Romantische Kammermusik

mit Marlene Siemes (Violoncello) und Benjamin Reiter (Klavier)

Samstag, 25. Mai 2024, 19.00 Uhr, in der Thomaskirche, Richard-Wagner-Str. 88

Foto M. Siemes/B. Reiter

In ihrem Duo-Programm widmen sich Marlene Siemes und Benjamin Reiter, beide Lehrkräfte an der Wiesbadener Musik- und Kunstschule, der großen Epoche der Romantik. César Francks Sonate A-Dur und Johannes Brahms Sonate für Violoncello und Klavier e-moll op. 38 zählen zu den Meilensteinen der romantischen Kammermusik. Der Name Robert Fuchs dagegen ist eher unbekannt und eine Neuentdeckung wert. Der Wiener Komponist war u.a. Lehrer von Gustav Mahler und Jean Sibelius und wurde von Johannes Brahms sehr geschätzt. Bei diesem Konzert präsentiert das Duo seine Phantasiestücke op. 78. 

Der Eintritt ist frei. Um Spenden wird gebeten.

www.marlenesiemes.com; www.benjamin-reiter.de

Einladung zu einer öffentlichen Sitzung des Kirchenvorstands zu Aufarbeitung und Prävention sexueller Gewalt in der ev. Kirche

Mittwoch, 15. Mai 2024, 19.30-21.00 Uhr

Gemeindehaus der Ev. Thomasgemeinde, Richard-Wagner-Str. 88, 65193 Wiesbaden

Der Kirchenvorstand der Thomasgemeinde möchte auf diese Weise der Gemeindeöffentlichkeit zeigen, wie er auf aktuelle Anschuldigungen sexueller Gewalt reagiert und welche Formen der Aufarbeitung vergangener Fälle es gibt. Wir folgen dabei den Maßnahmen, wie sie die Hessische Landeskirche vorsieht, und versuchen unserer eigenen Verantwortung gerecht zu werden. 

Zuerst und zuletzt muss es darum gehen, erlittenes Unrecht anzuerkennen, Betroffene um Verzeihung zu bitten, das an ihnen geschehene Unrecht wiedergutzumachen und neues Unrecht zu verhindern. Die Dekanin von Wiesbaden, Pfarrerin Arami Neumann, wird uns an diesem Abend begleiten. 

Tagesordnung: 

–  Gebet und Schuldbekenntnis 

–  Vorstellung der EKD-Studie zu sexueller Gewalt in der Evangelischen Kirche 

–  Vorstellung der Verfahren zu Aufarbeitung und Prävention in unserer Landeskirche 

–  Aussprache und weitere Maßnahmen 

–  Gebet und Vaterunser


Dr. Meine, stellvertretende Vorsitzende des Kirchenvorstands 

Dr. Neumann, Pfarrer und Vorsitzender des Kirchenvorstands 

Betroffene können sich an das Notfallteam des Dekanats Wiesbaden (Dekanin Neumann, Pfarrerin Stephan, Gemeindepädagoge Hoock: https://www.dekanat-wiesbaden.de/beratung-hilfe/kindeswohl-gewaltpraevention.html) oder an die Fachstelle der Landeskirche (ekhn.integrity.app) wenden. 

Kindermusical: Die Hochzeit zu Kana

Die Kinderchöre von St. Kilian und der Thomasgemeinde laden herzlich ein zum Kindermusical in der Thomaskirche

Die Hochzeit zu Kana

am Sonntag, 05. Mai 2024 um 16:00 Uhr unter der Leitung von Anja Komarnicki und Gabriela Blaudow.

Der Eintritt ist frei – Spenden sind erwünscht.

Weitere Vorstellungen wird es am Samstag, 25. Mai und am Sonntag, 26. Mai im Ferrutiushaus Kostheim geben.

60 Jahre Thomaskirche: 1964-2024

„Kiste und Stall“. „God-Box“ nennen Studenten die Universitätskapelle des Illinois Institute of Technology in Chicago, den einzigen Sakralbau, den der Wegbereiter und Star der modernen Architektur Ludwig Mies van der Rohe errichtet hat. Tatsächlich gleichen auch viele Bauten unseres Architekten Rainer Schell (1917-2000) schlichten Kisten: So könnten also insbesondere seine Kirchen ebenfalls „Gotteskisten“ genannt werden. Sie folgen durchweg der strengen kubischen Formensprache der Moderne, verzichten weitgehend (aber nicht vollständig!) auf Verblendung, Verzierung und Zitat und verkörpern unmissverständlich Geist und Wahlspruch Mies van der Rohe’s „Weniger ist mehr“. Wie seinem Lehrer und lebenslangem Freund Egon Eiermann mit dessen beiden Kirchenikonen (Matthäuskirche/Pforzheim, Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche/Berlin) gelingt auch Rainer Schell auf seine Weise eine moderne Interpretation des Kirchenbaus, die unmissverständlich zeigt, dass Kirche nicht rückwärtsgewandt sein muss, sondern aktuell sein kann – auch wenn diese Aktualität nun sechzig Jahre zurückliegt. 

Ev. Thomaskirche Wiesbaden, Architekt Rainer Schell (Foto: K. Neumann)

Die Thomaskirche in Wiesbaden gehört zu einer Gruppe von 7 Kirchen, die Rainer Schell Anfang der sechziger Jahre (seiner wichtigsten Schaffensperiode, in der auch das Gutenbergmuseum in Mainz, das Landesmuseum in Bonn und die Stadthalle in Göttingen entstehen) baut und die als kreative und individuelle Variationen über dieselbe baukünstlerische Idee gelten können: Christuskirche / Niederlahnstein, Wichernkirche / Rüsselsheim, Stephanuskirche / Kostheim, Erlöserkirche / Kastel, Versöhnungskirche / Rüsselsheim, Thomaskirche / Wiesbaden, Johanneskirche / Offenbach (unsere Nachbarin, die Versöhnungsgemeinde im Aukamm gehört einer späteren Schaffensperiode Schells an, in der er andere Ideen verfolgt). 

Bestimmende Form ist jeweils der Kubus (oder „die Kiste“) mit nebenstehendem hochragendem, schlanken Glockenturm. Die vorherrschenden Materialien sind Sichtbeton, rauer Klinker und innen unbehandeltes Holz, während die Außenwände zumeist durch (ungegenständliche) Natursteinmosaike, Klinkermuster oder Kacheln gestaltet sind, ohne dadurch den vorherrschenden Eindruck der Nüchternheit zu gefährden. Jeder der 7 Kirchenräume wird (bzw. wurde ursprünglich) durch ein den Blick konzentrierendes zeitgenössisches Kunstwerk  (Kruzifix, textiler Wandbehang, hölzernes Wandbild) geprägt. Prinzipalstücke, Bänke, Lampen sind jeweils gleich oder sehr ähnlich und vom Baukünstler selbst entworfen. Die (für viele zu) schmucklosen Holzinnenwände heben den Charakter menschlicher Behausungen als Provisorium hervor, bieten sich als weihnachtliche Metapher an (Scheune, Stall, Krippe: Was für den Gottessohn gut genug war, sollte uns nicht genügen?) und geben obendrein eine ausgezeichnete Akustik.

Die meisten Bauten Schells, nicht nur die Kirchenbauten sind stark gefährdet durch Verwahrlosung, Verbauung, Umbauten, Sanierung, Rückbauten, Entkernung und/oder Abriss. Viele der öffentlichen Bauträger (Stadt, Land, Kirche, Gemeinde) scheinen keinen Sinn für die baukünstlerische Bedeutung der (oft despektierlich sogenannten) „Schellbauten“ zu haben, wenn etwa das Mainzer Gutenbergmuseum über Jahrzehnte außen und innen zugebaut und verwahrlost wurde, um es nun abzureißen; oder wenn z.B. die Rüsselsheimer Kirchen entweder verkauft und verschandelt bzw. durch Umbau zerstört wurden, um solche Zerstörung dann „Leuchtturm“ zu taufen (so die kühne Wortwahl der Landeskirche). Demgegenüber hat es sich die Thomaskirchengemeinde zur Aufgabe gemacht, ihre Kirche zu erhalten und die Erinnerung an ihren Baumeister Rainer Schell zu pflegen. 

Klaus Neumann, 2024 

Palmsonntag, 24. März 2024

Seid so unter euch gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht:
Er, der in göttlicher Gestalt war,
hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein,
sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an,
ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.
Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.
Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.
(Brief des Paulus an die Philipper 2, 5-11)

Zitate sind Glückssache: So schmückt die Kuppel des wieder aufgebauten Berliner Stadtschlosses ein Spruchband mit folgendem, die Bibel zitierenden Text: „Es ist in keinem anderen Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn in dem Namen Jesu, zu Ehre Gottes des Vaters. Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.“

Wie wir gerade gehört haben stammt der zweite Teil des Spruchs aus unserem Predigttext, diesem kleinen Stückchen aus dem Philipperbrief über den Weg des Gottessohnes in das Leiden und Mitleiden mit uns Menschen hinab. Dieses Pauluszitat über Machtverzicht und Selbsterniedrigung wird in den immer mal wieder aufflammenden Debatten über Rechtmäßigkeit und Symbolwert dieses Schlosses der Preußenkönige diskutiert.

Erst in der vergangenen Woche überschlugen sich wieder die Schlagzeilen darüber, als nämlich – Sie haben es in der Zeitung gelesen – acht Prophetenfiguren: Jesaja, Hosea, Zephania, Zacharias, Jonas, Daniel, Jeremias, Hesekiel auf das selbige Dach gehievt wurden, um dieses wie das erwähnte Spruchband zu schmücken. Während sich die einen über den wiederaufgebauten Touristenmagnet und insgesamt doch ziemlich ansehnlichen Hingucker in ihrer sonst nicht gerade durch Schönheit auffallenden Stadt freuen, kritisieren andere hart den Zierrat auf dem Dach des Schlosses und poltern: „Man muss inzwischen von einer bewussten fundamental-christlichen Unterwanderung des Stadtschlosses ausgehen, die sich bestens in die islamophoben Tendenzen der Zeit einfügt.“ (in einer Pressemitteilung der „Schlosskritiker“ Oswalt und Zimmerer, zitiert nach berliner-zeitung.de vom 19.3.2024) Für meinen Geschmack schießt diese unfreiwillig komische Kritik angesichts von acht Propheten des Alten Israel, die zuerst von Juden, erst viel später von Christen gehört und überdies weithin im Islam verehrt und teils sogar im Koran als Vorbild gelobt und empfohlen werden, deutlich über das Ziel hinaus: Zitate sind Glückssache, aber ihre Kritik eben manchmal auch.

Übrigens ist der auf dem Berliner Schlossdach zitierte Bibelvers nach Meinung der Gelehrten ebenfalls schon ein Zitat, als Schlussvers eines frommen Liedes der ersten Christen, das der Apostel Paulus hier zitiert – um die christliche Ethik des Verzichts, der Selbstbeschränkung, der Rücksichtnahme und des freiwilligen Ablegens von Privilegien am Geschick Jesu zu illustrieren.

Nach christlichem Glauben hätte es sich der Gottessohn gewiss gemütlicher machen können, eben zur Rechten Gottes sitzend, dort bleibend und alle Vorrechte seines göttlichen Geblüts genießend.

Das hat er nicht gemacht. Er hat nicht an seinem göttlichen Vorrecht wie an einem durch Raub erlangten Besitz festgehalten, Gottes Sohn zu sein und zu bleiben. Sondern er ist als erster Diener der Menschheit selbst Mensch geworden unter Verzicht auf seine göttlichen Vorrechte. Um es mit den Worten unseres Praktikanten Mattis Krauth zu sagen: „Obwohl Jesus alle Möglichkeiten hatte, die einem Gott zur Verfügung stehen, hat er darauf verzichtet, diese Möglichkeiten auch voll auszuschöpfen, d.h. er hat alle seine Rechte aufgegeben.“

Das ist ein unerhörter Gedanke, dass der Gottessohn, also Gott selbst auf seine Göttlichkeit verzichtet, mehr noch: auf sein Leben verzichtet und gleich wie wir Menschen stirbt; mehr noch: den schmählichsten, qualvollsten Tod, den sich die Folterer und Totschläger des alten Rom ausdenken konnten, auf sich nimmt: den Tod am Kreuz.

Mit dem Kreuz als Fluchtpunkt liest sich die Passionsgeschichte, insbesondere die Geschichte der heute beginnenden Karwoche als Geschichte der freiwilligen Entäußerung und der Selbsterniedrigung: Der Einzug des Gottessohnes als Bettlerkönig des gemeinen Volkes auf einem Esel; die Fußwaschung als Demutsgeste; schließlich die Duldung von Verleugnung, Verrat und Gewalt. Am Ende hängt Gott nackt, aller Rechte und Werte entkleidet, seiner Würde entblößt am Kreuz. Der, der ganz oben sein sollte, ganz unten; der Hohe ganz niedrig; der Allmächtige machtlos; der Gerechte rechtlos; der das Leben schuf, tot.

Und das soll nun uns – die wir es schon als Zumutung empfinden, einem anderen Vorfahrt zu gewähren, oder an der Tür Vortritt zu lassen – Beispiel und Vorbild sein? Verzichten auf unser gutes Recht? Verzichten auf das bisschen Macht, das wir haben? Abschied vom Grundrecht der Autonomie? Ohne Selbstbehauptung, ohne Selbstbestimmung leben? Statt sich nichts gefallen lassen – alles gefallen lassen? Wie soll das gehen in einer wie schon immer aggressiven Welt, in der der Frömmste nicht im Frieden leben kann, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.

Ausdrücklich geht es dem Paulus hier in seiner Empfehlung – oder ist es eine Forderung? – zunächst um die Gesinnung der Christenmenschen untereinander, um die Gemeinschaft in der Gemeinde, die Verfassung der Kirche – und ganz bestimmt auch um die Beratungen zwischen den Gemeinden, wie wir sie jetzt im schnellen Takt mit unseren Nachbarn führen, um in den nächsten Jahren eine neue Gestalt für unsere Kirche zu finden. Wenigstens das Miteinander der Christen soll – laut Paulus, laut Christus – nicht als Machtfrage behandelt oder als Rechtsbeziehung betrachtet werden. Sondern: Der Stärkere hat was davon, wenn er dem Schwächeren Platz macht.

Und wie ist es nun mit dem preußischen König und dem Spruchband auf seinem Schloss? Wie eigentlich meistens kompliziert – und jedenfalls komplizierter als es seine Ankläger und auch seine Verteidiger wollen. Einerseits kann das Bibelwort schwerlich als Ausdruck eines chauvinistischen Machtanspruchs gedeutet werden, wenn es doch ganz im Gegenteil den größten denkbaren Machtverzicht zum Ausdruck bringt. Andererseits lässt sich kaum von Hand weisen, dass die preußischen Könige, deren berühmtester sich selbst als erster Diener seines Staates bezeichnete und gleichzeitig reine Machtpolitik betreiben konnte, wenig dafür taten, dieses Wort mit Leben zu erfüllen. Was vielleicht auch zu viel verlangt wäre, wenn noch der beste König zur Verwirklichung des Rechts auch die Macht dazu haben muss.

Deshalb gibt es die Propheten, die ja jetzt wieder steinern neben unserem Bibelvers auf dem Schlossdach stehen und deren vornehmste Aufgabe das Wächteramt gegenüber den Königen war und ist. Die königskritischen Texte eines Jesaja, Jeremia oder Hosea gehören jedenfalls zum Radikalsten, das sich die Mächtigen aller Zeiten anhören mussten. Sie haben gewusst und laut verkündet, dass Macht nicht als Raub betrachtet und Recht nicht als Vorrecht missbraucht werden soll. Amen.

Laetare, 10. März 2024

Sie ergriffen ihn aber und führten ihn ab und brachten ihn in das Haus des Hohenpriesters. Petrus aber folgte von ferne. Da zündeten sie ein Feuer an mitten im Hof und setzten sich zusammen; und Petrus setzte sich mitten unter sie. Da sah ihn eine Magd im Licht sitzen und sah ihn genau an und sprach: Dieser war auch mit ihm. Er aber leugnete und sprach: Frau, ich kenne ihn nicht. Und nach einer kleinen Weile sah ihn ein anderer und sprach: Du bist auch einer von denen. Petrus aber sprach: Mensch, ich bin’s nicht. Und nach einer Weile, etwa nach einer Stunde, bekräftigte es ein anderer und sprach: Wahrhaftig, dieser war auch mit ihm; denn er ist auch ein Galiläer. Petrus aber sprach: Mensch, ich weiß nicht, was du sagst. Und alsbald, während er noch redete, krähte der Hahn. Und der Herr wandte sich und sah Petrus an. Und Petrus gedachte an des Herrn Wort, wie er zu ihm gesagt hatte: Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich. (Lukas 22, 54-62)

Keine Freudentränen, trotz des heutigen Freudensonntags, auch wohl keine des Schmerzes oder der Wut, sondern Tränen der Scham, dürfen wir annehmen, die dem Petrus bitter die Wangen hinunterlaufen.

„Den kenne ich nicht“, „das habe ich nicht gewusst“, „das haben wir nicht gewusst“ – mit dieser Urformel der Verantwortungsverweigerer verweigert heute Petrus, der Möchtegernmusterschüler unter den Aposteln seine Verantwortung für das Geschick seines Freundes und Meisters, seines Herrn und Heilandes.

Frau, ich kenne ihn nicht – Mensch, ich bin’s nicht – Mensch, ich weiß nicht, was du sagst: Dreimal aus Schwäche kraftvoll verleugnet – und schon ist diese grauenvolle Nacht vorbei, der Morgen graut und der Hahn kräht. Wenn es nicht so schrecklich wäre, könnte man darüber lachen, über das Versagen des Petrus mit Ansagen – lachen wie die Hühner, oder krähen wie der Hahn. Aber das Lachen bleibt im Halse stecken über die Gemeinheit des Apostels, die Feigheit eines Freundes, die Niedrigkeit eines Stellvertreters gegenüber seinem Original, das er doch vertreten soll.

Wenn Stellvertreter, dann doch wohl von uns in seinen hochfliegenden Ambitionen und seinem krachenden Scheitern, die wir so gut kennen, seinem vorlauten Bekenntnis an anderer Stelle und seiner zum Schweigen zwingenden Scham, seinem schwächlichen Willen zur Wahrheit und seinem Hang zur Lüge. Unser Stellvertreter darin; denn natürlich kennen wir das von uns selbst und aus unserer Umgebung, dass wir nicht die Kraft zur Wahrheit finden und in unserer Not den Ausweg in einer Lüge suchen. Notlügen seien erlaubt, biegen wir uns das dann zurecht. Und die Lüge des Petrus, die dem Verleugneten doch keinen weiteren Schaden zufüge und nur auf den Leugner den Schaden seiner tränenreichen Scham schütte, wäre doch genau das: eine Lüge aus Not, die sie entschuldigt. Oder etwa nicht?

Der philosophische Jubilar dieses Jahres, Immanuel Kant, ist einer der wenigen Denker, die eine absolute – durch keine Not eingeschränkte oder durch Not einzuschränkende – Pflicht zur Wahrheit vertreten. Wahrhaftig zu sprechen, fordert der eine Gesprächspartner des Petrus, und eben auch der Philosoph, und zwar nicht aus protestantischer Beschränktheit, der schlicht die Phantasie zur Lüge fehlte, sondern aus der vernünftigen Einsicht, dass schon die eine Lüge die Fähigkeit zur Wahrheit insgesamt und damit unser menschliches Zusammenleben bedroht. „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht“ – spricht der Volksmund, der seinen Kant vermutlich nicht gelesen, aber umso besser verstanden hat. Die eine Lüge stellt Wahrheit insgesamt infrage und bedroht damit die Verlässlichkeit unserer Beziehungen. Wenn ich anfangen muss zu fragen, ob ein ansonsten glaubwürdiger Partner diesmal aus Not oder Laune heraus lügen könnte, ist bereits alles verloren.

Dasselbe gilt übrigens für die sich ausweitende Grauzone zwischen Wahrheit und Lüge, in der überhaupt das Interesse an Wahrheit verschwimmt und allmählich verschwindet – in Ausflüchten und Ausschmückungen, durch Worthülsen, mit sprachlichen Nebelkerzen und Wunderkerzen aller Art, „fake news“ und „alternative facts“ – und die lange vor Donald Trump „bullshit“ genannt wurde – Sie verzeihen die grobe Sprache. Während die Lüge ja zumindest einen negativen Bezug zur Wahrheit hat, ist dem „bullshit“ Lüge wie Wahrheit gleichermaßen – wir bleiben bei der groben Sprache – „scheißegal“; und wir müssen befürchten, dass sich auch im Raum der Kirche diese unerfreuliche Sprachform ausbreitet. (vgl. den amerikanischen Philosophen Harry G. Frankfurt, On Bullshit 2005)

Immerhin das – also die sprachliche Ungenauigkeit in Sachen Lüge und Wahrheit – können wir dem Petrus nicht vorwerfen, der ja gleich dreimal glasklar lügt. Damit entschuldigen wir ihn natürlich keineswegs – im Gegenteil! – , zumal seine feigen Lügen deutlich zeigen, dass Wahrhaftigkeit keine philosophische Frage ist, sondern eine ethische Forderung darstellt. Der Verleugnete kommt oder bleibt durch unser Leugnen in Gefahr. Wer weiß: Vielleicht wäre ja der gefangene Jesus durch ein kräftiges Zeugnis seiner Anhänger und Sympathisanten zu retten gewesen. Und selbst wenn wir das aus historischen Gründen oder aus theologischen Vorstellungen verneinen, vielleicht könnte bei anderer Gelegenheit solches Zeugnis aus Wahrhaftigkeit und Courage Menschen retten.

Es muss uns beschämen – und heute zu Beginn der Woche der Brüderlichkeit – umso mehr beschämen, dass immer noch und gerade wieder ausgerechnet jüdische Menschen in unserer Nähe bedroht und gefährdet sind, ohne dass sie in uns Christen verlässliche, entschiedene und deutlich hörbare Fürsprecher haben. Es darf einfach nicht sein, dass 79 Jahre nach dem Krieg, der vor allem auch ein Krieg gegen die Juden war, immer noch und wieder jüdische Menschen unter uns um Leib und Leben fürchten müssen.

„Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen“ schreibt Dietrich Bonhoeffer in seiner Zeit und verschärft so das Wahrhaftigkeitsgebot um einiges. Keine Not erlaubt die Lüge und sei es die Lüge des Schweigens, wenn Reden und Bekennen verlangt ist. Nur wenn wir uns für die Nöte der Bedrohten und Gefährdeten einsetzen – und wenn wir gerade dabei sind – für die Nöte aller(!) Bedrohten und Gefährdeten nach unseren Möglichkeiten einsetzen, haben wir das Recht, unser Seelenheil zu pflegen und Gottes Ordnung in unseren schönen Liedern zu preisen.

Wenn wir also noch letzte Woche zur Nachfolge Jesu aufgefordert wurden, sollen wir heute – und das ist kein Widerspruch! – dem Petrus die Nachfolge verweigern. Und zwar so, dass wir uns in Petrus selbst erkennen, den feigen Leugner in uns selbst. Aber so, dass wir uns damit nicht zufrieden geben, – nach dem Motto: Wenn Petrus das nicht hinbekommen hat, wie soll ich das von mir erwarten – , sondern uns geradezu selbst die Nachfolge des Leugnens und Schweigens verweigern und uns zu Jesus in unserem Nächsten bekennen. Ob uns das dann auf die Straßen treibt oder etwa den Mund öffnet bei blöden Sprüchen am Arbeitsplatz oder im Freundeskreis, muss jeder für sich entscheiden.

Vielleicht hilft uns dazu ja das stolze Wort dieses anderen Erzapostels Paulus:„Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Hab 2,4): ´Der Gerechte wird aus Glauben leben.´“

Nachkriegskirchen in Wiesbaden

Vortragsabend am 7.3.24 um 19.00 Uhr, Ev. Heilig-Geist-Kirche

Das Ortskuratorium Wiesbaden der Deutschen Stiftung Denkmalschutz lädt ein: „Nachkriegskirchen in Wiesbaden“ – Ein wertschätzender Blick auf die oft wenig geachteten Kirchen, die nach 1945 erbaut wurden

Grußworte:

Begrüßung durch Pfarrer Johannes Merkel, gastgebende Ev. Martin-Luther-Gemeinde, und Begrüßung durch Dr. Brigitte Streich, Vorsitzende des Ortskuratoriums der DSD

Vorträge:

„Eine Auswahl katholischer Kirchenräume der Moderne in Wiesbaden“
Sabrina Faulstich M.A. (Kath. Erwachsenenbildung Wiesbaden-Untertaunus und Rheingau): St. Mauritius, St. Josef, Mariä Heimsuchung. Die Referentin stellt beeindruckende und faszinierende moderne Kirchenbauten vor.

„Die Wiesbadener Kirchenbauten des Architekten Rainer Schell“
Pfr. Klaus Neumann (Ev. Thomasgemeinde Wiesbaden): Ev. Erlöserkirche/Kastel, Ev. Stephanuskirche/Kostheim, Ev. Thomaskirche, Ev. Versöhnungskirche

Bildpräsentation:

„Die 14 denkmalgeschützten Nachkriegskirchen Wiesbadens im Überblick und Vergleich“ Dr. Dörte Folkers, Pfr. i.R. Volkmar Thedens-Jekel (Ortskuratorium Wiesbaden der Deutschen Stiftung Denkmalschutz)

Diskussion
Durch den Abend führt Gudrun Buhr, Architektin

Im Anschluss lädt Pfr. i.R. Dr. Martin Sauer (lange Zeit Pfarrer an der Heilig-Geist-Kirche) zu einer kurzen Führung durch die Kirche ein.