Ihr esst und werdet doch nicht satt

Ihr sät viel und bringt wenig ein; ihr esst und werdet doch nicht satt; ihr trinkt und bleibt doch durstig; ihr kleidet euch und keinem wird warm; und wer Geld verdient, der legt’s in einen löchrigen Beutel. (Buch des Propheten Haggai 1, 6; Monatsspruch für den Monat September 2021)

Hiermit gestehe ich, dass ich gelegentlich eine Filiale einer Fastfoodkette aufsuche, um dort – möglichst vom Autoschalter aus – einen Hamburger (oder auch zwei) klammheimlich zu verspeisen. Mir schmeckts und ich schätze, dass ich mit diesen Ausflügen ein Kindheitstrauma verarbeite, da sich meine Eltern – Gott hab sie selig! – lange geweigert haben, Kostgeld für Junkfood zu verteilen, geschweige denn mit uns dorthin zu gehen, wo es das gibt. Heute ist es umgekehrt: zumindest meine beiden Jüngsten muss ich zu solchen kulinarischen Fehltritten überreden und versprechen, am nächsten Tag wieder selbst zu kochen. Aber bei aller verschämter Liebe zum BigMäc, sie wird nicht erwidert: man isst und wird doch nicht satt.

Haggai, der Prophet, trifft also einen wahren und wunden Punkt und es überrascht höchstens, dass einer schon vor 2500 Jahren davon spricht. Es gibt Nahrung und Getränke, die einen hungrig und durstig lassen, Kleidung, „Fast Fashion“, die einen nicht wärmt, Verschwendung, die arm macht; also insgesamt einen Lebensstil, der mehr verbraucht, und ohne dass uns das guttäte. Darauf aufmerksam zu machen wie unser Prophet Haggai und wie so viele Propheten unserer Zeit in den Initiativen und Aktionen gegen übermäßigen und zerstörerischen Konsum der natürlichen Ressourcen – darauf aufmerksam zu machen, heißt: „Nachhaltigkeit“ zu fordern.

„Nachhaltigkeit“ macht sich als Modewort verdächtig (fraglich ist allein schon, wie nachhaltig diese neue Vokabel unser Leben kommentieren wird und korrigieren kann) und wir würden es als Vokabel vergeblich in der Bibel suchen. Die von ihr gemeinte Sache finden wir aber durchaus und durchweg: „Solange die Erde steht, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (1. Mose 8, 22). Gott selbst verpflichtet sich und uns auf Erhaltung und Bewahrung der Schöpfung, auf Nachhaltigkeit in ihrem umfassendsten Sinne. Es geht immer darum, vom Ganzen (vom „Ökosystem“, wie man früher in meiner Jugend gesagt hat) her zu denken, um es insgesamt und alles, was darinnen ist, und damit auch uns, zu schonen und zu erhalten, vielleicht so: ein gesunder Geist in einem gesunden Körper eines gesunden Menschen in einer gesunden Welt. Umgekehrt werden wir nicht lange (über)leben können in einer zerstörten Umwelt – wie uns nicht erst dieser Sommer der Wasserfluten und Feuerstürme gezeigt hat.

„Nachhaltig“ kann so vieles heißen: Dass ein Butterbrot, und was anderes ist ein Sandwich mit Fleischklops eigentlich nicht, sättigt; dass ich die Zutaten vom Sonntagsessen auch mal in der Region und nach der Jahreszeit zusammensuche; dass die Erholung nicht erst Flugstunden entfernt, sondern in ein paar Minuten im Wald beginnt; dass ich unseren Stadtwald, um den uns jeder Besucher beneidet, nicht oder nicht nur als Sportparcours gebrauche, in dem Wildtiere keine Ruhe mehr finden oder dass ich hundertjährige Bäume in ein paar Jahren nicht aus Spaß kaputtklettere (und wem meine Beispiele nicht einleuchten, findet eigene und bessere!).

Und nicht nur die naheliegenden, sondern alle Lebensbereiche – Kleidung, Wohnung, Verkehr, Kommunikation, Arbeit, Hausbau (nachwachsende Baustoffe, siehe unten!): alle Lebensbereiche könnten von der Prüfung auf Nachhaltigkeit profitieren: Brauche ich das, was ich verbrauche? Behandle ich die Sachen nach ihrem Wert? Kann und soll ich mir das leisten, was ich da will? Ist für Kinder und Kindeskinder noch was übrig?

Vom besonderen Wert der Nachhaltigkeit weiß die Bibel und unser Prophet. Der setzt seine Mahnung mit einer Verheißung fort: Achtet doch darauf, wie es euch geht! Geht hin auf das Gebirge und holt Holz und baut das Haus! Und ich will Wohlgefallen daran haben und will meine Herrlichkeit erweisen, spricht der Herr. (Haggai 1, 7f)

Klaus Neumann, Pfarrer

6. Sonntag nach Trinitatis, 11. Juli 2021

Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten. Und Jesus trat herzu, redete mit ihnen und sprach: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. (Matthäusevangelium 28,16-20)

Noch bei den vertrautesten Texten wie diesem hier mit dem Taufbefehl erleben wir Überraschungen. So oft haben wir das als Gemeinde schon gehört und je nach Aufgabe im Gottesdienst gesprochen – bei jeder Taufe nämlich, also sicherlich ein paar 100 Mal pro Pfarrer in all den Dienstjahren; aber meistens ohne den einen Einleitungssatz, über den ich diesmal stolpere: einige aber zweifelten.

Zweifel? Wie kann das sein an dieser Stelle, die doch Gewissheit verlangt und Vertrauen fordert: von dem Täufling, der in der Taufe seinen Glauben bekennt; von denen die als Zeugen und Paten mit und für den Täufling ihren Glauben bekennen und seinen Glauben Versprechen; und natürlich vom Taufenden, der doch wissen muss, was er tut, und viel mehr noch, der dem glauben und vertrauen muss, auf dessen Namen er tauft: nämlich auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Einige aber zweifelten: Es mag Gelegenheiten geben, in denen der Zweifel – also das Wackeln in der Festigkeit des Glaubens erlaubt ist („Wackeln ist erlaubt“ wie unsere Online-Gymnastiktrainerin im Lockdown nicht müde wurde zu verkünden); das mag in Glaubensdingen sogar insgesamt erlaubt und unvermeidlich sein, weil es ja etwas betrifft, was man hofft und was man nicht sieht. Gerade wir in der Thomasgemeinde sind schon namenshalber Experten des Zweifels und berufen uns auf Thomas den Zweifler, der erst sozusagen auf dem zweiten Bildungsweg zum Glauben an der Auferstandenen gefunden hat. Gerade wir Evangelische erkennen mit Martin Luther den existentiellen Zweifel der Anfechtung, in der der Glaube erschüttert aber letztlich – durch die Anfechtung hindurch – gestärkt wird, so gestärkt wird, wie es ein bloß glückliches aber letztlich taubes Erleben nie könnte (so wie erst beim gymnastischen Wackeln die Tiefenmuskeln gestärkt werden: Zweifel stärken die Faszien des Glaubens!). Nur ein in seinen Überzeugungen einbetonierter Fundamentalist kannte keinen, kennt keinen und wird keinen Zweifel kennen.

Aber nun Zweifel ausgerechnet im Zusammenhang der Taufe, der Lehre, der Mission, des abschließenden Vermächtnisses Jesu, als beinahe letztes Wort über die Jünger: einen unpassenderen Ort für den Zweifel scheint es nicht zu geben; wann, wenn nicht hier, brauche ich Gewissheit, Überzeugung und Überzeugungskraft, die über alle Zweifel erhaben sind. Dennoch steht da: einige aber zweifelten. Und dabei ist diese Übersetzung des Theologen der Anfechtung, also Martin Luthers, noch zu milde, beinahe schönfärberisch, denn das griechische Original macht gar keine zahlenmäßige Einschränkung und Milderung. Statt einige aber zweifelten, was dann heißen könnte, nein heißen müsste, dass andere, sogar die Mehrheit der Jünger nicht zweifelte; stattdessen muss es wohl heißen: sie aber zweifelten. Der zweifelnde Thomas also nicht als Ausnahme sondern als Regel; die Jünger begegnen ihrem Jesus und hören ihn bei der letzten Gelegenheit und bei Entgegennahme des letzten Auftrags, dem Tauf- und Missionsbefehl insgesamt als – Zweifelnde, wie kann das sein?

Vielleicht so: Das Symbol des Wassers der Taufe kann uns einen Hinweis geben, zumal die einzige andere Stelle, an der Matthäus genau diese Vokabel „zweifeln“ verwendet, eine Wassergeschichte und zwar der berühmte missglückte Seewandel des Petrus ist; dieser kann zunächst seinem Meister Jesus über das Wasser nachgehen, aber als er daran zweifelt, versinkt er im Wasser. Petrus zweifelt und seine Zweifel lassen ihn im Wasser versinken, in demselben Wasser, das ihn vorher im Glauben getragen hat.

Wenn auch das „Auf dem Wasser Wandeln“ eher eine Spezialdisziplin der Nachfolger Petri, also dann wohl der Kirchenleitung, sein mag und auch dort eher eine Randerscheinung geblieben sein soll, begegnet der Zusammenhang von Glauben, Zweifel und Wasser jedem, der Schwimmen lernen will. Denn was ist eigentlich der entscheidende Schritt vom Nichtschwimmen zum Schwimmen? Erst kürzlich in einem Radiofeature zum ausgefallenen Schwimmunterricht in Zeiten der Pandemie, konnte man hören und erfahren, dass der eigentliche Durchbruch im Schwimmunterricht nicht die Technik ist, die man lernt und auch nicht das Training der richtigen Muskeln, die man aufbaut, obwohl beide, Kraft und Technik, natürlich superwichtig und unerlässlich sind. Sondern das Entscheidende – so die bestimmt namhafte Schwimmforscherin im Radio, deren Namen ich leider vergessen habe – das Entscheidende ist die Überwindung meiner Wasserangst und die Erfahrung, dass das Wasser – das bekanntlich keine Balken hat – mich dennoch trägt.

Das alles Entscheidende beim Schwimmen ist also das Vertrauen in den Auftrieb des Wassers. Deshalb können Säuglinge von Geburt an Schwimmen, nämlich weil sie noch keine Wasserangst ausgebildet haben; für sie ist es ja eine Rückkehr ins vertraute, gerade erst verlassene Element. Ohne Praxis verlernen sie das Schwimmen bloß recht bald wieder, um es irgendwann neu und mühsam lernen zu müssen. Auch in späteren Phasen, etwa bei der Verfeinerung der Schwimmtechnik kommt es immer darauf an, den Auftrieb des Wassers – wie ein Fisch im Wasser – vertrauensvoll erst ganz bewusst, dann selbstverständlich und ohne darüber weiter nachzudenken, zu nutzen; die Schwimmzüge, die Atmung, die Wasserlage nach den Gesetzen von Verdrängung und Auftrieb aquadynamisch zu optimieren. Das Gegenteil dazu ist, wenn ich in Angst und Wasserzweifel gegen das Element ankämpfe, es wild trete und schlage und dann darin unweigerlich versinke.

Wir müssen nicht annehmen, dass Jesus und die Seinen über die Zusammenhänge des Schwimmerwerbs grübelten; aber das hindert uns nicht, solches Wasserwissen für den Glauben zu nutzen und dabei die feine Logik ausgerechnet des Zweifels im Zusammenhang mit der Taufe zu durchschauen. Mit dem Hinweis auf den Zweifel der hörenden Jünger – einige, besser: sie aber zweifelten – wird uns angezeigt, dass der Moment der Taufe nicht einen der felsenfesten Gewissheit markiert, sondern dass die Taufe den fließenden Übergang vom Zweifel zum Glauben in Szene setzt, ihn zeigt, darstellt, und darin feiert – also den Moment inszeniert, in dem wir – bildlich gesprochen – das Schwimmen lernen. Zum Glauben, den wir in der Taufe feiern, gehört keine einfache Zweifellosigkeit des Glaubenden und keine schlichte Unbezweifelbarkeit des Glaubensgegenstandes – wer hat denn mehr Zweifel auszuhalten als Gott selbst – sondern zum Glauben gehört die Überwindung des Zweifels und das Leben-Können mit dem wiederkehrenden Zweifel: Glauben ist eigentlich das immer wieder zum Glauben Kommen.

Getauft sein, heißt, ich habe gezeigt, ich habe es mir gezeigt, ich habe es mir durch Gott zeigen lassen, dass ich schwimmen, also dass ich glauben kann. Deshalb hat es Sinn, mich in Zeiten des Zweifels und der Anfechtung dieses Moments zu versichern, so wie Luther, der von Anfechtungen berichtet, in denen er sich vom Teufel bedroht sah und diesem ein trotzig gewisses „Ich bin getauft“ entgegengeschleuderte; ungefähr so wie man sich vor dem Sprung ins tiefe Wasser ein kräftiges „Ich kann schwimmen“ sagt.

Es spricht nur für unsere Analogie, dass sowohl bei der Taufe als auch beim Schwimmenlernen die Säuglinge eine gewisse Sonderrolle einnehmen; eigentlich können sie schon von Anfang an, was sie später wieder lernen müssen, was Unterricht auf der einen und Tauffeier auf der anderen Seite überflüssig erscheinen lassen. Ich erinnere mich an heiße Diskussionen mit unserem lieben Gemeindeglied und Kirchenvorsteher Hartmut Visbeck – Gott hab ihn selig – der vehement die Kindertaufe abgelehnt hat, nicht etwa wegen eines „noch nicht“ (wie bei den Baptisten, die sagen, dass Kinder noch nicht über ihren Glauben entscheiden können) sondern wegen eines „schon längst“ und eines „viel mehr“; seiner Meinung hatten Kleinkinder schon längst und viel mehr davon, was ihnen in der Taufe erst noch zugesprochen wird.

Von unserer Schwimmanalogie könnte man nun entgegnen, dass gerade die Säuglingstaufe den besonderen Moment einer starken Ursprungsgewissheit – das Urvertrauen – nutzt, um uns im Rückblick und durch die Erinnerung umso besser gegen die unvermeidlichen Stürme und Fluten des Zweifels zu schützen, um also dem Teufel in allen seinen Verkleidungen entgegenzuschleudern: Ich bin getauft! Ich weiß Gott von Anfang an auf meiner Seite.

Dieses Bekenntnis: Ich bin getauft! ist die kurze Antwort auf ein langes – ein lange und weit reichendes – Versprechen: Siehe ich bin euch alle Tage bis an der Welt Ende. Amen.

5. Sonntag nach Trinitatis, 4. Juli 2021

Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft. Denn es steht geschrieben (Jes 29,14): »Ich will zunichtemachen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.« Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? Denn weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die da glauben. Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit; denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind, und die göttliche Schwachheit ist stärker, als die Menschen sind. (1. Korinther 1,18-25)

„Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel.“ („Lukas Podolski“, aber eigentlich Jan Böhmermann als derselbe)
In diesen Tagen liegen, was Torheit und Weisheit angeht, Fußballweisheiten besonders nahe:
„Mal verliert man und manchmal gewinnen die anderen.“ (Otto Rehagel)
„Da hat man schon kein Glück und dann kommt noch Pech dazu.“ (Jürgen Wegmann)
„Fußball ist ein einfaches Spiel. 22 Leute jagen 90 Minuten einem Ball hinterher und am Ende gewinnen immer die Deutschen.“ (Gary Lineker)
Nicht immer bereitet es ein so großes Vergnügen, die Torheit von Weisheiten zu verspotten wie bei solchen Fußballweisheiten. Oft genug werden sie – das kann sie entschuldigen – wenige Minuten nach dem Schlusspfiff von denen geäußert, die vorher dem Ball hinterherrannten und die im günstigen Fall schussgewaltiger sind als wortgewaltig, passgenauer mit dem Ball als präzise mit ihren Worten. Beim Fußball liegt die Wahrheit schließlich auf dem Platz und nicht im Mikrophon. Und außerdem hätte jeder auch vor dem vergangenen Dienstag wissen können – wenn er vielleicht nicht gerade aus England kommt – dass deutsche Fußballer ganz prima verlieren können, auch hoch und auch deutlich. Eine Chronik krachender Fußballkatastrophen erspare ich uns, aber sie würde bestimmt nicht bei diesem Turnier beginnen und ganz sicher wird sie dort nicht enden.
Vermutlich gehört das sogar zu den größten Stärken von Sportlern und echten Champions, Schwäche auszuhalten und Niederlagen zu ertragen. Natürlich rennen, spielen, raufen wir, um zu gewinnen, aber je mehr Mitbewerber umso größer die Wahrscheinlichkeit, nicht zu gewinnen. Das weitaus wahrscheinlichste Ergebnis einer Europameisterschaft mit 24 Teilnehmern ist, einer von den 23 Verlierern zu sein und nicht der eine Europameister zu werden und weise ist folglich der, der mit seiner Niederlage rechnet und sie aushalten kann. Zum Tor aber macht sich der, der den anderen keine Tore zutraut.
Schwäche aushalten, Niederlagen ertragen, mit Verlusten rechnen – das wäre der nicht-religiöse Ertrag der christlichen Religion, der auch sportlich relevant ist, aber noch viel mehr als das. So wie der Fußball insgesamt Spiel und Spiegel des Lebens ist, so ist er es gerade in dieser Sache von Verlust und Niederlage: Jedes Leben endet mit einer Niederlage, in der Niederlage des Todes und es ist sinnvoll, sich darauf einzustellen. Nicht nur Hochbetagte müssen mit dem Tod rechnen (was uns in unglücklichen Grenzfällen bis auf den Fußballplatz verfolgt wie zu Beginn der EM: Spiel und Spiegel des Lebens!) und es macht immer ein wenig ratlos, wenn die Angehörige dieser Hochbetagten zum Ausdruck bringen, dass ihre 90-, oder 100jährigen Verwandten unerwartet gestorben sind. Womit hatten sie denn gerechnet? Was hatten sie denn erwartet?
„Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen“ (Evangelisches Gesangbuch 518) – und an seinem Rande noch viel mehr. Bewusstes Leben hat sich damit auseinanderzusetzen: „Herr lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“ (Psalm 90,12). Die alten Griechen haben diesen Umstand zum Wesensmerkmal der Menschen gemacht und von uns Menschen als den Sterblichen gesprochen – im Gegensatz zu den Unsterblichen, nämlich den Göttern. Und auch der merkwürdige Gebrauch des Begriffs höherer oder niedriger Sterblichkeit durch die Wächter der Corona-Pandemie kann über den Umstand nicht hinwegtäuschen, dass die menschliche Sterblichkeit bei genau 100% liegt und – nach Ansicht der Griechen – die der Götter bei exakt 0%: Alle Menschen sterben, aber kein Gott.
Vor diesem Hintergrund geht Paulus davon aus – und vielleicht hat er auch welche in der griechischen Metropole Korinth so reden hören – dass den für ihre Liebe zur Weisheit berühmten Griechen das Wort vom Kreuz eine Torheit, also ein Quatsch, ein Blödsinn ist – und zwar gleich eine doppelte Torheit sein muss, da es den Tod des unsterblichen Gottes und die Auferstehung eines sterblichen, gestorbenen Menschen verkündet: Jesus Christus als gekreuzigter Gott und zum ewigen Leben auferweckter Mensch. Was für ein Quatsch, werden sie in der Mehrheit gesagt haben, was für ein Blödsinn, was für eine Torheit! Wie es sie für uns Heutige ja immer noch ist, weil sie allem, was wir für wahr halten zwischen Himmel und Erde widerspricht: Menschen leben nicht ewig und Götter – falls es sie geben sollte – sterben nicht.
Von der griechischen Reaktion ist die der jüdischen Landsleute des Paulus nur wenig unterschieden: sie halten die Rede von einem auferweckten Gekreuzigten für ein Ärgernis, für ein Skandal, wie es im Original heißt – also ebenfalls für einen Blödsinn, aber einen anstößigen Blödsinn, wohl weil er erkennbare jüdische Wurzeln hat und die jüdische Religion gleich zusammen mit der jüdischen Sekte – die die christliche Religion zu Zeiten des Paulus noch war – zu diskreditieren droht: Die Christen könnten von anderen, von Außenstehenden, für Juden gehalten werden – wurden das auch in jener Zeit – und dann mit solchen – wie sie es für sie waren – gotteslästerlichen Reden eines sterbenden Gottes und ewig lebenden Menschen identifiziert werden. Mehr als nur ärgerlich, ein Skandal! Was erlauben sich die Christen! (Der aufmerksame Fußballfreund darf hier das ferne Echo dieses Vorwurfs mithören: „Was erlaube Struuunz?!“ [Giovanni Trapatoni in seinem legendären Fernsehinterview])
Paulus wendet sich gegen solche möglichen und tatsächlichen Vorwürfe – und verzichtet dabei auffallend auf Erklärungen oder gar Rechtfertigungen, die ohnehin nicht verfangen würden: bei den Kritikern sowieso nicht und die Glaubenden brauchen sie nicht, da in ihnen das angeblich törichte und skandalöse Wort längst wirkt: als Gottes Kraft, die mehr und anderes als die ewige Fortsetzung unseres bisherigen Lebens bewirkt! Das Leben geht nicht einfach so weiter, oder doch?
„Lebbe geht weider“ ist als weises Wort des großen Frankfurter Fußballlehrers Stepi Stepanowitsch in die Herzen der Fans und die Weisheitslehren des schönen Spiels geschrieben: als Glaubenssatz nach schmerzlichen Niederlagen, als Trostwort verletzter Gemüter und als Aufmunterung zu neuen Anstrengungen. Wer könnte diesen Zuspruch gerade nötiger haben als die gekränkte deutsche Fußballseele: „Lebbe geht weider“, so haben es die verständigen Mütter und Väter ihren verstörten Kleinen am Dienstag erklärt.
Aber so sehr in diesem Wort eine Verheißung künftiger Auferstehung aus den Ruinen in Glanz und Gloria – vom Tod ins Leben – laut wird, so wenig trifft es die Aussageabsicht vom Wort vom Kreuz, das keine Verlängerung der irdischen Lebenszeit verspricht und keine Rückkehr ins alte Leben; sondern ein gänzlich neues und anderes Leben bei Gott – durch einen Gott, der den Tod auf sich nimmt, um uns dieses neue und andere Leben zu geben.
Für welche Torheit, für welche Weisheit entscheiden wir uns – oder eher: welche Torheit, welche Weisheit hat sich uns erwählt und lebt längst in uns? Oft genug muss man sich entscheiden – man kann nicht alles haben! – oft genug geht nur das eine oder das andere. Manchmal aber doch nicht. Als herrlichster Torheit der Welt, darf man sich am Fußball erfreuen, ohne der törichten Weisheit unseres Glaubens zu entsagen. Es könnte sogar sein, dass einem im Spiel die ernsten Dinge des Lebens klarer werden – und das umgekehrt der Glaube uns Schwächephasen und Niederlagen im Spiel erklären und ertragen hilft.
Spielen und Glauben können sogar Verbündete sein, wenn sie jeweils auf ihre Weise die Torheit falschen Ernstes und die Torheit falscher Gewissheit entlarven: Denn die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind, und die göttliche Schwachheit ist stärker, als die Menschen sind.
Und so wollen wir in dieser Sommer- und Urlaubszeit noch ein letztes Mal auf die weise Torheit eines unserer Fußballhelden hören, der in seiner aktiven Zeit immer wieder von sich reden gemacht hat. Es soll uns Weisung und Weisheit für Urlaub und Urlaubsziel sein:
„Mailand oder Madrid. Hauptsache Italien!“ (Andi Möller, der in seinen präzisen Analysen von seinem Trainer Stepanowitsch profitiert haben dürfte.)
Amen.

Ökumenischer Freiluft-Gottesdienst: Sommergruß und Reisesegen

Samstag, 10. Juli 2021, um 19.00 Uhr auf dem Kirchplatz von St. Mauritius

Ev. Thomasgemeinde, Kath. Kirchort St. Mauritius und Koptische St. Georg- & Mauritiusgemeinde

Auf dem Weg in einen hoffentlich schönen und gesunden Sommer laden wir Sie und Ihre Familien in dreifacher Ökumene herzlich zu Gebet, Musik und Segen auf den Kirchplatz von St. Mauritius ein!

Liturgische Gestaltung: Pastoralreferent Stefan Herok (kath.), Pfarrer Dr. Klaus Neumann (ev.) und Erzdiakon Mina Ghattas (kopt.)

Musikalische Gestaltung: Organist Alexander Groß

Bitte tragen Sie eine med. Maske, tragen sich mit Adresse in die Teilnehmerliste ein und achten jederzeit auf ausreichend Abstand zueinander. Vielen Dank!

4. Sonntag nach Trinitatis, 27. Juni 2021

Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte.Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen. (1. Buch Mose 50, 15-21)

Meine große Schwester erinnert sich an ihren Religionsunterricht in der Grundschule, dass sie dort jedes Jahr die Josephsgeschichte durchgenommen hätten und sie will damit nicht sagen, dass das besonders interessant gewesen wäre, war es nämlich nicht, und ich habe darin auch immer die Warnung an den kleinen Bruder mitgehört, diesem Beispiel nicht zu folgen.

Das mag zum Teil einer gewissen rückblicksbedingten Übertreibung geschuldet sein, aber wenn nun diese Erinnerung weder Begeisterung für das Fach noch Interesse an der Geschichte hinterlassen hätte, so wäre das schon auch bedauerlich; zuerst natürlich, weil Religion bekanntlich das schwierigste und zugleich das schönste Schulfach ist, weil es da nicht nur um etwas sondern um alles geht – aber auch weil gerade die Josephsgeschichte eine überaus spannende und lebensnahe Erzählung ist – eine Art Novelle, die die Verhältnisse und Konflikte unter Geschwistern darstellt und deutet, wie sie – behaupte ich – jeder Bruder und jede Schwester mit ihren und seinen Geschwistern erlebt: Vertrautheit und Entfremdung, Liebe und Gewalt, Eifersucht und Solidarität, leuchtendes Vorbild und abschreckendes Beispiel, Bevorzugung und Zurückweisung durch die Eltern, Trennung und Versöhnung, gemeinsame Erzählungen und abweichende Erinnerungen, sogar die Neufigurierung in Patchworkfamilien mit teils denselben und teils neuen Elternteilen: all das buchstabiert die Josephsgeschichte in ihrem Zeitkolorit durch – ganz wie im richtigen Leben unter Geschwistern. Genau das – also die Fülle der Identifikationsmöglichkeiten – dürfte der Grund ihrer religionspädagogischen Popularität sein wie auch ihre Anziehungskraft als Vorlage moderner Literatur: „Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?“ wie Thomas Mann seinen Josephsroman beginnt.

Mit unserem Predigttext blicken wir ganz am Ende der Erzählung in den tiefen Brunnen der Vergangenheit, sollen die Vorgeschichte der Szene mitdenken, wie wir sie im Gedächtnis haben – auch wenn wir sie nicht in der gleichen Gründlichkeit studiert haben sollten wie meine Schwester – und wir sollen – tun das natürlich auch ganz unwillkürlich – mit unseren Geschwistererfahrungen abgleichen, uns an das gemeinsame Glück erinnern und das gegenseitige Leid, die völlige Vertrautheit als Kind, die als Erinnerung immer noch da ist – wen kennen wir besser und mit wem haben wir mehr erlebt als mit unseren Geschwistern? Unseren Liebes- und Lebenspartner schonmal nicht, denn der ist ja erst irgendwann viel später in unser Leben gekommen – und dann das eigene, eigenständige und gegenseitig fremde Leben als Erwachsene – wer kann sich fremder werden als Bruder und Schwester? Beinahe fremder als getrennte und geschiedene Paare, weil der Riss noch tiefer geht, bis zur Wurzel meiner selbst.

Die Geschwisterdynamik der Jakobssöhne, die doch die gleiche Wurzel haben, gemeinsam aufgewachsen sind, sich mal gemocht, geliebt haben mussten, kennt das ganze Register von Überheblichkeit hochfahrender Träume bis Neid über ein Geschenk des Vaters, einen albernen roten Rock!, und Eifersucht über die Liebe der Eltern; sie weiß von Dominanzgebahren – „ich bin größer, stärker und klüger als Du“, von Verschwörung – „dem zeigen wir´s“ – bis zur Mordlust und dem Wunsch, dass der andere ganz weit weg sein möge, nach Ägypten hin und weg, damit man sich nie wieder sieht. Aber man sieht sich wieder, man begegnet sich wieder, man gerät in Abhängigkeit und dann liegt das Leben in der Hand dessen, dem man den Tod gewünscht hat. Dann doch lieber selbst das Weite suchen, wenn es denn ginge.

Gerade der Tod der Eltern – wie hier der Tod des Stammvaters Jakob – führt Geschwister wieder zusammen oder zeigt ihnen wie sehr sie sich auseinandergelebt haben oder – und das nicht selten – beides zugleich: Der Tod der Eltern führt sie zusammen – als Fremde, als sich gegenseitig Fremdgewordene. Immer wieder erlebt man das als Seelsorger in Trauerangelegenheiten, dass Hinterbliebene es für erklärungsbedürftig halten, dass sie sich nicht mit ihren Geschwistern verstehen oder nicht einmal mehr miteinander sprechen; dabei stellt das beinahe den bedauerlichen, kaum tröstlichen Normalfall dar, statistisch gesehen jedenfalls scheint das viel häufiger vorzukommen als Bruder und Schwester, die sich über dem Grab ihrer Eltern die Hände reichen; auch das kommt vor, Gottseidank! – aber eben nicht als Selbstverständlichkeit.

Der Handschlag über die garstigen Gräben des gemeinsamen – und des ungemeinsamen – Lebens ist auch Josef und seinen Brüdern nicht selbstverständlich, fällt ihnen nicht leicht, auch wenn sie es noch so wollen. Keineswegs immer reicht der bloße Willen zur Versöhnung: „Es ist mir nicht gegeben, mich mit meinem Bruder zu versöhnen“ – klingt mir als Satz im Ohr aus einer Situation, in der der Sprecher sein ehrliches Bedauern und sein aufrichtiges Bemühen ausdrückt, ohne die versöhnende Hand reichen zu können: zu viel war geschehen, zu Großes lastete auf der Brust, zu tief war der Graben zwischen den Brüdern, zu sehr hatten sie – damals – Böses einander zu tun gedacht; wie bei Josef, dass er sich über seine Brüder stellte und die anderen, dass sie ihn töten wollten und schließlich in die Sklaverei verkauften. Manchmal – wie hier – ist das Problem zwischen Brüdern, zwischen Menschen größer, als dass es gelöst werden könnte – als dass es von Menschen gelöst werden könnte.

Und da kommt die Religion ins Spiel, eher ihr Gegenstand, Gott selbst, mit seinen unerschöpflichen Gaben der Gnade und der Barmherzigkeit, um uns zu versöhnen: Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen. Gott, der uns wie Josef und seinen Brüdern, Gelegenheiten gibt, immer wieder, immer neu, aufeinander zuzugehen, die Gräben zuzuschütten, vielleicht nicht gleich und auf einmal, aber irgendwann hoffentlich schon. Ein Notfall, eine Not könnte ein Anlass, eine Gelegenheit sein, wie bei den Josefsbrüdern die Hungersnot, die sie Hilfe suchen lässt, die ihnen ihr verstoßener Bruder gewährt; auch eine Krankheit ließe sich denken, die uns bewegen könnte, uns auf unsere Geschwister zuzubewegen; eine bevorstehende Operation mit ungewissem Ausgang. Da müsste man sich doch vorher mal wiedersehen, mal miteinander ins Reine kommen, damit es nachher nicht zu spät ist.

Allerdings bleibt der Ausgang wie in der Josefsgeschichte lange offen, bis zuletzt, aus Gründen. Denn die Geschichte, die die Geschwister eint und trennt ist ja keineswegs zufällig, auch wenn sie von allerlei Zufälligkeiten und Kontingenzen beeinflusst sein mag – einer Karawane, die gerade vorbeizieht; einem Ziel, dass die Reisenden haben; einer Hungersnot, die ausgerechnet zu dieser Zeit hereinbricht. Die Trennungsgeschichte ist dennoch keineswegs zufällig, sondern sie ist eine Ableitung, eine Funktion der Wesen, der Persönlichkeiten, der Charaktere der handelnden Personen – und insofern wie gesagt alles andere als zufällig.

Wenn auch unsere Lebensgeschichte zwar nicht durch unsere Person völlig vorherbestimmt ist, bestimmen wir aber doch in jedem Moment unseres Lebens in Aktion und Reaktion und Passion, wie es von uns aus weitergeht, gestaltend oder stillhaltend, aktiv oder passiv, als Autor unserer Lebensgeschichte oder als Blatt, dass beschrieben wird. Für unsere Konflikte und ihre Lösungen heißt das, dass der Mensch, mit dem ich mich versöhnen will, derselbe ist, mit dem ich mich gestritten habe – mit allen Wesenszügen, die zu diesem Zerwürfnis geführt haben, und der bleibenden, manchmal nagenden Frage, ob es mit diesem Menschen, so wie er ist, überhaupt Frieden geben kann (ob es mit mir überhaupt Frieden geben kann). So wie in der Josefsgeschichte bleibt die Versöhnung auch deshalb möglicherweise für lange Zeit ungewiss und gefährdet; und anders als die Josefsgeschichte muss unsere nicht gut ausgehen.

Aber immerhin sehen wir und lernen das an Josef und seinen Brüdern, dass eine Versöhnung selbst nach schwersten Verletzungen möglich ist und von Gott unbedingt gewünscht und gefördert wird.

Nichts Menschliches ist der Bibel fremd – keine Gräueltat, kein Unrecht, keine Gewalt; die Menschen der Bibel schonen sich als Handelnde und uns als Lesende nicht – und man mag sich bisweilen fragen, ob die Bibel in allen Zügen schulkindgerecht erzählt. Aber neben dem Menschlichen, Allzumenschlichem und dann eben auch menschlich Unzulänglichem weiß die Bibel mit ihren Geschichten vom Göttlichen: vom unbedingten Versöhnungswillen Gottes: das ist der Zielpunkt unserer Geschichte heute. Und das darf dann auch gelegentlich wiederholt werden, bis es sitzt.

Gott wird wie bei Josef und seinen Brüdern keine Ruhe geben, bevor sich die Geschwister versöhnt haben. Damit lässt Gott weder los noch locker. Gott möchte uns Menschen, mit sich und seinesgleichen versöhnen: Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen. Amen.

Bilder des ökumenischen Freiluft-Gottesdienstes zum Tag des Johannes mit Johannisfeuer

Ev. Thomasgemeinde & Kath. Kirchort St. Mauritius

Samstag, 26. Juni 2021, 21.00 Uhr auf dem Vorplatz der Thomaskirche

Mit Klaus Neumann und Stefan Herok

Lisa Rau (Gesang), Eva Heiny (Trompete) und Gabriela Blaudow (Klavier)

In der Zeit um die kürzeste Nacht des Jahres wird in vielen Gemeinden an den Geburtstag von Johannes dem Täufer, dem Wegbereiter Jesu, mit einem Gottesdienst und einem Feuer gedacht. Das Johannisfeuer – bei uns ein Feuerkorb – symbolisiert Johannes‘ Zeugnis vom „wahren Licht der Welt“.

Bilder der ökumenischen Pilgerwanderung

Die diesjährige Pilgerwanderung von St. Mauritius und der Thomasgemeinde am 12. Juni 21 hatte die „Nachhaltigkeit“ zum Thema. Unter der Leitung von Förster Karl-Heinz Kliegel führte unser Waldpilgern vom Jagdschloss Platte über „Rentmauer“ und Eiserne Hand durch unterschiedliche Waldbilder bis zur Wiesbadener Fasanerie.

Dritter Sonntag nach Trinitatis, 20. Juni 2021

Es nahten sich ihm – Jesus – aber alle Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. Und die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen.

Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eines von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er’s findet?

Und wenn er’s gefunden hat, so legt er sich’s auf die Schultern voller Freude. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.

Oder welche Frau, die zehn Silbergroschen hat und einen davon verliert, zündet nicht ein Licht an und kehrt das Haus und sucht mit Fleiß, bis sie ihn findet? Und wenn sie ihn gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freut euch mit mir; denn ich habe meinen Silbergroschen gefunden, den ich verloren hatte. So, sage ich euch, ist Freude vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.

(Lukasevangelium 15, 1-10)

Viele – vielleicht alle Familien kennen Geschichten des Verlorengehens – unsere geht so: Ein kleines Mädchen geht am Strand spazieren. In den vergangenen Tagen hat es diesen Ort für sich entdeckt, mit ihren Geschwistern und Eltern: das Meer, den Sand, Strandhafer, Muscheln, Wind, Weite Sonne.

Nun will sie etwas weiter gehen, den neuen Ort erkunden, nicht unbedingt allein, aber gerne selbständig, mal hierhin, mal dorthin, ohne Richtung, aber mit Neugier und dem Ziel, noch mehr zu sehen und noch mehr kennenzulernen. Und so läuft sie – nun doch immer in derselben Richtung, ein paar Dutzend, ein paar Hundert Meter weit, immer weiter. Es sieht genauso aus, wie an der Stelle ihres Aufbruchs, aber doch ganz anders. Sie dreht sich ein paar Mal um, geht weiter, immer weiter, sieht die Geschwister und die Eltern nicht, die müssten eigentlich da sein, sind sie aber nicht.

Die haben dafür auch gemerkt, dass die Jüngste fehlt. Ein Schrecken durchfährt sie. Wo ist sie hin? Sie kennt sich ja nicht aus. Sie ist ja noch so klein. Ist was passiert? Sie suchen nach allen Richtungen, fragen die anderen Strandbesucher, am Meeressaum rechts und links, in den Dünen, im Strandwäldchen, auf den kleinen Wegen zu den Sommerhäuschen – ein großes Gelände, uneinsehbar, unübersichlich, deshalb ist es ja so schön – aber auf einmal hat sich die Schönheit in Schrecken verwandelt. Der zur Panik neigende Elternteil fällt in Panik – was kann nicht alles passiert sein? – steckt den vernünftigeren an. Es sind ja bisher gut zehn, bald gut zwanzig, bald dreißig Minuten her. Wann und wo und wie werden wir sie finden?

Natürlich suchen wir weiter, manche Ecken an denen schon einer war, immer wieder. Und dann entdecken wir sie – nach unendlichen, vielleicht vierzig Minuten – doch; folgen einem Hinweis: eine Zweijährige? ganz alleine? die ist in diese Richtung gelaufen.

Wir glauben sie zu erkennen, ganz am anderen Ende der weiten Bucht, ein paar Hundert Meter entfernt, ein Pünktchen in den Farben ihrer Kleidung zwischen anderen Pünktchen, aber vielleicht ist sie es gar nicht, vielleicht aber doch. Und wir rennen los – ein panisches Wettrennen, ein paar Minuten dauert es dann noch, der große Bruder gewinnt, nimmt sie in die Arme, große Freude.

Auch die Kleine, wiedergefundene Verlorene war in Angst, verzweifelt über ihr Verlorensein, in Tränen aufgelöst, und erst allmählich das Glück der Gefundenen fassend, so wie wir anderen auch.

Zurückgekehrt an unseren Strandplatz begrüßt uns die zurückgelassene, nur etwas größere Schwester, auch freudig, dass wieder alle da sind, dabei ganz gelassen; wozu die Aufregung? Ihr war klar, dass die andere wiedergefunden würde, anderes konnte und musste sie noch nicht denken.

Viele – vielleicht alle Familien kennen Geschichten des Verlorengehens, des Suchens, des Wiederfindens – besonders der Angst und Verzweiflung über jenes und der Freude und des Glücks über dieses. Wenn ich die Geschichtensammlung des Lukas im 15. Kapitel von der Freude über das widergefundene Verlorene lese – diese Sammlung von Geschichten sich steigernder Freude von Schaf und Groschen und Sohn, dann kann ich nicht anders als an jenes Erlebnis am Strand vor mittlerweile ganz paar Jahren denken, das mich nicht mehr aufwühlt, aber immer noch bewegt: Das verlorene, wiedergefundene Töchterchen.

Und an solche Begebenheiten – des Verlorengehens und der Verlorenheit einerseits und der Freude über das Wiederfinden andererseits – sollen wir denken, wenn wir über Gott und uns nachdenken. In ihnen sollen wir begreifen, wie sich Gott um uns bemüht, wie Gott keine Mühe scheut uns zu suchen und zu finden – und dabei fühlt wie wir: den tiefen Schmerz über die Verlorenen, Hoffnung und Zweifel während der Suche und die große Freude über die Gefundenen: Gott gibt die Verlorenen nicht verloren; das Suchen und Finden der Verlorenen sind ihm Passion und Profession und seine Freude über die Gefundenen, die viel größer ist als die über die, die sich schon haben finden lassen: So groß ist Gottes Gnade.

Damit wäre beinahe schon alles gesagt – wären da nicht die nicht zu überlesenden Bemerkungen über den auffällig unterschiedenen Grad der Freude, über Unterschied und Steigerung der Freude über das wiedergefundene Verlorene; die Steigerung besteht vor allem im Verlustquotienten: 1/100 der Schafe – 1/10 der Groschen – ½ der Söhne (und unausgesprochen!: 1/1 der Zuhörer, also die Zuhörer im Ganzen) waren verloren und werden wiedergefunden: der Finder des einen Schafs freut sich über dieses mehr als über neunundneunzig andere, oder die Finderin des einen Groschens mehr als über die neun anderen – oder der Vater des einen Sohn mehr noch als über einen anderen – wie beim verlorenen Sohn, über den wir in der Lesung gehört haben, und dessen eifersüchtigen, neidischen Bruder, der so ganz anderes reagiert als das weise Töchterchen in der Familiengeschichte; die hat sich gefreut, wieder gemeinsam spielen zu können; der andere – der in der Gleichnisgeschichte – wurde zornig und wollte nicht mitfeiern, heißt es, und macht seinem Vater stattdessen Vorhaltungen über dessen vermeintliche Ungerechtigkeit: Du hast mir nie einen Bock gegeben. Schön ist das nicht, so zu reagieren, aber verstehen kann man ihn ja in seiner Kränkung und gefühlten Zurückweisung. Nicht jeder erhält sich die Weisheit der Freude einer 4jährigen.

Übertreibt es hier vielleicht doch einer, also Gott – der ja gemeint ist – mit seiner Freude über seinen Fund – und untertreibt er, hintertreibt er damit nicht seine Gerechtigkeit? Übertreibt es Gott hier nicht mit seiner Gnade zulasten der Gerechtigkeit. Ist Gott mit seiner Gnade im Unrecht?

Merkwürde Frage! Ungerecht kann Gott hier doch nur derjenige finden, der seine eigene Gerechtigkeitserwartungen über die Möglichkeiten Gottes stellt und dessen Fähigkeiten der Gnade unterschätzt. Gottes Gnade aber ist größer als unsere Gerechtigkeitsvorstellung – und manchmal übertrifft sich Gott sogar selbst. Auch das liegt ja in unseren Geschichten des verlorenen Wiedergefundenen, dieses Moment der Ungewissheit und der Überraschung; und sei es ein erweiterter Gerechtigkeitsbegriff, der jedem nicht nur das als das seine zukommen lässt, was er verdient, sondern was er braucht: Gott ist mit seiner Gnade im Recht!

Mit diesem Fund über die unerschöpfliche Gnade Gottes ist unser Gleichnis aber noch keineswegs ausgeschöpft. Wie mit allen seinen Geschichten lädt uns Jesus und laden uns seine Biografen, die Evangelisten, ein, sich selbst in den verschiedenen Rollen und Figuren auszuprobieren und wiederzufinden; und immer wieder wird es da zu überraschenden Perspektivwechseln kommen mit Aha-Erlebnissen unterschiedlicher Intensität:

Das bin ja ich, der Sucher; nein, ich, der Gefundene; nein, ich, der ich immer da war; nein, ich über den größere oder ich über den die kleinere, oder ich über den keine Freude herrscht bei Gott. Wie in einem Vexierspiegel dreht und verändert sich der Sinn, der sich gerade für mich und gerade jetzt erschließt:

Was wäre, wenn gar nicht nur das Verlorene verloren und von Gott zu finden wäre? Was wäre, wenn die durch Jesus Angesprochenen – also wir – die Verlorenen wären, die von Gott gesucht würden und darauf hoffen dürfen, gefunden zu werden? Was wäre, wenn Gott gerade durch solche Geschichten uns suchen und zu finden versuchen würde? Was wäre, wenn wir dann – endlich, endlich – unsere Verlorenheit einsehen und zu Gott zurückkehren würden? Was wäre wenn wir uns ganz dem Glück des Gefundenen hingeben könnten? Also das wäre eine richtig gute Nachricht für uns Verlorene – und große Freude im Himmel! Amen.

Zweiter Sonntag nach Trinitatis, 13. Juni 2021

Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber darum, dass ihr prophetisch redet! Denn wer in Zungen redet, der redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott; denn niemand versteht ihn: im Geist redet er Geheimnisse. Wer aber prophetisch redet, der redet zu Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung. Wer in Zungen redet, der erbaut sich selbst; wer aber prophetisch redet, der erbaut die Gemeinde. Ich möchte, dass ihr alle in Zungen reden könnt; aber noch viel mehr, dass ihr prophetisch redet. Denn wer prophetisch redet, ist größer als der, der in Zungen redet; es sei denn, er legt es auch aus, auf dass die Gemeinde erbaut werde. Nun aber, Brüder und Schwestern, wenn ich zu euch käme und redete in Zungen, was würde ich euch nützen, wenn ich nicht mit euch redete in Worten der Offenbarung oder der Erkenntnis oder der Prophetie oder der Lehre? So verhält es sich auch mit leblosen Instrumenten, es sei eine Flöte oder eine Harfe: Wenn sie nicht unterschiedliche Töne von sich geben, wie kann man erkennen, was auf der Flöte oder auf der Harfe gespielt wird? Und wenn die Posaune einen undeutlichen Ton gibt, wer wird sich zur Schlacht rüsten? So auch ihr: Wenn ihr in Zungen redet und nicht mit deutlichen Worten, wie kann man wissen, was gemeint ist? Ihr werdet in den Wind reden. Es gibt vielerlei Sprachen in der Welt, und nichts ist ohne Sprache. Wenn ich nun die Bedeutung der Sprache nicht kenne, werde ich ein Fremder sein für den, der redet, und der redet, wird für mich ein Fremder sein. So auch ihr: Da ihr euch bemüht um die Gaben des Geistes, so trachtet danach, dass ihr sie im Überfluss habt und so die Gemeinde erbaut. 

(1. Korinther 14,1-12)

„Bla, Bla, Bla“ schmückte vor ein paar Jahren in großen Buchstaben das T-Shirt eines unserer Konfirmanden, was wohl als Kommentar auf sein Erleben in Unterricht und Gottesdienst zu lesen war.

„Bla, Bla, Bla“ könnte auch die knappe aber zutreffende Inhaltsangabe mancher Konferenzen sein, Elternabende eingeschlossen; Sitzungen des Kirchenvorstandes ausdrücklich nicht!

Und wenn Sie heute, liebe Schwestern und Brüder, den Inhalt der Predigt mit einem augenrollenden „Bla,Bla,Bla“ zusammenfassen, soll mich das nicht kränken. Denn genau darum geht es heute im Predigttext: um silbige Lautgebilde ohne vernünftigen Inhalt, um unverständliche lautmalende Verdoppelungen von Silben, um Lautreihen ohne oder ohne eindeutige Bedeutung: kurz um Glossolalie, also um „Bla,Bla,Bla“ in Gebet und Gottesdienst.

Was ist das überhaupt, Glossolalie? Glossolalie ist das von Paulus erfundene griechische Wort für das unverständliche Sprechen im Geist, wörtlich „Zungenrede“: Unser Wort Lallen stammt hörbar vom griechischen Wort „Lalein“ ab, das in Glossolalie steckt. Lallen ist selbst ein Lallwort wie: Mama, Papa, summ-summ-summ, Lalala; Tralala; Barbar; Abba; BlaBlaBla, also lautmalerische und silbenverdoppelnde Lautgebilde, die oft erst – aber durchaus nicht immer – durch den wiederholten Gebrauch eine Bedeutung annehmen können, wie in den Tierrufen, die zu Tiernamen werden – aber keineswegs müssen: Wau-Wau, Guru-Guru, Kuckuck, Zilpzalp.

Lallworte bilden als „kanonisches Lallen“ eine wichtige Stufe – die Lallphase – des frühkindlichen Spracherwerbs: ohne Lallen, kein Sprechen – wenn zum Entzücken der Eltern aus der Reihe Mamamamamama endlich Mama und aus Papapapapa schließlich Papa wird.

Auch Erwachsene fallen bisweilen in silbige Lautgebilde ohne weitere Bedeutung zurück – krankheitshalber oder alkoholinduziert etwa – aber auch – durchaus willentlich – im populären oder im karnevalistischen Lied: „Yeah, Yeah, Yeah“ in der Liverpooler Variante; „Ritsch Ratsch die Bötz kapott“ auf Kölsche Weise und „Rucki-Zucki“ auf Meenzerisch. Auch der Alpenjodler darf hier genannt werden: „Jodelidi-dudödel-du“ (ob es dann zu einem Jodeldiplom reicht, muss sich zeigen). Und von dort ist es nicht mehr weit zu den Rufen der Wagnerschen Walküren: „Hojotoho“; oder dem Gesang der Rheintöchter: „Wagalaweia Wallala weialaweia“ bis zu den Lautgedichten eines Christian Morgenstern oder Ernst Jandl als kulturellen Hochformen der säkularen, nicht-religiösen Glossolalie:

Das große Lalula

Kroklokwafzi? Semememi!

Seiokrontro – prafriplo:

Bifzi, bafzi; hulalemi:

quasti basti bo …

Lalu lalu lalu lalu la! (1. Strophe des gleichnamigen Gedichts von Christian Morgenstern)

Glossolalie bedient sich solcher in ihrer Bedeutung nicht festgelegter Lautreihen und hält sie – nun in ihrer religiösen Ausprägung – für direkte Äußerungen des göttlichen Geistes.

Während Glossolalie in unseren Gottesdiensten – wie ich finde: zurecht – keine Rolle spielt, ist sie heutzutage das Markenzeichen charismatischer und pfingstlicher Gemeinden. Allein: Auf den Apostel Paulus können sie sich nicht berufen, eher schon auf seine Gegner in Korinth, die wie sie die Glossolalie als Ausweis ihrer Begabung durch den Geist sehen: Nur die Glossolalen – so die Behauptung – sind die wahren Charismatiker und erwerben so ihren Ruhm.

Dieser Behauptung – ihrem Wahrheitsmoment aber vor allem ihrer Widerlegung – widmet der Apostel das ganze 14. Kapitel seines Korintherbriefs, aber auch schon die Ausführungen in den vorausgehenden Kapiteln gehören dazu: Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle – womit Paulus die Liebe – und zwar als Fürsorge, Rücksichtnahme, Erbarmen: also Nächstenliebe – vor alle charismatische und pseudocharismatische Leistungsschau stellt. Strebt nach der Liebe! (V.1) bringt es Paulus gleich im Einleitungssatz kurz und knackig auf den Punkt – und meint damit: Strebt nach der Liebe – und nicht nach glossolalischen Geist-Erweisen.

Paulus erwidert den Glossolalen und Charismatikern in Korinth, dass insbesondere die Zungenrede nicht – zumindest nicht ausreichend – der Erbauung meines Nächsten und dem Aufbau der Gemeinde dient, weil sie nämlich die zwischenmenschliche Kommunikation verweigert: Glossolalie spricht im besten Fall mit Gott und im schlimmen Fall nur mit mir selbst – keinesfalls aber mit meinem Nächsten. Und immer wenn Paulus der Zungenrede ein relatives Recht einräumt oder ein zaghaftes Lob zu zollen scheint, verbindet er es mit einer Pflicht zur Übersetzung, weil sonst Sprecher und Hörer sich gegenseitig zum „Barbaren“ (V.11), schlimmer noch: zum „Idioten“ machen: Wenn du Gott lobst im Geist, wie soll der, der als Unkundiger – wörtlich im Griechischen: als Idiot – dabeisteht, das Amen sagen auf dein Dankgebet, da er doch nicht weiß, was du sagst? (1. Korinther 14,16). Und genauso bin ich mir noch jedes Mal in sogenannten charismatischen Gottesdiensten vorgekommen, als Barbar und Idiot – und habe in meinem Hochmut die anderen ebenfalls dafür gehalten.

Wenn wir also heute mehr als das „Bla,Bla,Bla“ mitnehmen, dann ist es die absolute Hochschätzung der verständlichen Sprache im Gottesdienst, weil nur sie den Anderen, den Nächsten erreicht und Gemeinschaft bilden kann. Und wenn Paulus sein Plädoyer für die verständliche Sprache in die universelle Aussage münden lässt: Es gibt vielerlei Sprachen in der Welt, und nichts ist ohne Sprache. (V.10), dann kann man darin auch ein Echo des alles durchdringenden Wortes – des Logos – Gottes hören: Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort (Anfang des Johannesevangeliums, Johannes 1,1).

Und mitzunehmen ist weiterhin der wiederholte Hinweis auf die Notwendigkeit uns gegenseitig zu übersetzen und zu deuten und auszulegen – Paulus verwendet das Wort, dass unserer Hermeneutik, unserer Lehre vom Verstehen und Deuten zugrunde liegt. Keineswegs nur den unverständlichen Zungenredner gilt es zu übersetzen und zu deuten – verständlich zu machen – sondern im Grunde alles und jedes, zumindest jede menschliche Äußerung, die eigenen zuerst: Wer also in Zungen redet, der bete, dass er´s auch auslegen könne. (14,13; Ist aber kein Ausleger da, so schweige er in der Gemeinde und rede für sich selber und für Gott 14,28). Paulus plädiert für den Vorrang der Hermeneutik, also des Verstehens, der Deutung, der Auslegung – Religion als Lebensdeutung, Religion als Deutung aller Lebensäußerungen: wie wahr! – was könnte daran auszusetzen sein?

Vielleicht das: Jede Deutung bedeutet eine Distanzierung vom Geschehen. Deutung teilt und trennt – nämlich meinen Verstand vom Erlebnis. Deutend trete ich aus dem Geschehen heraus, stelle mich neben mich, schaue mir selbst über die Schulter. Manche kennen das von solchen Momenten auf einer Party oder in Gesellschaft, wenn wir uns nach ausgelassenen Momenten auf einmal fragen: Was mache ich eigentlich hier? Dann ist die Stimmung futsch.

Deutung ist immer Deutung von etwas und reden über etwas – nicht die Sache selbst. Deutung produziert unvermeidlich einen Verlust an Gegenwart, an Lebendigkeit. Nichts ist unlustiger als ein erklärter Witz und nichts langweiliger als ein fortlaufend gedeuteter Gottesdienst – außer man machte die Deutung selbst zum Witz, bzw. die Deutung zum Teil des Gottesdienstes wie in der Predigt.

Vielleicht ging und geht es also den Glossolalen um das Erleben der Sache selbst, in diesem Fall um das Wirken des Geistes, um die Erfahrung der Gegenwart Gottes: „die unmittelbare Gegenwart des ganzen ungeteilten Daseins“ wie der Schleiermacherfreund Henrik Steffens sie erst für das Reich Gottes in Aussicht stellt. Dann wäre die Forderung des Apostel Paulus nach Deutung der Glossolalie ein schlichtes Missverständnis – allerdings genauso die Meinung der Korinther, dass das glossolalische Charisma einen Ruhm vor den Menschen begründe.

Diesseits solcher Missverständnisse müssten wir dem unmittelbaren Erleben von Sprache und der direkten Erfahrung von Präsenz Gelegenheiten verschaffen: wie es z.B. in den schon erwähnten Lautgedichten geschieht, die unter Umgehung der inhaltlichen Dimension die Materialität von Sprache hörbar und sichtbar machen, allerdings für den gottesdienstlichen Gebrauch kaum geeignet erscheinen; oder in manchen Meditationsübungen, die immer und immer wieder dieselbe Silbe, dasselbe Wort oder denselben Satz wiederholen: „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner“ (hundertfach hintereinander wiederholtes Jesusgebet der orthodoxen Kirche).

Oder – für mich einleuchtender – wie wir es in der Musik erfahren, die, wenn sie nicht gerade als Programmmusik eine Geschichte erzählen will, Ausdruck ohne Inhalt – Lieder ohne Worte – darstellt. Musik ermöglicht eine einzigartige Zeiterfahrung – mit jeder Note und jedem Takt erleben wir die Gegenwart und wie sie vergeht. Es ist sicherlich kein Zufall, dass dem Glossolalie-Kritiker Paulus hier Musik und Musikinstrumente einfallen: Zither und Flöte und Posaune, ihre Laute und Töne, wobei diese gerade keine inhaltsbezogene Sprache sprechen aber in ihren Tönen und Tonfolgen dennoch Menschen erreichen, Menschen bewegen und Menschen verbinden. Für viele ist das Musikerlebnis Gottesdienst – und für nicht wenige ist es das mehr als eine Predigt. Das muss man nicht kritisieren. Vielleicht ist Musik nämlich gerade das, was einen Gottesdienst davor bewahrt, eine „langweilige Schulstunde“ zu sein. (So die eindrückliche Kennzeichnung eines evangelischen Gottesdienstes durch unseren Heidelberger Lehrer und Theologen Dietrich Ritschl.) Amen.

Kirchenvorstandswahl 2021 – Wahlergebnis

Logo "Engagiert" zur Kirchenvorstandswahl 2021

Herzlichen Dank und herzlichen Glückwunsch!

Die Kirchenvorstandswahl am 13. Juni hat folgendes Ergebnis gebracht. In der Reihenfolge ihres Stimmergebnisses mit jeweils deutlich über Zweidrittel der abgegebenen Stimmen (160; 12,4 % der Wahlberechtigten Mitglieder der Thomasgemeinde) wurden gewählt:

Tom Reinefeld, 138

Corinna Jäger, 133

Katrin Sünderhauf, 133

Dr. Kevin Grau, 132

Björn Sauer, 132

Dr. Anne Sophie Meine, 131

Peter Schirmer, 130

Prof. Dr. Christian Sprang, 126

Wir danken den Wählerinnen und Wählern aus der Gemeinde für das große Vertrauen und sagen dem neuen (alten) Kirchenvorstand: Herzlichen Glückwunsch!

Einen herzlichen Dank auch dem Wahlvorstand – (v.l.n.r.) Dr. Jan Nieswiodek, Wolfgang Nierhaus, Barbara Ward und Kerstin Riedel – der in großer Gelassenheit und Ausdauer bei frischer Luft und Sonnenschein die Wahl geleitet hat.