Predigttext für Ostern, 4. April 2021

Bäume in Blüte

Und der Herr verstockte das Herz des Pharao, des Königs von Ägypten, dass er den Israeliten nachjagte. Aber die Israeliten waren mit erhobener Hand ausgezogen. Und die Ägypter jagten ihnen nach, alle Rosse und Wagen des Pharao und seine Reiter und das ganze Heer des Pharao, und holten sie ein, als sie am Meer bei Pi-Hahirot vor Baal-Zefon lagerten. Und als der Pharao nahe herankam, hoben die Israeliten ihre Augen auf, und siehe, die Ägypter zogen hinter ihnen her. Und sie fürchteten sich sehr und schrien zu dem Herrn und sprachen zu Mose: Waren nicht Gräber in Ägypten, dass du uns wegführen musstest, damit wir in der Wüste sterben? Warum hast du uns das angetan, dass du uns aus Ägypten geführt hast? Haben wir’s dir nicht schon in Ägypten gesagt: Lass uns in Ruhe, wir wollen den Ägyptern dienen? Es wäre besser für uns, den Ägyptern zu dienen, als in der Wüste zu sterben. Da sprach Mose zum Volk: Fürchtet euch nicht, steht fest und seht zu, was für ein Heil der Herr heute an euch tun wird. Denn wie ihr die Ägypter heute seht, werdet ihr sie niemals wiedersehen. Der Herr wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein. […]

Da erhob sich der Engel Gottes, der vor dem Heer Israels herzog, und stellte sich hinter sie. Und die Wolkensäule vor ihnen erhob sich und trat hinter sie und kam zwischen das Heer der Ägypter und das Heer Israels. Und dort war die Wolke finster und hier erleuchtete sie die Nacht, und so kamen die Heere die ganze Nacht einander nicht näher. Als nun Mose seine Hand über das Meer reckte, ließ es der Herr zurückweichen durch einen starken Ostwind die ganze Nacht und machte das Meer trocken, und die Wasser teilten sich. 

Und die Israeliten gingen hinein mitten ins Meer auf dem Trockenen, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken. Und die Ägypter folgten und zogen hinein ihnen nach, alle Rosse des Pharao, seine Wagen und Reiter, mitten ins Meer. […]

Und das Wasser kam wieder und bedeckte Wagen und Reiter, das ganze Heer des Pharao, das ihnen nachgefolgt war ins Meer, sodass nicht einer von ihnen übrig blieb. Aber die Israeliten gingen trocken mitten durchs Meer, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken. So errettete der Herr an jenem Tage Israel aus der Ägypter Hand. […]

Da nahm Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, eine Pauke in ihre Hand, und alle Frauen folgten ihr nach mit Pauken im Reigen. Und Mirjam sang ihnen vor: Lasst uns dem Herrn singen, denn er ist hoch erhaben; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt.

(2. Mose 14, 8-14.19.23.28-30a; 15,20f.)

Nicht jeder ist so lustig wie er selbst denkt und zu den Kernkompetenzen protestantischer Pastoren gehört sicherlich nicht der Humor. Dennoch gilt das Osterlachen allgemein als wünschenswert und nicht die schlechtesten Geistlichen versuchen sich daran. Dabei kann man in dieser Sache viel verlieren, weshalb auch die Ehefrau – auf die man eigentlich immer hören soll! – dringend davon abgeraten hat. Auch einen guten Witz kann man schlecht erzählen und selbst wenn ein Scherz gelingen sollte, wird er nicht unbedingt verstanden. Also doch besser die Finger davon?

Andererseits gilt der jüdische Humor als einer der feinsten und warum sollte man sich nicht gerade an Ostern, dem jüdischsten aller christlichen Feste, einen Witz bei der jüdischen Mutter ausleihen? In vielen Sprachen – ausgerechnet nicht in der Deutschen! – klingt das jüdische Vorbild Passa im christlichen Osternamen nach: Pasqua – im Italienischen, Pâque im Französischen, Pask im Schwedischen – nur bei uns – Ostern – und unseren Englischen Freunden – easter – hört man nicht mehr das jüdische Vorbild heraus, sondern wird auf die heidnisch-germanische Morgenröte verwiesen – eine nordische Göttin Ostara hat es entgegen anderslautender Gerüchte wohl nie gegeben. Seis drum: Wenn schon kein Osterlachen, dann vielleicht ein Osterlächeln könnte das folgende schon provozieren:

„Zwei Juden unterhalten sich über ihre wundertätigen Rabbis. Der erste erzählt: „Mein Rabbi ist ein großer Wundertäter. Wir waren in der offenen Kutsche unterwegs. Da fing es an zu regnen. Der Rabbi hob die linke Hand, und was soll ich erzählen? Links regnet es, rechts regnet es und wir fahren trocken mitten hindurch.“ Der aus Kowno steht dem nicht nach und trumpft auf: „Das ist noch gar nichts. Wir fuhren in der Eisenbahn von St. Petersburg nach Moskau. Da fing es an zu schneien; und der Zug blieb in einer Schneewehe stecken. Als wir endlich weiterfahren konnten, war es Schabbat geworden; und jeder weiß, dass man am Schabbat nicht fahren darf. Was tut der Rabbi? Er hebt die linke Hand, und was soll ich erzählen? Links ist Schabbat, rechts ist Schabbat, und wir fahren mitten hindurch!”

Der hier anklingende Exodus – der rettende Hindurchzug mitten durch Gefahr, Wetter und hindernde Umstände – ist ein mächtiges Motiv, es durchzieht und bestimmt die jüdische Religion mit ihrem Hauptfest des Pessach und damit auch das christliche Ostern, das ebenfalls als Durchgang – und zwar als Durchgang vom Tod zum Leben gefeiert wird und bekanntlich seinen historischen Ursprung im letzten Passafest von Jesus und seinen Jüngern hat.

Kinder spielen eine wichtige Rolle in der jüdischen Pessachfeier – sie setzen mit ihren berühmten Fragen: Was ist anders in dieser Nacht? Erzählung und Feier erst in Gang, vergewissern sich und die anderen Anwesenden so der Geburtserzählung des Volkes Israel, von seiner wunderbaren Rettung aus der Hand der Ägypter, indem sie Gott unter der Führung des Mose trockenen Fußes durchs Meer ziehen lässt, um dann das Volk zu werden, das es anders als alle anderen Völker aus Gottes Gnade bis heute gibt.

Auch die christliche Religionspädagogik traktiert mit Vorliebe den Auszug der Israeliten aus Ägypten, sieht für die Grundschule den Unterricht in den Mosegeschichten vor mit dem Durchzug durchs Meer als Flucht- und Höhepunkt. Dabei kann der Realismus der Geschichte – wenn die Sklaven befreit werden, geht es den Sklavenhaltern an den Kragen – dabei kann, ja, die brutale Drastik einer Kriegsgeschichte, die der Exodus auch ist, den pädagogischen Novizen durchaus ins Schwitzen bringen: Lasst uns dem Herrn singen, denn er ist hoch erhaben; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt. Ein schönes Lied der Mirjam, aber eben schonungslos und brutal; eigentlich nichts für zarte Kinderseelen zum Mitsingen.

Und wenn einem da nicht eine gute Erklärung zum Ertrinken der Ägypter einfällt und auch noch das Ablenkungsmanöver mit dem Meerwunder von den pfiffigen Kerlchen sofort durchschaut wird, können schon einmal heiße Tränen aus Mitleid für die Ägypter fließen – wie mir das bei meinem ersten prüfungsrelevanten Unterrichtsbesuch vor gut drei Jahrzehnten passiert ist; ganz zu schweigen von meinen Bemühungen, auch noch das Lied der Mirjam erklingen zu lassen, was mir den nur halb scherzhaft gemeinten Vorwurf der vorsätzlichen schweren musikalischen Körperverletzung eingetragen hat. Sowohl Mose als auch die Musik sind pädagogisch nicht zu unterschätzen.

Jedenfalls ist der Exodus kein Kinderkram, auch wenn er uns nötigt, das Meerwunder mit einer gehörigen Portion kindlicher Unbefangenheit zu betrachten. Rationalisierende Erklärungen – das Spiel der Gezeiten, berechenbare Küstenwinde, Kenntnisse über das Relief des Meeresbodens: die Erklärung kommt ja wieder, wenn der Seewandel Jesu damit erklärt wird, dass er ja wohl gewusst habe, wo die Steine liegen, auf denen er durch den See balancieren kann – alle solche Erklärungen rationalisieren das Wunder weg, zerstören damit die Erzählung, verfehlen ihre Pointe, aber: Ein Wunder ist ein Wunder ist ein Wunder. Soviel zur Auferstehung!

Das heißt ja nicht, dass wir uns in einer kleinen, eskapistischen Abschweifung nicht an die Strände träumen dürfen, die uns in diesem Osterurlaub zu besuchen versagt sind; an die Gezeitenküsten von Nordsee und Atlantik, die uns in besseren Jahren am Strand im Spiel von Ebbe und Flut wie Mose das Meer auf dem Boden durchschreiten ließen, das ewige Überfluten und Auftauchen im Takt des Mondes und im Rhythmus der Winde: luctor et emergo, wie es im Wappen des ganz vom Meer geprägten niederländischen Seeland heißt: ich versinke und tauche auf.

Ich versinke und tauche in die Erinnerung: Jetzt wäre es schön da: Weite, Wind – und das unbändige Freiheitsgefühl, das den Spaziergänger am weiten Nordseestrand erfüllt, was sage ich, überfällt; am unmittelbarsten und überraschendsten und überwältigend nach langer anstrengender, gefährlicher Fahrt, verfolgt nicht von den Ägyptern auf ihren Streitrossen, sondern von den anderen Verkehrsteilnehmern mit ihren übermotorisierten Freizeitpanzern; herausgetrieben von Zuhause nicht von den Plagen Ägyptens sondern von den Sorgen des Alltags, den Mühen der Ebene; geführt nicht von einem treuen Mose sondern von den nicht minder zuverlässigen Navigationsgeräten, die uns heutzutage die früher allfälligen Ehekrisen beim Straßensuchen ersparen; begleitet vom periodischen Gemurre und Gezeter der süßen Kleinen, die sich nicht an die Fleischtöpfe Ägyptens sondern an den heimischen Spiel- und Bücherschrank zurücksehnen: und dann endlich – nach all den Strapazen und Gefahren – endlich: Weite, Wind und dieses unbändige Freiheitsgefühl: luctor et emergo.

Der Exodus vermag bis heute unsere Sehnsüchte und Wünsche nach Freiheit und nach dem Leben in Fülle in Worte zu kleiden und in Bilder zu hüllen. Wie Mirjam mit ihrem Lied, besingen die Unterdrückten und Versklavten vieler Generationen ihre Befreiung – die sie noch ersehnen oder die sie schon erlebt haben: Go down Mose … Let my people go! Solche Freiheitskämpfe und ihre Lieder können aber auch unsere Wünsche nach Freiheit unter den Bedingungen der Pandemie einordnen helfen. Es wäre geradezu albern, mein Fernweh, meine unerfüllten Reisewünsche und manche anderen Einschränkungen als Freiheitsberaubung, und schon gar als Unterdrückung zu bezeichnen, wie das nicht nur ein paar abgedrehte Spinner sondern zunehmend auch bislang für seriös gehaltene Politiker oder Journalisten tun und dabei verkennen, dass frei nur der sein kann, der lebt. Schon als Kranke erleben wir soviel Einschränkungen der Freiheit, aber jedenfalls mehr Freiheit, als wenn wir tot sind. Pessach und Ostern sind Feste des Lebens und des Weiterlebens! Befreiung zum Leben!

Beide Feste setzen sich – zugunsten des Lebens! – in großer, wunderstaunenden Naivität über die Bedenken des bloßen Verstandes, über die lähmenden Ambivalenzen der wirklichen Welt und über unser ewiges Gejammer und Gemecker einfach hinweg, Apropos Gemecker:

Zwei ältere Damen sitzen in einem Berghotel – sagt die eine: Gott, das Essen hier ist wirklich schrecklich – sagt die andere: Stimmt, und diese kleinen Portionen!

So jedenfalls wie dieser – natürlich! jüdische Witz (aus Woody Allens Film Anny Hall) – sollen wir das Leben nicht sehen; nicht an Pessach, nicht an Ostern und am besten sonst auch nicht: sondern als das unvergleichlich kostbare Geschenk eines uns liebenden Gottes.

Amen.