

Wer regiert? Die Vielzahl möglicher Weltregenten muss auch Zweifel daran säen, dass die Welt überhaupt regiert wird, ob sie nicht bloß in einem grandiosen chaotischen Taumel durch die unendlichen Weiten des Alls stürzt ihrem Ende entgegen – und da ist es nur ein schwacher Trost, dass dieses Ende ein paar Milliarden Jahre entfernt ist. Vielleicht regiert da gar niemand, auch der Himmel wäre leer: Above us only sky, wie John Lennon sang. Hat er recht?

So wie die Himmelfahrt solche Gedanken in Gang setzt, setzt sie ihnen auch etwas entgegen: die geglaubte Herrschaft Christi über die Welt. Sie behauptet trotz der spektakulären Ursprungserzählung des Lukas, dass es allererst den Geist der Weisheit und der Offenbarung braucht, dass es erleuchteter Augen des Herzens bedarf, um das Geschehen zu verstehen und das wahre Weltregiment zu erkennen. Himmelfahrt berichtet kein historisches Ereignis und beschreibt keine Gesetze der Natur: Himmelfahrt ist eine starke Behauptung ohne schwachen Beweis – ins Blaue des Himmels hinein, ohne den Geist der Weisheit und der Offenbarung bleibt sie verborgen, ohne erleuchtete Augen des Herzens sehen wir: – nichts.

Aber mit dem Geist der Weisheit und der Offenbarung und durch die erleuchteten Augen des Herzens entfaltet die Himmelfahrtsbotschaft die Wirkung seiner mächtigen Stärke: Sie hat die Macht, alle Weltherrschaftsansprüche zu entmächtigen; kein Geld, keine Mikrobe, kein Mensch, oder was sonst immer Ansprüche über uns anmeldet, weder alle Reiche, noch Gewalt, Macht, Herrschaft, noch jeder Name, der angerufen wird, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen – hat letztlich Macht über uns; weil Christus der Auferstandene der Herr ist, über uns und die ganze Welt.

Die Himmelfahrtsbotschaft ist ein bisschen so wie der Ratschlag an die Prüflinge sich ihre Prüfer nackt vorzustellen, um sie – lächerlich geworden – ihrer Macht zu entkleiden. Der Kaiser ist nackt! Warum sollten wir ihn fürchten? Alle und alles, was uns beherrschen will, sie mögen uns in ihrer aufgeblasenen Mächtigkeit einschüchtern und bedrohen, Macht haben sie nicht, nicht mehr! – wenn und solange wir mit den erleuchteten Augen des Herzens die Wahrheit des Auferstandenen und in den Himmel Gefahrenen wahrnehmen: Alles hat Gott unter dessen Füße getan, an den wir glauben. Amen.

Predigttext für den Sonntag Rogate, 9. Mai 2021

Gott hilft dem Armen ohne Ansehen der Person und erhört das Gebet des Unterdrückten. Er verachtet das Flehen der Waisen nicht noch die Witwe, wenn sie ihre Klage erhebt. Laufen ihr nicht die Tränen die Wangen hinunter, und richtet sich ihr Schreien nicht gegen den, der die Tränen fließen lässt? Wer Gott dient, den nimmt er mit Wohlgefallen an, und sein Gebet reicht bis in die Wolken. Das Gebet eines Demütigen dringt durch die Wolken, doch bis es dort ist, bleibt er ohne Trost, und er lässt nicht nach, bis der Höchste sich seiner annimmt und den Gerechten ihr Recht zuspricht und Gericht hält.
(Buch Jesus Sirach 35,16-22a)

„Wenn et Bedde sich lohne däät, wat meinste wohl,
Wat ich dann bedde däät.“

Sang Wolfgang Niedecken und spielte seine Kölsch-Combo BAP im Jahr 1982 und brachte damit auf den Punkt, worin für viele das Problem des Betens besteht: Lohnt sich Beten überhaupt? Hat Beten Sinn?

Wenn sich das Beten lohnte, was meinst Du wohl, was ich dann beten würde.
Eigentlich verbirgt und enthüllt sich hinter diesem Liedvers nicht nur bloß ein Problem sondern sogar ein doppeltes, oder gleich mehrere: Zunächst stellt er – wie wir oft genug ja auch – in Frage, ob da überhaupt jemand ist, der uns zuhört, und wenn da einer wäre, der uns zuhört, ob er uns überhaupt helfen könnte oder wollte. Was, wenn uns keiner hört? Was, wenn uns einer hört, der nicht helfen kann? Was, wenn uns einer hört, der nicht helfen will? Solange das Gebet nicht durch die Wolken – auch durch die Wolken unserer Zweifel – gedrungen ist, sagt Sirach, bleibt der Beter ohne Trost. Das weiß der Predigttext aus dem Buch Jesus Sirach, vom Rand der Bibel; aber er meint noch viel mehr zu wissen.

Jesus Sirach meint zu wissen – er glaubt!- , dass Gott unsere Gebete erhört, dass er helfen kann und helfen will; und zwar vor allem denen, die es besonders nötig haben: den Armen und Unterdrückten, den Waisen und Witwen, den Weinenden und Klagenden, den Demütigen und denen, denen Unrecht getan wird; kurz – und wieder in den Worten des Kölschen Poeten und Sängers, der beten würde, wenn es sich lohnen täte: Für all dat, wo der Wurm drin, für all dat, wat mich immer schon quält, Für all dat, wat sich wohl niemohls ändert.

In Sirachs und Niedeckens Worten – aber das könnte man an jedem Gebet zeigen, nicht zuletzt am Vaterunser, dem christlichen Goldstandart des Gebets – äußert sich eine konkrete Utopie einer besseren, einer von Gott verbesserten Welt: tägliches Brot, Vergebung der Sünden, Erlösung vom Bösen – das Reich Gottes eben: Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden!

Und genau darin zeigt sich die Wahrheit des Betens – auch gegenüber solch fromm unfrommen Betern wie unserem Kölschrocker: Die Erfüllung unserer Gebetsanliegen liegt in Gottes Hand – nicht in unseren Händen. Wir beten für das, was wir eben nicht selbst ändern und herbeiführen können. Wir beten für das, was wir uns als Veränderung und Verbesserung unserer Welt wünschen, das wir aber einem größeren und stärkeren und besseren überlassen müssen, als wir das sind; wir beten für das, für das wir nur beten können, weil wir es selbst nicht zu tun und zu machen hinkriegen: Wenn ich mehr als bloß beten könnte, was meinst Du wohl, was ich dann machen würde.

Das Gebet zeigt uns als Bittende vor Gott; Luther sagt: Wir sind Bettler! (seine als letzte überlieferten Worte!). Als Betende erkennen wir – und wir erkennen sie an – die Grenzen als Menschen, die Grenzen unserer Möglichkeiten: Das Gebet eines Demütigen dringt durch die Wolken. Und das wäre ja schon ein nicht geringer Lohn unseres Betens; wenn es um Lohn ginge und das Beten sich lohnen müsste, was es tut aber natürlich nicht muss. Beten lohnt sich, weil es uns demütig vor Gott macht, ohne dass uns Gott demütigen wollte; sondern – ganz im Gegenteil – indem Gott uns erhört, annimmt, mit Wohlgefallen annimmt und gerecht macht – wie es Sirach ganz zurecht sagt.

Noch in den ungebeteten Gebetsanliegen des Wolfgang Niedecken lässt sich die Sehnsucht nach einer höheren Gerechtigkeit, nach einer intensiveren Barmherzigkeit, nach einer besseren Solidarität vernehmen, nach Frieden und Liebe, nach Aufmerksamkeit für die Mühseligen und Beladenen, die dem Sänger als menschlich unerreichbar erscheinen, welche die Beter aber von Gott erwarten und ihrer Meinung nach von Gott erwarten können: Ich däät bedde für Sand em Jetriebe, un jed Klofrau kräät Riesenapplaus. Övverhaup jeder Unmengen Liebe un dä Sysiphus nit nur en Paus. Däät die Rubel bremse, die rolle, Kroonjuwele verbanne nohm Schrott, leet all Jrenze un Schranke verschwinde, jede Speer, jed Jewehr, jed’ Schafott.

Und hier könnte sich dann – wenn es darum ginge, aber darum geht’s ja gar nicht – ein zweiter Lohn des Betens ergeben – nach dem ersten Lohn der Selbsterkenntnis vor Gott – nun der zweite, dass der Beter sich über die gerechten und guten Gebetsanliegen Gedanken macht, sie sortiert für sich, was wichtig und was dringlich ist – dabei manches entrümpeln und aussortieren kann – und vielleicht sogar unter den Gebetsanliegen manches entdeckt, was er zwar auch Gott vortragen kann, weil man alles Gott vortragen kann, aber vielleicht sogar selbst Hand anlegen kann und sollte – etwa im eigenen, persönlichen Umgang mit denen am Rand, auf der Suche nach Gerechtigkeit mit denen, die einem anvertraut sind. Da ließe sich schon dran arbeiten – auch noch vor Anbruch des Gottesreiches. Ora et labora, sagten die Mönche. Bete und arbeite! Es gibt immer was zu tun.

Heute aber soll es ums Gebet gehen und da kann es leider nicht nur um seinen Sinn und seinen Lohn gehen – um den es ja eigentlich sowieso nicht geht – , sondern da muss es auch um die falschen, die missglückten, die geradezu lästerlichen Gebete gehen, in denen wir uns an Gott und unseren Mitmenschen vergreifen. Noch am schlimmsten Gebet kann man was lernen.

Jesus Sirach führt das, also wie man nicht beten soll, – kaum willentlich – im unmittelbaren Fortgang unseres Predigttextes vor: Der Herr wird nicht säumen noch Langmut zeigen, bis er den Unbarmherzigen die Lenden zerschmettert. Auch an den Heiden wird er Vergeltung üben, bis er die Menge der Frevler vernichtet und die Zepter der Ungerechten zerbricht, bis er dem Menschen nach seinen Taten vergilt und die Werke der Menschen nach ihren Plänen, bis er seinem Volk Recht schafft und es erfreut mit seiner Barmherzigkeit. (Buch Jesus Sirach 35,22b-25)

Es mag Situationen geben – nein, es gibt Situationen, Grenzsituationen, in denen die Verzweiflung vor meinen Peinigern und die Angst vor meinen Feinden solches Reden – ja solches Beten – hervorruft. Wir lesen und hören das ja auch immer wieder in den Psalmen, in denen der Beter in ärgster Bedrängnis und größter Not, die Hand Gottes gegen seine Feinde erbittet. Aber wir hätten kaum ein Recht hier mitzubeten, außer wir erlebten selbst gerade solche Gewalt; als misshandeltes Kind, als Missbrauchsopfer, als Frau, der Gewalt angetan wird, als Schwächerer unter den Prügeln vieler, als Gefangener unter der Folter, – die hätten und haben jedes Recht sich an Gott zu wenden, auch mit der Bitte, die Peiniger zu beseitigen, ihnen zu schaden, um sie unschädlich zu machen.

Aber die Worte des Sirach scheinen eine solche Grenzsituation nicht vorauszusetzen. Sie sind dafür viel zu allgemein und formelhaft. Es scheint sich in ihnen viel mehr um den größten möglichen Gebetsfehler zu handeln, der einem unterlaufen kann, nämlich um das Gebet nur für die eigenen Interessen, die ich über die der anderen stelle; die ich so sehr über die der anderen stelle, dass mir deren Ergehen nicht nur egal ist, sondern dass ich sie zum Teufel wünsche um meines Vorteils willen; dass ich Rache als Gerechtigkeit missverstehe und auch noch von Gott fordere und indem ich mich in Hochmut über andere erhebe. Das kann nicht Sinn und Recht des Gebets sein, und selbst der wunderbare Schlusssatz unter unseren Abschnitt kann uns nur halb mit Jesus Sirach versöhnen: Sein Erbarmen erquickt in der Zeit der Not wie Regenwolken in der Zeit der Dürre. (Buch Jesus Sirach 35,26)

Diese Fehler des Gebetsegoismus und der Rachephantasie unterlaufen dem kölschen Sänger übrigens nicht, obwohl ihm fraglos klar ist, dass es auch Verantwortliche und Schuldige für die Missstände gibt, die er beklagt und sich wegwünscht – all dat, wo der Wurm drin, all dat, wat mich immer schon quält, all dat, wat sich wohl niemohls ändert. Von Rache und Vergeltung singt Niedecken dennoch nicht.

Aber er meint wohl – wie wir das auch oft meinen – dass der Sinn des Gebets in einem Lohn, also womöglich in der Erfüllung meines Gebetswunsches bestehen könnte und sogar müsste. Das aber ist nicht der Fall. Meine Stellung vor Gott und neben meinen Mitmenschen verbietet, die Erfüllung meines Wunsches für die Erhörung meines Gebetes zu halten. Nicht mein Wille sondern dein Wille geschehe! Damit ist das Gebet – neben allem anderen – eine Übung zum Widerstand gegen die Marktförmigkeit des Glaubens: Ich gebe das Gebet und erwarte dafür, das zu bekommen, was ich erbeten habe. (Und ich bin mir sicher, dass Wolfgang Niedecken gerade das verstehen würde!) Beten lohnt sich aber in diesem marktförmigen Sinne nicht, Glauben auch nicht. Genau darin besteht ihr Sinn. Genau darin liegt ihr Wert.

Dennoch ist das Gebet auch kein Selbstgespräch, sondern indem ich vor Gott meine Anliegen benenne, gebe ich mir die Chance, mit Gott ins Gespräch zu kommen. Ich vertraue im Glauben darauf, dass es zu ihm durch die Wolken dringt, und empfange Gottes Erbarmen, ohne es für den Lohn meines Gebets zu halten: Das Gebet eines Demütigen dringt durch die Wolken; und: Gottes Erbarmen erquickt in der Zeit der Not wie Regenwolken in der Zeit der Dürre. Amen.

Predigttext für den Sonntag Jubilate, 25. April 2021

Als aber Paulus in Athen auf sie [nämlich auf seine Mitarbeiter Silas und Timotheus] wartete, ergrimmte sein Geist in ihm, da er die Stadt voller Götzenbilder sah. Und er redete zu den Juden und den Gottesfürchtigen in der Synagoge und täglich auf dem Markt zu denen, die sich einfanden. Einige Philosophen aber, Epikureer und Stoiker, stritten mit ihm. Und einige von ihnen sprachen: Was will dieser Schwätzer sagen? Andere aber: Es sieht aus, als wolle er fremde Götter verkündigen. Denn er verkündigte das Evangelium von Jesus und von der Auferstehung. Sie nahmen ihn aber mit und führten ihn auf den Areopag und sprachen: Können wir erfahren, was das für eine neue Lehre ist, die du lehrst? Denn du bringst etwas Neues vor unsere Ohren; nun wollen wir gerne wissen, was das ist. Alle Athener nämlich, auch die Fremden, die bei ihnen wohnten, hatten nichts anderes im Sinn, als etwas Neues zu sagen oder zu hören.

Paulus aber stand mitten auf dem Areopag und sprach: Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt. Denn ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt. Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darinnen ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind. Auch lässt er sich nicht von Menschenhänden dienen wie einer, der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt. Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen, dass sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts. Da wir nun göttlichen Geschlechts sind, sollen wir nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht. Zwar hat Gott über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber gebietet er den Menschen, dass alle an allen Enden Buße tun. Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er richten will den Erdkreis mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat und den er vor allen Menschen bestätigt hat, indem er ihn von den Toten auferweckt hat. Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, begannen die einen zu spotten; die andern aber sprachen: Wir wollen dich darüber ein andermal weiterhören. So ging Paulus weg aus ihrer Mitte. Einige Männer aber schlossen sich ihm an und wurden gläubig; unter ihnen war auch Dionysius, einer aus dem Rat, und eine Frau mit Namen Damaris und andere mit ihnen. (Apostelgeschichte des Lukas 17, 16-34)

Mein Chorbruder aus Weiterstadt, aus dessen Händen Sie Ihren Sonntagsspargel empfangen, hat in einem der besonders harmonischen Momente – so viele gabs davon nicht – während der Probe im Überschwang gesagt, dass man für die besten Chorlieder Latein brauche, dass sei das einzig Wahre.

Auch wenn dem jetzt nicht alle unbedingt zustimmen – die Matthäuspassion ist ja auch recht gelungen – möchte ich das Urteil eines wahren Kenners im Überschwang des Jubelsonntags Jubilate dahingehend erweitern, dass wahre Philosophie ebenfalls der Lateinischen Sprache bedarf. Und weil es heute, wie wir gehört haben um Philosophie geht, beginnen wir mal auf Latein.

Si tacuisses, philosophus mansisses. Hättest Du geschwiegen, wärst du ein Philosoph geblieben. Dieses lateinische Sprichwort, das sich nicht nur wegen der schönen auffälligen irrealen Konjunktive seit Schulzeiten in Erinnerung behält, möchte man z.B. gerne den 53 Schauspielern zurufen, die sich in der vergangenen Woche mit einer unsäglichen Aktion gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung blamiert haben: so selbstbezogen, so platt, so unlustig, so zynisch und abgehoben hätte man sie sich nicht gedacht, unsere Fernsehlieblinge; aber sie zeigen vor allem, dass sie witzig und pfiffig wohl nur bei guten Drehbüchern rüberkommen; dass sie in ihrer unheimlich verwöhnten Blase nicht mitbekommen zu haben scheinen, dass bisher allein in unserem Land weit über 80.000 Menschen und die meisten davon einen qualvollen Erstickungstod gestorben sind und viele, viele mehr persönlich oder durch Angehörige betroffen und Leidtragende dieser scheußlichen Plage geworden sind, gegen die sich zu wehren, jede Anstrengung wert ist; die Schauspieler zeigen, dass sie nicht mitbekommen haben, was gerade passiert und in welcher Zeit wir leben und sind genau darin das, was sie ausdrücklich vorgeben nicht zu sein: Corona-Leugner, Gesinnungsgenossen der Querdenker und Aluhütler, haltlose Schwätzer.

Si tacuisses, philosophus mansisses – Hättet ihr geschwiegen, hätte man euch weiterhin für witzig und spritzig, für verständig und sympathisch halten können.

Dabei taugt unser schönes lateinisches Sprichwort keineswegs als Leitlinie und Wahlspruch für alle Lebenslagen, wonach Ruhe dann wohl die erste Bürgerpflicht wäre. Manchmal muss man durchaus den Mund aufmachen, etwas riskieren, auch Missverständnisse riskieren um Missverhältnisse zu markieren. Manchmal muss man sich was trauen und dann heißt es auf gut Kölsch: Arsch huh Zeng ussenander! Hintern hoch und Zähne auseinander – und laut werden für die, denen Unrecht passiert; laut werden für die zu Unrecht Verfolgten, laut werden für die Gewalt Leidenden, laut werden für die Gerechtigkeit und die Wahrheit.

Manchmal muss man sich was trauen: Wenn gerade alles schief läuft, muss man sich was trauen wie vor 500 Jahren, ziemlich genau im April vor 500 Jahren 1521, als sich ein Augustinermönch aus dem wilden Sachsen sich was traut vor Kaiser und Reich, auf dem Reichstag in der alten Römerstadt Worms was traut und widersteht und widerspricht: Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Luther traut sich was – und zwar nicht nur um der durch die mittelalterliche Kirche unterdrückten Wahrheit des Evangeliums sondern auch um der Gerechtigkeit der zu Unrecht Verfolgten und Verfemten willen, die wie Luther in Acht und Bann um ihr Leben fürchten müssen. Der Wormser Moment verdichtet den reformatorischen Kampf um Glaubenswahrheit und Gewissensfreiheit in eine ikonische Szene.

Manchmal muss man sich was trauen: Auch Paulus traut sich was. Der Evangelist und Apostelgeschichtsschreiber Lukas verdichtet hier einen Athener Moment in der berühmten Areopagszene und zeigt Begegnung und Konfrontation der Wahrheit des Evangeliums mit dem weltlich philosophischen Wissen seiner Zeit, das die griechische Kultur in der römischen Welt immer noch prägt. Paulus traut sich was.

In der von Lukas gestalteten, wenn nicht erfundenen, aber wenn dann gut erfundenen Szene stellt Paulus die Athener in Athen, er fordert sie heraus in ihrer eigenen Stadt, immerhin immer noch der Kulturhauptstadt der antiken Welt, trotz allmählich verblassenden Ruhms immer noch damals zu Paulus Zeiten der Nabel der geistigen Welt. Paulus traut sich was.

Welten treffen aufeinander: hier Athen und da Paulus der Anatolier mit sicherlich für die Athener merkwürdigem Akzent und Aussehen, Außenseiter, kein Spitzenreiter sondern Hinterwäldler – Ossi, wenn man die Athener für Wessis halten mag – römischer Bürger zwar, aber gebürtiger Jude und getaufter Christ vom fernen östlichen Rand des Mittelmeers; Apostel eines noch ganz und gar obskuren und marginalen Kultes, hervorgegangen aus einer obskuren und marginalen Religion; gesendet mehr aus eigenem Antrieb als durch äußere Autorität; kein Philosoph selbst sondern philosophischer Dilettant, Autodidakt, die kennt man, das sind die schlimmsten, die Autodidakten: Besserwisser, Rechthaber, Schwätzer, die sich hier und da etwas herauspicken, halb verdauen und dann unverständig als der Weisheit letzter Schluss zum Besten geben.

Solche Schwätzer und Körnerpicker entscheiden sich ja auch in der gegenwärtigen Krise immer wieder gegen das Schweigen und für das Geschwätz, leider: Hätten sie geschwiegen, dann hätte man sie weiterhin für voll nehmen können, die Philosophen und Ökonomen und Soziologen, die mit scheinklugen Reden uns beeindrucken und das Virus wegerklären wollen. Das aber lässt sich von solchem Geschwätz nicht beeindrucken. Wir manchmal leider schon.

So aber verspotten die im Text genannten Epikuräer und Stoiker den Paulus als Schwätzer, wörtlich als Körnerpicker und witzigerweise erinnert dieses Spottwort im Griechischen – spermalogos – an eine wichtige Lehre der stoischen Philosophie – an den logos spermatikos – nämlich an das sich in allem Lebendigen verstreuende Schöpfungsprinzip; göttlicher Geist und göttliches Wort, das alles durchdringt (übrigens nicht Tat, hier irrte Goethe).

Und genau daran, an diese Lehre, scheint Paulus in den Worten des Lukas anzuknüpfen, in dem er tatsächlich weitere Körner und Brocken, weitere Ideen und Wörter aufnimmt, um sie nun aber in seine ganz eigenen und ganz anderen Gedanken als die der Philosophen hineinzubinden. Deshalb kann nicht erstaunen, dass diese ihm am Ende das Wort abschneiden, bzw. die etwas Höflicheren das Gespräch zumindest scheinbar vertagen. Wenn der Pseudophilosoph, der Sokratesdarsteller – auch er ein Schauspieler in der falschen Rolle! – der Paulus in den Augen und Ohren der Stoiker und vermutlich mehr noch der Epikuräer ist, wenn er nicht schweigen will, muss man ihn zum Schweigen bringen.

Dabei hatte der Paulus in den Worten des Lukas durchaus Wesentliches der stoischen Philosophie aufgepickt und in seine christliche Verkündigung hineinverdaut: Wenn er vom unbekannten Gott spricht, der nicht in von Menschen gemachten Bildern verehrt werden kann; und mehr noch, wenn er den logos spermatikos in dem Dichterwort aufnimmt, dass wir Menschen in dem unbekannten, alles durchdringenden Gott leben und insofern seiner, also göttlicher Art sind: Denn in ihm leben, weben und sind wir; Wir sind seines Geschlechts.

Es geht dem Paulus hier nicht um eine Stoizisierung, oder allgemeiner um eine Hellenisierung des Christentums, wie ihm oft vorgeworfen wird, sondern im Gegenteil um eine Christianisierung des Griechentums, also um eine Taufe stoisch-griechischer Gedanken; z.B. wenn er das eigentlich pantheistisch gemeinte Motiv, auf das Leben der Christen in Christus anwendet aber dabei natürlich völlig umdeutet: In ihm – also in Christus, und zwar in Christus als Auferstandenem! – leben, weben und sind wir; oder in des Paulus eigenen Worten: Ist jemand in Christus, dann ist er eine neue Kreatur; siehe Neues ist geworden

War Paulus erfolgreich mit seiner Rede in Athen auf dem Areopag, dem Arishügel, ein Steinwurf entfernt vom Parthenon, dem Tempel der jungfräulichen Athene, der Göttin der wehrhaften Weisheit, also der Sophia, die ihre Freunde, die Philosophen bis heute anzieht (da sollten wir auch mal hin als Gemeinde auf Gemeindefahrt nach Athen, wenn das wieder geht!) um sich herum schart und versammelt?

Eher nicht, denn er mag den einen Dionysos vom Areopag überzeugt haben und die eine Damaris und ein paar andere – insgesamt sind sie aber, die griechischen und die meisten anderen Philosophen – und man kann sagen bis heute – bei ihrer Lehre geblieben; stoische Gedanken sind immer noch populär, gerade jetzt; und der hedonistische Atheismus als Leitreligion unserer Zeit lässt sich durchaus auf die Lehren der Epikuräer zurückführen.

Und doch ist es gut, dass Paulus damals auf dem Areopag nicht geschwiegen hat, dass er sich den Philosophen seiner Zeit gestellt hat, was diese zwar nicht überzeugen konnte, was uns Christen aber die Philosophie zur Verfügung gestellt hat, durchaus als Körnerpicker, was sage ich: als Rosinensucher und cherry picker der Philosophie; aber hoffentlich nicht immer als Schwätzer; was uns Christen die Philosophie als Landkarte und Werkzeugkasten, als Wörterbuch und Bildersammlung zur Verfügung gestellt hat, damit wir mehr und mehr als Gottsuchende das Geheimnis Gottes ergründen; des Gottes, der trotz aller unserer Gedanken, auch der allerklügsten, niemals aufhört das Geheimnis der Welt zu sein: Denn in ihm leben, weben und sind wir. Amen.

Selten hat der Kanzelsegen so gut gepasst wie heute:

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Predigttext für den Sonntag Quasimodogeniti, 1. Sonntag nach Ostern, 11. April 2021

Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See von Tiberias. Er offenbarte sich aber so: Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sprechen zu ihm: Wir kommen mit dir. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts. Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten’s nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische. Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte: »Es ist der Herr«, da gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich in den See. Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen. Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und Fisch darauf und Brot. Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! Simon Petrus stieg herauf und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht. Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten: Es ist der Herr. Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt’s ihnen, desgleichen auch den Fisch. Das ist nun das dritte Mal, dass sich Jesus den Jüngern offenbarte, nachdem er von den Toten auferstanden war. (Evangelium des Johannes 21, 1-14)

Wenn man dieser Tage nicht gerade im Krankenhaus oder im Supermarkt beschäftigt ist, auch nicht zufällig im Bundekanzleramt benötigt wird, kann einem die Zeit lang, manchmal sehr lang werden. Vieles, was wir sonst täten, geht halt nicht. Also suchen wir uns andere Beschäftigungen: Kelleraufräumen, im Garten Wühlen, Yoga Turnen, Vogelstimmen Lernen, den Sternenhimmel Betrachten. Nicht alles macht gleich viel Spaß, aber manches ist toll und das meiste allemal sinnvoller als sich eine Corona-Kugel anzufuttern oder den Weinkeller zu leeren.

Unser Nachbar und mein lieber Kollege von der Bergkirche hat zum Beispiel ganz begeistert von seinem Angelschein erzählt, den er vor kurzem gemacht hat und er verbringt nun ungefüllte Pandemiestunden am Teich und fängt Fische. Das muss der ihm nicht neiden, der seine Begeisterung nicht teilt und die Angelei für den unerreichten Gipfel der Langeweile hält, aber ihm tut es gut und er kann sich für sein neues Hobby zurechnen, dass es einen engen Bezug zum Leben Jesu und seiner Jünger hat, die aus Fischern zu Menschenfischern wurden: Petri Heil!

Auch in unserer nachösterlichen Geschichte heute geht es um Fischer und Menschenfischer: Ich gehe fischen, sagt Petrus und die anderen antworten: Wir kommen mit dir. Auch sie erleben gerade so einen merkwürdigen Schwebezustand, den wir gut kennen, in dem das Leben weitergeht aber nicht richtig wie vorher und man auch nicht weiß, wie es weitergehen wird. Das Ich gehe fischen des Petrus könnte auch aus Langeweile gesprochen sein, oder aus dem Gefühl, das wir ganz gut kennen, dass wir irgendwas halt tun müssen, warum nicht fischen; besser als rumsitzen!Und so wie viele unserer Pandemiehobbies nicht nur den Sinn haben, die Zeit zu vertreiben, sondern auch Normalität vorzubereiten oder zumindest Normalität zu spielen – Haus, Garten und Körper Aufräumen oder die Natur Betrachten sind geradezu erschreckend normal – hat ja auch die Idee des Fischers und Menschenfischers Petrus – Ich gehe fischen – ganz und gar nichts Unnormales an sich: ein Fischer geht fischen; was denn sonst?

Die geradezu bestürzend normale Idee des Petrus setzt aber eine Folge von Ereignissen in Gang, die alles andere als erwartbar ist; d.h. zunächst schon, denn dass Fischer auch mal nichts fangen, gehört zum Berufsrisiko, kommt also vor; damit muss gerechnet werden. Wenn es einen Grund gibt für die Faszination des Angelns, dürfte es ja gerade der nicht völlig vorhersagbare Erfolg oder Misserfolg sein – der aber bei der berufsmäßigen Fischerei zur existentiellen Bedrohung werden kann, wenn etwa Überfischung oder Klimawandel oder Fischereiverträge mit für mich ungünstigen Fangquoten zu dauerhaftem Misserfolg führt.

Von alldem ist gar nicht die Rede, wohl aber von einem zunächst unbekannten, unerkannten Ratgeber – auch die finden sich mit ihren wertvollen aber ungebeten Tipps unweigerlich ein, wenn einer angelt. Dieser Ratgeber hier fordert Petrus und die seinen auf, es halt noch einmal zu versuchen. Auch sein Tipp folgt nicht gerade den Regeln der Fischereiwissenschaft (kann man sogar studieren) denn es ist schon Morgen und damit nicht mehr die rechte Zeit fürs Netze Auswerfen. Petrus und die seinen folgen dennoch dem Rat, sie haben ja nichts Besseres zu tun und dann passiert es: Das Netz ist übervoll, genau 153 Fische haben sie gefangen!

Die Zahl 153 ist hier sicherlich symbolisch gemeint und ohnehin eine faszinierende Zahl; allein schon mathematisch: sie ist die Dreieckszahl zur Basis 17, das heißt, sie entspricht der Summe der Zahlen von 1 bis 17; sie ist außerdem die Summe der Fakultäten von 1 bis 5; sie ist die kleinste Zahl deren Summe der Kuben ihrer einzelnen Ziffern wieder 153 ergibt: 1+125+27=153; sie ist die Summe aus 144, dem 12. Funktionswert der Fibonacci-Folge und der Quersumme von 144 (Quelle: Wikipedia zu Hunderdreiundfünfzig). Auch wenn man eigentlich – wie ich – keine Ahnung von Mathematik hat – worauf ich nicht stolz bin – kann sie einen faszinieren.

Auch biblisch-religiös fasziniert diese Zahl, nicht zuletzt wegen unserer Geschichte: Der Kirchenvater Hieronymus erwähnt in Auslegung von Hesekiel 47 unter Berufung auf unsere Stelle, dass griechische Zoologen seiner Zeit die Zahl aller Fischarten mit 153 angäben. An diesem Prophetenwort wird von einem reichen Fischfang berichtet, zwischen den Orten En Gedi und En Eglajim, wobei der Zahlenwert von Gedi 17, der von Eglajim 153 ist.

Insgesamt kann man davon ausgehen, dass die 153 hier einen überaus reichen Fang symbolisiert; und zwar nicht nur als Fischfang, sondern als Menschenfischfang. Hier in der nachösterlichen Geschichte zeigt sich gleichnishaft die Aufgabe der Jünger: Werft das Netz aus! Oder in den letzten Worten des Auferstandenen nach Matthäus: Gehet hin und lehret alle Völker, taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende (Matthäus 28,20).

Außer mit dem Auftrag das Netz auszuwerfen und Menschen zu fischen, beschäftigt sich unsere Geschichte mit dem schwierigen Problem der nachösterlichen Anwesenheit bzw. Abwesenheit des Herrn Jesus. Wie durchweg wird Jesus auch hier am See Genezareth in seinem Auferstehungsleib nicht gleich erkannt, seine Gestalt ist fremd, er ist zwar leiblich da, aber nicht in dem Leib, den seine engsten Vertrauten kennen; d.h. der irdische Jesus, wie er bis zu seinem Kreuzestod gelebt hat, lebt nicht mehr. Sein gewohntes, bisheriges Leben ist vorbei – aber in einem neuen Leib, in einem neuen Leben ist er bei uns alle Tage bis an der Welt Ende.

Anwesend ist der abwesende Jesus in seiner Gastfreundschaft, in seiner Hilfsbereitschaft zum gelingenden Leben, in seinem Wort und in seinem Sakrament: Kommt und haltet das Mahl! Umso schmerzhafter trifft uns der Verzicht auf das gemeinsame Mahl in diesen Zeiten; der Verzicht auf das Mahl mit den Freunden, die wir nicht treffen können, aber auch das Mahl in der Gemeinde, das wir nun bis auf wenigste Ausnahmen seit gut einem Jahr nicht mehr in der Gemeinde gefeiert haben. Heißt das, dass wir Jesus, dem Herrn, nicht begegnen?

Hoffentlich nicht, denn das steht ja auch in unserer Geschichte, dass wir Jesus begegnen – nein: dass Jesus uns aufsucht! – an Orten und zu Zeiten, an denen wir das nicht erwarten; an denen wir ihn zuerst gar nicht bemerken; an denen wir nie und nimmer mit ihm gerechnet hätten. Warum sollte er uns eigentlich nicht in diesem seltsamen Schwebezustand begegnen können und wollen, in dem wir uns gerade befinden; in dem wir nicht wissen wie es weitergeht und in dem wir nicht wissen, wann er ein Ende hat.

Das sollen wir heute hören: Es wird den Moment geben, dass Jesus uns aufsucht, völlig unerwartet, unerkannt, aber doch so, dass wir hören und verstehen: Werft das Netz aus! Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! Kommt und haltet das Mahl! Amen.

Predigttext für Ostermontag 2021, 5.4.2021

Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln. Und ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen? Und niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun noch es sehen. Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen. Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel. Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Wesen und mitten unter den Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet; es hatte sieben Hörner und sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes, gesandt in alle Lande. Und es kam und nahm das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß.

Und als es das Buch nahm, da fielen die vier Wesen und die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem Lamm, und ein jeder hatte eine Harfe und goldene Schalen voll Räucherwerk, das sind die Gebete der Heiligen, und sie sangen ein neues Lied: Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen und hast sie unserm Gott zu einem Königreich und zu Priestern gemacht, und sie werden herrschen auf Erden. Und ich sah, und ich hörte eine Stimme vieler Engel um den Thron und um die Wesen und um die Ältesten her, und ihre Zahl war zehntausendmal zehntausend und vieltausendmal tausend; die sprachen mit großer Stimme: Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob. Und jedes Geschöpf, das im Himmel ist und auf Erden und unter der Erde und auf dem Meer und alles, was darin ist, hörte ich sagen: Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Und die vier Wesen sprachen: Amen! Und die Ältesten fielen nieder und beteten an.

(Offenbarung des Johannes 5)

Anders als Osterhase und Osterei hat das Osterlamm – wie wir auch heute lesen – einen direkten Bezug zur Bibel. Aber in diesen merkwürdigen Zeiten wird uns selbst das noch merkwürdig: Wir hätten das doch im Leben nicht geglaubt, dass wir neidisch sein könnten auf unser Osterlamm, also auf das, was wir uns gestern Abend zubereitet haben; dass wir neidisch werden könnten auf das Öl, mit dem wir kochen, auf die Kräuter, mit denen wir würzen, auf den Wein, den wir trinken, auf das Fleisch, das wir essen – warum neidisch? Alle können weiter reisen als wir, das Öl aus Kreta, die Kräuter aus der Provence, das Gemüse aus Andalusien, der Wein aus dem Medoc, der Pfeffer aus dem Land, wo der Pfeffer wächst, das Lamm aus Neuseeland – selbst die Pfalz als Heimstatt meiner Kartoffeln scheint unerreichbar. Großartig – wenn auch nicht gerade klimafreundlich – unser weitgereistes Essen, aber tragisch und traurig wir selbst, die wir hier bleiben und hier bleiben müssen.

Nicht nur beim Essenkochen überfällt einen das Fernweh: Wenn wir uns jetzt gleich nach dem Gottesdienst ins Auto setzen, gut durchkommen, keine Staus haben, zügig fahren, dann stünden wir heute noch – pünktlich eine gute Stunde vor Schließung von St. Bavo in Gent in dieser mir liebsten der flämischen Städte, weniger museumshaft als Brügge aber noch etwas stimmungsvoller als Antwerpen – dann stünden wir heute noch vor dem Genter Altar , der versucht genau das in Szene zu setzen, was wir gerade gelesen haben: Die Anbetung des Lamms, Hauptwerk nicht nur der Gebrüder Hubert und Jan van Eyck, sondern Hauptwerk der europäischen Malerei aus Flandern, neben und mit der Toskana Wiege der europäischen Kunst.

Schon im vergangenen Jahr haben wir die Jahrhundert-Ausstellung verpasst, die mehr Werke von van Eyck zusammengeführt hat als je eine zuvor – und aller Wahrscheinlichkeit je wieder; Once in a lifetime. Isoliert in unserem Zuhause und eingesperrt in unserer Region verpassen wir gerade das Leben da draußen, blicken auf unsere Bildschirme und in unsere Erinnerungen voller Bedauern und gelegentlichem Ärger, auch mal meckernd und jammernd, nicht ohne Selbstmitleid, das uns berechtigt scheint – auch wenn unsereins manches besser verschmerzen kann als etwa die Jugendlichen, die ihre Erfahrungen – auch den ganzen Blödsinn, zu dem sie genetisch beauftragt sind – erst noch machen müssen, jetzt aber nicht können; gar nicht zu reden von den Alten und Anfälligen, die mit viel Schlimmerem zu kämpfen haben als ihrem Fernweh oder den unerfüllten Regungen der Pubertät.

Unter anderen Zwängen und vor undenklichen Zeiten und deshalb eigentlich unvergleichbar mit uns – aber in der Lebenssituation eben doch uns ähnlich – hat Johannes – einsam, isoliert, sozial überaus distanziert – seine Visionen als Eremit und Exilant auf der Insel Patmos aufgeschrieben. Moment! Da könnte man jetzt auch sagen, was will der eigentlich: Exil auf einer Insel im blauen Meer der Ägäis, womöglich inklusive Badestrand, Sirtaki, Gyros und Ouzo um die Ecke: das kann man schlechter treffen! Aber nach langen Monaten am heimischen Herd im schönen Wiesbaden und Wanderungen im bezaubernden Rheingau – aber eben kaum irgendwo sonst! – haben wir vielleicht einen Hauch von Ahnung, wie es dem einsamen, isolierten und auf sein Inselchen fixierten Propheten gegangen sein mag. Einfach mal rauskommen, wäre schon gut!

Zumal Johannes weiß und in seinen Visionen das sogar sehen kann, dass die Welt um ihn herum tobt, dass die Welt unterzugehen scheint in gewaltigen Turbulenzen, sozialen Verwerfungen, Verfolgungen, Gewalt und Krieg, Apocalypse Now. Er sieht nicht weniger als den Untergang seiner ganzen Welt. Tatsächlich geht unser Wort Apokalypse, das erst für uns die Katastrophe, ursprünglich aber die Vision der Katastrophe bezeichnet, auf den Propheten Johannes und sein Buch zurück; es ist eine Schöpfung des einsamen Sehers von der griechischen Insel. Johannes erlebt das alles zwar selbst nicht mit auf seiner Insel, aber er durchlebt es in seinen Träumen und Gesichten, seinen Visionen und Auditionen, die ihn aufrütteln und verfolgen, so wie der römische Gewaltstaat seine christlichen Schwestern und Brüder verfolgt. Auch zu diesen inneren Bildern des Johannes, diesen prophetischen Visionen gibt es die – nur scheinbar weit hergeholte – Strukturanalogie unserer Televisionen am Bildschirm von Fernseher und Computer unserer Zeit, oder etwa von Tafel und Leinwand in der Zeit van Eycks. Wir erleben in diesen Bildern das Toben der Welt noch in unserem stillen Kämmerlein.

Das Werk des Johannes deutet seine chaotische Welt; es deutet sie als irdisch-weltliches Theaterstück in der Rahmenhandlung eines himmlischen Geschehens, in dem nicht Menschen sondern Engel agieren, manchmal sehr viele: zehntausendmal zehntausend und vieltausendmal tausend. Im Zentrum des Geschehens steht der gekreuzigte Auferstandene, der wie es im Glaubensbekenntnis steht, nun zur Rechten Gottes im Himmel auf seinem himmlischen Thron sitzt. Übrigens haben durchweg alle Bilder des Johannes immer auch eine astronomisch-astrologische Bedeutung – das wurde damals noch nicht unterschieden: Das Lamm unserer Vision heute ist eigentlich ein Schafsbock, also ein Widder und bezieht sich auf dieses Sternbild. Die Ordnung der Sterne garantiert den Lauf der Welt in allen deren Irrungen und Wirrungen. Es soll ja noch heute welche geben, die sich ebenfalls in solchen wirren Zeiten in den Himmel vergucken und dort Ordnung suchen, die sie auf der Erde nicht finden.

Hauptfigur auch unserer Szene ist also das Christus-Lamm, das hier metaphorisch einigermaßen kompliziert eingesetzt wird. Es ist einerseits das Opferlamm, das uns an Karfreitag und etwa auch unseren Predigttext vom Karfreitag im Buch des Propheten Jesaja erinnert, wo es heißt: „Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf.“ (Jesaja 53,7) Passiv, schwach, leidend, Gewalt leidend – wie wir und mit uns.

Auffällig ist natürlich, wenn nun Johannes dieses Opferlamm nicht als geschlachtet sondern als wie geschlachtet bezeichnet. Dazu passen die Zeichen der Macht, mit denen es Johannes ausstattet, nämlich sieben Hörner und sieben Augen, was für meinen Geschmack das Bild ein bisschen sprengt. Dieser Schafsbock ist aktiv, stark, machtvoll – gottgleich also – und ist folglich derjenige, der würdig ist, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel. Das Buch der sieben Siegel aber ist nichts anderes als das Drehbuch der Weltgeschichte, das nun Christus als Weltenherrscher selbst in die Hand nimmt. Kein Tier aus dem Abgrund, kein Teufel, kein römischer Imperator regiert die Welt sondern Christus das Lamm.

Unser Maler van Eyck vollzieht diese Ambivalenz aus Macht und Ohnmacht im Christuslamm nach und neigt sie wie unser Text zugunsten der Macht: Das Lamm hat zwar die deutlich sichtbare Wunde am Hals, aus der das Blut strömt; aber diese Wunde hat das Lamm nicht dahingerafft, sondern das Lamm empfängt die im Text beschriebene Huldigung, es steht gravitätisch und majestätisch – wie je ein Lamm gestanden hat, möchte man sagen. Aber seltsam bleibt die gemalte Metapher allemal, auch durch die meisterliche Hand der van Eyck-Brüder.

Die Restauration des Altarbildes für die Jahrhundertausstellung hat unter zahlreichen Übermalungen und zur Überraschung aller die originalen Augen des Lamms ans Licht gebracht; nicht etwa sieben, das war dem Meister dann doch zu merkwürdig, aber statt Schafsaugen wie auf den Übermalungen hatte van Eyck ursprünglich dem Lamm Menschenaugen an den Kopf gemalt, bestimmt um deutlich zu machen, dass uns hier ein Mensch, nämlich Christus, anschaut, uns mit seinem Blick annimmt und segnet, und uns seiner weltbeherrschenden Gnade versichert.

In allem Chaos, das wir erleben, dürfen wir damit rechnen und dürfen das glauben, dass Christus regiert. Amen.

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