Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau. Nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe ich den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut. Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh, so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird es ans Licht bringen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen. Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen. Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch. Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wenn jemand den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören, denn der Tempel Gottes ist heilig – der seid ihr. (1. Korinther 3,9-16)
Was für ein Satz in diesen Zeiten der Kirchenverkäufe, der Umwidmungen und Schließungen!
Was für ein Satz, liebe Gemeinde, der doch allen Sparkommissaren der Kirchenverwaltung in den Ohren klingen müsste, die oft gar nicht mehr von Kirchen sprechen, sondern bloß noch von ihren Kosten oder von Standorten, die möglichst bald zu schließen wären. Wissen wir was wir tun? Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wenn jemand den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören, denn der Tempel Gottes ist heilig – der seid ihr.
Ein Haus Gottes ist weit mehr als die Metapher einer Gemeinde oder das Bild von uns Menschen – das ja auch, wie der Apostel Paulus hier schreibt. Aber eine Kirche wie die Thomaskirche und eigentlich jede Kirche sagt zuerst etwas darüber aus, wie Gemeinde gedacht und gemeint ist, mal vorausgesetzt, dass der Architekt und die Bauherren Spielräume zur Gestaltung haben und eben nicht nur äußeren Zwängen gehorchen. Natürlich war das Geld knapp und die Gemeinden groß Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts; Baumaterial war rar, man musste nehmen, was da ist und was bezahlbar war. An der Thomaskirche kann man genau ablesen, dass damals kein Überfluss herrschte; dass man auf Vorgefertigtes zurückgreifen musste, und dass gleichzeitig viele Menschen kirchlich behaust werden sollten.
Aus den Selbstzeugnissen jener Zeit wird dennoch deutlich, dass Architekt und Gemeinde genaue Vorstellungen hatten, wie das Mögliche verwirklicht werden könnte. Rainer Schell wollte seiner Gemeinde, also unserer Gemeinde, in der er damals selbst wohnte und gut vernetzt war, das passende „Gehäuse“ schaffen, wie er sagte, ohne Pomp und Prunk, ohne faule Sentimentalität oder falsche Anleihen an vergangenen, verlorenen, geborgten Glanz – sondern sachlich, nüchtern, ehrlich, öffentlich, zugänglich; durchaus so wie die bekannten Bauwerke seines Lehrmeisters Egon Eiermann, etwa die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin oder der lange Eugen in Bonn. Mehr Demokratie nach furchtbaren Jahren. Raum für das Wesentliche statt Rahmen zum Renommieren. Less is more, wie ein anderer Baumeister jener Zeit, Mies van der Rohe, auf den sich sowohl Eiermann als auch Schell beziehen, gesagt hat und der danach seinen einzigen Tempel, seine geniale „God-Box“, seine Gotteskiste in Chicago errichtete: Quadratisch, kubisch, praktisch, gut. In Schlichtheit und Klarheit, geradezu ein älteres Geschwister unserer Thomaskirche. Einfache Hülle, goldener Schnitt, klarer Grundriss. Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus; soll heißen: Einen andern Grund kann eh niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. Und der muss erkennbar bleiben.
Wenn wir uns auf ein solches Gebäude einlassen, wird es uns in unserem gemeinschaftlichen Christsein beeinflussen und über die Jahre beinahe notwendig verändern. Hierarchisch monarchisches Pfarrherrentum passt hier nicht herein. Es muss beinahe komisch wirken, wenn wir uns diesem Gebäude, seiner Idee, verweigern und unseren – sei es mittelalterlichen Zierrat, sei es wilhelminischen Ballast – mit hineinnehmen, hineinstopfen und unsere eigene Gotteskiste damit verrümpeln. Die lebt vielmehr vom lebendigen Leben der Mitglieder und Besucher, und zeigt sich gleichermaßen im wilden Gewusel eines Familiengottesdienstes an Heilig Abend wie an einer stillen Andacht mitten im Jahr. Nichts Falsches und nichts Gekünsteltes drängt sich vor, keine Ablenkung bietet sich, Zerstreuung findet man hier nicht. So kann sich niemand, der die Kirche betritt, dem Anblick des Gekreuzigten entziehen. Für mich ist unser großes Kruzifix sichtbarer, unübersehbarer, unvermeidlicher Ausdruck dessen, was der Apostel meint: Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. Und zwar der einzige Grund, auf dem und weswegen wir uns hier versammeln. Der einzige Grund, der hält und trägt.
Was immer das Baumaterial unseres Gotteshauses ist, ob Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh, oder auch eben Backstein und Beton, es soll sich daran prüfen lassen, ob wir diesem einen Grund vertrauen, ob wir uns von ihm tragen lassen. Da muss nun jede Generation und jede Gemeinde zusehen, wie weit dass für sie zutrifft; ob in den Gottestempeln und Kirchenburgen das Wort vom Kreuz laut genug geworden ist, oder ob es in den Betonkisten nicht zumindest leichter, weil weniger widersprüchlich möglich gewesen wäre, die Botschaft vom gekreuzigten Auferstandenen laut und klar unter die Leute zu bringen.
Am Ende geht es um den Menschen und nicht um das Gebäude. Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Das könnte die wichtigste Aufgabe unserer Kirchengebäude sein, dass sie sich nicht selbst als Tempel missverstehen, sondern vielmehr uns, ihre Bewohner, als Gottes Tempel gelten lassen uns erst eigentlich zur Geltung bringen; dass sie also nicht mehr und nicht weniger als das bloße Gehäuse derer sind, die sich von Gottes Geist bewegen lassen – so könnte es unser Thomaskirchenarchitekt Rainer Schell gemeint haben.
Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Also zumindest könnten wir es wissen, denn der Apostel Paulus gibt sich alle Mühe, es uns zu sagen, in dem Brief an die Korinther, aus dem unser Satz stammt, aber auch sonst wo. Gottes Tempel zu sein schließt seiner Meinung nach jede Art der Selbstherrlichkeit und der Arroganz aus, die sich ja nicht nur in unseren Kirchenbauten zeigen kann. Gottes Tempel zu sein wendet sich gegen eine Vorstellung von Autonomie und Willkürfreiheit, die sich selbst absolut setzt. Paulus sagt gelegentlich, dass zwar alles erlaubt sei – erstaunlich genug – aber dass nicht alles zuträglich ist. Also, dass trotz umfassender gottgegebener Freiheit nur die freiwillige Selbstbeschränkung in manchen Dingen der von Gott gemeinten Freiheit entspricht. Gottes Tempel zu sein heißt auch, auf sich zu achten, Selbstachtung zu üben, sich etwas wert zu sein und die eigene Würde nicht anzutasten.
Die Vorstellung von Gottes Tempel, in dem der Geist Gottes wohnt, stärkt aber auch gegen die falsche Behauptung der Marktförmigkeit kirchlichen Bauwesens. Denn der Wert einer Kirche ist nicht ihr Preis, sondern errechnet sich durch ihren Mehrwert religiöser Bedeutung und ihrer Fähigkeit Menschen religiöse Heimat zu geben. Ihre Grund-bedeutung, ihr Grund-wert ist Jesus Christus.
Tempel kann also eine Kirche dann genannt werden, wenn sie die Menschen Tempel Gottes sein lässt.