Predigttext für den 2. Advent, 6. Dezember 2020

So seid nun geduldig, Brüder und Schwestern, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe. Seufzt nicht widereinander, damit ihr nicht gerichtet werdet. Siehe, der Richter steht vor der Tür. Nehmt zum Vorbild des Leidens und der Geduld die Propheten, die geredet haben in dem Namen des Herrn. Siehe, wir preisen selig, die erduldet haben. Von der Geduld Hiobs habt ihr gehört und habt gesehen, zu welchem Ende es der Herr geführt hat; denn der Herr ist barmherzig und ein Erbarmer. (Brief des Jakobus 5, 7-11)

Ruhig – Geduldig. Das hört sich nicht nur so an wie der Slogan einer Fahrschule, sondern das war auch einer. Die alten Wiesbadener werden sich vielleicht daran erinnern; an diese leicht überdimensionierten Schilder auf dem Dach und auf den Seiten der Fahrzeuge: Ruhig – Geduldig: Manfred Hardel. In diesem Fahrinstitut habe ich meine automobilistische Matura erworben mit sehr viel Geduld auf beiden Seiten nach 32 Fahrstunden – das war einsamer Rekord, was unter anderem daran lag, das mein Papa – Gott hab ihn selig – das vorzeitige illegale Üben im Privat-PKW verweigert hat – auch mit dem Hinweis, als Jurist könne er das nicht verantworten und im übrigen sei ohnehin nicht zu erwarten, dass ich mit meinen natürlichen Anlagen zum Autofahren tauge.

Der Ruhe und der Geduld meines Fahrlehrers (und meiner eigenen) verdanke ich nicht nur den berühmten grauen Lappen, den heute noch das Bild des damals 19 Jährigen ziert, sondern auch die Merksätze des theoretischen Unterrichts, die den praktischen ergänzten; deren schönster mir heute noch in den Ohren klingt: „In der Fahrschule lernen Sie nicht fahren sondern bremsen“. Ruhig – geduldig!

Bremsen können und Geduld üben dürfte zu den Kernkompetenzen des heutigen Autofahrens gehören, nicht nur bei plötzlichen Wintereinbrüchen wie letzte Woche, sondern ganzjährig in Staus und verstopften Straßen, auch in unserer schönen Heimatstadt Wiesbaden – in der bekanntlich erst gerade ein kollektiver selbstquälerischer Impuls eine Verkehrsentlastung durch eine Straßenbahn ausgebremst hat. Das kann man konsequent und authentisch finden, wenn sich die Stadt des rückwärtsgewandten Historismus kraftvoll zurückwendet, muss man aber nicht – und bereuen werden es gerade wir Automobilisten bitter.

Wir, die Ausgebremsten: das könnte man ja überhaupt über dieses Jahr schreiben; Und Geduld üben, Geduld erstmal lernen – ist Jahresthema und Jahresaufgabe im Schatten der Seuche; hier in der Stadt und überall: urbi et orbi.

Ruhig – Geduldig: Das wissen Kranke und Leidende ja sowieso, müssen es als Ausgebremste ertragen, tragen es in ihrem Namen als Patienten: – der Geduldige und geduldig Leidende; der Wartende auf den Termin, im Wartezimmer auf die Behandlung, dann auf die Diagnose, dann mit etwas Glück auf Heilung oder doch zumindest Wiedereintritt in etwas, das man Alltag nennen kann.

Kranke haben eine deutlichen Mehrbedarf an Geduld. Eine Krankheit ist meistens auch eine Geduldsprobe; die Zeit erst heilt Wunden, viele zumindest; aber es braucht halt Zeit, nicht immer 100 Jahre, bis alles – Heile, Heile, Gänschen wieder – gut wird, aber eine gefühlte Ewigkeit eben doch – manchmal: bis das Treppensteigen geht, bis man wieder durchschnaufen kann, bis man seine Gliedmaßen wieder durchzählen und bewegen kann, bis ich wiederhergestellt bin, den Beruf ausüben, die Vergnügen pflegen, wieder Reisen kann, bis ich wieder hergestellt, belastbar und ganz gesund bin. Aber das ist keineswegs garantiert, das alles bin ich ja durchaus nicht immer nach einer Krankheit oder eben nicht ganz – und dann brauche ich wieder Geduld, neue Geduld, eine neue Art von Geduld, mich an meine Beschränkungen zu gewöhnen. Krankheit als Chance ist meistens eine dicke Lüge – aber Krankheit als Chance Geduld zu üben, nein als Zwang Geduld zu üben – da ist was dran.

Und gemeinsam Kranke, also wir im Schatten der Seuche brauchen allemal Geduld: Wir wünschen uns das alles weg und zwar möglichst schnell: Das Virus, die Krankheit, die Maßnahmen, die Einschränkungen – wer nicht gelernt hat seine Wünsche von der Wirklichkeit zu unterscheiden, setzt sich einen Aluhut auf den Kopf, reißt sich die Maske vom Gesicht und schimpft auf die Verantwortlichen: Magisches Denken. Demgegenüber ist mit dem großen Philosophen Bjarne Mädel festzuhalten: Wenn alle immer nur meckern, können wir sowas wie Corona eben nicht mehr machen (- das ist immer noch das beinahe Profundeste, was zur Seuche gesagt worden ist).

Geduld üben können setzt offensichtlich einen Reifeprozess voraus, der mich erkennen lässt, dass Seuchen ziemlich sicher mit der Zeit vorübergehen, aber auch so oder so vorübergehen, also ganz unterschiedlich erlitten werden können; dass sie viel Leid oder unermesslich viel Leid bringen; dass sie Naturkatastrophen sind, die auszuhalten sind, und eine Aufgabe für Menschen zugleich, die zu bewältigen ist.

Aushalten und Gestalten; damit haben wir den Kern einer vorläufigen Theorie der Geduld erreicht, den unser Predigttext durch zwei verschiedene Vokabeln abzubilden versucht: Der oft nicht sonderlich geschätzte Jakobusbrief – die stroherne Epistel wie Luther sagt – verwendet zwei unterschiedliche Wörter (das ist in der Übersetzung nicht erkennbar, die beide mit „Geduld“ übersetzt) und gibt uns damit eine Vorlage, zwei Aspekte der Geduld zu unterscheiden: Aushalten und Gestalten. Während die „Hypomonä“ das reine Aushalten, das bloße Geschehen lassen, das passive Leiden bezeichnet; könnte mit „Makrothymia“ – also eigentlich: „Langmut“ oder „Großmut“ – eine Annahme und Hinnahme, zwar durchaus Passivität, aber eher schöpferische Passivität gemeint sein, die die abgebremste Selbstbestimmung zumindest für eine selbstbestimmte Gestaltung der Zwangspause nutzen lässt.

Diese beiden unterschiedlichen Aspekte des Geduldig-Seins lassen sich ganz leicht veranschaulichen: Wenn etwa der Fahrschüler begreift, dass man die Lebensweisheiten des Fahrlehrers besser erträgt und kürzer ertragen muss, wenn man sich nicht nur berieseln lässt, sondern endlich fahren lernt. Oder wenn ich in der Schule den Schülern begreiflich zu machen versuche, dass sie die belästigende Zwangspause vom Leben, die für manche die Schule darstellt, paradoxerweise dadurch erträglicher mache, wenn ich mitmache: Plötzlich ist die Stunde rum. Und schon die Jüngsten – und ihre herausgeforderten Eltern – erleben beim Warten aufs Christkind: Je weniger ich am Tag des Heiligen Abends zu tun haben, desto größer ist die Langeweile, desto schwerer kann ich das Warten aushalten. Umgekehrt: Je vielfältiger mein Programm, desto schneller ist das Christkind da.

Wir warten auf das Christkind – ruhig – geduldig: Das war früher – also ziemlich lange früher – keine Geduldsprobe für Kinder, sondern das zentrale Problem des Frühchristentums: Parusiverzögerung – Verzögerung der Wiederkehr des Gottessohnes. Wo bleibt er nur, der Herr Jesus Christus? Wann kommt er wieder?

Statt darüber nachzugrübeln, was ihn aufhalten mag, empfiehlt Jakobus: So seid nun geduldig, Brüder und Schwestern, bis zum Kommen (Parusia) des Herrn. Das müssen wir jetzt aushalten, da müssen wir durch, aber wir können dieses Aushalten gestalten. Nicht nur rumsitzen und warten, sondern erwarten und tun.

Jakobus gibt uns im Zusammenhang seiner Geduldigkeitsrede gleich zwei wertvolle Tips zur schöpferisch passiven Gestaltung unserer Zeit der Geduld: Unmittelbar nach unserem Predigttext spricht Jakobus von der Kraft des Betens: Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen. Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn.  Denn: Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist. (Jakobus 5,13-16) Beten hilft und hat eine Kraft, die nicht erst heutzutage unterschätzt wird. Das etwas betuliche deutsche Wörtchen „ernstlich“ verfehlt das, was hier eigentlich steht, worum es dem Jakobus eigentlich geht; er will sagen, dass das Gebet Energie hat, die größer ist als die Worte und größer ist als ihr Sprecher, weil das Gebet durch Gott selbst energetisiert wird: Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es voller göttlicher Energie ist. Beten hat Power!

Und unmittelbar vor unserem Predigttext zeigt Jakobus wozu diese Energie befähigt; in einem flammenden Aufruf zur Gerechtigkeit, gegen den übermäßigen Reichtum der wenigen, gegen die Plutokratie, gegen den Raubtierkapitalismus der Antike und aller Zeiten, gegen die Herrschaft des als Gott verehrten Geldes, wendet er sich an die Wohlhabenden, an die Zuviel Habenden; etwa an uns? Wohlan nun, ihr Reichen: Weint und heult über das Elend, das über euch kommen wird! Euer Reichtum ist verfault, eure Kleider sind von Motten zerfressen. Euer Gold und Silber ist verrostet und ihr Rost wird gegen euch Zeugnis geben und wird euer Fleisch fressen wie Feuer. Ihr habt euch Schätze gesammelt in den letzten Tagen! Siehe, der Lohn der Arbeiter, die euer Land abgeerntet haben, den ihr ihnen vorenthalten habt, der schreit, und das Rufen der Schnitter ist gekommen vor die Ohren des Herrn Zebaoth. Ihr habt geschlemmt auf Erden und geprasst und eure Herzen gemästet am Schlachttag. Wow, wieder mal eine prophetische Brandrede wie aus dem Windkanal, die im Wesentlichen darauf hinausläuft, dass auf dem Streben nach Reichtum kein Segen liegt; dass man nicht zwei Herren dienen kann – nicht Gott und dem Mammon; und dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel gelangt, wie Jesus schon treffend bemerkte. Ist uns eigentlich klar, was das für einer ist, auf den wir da warten?

Beten und das Tun des Gerechten; das ist ein schönes Programm für die Zeit der Geduld, wenn schon die meisten Adventsvergnügen geschlossen sind; aber ein bisschen was fehlt doch noch, zum adventlichen Predigtglück, das uns der Jakobusbrief, diese stroherne Epistel nicht bietet, – der Text für den Nikolaustag, den wir heute ja auch feiern, aber sehr wohl: Der Prophet Jesaja blickt weit voraus in die Zeit, wenn Gott zu uns kommt, wie es dann sein wird. In aller Unbekümmertheit und Begeisterung ruft er es hinaus und erfindet dabei das schöne Wort von der guten Botschaft, das uns als das „Evangelium“ so wichtig und lieb ist:

Gott hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft (das Evangelium!) zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; zu verkündigen ein gnädiges Jahr des Herrn und einen Tag der Rache unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden. (Jesaja 61,1f.)

Das beziehen wir jetzt einfach mal auf unser nächstes Jahr, das ein gnädigeres Jahr werden möge als dieses und in dem es in Gottes Namen dem Virus so richtig an den Kragen geht, frei und ledig zu werden, zu trösten alle Kranken und Trauernden. Dann werden wir ein Fest feiern, das seinen Namen verdient und das wie jede echte Feier ein Vorgriff auf das große Fest sein wird, wenn Gott zu uns kommt. Dann werden wir mit Jesaja das besingen, was uns Jakobus mit Geduld zu erwarten rät:

Ich freue mich im Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt. Denn gleichwie Gewächs aus der Erde wächst und Same im Garten aufgeht, so lässt der Gott der Herr Gerechtigkeit aufgehen und Ruhm vor allen Völkern. (Jesaja, 61,10; vgl. Jakobus 5,7; s.o.)

Wir werden allen Grund haben uns im Herrn zu freuen! Amen.