Invokavit, 9. März 2025

Predigt in der Sonnenberger Thalkirche über die Bergpredigt: Selig die Armen!

Und er hob seine Augen auf über seine Jünger und sprach:

Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer. Selig seid ihr, die ihr jetzt hungert; denn ihr sollt satt werden. Selig seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und euch ausstoßen und schmähen und verwerfen euren Namen als böse um des Menschensohnes willen. Freut euch an jenem Tage und tanzt; denn siehe, euer Lohn ist groß im Himmel. Denn das Gleiche haben ihre Väter den Propheten getan.

Aber dagegen: Weh euch Reichen; denn ihr habt euren Trost schon gehabt. Weh euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern. Weh euch, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet weinen und klagen. Wehe, wenn jedermann gut über euch redet; denn das Gleiche haben ihre Väter den falschen Propheten getan. (Lukasevangelium 6,20-26)

Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer.  Wer jetzt meint, liebe Schwestern und Brüder, das haben wir aber anders im Ohr, irrt nicht. Beim Evangelisten Matthäus klingen die Seligpreisungen Jesu, der berühmte Auftakt seiner Bergpredigt, anders als hier bei Lukas, monumentaler und milder zugleich. Schon mit dem ersten Vers bietet Matthäus anders als Lukas an, die Armut der Armen zu vergeistigen, deren konkrete Not zu spiritualisieren: Selig sind die Armen im Geiste, heißt es bei ihm.

Und wie so oft liegt in einem Mehr an Spiritualität ein weniger an Konkretheit, ein weniger an wirklichem, gelebtem Leben. Selbst wenn die „Armut im Geiste“ gar nicht verfälschend spirituell gemeint sein sollte, wie manche Ausleger aus guten Gründen meinen, reicht der kleine Zusatz des Matthäus, bei uns Hörern der Bergpredigt den Eindruck zu erwecken, hier gehe es um eine bloß geistliche, innere Not im Unterschied und im Gegensatz zur blanken, krassen, sichtbaren und konkreten Not von Armut und Hunger. Das aber hat Lukas anders von Jesus gehört – und heute wollen wir auf ihn hören: Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer.

Dass ein solches Wort gefährlich werden kann, kann man sich denken – und kann man nachvollziehen im Blick auf die Ereignisse des Bauernkrieges vor 500 Jahren. Im Frühjahr des Jahres 1525 braut sich ein Sturm zusammen, der sich in immer wilderen und gewalttätigeren Gewittern entlädt und erst im folgenden Jahr zur Ruhe kommt. Eine lose, wirre Kette von Zusammenrottungen, Scharmützeln, Belagerungen, Besetzungen, Aufständen und Schlachten reiht sich durch dieses Jahr 1525; begleitet von einem unerhörten, bis dahin beispiellosen, bis zu dieser Zeit ungesehenen publizistischen Streit, der den eigentlich wenig kohärenten Geschehnissen im Süden und Osten Deutschlands erst einen Zusammenhang und den griffigen Namen „Bauernkrieg“ gibt. Flugblätter und -schriften sind genauso Waffen in diesem Krieg wie die Mistgabeln der Bauern und die Lanzen der Fürstenknechte.

Dass dieser Bauernkrieg nicht nur sozialer Aufruhr, nicht nur Armutsrevolte oder etwa „frühbürgerliche Revolution“ war, wie ihn die sozialistische Geschichtsschreibung früherer Zeiten taufte, sondern ein legitimes, bedeutendes Kapitel der Reformationsgeschichte, das liegt zuerst an der Motivation der Bauern in den Lehren der Bibel, die sie nun selbst lesen konnten, aber auch an der konkreten Beteiligung mancher Reformatoren in Tat und Wort auf beiden Seiten des Streits. In Thüringen predigte Thomas Müntzer den Bauern die radikale Reformation als Krieg der Bauern gegen die Obrigkeit, den Bauernkrieg – und das praktisch in Hörweite des Reformators Martin Luthers im benachbarten Sachsen (immer diese Ossis!).

Luther hatte sich schon ein paar Jahre zuvor in seinen berühmten Invokavitpredigten (!) gegen den Aufruhr in seinem Wohnort Wittenberg gewandt; Luther hatte Argumente formuliert, wie die Anliegen der Reformation von den Mitteln der Revolution zu unterscheiden waren; wie Formen der Freiheit zu unterscheiden und dennoch aufeinander zu beziehen waren; und wie Gesetz und Evangelium so zu unterscheiden waren, dass beide zu ihrem Recht kämen, als Gottes Gnade und Recht der Menschen.

Im Gegensatz dazu hatte sich Thomas Müntzer auf seinem unruhigen Weg durch das Land radikalisiert. Für ihn verschmolzen innere und äußere Freiheit. Für ihn war Befreiung von geistiger und äußerer Knechtschaft, Befreiung von geistiger und äußerer Armut, ein und derselbe Kampf – und ihre Unterscheidung eine theologische Spitzfindigkeit des – wie er sagte – „sanftlebenden Fleisches zu Wittenberg“. Wenn die aufständischen Bauern in Frankenhausen und anderswo Freiheit auf ihre Fahnen schrieben, dann meinten sie mit Müntzer, der ihnen dort vorneweg in den Tod lief, die Freiheit auch von obrigkeitlicher Willkür. Wenn die Bauern den Regenbogen auf ihre Fahnen malten, dann war ihnen das das Zeichen von Gottes Himmelreich, dem sie entgegenzugehen glaubten. Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer.  Aber so kam es bekanntlich nicht.

Nach dem Alten Testament zeigt sich ein falscher Prophet am bösen Ausgang seiner Rede. Danach war Müntzer, der den Armen den Aufstand predigte und so 10tausende in den Tod schickte, ein falscher Prophet, der ihr Schicksal am Ende teilte. Ob dagegen sein Gegenspieler Luther ein wahrer Prophet war, ist nicht erst in jüngster Zeit mehr und mehr in Zweifel gezogen worden. Wie seine unsäglichen Tiraden gegen Juden wird sein Pamphlet gegen die „räuberischen und mordenden Rotten der Bauern“ zu Recht kritisiert und als unmenschlicher Mordaufruf an die Fürsten verurteilt, dem diese pflichtschuldigst nachkamen. Evangelisch war Luther hier nicht.

Was man ihm allerdings nicht vorwerfen kann, ist, dass er in der eigentlichen Sache inkonsequent gewesen wäre. Seine Position zu Aufruhr und Gewalt hatte sich wie gesagt Jahre zuvor schon herausgebildet und wird hier nur auf die neue Situation angewendet: Das Evangelium mit Gewalt durchzusetzen, verstößt seiner Meinung nach gegen Gottes Willen. Aus seiner Sicht, die Demokratie und Rechtstaatlichkeit noch nicht kannte und offensichtlich nicht kennen konnte, war ohnehin jede Obrigkeit besser als keine. Widerstand gegen die Fürsten war für ihn Widerstand gegen Gott. Schlimmer als ein armer Bauer, war ein armer Bauer, der im Chaos versinkt. Und wer das heute verurteilt, was man kann und muss, aber nur mit guten Gründen verurteilen sollte, sollte dabei auch bedenken, was uns selbst staatliche Ordnung wert ist – gerade auch in einer unübersichtlicher werdenden Welt.

Jeder menschlichen Ordnung des Staates ist das Reich Gottes, das Himmelreich – wie Jesus auch sagen kann – entgegengesetzt. Dieses Reich aufzurichten ist einzig und allein Gottes Sache. Und insofern die Bergpredigt von Gottes Reich und seinen Verhältnissen handelt – Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euernennt sie keine Forderungen an uns, formuliert keine Gebote, erlässt keine Gesetze. Die Erwartung des Reiches Gottes schenkt Freiheit. Als Hörer der Bergpredigt hören wir von etwas, das nicht wir, sondern Gott – und nur Gott – herbeiführen wird. Aus diesem Evangelium ein Gesetz zu machen, hieße es zu verkehren. Von den läppischen Versuchen, aus der Bergpredigt läppische Regeln ethischer Wellness abzuleiten, ganz zu schweigen.

Das heißt aber keinesfalls, dass uns die Bergpredigt etwa nichts anginge. Was hindert uns denn daran, die Verhältnisse des Himmelreiches auf unsere anzuwenden – ohne zu behaupten und ohne zu erwarten, dass dieses dann anbräche? Karl Barth hat davon gesprochen, dass das Evangelium auf dem Weg der Analogie zur Quelle unseres Handelns, des Gesetzes also, werden kann. Wenn Armut – entgegen allen anderslautenden Gerüchten – kein Naturgesetz ist, sondern einst von Gott beseitigt sein wird, warum sollten wir uns dann mit der Armut der Armen abfinden? Wenn Hunger nach Gottes Willen nicht sein soll, warum sollten wir denn nicht dazu helfen, Hungrige satt zu machen? Wenn die Weinenden wieder etwas zu lachen haben werden, warum sollten wir sie nicht aufmuntern? Wenn uns Gott zum Tanz bittet – sollten wir dann als Mauerblümchen sitzen bleiben, sollten wir dann nicht die anderen bitten, mitzutanzen ?

Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer. Selig seid ihr, die ihr jetzt hungert; denn ihr sollt satt werden. Selig seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und euch ausstoßen und schmähen und verwerfen euren Namen als böse um des Menschensohnes willen. Freut euch an jenem Tage und tanzt; denn siehe, euer Lohn ist groß im Himmel. Denn das Gleiche haben ihre Väter den Propheten getan.