2. Sonntag nach Epiphanias, 15. Januar 2023

Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen! Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will ausrufen den Namen des Herrn vor dir: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. Und der Herr sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir hersehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen. (2. Buch Mose 33, 18-23)

Auch ein schöner Rücken kann entzücken; und der verlängerte Rücken sowieso und so hat es sich der große Michelangelo nicht nehmen lassen – hat es gewagt! – an die Decke der Sixtinischen Kapelle in Rom – ja genau da, wo die Päpste gewählt werden, wenn sich nicht die Besuchermassen Rücken an Rücken aneinander reiben – neben vielem anderen auch das entblößte Hinterteil Gottes darzustellen, jetzt nicht genau als Illustration unserer Bibelstelle mit dem Gespräch Gottes mit Mose hier, sondern den Moment der Schöpfungsgeschichte, wenn Gott der Gärtner „aus der Erde Gras und Kraut aufgehen lässt, das Samen bringt, ein jedes nach seiner Art, und Bäume, die da Früchte tragen, in denen ihr Same ist, ein jeder nach seiner Art.“ (1. Mose 1,11f.) Da steht zwar gar nichts von Rücken oder verlängertem Rücken, aber vielleicht hatte der Künstler ja einschlägige Erfahrung mit der Gartenarbeit, die bekanntlich mächtig in den Rücken ziehen kann. Dass die Rückenansicht Gottes nicht nur gärtnerisch relevant und künstlerisch herausfordernd, sondern eben auch theologisch interessant ist, erfahren wir heute. Warum ist das so?

Eigentlich ist ja nach biblischer wie auch gegenwärtiger Vorstellung das Angesicht die Schnittstelle der Kommunikation; wenn wir mit jemandem sprechen, wenden wir ihm uns zu; das gebietet allein die Höflichkeit, und wenn wir jemandem wieder den Rücken zuwenden, ist das Gespräch beendet. Im Angesicht unseres Gegenübers vergegenwärtigt sich dessen Person; wenn das Gesicht verhüllt ist, fehlt da etwas; der Gesprächspartner ist nicht in derselben Weise da, wenn das Gesicht bedeckt ist. Deshalb bereiten uns ja religiöse Verschleierung oder Gesichtsmasken zum Schutz vor Ansteckung solche Probleme – von der Vermummung von Straftätern mal ganz abgesehen. Wenn das Gesicht fehlt, fehlt etwas zur Kommunikation, eigentlich.

Deshalb spricht die Bibel in ihrem hemmungslosen Anthropomorphismus, wenn sie von Gottes Zugewandtheit spricht, immer wieder vom Angesicht Gottes, dass sich den Menschen zum Segen zuwendet: „Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig, der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.“ (4. Mose 6,24-26)

Das schöne Wort der diesjährigen Jahreslosung hat genau das zum Inhalt und lädt uns ein, darüber nachzudenken: „Du bist ein Gott, der mich sieht“ (1. Mose 16,13); ein Gott, der mich ansieht in meiner Not, wie es die Psalmen oft und oft bitten, beten und singen; ein mich ansehender Gott, einer der weiß, wie es um mich steht, der meine Sorgen kennt, sich kümmert: ein Kenner und Kümmerer. Ohne seinen Segen können wir nicht gedeihen. Dass Gott uns dagegen seinen Rücken zuwenden könnte, müsste uns mit Sorge erfüllen.

Es sei denn Gott wendete uns seinen Rücken aus reiner Rücksicht und Barmherzigkeit zu, wie hier an unserer Bibelstelle Gott dem Mose aus Rücksicht den Rücken zukehrt. Denn das ist der Grund für Gottes Verhalten hier. Der Lichtglanz – das ist mit Herrlichkeit gemeint – der Lichtglanz von Gottes Angesicht müsste den Mose – wie ein brennender Dornbusch – verbrennen; so wie es unsere Augen verbrennt, wenn wir – etwa allzu neugierig bei einer Sonnenfinsternis – ungeschützt in die Sonne schauen – oder so wie die Haut verbrennt, wenn wir uns zu lange der Sonne aussetzen; aber auch so wie es uns verlegen macht und uns die Augen senken lässt, wenn wir plötzlich einen bisher nur aus der Ferne geliebten oder bewunderten Menschen erblicken. Beides lässt uns rot werden – als sozusagen psychosomatische Mimikry einer Verbrennung; autsch! Das tat weh.

Gott ist nach den biblischen Erzählungen recht erfinderisch, wenn es darum geht, seine Gesprächspartner zu schützen; kurz zuvor wird davon erzählt, dass Gott und Mose „wie Freunde von Angesicht zu Angesicht“ gesprochen haben; Gott scheint also seinen Herrlichkeitslichtglanz womöglich auf einen besseren Verträglichkeitsgrad dimmen zu können. Und an anderer, späterer Stelle wird davon erzählt, dass Mose trotz aller göttlicher Rücksicht noch so sehr strahlte nach seinen Gottesbegegnungen, dass er seine menschlichen Gesprächspartner mit dem Überziehen einer Decke zu schützen hatte.

Der direkte Blick in Gottes Angesicht würde uns blind machen. Die unmittelbare Gegenwart Gottes ist mehr, als wir Menschen aushalten könnten. Eine Erkenntnis Gottes ist auf diesem – scheinbar direkten – Weg nicht zu gewinnen. Dafür sind wir vielmehr auf Gottes Äußerungen angewiesen, auf seine Offenbarung. Aus dem brennenden Dornbusch lässt Gott sich dem Mose hören: „Ich werde sein, der ich sein werde“ (2. Mose 3,14) – was ein erklärendes Wortspiel über seinen Namen ist: JHWH, der nicht ausgesprochen werden darf und doch angerufen werden will, der sich entzieht, aber doch da ist, für mich da ist; und immer schon da war.

Und an unserer Stelle klingt es dem Mose aus Gottes Lichtglanz ganz ähnlich hervor: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. Was uns Gott nicht selbst über sich mitteilt, werden wir nie erfahren. So aber können wir wissen, dass Gott je und je für uns da ist und da sein wird, sich um uns sorgt, uns nachgeht und nach uns sieht: sein Angesicht uns zuwendet, bzw. immer schon zugewendet hat; darin uns und die anderen um uns erleuchtet; etwa wie die Sonne den Mond anleuchtet und ihn damit der Dunkelheit der unendlichen Weiten des Universums entzieht.

Man kann das für die Pointe der Lichtglanzökonomie Gottes halten, dass wir in Gottes Licht nicht Gott selbst erkennen – nämlich weil wir ihm darin nie anders als rückwärtig, nie anders als von uns weggewandt, als vorübergegangen – also bloß in seiner Verborgenheit gewahr werden, aber ihn eben nicht eigentlich erkennen – sondern im besten Fall uns selbst und die anderen erkennen, um die es Gott geht: den Nächsten, der mich als Reflex von Gottes Gnade und Barmherzigkeit braucht. Auf ihn wird der Gottsucher verwiesen, ihn strahlt der herrliche Glanz Gottes an; in Gottes Spur finde ich die anderen, die mich brauchen, denen ich zum Nächsten werden kann.

Der große jüdische Religionsphilosoph Emmanuel Levinas schreibt: „Der geoffenbarte Gott unserer jüdisch-christlichen Spiritualität bewahrt die ganze Unendlichkeit seiner Abwesenheit […] Er zeigt sich nur in seiner Spur, wie in Kapitel 33 des Exodus. Zu ihm hingehen, heißt nicht, dieser Spur, die kein Zeichen ist, folgen, sondern auf die anderen zugehen, die sich in dieser Spur halten.“ (E.L. Die Spur des Anderen [1992] 235; zitiert nach M.L. Frettlöh, Gottes nackter Hintern und das nackte Antlitz des anderen Menschen. Beobachtungen und Reflexion zu einem tabuisierten göttlichen Körperteil, in: konstruktiv. Theologisches aus Bern 39/2012; theol.unibe.ch)

Das Entzückende an Gottes Rücken zeigt sich mir also als Leuchten im Gesicht meines Nächsten. Oder umgekehrt: Wenn ich Gott suche, lässt er sich in meinem Mitmenschen finden.

Tannenbaum 2022

Das Team Tannenbaum war gestern wieder aktiv und nun steht er, der diesjährige Weihnachtsbaum in der Thomaskirche. Wir freuen uns aufs Fest.

Aufstellen des Tannenbaums 2022
Aufstellen des Tannenbaums 2022
Aufstellen des Tannenbaums 2022
Aufstellen des Tannenbaums 2022 – mit Krippe

3. Advent, 11. Dezember 2022

Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat die volle Strafe empfangen von der Hand des Herrn für alle ihre Sünden.

Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden; denn die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des Herrn Mund hat’s geredet.

Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des Herrn Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk! Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.

Zion, du Freudenbotin, steig auf einen hohen Berg; Jerusalem, du Freudenbotin, erhebe deine Stimme mit Macht; erhebe sie und fürchte dich nicht! Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott; siehe, da ist Gott der Herr! Er kommt gewaltig, und sein Arm wird herrschen. 

Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her. Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte. Er wird die Lämmer in seinen Arm sammeln und im Bausch seines Gewandes tragen und die Mutterschafe führen.

(Buch des Propheten Jesaja 40, 1-11)

Wege in der Wüste: In der Berichterstattung der aus deutscher Sicht ziemlich verkorksten Weltmeisterschaft in Qatar – Tröstet, tröstet mein Volk! – geht es nicht nur um Fußball, sondern auch um die Lebensbedingungen und die gesellschaftlichen Verhältnisse in diesem Land. Da gibt es nach Meinung derer, die sich ein Urteil erlauben – und hoffentlich auch erlauben können! -, viel zu beanstanden: Unsicherheit der Menschenrechte und ein Mangel an gesellschaftlicher Teilhabe von Frauen zuerst – und manches mehr.

In dieser von den Qatarern nicht immer als fair empfundenen Kritik ihrer Gäste, die aus ihrer Sicht mit zweierlei Maß misst, kommt die Anerkennung für den offensichtlichen Wandel der qatarischen Gesellschaft und für den ungeheuren Fortschritt zu kurz. (Und ob man sich wirklich darüber aufregen sollte, dass sich die Fans nicht in den Stadien betrinken dürfen, sei einmal dahingestellt, zumal es in einigen europäischen Ländern ja ebenfalls ein solches Verbot aus vernünftigen und jedenfalls nicht religiösen Gründen gibt.) Man kann auf jeden Fall Dümmeres mit seinem Reichtum machen, als die Infrastruktur auszubauen und seine natürliche Lage als Drehscheibe zwischen Ost und West zu optimieren.

In einem klugen und nachdenklichen Fernsehfeature hat kürzlich die ZDF-Korrespondentin Golineh Atai über die für die Weltmeisterschaft neu gebaute Metro in Qatar gesprochen, die als pünktliches, modernes, umweltfreundliches Verkehrsmittel die Stadien mit der Stadt und vor allem die Fans aus aller Herren Länder miteinander verbindet. Zumindest wir Wiesbadener, die wir uns selbst aus reiner Doofheit die Citybahn vermasselt haben, hätten hier allen Grund für Respekt: In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! Bei uns gibt es schon lange keine freie Bahn, kein Durchkommen mehr. Ob der vom Propheten angekündigte Herr durch den Wiesbadener Stadtverkehr käme, muss bezweifelt werden.

Ob wir die Freudenrufe – Zion, du Freudenbotin, steig auf einen hohen Berg; Jerusalem, du Freudenbotin, erhebe deine Stimme mit Macht – ob wir solche Rufe in unserem Advents- und Weihnachtsrummel hören und vernehmen könnten, ist ebenfalls zweifelhaft; und in Qatar würden und dürften sie wohl auch so nicht erklingen, zumindest keine Zions- und Jerusalemrufe im selben Atemzug, denn dort hat eher der antizionistische Eifer einen Ort, mit der Fahne der Palästinenser als auffälligste Farben der örtlichen Fans. Betrüben muss uns das wohl, aber auch darauf ist nicht mit dem Finger zu zeigen, solange bei den einschlägigen Demonstrationen in Berlin und anderswo bei uns dieselben Fahnen geschwungen und dieselben Verwünschungen auf den Staat Israel gegrölt werden. Verwüstungen hier wie dort!

Unser Predigttext will sie überwinden; er verkündet einen Weg durch die Wüste, fordert Wege durch unwegsames Gelände, Infrastrukturen durch natürliche und gesellschaftliche Lebensfeindlichkeiten aller Art. Eine Schneise für die Menschlichkeit, damit Gott zu uns kommen kann. Wüsten- und Stadtbahnen des Humanismus inmitten der Unmenschlichkeit.

Ursprünglich war unser Text, der einen völlig neuen und anders klingenden Abschnitt im Jesajabuch einleitet und der deshalb einem zweiten Jesaja, dem „Deuterojesaja“ zugeschrieben wird, auf den Heilspropheten bezogen, der das Ende des Babylonischen Exils wahrnimmt, sei es, dass er es vorausahnt oder schon miterleben kann. Der Weg durch die Wüste ist also zuerst der Weg aus Babylon zurück, auf dem der Heilsbringer den Exilanten vorausgeht, die ihre Heimat wiedersehen sollen: Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat die volle Strafe empfangen von der Hand des Herrn für alle ihre Sünden.

Zu anderen Zeiten konnte unser Prophetenwort weiterverwendet und abgewandelt werden, so etwa für den Bußprediger und Täufer Johannes, der uns unsere menschliche Vergänglichkeit vor Augen führt, unsere Umkehr will und damit den Weg Jesu bereiten will: Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des Herrn Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk! Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.

Und so gelangt es also auch im Advent an unsere Ohren als Hoffnungswort, das Wege durch unsere Wüsten und Verwüstungen für möglich hält. Nicht unbedingt als Aufruf, Nah- und Fernverkehr auszubauen, sondern überhaupt die Wege zueinander, in der Hoffnung, dass dort, wo wir zueinander finden, auch Gott uns findet und für uns da ist: Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte. Er wird die Lämmer in seinen Arm sammeln und im Bausch seines Gewandes tragen und die Mutterschafe führen. Trost und Hoffnung also auch für uns, die wir uns in unseren Wüsten verlaufen haben.

Amen.

2. Advent, 4.12.2022

Da ist die Stimme meines Freundes! Siehe, er kommt und hüpft über die Berge und springt über die Hügel. Mein Freund gleicht einer Gazelle oder einem jungen Hirsch. Siehe, er steht hinter unsrer Wand und sieht durchs Fenster und blickt durchs Gitter. Mein Freund antwortet und spricht zu mir:

Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm her! Denn siehe, der Winter ist vergangen, der Regen ist vorbei und dahin. Die Blumen sind hervorgekommen im Lande, der Lenz ist herbeigekommen, und die Turteltaube lässt sich hören in unserm Lande. Der Feigenbaum lässt Früchte reifen, und die Weinstöcke blühen und duften. Steh auf, meine Freundin, und komm, meine Schöne, komm her! (Hohelied 2,8-14)

Frühlingsgefühle im Winter, ein Maienlied im Dezember, blühende Blüten an den Blumen und reifende Früchte am Feigenbaum trotz Winterschlaf der Natur! Was ist da los?

Wenn ich jetzt aus meinem Fenster blicke, dann ist da zwar auch ein Feigenbaum, erstaunlich kräftig für unsere nördlichen Breiten, geschützt durch die Mauern des Hauses. Dieser prächtige Feigenbaum schläft aber gerade seinen Winterschlaf, nur noch wenige braune Blätter liegen am Boden, seine Äste und Zweige zeigen kahl in den grauen Winterhimmel und man kann sich kaum vorstellen, wie es wieder sein wird, im Frühling, wenn Blätter und Früchte austreiben – das tun die nämlich gleichzeitig bei einer Feige; und wenn sie im Sommer dann ein schützendes Dach bilden. Jetzt ist das nicht so.

Ich stelle mir vor, dass die Menschen früher noch viel unmittelbarer den Gang der Natur erlebten, ihr noch viel unmittelbarer ausgeliefert waren, es noch viel direkter gespürt haben, wenn es kalt und wenn es warm war; es hell war in langen Tagen oder dunkel der langen Nächte wegen. Klar kriegen wir das auch heutzutage noch mit; spätestens wenn es glatt wird auf den Straßen; wenn wir morgens im Dunkeln das Haus verlassen und es abends erst wieder im Dunkeln betreten; wenn uns der nasse Wind kalt um die Nase pfeift. Aber wenn nicht gerade Krieg und Krise herrschen, können wir uns ganz gut dagegen wappnen, die Winterreifen auflegen, die Heizung aufdrehen, die garstige Zeit abwarten und Tee trinken.

Dieses Jahr wird uns das voraussichtlich nicht ganz so gut gelingen, den Winter draußen vor der Tür zu halten. Stell dir vor, es wird kalt und du gehst nicht raus; dann kommt die Kälte zu dir. So eine Krise wirft uns zurück; wir fühlen uns ausgeliefert; gleich zweifach ausgeliefert: den Unbilden der Natur und dem Gang der Geschichte. Was soll nur werden?

Der merkwürde, schöne, aber offensichtlich unpassende Predigttext aus der Liebesgedichtsammlung des Alten Testaments – Stichwort Frühlingsgefühle! – in unseren Winter hinein stellt eine paradoxe Intervention dar; er passt eigentlich gar nicht, er liegt quer zu unserem Erleben und zu unseren Gefühlen:

der Winter ist vergangen – aber das ist er doch gar nicht, er fängt gerade erst an

der Regen ist vorbei und dahin – weit gefehlt, Regen und mehr noch Schnee werden uns noch eine Weile begleiten.

Die Blumen sind hervorgekommen im Lande – ganz im Gegenteil, alle Pflanzen verkriechen sich und sie tun gut daran.

Der Lenz ist herbeigekommen – wo denkst du hin?

Und auch die Turteltaube lässt sich nicht hören, der Feigenbaum lässt keine Früchte reifen, und die Weinstöcke blühen und duften schon lange nicht mehr und noch lange nicht wieder.

Alles das, wovon in unserem Predigttext die Rede ist, ist nicht – nicht mehr – noch nicht: Aber es wird wieder sein! Unterm Gegenteil verborgen regeneriert die Natur, ruht sich aus, sammelt Kraft für die Zeit, wenn sie sich wieder in aller Macht und Pracht zeigen wird. Dessen sollen wir auch beim Betrachten der winterlich ruhenden Natur gewiss sein. Das ist die eine Absicht dieser paradoxen Intervention – Naturbetrachtung als reine innere Vorstellung unter ihrem sichtbaren Gegenteil – vom Frühling reden unter einer Decke von Eis, Frost und Schnee.

Die andere Absicht unserer heutigen Botschaft geht viel weiter: Sie will, dass wir die Naturbetrachtung auf Grundsätzliches anwenden und verlängern. Sie will, dass wir unsere Welt und unser Leben grundsätzlich für veränderlich halten, veränderlich zum Besseren hin. Wo Unrecht ist, soll Gerechtigkeit werden. Wo uns die Krise lähmt, soll Wohlstand entstehen. Wo Hass wütet, soll Liebe sein. Wo Krieg herrscht, soll Frieden geschlossen werden. Und wo uns Kälte erzittern lässt, sollen wir gewärmt werden. Wir sollen den Frühling für möglich halten – mitten im Winter.

Mit dem zarten Liebesgeflüster aus dem Hohelied Salomos bekommen wir heute ein Zeichen des Friedens, das wir weitergeben sollen. Auf die berechtigte Frage, wie denn Frieden gestiftet werden kann, antwortet die Bibel mit den Bildern des Friedens. Und das Bild dessen, der unter seinem Feigenbaum sitzt; das Bild dessen der in seinem Weingarten aufatmet und Erholung sucht, solche Bilder gehören zu den überzeugendsten, wie sie die Propheten im Namen und Auftrag Gottes verkündeten, etwa so:

„Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken.“ (Micha 4,3f.)

Die Bilder des Friedens sollen uns des Kriegs müde und der Kriegsführung unkundig machen, wie es heißt: „Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“ (Jesaja 2,4)

Und diese Imaginationen des Friedens sollen wir nicht für uns behalten, sie sollen weitergegeben werden und auch für unsere Nachbarn gelten: „Zu derselben Zeit, spricht der Herr Zebaoth, wird einer den andern einladen unter den Weinstock und unter den Feigenbaum.“ (Sacharja 4,10)

So sprechend und ansprechend also der kurze Vers bukolisch-pastoraler Liebenslyrik aus dem Hohenlied schon ist – Der Feigenbaum lässt Früchte reifen, und die Weinstöcke blühen und duften – , ein duftender, freundlicher, wärmender Gruß aus dem Frühling, der kommt – hüpfend wie eine Gazelle und springend wie ein Hirsch – in unseren Winter hinein, soviel mehr ist doch damit gemeint: nämlich die im Bild zu uns gesprochene Ansage des Friedensreiches, des Schalom Gottes, der unsere unordentliche Verhältnisse in eine Ordnung bringen wird; die göttliche Friedensordnung, die unsere Irrungen und Wirrungen in Kälte und Dunkelheit verwanden wird in Wärme und Licht. Noch ist alles hineingetaucht in das Tohuwabohu des vorgeschöpflichen Chaos´, in Leere und Finsternis. Aber Gott spricht abermals in einem Akt neuer Schöpfung: Es werde Licht – und es wird Licht sein!

Steh auf, meine Freundin, und komm, meine Schöne, komm her!

Oder mit unserem Wochenspruch: „Steht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ (Lukas 21,28)

Amen.

Der Nikolaus – wer ist das?

Am Vorabend des sechsten Dezembers – das weiß jedes Kind, die besonders – feiern wir den heiligen Nikolaus. Und hier ist das „wir“ ziemlich umfassend, geradezu „katholisch“ gemeint, weil er wegen seiner Menschenfreundlichkeit in der katholischen wie auch in der orthodoxen Kirche einer der populärsten, gar „apostelgleichen“ Heiligen überhaupt ist, außerdem auch bei vielen evangelischen Christen als Gabenbringer gefeiert wird und er sogar in seiner säkularen Schrumpfform als Weihnachtsmann (und sei es in der kaum tauglichen Beleidigung „Sie Weihnachtsmann!“) in der immer größer werdenden Nichtkirche der Unreligiösen eine erstaunliche Karriere gemacht hat; wenn das mal keine kulturelle Aneignung ist!

An den antiken Bischof Nikolaus (3./4. Jahrhundert) aus der Hafenstadt Myra, dem heutigen Demre an der türkischen Riviera (unweit Antalyas), haben sich früh zahlreiche Legenden geheftet, die allesamt nur insoweit „wahr“ genannt werden können, als dass sich in ihnen die Menschenfreundlichkeit Gottes in einem Menschen spiegelt. Er verschenkt im Namen Gottes und auf eigene Kosten neues Leben und neue Lebensmöglichkeiten, z.B. in der bei uns besonders bekannten und beliebten Erzählung, nach der der wohlhabende Nikolaus mit dem nächtlichen Hineinwerfen dreier Goldklumpen in das Haus einer verarmten Familie die drei Töchter vor der Zwangsprostitution bewahrt. Nach einer anderen Geschichte gelingt ihm sogar die Reanimation eines zerteilten und im Salzfass eingelegten Jünglings. Entscheidend und in diesem Sinne „wahr“ ist hier wie dort und in weiteren Legenden, dass die Taten und Wunder des Nikolaus den Betroffenen neues Leben durch Gott ermöglichen.

Seine Popularität hat dafür gesorgt, dass Seeleute (andere sagen Piraten) aus dem süditalienischen Bari im Jahr 1087 seine Gebeine aus Myra geraubt und in ihre Heimatstadt überführt haben, was bis heute etwas euphemistisch als „translatio“ in einem großen Volksfest in Bari im Mai gefeiert wird. Die übrige Zeit des Jahres liegen seine Gebeine (wobei die türkischen Grabwächter im verwaisten Demre natürlich davon ausgehen, dass die falschen geklaut wurden und die richtigen noch an ihrem Ort sind!) in einer romanischen Basilika in der baresischen Altstadt, tief verehrt von den Pilgern aus West und Ost. So sehr im Osten verehrt, dass sie erst kürzlich – und zum allerersten Mal seit ihrer Ankunft in Bari – im Jahr 2017 neuerlich auf Reisen gingen, nach Russland nämlich, wo sie allein in Moskau von mehreren Millionen Menschen besucht wurden – dem Vernehmen nach auch von einem gewissen Präsidenten, gegen dessen Besuch sich der Heilige Nikolaus leider nicht wehren und dessen Gewissen er nicht schärfen konnte: Nicht alle, die ihm begegnen, lassen sich von der Menschenfreundlichkeit des Nikolaus berühren.

Als strengen Prüfer des Gewissens habe ich den Nikolaus als Kind wie viele meiner Generation kennengelernt, nämlich auf seinen Hausbesuchen am Vorabend des Nikolaustages, wenn er laut polternd Einlass in die Wohnung begehrte, zu meinem Schrecken auch bekam und erst nach einer reichlich verstörenden Befragung, die eindeutig Insiderwissen über meine Missetaten verriet, seine guten Gaben aus dem Sack ließ, für die ich aus lauter Angstschweiß und Tränen aber keinen Blick mehr hatte. Es dauerte dann einige Jahrzehnte, mein Nikolaustrauma zu überwinden, um den Menschenfreund Nikolaus für mich neu zu entdecken und mich selbst als glücklicher und stolzer Träger seines Namens zu fühlen – wie doch wohl alle Niklasse oder Kläuse, jeder Niccolo oder Nikita, Klaas, Nick, Nils oder Lasse; und noch die Damen und Herren Klose, Lose oder Nietzsche (eine noch viel längere Liste von Namensderivaten findet sich bei Manfred Becker-Huberti: Der Heilige Nikolaus, Leben, Legenden und Bräuche, Köln 2005, das für eigene Nikolausstudien wärmsten empfohlen werden kann).

Klaus Neumann

Lebendiger Adventskalender 2022

St. Mauritius & ev. Thomasgemeinde

Auch in diesem Jahr gibt es wieder unsere nachbarschaftliche Aktion:
Vom 1. bis 22. Dezember treffen wir uns jeweils von 19.00-19.15 Uhr zu adventlichen Gedichten, Geschichten und Liedern im Kerzenschein vor einer Tür in der Nachbarschaft. Alle sind herzlich eingeladen!

Predigttext für den 1. Advent, 27. November 2022

Und dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: Das sagt, der Amen heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes: Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach dass du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. Du sprichst: Ich bin reich und habe mehr als genug und brauche nichts!, und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß. Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, das im Feuer geläutert ist, damit du reich werdest, und weiße Kleider, damit du sie anziehst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest. Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht und züchtige ich. So sei nun eifrig und tue Buße! Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir. Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden habe und mich gesetzt habe mit meinem Vater auf seinen Thron. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! (Offenbarung 3,14-22)

Lauwarmer Laodizeer zu sein, das wäre doch schon was in diesen Zeiten!

Denn um es vorwegzunehmen, liebe Schwestern und Brüder, trotz der besten Vorsätze, die aber allesamt in der Hitze eines außergewöhnlich heißen Sommers getroffen wurden, gelingt es mir zunehmend weniger beim Duschen und Heizen zu sparen. Das sollen wir ja eigentlich, Energie sparen zuhause und anderswo, um einem blindwütigen Gewaltherrscher nicht auch noch die Kassen zu füllen; das scheint – noch! – ansatzweise zu gelingen, aber der Herbst war milde, auch jetzt ist es noch nicht richtig kalt geworden – was wird wohl sein, wenn der Winter so hart wird, wie der Sommer heiß war? – und mir gelingt es schon jetzt immer weniger nur mal schnell und kühl, geschweige denn kalt zu duschen und die Heizung runterzudrehen. Immer wenn Freunde und Kollegen ihre Heldengeschichten von der kalten Wohnung und der kalten Brause erzählen, erschauere ich, halte ganz still und denke bei mir: Wenigstens lauwarm sollte es doch sein.

Der Herr badet gern lau – dieser berühmte Satz, der übrigens passenderweise im Kontext einer Moskaureise einer deutschen Regierung fiel – lang ist es her (1973 mit Kanzler Willy Brandt), und so viel sagen sollte, als dass der damalige Kanzler ein Warmduscher sei, also einer, der die Härte und Kälte des politischen Lebens nicht gut aushält, es lieber bequem hat, den lauen Kompromiss wählt; und schon gar nicht die unbequeme Härte und Kälte des russischen Winters auszuhalten gewillt und in der Lage ist, und der – also ein russischer Winter – natürlich auch dieses Jahr nicht in unserer Gegend zu erwarten ist; in der von der an die Kälte gewohnten Russen überfallenen Ukraine aber schon. Darauf muss man erstmal kommen, den Gegner durch Kälte und Dunkelheit gefügig machen zu wollen. Die Verteidiger ihres Landes haben sich jedenfalls gegen den lauwarmen Weg der Bequemlichkeit entschieden und scheinen bereit zu sein, der Kälte des russischen Winters standzuhalten.

Dass es Situationen und Lebenslagen gibt, die uns Entscheidungen und also Entschiedenheit abverlangen; Entscheidungen, die uns ein lauwarmes Verharren verbieten, genau das meint der Seher Johannes mit seinem Wort an die Gemeinde in Laodizea, das wie sein ganzes Buch ein verschlüsselter Text in schwierigster Zeit und äußerster Bedrängnis ist. Sein: Wer Ohren hat, der höre zeigt an: Hier liegt ein Sinn unter der Oberfläche; hier ist was verschlüsselt; erschließt Euch den tieferen Sinn meiner Worte; denn ich kann jetzt nicht offen reden.

Noch werden die Christen im römischen Imperium verfolgt, Kaiser Nero – sein Name verbirgt sich wohl hinter dem berühmten und satanisch-berüchtigten 666 der Johannesoffenbarung – dieser Nero ist auf neronischen Umtrieben; Christen sehen sich Mordwellen ausgesetzt, angezündet, den Tieren im Colosseum zum Fraß vorgeworfen und also in den Untergrund verdrängt, in die berühmten Katakomben in Rom, Neapel und anderswo verdrängt; christlicher Gottesdienst ist nur unterirdisch, versteckt möglich, im Dunkeln der Grabanlagen; Seite an Seite mit den Toten – und siehe sie leben.

Die Christen in Laodicea waren eine solche bedrängte Gemeinde, die sich Unentschiedenheit eigentlich nicht leisten konnten, wollten sie überleben; aber sie sind sich nach Ansicht unseres Briefautors ihrer misslichen Lage nicht bewusst. Vielleicht halten sie sich durch Randlage in großer Entfernung der Hauptstadt für hinreichend geschützt: was interessiert es den Kaiser von Rom wenn in Laodicea im fernen Phrygien ein Sack Oliven umfällt oder eben eine Handvoll Christen ihre Lieder singen? Vielleicht halten sie sich für reicher als sie tatsächlich sind, weil es ihnen bisher an nichts fehlte: Uns fehlt es an nichts, warum sollten wir etwas ändern? Vielleicht konnten sie sich bisher immer irgendwie durchwurschteln und wissen nicht, dass sie elend und jämmerlich sind, arm, blind und bloß. Wer Ohren hat, der höre!

Als Mithörender solcher verschlüsselten Worte in einer ganz anderen Zeit und unter ganz anderen Umständen fühle ich mich dennoch verstanden, mehr noch: erwischt! Denn auch wir heutigen Christen leben in einer Scheinwelt, machen uns Illusionen, halten uns für andere, Größere, Bessere als wir sind; unsere Kirchen und Gemeinden sind längst Denkmäler verfallener Größe; und wir bloße Scheinriesen, verzwergt in den viel zu großen Anzügen der Vergangenheit; und das sicherlich auch durch Unentschiedenheit: durch unsere Lauheit verzwergt; Religion ist nicht, nicht mehr, was uns unbedingt angeht; Glauben, nicht mehr das, was mich umtreibt und meinem Leben Sinn gibt; sondern bloße Garnierung und Accessoire, der Sahnekleks, wenn überhaupt, auf einem Dasein, dass die meiste Zeit auch ganz gut ohne Gott auskommt; wer braucht eigentlich noch die Weihnachtsgeschichte für Weihnachten? Religiös betrachtet und geistlich gesehen sind wir haargenau so wie die lauwarmen Laodizeer: elend und jämmerlich, arm, blind und bloß.

Aber der Autor macht den Laodizeern und damit uns ein Angebot, das wir kaum ablehnen können; ein Kaufangebot und damit passt es ja ganz gut in die Vorweihnachtszeit, wenn die wichtigste Botschaft die wöchentliche Mitteilung des Einzelhandelsverband ist, ob wir auch alle brav gekauft haben; da müsste doch die eine oder andere Erkenntnisse für unsere jetzt anstehenden Weihnachtseinkäufe drinstecken.

Kauft Gold, weiße Kleider und Augensalbe ruft unser Autor werbend zu; und trifft damit ganz gut die Kauf- und Schenkgewohnheiten, die noch heute zu Weihnachten gelten: Gold, Geld und Schmuck – Gewirktes, Gestricktes und Selbstgestricktes – freiverkäufliche Arzneien, Pülverchen und Tinkturen, streng ohne Rezept aber mit Empfehlung der Apothekenrundschau.

Natürlich hat sich der Autor unseres Briefes mit seinen Kaufempfehlungen was Symbolisches gedacht: das Gold, das er zu kaufen empfiehlt, soll besonders edel sein, besonders rein, im Feuer geprüft, kostbar, haltbar, belastbar, fähig zum Widerstand – anders als wir; und die weißen Kleider, so sauber und rein, so klar, so eindeutig, wie wir eben nicht sind, die wir uns höchstens aufs „Whitewashing“ verstehen, aber eben nicht wirklich ganz sauber sind; und die Augensalbe, mit der wir uns endlich die Augen heil und sauber reiben sollen, um zu sehen, wie es mit uns steht.

Im normalen Geschenkewesen sollte man sich solcher symbolisch-pädagogischer Geschenke lieber enthalten – also nicht nach dem hier zitierten Motto schenken: Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht und züchtige ich; wobei an dieser Stelle das Wort züchtigen heutzutage zu scharf klingt; nach dem Original ist eher Erziehung gemeint, also welche ich lieb habe, weise ich zurecht und erziehe ich, was zugegebenermaßen aber auch nicht viel besser ist. Wer will schon als Lesemuffel mit einem Buch „erfreut“ und erinnert werden, dass er einer ist; und wer durch ein Stück Seife daran, dass man Mief und Gemüffel abwaschen kann? Andererseits leben natürlich gerade kostbare Schmuckgeschenke von ihrem Symbolgehalt: So viel bist du mir wert, und noch viel mehr! Aber Achtung: Wer hat schon die Mittel, seine Liebe wirklich in Gold aufzuwiegen? Und für die Liebe meines Lebens müsste es doch schon ein ganz ordentlicher Klunker sein: diamonds are forever! Ein Diamant ist unvergänglich – was schon eine ziemlich religiöse Aussage ist und sicherlich als solche gemeint war.

Mit einem Geschenk lässt sich durchaus Entschiedenheit einerseits ausdrücken oder es drückt sich in ihm bloße Unentschiedenheit, also Lauheit andrerseits aus. Das unpassende, gedankenlos gekaufte, geschmacklose Geschenk kann mehr Schaden anrichten als es ganz zu vergessen: Doppelt Geschenktes, weiter Verschenktes, das geizige Geschenk oder allzu praktische Geschenke kann man sich schenken. Das gelungene Geschenk hält hingegen die Balance zwischen Selbstlosigkeit, Liebeserklärung und Einfühlungsvermögen, was dem anderen eine Freude bereiten könnte. Und nur ein lauwarmer Laodizeer würde sich von solchen hohen Ansprüchen an das Schenken abschrecken lassen: Dieses Jahr schenken wir uns gar nichts, ok Schatz?

Ich glaube das ist der Punkt: Lauwarm heißt, Kosten und Mühen zu scheuen; lauwarm heißt, sich angesichts der Größe einer Entscheidung, sich nicht entscheiden zu wollen; lauwarm heißt, sich den letzten Schritt zu gehen einfach nicht getrauen; in der Liebe wie in der Religion, die sind sich ja sowieso in vielerlei Hinsicht ähnlich. Aber warum sollte ich mit einem Menschen leben wollen, den ich nicht über alles liebe; oder umgekehrt: warum sollte ich nicht mit dem Menschen leben wollen, den ich über alles liebe? Oder warum sollte ich einer Religion angehören, der ich nicht glaube; und abermals umgekehrt: Warum sollte ich ihr nicht angehören – ganz und gar – wenn ich ihr glaube? Es mag Dinge oder Verrichtungen geben, die ganz gut lauwarm zu genießen sind – Duschbäder könnten dazugehören -, aber die wirklich wichtigen erfordern eine Entscheidung.

Auf den alles entscheidenden Moment der Entscheidung kommt es an: Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen. Das wäre doch wirklich ärgerlich, einen solchen Moment zu verpassen. Und auf den warten wir im Advent.

Amen.