17. Sonntag nach Trinitatis, 26. September 2021

Brüder und Schwestern [Im Original sind nur die „Brüder“ genannt!], meines Herzens Wunsch ist und ich flehe auch zu Gott für sie [nämlich seine jüdischen Brüder und Schwestern], dass sie gerettet werden. Denn ich bezeuge ihnen, dass sie Eifer für Gott haben, aber ohne Einsicht. Denn sie erkennen die Gerechtigkeit nicht, die vor Gott gilt, und suchen, ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten, und sind so der Gerechtigkeit Gottes nicht untertan. Denn Christus ist des Gesetzes Ende, zur Gerechtigkeit für jeden, der glaubt. Mose schreibt von der Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt (3. Mose 18,5): »Der Mensch, der dies tut, wird dadurch leben.« Aber die Gerechtigkeit aus dem Glauben spricht so (5. Mose 30,11-14): »Sprich nicht in deinem Herzen: Wer will hinauf gen Himmel fahren?« – nämlich um Christus herabzuholen; oder: »Wer will hinab in die Tiefe fahren?« – nämlich um Christus von den Toten heraufzuholen. Aber was sagt sie? »Das Wort ist dir nahe, in deinem Munde und in deinem Herzen.« Dies ist das Wort vom Glauben, das wir predigen. Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und glaubst in deinem Herzen, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. Denn wer mit dem Herzen glaubt, wird gerecht; und wer mit dem Munde bekennt, wird selig. Denn die Schrift spricht (Jesaja 28,16): »Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.« Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen. Denn »wer den Namen des Herrn anruft, wird selig werden« (Joel 3,5). Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? 

Wie sollen sie aber hören ohne Prediger? Wie sollen sie aber predigen, wenn sie nicht gesandt werden? Wie denn geschrieben steht (Jes 52,7): »Wie lieblich sind die Füße der Freudenboten, die das Gute verkündigen!« Aber nicht alle waren dem Evangelium gehorsam. Denn Jesaja spricht (Jesaja 53,1): »Herr, wer glaubte unserm Predigen?« So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi. (Brief des Paulus an die Römer 10, 1-17)

Einen Regierungschef, der vor den Vereinten Nationen in der Klimadebatte Kermit den Frosch aus der Muppet-Show zitiert („Es ist nicht leicht, grün zu sein“) nur um ihm gleich zu wiedersprechen („Ist es eben doch!“) und ihn dann obendrein noch der übertriebenen Grobheit an Miss Piggy schilt, was merkwürdig ist, weil meiner Erinnerung nach sie die viel gröbere in ihrer komplizierten Beziehung war – einen Regierungschef, der im selben Atemzug den antiken Dramatiker Sophokles im altgriechischen Original interpretiert und andere Interpreten verbessert; der darüber hinaus spaßhaft erwägt, seinen Namen Boris in Boreas zu verändern, seiner Leidenschaft für die Windkraft wegen und zu Ehren also des nördlichen Gottes des Windes – klar, dass ich vom britischen Premierminister Boris Johnson spreche – einen solchen Bundeskanzler voller verspielter Gelehrsamkeit und windiger Rhetorik und absurdem Humor werden wir uns auch am heutigen Abend nicht gewählt haben; vielleicht besser so, denn es warten ja genug ernsthafte Anliegen auf ihn oder sie, denen er gerecht werden soll. 

Überhaupt: Eifer für die Gerechtigkeit für alle und in allen Belangen, das scheint doch eine ganz passende Kurzfassung seiner – oder wie wir in den vergangenen 16 Jahren erlebt haben: ihrer! – Dienstbeschreibung zu sein. 

Was aber schon unter Menschen immer wieder und oft neu errungen werden muss – was ist gerecht? Was kommt jedem gerechterweise zu? Was ist das Meine und was das Deine? – das ist zwischen Gott und den Menschen noch um einiges strittiger, meinte wenigstens der Apostel Paulus, meint auch der Reformator Martin Luther und das trifft auch heute noch zu: Wie erlange ich Gerechtigkeit vor Gott? Wenn es schon manchmal schwierig genug ist, oder sogar unlösbar scheint, zwischen Menschen – also etwa z.B. zwischen Radfahrern und Autofahrern, zwischen Hausbesitzern und Mietern, zwischen Einwanderern und Einheimischen, zwischen Alten und Jungen, zwischen Reichen und Armen – Gerechtigkeit zu finden und zu erwirken; um wieviel mehr zwischen Gott und den Menschen, die wie wir wissen einen unheilbaren Drang und Zwang von Gott weg, in die Ungerechtigkeit zum eigenen Vorteil hin haben; oder wie die alten Theologen, wie Paulus und Luther und der ganze Rest davon sagen: der Sünde. Wie erlange ich Gerechtigkeit vor Gott – trotz meiner Sünde?  

Paulus übernimmt diese Fragestellung aus seiner – und über die Generationen hinweg ja auch unserer – Mutterreligion, dem jüdischen Glauben seines Volkes Israel, dem er – und also wir – bleibend verbunden sind. Darum geht es im Zusammenhang unserer Bibelstelle: um die bleibende Verbundenheit zwischen Juden und Christen und – viel mehr noch – um die bleibende Erwählung seines Volkes Israel durch Gott.

Paulus insistiert mit der ihm eigenen Beharrlichkeit auf die bleibende Erwählung seines Volkes Israel durch Gott – auch wenn sie, sehr zu seinem Bedauern und sehr zu seinem Unwillen – nicht die gute Botschaft von Jesus Christus annehmen – zumindest nicht in ihrer großen Mehrheit annehmen: und das obwohl Paulus ihnen den Eifer für Gott attestiert.

Für Paulus ist dieser Eifer nämlich fehlgeleitet: statt nach Glauben und Vertrauen in Gott durch Jesus Christus zu streben – eifern sie nach der genauen und pünktlichen Erfüllung des Gesetzes des Mose. 

Für Paulus, den ehemaligen und rechtskundigen Pharisäer, erlangen Juden durch die genaue Erfüllung des mosaischen Gesetzes Gerechtigkeit vor Gott, also Heil und Rettung; beziehungsweise: Sie bemühen sich darum voller Eifer, müssen aber – nach Paulus – daran scheitern, weil ihnen die Sünde ein Schnippchen schlägt. Das Gesetz kann nach Paulus nur die Aufgabe haben, diese Sünde aufzudecken: Ich soll nicht das begehren, was meinem Nachbarn gehört, sagt das Gesetz; ich tue es aber trotzdem, ich elender Sünder; oder wie Paulus an anderer Stelle sagt: „Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; und das Böse, das ich nicht will, das tue ich“ (Römer 7, 19; oder wie der englische Premierminister, der die Wälder von Windrädern über den Wellen des Ärmelkanals preist aber gleichzeitig erwägt, darunter die Schürfrechte für fossile Brennstoffe zu verscherbeln) 

Für Paulus, den bei Damaskus zum Apostel Christi konvertierten – also gedrehten und gewendeten – ehemaligen Juden, ist Jesus Christus das Ende des Gesetzes als Weg zu Gott. Nicht meine ohnehin zum Scheitern verurteilten Gerechtigkeitsbemühungen um das Gesetz führen zu Gott – sondern allein der Glaube daran, dass Jesus Christus das Gesetz für mich erfüllt hat: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“ (Römer 3,28; das „allein“ steht nicht im Text des Paulus und ist eine der berühmtesten oder – je nach Sichtweise – berüchtigtsten Textergänzungen Martin Luthers)

Sola fide! Der Glaube ist alles, was ich vor Gott brauche. Allein der Glaube an Jesus Christus, der uns durch das Wort Gottes in der Bibel und in ihrer Auslegung vermittelt wird, führt uns zu Gott. Der Glaube allein reicht zum Seelenheil: Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und glaubst in deinem Herzen, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. Denn wer mit dem Herzen glaubt, wird gerecht; und wer mit dem Munde bekennt, wird selig.

Womit zugleich prägnant der Unterschied zwischen Religion und Politik genannt ist. Für die, nämlich für die Politik, reichen Herzensglaube und Lippenbekenntnis nicht. Da sollten schon Taten folgen und es sollten besser Taten der Gerechtigkeit sein. 

Auch wenn wir wissen und nicht vergessen dürfen, dass jedes menschliche Bemühen um Gerechtigkeit – nun vielleicht nicht, wie Paulus meint, zum Scheitern verurteilt ist, aber doch – vom Scheitern bedroht ist; allein deshalb, weil es fehlbare, also sündhafte Menschen sind, die sich im politischen Leben um Gerechtigkeit bemühen. Aber das sollten wir von unseren Politikern verlangen und nur solchen eine Stimme geben, von denen wir annehmen können, dass sie sich mit vollem Eifer für das Gesetz um Gerechtigkeit in dieser Welt bemühen.   

Damit erhöht der Glaube den Anspruch an die Politiker, nicht nur Ansprüche zu vertreten oder Interessen zu kanalisieren, sondern für die Gerechtigkeit aller zu eifern. 

Und damit entlastet er sie gleichzeitig, wenn er ihre Fehlbarkeit noch vor ihrer Wahl einpreist; ja, auch diese Politiker, die wir heute wählen, werden Fehler machen, hoffentlich nicht allzu schlimme.

Für Rettung und Heil unserer Seelen ist gottseidank ein anderer zuständig. Amen

Griechische Kapelle und russischer Friedhof auf dem Neroberg

Eindrücke von der Führung am 25.9.2021

Ev. Thomasgemeinde und Kath. Kirchort St. Mauritius

Nicht oft hat man als Besucher der „Russisch-Orthodoxen Kirche der Hl. Elisabeth“ das Glück, von jemandem geführt zu werden, der diesen Ort und seine Gemeinde so gut kennt: Maja Speranskij, seit 1954 Mitglied der russisch-orthodoxen Gemeinde, zeigte unserer Gruppe nicht nur die kulturhistorischen Schönheiten der Kirche selbst, sondern auch die nur sehr selten zu besichtigende Gruft mit der Grabstätte der Prinzessin Elisabeth. Der Gang über den gepflegten russischen Friedhof in der Herbstsonne war ein besonders schöner Abschluss unseres ökumenischen Ausflugs.

Fotos: K. Neumann

15. Sonntag nach Trinitatis, 12. September 2021, Konfirmation

Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: „Stärke unseren Glauben!“ Der aber sprach: „Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer! und er würde euch gehorsam sein.“ (Lukasevangelium 17, 5f.)

Manchmal fühle ich mich, als könnte ich Bäume ausreißen – sagen wir, wenn wir uns groß und stark fühlen, was wir ja immer werden wollten und unsere Konfirmanden in erstaunlicher Weise geworden sind: groß und stark! – Aber wir tun gut daran, die Bäume stehen und der Natur ihren Lauf zu lassen. Eingriffe in die Natur durch den Menschen müssen keine Vorteile und können erhebliche Nachteile bringen – was man auch schon vor dem menschengemachten Klimawandel hätte wissen können.

Die großen Eingriffe in die Geographie, wie sie etwa die Kanalbauten in Panama oder der Suezkanal in Ägypten darstellen, sind spektakuläre Beispiele für einen starken Glauben, eine weite Vorstellungskraft und das feste Vertrauen in das eigene Vermögen, die vorfindliche Natur zu unserem vermeintlichen Vorteil zu verändern. An beiden Kanalbauten war der visionäre französische Ingenieur – dem Ingenieur ist nichts zu schwör – Ferdinand de Lesseps maßgeblich beteiligt, in Ägypten erfolgreich, in Mittelamerika – er selbst zumindest – erfolglos. Seither – also seit der Eröffnung des Suezkanals 1869 – verbindet der von ihm geplante und unter ihm gebaute Kanal das Rote Meer und den Indischen Ozean mit dem Mittelmeer – und fördert damit nicht nur Handel und Wandel von uns Menschen über die Kontinente und Ozeane hinweg sondern auch die Wanderung von Pflanzen- und Tierarten zwischen den Meeren.

Lessepssche Migration wird folglich der Austausch von Lebewesen zwischen dem Mittelmehr und dem Roten Meer genannt. Es handelt sich um einen invasionsbiologischen Vorgang, der so illustre Arten wie den Gestreiften Korallenwels, den Rotstreifen-Husarenfisch oder den Gepunkteten Igelfisch in das Mittelmeer brachte – nicht unbedingt zum Vorteil der ansässigen Fauna und Flora, die sich nicht immer der Neuankömmlinge erwehren kann, sondern ihnen Futter und Beute und von ihnen verdrängt wird.

Das Verpflanzen von Arten, der Eingriff in die Natur und ihre Veränderung durch uns Menschen – darauf will meine kleine Abschweifung, sozusagen als Lessepssche „Redemigration“ hinaus – muss kein Vorteil sein und kann erhebliche Nachteile nach sich ziehen: Warum nur sollte jemand zu einem Maulbeerbaum, der ganz prima auf dem Land gedeiht, sagen, dass er sich ins Meer verpflanzen möge; dorthin ins Meer, wo doch andere Wesen mit älteren Rechten ganz gut und vermutlich ganz gerne blühen, wachsen und gedeihen.

Der wichtigste Hinweis zum Verständnis unserer reichlich seltsamen Bibelstelle ergibt sich aus ihrem offenkundigen Unsinn: Wer um alles in der Welt sollte und wollte einen Maulbeerbaum ins Meer verpflanzen? Lass den Baum doch in Ruhe und an Land! Verschwende deine Kräfte nicht an der Veränderung der Natur, sondern verwende sie an ihrer Pflege! Der Glaube ist doch unvergleichlich größer, der die Natur um ihretwillen schützt, als der, der sie um seinetwillen verändert.

Jesus selbst hat im Unterschied zu zahlreichen anderen Wundertätern seiner Zeit niemals seine Wunderkräfte um ihrer selbst willen – sozusagen als Muskelspiele des Glaubens – eingesetzt, sondern immer, wirklich immer!, um eine Not zu beheben, also um Hunger zu lindern, ein Gebrechen zu heilen oder die für Menschen gefährliche Seite der Natur zu zähmen. Warum nur scheint Jesus hier – entgegen aller anderen Beispiele und Gelegenheiten – Glaubenskraft als Zauberkraft zu verstehen? Was könnte ihn dazu verleitet haben, so zu antworten?

Ich glaube, dass er mit seiner Antwort die Frage seiner Apostel auf eine starke Weise zurückweisen will: „Stärke unseren Glauben!“ fordern diese – aber er will ihnen durchaus polemisch verdeutlichen, dass sie ihn doch nach all der Zeit gut genug kennen müssten; dass sie nach seinen Taten und Worten genug wissen müssten, was der Glauben ist und was nicht; und was den Glauben stärkt und was eher schwächt. Fragt nicht so verstockt, ihr wisst es doch besser! Für den Glauben braucht niemand in eine Muckibude zu gehen, um das Sixpäck des Glaubens zu trainieren. Glauben ist keine Leistung, die von uns verlangt würde oder von uns zu erbringen wäre. Glauben wird uns geschenkt, ganz umsonst wo und wann Gott will, ohne Maß und ohne unser Zutun: Die christliche Gemeinde ist kein Fitnessstudio, in dem wir uns unsere Zweifel abtrainieren und unseren Glauben antrainieren könnten oder sollten; der ist so stark, wie er ist, nämlich so stark, dass er Bäume verpflanzen und Berge versetzen könnte – ohne dass wir das tun sollten und ohne dass das zu tun von irgendjemandem in der Bibel empfohlen würde. Umpflanzaktionen als Demonstrationen der Glaubenskraft werden von Jesus nicht erzählt und von uns nicht erwartet!

Ganz zu Beginn dieses merkwürdigen Konfirmandenjahres, als wir uns noch live und in Farbe und allerdings coronahalber hier in der Kirche zum Unterricht getroffen haben, hat eine von Euch Zweifel über ihren eigenen Glauben geäußert, ob der für Konfiunterricht und Konfirmation überhaupt reichen würde, auch eine Relilehrerin in der Schule habe diesen Zweifel bestärkt und die Latte des Glaubens ziemlich hochgelegt – ob sie sie selbst überspringt? Die Fragestellerin ist jedenfalls dabeigeblieben und wird heute konfirmiert – wenn sie es sich im letzten Moment nicht noch anders überlegt.

Wir haben damals natürlich etwas höflicher reagiert als der Jesus unseres Predigttextes, haben uns natürlich über eine solche Frage gefreut, aber inhaltlich doch dasselbe geantwortet; dass es kein Maß des Glaubens gibt und schon gar keins, dass von anderen Menschen zu wiegen oder zu werten wäre; dass der Glauben, den wir selbst für schwach halten, gerade deshalb stark ist; und dass es ihre – und also unser aller! – höchstpersönliche, freie und eigene Entscheidung ist, die Sache des Glaubens weiterzuverfolgen oder eben zu verwerfen.

Eine unverzichtbare Entscheidungshilfe ist die Kenntnis des Glaubens, wie sie im Unterricht vermittelt wird; aber auch seine Praxis in Gemeinde und im alltäglichen Leben; auch seine Bewährung angesichts der Prüfungen des Lebens – so vieles bildet und verändert unseren Glauben.

Vielen von uns scheint es so, als sei gerade unsere Zeit besonders von solchen Prüfungen geplagt – angesichts der Pandemie, die so viel Leid über so viele Menschen gebracht hat und Woche für Woche allein in den USA immer noch mehr Menschen tötet als der Terror vom 11. September; – aber auch angesichts des menschlichen Bösen, das wir durch den Jahrestag der Terroranschläge in New York und anderen Orten in den USA vor zwanzig Jahren fast unerträglich vor Augen haben: scheinbares Zeugnis eines angeblich starken Glaubens, der sich in verschwurbelten Pamphleten noch posthum selbst rechtfertigt – in Wirklichkeit aber die wahrhaft atheistische Perversion der Religion, als Anstiftung und Rechtfertigung menschenverachtender und gotteslästerlicher Gewalt, ein grausamer Kult der Rache, ein Hochamt des totalen Nihilismus: ein starker Glaube an – gar nichts! Und der uns, die er sich zu seinen Gegnern erwählte, viel zu lange in die Irre geführt hat – bis an die Enden der Erde; ob am Hindukusch unsere Werte, auch die des Glaubens, verteidigt werden können, ist sehr zweifelhaft, dass man sie dort verlieren kann, nicht.

Schon die scheinfromme Bitte um einen starken Glauben kann in die Irre führen und unseren Blick weg von dem lenken, der sich am Kreuz als unser Gott offenbart hat und der sagt: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ (2. Korinther 12,9).

Das ist die religiöse Wahrheit der allgemeinen Lebensweisheit, dass ich dort am ehesten ich selbst sein kann, wo ich meine Schwäche nicht verbergen muss – bei Eltern und Familie, guten Freunden, dem Liebsten, denen allen ich nicht den Starken – der Bäume ausreißen kann – vorspielen muss, der ich nicht bin; genauso wenig wie vor Gott, der es in Ordnung findet, wenn wir uns in unserer Schwäche an ihn wenden und sagen: „Herr, ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (Markusevangelium 9,24)

Unsere Schwäche jedenfalls, auch unsere Glaubensschwäche, ist schon mal kein Argument für Gott gegen uns – und auch keins von uns gegen ihn. Amen.

Ihr esst und werdet doch nicht satt

Ihr sät viel und bringt wenig ein; ihr esst und werdet doch nicht satt; ihr trinkt und bleibt doch durstig; ihr kleidet euch und keinem wird warm; und wer Geld verdient, der legt’s in einen löchrigen Beutel. (Buch des Propheten Haggai 1, 6; Monatsspruch für den Monat September 2021)

Hiermit gestehe ich, dass ich gelegentlich eine Filiale einer Fastfoodkette aufsuche, um dort – möglichst vom Autoschalter aus – einen Hamburger (oder auch zwei) klammheimlich zu verspeisen. Mir schmeckts und ich schätze, dass ich mit diesen Ausflügen ein Kindheitstrauma verarbeite, da sich meine Eltern – Gott hab sie selig! – lange geweigert haben, Kostgeld für Junkfood zu verteilen, geschweige denn mit uns dorthin zu gehen, wo es das gibt. Heute ist es umgekehrt: zumindest meine beiden Jüngsten muss ich zu solchen kulinarischen Fehltritten überreden und versprechen, am nächsten Tag wieder selbst zu kochen. Aber bei aller verschämter Liebe zum BigMäc, sie wird nicht erwidert: man isst und wird doch nicht satt.

Haggai, der Prophet, trifft also einen wahren und wunden Punkt und es überrascht höchstens, dass einer schon vor 2500 Jahren davon spricht. Es gibt Nahrung und Getränke, die einen hungrig und durstig lassen, Kleidung, „Fast Fashion“, die einen nicht wärmt, Verschwendung, die arm macht; also insgesamt einen Lebensstil, der mehr verbraucht, und ohne dass uns das guttäte. Darauf aufmerksam zu machen wie unser Prophet Haggai und wie so viele Propheten unserer Zeit in den Initiativen und Aktionen gegen übermäßigen und zerstörerischen Konsum der natürlichen Ressourcen – darauf aufmerksam zu machen, heißt: „Nachhaltigkeit“ zu fordern.

„Nachhaltigkeit“ macht sich als Modewort verdächtig (fraglich ist allein schon, wie nachhaltig diese neue Vokabel unser Leben kommentieren wird und korrigieren kann) und wir würden es als Vokabel vergeblich in der Bibel suchen. Die von ihr gemeinte Sache finden wir aber durchaus und durchweg: „Solange die Erde steht, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (1. Mose 8, 22). Gott selbst verpflichtet sich und uns auf Erhaltung und Bewahrung der Schöpfung, auf Nachhaltigkeit in ihrem umfassendsten Sinne. Es geht immer darum, vom Ganzen (vom „Ökosystem“, wie man früher in meiner Jugend gesagt hat) her zu denken, um es insgesamt und alles, was darinnen ist, und damit auch uns, zu schonen und zu erhalten, vielleicht so: ein gesunder Geist in einem gesunden Körper eines gesunden Menschen in einer gesunden Welt. Umgekehrt werden wir nicht lange (über)leben können in einer zerstörten Umwelt – wie uns nicht erst dieser Sommer der Wasserfluten und Feuerstürme gezeigt hat.

„Nachhaltig“ kann so vieles heißen: Dass ein Butterbrot, und was anderes ist ein Sandwich mit Fleischklops eigentlich nicht, sättigt; dass ich die Zutaten vom Sonntagsessen auch mal in der Region und nach der Jahreszeit zusammensuche; dass die Erholung nicht erst Flugstunden entfernt, sondern in ein paar Minuten im Wald beginnt; dass ich unseren Stadtwald, um den uns jeder Besucher beneidet, nicht oder nicht nur als Sportparcours gebrauche, in dem Wildtiere keine Ruhe mehr finden oder dass ich hundertjährige Bäume in ein paar Jahren nicht aus Spaß kaputtklettere (und wem meine Beispiele nicht einleuchten, findet eigene und bessere!).

Und nicht nur die naheliegenden, sondern alle Lebensbereiche – Kleidung, Wohnung, Verkehr, Kommunikation, Arbeit, Hausbau (nachwachsende Baustoffe, siehe unten!): alle Lebensbereiche könnten von der Prüfung auf Nachhaltigkeit profitieren: Brauche ich das, was ich verbrauche? Behandle ich die Sachen nach ihrem Wert? Kann und soll ich mir das leisten, was ich da will? Ist für Kinder und Kindeskinder noch was übrig?

Vom besonderen Wert der Nachhaltigkeit weiß die Bibel und unser Prophet. Der setzt seine Mahnung mit einer Verheißung fort: Achtet doch darauf, wie es euch geht! Geht hin auf das Gebirge und holt Holz und baut das Haus! Und ich will Wohlgefallen daran haben und will meine Herrlichkeit erweisen, spricht der Herr. (Haggai 1, 7f)

Klaus Neumann, Pfarrer

6. Sonntag nach Trinitatis, 11. Juli 2021

Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten. Und Jesus trat herzu, redete mit ihnen und sprach: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. (Matthäusevangelium 28,16-20)

Noch bei den vertrautesten Texten wie diesem hier mit dem Taufbefehl erleben wir Überraschungen. So oft haben wir das als Gemeinde schon gehört und je nach Aufgabe im Gottesdienst gesprochen – bei jeder Taufe nämlich, also sicherlich ein paar 100 Mal pro Pfarrer in all den Dienstjahren; aber meistens ohne den einen Einleitungssatz, über den ich diesmal stolpere: einige aber zweifelten.

Zweifel? Wie kann das sein an dieser Stelle, die doch Gewissheit verlangt und Vertrauen fordert: von dem Täufling, der in der Taufe seinen Glauben bekennt; von denen die als Zeugen und Paten mit und für den Täufling ihren Glauben bekennen und seinen Glauben Versprechen; und natürlich vom Taufenden, der doch wissen muss, was er tut, und viel mehr noch, der dem glauben und vertrauen muss, auf dessen Namen er tauft: nämlich auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Einige aber zweifelten: Es mag Gelegenheiten geben, in denen der Zweifel – also das Wackeln in der Festigkeit des Glaubens erlaubt ist („Wackeln ist erlaubt“ wie unsere Online-Gymnastiktrainerin im Lockdown nicht müde wurde zu verkünden); das mag in Glaubensdingen sogar insgesamt erlaubt und unvermeidlich sein, weil es ja etwas betrifft, was man hofft und was man nicht sieht. Gerade wir in der Thomasgemeinde sind schon namenshalber Experten des Zweifels und berufen uns auf Thomas den Zweifler, der erst sozusagen auf dem zweiten Bildungsweg zum Glauben an der Auferstandenen gefunden hat. Gerade wir Evangelische erkennen mit Martin Luther den existentiellen Zweifel der Anfechtung, in der der Glaube erschüttert aber letztlich – durch die Anfechtung hindurch – gestärkt wird, so gestärkt wird, wie es ein bloß glückliches aber letztlich taubes Erleben nie könnte (so wie erst beim gymnastischen Wackeln die Tiefenmuskeln gestärkt werden: Zweifel stärken die Faszien des Glaubens!). Nur ein in seinen Überzeugungen einbetonierter Fundamentalist kannte keinen, kennt keinen und wird keinen Zweifel kennen.

Aber nun Zweifel ausgerechnet im Zusammenhang der Taufe, der Lehre, der Mission, des abschließenden Vermächtnisses Jesu, als beinahe letztes Wort über die Jünger: einen unpassenderen Ort für den Zweifel scheint es nicht zu geben; wann, wenn nicht hier, brauche ich Gewissheit, Überzeugung und Überzeugungskraft, die über alle Zweifel erhaben sind. Dennoch steht da: einige aber zweifelten. Und dabei ist diese Übersetzung des Theologen der Anfechtung, also Martin Luthers, noch zu milde, beinahe schönfärberisch, denn das griechische Original macht gar keine zahlenmäßige Einschränkung und Milderung. Statt einige aber zweifelten, was dann heißen könnte, nein heißen müsste, dass andere, sogar die Mehrheit der Jünger nicht zweifelte; stattdessen muss es wohl heißen: sie aber zweifelten. Der zweifelnde Thomas also nicht als Ausnahme sondern als Regel; die Jünger begegnen ihrem Jesus und hören ihn bei der letzten Gelegenheit und bei Entgegennahme des letzten Auftrags, dem Tauf- und Missionsbefehl insgesamt als – Zweifelnde, wie kann das sein?

Vielleicht so: Das Symbol des Wassers der Taufe kann uns einen Hinweis geben, zumal die einzige andere Stelle, an der Matthäus genau diese Vokabel „zweifeln“ verwendet, eine Wassergeschichte und zwar der berühmte missglückte Seewandel des Petrus ist; dieser kann zunächst seinem Meister Jesus über das Wasser nachgehen, aber als er daran zweifelt, versinkt er im Wasser. Petrus zweifelt und seine Zweifel lassen ihn im Wasser versinken, in demselben Wasser, das ihn vorher im Glauben getragen hat.

Wenn auch das „Auf dem Wasser Wandeln“ eher eine Spezialdisziplin der Nachfolger Petri, also dann wohl der Kirchenleitung, sein mag und auch dort eher eine Randerscheinung geblieben sein soll, begegnet der Zusammenhang von Glauben, Zweifel und Wasser jedem, der Schwimmen lernen will. Denn was ist eigentlich der entscheidende Schritt vom Nichtschwimmen zum Schwimmen? Erst kürzlich in einem Radiofeature zum ausgefallenen Schwimmunterricht in Zeiten der Pandemie, konnte man hören und erfahren, dass der eigentliche Durchbruch im Schwimmunterricht nicht die Technik ist, die man lernt und auch nicht das Training der richtigen Muskeln, die man aufbaut, obwohl beide, Kraft und Technik, natürlich superwichtig und unerlässlich sind. Sondern das Entscheidende – so die bestimmt namhafte Schwimmforscherin im Radio, deren Namen ich leider vergessen habe – das Entscheidende ist die Überwindung meiner Wasserangst und die Erfahrung, dass das Wasser – das bekanntlich keine Balken hat – mich dennoch trägt.

Das alles Entscheidende beim Schwimmen ist also das Vertrauen in den Auftrieb des Wassers. Deshalb können Säuglinge von Geburt an Schwimmen, nämlich weil sie noch keine Wasserangst ausgebildet haben; für sie ist es ja eine Rückkehr ins vertraute, gerade erst verlassene Element. Ohne Praxis verlernen sie das Schwimmen bloß recht bald wieder, um es irgendwann neu und mühsam lernen zu müssen. Auch in späteren Phasen, etwa bei der Verfeinerung der Schwimmtechnik kommt es immer darauf an, den Auftrieb des Wassers – wie ein Fisch im Wasser – vertrauensvoll erst ganz bewusst, dann selbstverständlich und ohne darüber weiter nachzudenken, zu nutzen; die Schwimmzüge, die Atmung, die Wasserlage nach den Gesetzen von Verdrängung und Auftrieb aquadynamisch zu optimieren. Das Gegenteil dazu ist, wenn ich in Angst und Wasserzweifel gegen das Element ankämpfe, es wild trete und schlage und dann darin unweigerlich versinke.

Wir müssen nicht annehmen, dass Jesus und die Seinen über die Zusammenhänge des Schwimmerwerbs grübelten; aber das hindert uns nicht, solches Wasserwissen für den Glauben zu nutzen und dabei die feine Logik ausgerechnet des Zweifels im Zusammenhang mit der Taufe zu durchschauen. Mit dem Hinweis auf den Zweifel der hörenden Jünger – einige, besser: sie aber zweifelten – wird uns angezeigt, dass der Moment der Taufe nicht einen der felsenfesten Gewissheit markiert, sondern dass die Taufe den fließenden Übergang vom Zweifel zum Glauben in Szene setzt, ihn zeigt, darstellt, und darin feiert – also den Moment inszeniert, in dem wir – bildlich gesprochen – das Schwimmen lernen. Zum Glauben, den wir in der Taufe feiern, gehört keine einfache Zweifellosigkeit des Glaubenden und keine schlichte Unbezweifelbarkeit des Glaubensgegenstandes – wer hat denn mehr Zweifel auszuhalten als Gott selbst – sondern zum Glauben gehört die Überwindung des Zweifels und das Leben-Können mit dem wiederkehrenden Zweifel: Glauben ist eigentlich das immer wieder zum Glauben Kommen.

Getauft sein, heißt, ich habe gezeigt, ich habe es mir gezeigt, ich habe es mir durch Gott zeigen lassen, dass ich schwimmen, also dass ich glauben kann. Deshalb hat es Sinn, mich in Zeiten des Zweifels und der Anfechtung dieses Moments zu versichern, so wie Luther, der von Anfechtungen berichtet, in denen er sich vom Teufel bedroht sah und diesem ein trotzig gewisses „Ich bin getauft“ entgegengeschleuderte; ungefähr so wie man sich vor dem Sprung ins tiefe Wasser ein kräftiges „Ich kann schwimmen“ sagt.

Es spricht nur für unsere Analogie, dass sowohl bei der Taufe als auch beim Schwimmenlernen die Säuglinge eine gewisse Sonderrolle einnehmen; eigentlich können sie schon von Anfang an, was sie später wieder lernen müssen, was Unterricht auf der einen und Tauffeier auf der anderen Seite überflüssig erscheinen lassen. Ich erinnere mich an heiße Diskussionen mit unserem lieben Gemeindeglied und Kirchenvorsteher Hartmut Visbeck – Gott hab ihn selig – der vehement die Kindertaufe abgelehnt hat, nicht etwa wegen eines „noch nicht“ (wie bei den Baptisten, die sagen, dass Kinder noch nicht über ihren Glauben entscheiden können) sondern wegen eines „schon längst“ und eines „viel mehr“; seiner Meinung hatten Kleinkinder schon längst und viel mehr davon, was ihnen in der Taufe erst noch zugesprochen wird.

Von unserer Schwimmanalogie könnte man nun entgegnen, dass gerade die Säuglingstaufe den besonderen Moment einer starken Ursprungsgewissheit – das Urvertrauen – nutzt, um uns im Rückblick und durch die Erinnerung umso besser gegen die unvermeidlichen Stürme und Fluten des Zweifels zu schützen, um also dem Teufel in allen seinen Verkleidungen entgegenzuschleudern: Ich bin getauft! Ich weiß Gott von Anfang an auf meiner Seite.

Dieses Bekenntnis: Ich bin getauft! ist die kurze Antwort auf ein langes – ein lange und weit reichendes – Versprechen: Siehe ich bin euch alle Tage bis an der Welt Ende. Amen.

5. Sonntag nach Trinitatis, 4. Juli 2021

Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft. Denn es steht geschrieben (Jes 29,14): »Ich will zunichtemachen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.« Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? Denn weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die da glauben. Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit; denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind, und die göttliche Schwachheit ist stärker, als die Menschen sind. (1. Korinther 1,18-25)

„Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel.“ („Lukas Podolski“, aber eigentlich Jan Böhmermann als derselbe)
In diesen Tagen liegen, was Torheit und Weisheit angeht, Fußballweisheiten besonders nahe:
„Mal verliert man und manchmal gewinnen die anderen.“ (Otto Rehagel)
„Da hat man schon kein Glück und dann kommt noch Pech dazu.“ (Jürgen Wegmann)
„Fußball ist ein einfaches Spiel. 22 Leute jagen 90 Minuten einem Ball hinterher und am Ende gewinnen immer die Deutschen.“ (Gary Lineker)
Nicht immer bereitet es ein so großes Vergnügen, die Torheit von Weisheiten zu verspotten wie bei solchen Fußballweisheiten. Oft genug werden sie – das kann sie entschuldigen – wenige Minuten nach dem Schlusspfiff von denen geäußert, die vorher dem Ball hinterherrannten und die im günstigen Fall schussgewaltiger sind als wortgewaltig, passgenauer mit dem Ball als präzise mit ihren Worten. Beim Fußball liegt die Wahrheit schließlich auf dem Platz und nicht im Mikrophon. Und außerdem hätte jeder auch vor dem vergangenen Dienstag wissen können – wenn er vielleicht nicht gerade aus England kommt – dass deutsche Fußballer ganz prima verlieren können, auch hoch und auch deutlich. Eine Chronik krachender Fußballkatastrophen erspare ich uns, aber sie würde bestimmt nicht bei diesem Turnier beginnen und ganz sicher wird sie dort nicht enden.
Vermutlich gehört das sogar zu den größten Stärken von Sportlern und echten Champions, Schwäche auszuhalten und Niederlagen zu ertragen. Natürlich rennen, spielen, raufen wir, um zu gewinnen, aber je mehr Mitbewerber umso größer die Wahrscheinlichkeit, nicht zu gewinnen. Das weitaus wahrscheinlichste Ergebnis einer Europameisterschaft mit 24 Teilnehmern ist, einer von den 23 Verlierern zu sein und nicht der eine Europameister zu werden und weise ist folglich der, der mit seiner Niederlage rechnet und sie aushalten kann. Zum Tor aber macht sich der, der den anderen keine Tore zutraut.
Schwäche aushalten, Niederlagen ertragen, mit Verlusten rechnen – das wäre der nicht-religiöse Ertrag der christlichen Religion, der auch sportlich relevant ist, aber noch viel mehr als das. So wie der Fußball insgesamt Spiel und Spiegel des Lebens ist, so ist er es gerade in dieser Sache von Verlust und Niederlage: Jedes Leben endet mit einer Niederlage, in der Niederlage des Todes und es ist sinnvoll, sich darauf einzustellen. Nicht nur Hochbetagte müssen mit dem Tod rechnen (was uns in unglücklichen Grenzfällen bis auf den Fußballplatz verfolgt wie zu Beginn der EM: Spiel und Spiegel des Lebens!) und es macht immer ein wenig ratlos, wenn die Angehörige dieser Hochbetagten zum Ausdruck bringen, dass ihre 90-, oder 100jährigen Verwandten unerwartet gestorben sind. Womit hatten sie denn gerechnet? Was hatten sie denn erwartet?
„Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen“ (Evangelisches Gesangbuch 518) – und an seinem Rande noch viel mehr. Bewusstes Leben hat sich damit auseinanderzusetzen: „Herr lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“ (Psalm 90,12). Die alten Griechen haben diesen Umstand zum Wesensmerkmal der Menschen gemacht und von uns Menschen als den Sterblichen gesprochen – im Gegensatz zu den Unsterblichen, nämlich den Göttern. Und auch der merkwürdige Gebrauch des Begriffs höherer oder niedriger Sterblichkeit durch die Wächter der Corona-Pandemie kann über den Umstand nicht hinwegtäuschen, dass die menschliche Sterblichkeit bei genau 100% liegt und – nach Ansicht der Griechen – die der Götter bei exakt 0%: Alle Menschen sterben, aber kein Gott.
Vor diesem Hintergrund geht Paulus davon aus – und vielleicht hat er auch welche in der griechischen Metropole Korinth so reden hören – dass den für ihre Liebe zur Weisheit berühmten Griechen das Wort vom Kreuz eine Torheit, also ein Quatsch, ein Blödsinn ist – und zwar gleich eine doppelte Torheit sein muss, da es den Tod des unsterblichen Gottes und die Auferstehung eines sterblichen, gestorbenen Menschen verkündet: Jesus Christus als gekreuzigter Gott und zum ewigen Leben auferweckter Mensch. Was für ein Quatsch, werden sie in der Mehrheit gesagt haben, was für ein Blödsinn, was für eine Torheit! Wie es sie für uns Heutige ja immer noch ist, weil sie allem, was wir für wahr halten zwischen Himmel und Erde widerspricht: Menschen leben nicht ewig und Götter – falls es sie geben sollte – sterben nicht.
Von der griechischen Reaktion ist die der jüdischen Landsleute des Paulus nur wenig unterschieden: sie halten die Rede von einem auferweckten Gekreuzigten für ein Ärgernis, für ein Skandal, wie es im Original heißt – also ebenfalls für einen Blödsinn, aber einen anstößigen Blödsinn, wohl weil er erkennbare jüdische Wurzeln hat und die jüdische Religion gleich zusammen mit der jüdischen Sekte – die die christliche Religion zu Zeiten des Paulus noch war – zu diskreditieren droht: Die Christen könnten von anderen, von Außenstehenden, für Juden gehalten werden – wurden das auch in jener Zeit – und dann mit solchen – wie sie es für sie waren – gotteslästerlichen Reden eines sterbenden Gottes und ewig lebenden Menschen identifiziert werden. Mehr als nur ärgerlich, ein Skandal! Was erlauben sich die Christen! (Der aufmerksame Fußballfreund darf hier das ferne Echo dieses Vorwurfs mithören: „Was erlaube Struuunz?!“ [Giovanni Trapatoni in seinem legendären Fernsehinterview])
Paulus wendet sich gegen solche möglichen und tatsächlichen Vorwürfe – und verzichtet dabei auffallend auf Erklärungen oder gar Rechtfertigungen, die ohnehin nicht verfangen würden: bei den Kritikern sowieso nicht und die Glaubenden brauchen sie nicht, da in ihnen das angeblich törichte und skandalöse Wort längst wirkt: als Gottes Kraft, die mehr und anderes als die ewige Fortsetzung unseres bisherigen Lebens bewirkt! Das Leben geht nicht einfach so weiter, oder doch?
„Lebbe geht weider“ ist als weises Wort des großen Frankfurter Fußballlehrers Stepi Stepanowitsch in die Herzen der Fans und die Weisheitslehren des schönen Spiels geschrieben: als Glaubenssatz nach schmerzlichen Niederlagen, als Trostwort verletzter Gemüter und als Aufmunterung zu neuen Anstrengungen. Wer könnte diesen Zuspruch gerade nötiger haben als die gekränkte deutsche Fußballseele: „Lebbe geht weider“, so haben es die verständigen Mütter und Väter ihren verstörten Kleinen am Dienstag erklärt.
Aber so sehr in diesem Wort eine Verheißung künftiger Auferstehung aus den Ruinen in Glanz und Gloria – vom Tod ins Leben – laut wird, so wenig trifft es die Aussageabsicht vom Wort vom Kreuz, das keine Verlängerung der irdischen Lebenszeit verspricht und keine Rückkehr ins alte Leben; sondern ein gänzlich neues und anderes Leben bei Gott – durch einen Gott, der den Tod auf sich nimmt, um uns dieses neue und andere Leben zu geben.
Für welche Torheit, für welche Weisheit entscheiden wir uns – oder eher: welche Torheit, welche Weisheit hat sich uns erwählt und lebt längst in uns? Oft genug muss man sich entscheiden – man kann nicht alles haben! – oft genug geht nur das eine oder das andere. Manchmal aber doch nicht. Als herrlichster Torheit der Welt, darf man sich am Fußball erfreuen, ohne der törichten Weisheit unseres Glaubens zu entsagen. Es könnte sogar sein, dass einem im Spiel die ernsten Dinge des Lebens klarer werden – und das umgekehrt der Glaube uns Schwächephasen und Niederlagen im Spiel erklären und ertragen hilft.
Spielen und Glauben können sogar Verbündete sein, wenn sie jeweils auf ihre Weise die Torheit falschen Ernstes und die Torheit falscher Gewissheit entlarven: Denn die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind, und die göttliche Schwachheit ist stärker, als die Menschen sind.
Und so wollen wir in dieser Sommer- und Urlaubszeit noch ein letztes Mal auf die weise Torheit eines unserer Fußballhelden hören, der in seiner aktiven Zeit immer wieder von sich reden gemacht hat. Es soll uns Weisung und Weisheit für Urlaub und Urlaubsziel sein:
„Mailand oder Madrid. Hauptsache Italien!“ (Andi Möller, der in seinen präzisen Analysen von seinem Trainer Stepanowitsch profitiert haben dürfte.)
Amen.

Ökumenischer Freiluft-Gottesdienst: Sommergruß und Reisesegen

Samstag, 10. Juli 2021, um 19.00 Uhr auf dem Kirchplatz von St. Mauritius

Ev. Thomasgemeinde, Kath. Kirchort St. Mauritius und Koptische St. Georg- & Mauritiusgemeinde

Auf dem Weg in einen hoffentlich schönen und gesunden Sommer laden wir Sie und Ihre Familien in dreifacher Ökumene herzlich zu Gebet, Musik und Segen auf den Kirchplatz von St. Mauritius ein!

Liturgische Gestaltung: Pastoralreferent Stefan Herok (kath.), Pfarrer Dr. Klaus Neumann (ev.) und Erzdiakon Mina Ghattas (kopt.)

Musikalische Gestaltung: Organist Alexander Groß

Bitte tragen Sie eine med. Maske, tragen sich mit Adresse in die Teilnehmerliste ein und achten jederzeit auf ausreichend Abstand zueinander. Vielen Dank!

4. Sonntag nach Trinitatis, 27. Juni 2021

Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte.Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen. (1. Buch Mose 50, 15-21)

Meine große Schwester erinnert sich an ihren Religionsunterricht in der Grundschule, dass sie dort jedes Jahr die Josephsgeschichte durchgenommen hätten und sie will damit nicht sagen, dass das besonders interessant gewesen wäre, war es nämlich nicht, und ich habe darin auch immer die Warnung an den kleinen Bruder mitgehört, diesem Beispiel nicht zu folgen.

Das mag zum Teil einer gewissen rückblicksbedingten Übertreibung geschuldet sein, aber wenn nun diese Erinnerung weder Begeisterung für das Fach noch Interesse an der Geschichte hinterlassen hätte, so wäre das schon auch bedauerlich; zuerst natürlich, weil Religion bekanntlich das schwierigste und zugleich das schönste Schulfach ist, weil es da nicht nur um etwas sondern um alles geht – aber auch weil gerade die Josephsgeschichte eine überaus spannende und lebensnahe Erzählung ist – eine Art Novelle, die die Verhältnisse und Konflikte unter Geschwistern darstellt und deutet, wie sie – behaupte ich – jeder Bruder und jede Schwester mit ihren und seinen Geschwistern erlebt: Vertrautheit und Entfremdung, Liebe und Gewalt, Eifersucht und Solidarität, leuchtendes Vorbild und abschreckendes Beispiel, Bevorzugung und Zurückweisung durch die Eltern, Trennung und Versöhnung, gemeinsame Erzählungen und abweichende Erinnerungen, sogar die Neufigurierung in Patchworkfamilien mit teils denselben und teils neuen Elternteilen: all das buchstabiert die Josephsgeschichte in ihrem Zeitkolorit durch – ganz wie im richtigen Leben unter Geschwistern. Genau das – also die Fülle der Identifikationsmöglichkeiten – dürfte der Grund ihrer religionspädagogischen Popularität sein wie auch ihre Anziehungskraft als Vorlage moderner Literatur: „Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?“ wie Thomas Mann seinen Josephsroman beginnt.

Mit unserem Predigttext blicken wir ganz am Ende der Erzählung in den tiefen Brunnen der Vergangenheit, sollen die Vorgeschichte der Szene mitdenken, wie wir sie im Gedächtnis haben – auch wenn wir sie nicht in der gleichen Gründlichkeit studiert haben sollten wie meine Schwester – und wir sollen – tun das natürlich auch ganz unwillkürlich – mit unseren Geschwistererfahrungen abgleichen, uns an das gemeinsame Glück erinnern und das gegenseitige Leid, die völlige Vertrautheit als Kind, die als Erinnerung immer noch da ist – wen kennen wir besser und mit wem haben wir mehr erlebt als mit unseren Geschwistern? Unseren Liebes- und Lebenspartner schonmal nicht, denn der ist ja erst irgendwann viel später in unser Leben gekommen – und dann das eigene, eigenständige und gegenseitig fremde Leben als Erwachsene – wer kann sich fremder werden als Bruder und Schwester? Beinahe fremder als getrennte und geschiedene Paare, weil der Riss noch tiefer geht, bis zur Wurzel meiner selbst.

Die Geschwisterdynamik der Jakobssöhne, die doch die gleiche Wurzel haben, gemeinsam aufgewachsen sind, sich mal gemocht, geliebt haben mussten, kennt das ganze Register von Überheblichkeit hochfahrender Träume bis Neid über ein Geschenk des Vaters, einen albernen roten Rock!, und Eifersucht über die Liebe der Eltern; sie weiß von Dominanzgebahren – „ich bin größer, stärker und klüger als Du“, von Verschwörung – „dem zeigen wir´s“ – bis zur Mordlust und dem Wunsch, dass der andere ganz weit weg sein möge, nach Ägypten hin und weg, damit man sich nie wieder sieht. Aber man sieht sich wieder, man begegnet sich wieder, man gerät in Abhängigkeit und dann liegt das Leben in der Hand dessen, dem man den Tod gewünscht hat. Dann doch lieber selbst das Weite suchen, wenn es denn ginge.

Gerade der Tod der Eltern – wie hier der Tod des Stammvaters Jakob – führt Geschwister wieder zusammen oder zeigt ihnen wie sehr sie sich auseinandergelebt haben oder – und das nicht selten – beides zugleich: Der Tod der Eltern führt sie zusammen – als Fremde, als sich gegenseitig Fremdgewordene. Immer wieder erlebt man das als Seelsorger in Trauerangelegenheiten, dass Hinterbliebene es für erklärungsbedürftig halten, dass sie sich nicht mit ihren Geschwistern verstehen oder nicht einmal mehr miteinander sprechen; dabei stellt das beinahe den bedauerlichen, kaum tröstlichen Normalfall dar, statistisch gesehen jedenfalls scheint das viel häufiger vorzukommen als Bruder und Schwester, die sich über dem Grab ihrer Eltern die Hände reichen; auch das kommt vor, Gottseidank! – aber eben nicht als Selbstverständlichkeit.

Der Handschlag über die garstigen Gräben des gemeinsamen – und des ungemeinsamen – Lebens ist auch Josef und seinen Brüdern nicht selbstverständlich, fällt ihnen nicht leicht, auch wenn sie es noch so wollen. Keineswegs immer reicht der bloße Willen zur Versöhnung: „Es ist mir nicht gegeben, mich mit meinem Bruder zu versöhnen“ – klingt mir als Satz im Ohr aus einer Situation, in der der Sprecher sein ehrliches Bedauern und sein aufrichtiges Bemühen ausdrückt, ohne die versöhnende Hand reichen zu können: zu viel war geschehen, zu Großes lastete auf der Brust, zu tief war der Graben zwischen den Brüdern, zu sehr hatten sie – damals – Böses einander zu tun gedacht; wie bei Josef, dass er sich über seine Brüder stellte und die anderen, dass sie ihn töten wollten und schließlich in die Sklaverei verkauften. Manchmal – wie hier – ist das Problem zwischen Brüdern, zwischen Menschen größer, als dass es gelöst werden könnte – als dass es von Menschen gelöst werden könnte.

Und da kommt die Religion ins Spiel, eher ihr Gegenstand, Gott selbst, mit seinen unerschöpflichen Gaben der Gnade und der Barmherzigkeit, um uns zu versöhnen: Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen. Gott, der uns wie Josef und seinen Brüdern, Gelegenheiten gibt, immer wieder, immer neu, aufeinander zuzugehen, die Gräben zuzuschütten, vielleicht nicht gleich und auf einmal, aber irgendwann hoffentlich schon. Ein Notfall, eine Not könnte ein Anlass, eine Gelegenheit sein, wie bei den Josefsbrüdern die Hungersnot, die sie Hilfe suchen lässt, die ihnen ihr verstoßener Bruder gewährt; auch eine Krankheit ließe sich denken, die uns bewegen könnte, uns auf unsere Geschwister zuzubewegen; eine bevorstehende Operation mit ungewissem Ausgang. Da müsste man sich doch vorher mal wiedersehen, mal miteinander ins Reine kommen, damit es nachher nicht zu spät ist.

Allerdings bleibt der Ausgang wie in der Josefsgeschichte lange offen, bis zuletzt, aus Gründen. Denn die Geschichte, die die Geschwister eint und trennt ist ja keineswegs zufällig, auch wenn sie von allerlei Zufälligkeiten und Kontingenzen beeinflusst sein mag – einer Karawane, die gerade vorbeizieht; einem Ziel, dass die Reisenden haben; einer Hungersnot, die ausgerechnet zu dieser Zeit hereinbricht. Die Trennungsgeschichte ist dennoch keineswegs zufällig, sondern sie ist eine Ableitung, eine Funktion der Wesen, der Persönlichkeiten, der Charaktere der handelnden Personen – und insofern wie gesagt alles andere als zufällig.

Wenn auch unsere Lebensgeschichte zwar nicht durch unsere Person völlig vorherbestimmt ist, bestimmen wir aber doch in jedem Moment unseres Lebens in Aktion und Reaktion und Passion, wie es von uns aus weitergeht, gestaltend oder stillhaltend, aktiv oder passiv, als Autor unserer Lebensgeschichte oder als Blatt, dass beschrieben wird. Für unsere Konflikte und ihre Lösungen heißt das, dass der Mensch, mit dem ich mich versöhnen will, derselbe ist, mit dem ich mich gestritten habe – mit allen Wesenszügen, die zu diesem Zerwürfnis geführt haben, und der bleibenden, manchmal nagenden Frage, ob es mit diesem Menschen, so wie er ist, überhaupt Frieden geben kann (ob es mit mir überhaupt Frieden geben kann). So wie in der Josefsgeschichte bleibt die Versöhnung auch deshalb möglicherweise für lange Zeit ungewiss und gefährdet; und anders als die Josefsgeschichte muss unsere nicht gut ausgehen.

Aber immerhin sehen wir und lernen das an Josef und seinen Brüdern, dass eine Versöhnung selbst nach schwersten Verletzungen möglich ist und von Gott unbedingt gewünscht und gefördert wird.

Nichts Menschliches ist der Bibel fremd – keine Gräueltat, kein Unrecht, keine Gewalt; die Menschen der Bibel schonen sich als Handelnde und uns als Lesende nicht – und man mag sich bisweilen fragen, ob die Bibel in allen Zügen schulkindgerecht erzählt. Aber neben dem Menschlichen, Allzumenschlichem und dann eben auch menschlich Unzulänglichem weiß die Bibel mit ihren Geschichten vom Göttlichen: vom unbedingten Versöhnungswillen Gottes: das ist der Zielpunkt unserer Geschichte heute. Und das darf dann auch gelegentlich wiederholt werden, bis es sitzt.

Gott wird wie bei Josef und seinen Brüdern keine Ruhe geben, bevor sich die Geschwister versöhnt haben. Damit lässt Gott weder los noch locker. Gott möchte uns Menschen, mit sich und seinesgleichen versöhnen: Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen. Amen.

Bilder des ökumenischen Freiluft-Gottesdienstes zum Tag des Johannes mit Johannisfeuer

Ev. Thomasgemeinde & Kath. Kirchort St. Mauritius

Samstag, 26. Juni 2021, 21.00 Uhr auf dem Vorplatz der Thomaskirche

Mit Klaus Neumann und Stefan Herok

Lisa Rau (Gesang), Eva Heiny (Trompete) und Gabriela Blaudow (Klavier)

In der Zeit um die kürzeste Nacht des Jahres wird in vielen Gemeinden an den Geburtstag von Johannes dem Täufer, dem Wegbereiter Jesu, mit einem Gottesdienst und einem Feuer gedacht. Das Johannisfeuer – bei uns ein Feuerkorb – symbolisiert Johannes‘ Zeugnis vom „wahren Licht der Welt“.

Bilder der ökumenischen Pilgerwanderung

Die diesjährige Pilgerwanderung von St. Mauritius und der Thomasgemeinde am 12. Juni 21 hatte die „Nachhaltigkeit“ zum Thema. Unter der Leitung von Förster Karl-Heinz Kliegel führte unser Waldpilgern vom Jagdschloss Platte über „Rentmauer“ und Eiserne Hand durch unterschiedliche Waldbilder bis zur Wiesbadener Fasanerie.