Predigttext für Christi Himmelfahrt, 21. Mai 2020

Christus spricht: Ich bitte aber nicht allein für sie [die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie waren dein, und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt. Nun wissen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt. Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast. Verse 6-8], sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, auf dass sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst. Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe die Welt gegründet war. Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich, und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen. (Johannesevangelium 17, 20-24 [+ 6-8])

Der unvergleichliche Schauspieler und Komödiant Bjarne Mädel beschenkt uns auch in diesen witzlosen Zeiten mit seinem Witz: „Wenn alle immer nur meckern, können wir so was wie Corona nicht mehr machen“.

Damit ein Witz nicht verstanden wird, muss eine von drei Bedingungen erfüllt sein; wenn man sicher gehen will, besser alle drei: Der Witz muss schlecht sein, er muss schlecht erzählt werden und er muss auf einigermaßen begriffsstutzige Leute treffen. Umgekehrt erklärt sich, warum so wenig gelacht wird.

Ähnliches gilt für die Geschichten der Bibel, die zwar nicht durchweg aufs Lachen zielen (vgl. aber die Geschichte vom Ostermontag mit der Fisch-Gespenster-Probe, Lukas 24), die aber auch alle eine Pointe haben, die man kapieren muss – und die ähnlich wie ein Witz eine befreiende, eine reinigende, eine kathartische Wirkung auf den Geist haben wollen – und dabei allerdings genauso schief gehen können. Man muss sie nur hinreichend schlecht erzählen oder dem falschen Publikum (an der Bibel als Vorlage liegt es anders als bei vielen Witzen meistens nicht). Und damit wäre dann auch erklärt, wieso sich die Kirchen leeren, obwohl das ja im Moment andere Gründe hat.

Die Himmelfahrtsgeschichte lenkt von ihrer eigenen Pointe ab. Man kann sie gut missverstehen. (Die Fähigkeit Witze wie Bibelgeschichten misszuverstehen hängt nur uneigentlich – sozusagen logarithmisch – vom Bildungsgrad der Hörer und Leser ab; gerade ein hohes Maß theologischer Halbbildung verhindert zuverlässig das Textverständnis, während schlichte Gemüter verblüffend hohe Trefferquoten auf Sinn und Pointe einer guten Geschichte haben.) Anders als man denken könnte, geht es der Himmelfahrtsgeschichte nicht um die Sensation und nicht um das Spektakel, dass da ein Mensch in den Himmel gehoben wird. Das ist hier eher so wie bei den Gemälden der alten niederländischen Meister, die ihren Gegenstand häufig im Offensichtlichen verstecken – und zwar unter einer Fülle anderer, oft viel spektakulärerer Motive – wahrscheinlich um uns allererst zu interessieren, uns in die Geschichte hineinzuziehen, uns zu verwickeln in den Grund, auch den Hintergrund oder die Abgründe einer Geschichte.

Also an Himmelfahrt geht es schon mal nicht um eine Fahrt in den Himmel – es geht noch nicht einmal um den Himmel, oder nur sehr indirekt. (Das heißt ja nicht, dass man „Himmel“ nicht als Aufhänger und Sprungbrett seiner Himmelfahrtspredigt verwenden könnte mit allen Aktualisierungen, die einem dazu so einfallen: Raumfahrt, Mondlandung, Science Fiction von Perry Rhodan [Tausende, nein: sagenhafte 160.000! Seiten herrlichster Schund und reinster Eskapismus] über Captain Kirk zu Han Solo und Luke Skywalker, Luftverkehr, „Open Skies“, Fluglärm, Flugangst, Flughafen Rhein-Main, Reinhard May: Über den Wolken, um nur eine kleine Auswahl der selbst erprobten Aktualisierungen der letzten Jahre zu nennen – aber die einem über die Jahrzehnte des Pfarrdienstes irgendwann dann doch ausgehen oder nicht immer überzeugen.)

Es geht also weder um Himmel noch Himmelfahrt sondern vielmehr um die Bewältigung von Abwesenheit: „Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier.“ (Osterevangelium Markus 16,6); oder in Anlehnung an eine berühmte Definition von Religion: um Absenzbewältigung (ursprünglich spricht Niklas Luhmann von „Kontingenzbewältigung“). Damit ist seit der „Himmelfahrt“ nicht nur ein diffuses opakes Wegsein gemeint („er ist nicht hier“), sondern dem Wegsein wird ein präziser Ort zugewiesen: Der Himmel.

Es geht an Himmelfahrt um Bewältigung von Abwesenheit als Präzisierung von Abwesenheit: Ich sehe ihn nicht, aber ich weiß wenigstens, wo er ist (Das hat schon manche Eltern beruhigt, wenn die Kinder weg waren, aber man wusste wenigstens wo weg). Jesus Christus ist damit auf eine präzise, qualifizierte Art weg. (Also vielleicht die Inversion der „qualifizierten Anwesenheit“ von Schülern, die ich mir als Benotungskriterium für die Sorte Schüler ausgedacht habe, die zwar meistens nix sagen, aber immer – und durch gelegentliche Nachfragen überprüfbar – mitdenken. Nur der oberflächliche Pädagoge belohnt nicht das tiefgründige Schweigen!) Dazu findet (erfindet?) der Evangelist Lukas die Himmelfahrt, die anderen Autoren der Bibel folgen ihm nicht (noch nicht einmal die, die ihm chronologisch folgen, also etwa Johannes).

Aber Johannes beschäftigt sich mit demselben Problem und beantwortet es auf seine Weise. Er kleidet es wie auch sonst in eine feinsinnig komponierte Jesusgeschichte und an unserer Stelle in das sogenannte Hohepriesterliche Gebet. Er betet und bittet hier für die Seinen, zuerst für seine Jünger (vgl. die eckige Klammer als Ergänzung unseres Predigttextes) und dann für alle, die sein Wort hören und in seiner Liebe leben (also uns!) und darin mit ihm und dem Vater eins sind: die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast … ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen eins seiendamit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.

Johannes verortet also ebenfalls wie Lukas den abwesenden Jesus, nun aber nicht in einem spektakulären Geschehen: der Himmelfahrt, und einem maximal entfernten Ort: dem Himmel, sondern in seinen Worten und in der Liebe, die von ihm ausgehend uns verbindet. Johannes leistet ebenfalls Absenzbewältigung, aber der Ort der präzisen Abwesenheit ist Jesu Wort und unsere Liebe.

Damit gelingt dem Johannes die Absenzbewältigung nicht äußerlich als Sensation aber theologisch umso spektakulärer: er nimmt „Entmythologisierung“ (Bultmann), Kritik der Religion (Barth) und „nichtreligiöse Interpretation“ (Bonhoeffer) ein paar Jahrhunderte (also zwanzig) vorweg. Der im „Himmel“ abwesende Jesus ist in seinem Wort und in unserer Liebe anwesend. Damit haben wir für Himmelfahrt unser Thema auf den Punkt gebracht. Die Worte Jesu sind weiterzutragen, immer wieder neu zu erzählen, den anderen zu kommunizieren und in unserem Handeln zu bezeugen: „Wie geht das mit dem gelingenden Leben?“ – „Eigentlich ganz einfach: Nicht nur an sich selbst denken. Den anderen berücksichtigen. Nichts für sich selbst zu sein zu vermögen. Den Nächsten lieben wie dich selbst. Wer ist dein Nächster? Der Dich braucht.“ Dann und darin ist der Abwesende anwesend: in unserer Liebe. „Gott ist Liebe. Und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (1. Johannes 4,16; Herbert Braun hat das in der theologischen Nachfolge der drei Meister noch einmal radikalisiert und umgekehrt: „Liebe ist Gott“. Dem konnten aber die wenigsten folgen.)

Die nichtmythologische Interpretation des Johannes von Himmelfahrt ist geeignet, sogar der Seuche standzuhalten. Sie bereitet uns auf das Ertragen von Abwesenheit vor: unsere eigene im von uns für normal gehaltenen Leben, die von unseren Nächsten in unserem sozialen Nahbereich, die von uns und den meisten in Kirche und Gemeindehaus – und trotzdem Nähe, das Miteinander, sogar das Ineinander zu wissen! Wir sollen das aushalten, ohne die religiöse Normalform auszukommen. Sie lehrt uns Absenzbewätigung, indem wir das unter Extrembedingungen gerade Mögliche uns genügen lassen: aus Gottes Wort den anderen lieben – sogar, wenn der gar nicht da ist, was für eine Pointe!

Ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen eins seiendamit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.

Klaus Neumann, Pfarrer