Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart.Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht. (Matthäus 11,25-30)
Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
Wasser ist Leben; das Wasser der Taufe verspricht neues Leben: Erfrischung, Belebung, Erneuerung – Erquickung. Das schöne Wort – erquicken – ist einerseits etwas aus der Mode gekommen, aber immer noch unmittelbar verständlich. Was müde, mühselig, beladen, erschöpft, erlahmt, kaputt, zerschlagen ist, soll wieder heil und ganz und lebendig – quicklebendig – werden. Die Strapazen des Lebens – die manchmal kaum auszuhaltenden Strapazen des Lebens – sollen gelindert werden. Was dem Fußballer seine Eistonne, ist dem Christenmenschen seine Taufe. Danke, Per Mertesacker für Erfrischung und Erquickung in vielfältiger Form!
Erquicken übersetzt aus dem Griechischen Original und aus der lateinischen Standardübersetzung Wörter, die Erholung und Erneuerung bezeichnen; eigentlich: sich durch Pausen erholen; bzw. neu-machen. Erschöpfte setzen sich hin unter den Schatten eines Baumes an einem Bächlein und gewinnen neue Kraft: Der gute Hirte führt mich an eine grüne Aue, er erquickt meine Seele. Er kommt zu mir, der ich mühselig und beladen bin, und erquickt mich.
Balsam für Leib und Seele; Wellness nennen wir es heute; Erschöpfte, Versehrte genießen heilsame Bäder. Wiesbadener wissen, wovon ich spreche; schon die Römer haben es ihnen, also uns gesagt und gezeigt und unseren schönen Ort Aquis Mattiacis getauft, an den Wassern der Mattiakern; deren Nachfahren es dann in Wisibada – nun ja – nicht gerade eindeutschten.
Uralte Heilkraft, ewigjunge Schönheit – verheißt der Ruf zur Heilung auf historischen Plakaten, wie dieses des in Wiesbaden tätigen Künstlers Fred Overbeck von Anfang der Dreißiger Jahre. Ich finde, dass es jünger wirkt als ist – aber vielleicht bin ja auch ich nur älter als ich meine – jedenfalls zeigt sich für mich auf dem Bild keine Spur der dunkel-drohenden Entstehungszeit und der bedauerlichen Verstrickung unseres Künstlers in ihr, sondern es kommt mir selbst so ewigjung und schön vor, wie die Heilung, die es verheißt: antike oder antikisierende Säulen, Wasserwellen und ein Frühlingsstrauß werben für unsere Bäderstadt. Gemeinsam mit dem Slogan, der das Alte und das Junge, das Ewige und das Aktuelle verbindet, greift das Plakat – bewusst oder unbewusst – auf den antiken Mythos des Jungbrunnens. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. – Aber ganz anders als Jesus das meinte.
Die antike und am Ende des Mittelalters gleichsam wiedergeborene Idee des Jungbrunnens malt uns unsere Sehnsucht nach ewigjunger Schönheit vor Augen, lässt uralte, gebrechliche Männlein und Weiblein auf der einen Seite in einen Swimmingpool gleiten – manche müssen getragen werden – um sie dann zumindest an ihren Körpern sichtbar verjüngt, vergnügt und erquickt auf der anderen Seite herausspringen zu lassen. (Lucas Cranach, Der Jungbrunnen 1546). Alle Lebensgeister – auch die erotischen (und selbstverständlich war das Thema für den Künstler auch ein Vorwand möglichst viele Nackte zu präsentieren) – sind neu geweckt. Siehe das Alte ist vergangen, Neues ist geworden. Siehe, ich mache alles neu. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
Wie gesagt, Jesus hat das sicherlich anders gemeint, aber als Bild unserer Erneuerung durch Gott in der Taufe lasse ich es mir gerne gefallen. Und die zeitgenössischen Betrachter werden es schon auch richtig verstanden haben, dass ihnen ewigjunge Schönheit durch uralte oder auch ultramoderne Heilkraft äußerlich und körperlich verwehrt bleibt, auch als Getaufte, die an das zukünftige Leben mit Christus glauben.
Soviel Weisheit bringen heutzutage nicht alle auf, wenn man immer wieder von technisch-medizinischer Körperertüchtigung und Lebensverlängerung hört, die statt dem Sprung in die Eistonne sich für die Zukunft gleich ganz einfrieren lassen, oder zumindest die Spuren des gelebten Lebens sich wegspritzen und -schnippeln lassen. Was für ein Unsinn! Auch als rundum chirurgisch und chemisch erneuerter Mensch werde ich mich mit meinem Ende auseinandersetzen müssen – dann eben ein paar Jahre oder Jahrzehnte später.
Das war sicherlich unserem Künstler – Lucas Cranach übrigens – klar, dem wir nicht nur Darstellungen des Jungbrunnens, sondern auch der Taufe verdanken (Lucas Cranach, Wittenberger Altar). So wie auf seinem Bild werden auch bei unseren gewohnten Tauffeiern eher keine Sehnsüchte nach ewiger Jugend durch das Bad der Taufe assoziiert. Das edle Tuch der Sonntagskleider nach bürgerlicher Tradition, die uns ja schon beinahe fremd geworden ist, bedeckt schicklich, was bedeckt werden muss. Nur das erfreulich fröhliche Baby liegt ohne Kleidung wohlig auf der Hand des Pfarrers und Lutherfreundes Philipp Melanchthon und scheint sich für das glitzernde Wasser zu interessieren. So sind die Babys bei ihrer Taufe (wenn der Pfarrer sie richtig hält!) und so waren wir da wohl auch. In der Taufe der anderen erkennen wir unsere eigene, und in der immer gleichen, immer ähnlichen Darstellung einer Initiation werden wir gewahr, dass der Täufling wie wir nun zu Gott gehört – weil Gott zu uns gehören will.
Die darstellende Handlung der Taufe bewirkt nichts Sichtbares, keine physische Veränderung in der materiellen Welt. Die Haut wird nicht straffer, die Züge nicht jünger, die Muskeln nicht stärker – aber wir sollen erkennen und wissen und uns durch sie daran erinnern, dass wir zu Gott gehören und er zu uns; dass wir wie Jesus und als seine Angehörigen und Freunde an seinem Leben teilhaben. Die Taufe ist wie ein heiliges Spiel, ohne Zweck wie jedes richtige Spiel – aber mit Sinn, also Geist theologisch gesprochen. Taufe ist das, was wir mit ihr meinen.
Aber das sichtbare Zeichen der Taufe ist das Wasser, als weites und weitgehend unerschöpfliches Symbol unserer Erneuerung, Erfrischung, Erquickung. Darin spricht Gott zu uns in seinem Sohn Jesus Christus: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.