Jesus spricht zu Thomas: Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. (Johannes 20,29)

In Sammlungen von Bildern alter Meister, die ich gerne besuche, ziehen mich die – ziemlich häufigen – Abbildungen des „ungläubigen“ Thomas besonders an. Ist er doch Hausheiliger und Namenspatron unserer Thomasgemeinde. Das verbindet, vielleicht geht es anderen mit ihrem Namensgeber genauso. 

Oft genug gerät die Darstellung des in die offene Wunde Jesu fassenden Thomas sehr körperlich, manchmal drastisch, so dass das Anschauen beinahe wehtut – wie hier auf einem mittelalterlichen Gemälde aus unserem Wiesbadener Museum. Das Gemälde wird, wenn ich mich nicht verguckt habe, anders als Taylor Swifts Ophelia aktuell gerade nicht gezeigt; aber demnächst bestimmt wieder.

(Foto: K. Neumann. Oberdeutscher Meister: Christus und der ungläubige Thomas, um 1520, Ausschnitt, Museum Wiesbaden)

Ich weiß nicht, ob ich diesen Umgang mit einer Wunde – sie offen zeigen, sie berühren – für nachvollziehbar halte. Der Griff hinein wäre ein Übergriff. Schon aus Gründen der Hygiene verhüllen wir unsere Wunden. Aber auch als Zeichen unserer Verletzlichkeit zeigen wir sie gewöhnlich nicht: Das muss ja nicht jeder sehen, wie schlecht es einem gerade geht. Und wenn wir uns nicht ausgerechnet die Chirurgie zum Beruf erwählt haben, scheuen die meisten von uns vor offenen Wunden zurück und schauen reflexhaft weg. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Thomas ist kein Arzt – die Wunde des gekreuzigten Auferstandenen wäre ohnehin nicht zu heilen – sondern er untersucht die Wunde Jesu, weil er etwas wissen will, ob nämlich die Erscheinung des Auferstandenen „real“ ist. Ihm reicht nicht die Auskunft anderer und nicht der bloße Anblick, der reine Schein, sondern er will es genau wissen, seinen Glauben vertiefen durch Zugriff und Eingriff, durch eigene Erfahrungen. Dabei kann ich aus Mangel an eigener Erfahrung keine Auskunft darüber geben, wie sich eine überzeugende Auferstehungserscheinung darzustellen hätte.

Die Botschaft ist ja dennoch unmissverständlich: Was er nicht selbst gesehen und gefühlt hat, kann Thomas nicht glauben. Das dürfte jeder schon einmal so gehört und die meisten auch wohl gelegentlich selbst so gedacht haben. Genau das aber kritisiert Jesus, wenn er spricht: Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.

Mit diesem – keineswegs „ungläubigen Thomas“! – glauben, könnte also heißen, dass bei aller Kritikwürdigkeit und Unzulänglichkeit meines Glaubens, meine Bemühungen darum nicht umsonst sein müssen. Zweifel sind kein zwingender Trennungsgrund. Sie können auch Anreiz sein, den Glauben trotz allem für interessant zu halten und seinen Gegenstand erst recht ergreifen zu wollen: „Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben.“ 

Klaus Neumann