15. Sonntag nach Trinitatis, 12. September 2021, Konfirmation

Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: „Stärke unseren Glauben!“ Der aber sprach: „Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer! und er würde euch gehorsam sein.“ (Lukasevangelium 17, 5f.)

Manchmal fühle ich mich, als könnte ich Bäume ausreißen – sagen wir, wenn wir uns groß und stark fühlen, was wir ja immer werden wollten und unsere Konfirmanden in erstaunlicher Weise geworden sind: groß und stark! – Aber wir tun gut daran, die Bäume stehen und der Natur ihren Lauf zu lassen. Eingriffe in die Natur durch den Menschen müssen keine Vorteile und können erhebliche Nachteile bringen – was man auch schon vor dem menschengemachten Klimawandel hätte wissen können.

Die großen Eingriffe in die Geographie, wie sie etwa die Kanalbauten in Panama oder der Suezkanal in Ägypten darstellen, sind spektakuläre Beispiele für einen starken Glauben, eine weite Vorstellungskraft und das feste Vertrauen in das eigene Vermögen, die vorfindliche Natur zu unserem vermeintlichen Vorteil zu verändern. An beiden Kanalbauten war der visionäre französische Ingenieur – dem Ingenieur ist nichts zu schwör – Ferdinand de Lesseps maßgeblich beteiligt, in Ägypten erfolgreich, in Mittelamerika – er selbst zumindest – erfolglos. Seither – also seit der Eröffnung des Suezkanals 1869 – verbindet der von ihm geplante und unter ihm gebaute Kanal das Rote Meer und den Indischen Ozean mit dem Mittelmeer – und fördert damit nicht nur Handel und Wandel von uns Menschen über die Kontinente und Ozeane hinweg sondern auch die Wanderung von Pflanzen- und Tierarten zwischen den Meeren.

Lessepssche Migration wird folglich der Austausch von Lebewesen zwischen dem Mittelmehr und dem Roten Meer genannt. Es handelt sich um einen invasionsbiologischen Vorgang, der so illustre Arten wie den Gestreiften Korallenwels, den Rotstreifen-Husarenfisch oder den Gepunkteten Igelfisch in das Mittelmeer brachte – nicht unbedingt zum Vorteil der ansässigen Fauna und Flora, die sich nicht immer der Neuankömmlinge erwehren kann, sondern ihnen Futter und Beute und von ihnen verdrängt wird.

Das Verpflanzen von Arten, der Eingriff in die Natur und ihre Veränderung durch uns Menschen – darauf will meine kleine Abschweifung, sozusagen als Lessepssche „Redemigration“ hinaus – muss kein Vorteil sein und kann erhebliche Nachteile nach sich ziehen: Warum nur sollte jemand zu einem Maulbeerbaum, der ganz prima auf dem Land gedeiht, sagen, dass er sich ins Meer verpflanzen möge; dorthin ins Meer, wo doch andere Wesen mit älteren Rechten ganz gut und vermutlich ganz gerne blühen, wachsen und gedeihen.

Der wichtigste Hinweis zum Verständnis unserer reichlich seltsamen Bibelstelle ergibt sich aus ihrem offenkundigen Unsinn: Wer um alles in der Welt sollte und wollte einen Maulbeerbaum ins Meer verpflanzen? Lass den Baum doch in Ruhe und an Land! Verschwende deine Kräfte nicht an der Veränderung der Natur, sondern verwende sie an ihrer Pflege! Der Glaube ist doch unvergleichlich größer, der die Natur um ihretwillen schützt, als der, der sie um seinetwillen verändert.

Jesus selbst hat im Unterschied zu zahlreichen anderen Wundertätern seiner Zeit niemals seine Wunderkräfte um ihrer selbst willen – sozusagen als Muskelspiele des Glaubens – eingesetzt, sondern immer, wirklich immer!, um eine Not zu beheben, also um Hunger zu lindern, ein Gebrechen zu heilen oder die für Menschen gefährliche Seite der Natur zu zähmen. Warum nur scheint Jesus hier – entgegen aller anderen Beispiele und Gelegenheiten – Glaubenskraft als Zauberkraft zu verstehen? Was könnte ihn dazu verleitet haben, so zu antworten?

Ich glaube, dass er mit seiner Antwort die Frage seiner Apostel auf eine starke Weise zurückweisen will: „Stärke unseren Glauben!“ fordern diese – aber er will ihnen durchaus polemisch verdeutlichen, dass sie ihn doch nach all der Zeit gut genug kennen müssten; dass sie nach seinen Taten und Worten genug wissen müssten, was der Glauben ist und was nicht; und was den Glauben stärkt und was eher schwächt. Fragt nicht so verstockt, ihr wisst es doch besser! Für den Glauben braucht niemand in eine Muckibude zu gehen, um das Sixpäck des Glaubens zu trainieren. Glauben ist keine Leistung, die von uns verlangt würde oder von uns zu erbringen wäre. Glauben wird uns geschenkt, ganz umsonst wo und wann Gott will, ohne Maß und ohne unser Zutun: Die christliche Gemeinde ist kein Fitnessstudio, in dem wir uns unsere Zweifel abtrainieren und unseren Glauben antrainieren könnten oder sollten; der ist so stark, wie er ist, nämlich so stark, dass er Bäume verpflanzen und Berge versetzen könnte – ohne dass wir das tun sollten und ohne dass das zu tun von irgendjemandem in der Bibel empfohlen würde. Umpflanzaktionen als Demonstrationen der Glaubenskraft werden von Jesus nicht erzählt und von uns nicht erwartet!

Ganz zu Beginn dieses merkwürdigen Konfirmandenjahres, als wir uns noch live und in Farbe und allerdings coronahalber hier in der Kirche zum Unterricht getroffen haben, hat eine von Euch Zweifel über ihren eigenen Glauben geäußert, ob der für Konfiunterricht und Konfirmation überhaupt reichen würde, auch eine Relilehrerin in der Schule habe diesen Zweifel bestärkt und die Latte des Glaubens ziemlich hochgelegt – ob sie sie selbst überspringt? Die Fragestellerin ist jedenfalls dabeigeblieben und wird heute konfirmiert – wenn sie es sich im letzten Moment nicht noch anders überlegt.

Wir haben damals natürlich etwas höflicher reagiert als der Jesus unseres Predigttextes, haben uns natürlich über eine solche Frage gefreut, aber inhaltlich doch dasselbe geantwortet; dass es kein Maß des Glaubens gibt und schon gar keins, dass von anderen Menschen zu wiegen oder zu werten wäre; dass der Glauben, den wir selbst für schwach halten, gerade deshalb stark ist; und dass es ihre – und also unser aller! – höchstpersönliche, freie und eigene Entscheidung ist, die Sache des Glaubens weiterzuverfolgen oder eben zu verwerfen.

Eine unverzichtbare Entscheidungshilfe ist die Kenntnis des Glaubens, wie sie im Unterricht vermittelt wird; aber auch seine Praxis in Gemeinde und im alltäglichen Leben; auch seine Bewährung angesichts der Prüfungen des Lebens – so vieles bildet und verändert unseren Glauben.

Vielen von uns scheint es so, als sei gerade unsere Zeit besonders von solchen Prüfungen geplagt – angesichts der Pandemie, die so viel Leid über so viele Menschen gebracht hat und Woche für Woche allein in den USA immer noch mehr Menschen tötet als der Terror vom 11. September; – aber auch angesichts des menschlichen Bösen, das wir durch den Jahrestag der Terroranschläge in New York und anderen Orten in den USA vor zwanzig Jahren fast unerträglich vor Augen haben: scheinbares Zeugnis eines angeblich starken Glaubens, der sich in verschwurbelten Pamphleten noch posthum selbst rechtfertigt – in Wirklichkeit aber die wahrhaft atheistische Perversion der Religion, als Anstiftung und Rechtfertigung menschenverachtender und gotteslästerlicher Gewalt, ein grausamer Kult der Rache, ein Hochamt des totalen Nihilismus: ein starker Glaube an – gar nichts! Und der uns, die er sich zu seinen Gegnern erwählte, viel zu lange in die Irre geführt hat – bis an die Enden der Erde; ob am Hindukusch unsere Werte, auch die des Glaubens, verteidigt werden können, ist sehr zweifelhaft, dass man sie dort verlieren kann, nicht.

Schon die scheinfromme Bitte um einen starken Glauben kann in die Irre führen und unseren Blick weg von dem lenken, der sich am Kreuz als unser Gott offenbart hat und der sagt: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ (2. Korinther 12,9).

Das ist die religiöse Wahrheit der allgemeinen Lebensweisheit, dass ich dort am ehesten ich selbst sein kann, wo ich meine Schwäche nicht verbergen muss – bei Eltern und Familie, guten Freunden, dem Liebsten, denen allen ich nicht den Starken – der Bäume ausreißen kann – vorspielen muss, der ich nicht bin; genauso wenig wie vor Gott, der es in Ordnung findet, wenn wir uns in unserer Schwäche an ihn wenden und sagen: „Herr, ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (Markusevangelium 9,24)

Unsere Schwäche jedenfalls, auch unsere Glaubensschwäche, ist schon mal kein Argument für Gott gegen uns – und auch keins von uns gegen ihn. Amen.