Predigttext für den Johannistag (24. Juni), 20. Juni 2020

Wahrlich, ich sage euch: Unter allen, die von einer Frau geboren sind, ist keiner aufgetreten, der größer ist als Johannes der Täufer; der aber der Kleinste ist im Himmelreich, ist größer als er.

Aber von den Tagen Johannes des Täufers bis heute leidet das Himmelreich Gewalt, und die Gewalt tun, reißen es an sich. Denn alle Propheten und das Gesetz haben geweissagt bis hin zu Johannes; und wenn ihr’s annehmen wollt: Er ist Elia, der da kommen soll. Wer Ohren hat, der höre!

Mit wem soll ich aber dieses Geschlecht vergleichen? Es ist den Kindern gleich, die auf dem Markt sitzen und rufen den andern zu: Wir haben euch aufgespielt und ihr habt nicht getanzt; wir haben Klagelieder gesungen und ihr habt nicht geweint.

Denn Johannes ist gekommen, aß nicht und trank nicht, und sie sagen: Er ist von einem Dämon besessen. Der Menschensohn ist gekommen, isst und trinkt, und sie sagen: Siehe, dieser Mensch ist ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund der Zöllner und Sünder!

Und doch ist die Weisheit gerechtfertigt worden aus ihren Werken. (Matthäusevangelium 11, 11-19)

„Ich träume oft davon ein Segelboot zu klau’n/ Und einfach abzuhau’n“
So dichtet und so singt es der unvergleichliche Udo Lindenberg, schon 1976, aber es klingt dem damals Jugendlichen bis heute nach:

„Ich träume oft davon ein Segelboot zu klau’n/ Und einfach abzuhau’n/ Ich weiß noch nicht wohin/ Hauptsache, daß ich nicht mehr zu hause bin/ Mit den Alten haut das nicht mehr hin.
Jetzt wolln wir doch mal seh’n/ Wie weit die Reise geht/ Und wohin der Wind mich weht/ Es muß doch irgendwo ne Gegend geben/ Für so ‘n richtig verschärftes Leben/ Und da will ich jetzt hin.“ (Musik und Lied zum Film „Nordsee ist Mordsee“ von 1976, unbedingt wiedersehen!)

Die Suche nach dem richtig verschärften Leben – nach der Fülle des Lebens – theologisch gesagt – führt uns von uns weg, an die Grenzen, hinaus aufs Meer, hinein in die Wüste.

Wir können annehmen, dass es diese Lebenssehnsucht gewesen ist und der Streit mit dem gewohnten Leben, die schon den Johannes in die Wüste hat gehen und viele andere zu ihm hat kommen lassen.

Wer war das überhaupt: Johannes der Täufer? —- (Lesen des Predigttextes)

Wer war das überhaupt: Johannes der Täufer?

Dieses Geschlecht – seine Zeitgenossen – Dieses Geschlecht wird ihn als merkwürdigen Wüstenschrat erlebt haben, der sich seltsam kleidet, seltsam ernährt, seltsame Worte spricht und an entlegenen Orten seltsame Dinge tut: zum Kamelhaarmantel trägt er einen ledernen Gürtel, ernährt sich von Honig und Heuschrecken, ermahnt seine Besucher eindringlich, ihre Lebensweise zu ändern: Kehrt um! ruft er ihnen zu und taucht sie im Wasser des Jordans unter – mitten in der Wüste weitab jeglicher Zivilisation. Ein merkwürdiger, seltsamer Schrat. Hat der uns etwas zu sagen? Würden wir uns etwas von ihm sagen lassen? – von diesem merkwürdigen, seltsamen Schrat?

Schon möglich, denn es haben sich viele von ihm etwas sagen lassen. Er hatte – vielleicht gerade durch sein merkwürdiges Auftreten – durchaus Zulauf, Erfolg, Anhänger, vielleicht keine Massen aber eine Menge; auch Jesus kommt zu ihm, lässt sich von ihm taufen.

Johannes repräsentiert die religiös aufgewühlte Stimmung jener Zeit, ihre Sinnsuche in all den Erschütterungen, die vielfältigen Reaktionen und Möglichkeiten, als Aktualisierung und Neuinterpretation der Propheten des Alten Testaments. Johannes ist ein Prophet in dieser Tradition; einer der die Zeichen der Zeit liest, nach Gottes Willen fragt und seine Mitmenschen zur Umkehr ruft.

Seine Kleidung, sein Verhalten sind auch immer Zeichenhandlungen im Dienste seiner Aufgabe. Er will Aufmerksamkeit, will mit seiner Kleidung etwas sagen, will damit entgegenhalten; wie die Hippies, wie die Rocker, wie die Punks unserer Zeiten. Wenn man Johannes so versteht, dann passt er doch ganz gut zu uns, dann kann er uns etwas sagen: Was sind das für Zeiten, was ist Gottes Willen für uns, sind wir bereit umzukehren? Wollen wir uns etwas sagen lassen, wollen wir uns das von ihm sagen lassen?

Johannes – aber auch Jesus selbst – beide haben die Erfahrung gemacht, dass sie viele aber längst nicht alle erreichten. Darauf heben die schönen Bildworte ab, die besagen, dass die Leute, viele Leute einfach nichts kapiert haben, nicht mitgespielt haben, sich nichts haben sagen lassen: Sie sind den Kindern gleich, die auf dem Markt sitzen und rufen den andern zu: Wir haben euch aufgespielt und ihr habt nicht getanzt; wir haben Klagelieder gesungen und ihr habt nicht geweint.

Und das andere viel dunklere Wort über Johannes und seine Zeit hebt darauf ab, dass das wovon Johannes sagt, und das, was Jesus herbeiführt, nicht mit Gewalt herbeizuführen ist: Aber von den Tagen Johannes des Täufers bis heute leidet das Himmelreich Gewalt, und die Gewalt tun, reißen es an sich. Weil nämlich nicht wir das Reich Gottes herbeiführen, sondern weil es über uns kommt, kommen wird, von Gott herbeigeführt und sonst von niemandem.

Und dass es unterschiedliche Lebensformen gibt in der Erwartung des Reiches Gottes, dass es nicht nur die eine und für alle gültige Lebensweise gibt; sondern dass wir die uns gemäße finden sollen, in Verzicht oder Teilhabe, in Askese oder Genuss, Hauptsache wir erwarten Gott in unserem Leben und in dieser Welt: Denn Johannes ist gekommen, aß nicht und trank nicht, und sie sagen: Er ist von einem Dämon besessen. Der Menschensohn ist gekommen, isst und trinkt, und sie sagen: Siehe, dieser Mensch ist ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund der Zöllner und Sünder!

Unterschiedlicher, gegensätzlicher könnten die Lebensweisen nicht sein. Dennoch ist unser Leben nicht beliebig. Es kann unterschiedliche Formen annehmen, ganz verschieden aussehen – aber wir sollen uns je auf unsere Weise auf Gott und sein Kommen vorbereiten. Denn darauf zeigt Johannes: Dass Gott kommt, dass er sich uns gegenwärtig macht – und dass wir uns darauf vorbereiten sollen.

Der Johannistag ist ein Zeige-Tag: Wir sollen aufmerksam werden für unsere Zeit, sollen Gottes Willen erkennen für und in unserer Situation und sollen uns bereit machen für die Umkehr. Was erleben wir eigentlich jetzt gerade, was passiert da im Zeichen, im Schatten der Seuche, was bewährt sich von unserer Lebensweise und was erweist sich als Irrtum, als Irrweg? Wie gelingt das Leben – mit der Natur, mit anderen Menschen, mit mir selbst? Was geht da – andrerseits – grundsätzlich schief, wenn ich nicht mit der Natur lebe sondern gegen sie; wenn ich nicht mit meinen Mitmenschen lebe sondern gegen sie; wenn ich sogar mich selbst zum Gegner habe, in mich verkrümmt bin, Gefangener meiner selbst bin, meiner unmäßigen Ansprüche an das Leben, der Kränkung, dass mein Leben enden wird.

Johannes selbst gibt noch keine fertigen Antworten, weist keine Wege – er bereitet ja den Weg eines anderen. Johannes setzt selbst keine Normen. Indem er durch seine unkonventionelle Art Aufmerksamkeit erregt, unterbricht er unseren Alltagstrott, verweigert er das Immerweiter und Immermehr, lässt uns innehalten und fragen: Was ist da eigentlich los? Was geht hier ab? Was passiert gerade mit uns?

Und dann verweist er auf den, dem wir folgen sollen: auf Jesus. Ihm sollen wir nachgehen. Auf ihn zeigt er. Ihm sollen wir folgen. Und zwar: Damit wir das Leben neu aus Gott empfangen. Das ist mit dem „Reich Gottes“, von dem die beiden sprachen, gemeint; das ist mit „Auferstehung“, mit „Wiedergeburt“ und dem „neuen Leben“ gemeint: Das Leben aus Gott empfangen. Die Fülle des Lebens aus Gott empfangen.

„Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ Sagt Jesus und deshalb zeigt Johannes auf diesen Jesus:

„Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ Amen.