Predigttext für den Sonntag Lätare, 4. Sonntag in der Passionaszeit, 14.3.2021

Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. Die traten zu Philippus, der aus Betsaida in Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollen Jesus sehen. Philippus kommt und sagt es Andreas, und Andreas und Philippus sagen’s Jesus. Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Wer sein Leben lieb hat, der verliert es; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird’s bewahren zum ewigen Leben. Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren. (Johannesevangelium 12,20-26)

Zur Feier des Weltfrauentages, liebe Schwestern zuerst, aber auch liebe Brüder, am vergangenen Montag haben wir in der Familie den neuen Film „Wonder Woman 1984“ angesehen, leider nicht im Kino sondern nur gestreamt im Fernsehen.

Da ich nicht annehme, dass alle von Ihnen den Film schon gesehen haben, fasse ich ihn kurz zusammen: Wie bei allen Superheldenfilmen rettet der Superheld – hier die Superheldin Wonder Woman, verkörpert durch die unvergleichliche israelische Schauspielerin Gal Gadot – sie rettet also die Welt vor einem Superschurken.

Umstände der Rettung, Fähigkeiten der Helden, Bösartigkeit der Schurken variieren – aber im Grunde sind die Filme alle gleich, indem unweigerlich und trotz größter Bedrängnis das Gute siegt über das Böse und am Ende das moralische Gleichgewicht im Universum wieder hergestellt ist. Diese Superheldengeschichten sind damit, nebenbei bemerkt, nicht nur allesamt allerhöchst moralische Märchen sondern säkularisierte Erlösungsmythen, in denen der Superheld engelsgleich die Lüfte durchfliegt und Botschafter des Guten ist. In diesem Film letzten Montag lernt Wonder Woman erst noch das Fliegen, aber sehr lange braucht sie dafür nicht, es zu lernen, um auch als sichtbar starker Engel mit goldenen Flügeln überaus ansehnlich die Welt zu retten.

Ihr schurkiger Gegenspieler, ein Versager und Betrüger, modelliert als Karikatur der Finanzwelt, hatte sich zuvor in den Besitz eines Wunschsteins gebracht, mit dessen Hilfe und bei Berührung des Steins ein beliebiger Wunsch – ich sage ja, es ist ein Märchen – in Erfüllung geht – allerdings nur ein Wunsch pro Person, wo kämen wir da hin. Deshalb, also um mehr Wünsche zur Verfügung zu haben, verwandelt sich der Schurke – hier wird es etwas verwirrend und das musste ich mir von meinen Töchtern erklären lassen – den Wunschstein ein, damit er nun beliebig viele Wünsche zur Verfügung hat. Allerdings muss der Wünschende im Tausch das ihm Liebste und Wichtigste weggeben und aufgeben – womit sich natürlich die Nemesis schon aufbaut. Wie gesagt – soviel Spoiler darf sein – anders als das Leben geht jede Superheldenstory gut aus – auch diese; vor allem deshalb, weil unsere Superheldin – im Gegensatz zum Superschurken – bereit ist, das ihr Liebste im Leben hinzugeben.

„Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönnen und nähme doch Schaden an seiner Seele“, fragt Jesus gelegentlich – und der Film antwortet eindeutig:

Dem Superschurken hat es nicht geholfen, die ganze Welt zu gewinnen, sondern durch den Schaden an seiner Seele gibt er dem rettenden Engel Wonder Woman Gelegenheit die Welt zu retten. So wie der Wunscherfüllung liegt auch der Erlösung ein Tausch oder ein Wechsel zugrunde, ein fataler Tausch auf der einen und ein fröhlicher Wechsel auf der anderen Seite. Ganz ohne Kenntnis unserer Superhelden hat Martin Luther vom „fröhlichen Wechsel“ gesprochen, der uns erlöst.

Tausch und Wechsel sind eigentlich ökonomische Vorgänge; auch unsere Geldwirtschaft hat keineswegs die Tauschwirtschaft überwunden sondern vielmehr nur verfeinert, denn sie beruht auf dem Eintauschen eines Metallplättchens, einer Geldmünze, oder eines Papierfetzens, einer Geldnote, in die Ware oder die Leistung, die ich zu haben wünsche. Um das eine zu bekommen, muss ich das andere hergeben. Das lernen wir meistens schon im Sandkasten, wenn uns gesagt wird, dass wir das Eimerchen an unseren Spielkameraden abgeben müssen, um dessen Schäufelchen zu bekommen. Wenn das einer nicht einsieht, fließen die Tränen – und wer das nicht im Sandkasten eingesehen hat, kann schon mal als Finanzjongleur die Welt in eine Wirtschaftskrise stürzen. Wer was bekommen will, muss was abgeben, basta. Noch der Ganove erlebt das an sich, wenn er zwar keinen Wert und keine Leistung hingibt, aber eben seine Rechtschaffenheit und seine Unschuld, und wenn er fortan damit rechnen muss, im Nachhinein für Schuld und Schulden zu bezahlen.

Wenn also unser Predigttext heute davon spricht, dass das Korn hinzugeben ist, um später die Frucht zu erhalten: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht, dann folgt er eigentlich auch mehr dieser grundsätzlichen wirtschaftlichen Logik als der oberflächlichen landwirtschaftlichen Logik – der natürlich auch. Aber dass es Jesus und seinem Biographen Johannes hier nicht so sehr um Wachsen und Gedeihen – und eben nach auflösender Deutung um Begraben Werden und Auferstehen – sondern um Tausch und Wechsel geht, erhellt ganz klar aus dem Zusammenhang: Wer sein Leben lieb hat, der verliert es; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird’s bewahren zum ewigen Leben. Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.

In einem Kommentar zu dieser eigentlich gut verständlichen, aber durch die Wendung „sein Leben hassen“ etwas sperrigen Stelle heißt es: „,Sein Leben zu lieben´ heißt, das eigene Leben und Überleben als der Güter Höchstes zu betrachten, es heißt allein darauf bedacht zu sein, die eigenen Interessen durchzusetzen, … Demgegenüber wird mit der Rede vom ,Hassen´ des eigenen Lebens ,in dieser Welt´ nicht etwa zu pathologischen Selbsthass aufgerufen, sondern [eine] Rangordnung eingeklagt. … [Man wird das Wort] besser durch ,hintansetzen´oder dem höheren Gut gegenüber ,geringachten´ übersetzen.“ (Thyen, Das Johannesevangelium)

Vielleicht folgt die hier ausgedrückte Idee aber vor allem der beschriebenen ökonomischen Logik, ohne das Tauschmittel abzuwerten – so wie wir ja auch den Zehneuroschein keineswegs schon dadurch abwerten, wenn wir mit ihm eine Kinokarte bezahlen. Im Tausch- und Zahlungsmittel selbst erfüllt sich noch nicht sein Zweck, aber auch noch uneingelöst vermittelt es dem Träger Freiheit es einzusetzen und Verantwortung es richtig einzusetzen. So werten Jesus und sein Biograph Johannes unser menschliches, irdisches Leben keineswegs ab, sie machen aber deutlich, dass sich der Zweck unseres Lebens nicht in diesem erfüllt.

Im vergangenen Jahr hat das schon zitierte Schiller-Wort eine erstaunliche Karriere in der Deutung der Pandemie gemacht: „das Leben ist der Güter höchstes nicht“ (Schiller, Braut von Messina, Schlusswort des Chors) und wir haben als Publikum gelernt, dass es ein breites Deutungsspektrum entfaltet. Allerdings dürfte es weder als milde Altersweisheit (wie vom Bundestagspräsidenten) noch als Alibi menschenverachtender Nützlichkeitserwägungen (wie vom Vorsitzenden der Partei am rechten Rand) vom Dichter gemeint gewesen sein, wenn der es vom Schlusschor ausdrücklich „erschüttert“ vortragen lässt: „Erschüttert steh’ ich, weiß nicht, ob ich ihn/ Bejammern oder preisen soll sein Loos./ Dies Eine fühl’ ich und erkenn’ es klar:/ Das Leben ist der Güter höchstes nicht,/ Der Uebel größtes aber ist die Schuld.“ Dann fällt der Vorhang vor den beiden Leichnamen der tragischen Helden.

Auf diese Erschütterung angesichts des Todes reimt sich weder stoischer Gleichmut noch das zynische Kalkül über Wert und Unwert von Menschenleben – auch nicht der verblendete Jubel der Märtyrer – sondern auf die Erschütterung angesichts des Todes reimt sich aber durchaus die Sorge um dieses eine unendlich kostbare Leben und die Angst vor dem Tod, mit dem wir es verlieren – trotz der österlichen Hoffnung mit Christus auferweckt zu werden. Die Endlichkeit unseres Lebens muss uns erschüttern, auch wenn an Ostern beides – das Leben und sein Ende – in einem neuen Licht erscheinen, wie die Frauen – in Furcht und Zittern! – es am leeren Grab erfahren haben – und wir von ihnen.

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Das gilt auch uns. Amen.