Denn das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern. Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust. (5. Buch Mose 30,11-14)
Ausgerechnet heute, wenn uns die Predigtordnung dieses Lob des Gesetzes zu bedenken gibt, feiern Juden überall in der Welt, also auch in Wiesbaden, das Fest „Simchat Tora“, Freude an der Tora, Freude am Gesetz des Mose, Freude an den Geboten Gottes: „Simchat Tora“.
Heute werden überall in den Synagogen die letzten Abschnitte des 5. Buch Mose und der erste Abschnitt des 1. Buch Mose gelesen. Und dann begleitet wieder die Lesung der 5 Bücher Mose das religiöse Leben der Juden durch das Jahr, Woche für Woche, Samstag für Samstag, immer so weiter.
Und dazu wird heute am Festtag der Freude über Gottes Gebot ziemlich ausgelassen gefeiert, gesungen und getanzt in der Synagoge und in den Straßen, mit der Torarolle im Arm, alle feiern mit, auch die Kinder, dann eben mit Spielzeug- und Plüschtorarollen, die sie wie die Großen herumtragen.
Ich bin mal vor etlichen Jahren in Jerusalem unverhofft in diese Feier geraten, wusste damals noch nichts von dem Fest und wie es gefeiert wird, und war verblüfft, wie ausgelassen und wild eine religiöse Feier sein kann, mit welcher überschäumenden Freude das Gebot Gottes gefeiert werden kann; wie persönlich und naheliegend das Wort Gottes erlebt wird: In dir ist Freude!
Als vor drei Jahren das Fest auf den 7. Oktober fiel, und eine Terrorbande das Land Israel überfiel, wurde auch dann – sicherlich gedämpft – gefeiert und weitergefeiert und die Verse der Lesung werden noch einmal eindringlicher geklungen haben als in vielen anderen Jahren: „Israel wohnt sicher, der Brunnquell Jakobs unbehelligt in dem Lande, da Korn und Wein ist, dessen Himmel von Tau trieft. Wohl dir, Israel! Wer ist dir gleich? Du Volk, das sein Heil empfängt durch den Herrn, der deiner Hilfe Schild und das Schwert deines Sieges ist! “ (5. Mose 33,28f.) Auch diese Worte haben Juden gesprochen und gehört – und geglaubt! – als ihre Feinde mordeten und entführten; denn Gott ist größer als die Mächte des Bösen, sein Wort bleibt ewig, seine Gebote gelten – und sind Grund überschwänglicher Freude: In dir ist Freude in allem Leide.
Wenn wir als Nichtjuden heute mit ihnen das Gesetz und die Gebote Gottes mitfeiern, dann soll uns das ein Geschenk des Himmels sein, das uns von weither, von jenseits des Meeres – hier also: des Mittelmeeres – geholt wurde, damit auch wir uns daran freuen sollen. Und wir sollen es trotzdem als naheliegend erachten und eben nicht für weithergeholt halten: Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.
In seinem Wort kommt Gott uns näher als wir uns selbst nahe sein können. Der Kirchenvater Augustinus spricht davon, dass der große hohe Gott, der höher als mein Höchstes ist, mir näher als mein innerstes Nächstes wird (interior intimo meo et superior summo meo, Bekenntnisse). Und der Weg Gottes in mein Innerstes geschieht – wie unter Menschen doch auch – durch sein Wort, als Wort der Liebe und der Mahnung, als Zuspruch und Anspruch, als Bestärkung und Kritik, als Evangelium und Gesetz. Wobei das Gesetz selbst schon barmherziges und Wort der Gnade ist, wieso es richtig ist, sich darüber zu freuen, an einem Tag der Freude über das Gesetz und das ganze Jahr.
Offensichtlich und unüberhörbar übersteigt das, was hier Gesetz genannt wird, das was wir gewöhnlich unter Gesetz verstehen. Nach dem Alten Testament und im Glauben der Juden ist Gesetz viel mehr als eine Vorschrift, etwas zu tun, oder ein Verbot, etwas zu unterlassen; Gesetz ist viel mehr als eine Regel, der zu folgen wäre, oder eine Grenze, die meine Freiheit beschränkte – das alles auch, aber vor allem und zuerst ist das Gesetz Wort Gottes, das befreit und überhaupt erst Freiräume schafft. Das Gesetz ist die gute Botschaft, das Evangelium, das mich aus der Gesetzlosigkeit befreit. Das Gesetz schafft überhaupt erst Raum zum Leben als Bereich guter Ordnung inmitten von Willkürfreiheit, nach der das Unrecht des Stärkeren gilt und der Mensch dem Menschen ein Wolf ist.
So berechtigt also die Freude über das Gesetz ist und so schön sein Lob erklingt, ist da doch eine Mahnung eingeschlossen, nämlich dass es nicht nur uns immer schon nahe ist, sondern dass wir es uns nahe sein lassen sollen. Wenn wir das Gesetz nicht verinnerlichen, es nicht zur inneren verpflichtenden Stimme unseres eigenen Gewissens werden lassen, sondern es bloß äußerlich bleibt, als bloß hemmend und drängend erfahren wird, und entsprechend als etwas, dass wir austricksen und zu unseren Gunsten manipulieren können, dann droht, wie der Apostel Paulus eingeschärft hat, dass das gute und heilige Gesetz zum Werkzeug der Sünde wird. Damit das nicht passiert, sollen wir das Gesetz verinnerlichen, um uns daran zu freuen.
Zu meinen schmachvollsten Niederlagen als Lehrer gehört noch immer die Antwort eines Schülers nach einigen Unterrichtsstunden über die 10 Gebote und die Nächstenliebe: Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst! – dass dieser Schüler auf die Frage, was denn nun das wichtigste Gebot für ihn sei, antwortete: Sich nichts gefallen lassen. So schön und selten eine ehrliche Antwort in der Schule ist, so sehr dokumentiert diese das völlige Versagen meiner Unterrichtsbemühungen. Dass es dem Gesetz nicht nur um meine höchstpersönliche Freiheit geht, sondern dass es einen Raum der Freiheit für alle schafft, insbesondere für die Schwächeren, die sich nicht selbst Recht verschaffen können, konnte ich nicht vermitteln. Und schon gar nicht, dass die Angst, als der Ehrliche der Dumme zu sein, läppisch ist, gegen die Freude am Gesetz.
Eine weitere Perle des Alltagsunrechts, die mir ebenfalls in der Schule begegnet ist, allerdings selbst als Schüler und immer wieder von ein und demselben Lehrer – ironisch, witzig, zynisch – geäußert, lautet, das höchste Gebot sei: Sich nicht erwischen lassen. Und wir hören das so oft und erleben das entsprechende Verhalten, nicht nur bei den schlimmen Ganoven, sondern bei uns Kleinkriminellen jeden Tag. Erst neulich bei einem netten Gespräch, als sich ein gewiss rechtschaffener Freund darüber mokierte, dass ihn die Polizei beim Fahrradfahren in der Fußgängerzone erwischt und ihm ein Knöllchen aufgedrückt habe. Alle gaben ihm in seiner Empörung recht, zu Recht?
Ich kannte einen, der sich ein paar Monate als Rekonvaleszent nach schwerer Krankheit und noch ein wenig wackelig auf den Beinen nicht in die Stadt zu gehen traute, aus Angst von Rad- oder Rollerfahrern angestoßen zu werden und sich dann nicht halten zu können. Wie vielen Älteren und Schwächeren wird es genauso gehen? Und wie unendlich viel größer müsste doch die Freude sein, ist die Freude ganz gewiss, einem guten, offensichtlich sinnvollen Gesetz zu folgen, als der Ärger den Stadtpolizisten kein Schnippchen geschlagen zu haben, ihnen diesmal nicht entwischt zu sein.
Entsprechend und viel größer ist die Freude am Gesetz Gottes, wenn ich ihm folge und es zum Gesetz meines Herzens mache; ich damit zum Teil eines moralischen Universums werde, wie es von Gott geschaffen und von Anfang an gemeint ist: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (1. Mose 1,31; Teil der Lesung zu Simchat Tora)