Besuch der Wiesbadener Synagoge

Foto: www.alemannia-judaica.de

Mit einer kleinen Zeitungsannonce gab die Jüdische Gemeinde am 26.7.1945 die Wiederaufnahme ihrer Aktivität in der Geisbergstraße 24 bekannt. Die Wiedereinweihung der stark beschädigten Synagoge an der Friedrichstraße kam ein Jahr später, während jene am Michelsberg 1938 für immer zerstört worden war. Vor 55 Jahren wurde der Synagogenneubau an der Friedrichstraße 31/33 eingeweiht. Steve Landau, Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde und Leiter des Jüdischen Lehrhauses, gibt eine Führung am Dienstag, 8. Februar 2022, um 19.00 Uhr. 

Wir freuen uns auf Ihre Anmeldung bis Samstag, 5. Februar, per Mail bei asmeine@gmx.de oder unter Tel. 0162.7474131. (Die Teilnehmerzahl ist begrenzt.)

Es ist ein Ros entsprungen

(„Wurzel Jesse“ von Conrad Seyfers im Dom St. Peter, Worms; Foto: K. Neumann)

Unser Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen“ (EG 30; GL 243) besingt entgegen anderslautender Gerüchte kein davonspringendes Pferd und ursprünglich noch nicht einmal eine aufblühende Rose, sondern Trieb oder Knospe des Isai [des Vaters des Königs David] nach einem Wort des Propheten Jesaja: Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn (Jesaja 11,1f.) Je nach Zusammenhang konnte die „Wurzel Jesse“ dann als Rose erblühen wie im Lied oder zur Weinranke werden – wie in dem weihnachtlichen Relief, das der Bildhauer Conrad Seyfers 1488 in der Weinstadt Worms für den Kreuzgang des Doms geschaffen hat: Aus dem liegenden Isai wächst die Ranke mit den Königen Israels, ganz oben Maria mit ihrem Jesuskind, die dann – je nach konfessioneller Färbung die eine oder der andere – als Rose besungen werden. 

 

Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres, 7. November 2021

Herr, der du bist vormals gnädig gewesen deinem Lande
der du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk
und all ihre Sünde bedeckt hast;
der du vormals hast all deinen Zorn fahren lassen
und dich abgewandt von der Glut deines Zorns:
Hilf uns, Gott, unser Heiland,
und lass ab von deiner Ungnade über uns!

Willst du denn ewiglich über uns zürnen
und deinen Zorn walten lassen für und für?
Willst du uns denn nicht wieder erquicken,
dass dein Volk sich über dich freuen kann?
Herr, zeige uns deine Gnade
und gib uns dein Heil!

Könnte ich doch hören,
was Gott der Herr redet,
dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen,
auf dass sie nicht in Torheit geraten.

Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten,
dass in unserm Lande Ehre wohne;
dass Güte und Treue einander begegnen,
Gerechtigkeit und Friede sich küssen;
dass Treue auf der Erde wachse
und Gerechtigkeit vom Himmel schaue;
dass uns auch der Herr Gutes tue
und unser Land seine Frucht gebe;
dass Gerechtigkeit vor ihm her gehe
und seinen Schritten folge. (Psalm 85)

Am Tag nach dem Mauerfall – am 10. November 1989 – hatten wir neben ungläubigem Staunen und großer Freude über den Lauf der Geschichte – ausgerechnet am 9. November – auch noch erlebt und gelernt, dass uns als Land und als Volk beides, Lied und Gesang, fehlten, um diesem Staunen und dieser Freude Ausdruck zu geben. Bundeskanzler Kohl und Altkanzler Brandt – Gott hab sie selig! – und zahlreiche weitere Politiker hatten am Ende einer Kundgebung vor dem Brandenburger Tor, die den überaus erfreulichen historischen Moment würdigen sollte, die Nationalhymne angestimmt, sie auch tapfer aber ganz und gar kläglich zu Ende gebracht unter dem ohrenbetäubenden Gejohle und Gepfeife ihrer Zuhörer, während wir Zuschauer am Fernsehen doch eher peinlich berührt waren – und wären das vielleicht auch gewesen – also peinlich berührt, wenn es besser geklungen und besser geklappt hätte.

Denn jedes Schulkind – und die Älteren sowieso – kannte ja die Bilder von den Umzügen nur wenige Jahrzehnte zuvor, als am selben Ort dasselbe Lied gesungen, bzw. deutlich kraftvoller gegrölt wurde und in deren Tradition jeder Sänger dieses Liedes unweigerlich steht – wie auch in der Tradition von Missetat und Sünde, um deren Vergebung wir wie der Beter unseres Psalms bitten können, die Nachfahren unserer Opfer zuerst, aber auch Gott: der du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk/ und all ihre Sünde bedeckt hast.

In diesem Zusammenhang wirkte es unschicklich – bei aller berechtigter Freude – an diesem Ort mit diesem Lied dieser Freude Ausdruck geben zu wollen. Das Lied kann nichts dafür, dass es missbraucht wurde, aber wir können seinen Missbrauch nicht ignorieren.

Dabei wäre es doch schön, ein Lied zu haben und gemeinsam singen zu können, wenn uns etwas als Volk gemeinsam bewegt, sei es nun gemeinsame Freude wie beim Mauerfall oder etwa auch gemeinsame Sorge wie in den ersten Wochen und Monaten der Pandemie letztes Jahr, als wir uns noch nicht so heillos zerstritten hatten – in Torheit geraten – wie jetzt. Ein Lied, wie unser Psalm 85 heute, das Volksklagelied, das ein Volk in seiner Klage sammelt, seiner Sorge Ausdruck verleiht und dann in der Hoffnung von der Überwindung der Krise auch ein Versprechen, ein Verpflichtung anklingen lässt, zukünftig anders und besser miteinander umzugehen: dass Güte und Treue einander begegnen,/ Gerechtigkeit und Friede sich küssen; und dabei sogar „blühende Landschaften“ herbeisehnt, und unser Land seine Frucht gebe.

Aber auch ohne ein solches Lied, geht es darum in einem Gemeinwesen, sich über die Zeitläufe zu verständigen, die Schuld der Vergangenheit zu benennen, um Vergebung zu bitten und dann auch Vorstellungen für die Zukunft zu entwickeln. Es beschädigt unsere Bemühungen in der Gegenwart und unsere Chancen für die Zukunft, wenn wir uns unserer Missetaten in der Vergangenheit nicht oder nur als Last oder nur als lästige Pflichtübung erinnern. Nicht Vergessen, sondern Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung, heißt es in vielen Ansprachen in diesen Novembertagen, sehr zu Recht und auf vielfältige Weise zu Recht: Für unseren Psalmbeter heißt das, dass er sich an Gott mit der Bitte um Erinnerung wendet, indem er sich selbst erinnert; erst das Aussprechen der eigenen Schuld ermöglicht überhaupt ihre Vergebung; erst Erinnerung schafft die Bedingung der Möglichkeit zur Erlösung: Herr, der du bist vormals gnädig gewesen deinem Lande/ und hast erlöst die Gefangenen Jakobs;/ der du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk/ und all ihre Sünde bedeckt hast/ der du vormals hast all deinen Zorn fahren lassen/ und dich abgewandt von der Glut deines Zorns:/ Hilf uns, Gott, unser Heiland, und lass ab von deiner Ungnade über uns!

Erinnerung ist eine Frage der Ehre; mit dem Begriff der Ehre überschreibt der Psalmbeter seine Zukunftsvision, was in unseren Ohren einigermaßen unvertraut klingen mag, wobei im hebräischen Original eigentlich Gottes Herrlichkeit, sein majestätischer Lichtglanz und insofern seine heilbringende Gegenwart gemeint ist, die Leben schafft und Lebenserneuerung ermöglicht: Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten,/ dass in unserm Lande Ehre wohne . In Luthers Übersetzung klingt aber für mich auch die – ursprünglich gar nicht gemeinte – Ehre eines Volkes an, die durch Sünde, Missetat und Torheit verlorene Ehre; und die durch Erinnerung ermöglichte und durch Gott wiederhergestellte Ehre. Allerdings ist der Ehrbegriff nicht nur unvertraut sondern auch heikel; im Namen der Ehre sind die Massenmörder im schwarzen Gewand ihrem grausamen Geschäft nachgegangen unter dem Wahlspruch: Meine Ehre ist meine Treue; und noch heute werden sogenannte Ehrenmorde begangen – aus Rache für eine Kränkung der eigenen archaischen Lebensvorstellungen. Ohne den Bezug auf die Herrlichkeit Gottes, die auch uns bescheint und darin glänzen lässt, scheint mir der Ehrbegriff religiös untauglich zu sein.

Wie gesagt: im hebräischen Original ist ohnehin eigentlich Gottes Herrlichkeit, sein majestätischer Lichtglanz und insofern seine heilbringende Gegenwart gemeint, die Leben schafft und Lebenserneuerung ermöglicht. Der Psalmbeter versammelt die in seiner Tradition wichtigsten Sozialbegriffe: Güte, Treue, Gerechtigkeit, Frieden – religiöse Buzzwords, um das heilvolle Wirken Gottes zu beschreiben, dass er sich wünscht, dass er erbittet und das er von niemand anders erwarten kann als von Gott alleine: Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten,/ dass in unserm Lande – Gottes! – Ehre wohne;/ dass Güte und Treue einander begegnen,/ Gerechtigkeit und Friede sich küssen;/ dass Treue auf der Erde wachse und Gerechtigkeit vom Himmel schaue;/ dass uns auch der Herr Gutes tue und unser Land seine Frucht gebe;/ dass Gerechtigkeit vor ihm her gehe und seinen Schritten folge.

Predigttext für den Reformationstag, 31. Oktober 2021

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen. Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden lässt, dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist. Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, aus der Gnade seid ihr herausgefallen. Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die wir hoffen. Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist. (Brief des Paulus an die Galater 5,1-6)

Welche Freiheit meinen wir, wenn wir von Freiheit sprechen?

Die Freiheit der Autofahrer? – freie Fahrt für freie Bürger! – Oder die Freiheit der Radfahrer? – Immer diese Radfahrer! Fand schon Heinz Erhard. Und neuerdings immer diese Fahrer von Lastenrädern, den SUVs unter den Zweirädern, unter die kann man nicht nur als älterer Mensch leicht geraten. – Oder die Freiheit der Fußgänger? – Gerade in größeren Gruppen beherrschen sie spielend die Technik der nur unmerklichen sich bewegenden Straßensperre.

Die Freiheit der Hundebesitzer oder die Freiheit der Vorgartenhüter? – Ich wurde schon gelegentlich darüber aufgeklärt, dass die Entrichtung der Kirchensteuer doch wohl zur Benutzung des Kirchgartens als Hundeklo befreie. Welche Freiheit? Die Freiheit der Aktionäre oder die Befreiung der Armen? Die Freiheit dieser oder der nächsten Generationen? Freiheit wovon oder Freiheit wozu? Die Freiheit der Regeln oder der Regellosigkeit? Die Freiheit in Bindungen oder die Unfreiheit der Bindungslosigkeit.

Glauben wir noch an die liberale Lüge vom freien Spiel der Kräfte oder an den müden Mythos der Befreiung der Unfreien durch die Umverteilung der Güter – oder dann doch lieber gleich an den Weihnachtsmann? Die Gedanken sind frei.

Bin ich frei, wenn ich alles darf, oder dann, wenn ich manches muss – und ist das vielleicht sogar dasselbe, also dass der, der alles darf, auch alles muss, weil er es kann? Ist die Freiheit als Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit nicht der Eingang in die Unfreiheit der eigenen grenzenlosen Verantwortung unter den engen Bedingungen meiner endlichen Existenz? Ist die Freiheit eine Lust oder eine Last? So viele Fragen – aber allein sie zu stellen und nach den eigenen Antworten leben, heißt frei sein – trotz und in allen Ambivalenzen des befreiten Lebens.

Und welche Freiheit meint überhaupt Paulus, wenn er hier von Freiheit spricht; und welches Joch der Knechtschaft? Er sagt es ja: Paulus meint, dass die Befolgung des jüdischen Ritualgesetzes und also die Beschneidung nicht nur keine Voraussetzung für die Teilhabe an der Gnade Gottes sei, sondern geradezu ihre Verhinderung, weil allein in Christus allein der Glaube Gnade verleiht. Paulus hält die Beschneidung für religiöse Freiheitsberaubung, weil sie den Weg zu Christus auf einen Umweg, nein sogar auf einen Abweg führt.

Nun hat sich zwar diese Fragestellung im engeren Sinne seit längerem für Christen überholt – die allerwenigsten Christen kommen auf die Idee, sie müssten ihre Söhne oder sich selbst beschneiden lassen, um zu Gott zu gehören; und eigentlich ist es eher umgekehrt ein Beispiel von Freiheit, nämlich von Religionsfreiheit, wenn Staat und Gesellschaft trotz gelegentlicher antisemitischer Kampagnen den jüdischen Gemeinden die Beschneidung nicht verwehren – aber die hier von Paulus im Prinzip formulierte Freiheit des Glaubens besteht fort, aktuell wie eh und je; auch angefochten und bedrängt wie eh und je.

Die Freiheit des Glaubens besagt, dass sich keine Autorität, keine Behörde – und noch die wohlwollendste nicht -, auch keine Kirche zwischen mich und meinen Glauben stellen darf. Hilfestellung, Ermöglichung, Unterricht, Vermittlung, Formulierungshilfen – das alles ja: aber kein Zwang in Dingen des Glaubens, denn im Glauben sind wir christus-unmittelbar.

Martin Luther, an den wir uns heute erinnern, war ein treuer Schüler des Apostels und hat dessen Lehre von der christusunmittelbaren Glaubensfreiheit auf die Probleme seiner Zeit angewendet, die für Luther im Wesentlichen in der Gestalt der spätmittelalterlichen-katholischen Kirche begründet lagen. Für ihn und für erstaunlich viele andere (die Reformation war ein unvorstellbar erfolgreiches Massenereignis und ohne die ebenso unvorstellbare Gewalt der Gegenreformation hätte Luthers Reform zumindest nördlich der Alpen die Kirche als Ganze reformiert und nicht nur die beiden Kirchentümer hervorgebracht, die wir heute als die evangelische und die katholische Kirche kennen und sich viel ähnlicher sind, als wir bisweilen meinen) waren insbesondere das unbiblische priesterliche Amtsverständnis, die Lehre vom Abendmahl als priesterliches Opfer und der Mangel an biblischer Bildung der Kern des Anstoßes und der Grund seiner Kritik, weil sie je für sich und zusammen gegenseitig verstärkend Christus verdunkelten und nicht erhellten.

Dagegen setzte Luther seine Kernbotschaften

  • Von der Rechtfertigung des Sünders allein aus Glauben – kein Regeln oder Rituale bringen mich näher zu Gott, allein der Glaube
  • vom „allgemeinen Priestertum“ – alle Glaubenden und Getauften sind christusunmittelbar und bedürfen eines Priesters nicht,
  • vom Abendmahl für alle in beiderlei Gestalt,
  • und seine Bibelübersetzung in der Volkssprache, deren 500. Geburtstag wir dieses Jahr feiern.

In der von Paulus geforderten Standfestigkeit – So steht nun fest! – hat Luther der Forderung, diese Lehren zu widerrufen und damit unter das Joch (symbolisiert in der priesterlichen Stola, die mittlerweile und merkwürdigerweise auch viele Evangelische tragen) zurückzukehren, widerstanden – lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! Denn: Zur Freiheit hat uns Christus befreit!

Ein Denkmal, das uns zum gedenken und zum nachdenken auffordert: Gedenke! Denk mal! Denk mal bloß! (wie Karlsson vom Dach als freier Geist zu sagen pflegte), ja, denk mal bloß! – also ein Denkmal der Reformation wird diesen Moment zu verbildlichen suchen – so wie es das Lutherdenkmal in Worms versucht.

Lutherdenkmal in Worms

In der heroischen Bildsprache des wilhelminischen Kaiserreiches droht allerdings dem Geehrten in den Augen von uns nachgeborenen – also besserwissenden und besserwisserischen – Betrachtern leicht eine Verfälschung, oder sogar Fälschung, zumal der von mir gewählten Ausschnitt große Teile des Gruppendenkmals ausblendet und den Betrachter in Untersicht auch noch dem „Helden“ Luther unterwirft (was aber vor allem meinem fotografischen Unvermögen geschuldet ist). Bei den gelegentlichen Besuchen im vergangenen Jahr und zuletzt bei der Gemeindepilgerwanderung Anfang des Monats habe ich aber auch andere Seiten am Denkmal wahrgenommen. Dabei ist mir das Machwerk, dass man doch eigentlich schon immer schön scheußlich gefunden hat, ans Herz gewachsen, wieso?

  • Recht betrachtet und richtig fotografiert ist es eben kein Lutherdenkmal, sondern ein Reformationsdenkmal; das viele Figuren und Ereignisse abbildet und viele Sichtweisen erlaubt. Der Betrachter eignet sich durch sein Betrachten und Begehen des Denkmals in ziemlicher Freiheit höchstpersönliche Erfahrungen mit dem Denkmal an. Und je näher man dem dreieinhalbmetergroßen Luther kommt, desto weniger ist von ihm zu erkennen. Er befreit sich aus unserem Zugriff.
  • Auf unserem Bildausschnitt sind links und rechts große Skulpturen der Vorreformatoren Girolamo Savonarola und Jan Hus, dessen grausamer Märtyrertod auf dem Scheiterhaufen in Konstanz zeitlebens auch Luther vor Augen führte, dass die römische Kirche nicht mit ihm reden sondern ihn verbrennen wollte: Recht und Freiheit seines Lebens standen immer unter der Drohung des päpstlichen Mordauftrags.
  • Außer diesen und anderen Skulpturen zeigt das Denkmal in zahlreichen Inschriften und Reliefs weitere Aspekte der Reformation, wie in einer multiperspektivischen begehbaren bronzenen Graphic Novel der Reformation, virtuell realer Rundgang durch eine Epoche: Für uns auf dem Bild sichtbar den berühmten Satz Luthers in Worms vor Kaiser und Reich: Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen. Darunter Bilder zweier seiner politischen Unterstützer mit sprechenden Namen, auch wenn diese dem Betrachter nicht geläufig sein mögen: Johann der Beständige und Johann Friedrich der Großmütige – was für ein Wunder, dass es in solchen bewegten Zeiten Fürsten gab, denen solche Namen angeheftet werden konnten – und dann ein vielfiguriges Relief der Wormser Reichstagsszene, die weit über Kirche und Religion hinaus für die Freiheit des Einzelnen gegenüber den Mächtigen steht.
  • Um den auf unserem Bild sichtbaren Teil des Denkmals legt sich rechteckig eine äußere Mauer mit weiteren Akteuren und Ereignissen jener Zeit, genug Stoff für mehrere Besuche und neue Entdeckungen, beim letzten Mal hatte es mir die Personifikation der „Trauernden Magdeburg“ angetan, die als wunderschöne, aber todtraurige Frau, die unfassbare Gewalt darstellt, die ohne Zweifel auch in den Religionskriegen vor allem und unschuldigerweise als Nichtkombattanten damals wie heute Frauen und Kinder traf – und wenn die Opfer evangelisch waren typischerweise mit Glockengeläut im Vatikan bejubelt wurden. Freiheit ist immer die Freiheit der Schwächsten.
  • Ebenfalls in der äußeren Mauer befinden sich die großen Skulpturen zweier großer und weithin berühmter humanistischer Gelehrter ihrer Zeit: Johannes Reuchlin und seines entfernten Verwandten Philipp Melanchthon; beide aus dem noch heute bildungsprivilegierten deutschsprachigen Südwesten, wo sie in Heidelberg, Tübingen, Freiburg, Basel und Straßburg gelebt und gewirkt haben. Beide verweisen darauf, dass die Reformation eine Befreiung durch Bildung und zur Bildung hin gewesen ist – und lassen gerade durch ihre Anwesenheit die Abwesenheit des berühmtesten aller damaligen Humanisten Erasmus von Rotterdam noch viel schmerzhafter wirken. Der fehlt unserem Denkmal weil er eben auch der Reformation gefehlt hat, seinem freien Willen, über den er sich mit Luther publikumswirksam gestritten hat, gefolgt ist und im Schoß der katholischen Kirche sitzen geblieben ist!
  • Wer oder was fehlt noch? Sicherlich viele Opfer der Reformation, die tatsächlichen wie Bauern und Täufer; aber auch die Opfer übler Rhetorik, wie die Juden, denen Luther fürchterliche und unverzeihliche Tiraden entgegengeschickt und damit jüdischen Menschen über Jahrhunderte hinweg geschadet aber auch seinen eigenen Ruf nachhaltig beschädigt hat. Am auffälligsten – gerade für den wiederkehrenden Betrachter – ist aber die Abwesenheit dessen, um den es allein! in Luthers Freiheitsbotschaft geht: allein aus Christus her und allein zu Christus hin soll die Reform der Kirche nach Luther geschehen; da kann man ihr Gedächtnis eigentlich schlecht als Hagiographie alter Männer in Stein meißeln und zu Bronze schmieden.
  • Und was spricht überraschenderweise für das Denkmal? Dass es einer der wenigen einladenden Orte in einer nicht gerade durch Schönheit verwöhnten Stadt ist, an dem der Pilgerwanderer auf den Spuren Luthers sich beim Dönerschmaus stärken kann und den die Kinder vor allem der Einwanderer längst als Spielplatz der Freiheit für sich entdeckt haben, ballspielend zwischen Friedrich dem Weisen und Johannes Calvin. Erst reizt einen der hausmeisterliche Reflex, dieses Kinderspiel nervig zu finden, etwa weil er die Andacht stört – bis zu dem Moment der Einsicht, dass nichts besser passen könnte: Ein Lutherdenkmal als Ort kindlicher Freiheit! Die Idee der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes besiegt noch allen wilhelminischen Pomp alter, was sage ich, längst verblichener weißer Männer.

Martin Luther hat irgendwann seinen nicht gerade vornehmen Nachnamen gräzisiert und damit aufgewertet: Er verwandelt das schäbige Luder seiner Vorfahren in Luther – und verbindet sich so mit dem griechischen Eleutherius: d.h: der Freie. Als erster Freigelassene des kirchlichen Mittelalters ruft er uns noch heute das Pauluswort zu: Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!

Amen.

Lebendiger Adventskalender 2021

Vom 1. bis 22. Dezember treffen wir uns jeweils von 19.00 bis 19.15 Uhr zu adventlichen Geschichten und Gedichten im Kerzenschein vor einer Tür in der Nachbarschaft. Alle sind herzlich eingeladen!

Bitte nur im Freien aufhalten, jederzeit eine med. Maske tragen und auf den nötigen Abstand (1,5m) achten. Aktuelle Änderungen unter www.thomasgemeinde.de oder Tel. 0162.7474131.

60 Jahre Thomasgemeinde Pilgerwanderung auf dem Lutherweg nach Worms

Impressionen vom Samstag, 2.10.21

Von der Katharinenkirche in Oppenheim ging es bei schönstem Wetter durch die herbstlichen Weinberge zur Heidenturmkirche nach Guntersblum und in Worms vom Lutherdenkmal zum Dom St. Peter und Heylshof-Park – bis zu der Stelle, wo der ehemalige Bischofshof stand und Luther sich beim Reichstag 1521 weigerte, seine Schriften zu widerrufen.

 

Ökumenische Hubertusandacht an der Feldkapelle

Sonntag, 17. Oktober 2021, 17.00 Uhr, Feldkapelle im Tennelbachtal

Hubertusandacht 2020: Parforcehorn-Corps Jagdschloss Platte

Zur ökumenischen Tradition von St. Mauritius und der Thomasgemeinde zählt die von Hörnerklang begleitete Hubertusandacht an der Feldkapelle im Tennelbachtal. Auch in diesem Jahr wollen wir uns wieder zu einer herbstlichen Andacht am Waldrand treffen.

Mit Pfarrer Matthias Ohlig (Kath. Kirchort St. Mauritius), Pfarrer Dr. Klaus Neumann (Ev. Thomasgemeinde) und den Musikerinnen und Musikern des Parforcehorn-Corps Jagdschloss Platte unter der Leitung von Karl-Heinz Kliegel.

Wir bitten Sie, eine medizinische Maske zu tragen. Damit wir die nötigen Abstände einhalten können, werden keine Stühle gestellt. Bei starkem Regen wird die Andacht kurzfristig abgesagt.

17. Sonntag nach Trinitatis, 26. September 2021

Brüder und Schwestern [Im Original sind nur die „Brüder“ genannt!], meines Herzens Wunsch ist und ich flehe auch zu Gott für sie [nämlich seine jüdischen Brüder und Schwestern], dass sie gerettet werden. Denn ich bezeuge ihnen, dass sie Eifer für Gott haben, aber ohne Einsicht. Denn sie erkennen die Gerechtigkeit nicht, die vor Gott gilt, und suchen, ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten, und sind so der Gerechtigkeit Gottes nicht untertan. Denn Christus ist des Gesetzes Ende, zur Gerechtigkeit für jeden, der glaubt. Mose schreibt von der Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt (3. Mose 18,5): »Der Mensch, der dies tut, wird dadurch leben.« Aber die Gerechtigkeit aus dem Glauben spricht so (5. Mose 30,11-14): »Sprich nicht in deinem Herzen: Wer will hinauf gen Himmel fahren?« – nämlich um Christus herabzuholen; oder: »Wer will hinab in die Tiefe fahren?« – nämlich um Christus von den Toten heraufzuholen. Aber was sagt sie? »Das Wort ist dir nahe, in deinem Munde und in deinem Herzen.« Dies ist das Wort vom Glauben, das wir predigen. Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und glaubst in deinem Herzen, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. Denn wer mit dem Herzen glaubt, wird gerecht; und wer mit dem Munde bekennt, wird selig. Denn die Schrift spricht (Jesaja 28,16): »Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.« Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen. Denn »wer den Namen des Herrn anruft, wird selig werden« (Joel 3,5). Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? 

Wie sollen sie aber hören ohne Prediger? Wie sollen sie aber predigen, wenn sie nicht gesandt werden? Wie denn geschrieben steht (Jes 52,7): »Wie lieblich sind die Füße der Freudenboten, die das Gute verkündigen!« Aber nicht alle waren dem Evangelium gehorsam. Denn Jesaja spricht (Jesaja 53,1): »Herr, wer glaubte unserm Predigen?« So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi. (Brief des Paulus an die Römer 10, 1-17)

Einen Regierungschef, der vor den Vereinten Nationen in der Klimadebatte Kermit den Frosch aus der Muppet-Show zitiert („Es ist nicht leicht, grün zu sein“) nur um ihm gleich zu wiedersprechen („Ist es eben doch!“) und ihn dann obendrein noch der übertriebenen Grobheit an Miss Piggy schilt, was merkwürdig ist, weil meiner Erinnerung nach sie die viel gröbere in ihrer komplizierten Beziehung war – einen Regierungschef, der im selben Atemzug den antiken Dramatiker Sophokles im altgriechischen Original interpretiert und andere Interpreten verbessert; der darüber hinaus spaßhaft erwägt, seinen Namen Boris in Boreas zu verändern, seiner Leidenschaft für die Windkraft wegen und zu Ehren also des nördlichen Gottes des Windes – klar, dass ich vom britischen Premierminister Boris Johnson spreche – einen solchen Bundeskanzler voller verspielter Gelehrsamkeit und windiger Rhetorik und absurdem Humor werden wir uns auch am heutigen Abend nicht gewählt haben; vielleicht besser so, denn es warten ja genug ernsthafte Anliegen auf ihn oder sie, denen er gerecht werden soll. 

Überhaupt: Eifer für die Gerechtigkeit für alle und in allen Belangen, das scheint doch eine ganz passende Kurzfassung seiner – oder wie wir in den vergangenen 16 Jahren erlebt haben: ihrer! – Dienstbeschreibung zu sein. 

Was aber schon unter Menschen immer wieder und oft neu errungen werden muss – was ist gerecht? Was kommt jedem gerechterweise zu? Was ist das Meine und was das Deine? – das ist zwischen Gott und den Menschen noch um einiges strittiger, meinte wenigstens der Apostel Paulus, meint auch der Reformator Martin Luther und das trifft auch heute noch zu: Wie erlange ich Gerechtigkeit vor Gott? Wenn es schon manchmal schwierig genug ist, oder sogar unlösbar scheint, zwischen Menschen – also etwa z.B. zwischen Radfahrern und Autofahrern, zwischen Hausbesitzern und Mietern, zwischen Einwanderern und Einheimischen, zwischen Alten und Jungen, zwischen Reichen und Armen – Gerechtigkeit zu finden und zu erwirken; um wieviel mehr zwischen Gott und den Menschen, die wie wir wissen einen unheilbaren Drang und Zwang von Gott weg, in die Ungerechtigkeit zum eigenen Vorteil hin haben; oder wie die alten Theologen, wie Paulus und Luther und der ganze Rest davon sagen: der Sünde. Wie erlange ich Gerechtigkeit vor Gott – trotz meiner Sünde?  

Paulus übernimmt diese Fragestellung aus seiner – und über die Generationen hinweg ja auch unserer – Mutterreligion, dem jüdischen Glauben seines Volkes Israel, dem er – und also wir – bleibend verbunden sind. Darum geht es im Zusammenhang unserer Bibelstelle: um die bleibende Verbundenheit zwischen Juden und Christen und – viel mehr noch – um die bleibende Erwählung seines Volkes Israel durch Gott.

Paulus insistiert mit der ihm eigenen Beharrlichkeit auf die bleibende Erwählung seines Volkes Israel durch Gott – auch wenn sie, sehr zu seinem Bedauern und sehr zu seinem Unwillen – nicht die gute Botschaft von Jesus Christus annehmen – zumindest nicht in ihrer großen Mehrheit annehmen: und das obwohl Paulus ihnen den Eifer für Gott attestiert.

Für Paulus ist dieser Eifer nämlich fehlgeleitet: statt nach Glauben und Vertrauen in Gott durch Jesus Christus zu streben – eifern sie nach der genauen und pünktlichen Erfüllung des Gesetzes des Mose. 

Für Paulus, den ehemaligen und rechtskundigen Pharisäer, erlangen Juden durch die genaue Erfüllung des mosaischen Gesetzes Gerechtigkeit vor Gott, also Heil und Rettung; beziehungsweise: Sie bemühen sich darum voller Eifer, müssen aber – nach Paulus – daran scheitern, weil ihnen die Sünde ein Schnippchen schlägt. Das Gesetz kann nach Paulus nur die Aufgabe haben, diese Sünde aufzudecken: Ich soll nicht das begehren, was meinem Nachbarn gehört, sagt das Gesetz; ich tue es aber trotzdem, ich elender Sünder; oder wie Paulus an anderer Stelle sagt: „Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; und das Böse, das ich nicht will, das tue ich“ (Römer 7, 19; oder wie der englische Premierminister, der die Wälder von Windrädern über den Wellen des Ärmelkanals preist aber gleichzeitig erwägt, darunter die Schürfrechte für fossile Brennstoffe zu verscherbeln) 

Für Paulus, den bei Damaskus zum Apostel Christi konvertierten – also gedrehten und gewendeten – ehemaligen Juden, ist Jesus Christus das Ende des Gesetzes als Weg zu Gott. Nicht meine ohnehin zum Scheitern verurteilten Gerechtigkeitsbemühungen um das Gesetz führen zu Gott – sondern allein der Glaube daran, dass Jesus Christus das Gesetz für mich erfüllt hat: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“ (Römer 3,28; das „allein“ steht nicht im Text des Paulus und ist eine der berühmtesten oder – je nach Sichtweise – berüchtigtsten Textergänzungen Martin Luthers)

Sola fide! Der Glaube ist alles, was ich vor Gott brauche. Allein der Glaube an Jesus Christus, der uns durch das Wort Gottes in der Bibel und in ihrer Auslegung vermittelt wird, führt uns zu Gott. Der Glaube allein reicht zum Seelenheil: Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und glaubst in deinem Herzen, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. Denn wer mit dem Herzen glaubt, wird gerecht; und wer mit dem Munde bekennt, wird selig.

Womit zugleich prägnant der Unterschied zwischen Religion und Politik genannt ist. Für die, nämlich für die Politik, reichen Herzensglaube und Lippenbekenntnis nicht. Da sollten schon Taten folgen und es sollten besser Taten der Gerechtigkeit sein. 

Auch wenn wir wissen und nicht vergessen dürfen, dass jedes menschliche Bemühen um Gerechtigkeit – nun vielleicht nicht, wie Paulus meint, zum Scheitern verurteilt ist, aber doch – vom Scheitern bedroht ist; allein deshalb, weil es fehlbare, also sündhafte Menschen sind, die sich im politischen Leben um Gerechtigkeit bemühen. Aber das sollten wir von unseren Politikern verlangen und nur solchen eine Stimme geben, von denen wir annehmen können, dass sie sich mit vollem Eifer für das Gesetz um Gerechtigkeit in dieser Welt bemühen.   

Damit erhöht der Glaube den Anspruch an die Politiker, nicht nur Ansprüche zu vertreten oder Interessen zu kanalisieren, sondern für die Gerechtigkeit aller zu eifern. 

Und damit entlastet er sie gleichzeitig, wenn er ihre Fehlbarkeit noch vor ihrer Wahl einpreist; ja, auch diese Politiker, die wir heute wählen, werden Fehler machen, hoffentlich nicht allzu schlimme.

Für Rettung und Heil unserer Seelen ist gottseidank ein anderer zuständig. Amen

Griechische Kapelle und russischer Friedhof auf dem Neroberg

Eindrücke von der Führung am 25.9.2021

Ev. Thomasgemeinde und Kath. Kirchort St. Mauritius

Nicht oft hat man als Besucher der „Russisch-Orthodoxen Kirche der Hl. Elisabeth“ das Glück, von jemandem geführt zu werden, der diesen Ort und seine Gemeinde so gut kennt: Maja Speranskij, seit 1954 Mitglied der russisch-orthodoxen Gemeinde, zeigte unserer Gruppe nicht nur die kulturhistorischen Schönheiten der Kirche selbst, sondern auch die nur sehr selten zu besichtigende Gruft mit der Grabstätte der Prinzessin Elisabeth. Der Gang über den gepflegten russischen Friedhof in der Herbstsonne war ein besonders schöner Abschluss unseres ökumenischen Ausflugs.

Fotos: K. Neumann

15. Sonntag nach Trinitatis, 12. September 2021, Konfirmation

Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: „Stärke unseren Glauben!“ Der aber sprach: „Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer! und er würde euch gehorsam sein.“ (Lukasevangelium 17, 5f.)

Manchmal fühle ich mich, als könnte ich Bäume ausreißen – sagen wir, wenn wir uns groß und stark fühlen, was wir ja immer werden wollten und unsere Konfirmanden in erstaunlicher Weise geworden sind: groß und stark! – Aber wir tun gut daran, die Bäume stehen und der Natur ihren Lauf zu lassen. Eingriffe in die Natur durch den Menschen müssen keine Vorteile und können erhebliche Nachteile bringen – was man auch schon vor dem menschengemachten Klimawandel hätte wissen können.

Die großen Eingriffe in die Geographie, wie sie etwa die Kanalbauten in Panama oder der Suezkanal in Ägypten darstellen, sind spektakuläre Beispiele für einen starken Glauben, eine weite Vorstellungskraft und das feste Vertrauen in das eigene Vermögen, die vorfindliche Natur zu unserem vermeintlichen Vorteil zu verändern. An beiden Kanalbauten war der visionäre französische Ingenieur – dem Ingenieur ist nichts zu schwör – Ferdinand de Lesseps maßgeblich beteiligt, in Ägypten erfolgreich, in Mittelamerika – er selbst zumindest – erfolglos. Seither – also seit der Eröffnung des Suezkanals 1869 – verbindet der von ihm geplante und unter ihm gebaute Kanal das Rote Meer und den Indischen Ozean mit dem Mittelmeer – und fördert damit nicht nur Handel und Wandel von uns Menschen über die Kontinente und Ozeane hinweg sondern auch die Wanderung von Pflanzen- und Tierarten zwischen den Meeren.

Lessepssche Migration wird folglich der Austausch von Lebewesen zwischen dem Mittelmehr und dem Roten Meer genannt. Es handelt sich um einen invasionsbiologischen Vorgang, der so illustre Arten wie den Gestreiften Korallenwels, den Rotstreifen-Husarenfisch oder den Gepunkteten Igelfisch in das Mittelmeer brachte – nicht unbedingt zum Vorteil der ansässigen Fauna und Flora, die sich nicht immer der Neuankömmlinge erwehren kann, sondern ihnen Futter und Beute und von ihnen verdrängt wird.

Das Verpflanzen von Arten, der Eingriff in die Natur und ihre Veränderung durch uns Menschen – darauf will meine kleine Abschweifung, sozusagen als Lessepssche „Redemigration“ hinaus – muss kein Vorteil sein und kann erhebliche Nachteile nach sich ziehen: Warum nur sollte jemand zu einem Maulbeerbaum, der ganz prima auf dem Land gedeiht, sagen, dass er sich ins Meer verpflanzen möge; dorthin ins Meer, wo doch andere Wesen mit älteren Rechten ganz gut und vermutlich ganz gerne blühen, wachsen und gedeihen.

Der wichtigste Hinweis zum Verständnis unserer reichlich seltsamen Bibelstelle ergibt sich aus ihrem offenkundigen Unsinn: Wer um alles in der Welt sollte und wollte einen Maulbeerbaum ins Meer verpflanzen? Lass den Baum doch in Ruhe und an Land! Verschwende deine Kräfte nicht an der Veränderung der Natur, sondern verwende sie an ihrer Pflege! Der Glaube ist doch unvergleichlich größer, der die Natur um ihretwillen schützt, als der, der sie um seinetwillen verändert.

Jesus selbst hat im Unterschied zu zahlreichen anderen Wundertätern seiner Zeit niemals seine Wunderkräfte um ihrer selbst willen – sozusagen als Muskelspiele des Glaubens – eingesetzt, sondern immer, wirklich immer!, um eine Not zu beheben, also um Hunger zu lindern, ein Gebrechen zu heilen oder die für Menschen gefährliche Seite der Natur zu zähmen. Warum nur scheint Jesus hier – entgegen aller anderen Beispiele und Gelegenheiten – Glaubenskraft als Zauberkraft zu verstehen? Was könnte ihn dazu verleitet haben, so zu antworten?

Ich glaube, dass er mit seiner Antwort die Frage seiner Apostel auf eine starke Weise zurückweisen will: „Stärke unseren Glauben!“ fordern diese – aber er will ihnen durchaus polemisch verdeutlichen, dass sie ihn doch nach all der Zeit gut genug kennen müssten; dass sie nach seinen Taten und Worten genug wissen müssten, was der Glauben ist und was nicht; und was den Glauben stärkt und was eher schwächt. Fragt nicht so verstockt, ihr wisst es doch besser! Für den Glauben braucht niemand in eine Muckibude zu gehen, um das Sixpäck des Glaubens zu trainieren. Glauben ist keine Leistung, die von uns verlangt würde oder von uns zu erbringen wäre. Glauben wird uns geschenkt, ganz umsonst wo und wann Gott will, ohne Maß und ohne unser Zutun: Die christliche Gemeinde ist kein Fitnessstudio, in dem wir uns unsere Zweifel abtrainieren und unseren Glauben antrainieren könnten oder sollten; der ist so stark, wie er ist, nämlich so stark, dass er Bäume verpflanzen und Berge versetzen könnte – ohne dass wir das tun sollten und ohne dass das zu tun von irgendjemandem in der Bibel empfohlen würde. Umpflanzaktionen als Demonstrationen der Glaubenskraft werden von Jesus nicht erzählt und von uns nicht erwartet!

Ganz zu Beginn dieses merkwürdigen Konfirmandenjahres, als wir uns noch live und in Farbe und allerdings coronahalber hier in der Kirche zum Unterricht getroffen haben, hat eine von Euch Zweifel über ihren eigenen Glauben geäußert, ob der für Konfiunterricht und Konfirmation überhaupt reichen würde, auch eine Relilehrerin in der Schule habe diesen Zweifel bestärkt und die Latte des Glaubens ziemlich hochgelegt – ob sie sie selbst überspringt? Die Fragestellerin ist jedenfalls dabeigeblieben und wird heute konfirmiert – wenn sie es sich im letzten Moment nicht noch anders überlegt.

Wir haben damals natürlich etwas höflicher reagiert als der Jesus unseres Predigttextes, haben uns natürlich über eine solche Frage gefreut, aber inhaltlich doch dasselbe geantwortet; dass es kein Maß des Glaubens gibt und schon gar keins, dass von anderen Menschen zu wiegen oder zu werten wäre; dass der Glauben, den wir selbst für schwach halten, gerade deshalb stark ist; und dass es ihre – und also unser aller! – höchstpersönliche, freie und eigene Entscheidung ist, die Sache des Glaubens weiterzuverfolgen oder eben zu verwerfen.

Eine unverzichtbare Entscheidungshilfe ist die Kenntnis des Glaubens, wie sie im Unterricht vermittelt wird; aber auch seine Praxis in Gemeinde und im alltäglichen Leben; auch seine Bewährung angesichts der Prüfungen des Lebens – so vieles bildet und verändert unseren Glauben.

Vielen von uns scheint es so, als sei gerade unsere Zeit besonders von solchen Prüfungen geplagt – angesichts der Pandemie, die so viel Leid über so viele Menschen gebracht hat und Woche für Woche allein in den USA immer noch mehr Menschen tötet als der Terror vom 11. September; – aber auch angesichts des menschlichen Bösen, das wir durch den Jahrestag der Terroranschläge in New York und anderen Orten in den USA vor zwanzig Jahren fast unerträglich vor Augen haben: scheinbares Zeugnis eines angeblich starken Glaubens, der sich in verschwurbelten Pamphleten noch posthum selbst rechtfertigt – in Wirklichkeit aber die wahrhaft atheistische Perversion der Religion, als Anstiftung und Rechtfertigung menschenverachtender und gotteslästerlicher Gewalt, ein grausamer Kult der Rache, ein Hochamt des totalen Nihilismus: ein starker Glaube an – gar nichts! Und der uns, die er sich zu seinen Gegnern erwählte, viel zu lange in die Irre geführt hat – bis an die Enden der Erde; ob am Hindukusch unsere Werte, auch die des Glaubens, verteidigt werden können, ist sehr zweifelhaft, dass man sie dort verlieren kann, nicht.

Schon die scheinfromme Bitte um einen starken Glauben kann in die Irre führen und unseren Blick weg von dem lenken, der sich am Kreuz als unser Gott offenbart hat und der sagt: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ (2. Korinther 12,9).

Das ist die religiöse Wahrheit der allgemeinen Lebensweisheit, dass ich dort am ehesten ich selbst sein kann, wo ich meine Schwäche nicht verbergen muss – bei Eltern und Familie, guten Freunden, dem Liebsten, denen allen ich nicht den Starken – der Bäume ausreißen kann – vorspielen muss, der ich nicht bin; genauso wenig wie vor Gott, der es in Ordnung findet, wenn wir uns in unserer Schwäche an ihn wenden und sagen: „Herr, ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (Markusevangelium 9,24)

Unsere Schwäche jedenfalls, auch unsere Glaubensschwäche, ist schon mal kein Argument für Gott gegen uns – und auch keins von uns gegen ihn. Amen.