Zweiter Advent, 10. Dezember 2023

Und dem Engel der Gemeinde in Philadelphia schreibe: Das sagt der Heilige, der Wahrhaftige, der da hat den Schlüssel Davids, der auftut, und niemand schließt zu, und der zuschließt, und niemand tut auf: Ich kenne deine Werke. Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan, die niemand zuschließen kann; denn du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet. Siehe, ich werde einige schicken aus der Versammlung des Satans, die sagen, sie seien Juden, und sind’s nicht, sondern lügen. Siehe, ich will sie dazu bringen, dass sie kommen sollen und zu deinen Füßen niederfallen und erkennen, dass ich dich geliebt habe. Weil du mein Wort von der Geduld bewahrt hast, will auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die kommen wird über den ganzen Weltkreis, zu versuchen, die auf Erden wohnen. Ich komme bald; halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme! Wer überwindet, den will ich machen zum Pfeiler in dem Tempel meines Gottes, und er soll nicht mehr hinausgehen, und ich will auf ihn schreiben den Namen meines Gottes und den Namen der Stadt meines Gottes, des neuen Jerusalem, das vom Himmel herniederkommt von meinem Gott, und meinen Namen, den neuen. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! (Offenbarung des Johannes 3,7-13)

Ein Brief, ein Weihnachtsbrief vielleicht; die gibt’s immer noch und trotz allem – trotz Email, Whatsapp, Twitter jetzt X. Manche von uns schreiben tatsächlich noch Briefe auf Papier und die meisten freuen sich nach wie vor, wenn in diesen Tagen zwischen Rechnungen und Werbung ein wirklicher, wahrer Brief im Briefkasten steckt.

Meine Mutter – Gott hab sie selig – war eine fleißige Briefeschreiberin zu ihren Lebzeiten, was ich lange mit jugendlicher Arroganz verspottet habe, zu ausführlich, zu lang, zu langweilig waren mir ihre Schreiben. Ich wusste doch schon längst, von was sie schrieb und warum um alles in der Welt sollte sich irgendjemand dafür interessieren? Tat es aber doch offensichtlich; denn manche dieser Weihnachtsbrieffreundschaften überdauerten Jahrzehnte, ohne dass sich Absender und Adressaten sonst groß getroffen oder gesprochen hätten. Diese Briefe und Gegenbriefe haben eine soziale Verbundenheit geschaffen, denen im Unterschied zur Kommunikation heute in den sogenannten sozialen Medien ein viel intensiverer Austausch mit erheblicher höherer Verbindlichkeit und dabei in einem deutlich geschützteren Rahmen eignete. Mögliche negative Folgen durch allzu große Offenherzigkeit waren auf das Verhältnis zwischen Sender und Empfänger begrenzt; selbst die Weitergabe an Dritte hätte keinen allzu großen Schaden anrichten können – völlig anders als in der modernen elektronischen Plauderei.

Und völlig anders natürlich auch als im Kontext einer Diktatur, die sich nicht nur für die großen Umsturzpläne interessiert, sondern für jede Kleinigkeit und obendrein jede Kleinigkeit zu großen Umsturzplänen aufbläst. Da lässt sich in unserer Nähe an die Verhältnisse in der DDR denken und an die Schnüffeleien der Stasi, die ja nicht nur privateste Briefe geöffnet, sondern auch noch an verdächtigen Socken geschnüffelt hat. Da lässt sich aber auch – und damit nähern wir uns langsam unserem Predigttext – an die Verhältnisse einer religiösen Minderheit in einem Gewaltstaat denken, also etwa der Christen im römischen Reich.

Zu der Zeit nämlich schreibt dieser Johannes hier, aus seinem fernen Exil an die ihm vertrauten Gemeinden im Westen der heutigen Türkei, in Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodizea – unter den Bedingungen einer ebenfalls überall Verschwörung witternden Diktatur und dem Siegel der Verschwiegenheit. Johannes möchte Kontakt halten, möchte aufmuntern, möchte Ratschläge geben, Trost spenden und zwar, ohne dass ihn der zuständige römische Stasioffizier versteht; also verschlüsselt, verborgen, in Geheimsprache. An uns zweitausend Jahre jüngere Leser hat er dabei am wenigstens gedacht, aber wir müssen das jetzt miteinander ausbaden, dass wir nicht gleich alles verstehen: Schlüsselmeister, satanische Versammlungen, himmlisches Jerusalem – das lässt sich ja noch einigermaßen zuordnen; aber das Tier aus dem Abgrund, Schalen und Posaunen, die Frau und der Drache, der Engel mit dem Büchlein, apokalyptische Reiter, die Hure Babylon, das tausendjährige Reich, von denen es im übrigen Buch der Offenbarung nur so wimmelt – das alles ist uns fernen Lesern zunächst ein gut verschlüsselter Text, ein Buch mit sieben Siegeln, von dem ja auch im Zusammenhang die Rede ist und für das erst das rechte Gehör zu entwickeln ist: Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!

Unter den Bedingungen der Überwachung und Androhung von Gewalt durch die beherrschende Macht schreibt Johannes von Befreiung und Erlösung. Der anmaßenden Frechheit der Gewaltherrschaft und ihrer Macht setzt er – ebenfalls frech, aber ganz anders frech – aus einer Position völliger Machtlosigkeit die machtvolle Vision einer durch Gott herbeigeführten Herrschaft des Rechts und des Friedens entgegen, eine Hoffnung, die sich die Adressaten seiner Schreiben bewahren sollen – auch wenn sie unwahrscheinlich bis zum Irrwitz ist. Dass es besser werden kann und einst besser werden wird, diese Hoffnung sollen wir uns nicht ausreden lassen, von niemanden, auch nicht von denen in unseren Versammlungen, die sich als die unsrigen ausgeben, die sagen, sie seien Juden, und sind’s nicht, sondern lügen. Gegen solche trost- und hoffnungslosen Redner des Unglaubens hilft nur Glauben und Geduld.

Und es hilft natürlich die Abwehr der übergroßen Versuchung falscher, unhistorischer Konkretionen. Die Auslegungsgeschichte der Johannesoffenbarung hat vor allem unter solchen falschen Anwendungen und Zuordnungen gelitten, wenn nämlich ihre Bilder sozusagen frei Schnauze auf historische Konstellationen angewendet wurde, deren berüchtigtste der Missbrauch der Vorstellung eines Tausendjährigen Reiches durch die Nazis war. Johannes aber spricht zuerst in seine Zeit, und schreibt seinen Brief in seine Zeit.

Die Anknüpfungsmöglichkeit – das haben uns unsere Lehrer eingeschärft – liegt nicht in der Deutung dieses oder jenes historischen oder aktuellen Geschehens durch einzelne Motive im Buch der Offenbarung, sondern in seiner Darstellung des Glaubens: Glauben in den Verhältnissen des aggressiven Unglaubens, Hoffnung gegen alle Hoffnung, Geduld trotz Hast und Hetze.

In seiner extremen Notlage findet Johannes extreme Bilder nicht nur des liebenden und tröstenden, sondern auch des mächtigen und kämpfenden Gottes, die unsere Vorstellungskraft reichlich strapazieren – uns eben bis zum äußersten fordern. Sie sagen uns mehr als wir uns zu sagen trauen würden; sagen an, wieso die Geduld der Geduldigen nicht umsonst sein muss, und keine Einladung zur Resignation ist. Gott regiert, auch wenn alles dagegen spricht. Das ist die starke Behauptung des Johannes ohne jeden schwachen Beweis.

Und damit löst er eine der Aufgaben eines Briefeschreibers, bzw. eines Briefes ein: Uns etwas zu sagen, was wir uns selbst nicht sagen können. Das bewahrt den Brief vor der Langeweile des längst Bekannten oder ewig Gleichen. Heute jedenfalls hören und lesen wir etwas Neues, das neu bleibt, auch wenn wir es schon gelegentlich gehört haben. Amen.

Meine Augen haben deinen Heiland gesehen, das Heil, das du bereitet hast vor allen Völkern. (Lukasevangelium 2,30-31)

Als Großvater freue ich mich am Anblick meiner Enkelin, nicht nur weil sie natürlich die weitaus schönste Vierjährige landaus, landein ist, die klügste und begabteste ohnehin. Sondern ich freue mich, dass das Leben weitergeht, mit ihr auch etwas von meinem Leben dann in der übernächsten Generation weitergeht, Erzählungen, Gewohnheiten, Werte, etwas und manches, dass mir wichtig war und mich ausmachte. Und dabei weiß ich, dass wir damit unseren Kindern und Kindeskindern manches Gepäck aufladen, an dem sie schwer zu tragen haben, Irrtümer, Macken oder auch gravierende Lebensfehler, die nicht nur die Verantwortlichen selbst in ihrer Generation belasten, sondern auch die nachfolgenden, die damit eigentlich nichts zu tun haben. So falsch war die Rede von der „Erbsünde“ nicht (ohne deshalb richtig gewesen zu sein!). Aber allzu sehr trübt das meine Freude an meiner Enkelin nicht, denn mit den vererbten Lasten hat sie ja dennoch alle Möglichkeiten eines eigenen, eigenständigen und selbstverantwortlichen Lebens. Ein Enkel setzt dem Wunder des eigenen Kindes noch eins obendrauf:

Das Projekt geht weiter! Als Großvater meine ich daher, den großväterlichen Simeon verstehen zu können, der sich hochbetagt über den Anblick dieses Kleinkindes Jesus freut, ihn auf den Arm nimmt und sein Segenswort spricht: Meine Augen haben deinen Heiland gesehen, das Heil, das du bereitet hast vor allen Völkern – sehr zum Wunder seiner Eltern, und zwar nicht so sehr des Hochhaltens wegen (was heutige Eltern vermutlich am meisten gestört hätte: Hoffentlich lässt der Greis das Kind nicht fallen!), sondern vor allem wegen seiner Worte, die doch mit ihren hohen Erwartungen weit über jedes erwartbare Lebensziel hinausschießen, als da wäre: glänzende Karriere, bedeutende Beiträge zur Entwicklung der Menschheit, Olympiasieg oder Nobelpreis – mag ja alles angehen, aber das Heil der Völker, das Licht der Heiden überspannt den Rahmen doch um einiges, oder nicht?

Als Leser heiliger Geschichten wundert uns natürlich gar nichts, Wunder sind zu erwarten; wir haben ja schon einiges über gebärende Jungfrauen und jubelnde Engel auf dem Felde in den an dieser Stelle noch nicht abgeschlossenen ersten beiden Kapiteln des Lukasevangeliums gelesen, was die hypertrophe Zuschreibung eines vielleicht schon leicht verwirrten älteren Herrn einsortieren hilft: Der alte Narr hat einen Narren gefressen an dem Kinde! (Was ich neulich beim Versteckspielen auch über mich gedacht habe, mit vollem Einsatz unter dem Bett, unter dem ich nur unter größter Mühe und Aufbietung aller mir verbliebenen Kräfte wieder hervorkriechen konnte, aber eben maßlos stolz über das fachkundige Urteil des Kindergartenkindes: Das war ein gutes Versteck! Und übrigens besser als das der um eine Generation näheren Mitspieler: Zum Narren gemacht, mit Staub bedeckt, aber mit Ruhm bekleckert.)

Was mich am meisten beeindruckt an dieser Szene mit dem alten Simeon und dem kleinen Kind ist das – natürlich mit der Bürgschaft Gottes versehene – unbedingte Zutrauen des Alten zum Jungen. Hier trifft kein nörgelnder Boomer auf einen Jammerlappen der Gen-X. Sondern ein Greis, dessen Lebenserfahrung und dessen Glauben an den Gott, bei dem alles möglich ist, gibt diese Möglichkeitszuschreibung (vulgo: Optimismus!) an den Jüngeren weiter. Nichts und niemand macht so viel möglich, wie einer – ob Großvater, Mutter, ein Lehrer oder eben Gott – der einem dieses Zutrauen zuspricht. Und damit dürften wir – zugegebenermaßen über manche Umwege – zum Sinn unseres Weihnachtsglaubens gekommen sein: Die Verkündigung ungeahnter Möglichkeiten an uns durch Gottes Sohn.

Klaus Neumann

Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres, 19. November 2023

Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sich setzen auf den Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken. Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt!

Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? Oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht.Dann werden auch sie antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient? Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan. Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben. (Matthäus 25,31-46)

All lives matter; jedes menschliche Leben zählt; alle Leben sind wichtig.

Es ist diese Botschaft, die von der gewaltigen Bühne des Weltgerichts heute zu uns gesprochen wird; von einer Bühne, die mit ihren Requisiten und Bildern von Himmel und Hölle, vom Teufel und Engeln, mit ihrer Massenszene aller je gelebten Menschen – das kann voll werden – und mit den machtvollsten Protagonisten, die Menschen glauben können, Gott selbst und seinem Sohn: von einer Bühne also, die unsere religiöse Vorstellungskraft beansprucht und herausfordert wie keine andere, von dieser Bühne wird heute zu uns gesprochen, dass alles Leben wichtig ist, jedes menschliche Leben zählt: All lives matter.

Und zwar sind unserer aller menschlichen Leben Gott so wichtig, dass mit unserem Lebensende nicht einfach die Akten geschlossen werden, so unabgeschlossen und unabgegolten unsere Aktionen gewesen sein mögen, sondern dass sie von Gott wiederaufgenommen werden, dass er sie sich ein letztes und letztgültiges Mal noch einmal vorlegt. Nichts bleibt vergessen, nichts fällt unter den Tisch. Damit verwirklicht Gott eine Gerechtigkeit, die vor unseren Gerichten – und sei es am Ende eines langen Instanzenweges – unmöglich bleibt. Vollständige und umfassende Gerechtigkeit für alle und jeden kann es nur bei Gott geben: All lives matter, alle Leben zählen.

Kein gnädiges – und schon gar kein ungnädiges, also etwa gedankenloses, erschöpftes, unwilliges – Vergessen steht am Ende aller Zeiten und Tage, sondern vollständige, umfassende und gerechte Erinnerung als dem Geheimnis der Erlösung. Kein unterschiedsloses Zudecken mit Gnade und Begraben von Schuld steht am Ende, sondern die wahrhafte Suche, lückenlose Aufklärung, genaue Benennung: die Wahrheit als Voraussetzung von Gerechtigkeit. Kein Gericht und kein gesellschaftlicher Prozess der Aufarbeitung und Widergutmachung nach Gewaltherrschaft und Krieg kann das leisten, auch wenn sie in ihren besten Momenten diesem Ideal folgen oder doch jederzeit mit aller Kraft folgen sollten – ohne es zu erreichen. Dennoch – trotz und wegen unseres Unvermögens zu Wahrheit und Gerechtigkeit – hebt Gott unser Vergessen in seiner Erinnerung auf. Das ist das Weltgericht.

Das ist das Weltgericht, von dessen zweifachem Ausgang nicht erzählt wird, um Angst zu verbreiten, sondern um Angst zu nehmen; oder anders gesagt: von dem erzählt wird, um den Angstmachern Angst zu machen und den Ängstlichen sie zu nehmen, und damit beiden erst gerecht zu werden. Ein gerechtes Urteil kann ja nicht darin bestehen allen dasselbe zukommen zu lassen; Übeltätern und Wohltätern, Tätern und Opfern allen dasselbe. Gerechtigkeit muss Unterschiede machen. Ein gerechtes Urteil vor Gericht kann ebenso wenig wie ein um Gerechtigkeit bemühter Kommentar angesichts von Konflikten und Kriegen einfach neutral von Leid auf allen Seiten sprechen. Auch Täter können leiden und Opfer können Leid zufügen, ohne damit ein Schuldgleichgewicht herbeizuführen. Das Saldieren von Leid verdirbt die historische Buchführung.

Deshalb kann das wahre Wort – all lives matter, alle Leben zählen – zur konkreten Lüge werden, wenn es nämlich das konkrete Leid der Opfer und die konkrete Schuld der Täter überdecken soll. Black lives matter – behauptet ja nicht, dass nicht alle Menschenleben wichtig wären, sondern im Gegenteil: Weil alle Leben zählen, zählen eben auch schwarze Leben, was angesichts von schwarzem Leid und weißer Schuld aber ausdrücklich benannt werden muss. Jewish lives matter – behauptet ja nicht, dass nicht auch christliche oder muslimische, nicht auch deutsche oder palästinensische Leben wichtig wären, sondern im Gegenteil: Weil alle Leben zählen, zählen eben auch jüdische Leben, was angesichts von historischem und aktuellem Leid von Juden ausdrücklich und laut gesagt werden muss. In der konkreten Notlage kann ich nur so der allgemeinen Wahrheit – all lives matter – gerecht werden; anders wird sie angesichts eines Terrorangriffs einer Gruppe auf ein Land zur zynischen Lüge. Natürlich zählen die Menschen in Oberbayern und auf den Fidschi-Inseln – aber angesichts eines Gewaltaktes im jüdischen Israel muss das nicht extra gesagt werden. Das andere schon: Jüdische Leben zählen, jetzt!

Gerechtigkeit lebt von Genauigkeit. Gerechtigkeit erweist sich in Notlagen und gegenüber Notleidenden. Gerecht ist nicht zuerst der, der den allgemeinen Weltfrieden predigt, sondern der, der genau diesen Krieg bekämpft und genau jenen Frieden bereitet. Gerecht ist nicht zuerst der, der allen Essen und allen zu trinken gibt, sondern der, der den Hungrigen Essen und den Durstigen zu trinken gibt. Unser Gerichtsgleichnis lässt den richtenden König sagen: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Es ist die in der hebräischen Sprache „Gerechtigkeitstat“ – Zedaka – genannte Tat an den Bedürftigen gemeint, die zählt. Mit solchen Wohltaten, die das Unwohlsein Leidender lindern, machen wir deutlich, dass diese für uns zählen. Die „geringsten Brüder“ bezeichnen dabei nicht zuerst eine soziologisch beschreibbare Schicht als Unterschicht oder eine Klasse der Deklassierten, sondern unseren „Nächsten“, also die Person, die Not leidet und einen konkreten Mangel hat: Hunger, Durst, Fremdheit, Nacktheit, Krankheit, Gefängnis – und beschreibt also in zweiter Linie durchaus Personen insgesamt, deren Existenz vielfältigen Mängeln ausgesetzt sind. Diese genannten Mängel – und überhaupt Mängel wie diese – sind gemeint und schließen dann selbstverständlich Armut, Gewalt und Krieg ein. Mitzudenken ist die Fortsetzung der Reihe: Ich bin arm gewesen und ihr habt mit mir geteilt; ich habe Gewalt erfahren und ihr habt mich beschützt; ich war im Krieg und ihr habt für den Frieden gekämpft.

Unser Gerichtsbild wendet unsere Aufmerksamkeit auf die Sorge für den konkreten Fall, in dem sich unsere allgemeine Sorgepflicht erfüllt. Wir werden nicht den Hunger auf der Welt besiegen, und noch nicht einmal Jesus hat alle Kranken, die ihm begegneten, geheilt; aber wenn uns ein Hungriger begegnet oder wo wir Kranke sehen, sind wir nach unseren Möglichkeiten zur Hilfe gefordert. Der eine zählt, jeder einzelne zählt, weil alle zählen.

Aus unseren Möglichkeiten und mehr noch aus unseren Unmöglichkeiten zur Hilfe ergibt sich Gottes Zuständigkeit für das Große und Ganze. Am Weltgericht müssten wir Menschen uns verheben, schon ein Weltpolizist mutet sich zu viel zu. Aber Gott können wir das Gericht über die Welt überlassen. Auf seine Gerechtigkeit und auf seine Gnade ist Verlass. Für ihn zählen alle Menschen.

Jüdischer Friedhof Schöne Aussicht

Die Führung am 7. November 2023 mit Steve Landau, Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden und Leiter der jüdischen Lehrhauses, und Dr. Katherine Lukat vom Stadtarchiv Wiesbaden fand großen Zuspruch. Unter https://schoene-aussicht.juedische-geschichte-wiesbaden.de finden Sie die sehenswerte Online-Ausstellung zu dieser besonderen Gedenkstätte in der Nachbarschaft unserer beider Gemeinden, dem kath. Kirchort St. Mauritius und der ev. Thomasgemeinde. Die jüdische Gemeinde bietet mehrmals im Jahr weitere Führungen an: http://www.jg-wi.de

21. Sonntag nach Trinitatis, 29.10.2023

So zog Abram herauf aus Ägypten mit seiner Frau und mit allem, was er hatte, und Lot mit ihm ins Südland. Abram aber war sehr reich an Vieh, Silber und Gold. Und er zog immer weiter vom Südland bis nach Bethel, an die Stätte, wo zuerst sein Zelt war, zwischen Bethel und Ai, eben an den Ort, wo er früher den Altar errichtet hatte. Dort rief er den Namen des Herrn an. Lot aber, der mit Abram zog, hatte auch Schafe und Rinder und Zelte. Und das Land konnte es nicht ertragen, dass sie beieinander wohnten; denn ihre Habe war groß und sie konnten nicht beieinander wohnen. Und es war immer Zank zwischen den Hirten von Abrams Vieh und den Hirten von Lots Vieh. Es wohnten auch zu der Zeit die Kanaaniter und Perisiter im Lande. Da sprach Abram zu Lot: Es soll kein Zank sein zwischen mir und dir und zwischen meinen und deinen Hirten; denn wir sind Brüder. Steht dir nicht alles Land offen? Trenne dich doch von mir! Willst du zur Linken, so will ich zur Rechten, oder willst du zur Rechten, so will ich zur Linken. Da hob Lot seine Augen auf und sah die ganze Gegend am Jordan, dass sie wasserreich war. Denn bevor der Herr Sodom und Gomorra vernichtete, war sie bis nach Zoar hin wie der Garten des Herrn, gleichwie Ägyptenland. Da erwählte sich Lot die ganze Gegend am Jordan und zog nach Osten. Also trennte sich ein Bruder von dem andern, sodass Abram wohnte im Lande Kanaan und Lot in den Städten jener Gegend. Und Lot zog mit seinen Zelten bis nach Sodom. Aber die Leute zu Sodom waren böse und sündigten sehr wider den Herrn. (Mose 13,1-12)

Wie lässt sich ein Streit schlichten, wie Konflikte lösen, wie Kriege wenigstens begrenzen? Das dürfte die 1 Millionen-Schekel-Frage sein, nicht nur in unserer Zeit, sondern immer und zu allen Zeiten – aber eben auch gerade jetzt.

Und unser Predigttext schlägt zur Lösung des Streits vor, dass sich die Konfliktparteien um Lot und Abram, der später Abraham heißen wird, trennen: Trenne dich doch von mir! Willst du zur Linken, so will ich zur Rechten, oder willst du zur Rechten, so will ich zur Linken. Klingt vernünftig, denn manche Konflikte lassen sich wohl nicht anders als durch Trennung lösen, im Privaten, etwa in zerrütteten Ehen; im Beruflichen, etwa in ungedeihlichen Arbeitsverhältnissen; oder – wie wir heute hören – unter Nachbarn, wobei von Vorteil ist, wenn die Konfliktparteien mobil und nomadisch sind und die Gegend groß und weit.

Ausgerechnet die von unserer Geschichte erzählte Konfliktlösung scheint aber nicht hilfreich und nicht anwendbar zu sein auf den großen Konflikt um ein und dasselbe kleine, ja winzige Land, der uns gerade so erschüttert. Seit drei Wochen lässt uns das Geschehen in Israel und Palästina nicht los, die unfassbare Gewalt einer Mörderbande vornehmlich gegen Kinder und Frauen, gegen feiernde Jugendliche und freundliche Greise, gegen Juden im Staat der Juden; der sich seit dem Terroranschlag am 7. Oktober nun gegen diese Gewalt wehrt, wie es jeder Staat tut und tun würde, um die Täter zu bestrafen und es ihnen unmöglich zu machen, ihre Taten zu wiederholen. Und weil diese Täter sich mitten in der Bevölkerung aufhalten, sich zwischen Wohnungen und unter Krankenhäusern verstecken, gefährden und schädigen sie Leben und Güter derer, die sie zu vertreten vorgeben. Während das Leid der Opfer in Israel und Palästina gleich viel zählt und in gleicher Weise zu beklagen ist, sind die Mörder der Hamas für beides verantwortlich und für beides verantwortlich zu machen.

Allerdings wird deren Beseitigung kaum zum Ende der Gewalt führen – nicht nur aber auch, weil die Gegner dieses Streits ein und dasselbe Land beanspruchen und weil dieses Land selbst so winzig klein ist (etwas größer als Hessen und nicht halb so groß wie Bayern). Denn die berühmte Zwei-Staaten-Lösung, die eine Trennung der Streitenden ganz im Sinne unserer Trennungsgeschichte von Abraham und Lot vorsieht, scheitert nicht erst am Willen zum Frieden sondern am schieren Mangel an Platz, der eine Aufforderung zur friedlichen Trennung unmöglich erscheinen lässt: Trenne dich doch von mir! Willst du zur Linken, so will ich zur Rechten, oder willst du zur Rechten, so will ich zur Linken. Wie soll das gehen, wenn sich Streitende auch nach der Trennung täglich sehen und über den Weg laufen? Trennung, aber, in ein und demselben Land wäre Apartheid, die Israel jetzt schon von vielen Verleumdern zu Unrecht vorgeworfen wird.

Auch unsere Geschichte weiß von den Kontexten der Gewalt, in denen die jeweiligen Gewaltgeschichten eingebettet sind, von wo sie kommen und wohin sie führen. Wie ein Fluch liegt der Satz über Sodom über ihr: Aber die Leute zu Sodom waren böse und sündigten sehr wider den Herrn. Was neuen Ärger und neuen Streit mit den neuen Nachbarn von Lot bedeutet – und was sich bewahrheitet. Anders als für Abraham, der zum Stammvater vieler Völker wird, geht die Geschichte für Lot übel weiter und übel aus. Die Frau erstarrt auf der Flucht beim Zurückblicken zur Salzsäule, die Töchter erschleichen sich inzestuöse Nachkommen von ihrem saufenden Vater, was ein Elend! Und selbst diesen Nachkommen als Moabiter und Ammoniter bleiben die Nachfahren Abrahams untrennbar verbunden, selten zum Guten, meistens zum Schlechten.

Wenn sich Segen und Fluch so sichtbar wie bei Abraham und Lot – oder eben so sichtbar am Lebensstandard und Entwicklungsstand wie in Israel und Palästina – ablesen lassen, wird das genug Grund für neuen Streit geben: um Güter und Lebensmöglichkeiten, um Ansehen und Einfluss. Wir scheinen an unsere Nachbarn als unsere möglichen oder eben als unsere wirklichen Feinde unlösbar gekettet zu sein. Nachbarn zeigen uns nämlich, wie wir sein könnten und wie es uns gehen könnte – im Guten wie im Schlechten. Und deshalb ist die alttestamentliche Forderung zur Nächstenliebe nicht das fromme Sätzchen, für das wir es vielleicht halten, sondern bekommt in der Verschärfung durch Jesus, noch Nächsten zu lieben, wenn er mein Feind ist, von der wir heute in der Lesung gehört haben, ihren Sinn.

Erst wenn ich – so scheint es Jesus im Sinne seiner jüdischen Lehrer zu fordern: erst wenn ich im Feind mich selbst sehe und dieser sich in mir, besteht Aussicht auf ein Ende des Streits. Umgekehrt wird der Mangel an Empathie für das Leid der anderen mein eigenes Leid auf Dauer nur vergrößern. Angewendet auf unseren tragischen aktuellen Fall: Selbstverständlich hat das Land Israel jedes Recht sich zu verteidigen – und dennoch wird die Ausübung dieses Rechts neues eigenes Leid nicht verhindern, vom unermesslichen Leid palästinensischer Zivilisten, unzähliger unschuldiger Kinder zu schweigen. Und selbstverständlich haben die Palästinenser jedes Recht ihr Leid zu beklagen und die Ursachen zu bekämpfen, aber auch das wird unweigerlich zu neuem Leid führen.

Und so hören wir heute in Lesung und Predigttext von zwei genialen, aber streng gegensätzlichen Konfliktstrategien – von der pragmatischen Trennung von Feinden einerseits und andrerseits von der utopischen Liebe unter Feinden, die aber beide mit demselben Fehler behaftet sind, dass sie großartig in der Theorie aber untauglich in der Praxis – und dreimal untauglich in der Realität des Landes Israel sind. Jedes Schulkind weiß sofort, dass Liebe unter Feinden und das Hinhalten der anderen Backe nicht funktionieren und im Desaster enden werden, muss es das eigentlich? Und jeder kann sich einen Schulatlas nehmen und nachschauen, dass da kein Land für zwei Staaten ist, wo ja kaum Land für einen da ist. Was bleibt?

Es bleibt unsere Möglichkeit zu Empathie und Solidarität mit den Opfern und Hilfe für sie auf beiden Seiten dieses garstigen Grabens.

Es bleibt unsere Verantwortung für Gerechtigkeit, zu der auch die Einsicht in eigene Verstrickung und Schuld gehört.

Und es bleibt die Hoffnung, von der wir auch heute lesen, dass Gott Lösungen für Probleme findet, die für uns viel zu groß und zu schwer sind.

„Haus der Ewigkeit“ – Führung über den jüdischen Friedhof Schöne Aussicht

Dienstag, 7. November 2023, 15.30-16.45 Uhr

Ev. Thomasgemeinde und Kath. Kirchort St. Mauritius

Jüdischer Friedhof Schöne Aussicht (Foto: privat)

1750 fand die erste Beisetzung auf dem Jüdischen Friedhof an der Schönen Aussicht statt. Gemeindevorsteher Eli Jizchak ha-Levi war der erste, der in diesem „Haus der Ewigkeit“ bestattet wurde; er hatte sich für die Errichtung eines eigenen Friedhofs bei der Stadt eingesetzt. Denn bis dahin hatten die jüdischen Familien Wiesbadens und auch die der Vororte ihre Verstorbenen im weit entfernten Wehen zu bestatten. Damals hieß das Landstück zwischen Liszt- und Hergenhahnstraße noch „Auf dem Kuhberg“, in der Nähe des bis 1774 genutzten Galgens. Bis 1850 durfte der Friedhof erweitert werden, dann sollte er auf Drängen von Anwohnern verlegt werden. 1890 bekam die jüdische Gemeinde ein Teilstück des Nordfriedhofs zugesprochen. Heute ist der Friedhof Schöne Aussicht nur bei Führungen zu besichtigen. Bei unserem Besuch der Wiesbadener Synagoge vor einiger Zeit bot uns Steve Landau, der Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde, einen Rundgang über den Friedhof Schöne Aussicht an. Gemeinsam mit Dr. Katherine Lukat vom Stadtarchiv, mit der er 2020 auch eine sehenswerte Online-Ausstellung zum 270. Jahrestag kuratiert hat (https://schoene-aussicht.juedische-geschichte-wiesbaden.de), wird er anhand der Biografien einiger dort beigesetzter Persönlichkeiten die Geschichte jüdischen Lebens in Wiesbaden damals und heute beleuchten. 

Wir freuen uns auf Ihre Anmeldung bis Sonntag, 5.11., unter asmeine@gmx.de oder Tel. 0162 7474131! (Bei Regen wird die Veranstaltung verschoben.)

18. Sonntag nach Trinitatis, 8. Oktober 2023

(In der schriftlichen Fassung der Predigt selbst fehlt jeder Hinweis auf den Anschlag der Terroristen der Hamas auf Israel vom Vortag, dem 7. Oktober. Zu frisch, zu gewaltig und unbearbeitet sind die Eindrücke dieses Verbrechens, dem Hunderte von jüdisch-israelischen Zivilisten, darunter zahlreiche Babys, Kinder, Jugendliche und Greise zum Opfer fielen, um in die Predigt einzufließen. Dabei wurde es ausgerechnet am Schabbat und dem jüdischen Feiertag Simchat Tora verübt, der die dem Judentum wesentliche Freude über Gottes Gebot zum Ausdruck bringt und eigentlich mit fröhlichem Singen und Tanzen gefeiert wird – in friedlichen Zeiten. K.N.)

Und Gott redete alle diese Worte:

Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.

Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.

Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.

Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der Herr den Sabbattag und heiligte ihn.

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, geben wird.
Du sollst nicht töten.
Du sollst nicht ehebrechen.
Du sollst nicht stehlen.
Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat. (2. Mose 20.1-17)

Ausgerechnet an dem Tag, an dem wir uns einen Landtag wählen, den Gesetzgeber für die Belange unseres schönen Bundeslandes Hessen, und damit mittelbar eine Regierung und einen, der dieser als Ministerpräsident vorsitzt – ausgerechnet heute hören wir die 10 Worte des berühmtesten Gesetzgebers der Menschheitsgeschichte, den Gott sich für sein Volk erwählt und den sich sein Volk als Mittler zu Gott erwählt hat – auf den also auch wir, die wir nicht ursprünglich zum auserwählten Volk gehören, hören dürfen. Schaden wird es nichts, nützt es was? Sind diese uralten 10 Gebote mehr als religiöse Folklore oder ethische Altertumskunde? Was haben sie uns und was haben sie uns gerade heute zu sagen? Hier kommen 9 Angebote die 10 Gebote zu vergegenwärtigen:

1. Zuerst tun wir gut daran, die Bindung unseres Textes an eine längst vergangene Zeit nicht zu überlesen und ihn nicht unmittelbar für ein zeitloses, schon immer gültiges und für immer geltendes universales Gesetz zu halten, als das es zunächst nicht gedacht war und zu dem es erst mit der Zeit gemacht wurde. Denn zumindest nach der Erzählung des Alten Testaments folgt die Übermittlung der 10 Gebote – und zahlreicher weiterer Rechtsordnungen – der Befreiung der Israeliten aus Ägypten und dem Durchzug durchs Schilfmehr.

Der Exodus begründet – zumindest als theologische und historische Idee – die Entstehung des Volkes Israel und seine besondere Beziehung zu Gott. Beides – der Exodus und die 10 Gebote – stehen somit in unmittelbarem Zusammenhang, so dass sie gelegentlich als Gebote der Befreiung oder sogar der Verfassung des Volkes Israel genannt wurden. Dem entspricht, dass Gott der Herr sich im ersten Gebot als der gegenüber seinem Volk definiert, „der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe“. Gesetze und sogar Grundgesetze sind immer zeitgebunden und reagieren auf ihren historischen Kontext. Das wird auch für die vom heute gewählten hessischen Landtag gelten.

2. Wenn das erste Gebot „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“ die Konkurrenz anderer Götter zurückweist, erinnert uns das an einem Wahltag daran, jede Überhöhung des Staates abzuwehren, und auch daran, dass eine Trennung von Kirche und Staat, beiden gleichermaßen angemessen ist und gut tut; nach den Worten der Barmer Theologischen Erklärung: „Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen“. Was für unsere gegenüber 1934 ungleich friedlichere und unangefochtenere Zeiten dennoch heißen kann, dass moralische Überhöhungen oder sogar Absolutsetzungen durch staatliche Akteure zurückzuweisen sind. Staatliche Gesetze sind offensichtlich keine göttlichen Gebote, genauso wenig wie Gerichtsurteile oder unsere Wirtschaftsordnung.

3. Andrerseits verbinden die 10 Gebote moralische mit Glaubensgesetzen so untrennbar, dass die einen als Grundlage der anderen deutlich werden, frei nach dem berühmten Satz des Verfassungsrechtlers Böckenförde: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Und an die – ohne falsche Konfliktscheu – zu erinnern, doch wohl auch unsere Aufgabe als Christen in Staat und Land ist, zumal der dem Grundgesetz vorgesetzte Gottesbezug „Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen …“ der Hessischen Landesverfassung leider fehlt. Wäre doch schade, wenn diese Erinnerung ausgerechnet bei uns verloren ginge.

4. Während in den 10 Geboten Bilder verboten zu werden scheinen, spielen sie gerade im Wahlkampf aber auch sonst im politischen Wettbewerb eine überragende Rolle, einerseits natürlich zurecht, denn man muss ja wissen, wer das Volk vertritt; andererseits doch zu Unrecht in dem Maße, in dem sie verfälschen, beschönigen oder entstellen, und damit ja gerade verhindern zu wissen, wer das ist. Wer stattliche vielstellige Haushaltposten für seine Visagisten und Coiffeure ausgibt oder seine Plakate bis zur Unkenntlichkeit retouchieren lässt, scheint nicht unbedingt daran interessiert zu sein, etwas von sich preiszugeben. Und ziemlich genau dagegen richtet sich das biblische Bilderverbot: gegen die Verfügbarkeit durch zu gute und die Verfälschung durch zu schlechte Bilder.

5. Mit dem Bilderverbot, dem Blasphemieverbot und dem Feiertagsgebot sind drei Gebote zu Gottes Schutz formuliert, die im säkularen Staat keine Geltung für sich beanspruchen können, die uns aber aktuelle Denkaufgaben stellen, wie wir ja schon in der Bilderfrage gesehen haben. Auch das Verbot zu lästern lässt sich ohne weiteres auf unseren Umgang mit Medien anwenden, nicht zuletzt auf die sogenannten sozialen Medien. Besonders relevant aber erscheint das Feiertagsgebot, zumal wenn seine religiöse Begründung nicht mehr für den gesetzlichen Schutz ausreicht. Der arbeitsfreie wöchentliche Feiertag – zunächst wie gesagt als Heiligtum Gottes in der dahinfließenden Zeit gedacht – ist längst Freiraum der Menschen und Symbol gegen seine absolute Verfügbarkeit als Arbeitskraft und Rädchen im Wirtschaftsbetrieb.

6. Jede Gesellschaftsordnung, auch unsere hessische, gründet auf einen Generationenvertrag, also irgendeine Form von Respekt zwischen Alten und Jungen, und hier scheint in den 10 Geboten tatsächlich ein Mangel vorzuliegen, wenn dieser Respekt nur in eine Richtung gefordert wird: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren“. Ich glaube aber nicht, dass wir den Geboten Gewalt antun, wenn wir hier grundsätzlich Gegenseitigkeit mitdenken und dann eben im gesellschaftlichen Bereich den scheinbar natürlichen Generationenegoismus durch Empathie für die Lebenszeit zähmen, die nicht mehr oder noch nicht die eigene ist. Auf abgetakelte Boomer oder nörgelnde jugendliche Faulenzer zu schimpfen, ist so ziemlich gleich lächerlich, wenn ich mir bewusst mache, dass jeder das eine wie das andere gewesen sein oder werden wird.

7. Die nachfolgenden vier Gebote: nicht töten, nicht ehebrechen, nicht stehlen, nicht lügen, stehen für viele für den eigentlichen und universellen Kern der 10 Gebote; nicht ganz zu Unrecht, denn keine Gesellschaft dürfte Bestand haben, die den Schutz des Lebens, der Beziehung, des Eigentums, der Wahrheit – nicht fordert und nicht selbst zu garantieren versucht. Dabei gewichtet hier jede Zeit und jede Gesellschaft anders: Wer gerade noch gedacht hat, dass ein absolutes Wahrheitsgebot ein lebensfernes Ideal darstellt, sehnt sich im Zeitalter von Fake News und Deep Fakes bitter danach; und wer meinte, dass zumindest der Lebensschutz bei uns unhinterfragbar ist, reibt sich die Augen, wenn ausgerechnet ein deutsches Verfassungsgericht die staatliche Beihilfe zur Selbsttötung zum Menschenrecht erklärt. Keins dieser scheinbar selbstverständlichen Gebote versteht sich von selbst, noch nie.

8. Beim Verbot des Begehrens fremder Güter schließlich sollte man sich nicht lange daran stören, dass in einer patriarchalen Ordnung die patriarchale Unterordnung der Frau und ihre Einordnung in einen Güterkatalog festgeschrieben steht, so schlimm wie erwartbar das ist (Gesetze sind immer zeitgebunden! Siehe oben). Sondern wir sollten wahrnehmen, dass die Absage an jede Form des Fremdbegehrens, jede Form der Gier das volle Gewicht als Abschluss dieser elementaren Gebotsliste trägt. Mein Verzicht schützt meinen Nächsten – als Fluchtpunkt und Ziel der Gebote.

9. Womit wir bei der handlichen, schon bei Mose vorfindlichen und von Jesus an uns weiterempfohlenen Zusammenfassung der 10 Gebote sind:

„Du sollst Gott den Herrn lieben mit ganzer Seele, mit ganzem Herzen und aller deiner Kraft – und deinen Nächsten wie dich selbst.“

Eine Wahlempfehlung kann man daraus nicht ableiten, aber eine für ein gutes Leben. Amen.

Rückblick zur Gemeindefahrt nach Speyer am 23.9.23

Ev. Thomasgemeinde und Ev. Versöhnungsgemeinde

Auf nach Speyer! Die Gemeindefahrt unserer beiden Gemeinden mit Pfarrerin Petra Hartmann und Pfarrer Dr. Klaus Neumann fand großen Zuspruch und führte uns bei bestem Septemberwetter vom katholischen Dom mit der Krypta über das UNESCO-Welterbe Judenhof mit seiner fast tausendjährigen Mikwe zur protestantischen Dreifaltigkeitskirche. Auf der Rückfahrt kehrten wir noch zu einem gemütlichen Abendbrot in Schwabenheim ein.

(Fotos: K. Neumann, H. Fröhlich u. G. Westenburger)

Rückblick zum Gemeindefest am 1.10.23

(Fotos: A. Neumann, B. Sauer)

Am ersten Oktobersonntag fand unser Gemeindefest zu Erntedank mit vielen bekannten Gesichtern und zahlreichen Gästen, dem Kinderchor unter der Leitung von Gabriela Blaudow und „Jazz&more“ mit Steph Winzen, Saxophon, und Gabriela Blaudow am Flügel auf dem Kirchvorplatz statt. Beim Familiengottesdienst wurde außerdem unser Gärtner, Herr Hermann Stock, in den Ruhestand verabschiedet und ihm sehr herzlich für seinen langjährigen tatkräftigen Einsatz in der Thomasgemeinde gedankt.