Predigttext für den 12. April 2020, Ostern

Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen. Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus; danach die Christus angehören, wenn er kommen wird; danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt. Denn er muss herrschen, bis Gott »alle Feinde unter seine Füße gelegt hat« (Psalm 110,1). Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. Denn »alles hat er unter seine Füße getan« (Psalm 8,7). Wenn es aber heißt, alles sei ihm unterworfen, so ist offenbar, dass der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat. Wenn aber alles ihm untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, auf dass Gott sei alles in allem. (1. Korintherbrief 15, 19-28)

Es war ein wunderlicher Krieg, da Tod und Leben rungen; das Leben behielt den Sieg, es hat den Tod verschlungen. (Evangelisches Gesangbuch 101)

Mit allen Mitteln wird gegen die Seuche gekämpft, und wenn die medizinischen nicht ausreichen und noch keine Wirkung erzielen, andere aber nicht zur Verfügung stehen, schon gar keine militärischen, dann soll das Virus eben mit rhetorischen Mitteln bekriegt werden: Krieg der Worte gegen das Virus! Die üblichen Verdächtigen in solchen Fällen, aber auch der doch ganz zivil wirkende Präsident der französischen Republik ziehen gegen das Virus in den Krieg – zumindest mit ihren Worten! Auch die Boulevardpresse kürt Helden der Krise, den Arzt im Ruhestand, der im Seniorenheim hilft, oder die Schwimmtrainerin, die Proben von Corona-Patienten nimmt. Das vermittelt zwar durchaus den Ernst der Lage, aber eben auch die Verzweiflung darüber, mit den Maßnahmen nicht – noch nicht – die erwünschten Erfolge zu erzielen. Die Kriegsdrohungen scheinen den Erreger jedenfalls nicht sonderlich zu beeindrucken. Es bleibt offen, wann ein Sieg über die Seuche verkündet werden kann und welche Sprache dann angemessen erscheinen wird.

Nicht wenige Auferstehungstexte und Osterlieder singen und sagen in kriegerischen Worten vom Sieg des Lebens. Der eingangs zitierte Luther noch mittelalterlich gefärbt und rau, aber auch Paul Gerhardt in seiner farbig barocken geschliffenen Sprache ein Jahrhundert später: Eh er´s (der Feind) vermeint und denket, ist Christus wieder frei und ruft Viktoria, schwingt fröhlich hier und da sein Fähnlein als ein Held, der Feld und Mut behält. (EG 112) Damit nimmt er die Sprache der Bilder seiner Zeit auf, die den Auferstandenen mit Siegesfahne abbilden.

Die österlichen Krieg- und Siegmetaphern können sich auf Paulus berufen, wie wir am heutigen Predigttext sehen. Der Tod als letzter Feind wird an Ostern besiegt, vorher geht es anderen lebens- und menschenfeindlichen Herrschaften, Mächten und Gewalten an den Kragen. Am Ende wird Gott alles Widergöttliche unterworfen haben, auf dass Gott sei alles in allem. Am Ende wird alles gut, tutto andrá bene! (Wie wir von unseren italiensichen Freunden in diesen schlimmen Zeiten gelernt haben.)

Und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende. Der Apostel Paulus setzt sich – nach allem was wir wissen – in seinen Korintherbriefen mit anderen Christen auseinander, die das durch Ostern eingeleitete Ende alles Widergöttlichen und den Sieg Gottes in der Auferstehung seines Sohnes für schon eingetreten gehalten haben und nicht wie er für erst den Anfang des noch kommenden, noch ausstehenden Gottesreiches. Er setzt sich mit denen auseinander, die den Sieg Gottes über den Tod schon für vollständig halten – und die die anderen Apostel wie Paulus, die diesen Sieg erst in der Zukunft erwarten, für ungläubig halten. (Das wird den Paulus gekränkt haben, wie wir gekränkt sind, wenn uns von anderen der Glaube abgesprochen wird, so wie kürzlich als mir auf den Osterbrief unserer Gemeinde hin ohne weiteren Kommentar der Vorwurf des Unglaubens gemacht wurde. Das wäre doch zu begründen und zu besprechen!)

Deshalb entwirft Paulus hier einen Zeitplan für die endzeitliche Erlösung, die jedem gilt, jedem aber anders, jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung, und zwar in der für ihn bestimmten zeitlichen Ordnung;Christus zuerst und vorneweg, dann die, die zu ihm gehören und an ihn glauben, darauf erst das allgemeine Ende. Das kann er natürlich gar nicht gewusst haben, aber das ist unerheblich, denn ihm geht es darum, den zeitlichen Unterschied zwischen Auferstehung Jesu und allgemeiner Auferstehung, also den kategorialen Unterschied zwischen Ankündigung, Anfang und Ende des Endes zu verdeutlichen.

Wir feiern Ostern gewöhnlich als jährlich (na gut, also angesichts des diesjährigen Osterausfalls beinahe jährlich) wiederkehrende Frühlingsfest als Fest des neuen Lebens aus Gott – und es ist nicht unfromm, das auch in der Kirche zu feiern und zu besingen! (Jetzt grünet, was nur grünen kann, Halleluja, die Bäum zu blühen fangen an, Halleluja. Es singen jetzt die Vögel all, Halleluja, jetzt singt und klingt die Nachtigall, Halleluja. Der Sonnenschein jetzt kommt herein, Halleluja, und gibt der Welt ein´ neuen Schein, Halleluja. EG 110)

Und wir glauben Ostern als Ereignis der Vergangenheit, als Gott seinen Jesus Christus auferweckt hat und dem Leben damit den alles verändernden und unumkehrbaren Sieg gegen den Tod verschafft hat.

Mit unserem Paulustext heute richtet sich der Blick aber vor allem in die Zukunft nach vorne! Ostern steht in seiner ganzen Fülle noch aus. Ostern ist laut Paulus erst der Anfang vom besten aller möglichen Enden: auf dass Gott sei alles in allem!

Das soll über die österlichen Defizite – nicht nur in diesem Jahr – hinweghelfen. Wenn wir Ostern in diesem Jahr nicht gemeinsam und auf die gewohnte Art feiern können, ist das überaus bedauerlich, aber es könnte uns doch auch die Augen dafür öffnen, dass es seit zweitausend Jahren immer Menschen gab, die aus persönlichen Umständen Ostern nicht oder nur ganz eingeschränkt feiern konnten, etwa aus Trauer um ihre Lieben oder wegen schwerer Krankheit oder auch bloß wegen eines Klinikaufenthalts (wie es mir im vergangenen Jahr in der Reha gegangen ist, in der kein Gottesdienst gefeiert wurde und ich noch zu klapperig war, einen außerhalb zu besuchen); oder dass ganze Landstriche und Länder wegen Krieg oder Seuchen oder anderer Katastrophen Ostern nicht feiern konnten – manchmal über viele Jahre nicht feiern konnten. Ausgefallene Ostern hat es für einzelne oder für viele schon immer gegeben.

Auch das erste Ostern ist ja eher durch ein Fehlen, einen Mangel – das leere Grab! – und Furcht und Zittern – „Entsetzt euch nicht! Er ist nicht hier“ (wie es im Osterevangelium heißt) – gekennzeichnet. Und nur ganz allmählich hat sich die Botschaft von Kreuz und Auferstehung in der antiken Welt verbreitet, in der sie mehrheitlich für Ärgernis oder Torheit gehalten wurde, ohne dass sie bis heute auch nur annäherungsweise alle Menschen erreicht hätte. Es spricht einfach ziemlich viel (auch ohne Corona) gegen Ostern und den österlichen Sieg gegen den Tod – wenn man nicht mit Paulus die Zukunftsdimension von Ostern betrachtet.

Anders als zukünftig ist der österliche Sieg über den Tod nicht für wahr zu halten. Das kann uns frustrieren – wie es die Korinther frustriert hat: ein bisschen gegenwärtiger und erfahrbarer hätten wir die Auferstehung schon gern! (Und Gott könnte sich selbst und uns doch eine Menge Mühe ersparen, wenn er uns gleich jetzt schon Leiden und Tod und dazu diese verdammte Seuche erlassen würde.)

Das kann uns aber auch zu einem Osterglauben wie bei Paulus führen, der nach vorne blickt, der die Gegenwart für veränderbar hält (Es wird ein Mittel gegen diese Seuche geben! Und das ist jetzt nicht zuerst eine Glaubensaussage sondern eine Zusage der medizinischen Wissenschaft.) und der alles von Gott erwartet – von dem nämlich, der seinen Sohn vom Tode auferweckt hat. Eine stärkere Versicherung unseres Glaubens und unserer Hoffnung gibt es nicht: Weil Christus vom Tod erstanden ist, werde ich im Grab nicht bleiben.

In dieser Hoffnung wollen wir es uns auch in diesem Jahr dann eben auf diesem Wege sagen lassen und dann auch weitersagen: Er ist auferstanden – Er ist wahrhaftig auferstanden!

Und es singen! Christ ist erstanden von der Marter alle; des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Kyrieleis.(EG 99)

Klaus Neumann, Pfarrer

Predigttext für den 10. April 2020, Karfreitag

Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nunBotschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt. (2. Korinther 5,19-21)

Der Blick auf das Kreuz Jesu soll unseren Blick auf unser Leben und unser Sterben verändern, zum Besseren. Das ist paradox. Denn der natürliche Reflex angesichts menschlichen Leides ist ja wohl eher, die Augen zu schließen, um das Leid auszublenden (damit blende ich nun allerdings die Sensationsgier aus, die sich am Leid gaffend ergötzt, die es wohl auch im religiösen Bereich gibt, sichtbar etwa an den spätmittelalterlichen Marterbildern der Heiligen). Und es ist eine Zumutung: dass wir uns dem Leiden und Sterben Jesus aussetzen sollen, die Augen eben nicht verschließen, sondern uns das genau ansehen sollen, wie es etwa die Passionsfrömmigkeit früherer Zeiten gefordert hat:

O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn, o Haupt, zum Spott gebunden mit einer Dornenkron, o Haupt sonst schön gezieret mit höchster Ehr und Zier, jetzt aber hoch schimpfieret: gegrüßest seist du mir! (Evangelisches Gesangbuch 85)

Wie könnte ich das begrüßen, das leidende Haupt, oder auch nur ansehen, dem brechenden Blick des sterbenden Jesus standhalten.

So wie ja auch das große Kruzifix in der Thomaskirche eine Zumutung ist, der nicht alle standhalten wollen oder können. Es ist der verständliche, der richtige Instinkt, der uns zusammenzucken und entsetzen lässt bei diesem Anblick; wie etwa die muslimische Besuchergruppe bei uns vor einigen Jahren – hab schon oft von diesem Erlebnis erzählt – wirklich entsetzt und in ihren religiösen Gefühlen verletzt auf unser Kreuz reagiert hat; oder wie die Kunstexpertin noch unlängst unser Kreuz für unerträglich in einem Kirchenraum erklärt hat und vorschlug, es samt Bretterwand (einem bevorzugten Stilelement unseres Kirchenarchitekten Rainer Schell) zu entfernen, um durch ein schön gestaltetes Fenster den heiteren Blick auf Gottes freundliche Welt zu ermöglichen…

Aber da stocken wir schon und brauchen eigentlich keine akute Seuche um das Missverständnis über unsere Welt zu durchschauen. Unsere Welt ist heiter und freundlich und ein gutes Zuhause – aber eben nicht nur das. Wir missverstehen die Natur, wenn wir sie als Idyll deuten, sie ist auch Schauplatz von Katastrophen, von Leid, von Gewalt, von Seuchen, auch Krankheitserreger sind Teil der Natur. Sterben ist Teil der Natur, so wie das Leben. Mit dieser Ambivalenz der Welt haben wir zu leben. Damit erkennen wir an, dass wir nicht im Paradies und nicht im Himmel leben; und damit beugen wir letztlich einer Verwechslung von Gott und Welt vor: allein gut ist nur Gott, alles andere, auch der Mensch, braucht die Nähe Gottes, um das zu erfahren.

Letztes Zeichen dieser ambivalenten Verhältnisse auf der Erde ist der Tod: auch das Schöne muss sterben, auch das Gute, das Gerechte, das Wahre, das Liebste; alles ist „eitel“, sagt der Prediger Salomo, also vergänglich und wird auch vergehen; „das Universum expandiert“ (sagt der kleine Alvy Singer in Woody Allens Anny Hall und stellt deshalb die Fertigung seiner Hausaufgaben ein, auch wenn seine wenig sensible Mutter erwidert, dass aber Brooklyn, wo sie leben, nicht expandiere, womit sie im übrigen nicht recht hat). Menschen sind sterblich und sterben, alle.

Es ist dieser Horizont unserer Sterblichkeit, vor dem das Kreuz Jesu aufgerichtet ist, den es einerseits spiegelt, den es andererseits überragt und überstrahlt. Denn hier leidet und stirbt ein Mensch, aber in diesem Menschen war Gott: Gott war in Christus. Der unsterbliche Gott wird sterblicher Mensch – Weihnachten – und stirbt: Karfreitag. Das ist das Thema, die Idee und der eigentliche Skandal dieses Tages: Der Tod Gottes. Was wir für eine atheistische Erfindung halten, wird in die Mitte unseres Glaubens gerückt, kaum auszuhalten. Und es wird auch kaum ausgehalten, wenn beispielweise das Karfreitagslied „O Traurigkeit, o Herzeleid“ (EG 80, das wir heute auch nicht zusammen singen können; und das ist beinahe das Bedauerlichste in diesem Seuchenjahr, dass wir nicht gemeinsam diese Lieder singen können, die viel eindringlicher als Predigt oder Predigttext den Karfreitag erklären) die originale Textzeile „O große Not! Gott selbst liegt tot“ in die (vermeintlich) weniger anstößige Fassung „O große Not! Gott´s Sohn liegt tot“ verändert und damit abmildern will. Wir begehen heute am Karfreitag die Identifikation Gottes mit dem Menschen Jesus – bis in die letzte Konsequenz, bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Gott selbst gibt sich in den Tod, Gott selbst gibt sich hin.

Das ist für mich die aufregendste, aber auch die verstörendste Aussage des christlichen Glaubens über Gott; sie ist darin auch unerfindbar (so würde man sich seinen Gott nicht erfinden, geschweige denn glauben) und nimmt wie gesagt im Kern den modernen Atheismus vorweg: Gott stirbt. Gott stirbt den Tod des Menschen – um ihn zu überwinden. Gott teilt das Geschick seiner Menschen, identifiziert sich, solidarisiert sich – und überwindet so den Tod des Menschen Jesus, wie auch die Macht des Todes überhaupt. (Im Leitbild unserer Zeit gesprochen, könnte man vielleicht sagen, aber eigentlich nur ganz tastend und vorläufig: Gott infiziert sich mit dem Virus des Todes, um mit uns die Krankheit zu tragen – und sie zu überwinden!)

Die Bibel – und eben auch unser Text heute – nennt das: Gottes Versöhnung der Welt: nicht so, dass ein zorniger Gott wegen unserer Verfehlungen, unserer Sünden mit uns versöhnt werden müsste; sondern so, dass ein über alle Maßen liebender Gott die von ihm durch Sünde und Tod getrennten Menschen mit sich versöhnt. Gott teilt alles mit uns, auch unsere Sterblichkeit; Gott erträgt unseren Tod – und darin überwindet er ihn. Wir sollen das verstehen und dürfen es mit ganzem Herzen glauben, dass Gott auch den menschlichen Tod mit uns teilt, uns auch in die tiefste Finsternis begleitet, im Sterben nicht allein lässt. So wie uns in unserem Sterben ein lieber Mensch begleiten soll (Und bei so vielen in dieser schrecklichen Seuche, wo sie besonders wütet, ist genau das nicht der Fall. Das ist für mich das Schlimmste daran, dass so viele einsam und ungetröstet sterben müssen.), so will Gott auch dann bei uns sein; auch das haben die Liederdichter wie Paul Gerhardt gewusst und besungen:

Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir, wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herfür; wenn mir am allerbängsten wird um das Herze sein, so reiß mich aus den Ängsten kraft deiner Angst und Pein.
Erscheine mir zum Schilde, zum Trost in meiner Not, und lass mich sehn dein Bilde in deiner Kreuzesnot. Da will ich nach dir Blicken, da will ich glaubensvoll dich fest an mein Herz drücken. Wer so stirbt, der stirbt wohl. (EG 85)

Der Blick auf das Kreuz Jesu soll unseren Blick auf unser Leben und unser Sterben verändern, dass wir versöhnt leben und getrost sterben können.

Klaus Neumann, Pfarrer

Predigttext für den 5. April 2020, Palmsonntag, 6. Sonntag in der Passionszeit

Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat. (Markusevangelium 14,3-9)

Wie gelähmt sitzen wir unter der Quarantäne, die ganze Welt steht still, das Leben ist unterbrochen; aber nicht heilsam unterbrochen, wenn Fest und Feier, auch gottesdienstliche Feiern unseren Alltag heilsam unterbrechen; sondern lähmend, erstarrend, erstarrt: Stillstand, Lockdown. Nur die Seuche rast, das Virus rast um die Welt; bringt alles in Unordnung, heillose Unordnung, zerbricht Ordnungen und Gewissheiten, bringt Großmächte ins Wanken, scheint die Welt in das voranfängliche Chaos zurückzustürzen. In den Erfahrungsberichten der italienischen Ärzte ist von Danteschen Szenen die Rede, vom Inferno; und wir können das irgendwie nachvollziehen, wenn wir die Bilder aus Bergamo, aus Madrid, aus New York sehen. Wir erleben live in Amerika wie politische Idiotie Menschen, eine Gesellschaft ins Unglück stürzt, leiden da mit, denn die betroffenen Orte gehören als Urlaubsziele, als Studienorte und Arbeitsplätze längst zur Lebenswelt von so vielen von uns; wir leiden da mit und hoffen doch, dass vernünftige Regierung bei uns und anderswo dazu beitragen möge, das Schlimmste zu verhindern. Vieles zerbricht heillos, wird es Heilung geben?

Unter der ungeheuren Wucht der Eindrücke könnte sogar der Bibeltext zerdrückt werden, zerbrechen, auch unserer heute. Es könnte sein, dass wir in ihm keine Deutung unserer Situation finden, allein schon deshalb, weil wir eine Deutung nicht suchen; etwa weil wir Religion für ein Hobby und einen Zeitvertreib hielten, nix Ernstes eben, so dass sie zu schweigen hätte in einer richtig ernsten Situation wie dieser, was unsere Kirche merkwürdigerweise auch von sich aus weitgehend tut, nämlich schweigen (man kann ja auch laut und schrill schweigen via Internet oder durchs Fernsehen), anstatt auch dieser extremen Situation eine Deutung aus der Bibel zu geben. (Das muss keineswegs die Deutung sein, die dieser Prediger, bzw. in diesen Zeiten der „Predigttexter“ gefunden hat! Auch und gerade in der Auseinandersetzung und im Streit mit der angebotenen Deutung lässt sich eine eigene finden.)

Auch in unserem Text zerbricht etwas; in heilloser Weise für die Jünger, heilvoll, sinnstiftend dagegen nach den Worten Jesu. Das zerbrochene Gefäß, das verschüttete Öl sollen mit Jesus nicht als Verschwendung und Verlust gedeutet werden, sondern als Zeichen von etwas Neuem von Gott her. In einigen Tagen, am Karfreitag, wird genau das unser Thema sein: Wie kann im gebrochenen, zerbrochenen Leben Jesu Sinn zu sehen und Heil zu finden sein? Dieser Frage setzen wir uns mindestens jährlich und spätestens in der heute beginnenden Karwoche aus, aber eigentlich ja immer. Als sterbliche Menschen haben wir unsere Sterblichkeit zu bewältigen – und nicht nur dann, wenn sie uns religiös in der Karwoche beschäftigt oder in diesen Wochen durch eine Seuche hart bedrängt.

Wie soll das gehen: Sterblichkeit bewältigen oder im Tod Jesu einen Sinn sehen? Etwas vereinfacht gesagt bietet der christliche Glaube dafür an, unser Leben als von Gott gegeben zu verstehen. Dieses Leben wird auch wieder von Gott zurückgenommen: „Leben oder Sterben wir, so sind wir des Herrn“ sagt der Apostel Paulus. Das zerbrechende und dennoch von Gott gehaltene Leben Jesu soll uns zeigen, dass auch wir zerbrechliche Menschen von Gott gehalten sind und gehalten werden. Wir sind das Gott wert.

In unserer Geschichte heute liegt die Pointe auf dem unkalkulierbaren Wert und der absoluten Kostbarkeit des Lebens des Menschen Jesus wie jedes Menschenlebens. Selbst das schönste Gefäß, das teuerste Öl steht in keinem Verhältnis zum Wert eines Menschenlebens, nicht obwohl dieses Leben zerbrechlich ist, sondern weil es zerbrechen wird, allzu bald: mich aber habt ihr nicht allezeit. Ein Berechnen menschlichen Werts wird zurückgewiesen und damit das ökonomische Paradigma der Weltdeutung, nach dem angeblich alles einen berechenbaren und dann eben auch verrechenbaren Wert hätte, auch menschliches Leben.

Damit erweist sich die Bibel erneut als aussagefähig für unsere Situation: Ein Abwägen menschlichen Werts ist zurückzuweisen, gerade wenn es etwas kostet, selbst in der größten Not. Jedes Leben verdient den zu seiner Erhaltung nötigen Einsatz (wohl wissend das jedes Leben zu seiner Zeit zu Ende geht). Im übrigen gilt das andere: Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun. Solidarität mit den Schwächeren ist die menschliche Antwort darauf, dass Gott jedes Leben für kostbar und wertvoll erachtet und uns jedes Menschenleben für kostbar und wertvoll zu erachten nahelegt. Wir können das zeigen, was wir glauben, indem wir uns gegenseitig helfen und ganz besonders denen, die sich nicht selbst helfen können.

Klaus Neumann, Pfarrer

Predigttext für den 29. März 2020, Sonntag Judica, 5. Sonntag in der Passionszeit

Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. (Brief an die Hebräer 13,12-14)

Es ist nicht einfach; nicht im richtigen Leben und das Bibelwort für den heutigen Sonntag ist auch nicht einfach – dazu gleich mehr. Am dritten Sonntag in der Corona-Quarantäne haben wir uns an vieles gewöhnt, an das man sich eigentlich nicht gewöhnen kann: vor allem, dass wir andere Menschen zu meiden haben; Nächstenliebe als Entfernung von meinem Nächsten zu üben; als soziales Wesen sich sozial distanzieren. Außerdem: Das Leben der Gesunden liegt lahm und das Leben der mit Krankheit infizierten ist bedroht. Unglaublich was die Ärztinnen und Pfleger jetzt zu leisten haben. Ich bin meinem Hausarzt auch sonst in normalen Zeiten dankbar aber jetzt tun sie, die Hausärzte, die Sprechstundehilfen viel mehr, als man von ihnen verlangen oder erwarten könnte: Sie riskieren ihr Leben für das ihrer Patienten, für meins. Als Risikopatient mit Erkältung habe ich mich testen lassen müssen in der vergangenen Woche, habe sofort einen Termin bekommen, muss nun warten auf das Ergebnis. Solange bin ich in freiwilliger Quarantäne „draußen vor dem Tor“, „vor dem Lager“; bin lahmgelegt mit so vielen anderen, lahmgelegt wie Kranke das ja immer sind, aber doch anders.

Es ist nicht einfach – auch das Bibelwort für den heutigen Sonntag ist nicht einfach, der Brief an die Hebräer ist ja nie einfach. Er versucht seine christliche Botschaft für Menschen in der jüdischen Tradition verständlich zu machen, mit zahlreichen Bezugnahmen auf das Alte Testament, auf den frühjüdischen Kult, auf Vorstellungen von Volk Gottes und priesterlichen Opfern, Vorstellungen, die wir nicht teilen, die uns fremd sind. So auch hier: Wenn von Jesu Blut die Rede ist, also von ihm als Priester und Opfer in einem, dann soll uns das eine symbolische Bedeutung haben, die uns aber verfehlt und nichts sagt, weil uns die beispielgebenden blutigen Opfer im Tempel nichts mehr sagen und der jüdischen Religion seit zweitausend Jahren ebenfalls nichts mehr sagen, weil sie ihr ebenso lange fehlen. Die Pointe an unserer Stelle, so die Experten, ist, dass Jesus „draußen vor dem Tor gelitten“ habe, „vor dem Lager“, also außerhalb der gesellschaftlichen Normalität, außerhalb der Gesellschaft und ihrer Religion, aus der er kommt. Dorthin sollen wir ihm folgen. Von dort, von draußen ergibt sich eine andere Sichtweise auf das Gewohnte.

Und damit scheint auch dieser Predigttext aus der Bibel (wie an den vergangenen Corona-Sonntagen) direkt ins Leben und in unsere Situation zu treffen. Denn genau diesen Blick von außen – von „draußen vor dem Tor“, „vor dem Lager“ – auf das Gewohnte, auf unser normales Leben zwingt uns die Quarantäne-Situation auf. Lahmgelegt, ruhiggestellt, von außerhalb (auch wenn dieses „außen“ paradoxerweise das Innere unseres Zuhauses ist, in dem wir bleiben sollen) schauen wir auf Leben und Gesellschaft, wie auch sonst, wenn wir krank sind oder Genesende sind, nur dass diesmal alle oder zumindest fast alle in derselben Lage sind. Dieser durch die Seuche aufgezwungene, neue Blick auf unser Leben, lädt ein, dieses Leben besser zu verstehen. Auch darin folgen wir unserem Bibelwort, das in einer im griechischen Original überaus kunstvollen Wendung (die in der Übersetzung verloren geht) die Überlegung weiterführt: Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Spätestens „draußen vor dem Tor, vor dem Lager“, also von außerhalb des normalen Lebens ergibt sich ein klarer Blick auf einen sehr grundsätzlichen Umstand unseres menschlichen Lebens: Alle Menschen sind sterblich, keiner wird hier bleiben. Die Sterblichkeit von Menschen liegt bei genau 100%. Damit sei kein Widerspruch zu der medizinischen und in Seuchenzeiten sehr relevanten Verwendung des Begriffs Sterblichkeit gemeint, der die (vorzeitige) Sterbeursache benennt, also etwa, dass mit einer erhöhten Sterblichkeit von soundsoviel Prozent durch das neuartige Coronavirus zu rechnen ist – obwohl doch auch die Überlebenden sterblich bleiben und sterben werden. Diese nur scheinbare und eigentlich offensichtliche sprachliche Ungenauigkeit in der Medizin, macht sie durch eine schöne Worterfindung zum selben Thema mehr als wett: PYLL (potential years of life lost), was man mit „Verlorene Lebensjahre“ übersetzen kann (alles nachzulesen auf der Homepage des Robert-Koch-Instituts rki.de, auf der man in dieser Zeit viel Zeit verbringen kann). Der Zusammenhang beider Sterblichkeitsbegriffe liegt in der Wertschätzung unseres begrenzten Lebens. Das ist so kostbar, dass alles zu seiner Erhaltung zu tun ist. Das ist so kostbar, weil es zu Ende gehen wird. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt.

Unser Bibelwort – wie der christliche Glauben – bleibt nicht bei diesem „Memento mori“ („Sei dir der Sterblichkeit bewusst“) stehen, sondern setzt es fort: sondern die zukünftige suchen wir! Damit wird der natürlichen Sterblichkeit der Menschen durchaus nicht einfach eine Unsterblichkeit durch Gott entgegengesetzt, so wenig etwa das Abendmahl, auf das wir gegenwärtig verzichten müssen, eine Unsterblichkeitsmedizin ist, obwohl es im Überschwang gelegentlich so genannt wurde (griechisch: „pharmakon athanasias“). Menschen sind und bleiben sterblich, aber wir, die wir daran glauben, haben eine Zukunft über das Sterben hinaus bei Gott. Vorösterlich wird das hier korrekt als „Suchen, Streben, Begehren“ bezeichnet – im Glauben nämlich, solange wir hier auf Erden leben. Wir „haben“ die Zukunft bei Gott im Glauben – und nicht so, wie wir hoffentlich bald ein Mittel gegen die neue Seuche haben werden, welches die Sterblichkeit verringern, uns aber – das muss uns nicht enttäuschen! – keineswegs unsterblich machen wird. Selbst die hoffentlich baldige Entdeckung eines Mittels, eines Impfstoffes gegen Covid-19 lässt uns Menschen 100% sterblich bleiben!

Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Auch an diesem dritten und in jeder Weise – auch theologisch – herausforderndem Corona-Sonntag richtet uns das Bibelwort den Blick nach vorne. Der Zeitpunkt für eine Rückkehr in unser normales Leben ist ungewiss, nicht aber, dass wir – und zwar die allermeisten von uns – in ein normales Leben zurückkehren werden: tutto andrá bene! „Alles wird gut“, wie unsere italienischen Freunde sich und uns in dieser schlimmen Zeit grüßen. Sogar davon scheint unser biblischer Autor zu wissen, wenn er nur weniger Zeilen später schreibt: Es grüßen euch die Brüder und Schwestern aus Italien. (Brief an die Hebräer 13, 24.)

Klaus Neumann, Pfarrer

Predigttext für den 22. März 2020, Sonntag Lätare, 4. Sonntag in der Passionszeit

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an dem Reichtum ihrer Mutterbrust. Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Ihre Kinder sollen auf dem Arme getragen werden, und auf den Knien wird man sie liebkosen. Ich will euch trösten,wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden. (Buch des Propheten Jesaja 66,10-14)

Eine weitere Woche im Schatten des Virus, das sich ausbreitet, schneller und immer schneller. Berichte von Sterbenden, unzureichend versorgt, unbegleitet und ungetröstet, immer noch und immer mehr; Lastwagen der Armee fahren die Särge aus den Krankenhäusern – eigentlich Sterbehäusern – zu den Friedhöfen von Bergamo. Wann können wir das wieder hören: Freuet euch mit Bergamo und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Denn liebenswert ist sie – die Menschen sowieso – und wunderschön, besonders die Bergstadt, die „Citta Alta“, die beinahe etwas Jerusalemartiges hat, als Stadt auf dem Berg über dem Tal. Und wann können wir sie wieder besuchen und zeigt sich an ihr, was auf uns zukommt? Was kann uns trösten?

Ich will euch trösten, wie einen eine Mutter tröstet, spricht Gott durch seinen Propheten auch zu uns. Das leuchtet erstmal sofort ein: Trost als mütterlichen Trost zu erklären – auch wenn unser Text hier expliziter beschreibt, als wir uns (also ich mich) das selbst trauen würden. Die stillende Mutter als Inbegriff des Trostes leuchtet ein und hat den Religionen in ihren Muttergottheiten schon immer eingeleuchtet, auch der katholischen Tradition, an der wir Evangelische teilhaben, in der Mutter Gottes. Luther soll Zeit seines Lebens – also auch nachreformatorisch – auf ein Madonnenbild in seinem Zimmer geblickt haben.

Wenn wir uns Gott denken wollen, sollen wir an eine stillende Mutter denken – und es gehört vielleicht zu den besonders subtilen Angriffen des modernen Atheismus, wenn stillende Mütter aus der Öffentlichkeit etwa von Cafés vertrieben werden. Oder: ich habe mal staunend und wütend miterleben müssen, wie eine stillende Mutter, die spiegelbildlich vor einem Marienbild mit Jesusbaby saß, aus einem Museum gebeten wurde. Was soll das?

Kernkompetenz von Müttern ist trösten, auch wenn die Kinder dem Stillalter entwachsen sind. „Morgen sieht die Welt schon ganz anders aus“ hat meine Mutter – Gott hab sie selig – gesagt und uns in den Arm genommen, wenn uns ein Kummer, ein Schmerz geplagt hat. Und auch wenn die Welt am nächsten Tag nicht immer „ganz anders“ aussah, hat mich das getröstet. Das „ganz andere“ konnte schon darin bestehen, bestand vor allem darin, dass wir nicht alleine ertragen mussten, was uns da plagte. Unsere Mutter hat uns beigestanden, so wie uns Gott besteht, das Unerträgliche zu ertragen. Wir sind nicht allein.

Deswegen – weil Gott mit uns Gemeinschaft und uns in Gemeinschaft will – berühren mich die Berichte aus der Lombardei, aus Bergamo, dieser wunderschönen Stadt, so sehr, wenn Menschen unbegleitet, ungetröstet zu Grabe getragen werden. Deswegen hat der katholische Stadtdekan von Frankfurt Johannes zu Eltz recht, wenn er von der Notwendigkeit, ja Systemrelevanz des Gottesdienstes spricht (katholisch.de), in dem wir uns der Nähe Gottes versichern und sie feiern, und von dem Schmerz, gegenwärtig keinen Gottesdienst feiern zu können. Und deswegen versuchen wir – irgendwie unbeholfen und unter Wahrung der notwendigen sozialen Distanz – Nähe wenigstens zeichenhaft darzustellen: mit der Einladung zum Gebet beim Glockenschlag oder mit dem Angebot bei den Einkäufen zu helfen.

Was bleibt uns sonst außer der Angst vor dem Virus und dem Dank an alle, die jetzt noch viel mehr als sonst und unter so schweren Bedingungen arbeiten für uns, Ärztinnen und Ärzte, Pfleger und Schwestern zuerst, aber auch die Menschen in Supermärkten und Entsorgungsbetrieben, aber doch auch die Politiker wie unsere Bundeskanzlerin (die von manchen manchmal „Mutti“ genannt wurde, und für die wenigstens ich gerade jetzt besonders dankbar bin, nicht nur im Hinblick auf die oft merkwürdigen Landesherren anderer Staaten).

Was bleibt sonst? Sonst bleibt eigentlich nur die sichere Hoffnung auf das Ende der Seuche, wenn Straßen und Plätze, Schulen und Theater, Gotteshäuser und Fußballstadien sich wieder beleben. Auch davon scheint unser Prophet zu wissen: Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen!

Ihr Klaus Neumann, Pfarrer

Predigttext für den 15. März 2020, Sonntag Okuli, 3. Sonntag in der Passionszeit

Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst.
Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.
Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, daß ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe.
Aber Jesus sprach zu ihm: Laß die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!
Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, daß ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind.
Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. (Lukasevangelium 9,57-62)

Laß die Toten ihre Toten begraben. Kein einfaches Wort in diesen Zeiten – und sonst ja auch nicht. Denn hier wird die Nachfolge mit der Erwartung des ganz nahen Gottesreiches verbunden. Ein Abschied wird gefordert von allen bisherigen Bindungen und Loyalitäten um sich ganz Jesus anzuhängen angesichts einer unmittelbar bevorstehenden Umwälzung aller Verhältnisse durch Gott. Das passt nicht zu uns ordentlichen Leuten in bürgerlichen Existenzen in einem meistens gleichmäßig dahingleitenden und allseits gesicherten Leben. Aber irgendwie gelingt es der Predigt dann doch meistens Nachfolge und Gottesreich soweit zu domestizieren, dass sie zu uns passen. (Und was nicht passt, wird …)

Heute ist alles anders. Die Glocken bleiben stumm, die Kirchentür geschlossen, die Kirche leer. Und wir hören und lesen von Menschen, die alleine leiden und sterben müssen. Nicht nur kann ihnen medizinisch nicht mehr geholfen werden, sondern sie bleiben auch unbegleitet und ungetröstet durch Angehörige oder Geistliche. Lasst die Toten ihre Toten begraben – das klingt normalerweise bloß unpassend, heute klingt es unerträglich passend.

Ich verstehe, dass Menschen in Seuchenzeiten voreinander geschützt werden müssen und habe ganz nebenbei in diesen Tagen gelernt, dass sich unsere Quarantäne (in der das lateinisch – italienische Wort Quaranta/Vierzig wiederklingt) einer Idee aus der Bibel verdankt. Aber es überfordert mich, dass in dieser Situation Nächstenliebe nur in der Trennung von meinen Nächsten bestehen kann. Deshalb sollten wir jede Gemeinsamkeit, die nicht den direkten und deshalb gefährlichen Kontakt erfordert, um so mehr fördern und pflegen: Winkt euch zu, ruft euch an, nutzt soziale Netzwerke!

Unsere Quarantäne fällt in die vierzig Tage vor Ostern, die Passionszeit, in der Christen seit jeher Verzicht einüben und Buße tun. „Das Kreuz der Asche segne deine Umkehr“, haben Stefan Herok und – von ihm eingeladen – auch ich den Kindern der Schumannschule am Aschermittwoch zugesprochen. Was in den Jahren zuvor auch spielerisch gemeint war, wird nun ernst. Die Tage und womöglich Wochen der Quarantäne zwingen uns Verzicht auf und nötigen uns, unser Leben auf Wesentliches zu reduzieren. Und – wie gesagt – die erzwungene Isolation macht es so schwer, die uns Menschen gemäße und von Jesus geforderte Gemeinschaft zu pflegen. „Sieben Wochen ohne …“ Gemeinschaft und direkte Kommunikation – darauf wäre jetzt kein flotter Texter für fromme Passionskampagnen gekommen. (Allerdings verlangt schon der diesjährige Slogan „Sieben Wochen ohne Pessimismus“ dem theologischen Verstand alles ab.)

Uns bleibt die Hoffnung auf eine Rückkehr in unser normales Leben und die Gewissheit, das Gott uns dahin begleiten wird. Unser Predigttext hat neben seiner Irritation eine grundsätzliche Botschaft der Hoffnung: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. Wir sollen nach vorne blicken.Selbst die pessimistischste Prognose für die aktuelle Seuche lässt die allermeisten von uns unbehelligt.

Und wenn wir jetzt nicht miteinander beten können, dann lasst uns einstweilen füreinander beten.

Bleiben Sie gesund!

Ihr Klaus Neumann, Pfarrer