Trinitatis, 31. Mai 2026, Konfirmationsjubiläum

Und der Herr redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der Herr segne dich und behüte dich;der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne. (4. Mose 6, 22-27)

Sprich deinen milden Segen
zu allen unsern Wegen,
laß Großen und auch Kleinen
die Gnadensonne scheinen.

So verdichtet, liebe Schwestern und Brüder, diese Segensbitte der Liederdichter Paul Gerhardt, dessen Leben und Lieder wir uns in diesem Jahr 2026 seines Todes vor 350 Jahren erinnern. Als Elfte von 15 Strophen hat Paul Gerhardt sie als Neujahrslied eines der schrecklichen Kriegsjahre des Dreissigjährigen Krieges jedenfalls vor 1648 gedichtet – und so singen wir sie, wie so viele seine Lieder; auch wir heute Morgen, noch heute.

Gedenkfeiern, Jubiläen und Jahrestage – Neujahrsmorgen und Geburtstage – auch goldene und silberne Konfirmationsfeiern sind wie Ausrufezeichen im Strom der Zeit. Sie unterbrechen unseren Alltag, geben ihm Sinn und Halt, und laden ein, unsere Lebenszeit unter Gottes Segen zu stellen, unsere Lebensgeschichte als in Gottes Geschichte mit uns Menschen verwickelt zu verstehen: Nicht bloß Ansammlung zufälliger Punkte in einem chaotischen Universum, sondern Linie mit Anfang und Ziel. Wir blicken zurück und wir schauen nach vorne, bedenken, was uns trägt und was uns behütet – Gottes Segen in unserem Leben.

Lasst uns singen:

1. Nun laßt uns gehn und treten
mit Singen und mit Beten
zum Herrn, der unserm Leben
bis hierher Kraft gegeben.

2. Wir gehn dahin und wandern
von einem Jahr zum andern,
wir leben und gedeihen
vom alten bis zum neuen

3. durch so viel Angst und Plagen,
durch Zittern und durch Zagen,
durch Krieg und große Schrecken,
die alle Welt bedecken.

Als goldene Friedensgeneration – Gottseidank! – kennen wir den Krieg und seine Schrecken nur von Ferne: aus den Erzählungen der Eltern und Großeltern, und durch die Nachrichten aus fremden Ländern. Unser Dichter dagegen kannte die meiste Zeit seines Lebens keinen anderen als den Kriegszustand, dessen Schrecken sich ihm und seinen Zeitgenossen in seiner unmittelbaren Gewalt zeigten, wie auch in den mittelbaren Folgen: Hunger, Seuchen, Unordnung, Verwahrlosung ganzer Landstriche und Länder – und aus seiner Sicht damit alle Welt bedeckten. Paul Gerhardt konnte deshalb so überzeugend vom Frieden als Gottes Segen singen und sagen, weil er den Fluch des Krieges kannte.

4. Denn wie von treuen Müttern
in schweren Ungewittern
die Kindlein hier auf Erden
mit Fleiß bewahret werden,

5. also auch und nicht minder
läßt Gott uns, seine Kinder,
wenn Not und Trübsal blitzen,
in seinem Schoße sitzen.

6. Ach Hüter unsres Lebens,
fürwahr, es ist vergebens
mit unserm Tun und Machen,
wo nicht dein Augen wachen.

Den ersten Segen unseres Lebens erfahren wir in den Armen unserer Mutter. Sie stiftet das Grundvertrauen, mit dem wir unser Leben bestehen können, und auch wenn es Zeit wird, die Arme der Mutter zu verlassen. Unsere persönlichen Jubiläen und Jahrestage lassen uns an Kindheit und Jugend zurückdenken, und an die Menschen, denen wir unser Leben verdanken, die uns so viel mitgaben an Gutem, aber auch manches schwere Gepäck, an dem wir bis heute tragen. Noch als Erwachsene, noch im Alter spüren wir das immer wieder, dass wir nicht die alleinigen Autoren unserer Lebensgeschichte sind – das ja auch – aber dass wir ebenfalls Geschichten fortschreiben, dass wir uns in Geschichten einschreiben, deren erster Satz nicht von uns stammt.

7. Gelobt sei deine Treue,
die alle Morgen neue;
Lob sei den starken Händen,
die alles Herzleid wenden.

8. Laß ferner dich erbitten,
o Vater, und bleib mitten
in unserm Kreuz und Leiden
ein Brunnen unsrer Freuden.

9. Gib mir und allen denen,
die sich von Herzen sehnen
nach dir und deiner Hulde,
ein Herz, das sich gedulde.

Eine der spannendsten Fragen unseres Lebens ist die nach seinen Zusammenhängen, nach Kontinuitäten und Kontrasten, nach Brüchen und Brücken: Bin ich mir eigentlich selbst gleich? Bin ich mir selbst gleich-geblieben? Was verbindet das Kind mit der Jugendlichen mit der Erwachsenen? Was verbindet mein jetziges Ich mit den vielen Ichs unterschiedlicher Lebensalter? Die meisten Zellen unseres Körpers dürften sich über die Jahre erneuert haben, Gedanken doch hoffentlich auch. Auf den Bildern von damals erkenne ich mich manchmal nur kaum. Und doch bin ich ganz gewiss, trotz aller Verschiedenheit dieselbe in den unterschiedlichen Zeiten und Phasen meines Lebens, nehme ich mich als die eine war in den Bindungen früherer Jahre: Verschieden und doch gleich; anders und doch identisch. – Übrigens kann man diese Frage auch an Gottes Wesen stellen; und sie wird folgerichtig und traditionell am heutigen Sonntag Trinitatis gestellt; und zwar nach der Einheit Gottes in seiner Verschiedenheit, nach der Identität von Schöpfer, Versöhner und Erlöser, nach Vater, Sohn und Heiligem Geist, nach Gottes eigener Geschichte , die er als Familiengeschichte erzählt; kurz: nach Gottes Treue an jedem neuen Morgen.

10. Schließ zu die Jammerpforten
und laß an allen Orten
auf so viel Blutvergießen
die Freudenströme fließen.

11. Sprich deinen milden Segen
zu allen unsern Wegen,
laß Großen und auch Kleinen
die Gnadensonne scheinen.

12. Sei der Verlaßnen Vater,
der Irrenden Berater,
der Unversorgten Gabe,
der Armen Gut und Habe.

Dem Dichter Paul Gerhardt – und darin kann er uns Anregung und Vorbild sein – sucht und benennt Konkretionen des Segens in der Vielfalt des Lebens. Ich glaube, dass unser individueller und gewohnheitsmäßiger Alltagsatheismus etwas damit zu tun hat, dass uns ganz einfach die Phantasie fehlt, den Segen unseres Lebens zu entdecken und ihn als Segen Gottes zu erkennen. Das barocke Lebensgefühl hingegen erlaubt es Paul Gerhardt im Gelingen und Gedeihen Gottes Segen zu erkennen: in freundlicher Gesellschaft, im Erkennen der Wahrheit, im Sieg der Gerechtigkeit, in Nahrung und Sättigung, in Genesung und persönlichem Glück. Überall dort, wo wir nicht mit unserer Not alleine bleiben und diese gewendet wird, ereignet sich Gottes Segen; zuerst und vor allem im großen Thema seiner und doch auch unserer Zeit: im Krieg und seiner Überwindung durch Frieden.

13. Hilf gnädig allen Kranken,
gib fröhliche Gedanken
den hochbetrübten Seelen,
die sich mit Schwermut quälen.

14. Und endlich, was das meiste,
füll uns mit deinem Geiste,
der uns hier herrlich ziere
und dort zum Himmel führe.

15. Das alles wollst du geben,
o meines Lebens Leben,
mir und der Christen Schare
zum sel’gen neuen Jahre.

Ein ganzes Leben in einem Lied – ein Lied wie ein Leben. Damit mag auch erklärt sein, warum sich Paul Gerhardt soviel Zeit nimmt in seinen Liedern, deren viele Strophen nur an den wenigsten Gelegenheiten alle gesungen werden. Er zeichnet wie gesagt unser Leben in die Geschichte Gottes ein. Gott ist der Anfang und das Ende unseres Lebens; an dem wird er uns in den Himmel führen. Bis dahin stehen wir – Jahr für Jahr, Tag um Tag – unter seinem Segen, dass er uns hier herrlich ziere. Darum bitten wir Gott:

Sprich deinen milden Segen
zu allen unsern Wegen,
laß Großen und auch Kleinen
die Gnadensonne scheinen.

Amen

Pfingstmontag 2026

25. Mai 2026, 10.00 Uhr vor der Thomaskirche

Der ökumenischer Gottesdienst mit St. Mauritius findet in diesem Jahr in der Thomasgemeinde statt. Pfarrer Ralf-Andreas Gmelin und Pastoralreferent i.R. Stefan Herok feiern den Pfingstmontag mit uns auf dem Vorplatz der Thomaskirche, am Flügel begleitet von Gabriela Blaudow. Im Anschluss an den Gottesdienst laden wir Sie alle herzlich zu einem kleinen Umtrunk unter den Kastanien ein!

Selig sind, die nicht sehen und doch glauben

Jesus spricht zu Thomas:

Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.
(Johannes 20,29)

In Sammlungen von Bildern alter Meister, die ich gerne besuche, ziehen mich die – ziemlich häufigen – Abbildungen des „ungläubigen“ Thomas besonders an. Ist er doch Hausheiliger und Namenspatron unserer Thomasgemeinde. Das verbindet, vielleicht geht es anderen mit ihrem Namensgeber genauso. Oft genug gerät die Darstellung des in die offene Wunde Jesu fassenden Thomas sehr körperlich, manchmal drastisch, so dass das Anschauen beinahe wehtut – wie hier auf einem mittelalterlichen Gemälde aus unserem Wiesbadener Museum. Das Gemälde wird, wenn ich mich nicht verguckt habe, anders als Taylor Swifts Ophelia aktuell gerade nicht gezeigt; aber demnächst bestimmt wieder.

Ich weiß nicht, ob ich diesen Umgang mit einer Wunde – sie offen zeigen, sie berühren – für nachvollziehbar halte. Der Griff hinein wäre ein Übergriff. Schon aus Gründen der Hygiene verhüllen wir unsere Wunden. Aber auch als Zeichen unserer Verletzlichkeit zeigen wir sie gewöhnlich nicht: Das muss ja nicht jeder sehen, wie schlecht es einem gerade geht. Und wenn wir uns nicht ausgerechnet die Chirurgie zum Beruf erwählt haben, scheuen die meisten von uns vor offenen Wunden zurück und schauen reflexhaft weg. Ausnahmen bestätigen die Regel. Thomas ist kein Arzt – die Wunde des gekreuzigten Auferstandenen wäre ohnehin nicht zu heilen – sondern er untersucht die Wunde Jesu, weil er etwas wissen will, ob nämlich die Erscheinung des Auferstandenen „real“ ist. Ihm reicht nicht die Auskunft anderer und nicht der bloße Anblick, der reine Schein, sondern er will es genau wissen, seinen Glauben vertiefen durch Zugriff und Eingriff, durch eigene Erfahrungen. Dabei kann ich aus Mangel an eigener Erfahrung keine Auskunft darüber geben, wie sich eine überzeugende Auferstehungserscheinung darzustellen hätte. Die Botschaft ist ja dennoch unmissverständlich: Was er nicht selbst gesehen und gefühlt hat, kann Thomas nicht glauben. Das dürfte jeder schon einmal so gehört und die meisten auch wohl gelegentlich selbst so gedacht haben. Genau das aber kritisiert Jesus, wenn er spricht: Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Mit diesem – keineswegs „ungläubigen Thomas“! – glauben, könnte also heißen, dass bei aller Kritikwürdigkeit und Unzulänglichkeit meines Glaubens, meine Bemühungen darum nicht umsonst sein müssen. Zweifel sind kein zwingender Trennungsgrund. Sie können auch Anreiz sein, den Glauben trotz allem für interessant zu halten und seinen Gegenstand erst recht ergreifen zu wollen: „Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben.“

Klaus Neumann, Pfarrer der Thomasgemeinde

(Foto: privat. Oberdeutscher Meister: Christus und der ungläubige Thomas, Ausschnitt, um 1520, Museum Wiesbaden)

Frühlingskaffee

Samstag, 9. Mai 2026, 15.30 Uhr, Gemeindehaus

„Wie lieblich ist der Maien / aus lauter Gottesgüt, / des sich die Menschen freuen, / weil alles grünt und blüht.“ (EG 501)

Die ev. Thomasgemeinde lädt Sie herzlich ein zu einem gemeinsamen Nachmittag im Gemeindehaus mit Erdbeerkuchen, Kaffee und Tee und viel Gelegenheit für nette Gespräche. Gabriela Blaudow spielt und singt eine Auswahl der schönsten Frühlingslieder mit uns.

Wir freuen uns über Ihre Anmeldung bis zum 6. Mai 2026 im Gemeindebüro unter der Tel. 0611 20 46 331 oder Thomasgemeinde.Wiesbaden@ekhn.de.

„Tempel, Kirche, Weihestein“ – Museumsführung im sam

Sonntag, 19.4.2026, 16.00 Uhr: sam – Stadtmuseum am Markt in Wiesbaden

Ev. Thomasgemeinde und Kath. Kirchort St. Mauritius

Waren Sie schon einmal im sam? Direkt unter dem Marktplatz sind faszinierende Schätze aus der Römerzeit, dem Mittelalter und der Neuzeit zu entdecken, die man in unserem Stadtgebiet gefunden hat. Jedes der 200 Objekte erzählt eine eigene Geschichte. Der Weihestein aus dem Mithras-Heiligtum etwa: er stammt vermutlich aus einem Mithrastempel Ecke Coulinstraße/Am Römertor, der um das Jahr 260 von den Alamannen zerstört worden war. Oder der Stein des Eppo, ein Zeugnis des Christentums in Wiesbaden zur Zeit der Römer, oder die barocke Seitentür der ursprünglichen St. Mauritius-Kirche am Mauritiusplatz mitten in Wiesbaden, die den Brand von 1850 überstand…

Wir laden Sie alle herzlich zu einer einstündigen Führung unter dem Titel „Tempel, Kirche, Weihestein“ durch die Dauerausstellung im Stadtmuseum am Markt ein! Der Treffpunkt ist um 15.50 Uhr im Museumseingang. Die Führung ist für die Teilnehmenden kostenlos, ebenso der Eintritt ins sam. Das Museum freut sich über eine Spende. Im Anschluss an die Führung kehren wir noch ein, wer mag.

Gerne können Sie sich bis 16.4.26 unter asmeine@gmx.de oder Tel. 0162 7474131 anmelden.