Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte – …
So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; 6nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl. …
Denn so spricht der Herr: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe. Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,so will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der Herr, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen. (Buch des Propheten Jeremia 29, 1-14*)
Vor einigen Jahren, lange ist´s her, aber so lange dann auch wieder nicht, liebe Gemeinde, zur Zeit der Pandemie, stellte sich für die Kirche auf einmal die Frage, wie relevant, wie systemrelevant sie eigentlich sei. Die Frage stellte sich, oder wurde zumindest so gestellt, weil der kirchliche Betrieb seine sozialen Kontakt- und Begegnungsformen, insbesondere die von Angesicht zu Angesicht in der realen, physischen Welt gefeierten Gottesdienste eingestellt hatte, zumindest für ein paar Wochen des Jahres 2020 während der vorösterlichen Passions- und in die österliche Freudenzeit hinein eingestellt hatte, so ungefähr zwischen dem ersten Fastensonntag Invokavit und Himmelfahrt. Gesetzliche Beschränkungen und entgegenkommender Verzicht legten die Kirchen still, die Tore blieben für Gottesdienstbesucher geschlossen – anders als die Türen der Lebensmittelläden und Baumärkte, aber genauso wie die der Schulen, der Theater, der Museen und der Fussballstadien.
Aus Öffnung einerseits und Schließung andererseits wurde auf behauptete, vermutete, unterstellte Relevanz oder Irrelevanz geschlossen; und insbesondere im Fall der Kirche mit Bestürzung oder Genugtuung, je nachdem wo das Herz schlug, festgestellt, dass der Mensch vielleicht doch vom Brot allein leben kann, wenn es wirklich drauf ankommt. Eine solche Schlussfolgerung verkennt allerdings wesentliche Elemente gerade des evangelischen Glaubenslebens wie etwa das persönliche Bibellesen oder das Gebet zuhause, oder dass evangelische Christen schon seit langem großzügig von ihrem Recht Gebrauch machen, vom Gottesdienst fernzubleiben, ohne damit ihrem Glauben abzuschwören. Seinen Glauben leben und Gott suchen konnte man zu jeder Zeit auch des stricktesten Lockdowns, auch diesseits der meist unbeholfenen und zurecht vergessenen Versuche virtueller Kommunikation des Evangeliums vor der Flimmerkiste.
Dennoch ist die in einer besonderen historischen Situation der Covidpandemie aufgeworfene Frage nach dem besonderen, womöglich unverzichtbaren Beitrag der Gläubigen in der Gesellschaft, in der sie sich vorfinden und leben, also die Frage nach ihrer Systemrelevanz, durchaus – relevant.
Der Prophet Jeremia spricht sie für seine Zeit, für seine besondere Situation und seine ihm anvertrauten Glaubenden an. Er schreibt in seinem Brief an die ins Exil verschleppten, Gott und das Leben suchenden Israeliten von ihrem Beitrag in der fremden Gesellschaft und für diese: Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.
Wie meistens trifft Luthers Übersetzung sehr genau die Bedeutung des biblischen Originals, aber diesmal verschwindet der zentrale Begriff hinter der eleganten Formulierung. Gleich dreimal gehäuft in dem einen kurzen Vers spricht Jeremia vom Frieden Gottes, vom Schalom Gottes, der umfassend gemeint ist, der Frieden, Wohlergehen und glückliches Gedeihen – das Beste – der von ihm Betroffenen meint: Sucht und strebt nach dem Schalom der Stadt, in die ich euch geführt habe und betet für sie zum Herrn; ihr Schalom ist euer Schalom.
Unser Leben als Glaubende soll sich am Gemeinwohl orientieren, sagt der Prophet Jeremia. Es geht nicht darum, das Beste, also möglichst viel für uns als Gruppe und unsere Partikularinteressen herauszuschlagen, sondern es soll uns ums große Ganze gehen, zu dem wir ja schließlich gehören – und das selbst, wenn wir nur als Exilanten, als Fremde tatsächlich oder virtuell, zum großen Ganzen gehören.
Das war in extremen Situationen wie Exil oder Pandemie ein guter Rat, er taugt aber auch für das ganz normale Leben zwischen den Katastrophen. Happy wife, happy life – heißt der einschlägige kalauernde Lebensratschlag; happy city, no pity – können wir weiterdichten, um auszudrücken, dass unser Wohlergehen vom Wohlergehen der größeren Gemeinschaft abhängt, zu der wir gehören. Und niemand soll sagen, dass das jetzt zu wenig wäre an Rolle und Aufgabe von Christen und anderen Gläubigen in der jeweiligen Gesellschaft, denn der dieser Vorstellung entgegengesetzte Gruppenegoismus mit den dicken Ellbogen findet sich schneller und macht sich lauter, als wir happy wife, happy life sagen können.
Und eine zweite, viel zu oft gering geschätzte Aufgabe der Glaubenden in und für die Gesellschaft nennt der Prophet: das Gebet, das das Gemeinwohl vor Gott bringt. Das Gebet betrifft das Alleinstellungsmerkmal, den unique selling point der Glaubensgemeinschaften, die durch keine soziale Einrichtung oder gesellige Aktion, keine andere Sinnstiftung und keine Spaßagentur vertreten oder gar ersetzt werden könnte. Nur die Glaubenden können beten; und das Gebet ist ihr erster Dienst an der Gesellschaft. Wenn sie etwas Systemrelevantes beizutragen haben, einen entscheidenden und nur durch sie zu leistenden Dienst an der Gesellschaft, dann ist es das Gebet, das Gebet für das Gemeinwohl, den Schalom in der Gesellschaft.
Wie kann so etwas Kleines wie das Gebet so eine große Bedeutung haben, noch dazu für eine Gesellschaft, die mehrheitlich gar nicht mehr mitbetet und wohl auch nicht mitglaubt? Im Gebet unterscheiden wir stillschweigend, indem wir uns an Gott wenden, wer Gott und was nicht Gott ist, was also zum Gottsein nicht taugt und wer als Gott angebetet zu werden verdient. Dabei weiß auch der Prophet, dass sich Propheten irren können; er verlässt sich aber darauf, dass der, der ihn ernstlich sucht, vom wahren Gott gefunden wird, d.h. der endgültige Test des wahren Gottes ist nicht durch uns zu erbringen, sondern wird von Gott erbracht, wo und wann er das will: wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,so will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr.
Bis dahin nötigt unser Gebet auch andere als die Glaubenden über ihre „Götter“ nachzudenken, im besten Fall auch dazu, zu überprüfen, an was sie da eigentlich ihr Herz hängen: Was sind die Werte und Ideale, denen wir nachstreben, wer die Idole, denen wir nacheifern? Wer wollen wir am Ende gewesen sein, wenn uns endlich, endlich der Schalom Gottes umhüllt, und alles gut sein wird?
Denn so spricht der Herr: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe. Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.