Predigttext für den 1. Sonntag nach Trinitatis, 14. Juni 2020

Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.

Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.

Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.

Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig, der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

(Apostelgeschichte 4,32-37)

Heute müssen wir über Geld reden!

Das ist oft kein so erquickliches Thema; für die, die keins haben, sowieso nicht; und für die, die viel haben, auch nicht immer. Denn dieselben Augen, die beim Blick ins Sparbuch leuchten, füllen sich angesichts der Bibel mit Tränen. Dabei ist doch alles ganz einfach: Weg damit! Sagt die Bibel und alles wird gut. Nicht jeden überzeugt das. Gleichwohl: Weg damit! Sagt die Bibel auch heute. Wird es uns überzeugen?

Geld ist ein schwieriges Thema: Beim Geld hört die Freundschaft auf. Es soll ja sogar fromme Leute geben, die über dem Geld der Kirche die Freundschaft kündigen.

Wenn man einen guten Freund los werden will, wenn man die lange Freundschaft gefährden will, dann ist das ein totsicheres Mittel: ihn um Geld zu bitten; sein Gesicht wird sich verziehen, die Miene verdunkeln, er wird es vielleicht zähneknirschend geben, aber die Freundschaft ist dahin. Warum eigentlich?

Sogar in der Ehe, der intimsten möglichen Verbindung zweier Menschen, gibt es bisweilen getrennte Kassen – um des Friedens willen. Bei einem starken Gefälle der Vermögensverhältnisse wird das sogar dringend empfohlen – im Blick auf eine zukünftige Trennung. Gütertrennung, aber warum eigentlich? Ist Geld und Gut soviel bedeutender und dadurch heikler als Leib und Liebe und Leben, die ich in der Lebensgemeinschaft teile und dann im unglücklichsten Fall geteilt habe? Warum schmerzt uns die verlorene Intimität und der Abbruch der gemeinsamen Lebensgeschichte weniger als ein paar Zahlen auf dem Konto und die Grundstücke im Tessin. (Das ist ja das berühmte Reichtumsparadox: Je mehr ich habe, desto mehr fürchte ich den Verlust: der Reiche als Geizige!)

Auch in Staaten und zwischen Staaten (um mal von den leidigen Kirchenfinanzen zu schweigen) ist das immer das schwierigste Thema: Geld und Steuern; Ausgleich und Transfer; persönlicher Gewinn und Vergemeinschaftung. Über viele Jahre konnten Parteien und Verbände ordentlich Wind machen mit Forderungen, Steuern zu senken, während andere das bedingungslose Grundeinkommen forderten. Wir stöhnen über Steuern, maulen über Nettozahlungen in den europäischen Süden – erleben aber gerade in der Krise, dass gut ausgestattete Gesundheits- und Sozialsysteme am ehesten in der Lage sind, der Seuche etwas entgegen zu halten (und nicht nur der Seuche: letztlich müssen wir ja wissen, dass sozialer Friede, ohne den auch der Reichste nicht im Frieden leben kann, nur bei einigermaßen ähnlichen Lebensmöglichkeiten erhalten bleibt: Steuern finanzieren nicht nur Straßen und Schulen sondern auch das gemeinsame Leben überhaupt) – und staunen wiederum, dass ausgerechnet in Großbritannien mit seinem steuerfinanzierten nationalen Gesundheitssystem und sogar im schwedischen Wohlfahrtstaat, dem legendären „Folkhemmet“ (dem Volksheim), wie es früher hieß, so viel schief zu laufen scheint.

Und gerade jetzt, wenn es darum geht, die ganzen Fantastillionen, die niemand hat, sinnvoll gegen die Krisenfolgen einzusetzen, erklären uns die einen ganz genau, wieso das xte Hilfspaket jetzt um die Milliarden zu klein ist, für die es die anderen zu groß halten, derweilen sich die üblichen verdächtigen Ganoven schon mal ein paar Geldsäcke beiseiteschaffen. Warum hört eigentlich immer spätestens beim Geld der Spaß auf?

Eine vorläufige, einfache Antwort (aber Vorsicht bei einfachen Antworten!) lautet: Weil die meisten Menschen Geld für mehr halten und Geld deshalb mehr sein lassen, als es ist oder eigentlich sein sollte: Ein geniales Zahlungsmittel, das uns den Weg zum Supermarkt erleichtert, weil wir statt der sperrigen Tauschmittel (wie Teppiche, Schafe, Kamele), ein paar Scheine oder – noch besser – eine Plastikkarte dabeihaben. Ein geniales Zahlungsmittel soll es sein – aber zu einem Symbol und einem Speicher übermäßiger Bedeutung laden wir es auf. Geld repräsentiert Besitz, Macht, Bedeutung, Sinn, sogar Gott!

„Worauf du nun (sage ich) dein Herz hängst und verlässest, das ist eigentlich dein Gott.“ sagt Luther in seinem Großen Katechismus (von 1529) zur Erklärung des ersten der 10 Gebote („Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“) „Es ist mancher, der meint, er habe Gott und alles genug, wenn er Geld und Gut hat, verlässt und brüstet sich darauf so steif und sicher, dass er auf niemand etwas gibt. Siehe, dieser hat auch einen Gott, der heißt Mammon, das ist Geld und Gut, darauf er all sein Herz setzt, welches auch der allergewöhnlichste Abgott ist auf Erden. Wer Geld und Gut hat, der weiß sich sicher, ist fröhlich und unerschrocken, als sitze er mitten im Paradies; und wiederum, wer keins hat, der verzweifelt und verzagt, als wisse er von keinem Gott. Denn man wird ihrer gar wenig finden, die guten Mutes sind, nicht trauern noch klagen, wenn sie den Mammon nicht haben; es klebt und hängt der Natur an bis in die Grube.“ (Ebd.)

Viel lässt sich gegen die Macht des Geldes offensichtlich nicht machen. Aber der christliche Glaube versucht durchaus etwas dagegenzusetzen. Lukas zeichnet an unserer Stelle des Predigttextes – auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam – das verklärende Ideal eines ursprünglichen „Liebeskommunismus“ (verklärend deshalb, weil Lukas ehrlicherweise gleich die katastrophale Geschichte von Hananias und Saphira anfügt, in der das liebeskommunistische Ideal in Zwang umschlägt und am Geiz der Reichen und im Terror der Strafe zerbricht [Apostelgeschichte 5,1-11]. Das hätte Lenin verstanden und Stalin sowieso. Allerdings: Dass Kommunismus nicht klappt, weil eine zarte, edle Idee an der harten Realität zerbricht, hätte man also schon in der Bibel lesen können).

Darin spiegeln sich die geld- und mammonkritischen Äußerungen Jesu: „Niemand kann zwei Herren dienen. … Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“ (Matthäus 6,24) – „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt“ (Matthäus 19,24) – „Verkaufe alles was du hast und gib es den Armen“ (Matthäus 19,21) – aber auch: „Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon!“ (Lukas 16,9) – und: „Lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut.“ (Matthäus 6,3)

Das heißt: dem Reichen als Geizigen – wird nicht etwa der edle Arme (der so edel meistens nicht ist oder sein kann vor lauter Armut, denn „erst kommt das Fressen und dann kommt die Moral“, wie der große Bibelkenner Bert Brecht wusste: „Meine Lieblingslektüre? Sie werden lachen, die Bibel.“) sondern dem Reichen als Geizigen wird der Reiche als der Großzügige entgegengesetzt: wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte. Wenn schon reich, dann gib davon ab!

Ein uns sonst nicht weiter bekannter Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig wird als gutes Beispiel angeführt: der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen. Die Idee ist offensichtlich, dass das gute Beispiel Schule macht und andere, uns andere mitzieht.

Und damit kommen wir ganz aktuell zum exemplarischen guten Reichen unserer Zeit, zum Mäzen der Seuchenbekämpfung, der neben Virologen und Politikern auf der einen und den Idioten auf der anderen Seite der Krise ein Gesicht gibt: zu Bill Gates. Den muss man nicht mögen; und als Mensch, der in den 90er Jahren in die Computerwelt hineingewachsen ist, muss man ihn schon gar nicht mögen, ihn, der mit einem mittelmäßigen, zusammengestoppeltem Computerprogramm ein unmäßiges, unfassbares Vermögen zusammengerafft hat. (Wobei er es bei allem teuren Pfusch, den er uns immer noch andreht, natürlich trotzdem nicht verdient hat, mit zwar albernen aber doch sicher kränkenden Verschwörungstheorien behängt zu werden.) Aber man kann Schlimmeres und Blöderes machen mit seinem ganzen Geld, als es der Welt, der er es vorher für seine Computerprogramme abgeknöpft hat, zur Seuchenbekämpfung zurückzugeben. „Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon!“ Als hätte Bill Gates die Bibel gelesen.

Man muss Bill Gates nicht mögen, aber als Mäzen der Weltgesundheit zeigt er den anderen Reichen und auch uns, die wir in der Mehrzahl ebenfalls mehr haben als wir brauchen, was wir mit unserem Reichtum, unserem Wohlstand, dem ganzen vielen Geld machen sollen – nach Gottes Willen: Lasst es uns mit den Armen teilen!

Denn: Geld allein macht nicht unglücklich, stimmt schon; aber ob der, der ohnehin zu viel hat, von immer mehr davon glücklicher wird, ist sehr zu bezweifeln; aber der, der zu wenig oder nichts hat, der könnte schon etwas glücklicher ohne Geldsorgen sein. Lasst es uns mit den Armen teilen!

Und außerdem – und das ist natürlich der Horizont unserer Geschichte angesichts des als nahe herbeigekommen erwarteten Gottesreiches, bzw. der Begrenztheit unseres Lebens: Es gibt mehr und wichtigeres im Leben als Geld und Gut. Wir verlieren nichts Lebenswichtiges, wenn wir das Geld, das wir eh nicht brauchen und im Leben nicht ausgeben können, abgeben. (Irgendeiner muss das den kaum volljährigen Fußballprofis und Popidolen mal erzählen: Ihr werdet eure Millionen in diesem Leben nicht ausgeben können, also gebt davon ab!) Aber wir gewinnen so viel, wenn wir unseren Eifer auf anderes richten.

Das können wir Jesus glauben: Wir gewinnen, wenn wir teilen. Wir werden reicher, wenn wir von unserem Reichtum abgeben. Und wenn wir das endlich verstehen, dann wird ein anderer Lukas vielleicht über uns sagen: große Gnade war bei ihnen allen.

Überzeugt?

Klaus Neumann, Pfarrer