„Den Mann nenne mir, Muse, den vielgewandten, der gar viel umgetrieben wurde, nachdem er Trojas heilige Stadt zerstörte. Von vielen Menschen sah er die Städte und lernte kennen ihre Sinnesart; viel auch erlitt er Schmerzen auf dem Meer in seinem Gemüte, während er sein Leben zu gewinnen suchte wie auch die Heimkehr der Gefährten.“ (Odyssee, übers. W. Schadewald)
Seit diesem Sommer sind wir ja alle Homerisch Gebildete und erkennen sofort die ersten Zeilen dieser großen Geschichte, erkennen die Motive von Irrfahrt und Heimkunft, erkennen die Bezeichnungen des vielgewandten, komplizierten, listenreichen Helden, des göttergleichen Odysseus.
Nicht von dieser Mutter aller Irrfahrten und Heimkünfte soll ich predigen, aber von Irrweg und Ankunft, von Umkehr und Heimkehr ist auch heute im Gottesdienst die Rede. Passt doppelt gut, denn wir sind ja auch gerade Heimkehrer in unser normales Leben mit Schule und Arbeit; heimgekehrt aus dem Urlaub, aus der Ferienzeit, wer weiß woher. Vielleicht hängen wir noch ein wenig wehmütig den schönen Tagen am Meer oder in den Bergen nach, der unbeschwerten Zeit des späten Aufstehens, ohne die Pflichten des Alltags und den Mühen der Ebene. Gleichzeitig können wir uns freuen über unser Zuhause, doch auch über Schule und Arbeit, die man erst richtig schätzt, wenn man nicht arbeiten gehen kann; können uns freuen über den Ort an den wir gehören, unseren Platz im Leben und in der Welt, an den wir wieder zurückgelehrt sind. Manchmal dauert es eine Weile und einige Mühe, bis wir diesen Ort gefunden, gewonnen haben – und damit meine ich nicht nur die Irrfahrten und Verspätungen, die wir als Reisende womöglich erlebt haben, als Irrende in einem Städtemeer oder als Verwirrte in einer Wildnis, die im Reiseprospekt eigentlich ganz gemütlich aussah.
Nicht vom vielgewandten, komplizierten Helden Odysseus kann heute die Rede sein, auch wenn es in unserer Geschichte aus der Bibel ebenfalls um Verirrung und Heimkehr geht und der Schlüssel zu ihrem Verständnis ebenfalls in einer Wende, einer Umkehrung liegt, die dem berühmten Beinamen des Odysseus zugrunde liegt: Polytropos wird er gleich zu Anfang und dann unzählige Male genannt: der Mann vieler Wendungen.
Dass nicht nur das Leben im Einflussbereich der vielen griechischen Götter voller Wendungen und Kehren ist, sondern auch das Leben vor Gott selbst durch Wende und Umkehr neu bestimmt wird, davon erzählt unser heutiger Predigttext.
Er [Jesus]sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden. (Lukas 18,9-14)
Unsere Geschichte zeichnet die beiden Hauptfiguren in groben Zügen, als Klischee, beinahe als Karikatur. Natürlich war nicht jeder Zöllner damals ein Betrüger und nicht jeder Betrüger hat seine Taten bereut. Und natürlich war nicht jeder Pharisäer ein Heuchler, der sich über andere erhebt und damit Gott verliert. Und natürlich möchte Jesus mit dieser Geschichte keineswegs Finanzbetrug rechtfertigen noch Gotteseifer denunzieren. Überhaupt erfahren wir relativ wenig und nichts Genaues über die Zustände im alten Jerusalem zur Zeit Jesu, weil das auch nicht die Absicht dieser Gleichnisgeschichte ist. Aber ihre ersten Hörer werden schon sich und ihre Mitmenschen darin wiedergefunden haben. Und auch wir als seine vorerst letzten Hörer sollen uns darin wiederfinden, auch wenn wir weder als Finanzbetrüger unsere Brötchen verdienen, die wir nicht verdienen, noch Tag und Nacht über dem Gesetz Gottes sitzen und es dann doch missachten. Wir sollen uns wiedererkennen, wenn wir uns wieder einmal für besser halten als die anderen; oder es gar nicht mehr merken, wenn wir andere übervorteilt haben. Solche Gleichnisse sollen als Orientierungshilfe, als Kompasse und Sextanten unserer Lebensreise dazu dienen, dass wir uns nicht verirren auf den Ozeanen unserer Selbstgerechtigkeit und nicht in den Tümpeln der Gaunerei.
Klar zur Wende! Ruft uns Jesus heute zu. Nicht unbedingt vielgewandt sein; das überlassen wir dem sagenhaften Helden der Antike. Für uns kommt es auf die eine Wende an, unsere Umkehr und Heimkehr zu Gott.
Umkehr ist Heimkehr, ist Heimkehr zu Gott. Der Schauplatz unserer Geschichte, der Tempel als Haus Gottes, macht diese Gleichsetzung von Umkehr und Heimkehr überdeutlich. Heimkehren zu Gott kann nur der, der umkehrt, seine Irrwege verlässt. Nur wer umkehren will, findet seinen Weg heim zu Gott. Der Zöllner, als der exemplarische Sünder kehrt zu Gott um, kehrt zu Gott heim.
Sünde bezeichnet das, was uns von Gott – und damit von unseren Mitmenschen trennt, uns zu Fremden macht, sogar von uns selbst entfremdet.
Indem der Pharisäer sich über seine Mitmenschen erhebt, trennt er sich von ihnen, entfremdet sich – sogar sich selbst.
Indem der Zöllner seine Trennung von Gott erkennt und beklagt, kehrt er um zu Gott, findet er nach Hause. Umkehr ist Heimkehr, ist Heimkehr zu Gott.
Einer, der Zöllner, hatte sich verirrt – und hat dann doch den Weg gefunden, ist umgekehrt, heimgekehrt zu Gott.
Ein anderer, der Pharisäer, hat sich verirrt, irrt noch, denkt, er sei schon zuhause und ist weiter von dort weg als es der erste je war. Dieser ein Irrläufer des Glaubens, jener ein Heimkehrer zu Gott.
Sich zu Gott wenden – und womöglich eine Heimat bei ihm finden, in seinem Haus, darum ging es heute – und darum geht es übrigens auch bei Unterricht und Konfirmation. Und so wie viele von uns Alten hier zuhause sind, wünschen wir euch, liebe Konfirmanden, dass ihr euch in dieser Kirche zuhause fühlt. Wir haben ja schon ein wenig damit angefangen, uns umzuschauen, uns zurechtzufinden, uns einzurichten, die ersten Klärungen geäußert, die ersten Fragen gestellt. Um eine der wichtigsten ging es heute: Wie – mit welcher Haltung – wende ich mich zu Gott? Wir kommen darauf zurück.