Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen (Apostelgeschichte 5,29)

Ist das so? So sagt es der biblischen Überlieferung nach der Apostel Petrus, als ihm der jüdische Hohepriester verbieten will, über Jesus zu predigen. Petrus lässt sich den Mund nicht verbieten, beruft sich auf den göttlichen Auftrag und erzählt immer mehr und immer weiter von Jesus. Wie könnte er schweigen von dem, was ihn bewegt? Für ihn ist das klar: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Aber man muss diesen Satz nicht für immer wahr halten. Es sind genau solche Behauptungen, hinter denen sich religiöse Fanatiker verschanzen, wenn sie das Recht brechen, um dem vermeintlichen Auftrag eines Gottes zu folgen. Das hätten wir schon immer wissen können, dass auch fromme Menschen zu schlimmen Taten fähig sind; und nun erleben wir es mit Schrecken, dass religiöse Fanatiker unter Berufung auf Gott die schlimmsten Gräueltaten rechtfertigen. Auch Terroristen im Namen Gottes sagen diesen Satz: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen – aber dann ist er falsch und gefährlich. Wie die meisten solcher allgemeinen Sätze kann auch dieser richtig und falsch sein, je nach Situation und Sichtweise. Auch Martin Luther hat sich immer wieder auf Gottes Wort berufen, wenn er die seiner Meinung nach falsche Lehre der Menschen seiner Kirche kritisierte. Die Unterscheidung zwischen Gotteswort und Menschenwort zugunsten des ersten war ihm wichtig. Und in vielem, also etwa der Diagnose der groben kirchlichen Missstände seiner Zeit, wird man ihm heute über die Konfessionsgrenzen zustimmen. Bei anderem, also z.B. dem Verhältnis zu den Juden, muss man ihm ebenfalls im breiten Konsens heutzutage widersprechen. Da ist er gerade nicht Gottes Wort gefolgt, sondern dem Wort der Menschen seiner Zeit; da ist er hinter seinen eigenen bahnbrechenden Erkenntnissen aus dem Evangelium zurückgeblieben.

Was bleibt also von unserem Satz? Muss man Gott mehr gehorchen als den Menschen? Es kommt darauf an! Es kommt darauf an, dass ich verstehe, dass Gottes Wort, dem ich gehorchen will, nie anders als im Wort der Menschen da ist. Auch die Worte der Bibel sind von Menschen gedacht, gesprochen und aufgeschrieben worden. Und nur in den Worten der Menschen kann die Bibel heute lebendig werden, kann das Wort Gottes heute und neu „geschehen“. Deshalb ist es ja so schwierig – eigentlich unmöglich, außerhalb der Kirche Gottes Wort zu hören. Und es kommt darauf an, dass ich mich nicht mit Hinweis auf Gottes Auftrag gegen die Kritik meiner Mitmenschen immunisiere; oder im schlimmsten Fall Gottes Auftrag missbrauche, um anderen zu schaden. Im bloßen Streit der Meinungen halte ich mich tunlichst zurück mit dem dann nur scheinbar frommen Hinweis, Gott mehr gehorchen zu wollen als den Menschen. Nur wenn ich mir ganz sicher bin, wenn ich mir meiner Sache gewiss bin, wenn mein Gewissen spricht – nur dann kann ich mich darauf berufen, Gott gehorsam zu sein.

Das ist nun – glaube ich – die Wahrheit unseres Satzes: Wir verweisen damit auf eine höhere Instanz, nämlich das Gewissen, in dem Gott mit mir spricht. Und ich müsste darauf eingestellt sein, dass mir Gott nicht unbedingt das sagt, was ich hören will. Dem Gewissen zu folgen und darin Gott gehorsam zu sein, kann unbequem werden, kann Unannehmlichkeiten nach sich ziehen. Die sind dann auszuhalten, „weil es weder sicher noch geraten ist, etwas wider das Gewissen zu tun“ (Martin Luther auf dem Reichstag in Worms 1521). Denn man muss Gott mehr gehorchen als sich selbst.

Klaus Neumann, Pfarrer der Thomaskirche

„Es werde Licht…“ (1. Mose 1)

In die Dunkelheit spricht Gott, dass Licht werden soll. Es mag da manche Übertreibung zu beklagen sein in diesen Tagen, wenn etwa Häuser unter ihrer weihnachtlichen Lampenlast zusammenbrechen, aber die Idee ist richtig. Wir zünden uns ein Licht an, damit uns ein Licht aufgeht. Wir folgen den Lichtern, um den Weg zu finden, um uns zu orientieren (Ex oriente lux!). Wir zünden ein Licht an, um zu feiern. Da dürfen es schon mal ein paar mehr sein. Manchmal reicht aber auch eins: wenn wir uns zum Tee in der Familie, mit Freunden treffen. Draußen ist es dunkel, drinnen wird es hell, in uns auch.

In die Dunkelheit spricht Gott, dass Licht werden soll. Wir, die wir im Dunkeln herumirren, sollen ein Licht finden, das uns leitet, das uns einen Weg finden lässt. Übersichtlicher ist die Welt im letzten Jahr nicht geworden. Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. (Jesaja 9)
Propheten sehen mehr und besser und schärfer als wir. Sie bemerken den Silberstreif am Horizont früher als andere, können ihn für uns deuten. So wie es ist, muss es nicht bleiben. Gott sendet sein Licht auch in unser Dunkel.

In die Dunkelheit spricht Gott, dass Licht werden soll. Nicht zufällig gestaltet der Evangelist Johannes seine „Weihnachtsgeschichte“ als Schöpfungsgeschichte: Am Anfang war das Wort, und dieses Wort bewirkt, dass Licht werde: Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen. (Johannesevangelium 1)

Aber auch die Hirten auf dem Felde – also in der „richtigen“ Weihnachtsgeschichte – haben eine Lichterscheinung: die Klarheit des Herren leuchtete um sie. (Lukasevangelium 2)
Gottes Licht bricht ein in unsere Dunkelheit, unterbricht unser Leben und unsere Welt elementar, lässt etwas Neues geschehen.

Das ewige Licht geht da herein,
gibt der Welt einen neuen Schein;
es leucht wohl mitten in der Nacht
und uns des Lichtes Kinder macht.
Kyrieleis.
(Martin Luther 1524; EG 23)

In die Dunkelheit spricht Gott, dass Licht werden soll. Und uns lässt er davon singen und sagen, von den großen Taten Gottes, die sich ganz klein einpacken, einwickeln in Windeln, damit wir auch ordentlich etwas zum Auspacken an Weihnachten haben. Nicht zufällig erzählt der Evangelist Lukas seine Weihnachtsgeschichte als Kindergeburtstagsgeschichte. Neuer als ein Neugeborenes geht nicht. Ein freundlicheres Licht als vom Antlitz eines Neugeborenen kann uns nicht scheinen. Und es verwandelt uns zu Kindern des Lichts.

Eine gesegnete Weihnachtszeit!
Ihr Klaus Neumann, Pfarrer der Thomasgemeinde