Predigttext Weihnachten 2021

Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum erkennt uns die Welt nicht; denn sie hat ihn nicht erkannt. Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen: Wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. (Johannes 3,1f.)

Selbst der Evangelist – und der müsste es doch eigentlich wissen – scheint sich unsicher zu sein, wie das gehen soll und wie es sich zeigt: Kind Gottes zu sein; wenn er schreibt: wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Was bedeutet das also Kind Gottes zu sein? 

Also es bedeutet schon mal nicht, einfach so als mündiges, erwachsenes, volljähriges Kind Gottes die eigene Mündigkeit abzulegen und in eine falsche, altersunangemessene Kindlichkeit zu regredieren – und sei es nur zeitweise, weil gerade Weihnachten und also Fest des Kindes ist. Das wäre kindisch; eine Rolle rückwärts in die Kinderrolle mit der wir auf dem Bauch landen: Bauchlandungen, Bauchplatscher tun weh, das weiß jedes Kind. Und erlebt haben wir das auch schon, ich wette, die meisten von uns und nicht nur im Schwimmbad. Bauchplatscher tun weh, das weiß jedes Kind und als Erwachsene sollten wir es nicht vergessen.

Einer unser Lehrer, der neben der Theologie auch die Psychiatrie lehrte und selbst praktizierte, hat uns Studenten in der letzten Stunde vor Weihnachten regelmäßig davor gewarnt, nun zu Hause über die Feiertage in die Kinderrolle zu schlüpfen oder in sie gedrängt zu werden. Junge Erwachsene, die das ganze Jahr über ihren Alltag bewältigen und dabei sind, auch in geistigen Dingen, über ihre Herkunft herauszuwachsen, passen nicht einfach so wieder an den Gabentisch und unter den Weihnachtsbaum. 

Auch sonst und viel allgemeiner wird ja gelegentlich auf die raumgreifende Infantilisierung in unserer Gesellschaft geschaut, etwa das Fernsehprogramm, die Musikindustrie, die Mode, unsere Schönheitsideale. Wir halten Jugend an sich für schön, tönen unsere Haare, glätten unsere Haut und verschandeln dabei die bezaubernde Schönheit eines Gesichts, das von seinem Leben erzählt. Die Werbeindustrie terrorisiert mit der von ihr erfundenen konsumrelevanten Altersgruppe der jungen Erwachsenen als Kindchenschema unsere Schönheitsideale: „So ihr nicht werdet wie die Kindlein“ – aber so hate Jesus es nicht gemeint.   

Gottes Kinder zu sein bedeutet umgekehrt aber auch nicht, dass wir als trotzige Kinder Gottes uns auflehnen gegen alle Ordnung um jeden Preis; aufbegehren und empören, um des Aufruhrs willen: Empört euch! War der Titel eines Buches, der vor ein paar Jahren ordentlich Furore gemacht hat; offen und deshalb anschlussfähig nach allen Richtungen, die sympathischeren wie Fridays for future und die unsympathischen wie Gelbwesten oder Querdenker gleichermaßen. Der prometheushafte Widerstand gegen die Kinderrolle, bestätigt und befestigt sie nur noch mehr. Auch der Rebell ist nicht selten nur das rebellische Kind. Als Rebell gegen meinen Ursprung bin ich umso fester an ihn gefesselt.

Dagegen ist es eine Wohltat, wenn der pubertäre Familienzoff – von gesellschaftlichen Konflikten mal zu schweigen – irgendwann wieder abklingt; wenn irgendwann sogar wieder friedliche Weihnachtsfeiern zwischen Eltern und Kindern möglich sind, neue Gelassenheit einkehrt; also Erfahrungen gemacht wurden, die die Eltern wieder erträglich und die Kinder wieder verträglich gemacht haben. Nicht selten – aber vielleicht doch ziemlich selten – weicht das dann auch wieder den Adoleszenz-Atheismus auf; ohne an den Anfang unseres Kinderglaubens zurückzukehren, können wir doch wieder etwas mit Gott anfangen.   

Erwachsene Kindschaft bedeutet nun aber drittens ebenfalls nicht, dass wir unsere Kinder oder unsere Eltern – geschweige denn Gott als Vater – für Freunde oder gar Kumpels halten. Bei aller Freundschaftlichkeit und gewachsenen Gemeinsamkeiten als gemeinsam Erwachsene tun wir uns und ihnen und insbesondere unserem Verhältnis ein Unrecht an, wenn wir es für gegenseitig gleich halten. Das ist es nicht und wird es nie sein. Meine Eltern sind mein Ursprung; uns verbindet eine kausale und vektorielle Beziehung, die nicht umzukehren ist; auch nicht und schon gar nicht, wenn sich mit den Jahren die Versorgungsbedürftigkeit dreht, wir als Kinder für unser Eltern sorgen, ihnen vorlesen, ihre Steuererklärung schreiben, sie womöglich füttern und ihre Windeln wechseln. Trotz solcher elterlichen Aufgaben und obwohl es uns dann so vorkommen kann, werden wir nie und nimmer die Eltern unserer Eltern. Sie sind und bleiben – bleiben es noch als Verstorbene und in ferner, verblassender Erinnerung – unser Ursprung, das „Woher unseres Umgetriebenseins“, von denen unsere Existenz abhängig ist und abhängig bleibt.

Wer hier nun in den elterlichen Definitionen Gottesprädikate mithört, liegt richtig. Das ist sicherlich zunächst mit „Gott als Vater“ und „Kinder Gottes“ gemeint: Wir beziehen uns mit der Redeweise von Gott als unserem Vater und uns als seinen Kindern auf einen Ursprung außerhalb unserer selbst; wir benennen die Richtung aus der wir kommen und damit die Richtung, in die wir gehen; und wir fühlen durch die Abhängigkeit von unseren Eltern die geschöpfliche, also schlechthinnige Abhängigkeit von Gott.

Das erschöpft aber noch lange nicht das religiöse Sprachbild von Gott dem Vater. Wir sind bei aller kategorialer Verschiedenheit und prinzipieller Abhängigkeit eben auch in einem sehr weitreichenden Sinne unseren Eltern gleich: in Herkunft, im Aussehen und in Gewohnheiten; in unserer lange Jahre gemeinsamen Lebensgeschichte und in unseren Genen als neue Mischung alter Karten; andere Gene als unsere Eltern haben wir nicht und können wir nicht haben; nur halt anders gemischt.

Unser Predigttext überträgt auch diesen Aspekt der Gleichheit zwischen Eltern und Kindern in den religiösen Bereich: wir werden ihm – Gott dem Vater – gleich seinDas ist einerseits eine theologische Kühnheit, die natürlich vom Teufel höchstpersönlich von Anfang an in die Ur- und Erbsünde verdreht wird, indem er den Sündern verspricht: „Ihr werdet sein wie Gott!“, uns Menschlein aber in Wahrheit auf seine Seite ziehen will. 

Das Sätzchen wir werden ihm – Gott dem Vater – gleich sein verweist aber andererseits auf die biblische Begründung der Menschenwürde, der Gottebenbildlichkeit von uns Menschen; noch vor allen Verdrehungen des Teufels wird ganz am Anfang der Bibel ein für alle Mal und für alle Menschen bestimmt und festgelegt: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn“.

Was damit aber – mit der Gottebenbildlichkeit des Menschen – gemeint ist, kann angesichts der unübersehbaren Regalmeter theologischer Weisheit zum Thema erstaunlich einfach gesagt werden: Es ist natürlich unser gottgegebenes, wahrhaft göttliches Talent zur Liebe, also grundsätzlich die Fähigkeit über die Grenzen unseres natürlichen Egoismus hinauszureichen. Und damit haben wir auch die Antwort auf die eingangs gestellte Frage gefunden: Was bedeutet das also Kind Gottes zu sein? 

Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!  Gott ist uns Vater, wir sind Gottes Kinder, insofern und weil er uns liebt. Alle anderen noch so akribischen und klüglichen Betrachtungen über die väterlichen und die kindlichen Verhältnisse werden zum bloßen Hintergrundrauschen – bloß tönernes Erz und klingende Schelle – hinter dem klaren Hauptton: „die Liebe ist die größte unter ihnen“ – nämlich die größte unter den gottgegeben Gaben, die uns Menschen auszeichnen.

Vater, Mutter sind wir dann, wenn wir lieben; wenn ein anderes wichtiger ist als wir selbst; wenn wir nichts für uns selbst zu sein zu vermögen. Als Kind wird uns ein Platz im Leben unserer Eltern eingeräumt; den müssten sie nicht mit uns teilen. Als Gottes Kinder räumt uns Gott einen Platz zum leben ein, Spielraum unserer Freiheit, Gelegenheit seine Liebe als unsere Liebe weiterzugeben. Darum also geht’s an Weihnachten. Amen.

Predigttext Heilig Abend 2021

Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. Indes lässt er sie plagen bis auf die Zeit, dass die, welche gebären soll, geboren hat. Da wird dann der Rest seiner Brüder wiederkommen zu den Israeliten. Er aber wird auftreten und sie weiden in der Kraft des Herrn und in der Hoheit des Namens des Herrn, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden bis an die Enden der Erde. Und er wird der Friede sein.                                    (Buch des Propheten Micha 5,1-4a)

Dass Kleines, ja Kleinstes oder Winzigstes größte Wirkungen haben kann, wissen und erleben wir seit beinahe zwei Jahren im Bösen; ein britischer Mathematiker mit Humor und ebenso viel freier Zeit hatte schon vor Jahr und Tag ausgerechnet, dass alle Coronaviren, die zu jenem – aber vermutlich auch zu diesem – Zeitpunkt ihr Unwesen trieben und treiben, in eine schnöde Coladose passen, was für ein Hohn! Der Mikrokosmos, was sage ich: der Nanokosmos als Grausen und Nemesis des Makrokosmos.

Anders stimmt es gottseidank auch: Kleines und Kleinstes kann große Wirkung auch im Guten haben; und weil heute – trotz alledem und wieder und eben alle Jahre wieder – Weihnachten werden soll, sei uns die Weihnachtsbotschaft vom kleinen Kind, der Gottes Friedensreich aufrichten wird, gesagt; sei uns das Evangelium vom winzigen Baby aus Bethlehem verkündet, der kleinsten und unbedeutendsten Stadt eines kleinen und unbedeutenden Landes, mit einer – aus imperialer Perspektive – obskuren und unbedeutenden Religion. 

Wahrscheinlicher – nach aller Logik und Lehre der Geschichtswissenschaft, der Ökonomie und der politischen Kunst – wahrscheinlicher wäre es, heute den Sol invictus, die unbesiegte Sonne, zu feiern, wie ihn die Römer an dem Tag gefeiert haben, der viel später erst mit einer gehörigen Portion religionsevolutionärer Dreistigkeit zum Weihnachtstag auserkoren wurde. Was für eine Ironie der Geschichtsläufe: Am Tag des großen, gewaltigen, unbesiegten, unbesiegbaren Sonnengottes, geht nun ein ganz anderes Licht auf, das kleine Licht von Bethlehem, Geburtsort des kleinen Säuglings, der nach seiner Mama schreit und in die Windeln macht. 

Wahrscheinlicher wäre gleichfalls – nur vom anderen Ende der Zeit betrachtet – dass wir Baal huldigten – tun wir´s nicht schon? -: nicht dem kleinen Jesulein, sondern dem groben, gefräßig-gierigen, geilen Gott der Stadt, wie ihn der Dichter Bertolt Brecht besungen hat, und der vermutlich viel eher gemeint ist, wenn in Zeiten wie den unsrigen über das ausgefallene Weihnachtsfest lamentiert wird. Und vermutlich ist dieser Baal auch gemeint, wenn dieser Tage die Freiheit der Mächtigen und das Recht der Stärkeren gegen die Schwachen gerichtet werden. Baal kennt nur sein Recht und seine Freiheit, soll doch die anderen – die Alten, die Dicken, die Kranken – das Virus fressen und der Teufel holen. 

Gegen mächtige Konkurrenz – sollen wir sie übermächtig nennen? – und gegen alle Wahrscheinlichkeit feiern wir heute unseren Gott als Kind, achten frech das Kleine höher als das Große, besingen Bethlehem die kleine Stadt, halten sie für bedeutender als Rom, Ninive, London oder New York und alle Metropolen aller Zeiten zusammen. Denn von dort – also auch von hier, wenn von ihr hier gesprochen wird – geht die neue Zeit aus, eine Herrschaft neuen Typs, nicht der Macht und der Gewalt, sondern des Rechts und des Friedens; eine Zeit nicht der Großmäuler und Schulhofschläger sondern des guten Königs aus dem Hause und in der Tradition Davids, der heutzutage seinen dynastischen Stammbaum für entbehrlich halten kann und gerne demokratisch gewählt und republikanisch gesonnen sein darf; wenn er – ja wenn er nur die Seinen – also uns – weide in der Kraft des Herrn und in der Hoheit des Namens des Herrn, seines Gottes

An Weihnachten feiern wird das Kleine, das erst Gott im Glauben und durch das für den Glauben vorgesehene Organ unseres Leibes, die Seele nämlich, groß macht: Magnificat anima mea, wie Maria damals sehr treffend mit dem Heiland im Mutterleib sang, da war er also noch etwas kleiner als später in seinen bald sauberen, bald schmutzigen Windeln: Meine Seele erhebt den Herrn, Meine Seele macht den Herrn groß, Magnificat anima mea dominum. 

Magnifique ist Weihnachten nicht, weil es so schon ist, sondern im Glauben so werden soll und so werden wird, weil Gott es will.  Denn er wird zur selben Zeit herrlich werden bis an die Enden der Erde. Und er wird der Friede sein.  Amen.            

Besuch der Wiesbadener Synagoge

Foto: www.alemannia-judaica.de

Mit einer kleinen Zeitungsannonce gab die Jüdische Gemeinde am 26.7.1945 die Wiederaufnahme ihrer Aktivität in der Geisbergstraße 24 bekannt. Die Wiedereinweihung der stark beschädigten Synagoge an der Friedrichstraße kam ein Jahr später, während jene am Michelsberg 1938 für immer zerstört worden war. Vor 55 Jahren wurde der Synagogenneubau an der Friedrichstraße 31/33 eingeweiht. Steve Landau, Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde und Leiter des Jüdischen Lehrhauses, gibt eine Führung am Dienstag, 8. Februar 2022, um 19.00 Uhr. 

Wir freuen uns auf Ihre Anmeldung bis Samstag, 5. Februar, per Mail bei asmeine@gmx.de oder unter Tel. 0162.7474131. (Die Teilnehmerzahl ist begrenzt.)

Es ist ein Ros entsprungen

(„Wurzel Jesse“ von Conrad Seyfers im Dom St. Peter, Worms; Foto: K. Neumann)

Unser Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen“ (EG 30; GL 243) besingt entgegen anderslautender Gerüchte kein davonspringendes Pferd und ursprünglich noch nicht einmal eine aufblühende Rose, sondern Trieb oder Knospe des Isai [des Vaters des Königs David] nach einem Wort des Propheten Jesaja: Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn (Jesaja 11,1f.) Je nach Zusammenhang konnte die „Wurzel Jesse“ dann als Rose erblühen wie im Lied oder zur Weinranke werden – wie in dem weihnachtlichen Relief, das der Bildhauer Conrad Seyfers 1488 in der Weinstadt Worms für den Kreuzgang des Doms geschaffen hat: Aus dem liegenden Isai wächst die Ranke mit den Königen Israels, ganz oben Maria mit ihrem Jesuskind, die dann – je nach konfessioneller Färbung die eine oder der andere – als Rose besungen werden. 

 

Lebendiger Adventskalender 2021

Kath. Kirchort St. Mauritius und Ev. Thomasgemeinde

Vom 1. bis 22. Dezember treffen wir uns jeweils von 19.00 bis 19.15 Uhr zu adventlichen Geschichten und Gedichten im Kerzenschein vor einer Tür in der Nachbarschaft. Alle sind herzlich eingeladen!

Bitte nur im Freien aufhalten, jederzeit eine med. Maske tragen und auf den nötigen Abstand (1,5m) achten. Aktuelle Änderungen unter www.thomasgemeinde.de oder Tel. 0162.7474131.

60 Jahre Thomasgemeinde Pilgerwanderung auf dem Lutherweg nach Worms

Impressionen vom Samstag, 2.10.21

Von der Katharinenkirche in Oppenheim ging es bei schönstem Wetter durch die herbstlichen Weinberge zur Heidenturmkirche nach Guntersblum und in Worms vom Lutherdenkmal zum Dom St. Peter und Heylshof-Park – bis zu der Stelle, wo der ehemalige Bischofshof stand und Luther sich beim Reichstag 1521 weigerte, seine Schriften zu widerrufen.

 

Ökumenische Hubertusandacht an der Feldkapelle

Sonntag, 17. Oktober 2021, 17.00 Uhr, Feldkapelle im Tennelbachtal

Hubertusandacht 2020: Parforcehorn-Corps Jagdschloss Platte

Zur ökumenischen Tradition von St. Mauritius und der Thomasgemeinde zählt die von Hörnerklang begleitete Hubertusandacht an der Feldkapelle im Tennelbachtal. Auch in diesem Jahr wollen wir uns wieder zu einer herbstlichen Andacht am Waldrand treffen.

Mit Pfarrer Matthias Ohlig (Kath. Kirchort St. Mauritius), Pfarrer Dr. Klaus Neumann (Ev. Thomasgemeinde) und den Musikerinnen und Musikern des Parforcehorn-Corps Jagdschloss Platte unter der Leitung von Karl-Heinz Kliegel.

Wir bitten Sie, eine medizinische Maske zu tragen. Damit wir die nötigen Abstände einhalten können, werden keine Stühle gestellt. Bei starkem Regen wird die Andacht kurzfristig abgesagt.

17. Sonntag nach Trinitatis, 26. September 2021

Brüder und Schwestern [Im Original sind nur die „Brüder“ genannt!], meines Herzens Wunsch ist und ich flehe auch zu Gott für sie [nämlich seine jüdischen Brüder und Schwestern], dass sie gerettet werden. Denn ich bezeuge ihnen, dass sie Eifer für Gott haben, aber ohne Einsicht. Denn sie erkennen die Gerechtigkeit nicht, die vor Gott gilt, und suchen, ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten, und sind so der Gerechtigkeit Gottes nicht untertan. Denn Christus ist des Gesetzes Ende, zur Gerechtigkeit für jeden, der glaubt. Mose schreibt von der Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt (3. Mose 18,5): »Der Mensch, der dies tut, wird dadurch leben.« Aber die Gerechtigkeit aus dem Glauben spricht so (5. Mose 30,11-14): »Sprich nicht in deinem Herzen: Wer will hinauf gen Himmel fahren?« – nämlich um Christus herabzuholen; oder: »Wer will hinab in die Tiefe fahren?« – nämlich um Christus von den Toten heraufzuholen. Aber was sagt sie? »Das Wort ist dir nahe, in deinem Munde und in deinem Herzen.« Dies ist das Wort vom Glauben, das wir predigen. Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und glaubst in deinem Herzen, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. Denn wer mit dem Herzen glaubt, wird gerecht; und wer mit dem Munde bekennt, wird selig. Denn die Schrift spricht (Jesaja 28,16): »Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.« Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen. Denn »wer den Namen des Herrn anruft, wird selig werden« (Joel 3,5). Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? 

Wie sollen sie aber hören ohne Prediger? Wie sollen sie aber predigen, wenn sie nicht gesandt werden? Wie denn geschrieben steht (Jes 52,7): »Wie lieblich sind die Füße der Freudenboten, die das Gute verkündigen!« Aber nicht alle waren dem Evangelium gehorsam. Denn Jesaja spricht (Jesaja 53,1): »Herr, wer glaubte unserm Predigen?« So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi. (Brief des Paulus an die Römer 10, 1-17)

Einen Regierungschef, der vor den Vereinten Nationen in der Klimadebatte Kermit den Frosch aus der Muppet-Show zitiert („Es ist nicht leicht, grün zu sein“) nur um ihm gleich zu wiedersprechen („Ist es eben doch!“) und ihn dann obendrein noch der übertriebenen Grobheit an Miss Piggy schilt, was merkwürdig ist, weil meiner Erinnerung nach sie die viel gröbere in ihrer komplizierten Beziehung war – einen Regierungschef, der im selben Atemzug den antiken Dramatiker Sophokles im altgriechischen Original interpretiert und andere Interpreten verbessert; der darüber hinaus spaßhaft erwägt, seinen Namen Boris in Boreas zu verändern, seiner Leidenschaft für die Windkraft wegen und zu Ehren also des nördlichen Gottes des Windes – klar, dass ich vom britischen Premierminister Boris Johnson spreche – einen solchen Bundeskanzler voller verspielter Gelehrsamkeit und windiger Rhetorik und absurdem Humor werden wir uns auch am heutigen Abend nicht gewählt haben; vielleicht besser so, denn es warten ja genug ernsthafte Anliegen auf ihn oder sie, denen er gerecht werden soll. 

Überhaupt: Eifer für die Gerechtigkeit für alle und in allen Belangen, das scheint doch eine ganz passende Kurzfassung seiner – oder wie wir in den vergangenen 16 Jahren erlebt haben: ihrer! – Dienstbeschreibung zu sein. 

Was aber schon unter Menschen immer wieder und oft neu errungen werden muss – was ist gerecht? Was kommt jedem gerechterweise zu? Was ist das Meine und was das Deine? – das ist zwischen Gott und den Menschen noch um einiges strittiger, meinte wenigstens der Apostel Paulus, meint auch der Reformator Martin Luther und das trifft auch heute noch zu: Wie erlange ich Gerechtigkeit vor Gott? Wenn es schon manchmal schwierig genug ist, oder sogar unlösbar scheint, zwischen Menschen – also etwa z.B. zwischen Radfahrern und Autofahrern, zwischen Hausbesitzern und Mietern, zwischen Einwanderern und Einheimischen, zwischen Alten und Jungen, zwischen Reichen und Armen – Gerechtigkeit zu finden und zu erwirken; um wieviel mehr zwischen Gott und den Menschen, die wie wir wissen einen unheilbaren Drang und Zwang von Gott weg, in die Ungerechtigkeit zum eigenen Vorteil hin haben; oder wie die alten Theologen, wie Paulus und Luther und der ganze Rest davon sagen: der Sünde. Wie erlange ich Gerechtigkeit vor Gott – trotz meiner Sünde?  

Paulus übernimmt diese Fragestellung aus seiner – und über die Generationen hinweg ja auch unserer – Mutterreligion, dem jüdischen Glauben seines Volkes Israel, dem er – und also wir – bleibend verbunden sind. Darum geht es im Zusammenhang unserer Bibelstelle: um die bleibende Verbundenheit zwischen Juden und Christen und – viel mehr noch – um die bleibende Erwählung seines Volkes Israel durch Gott.

Paulus insistiert mit der ihm eigenen Beharrlichkeit auf die bleibende Erwählung seines Volkes Israel durch Gott – auch wenn sie, sehr zu seinem Bedauern und sehr zu seinem Unwillen – nicht die gute Botschaft von Jesus Christus annehmen – zumindest nicht in ihrer großen Mehrheit annehmen: und das obwohl Paulus ihnen den Eifer für Gott attestiert.

Für Paulus ist dieser Eifer nämlich fehlgeleitet: statt nach Glauben und Vertrauen in Gott durch Jesus Christus zu streben – eifern sie nach der genauen und pünktlichen Erfüllung des Gesetzes des Mose. 

Für Paulus, den ehemaligen und rechtskundigen Pharisäer, erlangen Juden durch die genaue Erfüllung des mosaischen Gesetzes Gerechtigkeit vor Gott, also Heil und Rettung; beziehungsweise: Sie bemühen sich darum voller Eifer, müssen aber – nach Paulus – daran scheitern, weil ihnen die Sünde ein Schnippchen schlägt. Das Gesetz kann nach Paulus nur die Aufgabe haben, diese Sünde aufzudecken: Ich soll nicht das begehren, was meinem Nachbarn gehört, sagt das Gesetz; ich tue es aber trotzdem, ich elender Sünder; oder wie Paulus an anderer Stelle sagt: „Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; und das Böse, das ich nicht will, das tue ich“ (Römer 7, 19; oder wie der englische Premierminister, der die Wälder von Windrädern über den Wellen des Ärmelkanals preist aber gleichzeitig erwägt, darunter die Schürfrechte für fossile Brennstoffe zu verscherbeln) 

Für Paulus, den bei Damaskus zum Apostel Christi konvertierten – also gedrehten und gewendeten – ehemaligen Juden, ist Jesus Christus das Ende des Gesetzes als Weg zu Gott. Nicht meine ohnehin zum Scheitern verurteilten Gerechtigkeitsbemühungen um das Gesetz führen zu Gott – sondern allein der Glaube daran, dass Jesus Christus das Gesetz für mich erfüllt hat: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“ (Römer 3,28; das „allein“ steht nicht im Text des Paulus und ist eine der berühmtesten oder – je nach Sichtweise – berüchtigtsten Textergänzungen Martin Luthers)

Sola fide! Der Glaube ist alles, was ich vor Gott brauche. Allein der Glaube an Jesus Christus, der uns durch das Wort Gottes in der Bibel und in ihrer Auslegung vermittelt wird, führt uns zu Gott. Der Glaube allein reicht zum Seelenheil: Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und glaubst in deinem Herzen, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. Denn wer mit dem Herzen glaubt, wird gerecht; und wer mit dem Munde bekennt, wird selig.

Womit zugleich prägnant der Unterschied zwischen Religion und Politik genannt ist. Für die, nämlich für die Politik, reichen Herzensglaube und Lippenbekenntnis nicht. Da sollten schon Taten folgen und es sollten besser Taten der Gerechtigkeit sein. 

Auch wenn wir wissen und nicht vergessen dürfen, dass jedes menschliche Bemühen um Gerechtigkeit – nun vielleicht nicht, wie Paulus meint, zum Scheitern verurteilt ist, aber doch – vom Scheitern bedroht ist; allein deshalb, weil es fehlbare, also sündhafte Menschen sind, die sich im politischen Leben um Gerechtigkeit bemühen. Aber das sollten wir von unseren Politikern verlangen und nur solchen eine Stimme geben, von denen wir annehmen können, dass sie sich mit vollem Eifer für das Gesetz um Gerechtigkeit in dieser Welt bemühen.   

Damit erhöht der Glaube den Anspruch an die Politiker, nicht nur Ansprüche zu vertreten oder Interessen zu kanalisieren, sondern für die Gerechtigkeit aller zu eifern. 

Und damit entlastet er sie gleichzeitig, wenn er ihre Fehlbarkeit noch vor ihrer Wahl einpreist; ja, auch diese Politiker, die wir heute wählen, werden Fehler machen, hoffentlich nicht allzu schlimme.

Für Rettung und Heil unserer Seelen ist gottseidank ein anderer zuständig. Amen

Griechische Kapelle und russischer Friedhof auf dem Neroberg

Eindrücke von der Führung am 25.9.2021

Ev. Thomasgemeinde und Kath. Kirchort St. Mauritius

Nicht oft hat man als Besucher der „Russisch-Orthodoxen Kirche der Hl. Elisabeth“ das Glück, von jemandem geführt zu werden, der diesen Ort und seine Gemeinde so gut kennt: Maja Speranskij, seit 1954 Mitglied der russisch-orthodoxen Gemeinde, zeigte unserer Gruppe nicht nur die kulturhistorischen Schönheiten der Kirche selbst, sondern auch die nur sehr selten zu besichtigende Gruft mit der Grabstätte der Prinzessin Elisabeth. Der Gang über den gepflegten russischen Friedhof in der Herbstsonne war ein besonders schöner Abschluss unseres ökumenischen Ausflugs.

Fotos: K. Neumann

Ökumenischer Freiluft-Gottesdienst: Sommergruß und Reisesegen

Samstag, 10. Juli 2021, um 19.00 Uhr auf dem Kirchplatz von St. Mauritius

Ev. Thomasgemeinde, Kath. Kirchort St. Mauritius und Koptische St. Georg- & Mauritiusgemeinde

Auf dem Weg in einen hoffentlich schönen und gesunden Sommer laden wir Sie und Ihre Familien in dreifacher Ökumene herzlich zu Gebet, Musik und Segen auf den Kirchplatz von St. Mauritius ein!

Liturgische Gestaltung: Pastoralreferent Stefan Herok (kath.), Pfarrer Dr. Klaus Neumann (ev.) und Erzdiakon Mina Ghattas (kopt.)

Musikalische Gestaltung: Organist Alexander Groß

Bitte tragen Sie eine med. Maske, tragen sich mit Adresse in die Teilnehmerliste ein und achten jederzeit auf ausreichend Abstand zueinander. Vielen Dank!