(Hebräer 13,14)
Vergänglichkeitsgedanken Richtung Lebensende oder einfach nur der fällige Umzug nach Jahrzehnten im selben Zuhause (nicht selten fallen beide zusammen) mögen die naheliegenden Anwendungen unseres schönen Bibelwortes aus der Paulustradition sein. Schon der Apostel Paulus selbst sprach von unserem, also der Gläubigen „Bürgerecht im Himmel“, das uns gewährt wird für den Fall, dass „unser Haus, diese Hütte verfällt“.
Diesmal habe ich das Bibelwort für einen anderen Zweck ausgewählt, nämlich um mir das Filmereignis dieses Sommers, Christopher Nolans Film „The Odyssee“ aufzuschließen; oder vielleicht eher umgekehrt, diese große Geschichte, aus einer Perspektive der Bibel zu betrachten. Dabei lautet doch schon einer der berechtigten Einwände gegen Nolans Film, dass er übermäßig christliche Gedanken eintrage, etwa dass Odysseus ein von seinem Gewissen Getriebener sei, was dem – so die Auskunft der Kundigen – uralten griechischen Denken ganz fremd gewesen wäre.
Tatsächlich geht es um die Heimkehr, den nostos (den wir übrigens aus dem Wort „Nostalgie“ gut kennen, das wir allerdings etwas anders verwenden). Homer erzählt in seinem Epos die lange Zeit durch Abenteuer und Gefahren verhinderte, aber letztlich erfolgreiche Heimkehr des Odysseus. Länge und Lärm des Films, die zumindest mich auf Dauer gestört haben, könnten auch darin ihre Ursache haben, dass Autor und Regisseur Nolan so viele fremde und teils widersprüchliche Themen unterbringen wollte. (Wohl noch abwegiger, als das Geschehen vom Gewissen des Odysseus abhängig zu machen, ist die Idee vom Untergang der Zivilisation, die der Trojanische Krieg ausgelöst hätte.)
Das größte Verdienst des Films liegt darin, dass so viele – wir ja auch – dieser Geschichte neu begegnen, alte Ausgaben hervorkramen und neue bestellen. Nimm und lies selbst, ist wie immer (auch bei der Bibel!) die beste Empfehlung. Aus den Quellen selbst sprudeln die besten Gedanken und die ergiebigsten Fragen, meine zum Beispiel: Was sind die Irrtümer und Irrfahrten meines Lebens? Wo bin ich Zuhause? Wie kehre ich dahin zurück? Was verhindert meine Heimkehr?
Das Wort, aus dem heraus Homer seine Odyssee erzählt, nostos, kommt im Neuen Testament der Bibel gar nicht vor. Aber es gibt verwandte Begriffe und ähnliche Geschichten, die unser Leben als Irrfahrt nach Hause beschreiben. Paulus selbst begibt sich auf gefährliche Irrfahrten im Mittelmeer und seine Wegstrecke wird sich mit der des Odysseus vielfach gekreuzt haben, ohne dass er unseres Wissens je heimgekehrt wäre. Oder die berühmte Gleichniserzählung vom verlorenen Sohn, der sich selbst verirrt und verliert, aber am Ende nach Hause zurückkehrt. Oder die Heimkehr des Volkes Israel aus dem Babylonischen Exil.
Ich stelle mir vor, dass auch diese Geschichten der Bibel und ihre Erzähler zuerst, auch viele ihrer Hörer und Leser von Odysseus wussten, auch wenn sie nicht wie Paulus hellenistisch gebildet waren; dass sie vom „vielgewandten“, „listenreichen“ Irrfahrer gehört hatten, der endlich nach unzähligen, unglaublichen Gefahren und Abenteuern schließlich nach Hause findet; so wie wir auch in Kinderbüchern, in Hörspielen und nun eben in einem spektakulären und trotz allem Spektakel sehenswerten Film noch heute von ihm hören und sehen.
„Nostalgie“ in ihrer eigentlichen Bedeutung, als Sehnsucht nach unserem Zuhause, scheint eine dieser Ur-Ideen von uns Menschen zu sein. Im Glauben erfahren wir, dass uns Gott dieses Zuhause bereitet.
Klaus Neumann