Pfingsten, 5. Juni 2022

So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.

Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt war, das tat Gott: Er sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches und um der Sünde willen und verdammte die Sünde im Fleisch, damit die Gerechtigkeit, die das Gesetz fordert, in uns erfüllt werde, die wir nun nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist.Denn die da fleischlich sind, die sind fleischlich gesinnt; die aber geistlich sind, die sind geistlich gesinnt. Denn fleischlich gesinnt sein ist der Tod, doch geistlich gesinnt sein ist Leben und Friede. Denn fleischlich gesinnt sein ist Feindschaft gegen Gott, weil das Fleisch sich dem Gesetz Gottes nicht unterwirft; denn es vermag’s auch nicht. Die aber fleischlich sind, können Gott nicht gefallen. Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich, da ja Gottes Geist in euch wohnt. Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein.

Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen. Wenn aber der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.

(Brief des Paulus an die Römer 8,1-11)

Wenn Menschen ihre Angehörigen im Sterben begleiten, berichten sie oft von diesem besonderen Moment des Übergangs vom Leben zum Tod, den alle Sterblichen, den alles Lebendige zu gehen hat, auch wir zu gehen haben, die wir unter dem Gesetz des Todes leben.

Bei aller Mühe, die uns das Sterben bereitet, ist das dann eher eine Erlösung, wenn der letzte Atemzug gemacht wird und endlich gemacht ist. Sein Leben aushauchen – oft hört man diesen letzten Atemzug ganz deutlich und er bleibt in Erinnerung als etwas Bedeutsames, wie denn auch nicht?

Meine große Schwester hat davon berichtet, keineswegs sentimental, was nicht ihre Art wäre, aber doch sehr eindrücklich, wie nach eher qualvollen Stunden der letzten Nacht – vor Jahren war das – meine Mutter und ihr Atem allmählich ruhiger wurde und dieser irgendwann aufhörte, der letzte Atemzug getan war. Als ich sie dann am nächsten Morgen wiedertraf waren beide verändert, offensichtlich meine Mutter, die das – also sie selbst – nicht mehr war ohne Atem und Leben; aber auch meine Schwester hat trotz ihrer nüchternen, in diesen Lebenssituationen besonders hilfreichen Art eine Weile gebraucht wieder für sich ins Leben zu finden.

In diesem Moment des Sterbens trennt sich der Geist von unserem Fleisch; in den alten Sprachen ist das oft dasselbe Wort: Atem und Geist. Es ist ja nicht nur der Atem der endet, sondern auch der Geist – das Denken und Fühlen kommt zu einem Ende. Der leblose Körper ist nach einem kurzen Moment unserer Orientierungslosigkeit kein Mensch mehr, sondern nur seine sterbliche Hülle, die sterblichen Überreste, die – wie es die Pietät gegenüber dem Verstorbenen und die Solidarität mit den Lebenden verlangt – möglichst würdig zu beseitigen sind. Erde zu Erde.

Wie die Bibel erinnert, beginnt menschliches Leben, das mit dem letzten Atemzug endet, auch mit einem Atemzug, und zwar dem Hauch Gottes, der als Geist Gottes dem Menschen – nichts anderes heißt Adam – das Leben einhaucht. Ganz am Anfang des Lebens heißt es am Anfang der Bibel: „Da machte Gott der Herr den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.“ (1. Mose 2,7)

Was die Bibel mythologisch erzählt, aber doch auch für uns Heutige nachvollziehbar und bis heute gültig erzählt, lässt sich biologisch nur schwer bestimmen: Wann beginnt das menschliche Leben? Wann erfüllt uns der Geist, den wir dann irgendwann als Gottes Geist begreifen lernen? Sicherlich nicht erst mit unserem ersten eigenen Atemzug, dem bis heute auf grobe Weise handgreiflich nachgeholfen wird – was hoffentlich mittlerweile der einzige Klaps auf den Hintern eines Kindes bleibt.

Aber mit dem ersten höchstpersönlichen Atemzug beginnt nicht erst das Leben, denn schon lange vor der Geburt atmet die Mutter für uns mit, gelangt Sauerstoff durch die Nabelschnur in das sich bildende Körperchen und beginnt neben allem anderen auch unseren Geist zu bilden und unsere Seele zu formen. Die vorgeburtlichen Erfahrungen gehören genauso zu unserem Seelenkostüm wie alles, was danach passiert. Dennoch bleibt natürlich unsere Geburt das entscheidende Ereignis unseres Lebens: Ein Mensch, mit Geist, mit Seele kommt auf die Welt, den gab es vorher nicht.

Der Apostel Paulus setzt diese Weltsicht des Menschen aus Fleisch und Geist voraus, die man keineswegs als die Lehre vom „Gespenst in der Maschine verunglimpfen“ oder schlichtweg für veraltet halten muss; denn sie knüpft an Menschheitserfahrungen an und verarbeitet Beobachtungen des Alltäglichen und sie ist nur dann falsch, wenn sie sich gegen neue Beobachtungen und Erkenntnisse verschließt.

Der Apostel Paulus zeichnet sie jedenfalls in sein Verständnis der christlichen Erlösungsbotschaft hinein. Er spekuliert nicht über die Erneuerung des Fleisches und den Widereintritt in unser altes Leben nach dem Tod, sondern er erkennt im Geistbegriff einen Anknüpfungspunkt für die Bedingung der Möglichkeit unserer Auferstehung. Und zwar allein der Glaube – nichts anderes ist damit gemeint, dass Christus in uns ist – bewirkt, dass wir mit Christus leben, selbst wenn wir sterben.

Der absoluten Trostlosigkeit der Fleischlichkeit – wir würden heute von Materialismus sprechen – also der absoluten Trostlosigkeit des Materialismus, setzt er die geistige Existenz des an Christus Glaubenden gegenüber. Nur der Glaube bewahrt uns vor der Verdammnis, die wir im Verfall unseres Fleisches als Gleichnis erkennen. Um es mit dem Heidelberger Katechismus zu sagen: Jesus Christus ist mein einziger Trost im Leben und im Sterben – ohne ihn ist alles Tod und Finsternis.

Nun ist es aber so, dass selbst der frommste und fröhlichste Mensch nicht aus eigener Kraft stets und ständig einen solchen Glauben, der sich an Christus hängt, in sich findet und aus sich selbst produzieren kann. So viel – zu viel! – spricht dagegen, gegen diesen Trost des Glaubens – und so viel für die Stärke der Schwachheit des Fleisches im persönlichen Bereich aber auch im Öffentlichen: unsere eigene Todesverfallenheit – (ohne Sie beleidigen zu wollen) wenn der Blick in den Spiegel nicht reicht, schaut euch die Briefe mit den Befunden eurer Ärzte an! – und die Todessehnsucht ganzer Gesellschaften, die wir gerade wieder im Kriegskult eines Volkes erleben – mit der Verherrlichung militärischer Stärke und der Verklärung der Menschenopfer: fleischlich gesinnt sein ist Feindschaft gegen Gott.

Und so wichtig es ist, die militärische Selbstverteidigung eines Landes zu unterstützen, so viel wichtiger ist es, Erfahrungen des Friedens und des Lebens zu schaffen, um die Logik des Krieges zu bekämpfen.

Und hier kommt der Heilige Geist mit seinem Hochfest der Pfingsten ins Spiel. Dieser Geist hilft unserer Schwachheit auf, wie es die Chöre nach Bachs Noten in diesen Tagen singen. Dieser Geist stupst und stößt und drängt uns auf die Erfahrungen des Friedens und des Lebens, die uns vielleicht sonst entgangen wären – und sei es bei einem Schwimmbadbesuch, wenn wir hier ukrainische Kleinkinder mit ihren Zuflucht suchenden Müttern planschen sehen, uns daran freuen, dass es ihnen wenigstens in diesem Moment bei uns offensichtlich gut geht, und darüber erschrecken, dass ihre Papas womöglich im Krieg sind und – das möge Gott verhüten – schon nicht mehr leben.

Geistlich gesinnt sein ist Leben und Friede: Der Heilige Geist schafft Atempausen in den Konflikten des Lebens. Er reißt uns aus dem Tod ins Leben, zeigt uns das Leben neu. Er entgiftet uns vom Hauch des Todes, belebt uns mit dem Atem des Lebens.

Davon will Paulus, selbst ein Getriebener des Geistes, uns überzeugen: Wenn aber der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt. Amen.

Konfirmation am 29. Mai 2022

Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen! Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss es nicht, was er dir Gutes getan hat: der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit. (Psalm 103,1-4)

Aus reinem Überschwang singen, voller Begeisterung – voller Übertreibung ja auch – das Herz voll und der Mund überfließend – so singt der Vers hier vom Dank und von der Freude über Gott.

So geradezu ekstatisch nach außen gekehrt kennen wir das kaum aus unseren Gottesdiensten, die ja meistens an eine langweilige Schulstunde erinnern, sondern wir kennen es eher aus dem Fußballstadion, wenn uns die Choreographie und der Gesang mitreißen und in ganz seltenen Fällen – so ungefähr alle vierzig Jahre – auch das mitreißende Spiel selbst, wie neulich mal wieder im Waldstadion nicht weit von hier; oder eben vor 42 Jahren am selben Ort, was die Dichter nicht ruhen und ihre Helden in Hymnen damals besingen ließ:

„Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht,
Die den großen Gedanken vermochte, den
Knaben zu träumen, zu denken – und dann auch zu
Bilden mit den schnellen, beseelten, jauchzenden
Füßen des Jünglings: Flink, flitzend,
Flirrend und flackernd – nicht lange fackelnd,
Doch feuernd und feiernd; den fühlenden Herzen
Frankfurts zur Freude.
Bum Kun Cha! Freund aus dem Osten! Fremdling bist
Du nicht länger – nicht bitt’res Los ist Exil
Dir! Heimat, die zweite, du fandst sie. …“ (hier nach Wikipedia)

10 solche Verse lang besingt der Dichter Eckhardt Henscheid den Star jener Mannschaft; denkt euch Kostic in seinen besten Momenten und legt dann noch ne Schippe drauf, dann habt ihr einen Eindruck vom Spiel dessen, der da besungen wird. Genug davon.

Denn nicht von Fußballgöttern singt unser Psalm, sondern von Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde. Gibt es Momente, in denen wir solche Begeisterung für Gott empfinden, so dass wir singen und loben wollen und danken, dass es ihn gibt und dass es uns gibt durch ihn?

Vielleicht dieser: Vor ein paar Jahren habe ich mich nach einer kniffligen Operation im Krankenzimmer wiedergefunden, überall voller Schläuche – gut vernetzt könnte man sagen; noch mit schwerer Zunge – aber keiner lustigen Tränke wegen; zwar ohne Schmerzen, aber ziemlich unbeweglich, auch noch unsicher, wie gut es gegangen ist, aber doch schon froh, dass es gutgegangen ist. Laut singen hätte ich da noch nicht können, aber innerlich habe ich da gesungen, gelobt und gedankt; meinem Gott zuerst, der mein Gebrechen geheilt und mich vom Verderben erlöst hat; aber auch dem Halbgott in Weiß, den er mir geschickt hat, mit seinen geschickten Händen – ein von Gott begnadeter Handwerker wie ein Chirurg verdeutscht heißt – mein Innerstes auseinander- und dann wieder zusammenzuflicken sich getraut hat. Das war ein solcher Moment der überschwänglichen Begeisterung, dass es mich gibt – noch gibt aus reiner Gnade und Barmherzigkeit.

Und dann gleich der zweite Moment dieser Art; denn Gott hatte mir auch noch einen Zimmernachbarn geschickt, einen komischen Kauz, dem es schon etwas besser ging als mir, der mir ungefragt seine Lebensgeschichte anvertraute und seine Philosophie gleich dazu, die er durch mancherlei wunderliche Rituale mit Leben füllte – und hoffentlich immer noch füllt. Eins davon war sein Morgengruß, den er Gottseidank nur in abgemilderter Form im Krankenhaus durchführte, nämlich sonst eigentlich unbekleidet – also hier: schicklichkeitshalber leicht bekleidet – sich ans geöffnete Fenster zu stellen, die Arme auszustrecken und ein paar Minuten tief einzuatmen; dabei den ganzen Kosmos – den Weltengott nach seiner Lehre – zu spüren und ihm zu danken und zu loben: Lobe den Herrn, meine Seele! Konvertiert bin ich nicht zu seiner Religion, aber mich an seinem Glauben gefreut, das habe ich.

Und dann auch noch den dritten und viele weitere Momente, nämlich immer wenn meine Liebsten zu Besuch kamen, ihren Kummer über mein kümmerliches Äußere verbargen und mir allein durch ihre Anwesenheit ihre Liebe zeigten und mich meines neugewonnenen Lebens freuen ließen.

Die Liebe zu unseren Nächsten kann uns immer wieder mit Begeisterung, mit Lob und Dank erfüllen, auch wenn sie uns viel zu selten tatsächlich singen lässt, warum eigentlich nicht? Welcher Moment in einem Menschenleben wäre denn noch mehr ein Lied wert, als wenn wir unserem Kind das erste Mal begegnen: verschrumpelt, erschöpft, schreiend – aber nun da, nach unserem Abbild und in unserer Verantwortung. Sehr zu Recht feiern wir diesen Moment in einem Leben als das wichtigste Fest gleich neben Weihnachten, Halloween und dem Gewinn des Europapokals: Wie schön dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst! Noch im spätmodernen Geburtstagslied klingt das uralte Danklied nach: Lobe den Herrn, meine Seele!

Wenn wir heute als Eltern unsere Kinder zur Konfirmation begleiten, dann denken wir jenen ersten uranfänglichen und viele weitere Momente mit; so viel haben wir mit euch schon erlebt, so viel habt ihr schon erlebt; und so viel mehr wird da noch kommen. Und ihr habt es schon erfahren, dass uns keineswegs immer zum Singen zu Mute ist und sein wird; wenn wir Leid spüren und Verluste hinnehmen müssen; wenn wir an anderen schuldig werden; wenn wir Unrecht erleiden oder wenn uns etwas Wichtiges misslingt – und damit meine ich bestimmt nicht die 5 in Mathe, die wir zugleich überbewerten, denn sie sagt ja nun mal nichts über unsere Persönlichkeit; andererseits aber auch unterbewerten, denn immerhin spiegelt die Mathematik die Ordnung und damit die Schönheit der von Gott geschaffenen Welt: die alten Griechen haben es passenderweise bei dem einen Wort für alles drei belassen: Kosmos als Ordnung, als Schönheit, als Welt. Lobe den Herrn, meine Seele, der Himmel und Erde geschaffen hat!

Mit der Konfirmation feiern wir das Leben, das uns Gott gegeben hat und – trotz allem – erhält; und wir schaffen mit ihr einen weiteren Moment, an den wir uns erinnern können; einen Tag wie diesen für die Unendlichkeit in unserem endlichen, begrenzten Leben.

Der Volksdichter Campino hat das für die Freunde der lauten und schnellen Musik so verdichtet:

„Ich wart‘ seit Wochen
Auf diesen Tag
Und tanz‘ vor Freude, über den Asphalt
Als wär’s ein Rhythmus
Als gäb’s ein Lied
Dass mich immer weiter durch die Straßen zieht

Durch das Gedränge
Der Menschenmenge
Bahnen wir uns den altbekannten Weg
Entlang der Gassen
Zu den einen Terrassen
Über die Brücken, bis hin zu der Musik

An Tagen wie diesen
Wünscht man sich Unendlichkeit
An Tagen wie diesen
Haben wir noch ewig Zeit. …“ (hier nach Wikipedia)


Wir müssen nicht denken, dass hier die Konfirmation besungen wird, aber wenn wir sie darin wiedererkennen, umso besser. Auch der Volksdichter und -sänger kommt nicht ohne Übertreibungen aus, wo doch seine Musik eine einzige maßlose Übertreibung an Lärm und Tempo darstellt; aber anders als er richten wir mit dem Psalmvers unseren Überschwang und unsere Übertreibungen an Gott; wir halten Gott für den, der uns Lebenszeit schenkt und in ihr die Momente der Ewigkeit dazu; diese kostbaren, krönenden Momente voller Gnade und Barmherzigkeit.

Wir feiern heute, dass wir nicht aus uns selbst leben; wir sind keine autonomen Monaden, die nur um uns selbst kreisen und für sich selbst da sind; sondern wir leben unser Leben von Gott her und zu Gott hin: Lobe den Herrn, meine Seele. Amen.

Konfis auf Kurs!

Am 29. Mai wurden die Konfirmandinnen und Konfirmanden des Jahrgangs 2021/2022 in zwei so festlichen wie fröhlichen Gottesdiensten von Pfarrer Dr. Klaus Neumann und Gemeindepädagogen Achim Hoock in der Thomaskirche konfirmiert. Anfang Mai waren sie, zusammen mit sieben weiteren Mädchen und Jungen aus der Versöhnungsgemeinde, eine sonnige Woche lang auf Konfi-Kurs im thüringischen Eichsfeld – der Besuch der Wartburg gehörte natürlich unbedingt dazu! An dieser Stelle noch einmal einen ganz herzlichen Glückwunsch allen frisch Konfirmierten und ihren Familien!

Nach dem Abendmahlsgottesdienst am Vorabend der Konfirmation – Fotos: K./A. Neumann

Sonntag Rogate, 22. Mai 2022

Und es begab sich, dass er an einem Ort war und betete. Als er aufgehört hatte, sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht:

Vater!
Dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.
Gib uns unser täglich Brot Tag für Tag
und vergib uns unsre Sünden;
denn auch wir vergeben jedem, der an uns schuldig wird.
Und führe uns nicht in Versuchung.

Und er sprach zu ihnen: Wer unter euch hat einen Freund und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf.

Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.  Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Wo bittet unter euch ein Sohn den Vater um einen Fisch, und der gibt ihm statt des Fisches eine Schlange? Oder gibt ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten! (Lukasevangelium 11,1-13)

Beten heißt: über seine Sorgen und Freuden sprechen.
Beten heißt: einem anderen so sehr zu vertrauen, dass man ihm sein Innerstes anvertraut.
Beten heißt: nicht von sich selbst alles erwarten.
Beten heißt: Gott für einen Ansprechpartner zu halten und ihn zu seinem Ansprechpartner zu machen.

Das sind ganz schön viele Bedingungen für das Beten, kein Wunder, dass es vom Aussterben bedroht ist. Wer betet denn noch in diesen Zeiten des allgemeinen Gelabers, des gegenseitigen Misstrauens, der quasi religiös verklärten Autonomie und außerdem gefühlte Jahrhunderte nach der Verkündigung des Todes Gottes? Uns scheinen die Voraussetzungen, die Möglichkeiten, die Fähigkeit und der Gegenstand des Betens abhandengekommen zu sein. Wir sind dem Gebet abhandengekommen; es liegt nicht in der Luft, es bietet sich nicht an, es verweigert sich unseren geplagten Seelen.

Und da wirkt es nur wie ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn ein ganzer Kirchenvorstand in seiner Klausur über die Psalmen meditiert oder ein Konfirmandenkurs im frommen Eichsfeld das Beten buchstabiert. Was wir übrigens mit viel Freude in den letzten Wochen getan haben, beides, und beides hoffentlich mit dem Gewinn, dass uns unsere Sprachlosigkeit vor Gott zumindest zeitweise gelindert wird. Wie nachhaltig, muss sich zeigen.

Unser Predigttext klärt uns darüber auf, dass es schon zur Zeit Jesu eine Not des Betens gab, einen Mangel an richtigen Worten, die Not des Beters in Worte zu fassen. Die hier geschilderte Episode verdankt sich ja der Aufforderung der Jünger, dass Jesus sie beten lehren möge, worauf dieser ihnen das – oder besser gesagt ein – Vaterunser vorspricht, denn die Version bei Lukas ist zwar deutlich als Vaterunser erkennbar, aber doch anders als die uns vertraute Fassung bei Matthäus. Hier bei Lukas klingt das Gebet konzentrierter und etwas kantiger; aber ich würde mich nicht darauf festlegen, was jetzt die ursprünglichere Fassung sei, die längere, die gekürzt, oder die kürzere, die verlängert worden wäre. In einer Kultur, die viel stärker als unsere durch Sprechen als durch Lesen geprägt war, ist auch denkbar, dass beide Fassungen Spielarten eines Grundmusters sind und mal so und mal so geklungen haben, wer kann das schon wissen?

In beiden überlieferten Formen folgt jedenfalls nach der Heiligung des Gottesnamens, die wir der jüdischen Gebetstradition verdanken: Dein Name werde geheiligt, und nach der Bitte um das Kommen des Gottesreiches: Dein Reich komme; eine dreifache Bitte, mit der im Grunde alle denkbaren, möglichen Gebetsbitten zusammengefasst und doch voneinander unterschieden werden:

  • Erhaltung der geschöpflichen Lebensgrundlagen; also nicht nur Brot sondern überhaupt Nahrung, Luft, Kleidung, Obdach usw; Gib uns unser täglich Brot Tag für Tag
  • Wiederherstellung der Gerechtigkeit durch Vergebung; also dass Gerechtigkeit nicht allein durch die Identifizierung der Schuld sondern erst durch ihre Vergebung wiederhergestellt werden kann: und vergib uns unsre Sünden; denn auch wir vergeben jedem, der an uns schuldig wird.
  • Rettung vor dem Bösen innerhalb und außerhalb meiner selbst: Und führe uns nicht in Versuchung.

Damit gibt das Gebet Jesu nicht nur den Wortlaut eines Gebets vor, der ja, wie wir sahen, durchaus auch variieren kann, sondern darüber hinaus einen inhaltlichen Leitfaden für die eigenen Gebete, um je nach Lebenslage unterschiedliche Schwerpunkte zu setzen, ohne aber die anderen Aspekte zu vergessen. Das leisten die 150 Psalmen in ihrer ganzen Fülle als Gebet- und Liederbuch des alten Israel auf ihre Weise ja auch. Ein Dankgebet an einem Frühsommermorgen – „Herr, deine Güte reicht so weit der Himmel ist“ (mit Psalm 36) wird anders klingen als die angstvolle Klage aus dem Schutzbunker „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ (mit Psalm 130) – im Vaterunser aber ist das alles jeweils mitgedacht: ziemlich viel Gebet in wenig Worten.

Im Anschluss an das Vaterunser, an dem wir Wortlaut und Inhalt eines Gebetes lernen, geht es dann um die Haltung von uns Betern, die der Text in ziemlich drastischen Beispielen als „unverschämtes Drängen“ vor Gott nun nicht etwa verurteilt, sondern fordert: Maximale Impertinenz ist gefragt!

Die alltägliche Bitte des Nachbarn an seinen Nachbarn um das, was er gerade nicht hat aber braucht – eine Prise Salz zum Kochen, ein Ei zum Backen, was weiß ich noch; hier halt Brote für einen unverhofften Gast – wird beinahe ins Absurde gesteigert, zumindest so weit, dass es uns wehtäte: Nächtens, nach dem zu Bett gehen, die Kinder haben längst die Zähne geputzt, ihre Geschichte gehört und gebetet; und man selbst dämmert so langsam in den Schlaf – da klopft und klingelt es und der bis eben noch sehr geschätzte, beinahe befreundete Nachbar steht vor der Tür und fordert nicht ein, nicht zwei, nein, gleich drei Brote für seinen Gast. Der hätte doch eher die eine oder andere Freundlichkeit ins Gesicht verdient oder zumindest den guten Rat, dass jetzt eben bis zum Morgen mal Intervallfasten angesagt ist. Und dann kriegt er halt doch seine Brote, aber nicht weil ich ihn noch mag, sondern weil dann endlich Ruhe ist und wir alle weiterschlafen können.

Soll heißen: Wenn unsere harten Herzen sich schon erweichen lassen, dann ist unserem Gott, der es offensichtlich nicht so eng mit der Nachtruhe sieht („Der Herr schläft und schlummert nicht“ Psalm 121), schonmal gleich gar keine Bitte zu groß und keine Stunde zu spät, dass wir ihm nicht unser Anliegen vorbringen könnten.

Zurückhaltung ist nicht die Haltung des Betens, Bescheidenheit ziert das Gebet nicht, sondern wir sollen uns wünschen, was wir brauchen, und darauf vertrauen , dass es Gott unbedingt gut mit uns meint: Nicht Schlangen und Skorpione bietet er uns an – wobei ich mich nicht verbürgen würde, dass es nicht auch Weltgegenden gibt, in denen so etwas nicht nur für nahrhaft sondern für delikat gehalten wird – sondern Fisch und Ei – und die, die sich auch dafür nicht erwärmen können, dürfen sich hier ihre Lieblingsspeise hineindenken – von der baskischen Fischsuppe, die mir neulich ganz ordentlich gelungen ist, zu den obligaten Fritten an roter Soße aus der Plasteflasche, warum denn nicht?

Unser Evangelist Lukas spricht übrigens nicht davon, dass wir uns Gott als willfährigen Oberkellner zu denken hätten, der umgehend um die Ecke kommt und das von uns gewünschte Menü auftischt – sondern: er gibt uns den heiligen Geist: wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten! Wir bekommen so viel mehr, als das, worum wir Gott bitten.

Wenn wir am Anfang die Not des Betens betrachtet haben, können wir am Ende sagen, dass diese Not nur durch Beten gelindert werden kann; ein Zirkelschluss aber kein Teufelskreis, denn wir können ihn durchbrechen; heute haben wir die Anleitung dazu bekommen.

Christi Himmelfahrt 2022: Bilder vom Freiluftgottesdienst im Kurpark

Am 26. Mai 2022 feierten die Ev. Versöhnungsgemeinde und die Ev. Thomasgemeinde den Gottesdienst zu Christi Himmelfahrt mit Pfarrerin Petra Hartmann, Pfarrer Dr. Klaus Neumann und dem Gemeindepädagogen Achim Hoock. Die musikalische Gestaltung hatte der Posaunenchor Bläserkreis Wiesbaden. Im Anschluss gab es bei schönstem Frühlingswetter einen kleinen Umtrunk mit Brezeln, Wein und Saft.

Pilgerwanderung durch die Weinberge von Nackenheim nach Nierstein

Aktualisierung vom 20.5.22: Die Pilgerwanderung muss leider kurzfristig abgesagt werden. Vielen Dank für Ihr Verständnis!

Samstag, 21. Mai 2022, ab 10.00 Uhr

(Blick auf die Kirche St. Kilian in Nierstein. Foto: K. Neumann)

Die diesjährige ökumenische Pilgerwanderung der Thomasgemeinde und des Kirchorts St. Mauritius beginnt am Nackenheimer Bahnhof um 10.00 Uhr und führt uns ca. 7 Kilometer auf einem der schönsten Wege entlang des Rheins, vorbei am Roten Hang, dem weltbekannten Riesling-Terroir auf rotem Boden, bis nach Nierstein. Der Blick auf dem Rheinterrassenweg reicht von den maigrünen Weinbergen über den Fluss bis ins hessische Ried, nach Frankfurt und in den Taunus. Mittags geht es vom Niersteiner Bahnhof mit der S-Bahn (sie verkehrt halbstündlich) zurück nach Nackenheim oder weiter nach Wiesbaden. Die Strecke ist einfach zu laufen und für die ganze Familie geeignet. Alle sind herzlich willkommen!

Bitte Brotzeit und Getränk mitbringen und eine med. Maske für die S-Bahn nicht vergessen. Weitere Informationen erhalten Sie bei Pfarrer Dr. Klaus Neumann unter der Tel. 0611.52 35 46.

Die Anreise erfolgt privat. Wer mit der S-Bahn von Wiesbaden aus kommen möchte: Abfahrt ab Wiesbaden Hbf mit der S8 (Rtg. Offenbach) um 8.48 Uhr. / Ankunft in Mainz Hbf um 9.01 (Gl 5a) / Umstieg in die S6 (Rtg. Bensheim) um 9.22 Uhr (Gl.5a) / Ankunft in Nackenheim Bhf. um 9.37 Uhr.

Predigttext Misericordias Domini, 01. Mai 2022

Da sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr, als mich diese lieb haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer! Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst. Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach! (Johannesevangelium 21,15-19)

und führen, wohin du nicht willst – so hat der seinerzeit weit bekannte Theologe Helmut Gollwitzer den Bericht seiner Erlebnisse in Krieg und Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion 1945-49 überschrieben. Trotz seiner – in der Gegenwart wieder schrecklich aktuellen – Erfahrungen als Gegner und Gefangener einer russischen Armee und eines russischen Machthabers hat er sich zeitlebens für die Aussöhnung mit dem einstigen Feind, für den Frieden über Feindesgrenzen hinweg und insbesondere gegen die Atombewaffnung eingesetzt und ist so zu einem Wortführer und Symbol eines pazifistischen Protestantismus geworden, dessen Wahrheit nun spätestens seit zwei Monaten schal geworden zu sein scheint. Ist sie das wirklich?

und führen, wohin du nicht willst – bringt für Gollwitzer den Verlust von Autonomie in Gefangenschaft und Verschleppung zum Ausdruck, aber auch schon den Verlust von Autonomie durch Teilnahme an einem ungerechten Krieg und der Beteiligung an den Verbrechen seines Volkes. Für Gollwitzer stellt der weitgehende Verlust der Selbstbestimmung in Krieg und Kriegsgefangenschaft aber keinen Grund dar, die Verantwortung für das eigene Leben und das eigene Handeln abzuweisen. Denn genau darum geht es ihm: die Möglichkeiten des richtigen Lebens im ganz und gar falschen Leben aufzuzeichnen. Noch im Gulag – falscheres, schlimmeres, fremdbestimmteres Leben lässt sich kaum denken – findet sich Leben.

Auch die Quelle seines Buchtitels, und führen, wohin du nicht willst, die wir heute als Predigttext besichtigen, meint den Verlust von Autonomie – nämlich des Petrus – in einer späteren Lebensphase. Man könnte das Jesuswort für eine allgemeingültige Beschreibung des fremdbestimmten Lebens im Alter halten und ihm darin zustimmen: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst. So ist es ja und jeder kann sich das jetzt schon anschauen im Seniorenheim, in das die wenigsten von uns geführt werden wollen, lange bevor es einen selbst treffen mag. Und natürlich wird hier zuerst ein altersbedingter Mangel beschrieben, der den Alltag beschwerlich macht; noch beschwerlicher allerdings für den, der niemanden hat, zu dem er seine Hände ausstrecken kann, der ihn gürtet und führt.

Aber sicherlich ist hier an unserer Bibelstelle konkreter der fremdbestimmt-selbstbestimmte Märtyrertod des Petrus gemeint, von dem der Autor des Johannesevangeliums dann wohl schon gewusst hat: Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Auch wenn – oder gerade weil! – hier etwas vorhergesagt wird, was schon eingetreten ist, wird man aber am Martyrium des Petrus in Rom – anderes als frühere Generationen – historisch nicht zweifeln müssen. Dieses römische Martyrium hat zu seiner besonderen Wertschätzung in der Erinnerung der frühen Christen beigetragen und natürlich zum Anspruch des römischen Bischofs als seines Nachfolgers.

Dabei sind die Erinnerungen an Petrus überaus ambivalent. Dreimal verleugnet Petrus seinen Heiland, lässt darüber einen Hahn heiser werden, und wohl deshalb fragt ihn Jesus diesmal dreimal, ob er ihn liebe. Sicher kann er sich dessen nicht mehr sein; wer einmal lügt, dem glaubt man nicht; und wer einmal die Solidarität verweigert, hat schnell sein Ansehen verspielt. Der Kummer des Petrus über die wiederholte, vergewissernde Frage Jesu – Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe. – ist einerseits verständlich – wer wird schon gerne an sein Versagen erinnert? – aber durchaus unberechtigt, denn Jesus möchte eben ganz genau wissen, auf was für einen wackeligen Felsen er seine Kirche baut.

Immerhin gibt Jesus ihn nicht auf, sondern fragt und beauftragt ihn nun eben dreimal – für jedes Leugnen eine Frage – seine Lämmer, seine Schafe zu weiden; also Hirte, Pastor seiner Kirche zu werden. Ob Petrus in Zukunft verlässlich sein wird, bleibt offen, ob sich Jesus auf ihn verlässt, nicht. Der Verlassene verlässt ihn nicht. Trotz seiner Fehler, die unsere Fehler sind, wird Petrus in die Verantwortung berufen; trotz unserer Verkrümmungen sollen wir für uns und andere geradestehen.

Helmut Gollwitzer bringt diese Bestimmung des Menschen durch Gott in einem anderen seiner vielgelesenen Werke auf den Punkt: „Krummes Holz – Aufrechter Gang“ lautet der sprechende Titel. Es mag sein, wie ein ehemaliger Kirchenvorsteher immer mal wieder bei passender Gelegenheit bemerkte, dass man aus einem Ochs kein Rindfleisch machen kann, aber Gott wenigstens will uns trotz unserer Verkrümmungen mit aufrechtem Gang durchs Leben gehen sehen; noch der feige, unsolidarische und leugnende Petrus soll sich wieder aufrichten, bekommt eine zweite Chance, eine geöffnete Tür, eine Brücke in ein Leben der Verantwortung für sich selbst und andere: „Krummes Holz – Aufrechter Gang“

Auch Helmut Gollwitzer und die von ihm zeitlebens geforderte Aussöhnung unter Feinden verdient eine relecture, eine zweite Chance. Es ist unbedingt richtig, den angegriffenen Menschen im überfallenen Land mit allen verantwortbaren Mitteln in ihrer Selbstverteidigung zu helfen. Vielleicht geht da noch mehr, „um dem Rad in die Speichen zu fallen“, also – in einer Wendung Dietrich Bonhoeffers – auch militärisch Widerstand zu leisten. Aber es erscheint mir nicht richtig – bitte korrigieren sie mich – mit dem Angreifer ein ganzes Volk, seine Kultur zu dämonisieren und seine Bekämpfung zu rechtfertigen. Auch mit Feinden wird Frieden zu schließen sein, angesichts der Zerstörungen und des Leids besser heute als morgen.

„Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen“ sagt Jesus an anderer Stelle und begründet damit den christlichen Pazifismus, der nun über Nacht falsch geworden sein soll, wo doch eigentlich nur die Mittel, Frieden zu sichern, sich als untauglich erwiesen haben. Bleibt zu hoffen und alles daran zu setzen, bessere Mittel zu finden, den Frieden zu stiften und dann zu erhalten, denn Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.

Predigttext Ostermontag, 18. April 2022

Aber der Herr ließ einen großen Fisch kommen, Jona zu verschlingen. Und 
Jona war im Leibe des Fisches drei Tage und drei Nächte.
Und Jona betete zu dem Herrn, seinem Gott, im Leibe des Fisches und sprach:
Ich rief zu dem Herrn in meiner Angst,
und er antwortete mir.
Ich schrie aus dem Rachen des Todes,
und du hörtest meine Stimme.
Du warfst mich in die Tiefe, mitten ins Meer,
dass die Fluten mich umgaben.
Alle deine Wogen und Wellen
gingen über mich,
dass ich dachte
ich würde von deinen Augen verstoßen,
ich würde deinen heiligen Tempel nicht mehr sehen.
Wasser umgaben mich bis an die Kehle,
die Tiefe umringte mich, Schilf bedeckte mein Haupt.
Ich sank hinunter zu der Berge Gründen,
der Erde Riegel schlossen sich hinter mir ewiglich.
Aber du hast mein Leben aus dem Verderben geführt,
Herr, mein Gott!
Und der Herr sprach zu dem Fisch, und der spie Jona aus ans Land.
(Buch des Propheten Jona 2, 1-11)

Save the whales! Rettet die Wale! Heißt es heute und zu recht so; biblisch ursprünglicher ist umgekehrt, dass ein Wal einen Menschen rettet, den Propheten Jona nämlich, wobei dahingestellt sei, ob es sich bei dem großen „Fisch“ um einen Wal gehandelt hat, was er als Säugetier nicht ist. Eine zoologische Besserwisserei ist hier jedoch nicht sonderlich ergiebig. Denn für die Alten war etwas, dass so aussah wie ein Fisch, so lebte wie ein Fisch und so schmeckte wie ein Fisch, nichts anderes als ein Fisch, und im Falle der Wale eben ein großer Fisch, ungeachtet der ihnen sicherlich unbekannten Tatsache, dass Wale ihre Nachkommen lebend gebären und eine Zeit lang säugen.

Und dass sie das immer noch tun, ist ein beinahe so großes Wunder wie das Jona- und Osterwunder zusammen. Denn trotz ihrer durch unsere Jona-Geschichte ausgewiesene Gottesfürchtigkeit und Prophetenfreundlichkeit – von ihrer Intelligenz und Geselligkeit gar nicht zu reden – wurden Wale bekanntlich lange Zeit gejagt, getötet und verwertet bis kurz vor ihrer Ausrottung. Bis zur Industrialisierung war der Walfang der größte und bedeutendste Wirtschaftszweig weltweit, vergleichbar der Energiewirtschaft heutzutage. Mittlerweile sind die Wale nicht mehr vom Aussterben durch den Walfang bedroht, der seinerseits gottseidank in den meisten Ländern ausgestorben ist, sondern bedroht durch die Vermüllung und Beschallung ihres Lebensraums, der Ozeane. Wer Wale retten will, muss ihren Lebensraum retten, die Meere natürlich. Und nur wer die Meere und die Wale rettet, rettet sich selbst: Save the whales! Rette die Wale und rette dich selbst.

Die wunderbare, wunderliche Jona-Geschichte hat schon deshalb recht und ist allein deshalb wahr, dass sie unsere Aufmerksamkeit auf die Natur lenkt, auf die natürlichen Lebensbedingungen von uns Menschen, auf die natürliche Umwelt als Matrix unseres Lebens. Was hülfe es dem Menschen, wenn er auferstünde, aber in eine tote Umwelt hinein? Nur wenn es Wale gibt, kann es den einen Wal geben, der Jona rettet; und nur wenn es intakte, lebendige und lebensvolle Meere gibt, kann es diesen Wal geben. Save the whales, rette die Welt, feiere das Leben!

Ostern als Fest des Lebens feiert seit jeher mit den Bildern des frühlingshaft auflebenden Lebens: Ei und Hase und der aus der Erde hervorkeimende Samen mit seinem zarten frischen Grün; deshalb stimmt der Blick, der heute auf die Meere als Welt der Wale gelenkt wird. Auch das nicht mehr aber auch nicht weniger als ein Bild aus der Natur für die Auferstehung, die ja eigentlich die Aufhebung der Natur meint mit deren unverrückbarem Gesetz, dass alles und nicht nur das Schöne sterben wird und sterben muss.

Aber auch das – also die übernatürliche Steigerung der Natur – leistet die Jona-Geschichte, die ja keineswegs naturalistisch und naturgetreu unseren Blick auf die Natur lenkt, sondern diese wundersam, märchenhaft überhöht. Nach Auskunft führender Walforscher neigen die meisten Wale – je größer desto eher – dazu, Menschen zu ignorieren; vermutlich weil wir aus ihrer Sicht einfach zu unbedeutend sind. Ein Verschlucken, noch dazu ein von Gott befohlenes fürsorgliches Verschlucken von Menschen durch Wale ist natürlicherweise nicht vorgesehen. Und wenn es ein Menschlein in einem allerhöchst unwahrscheinlichen Fall dann doch in den Bauch des Wales verschlüge, würde es dort keine gedeihlichen Bedingungen zum Überleben vorfinden – und schon gar nicht für drei Tage. Und selbst wenn der Mensch sich als für den Wal unverdaulich erweisen sollte – wir versteigen uns ins immer noch Unwahrscheinlichere – wäre nicht damit zu rechnen, dass er sich dann auch noch als kommodes Verkehrsmittel erweist, der seinen vorübergehend erblindeten Passagier am passenden Ort absetzt, pardon: ausspeit. Womit also hinreichend geklärt wäre, was ohnehin jedem Kind von vorneherein klar war, dass die Jona-Geschichte nicht nach der Natur sondern als Märchen erzählt wird, das die Regeln und Gesetze der Natur mühelos überschreitet – auch darin ein Bild der Auferstehung. Auferstehung ist keine von der Natur vorgesehene Option.

Sondern sie ist ganz und gar gottgemacht – wie auch die Rettung des Jona ganz und gar gottgemacht ist: Der Wal handelt im Auftrag des Herrn und Jona weiß genau, wem er seine Rettung verdankt: Aber du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, Herr, mein Gott!

Die Jona-Geschichte ist eine Glaubensgeschichte vom Durchgang aus dem Leben durch den Tod ins Leben: Ich schrie aus dem Rachen des Todes, und du hörtest meine Stimme. Du warfst mich in die Tiefe, mitten ins Meer, dass die Fluten mich umgaben. Das beschreibt etwa die Logik und den Zusammenhang von Karfreitag und Ostern, von Tod und Auferstehung: die Not der Gottverlassenheit: Alle deine Wogen und Wellen gingen über mich, dass ich dachte, ich würde von deinen Augen verstoßen, ich würde deinen heiligen Tempel nicht mehr sehen; und die Erfahrung, dass das Band Gottes aus Glaube, Hoffnung und Liebe dennoch hält: Aber du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, Herr, mein Gott!

Wir sind aufgefordert unsere eigenen Nahtoderlebnisse in diese Geschichte einzuzeichnen und in ihr zu deuten: Unsere Geschichten des Verlassenwerdens, des Verstoßenwerdens, des Verlusts, der Krankheit und der Not. Und wir dürfen das neue Leben als von Gott geschenkt verstehen: das Wiederfinden und Wiedergefundenwerden, die Genesung; auch das in der Folge von Krankheit eingeschränkte Leben, was mehr ist als kein Leben. Und ich finde schon auch, dass die Beispiele gefährdeter, geschädigter, schon scheintoter Natur und ihre Wiederbelebung hier dazugehören – die Renaturierung von ehemals abgestorbenen Flüssen und Seen etwa; wenn wir an den Rhein denken, der in meiner Kindheit vor 50 Jahren eine übel riechende, giftige Brühe war und nun wieder das Zuhause ist von den kleinen Verwandten oder bloß Wahlverwandten der Wale.

Auferstehung müssen wir das noch nicht nennen, so wie auch Jona nicht Jesus heißt; aber das eine, den einen als Bild des anderen zu nehmen, das geht schon an; und heute schon sagen, was morgen erst in seiner ganzen Fülle Wirklichkeit werden soll: du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, Herr, mein Gott!

Palmsonntag, 10. April 2022

Solches redete Jesus und hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist gekommen: Verherrliche deinen Sohn, auf dass der Sohn dich verherrliche; so wie du ihm Macht gegeben hast über alle Menschen, auf dass er ihnen alles gebe, was du ihm gegeben hast: das ewige Leben. Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen. Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue.Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war. Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie waren dein, und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt. Nun wissen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt. Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast. (Johannesevangelium 17,1-8)

Neulich im Konfirmandenunterricht haben wir über die Schöpfung gesprochen, über Gott und den Urknall, über den Beginn von allem und über den Anfang des Alls, darüber dass mit dem allerersten Anfang Raum und Zeit begann, und dass man deshalb auch eigentlich nicht von einem „Bevor“ der Schöpfung, oder eben einem „Bevor“ des Urknalls sprechen kann. „Bevor“ und „Danach“ sind ja Kategorien der Zeit, die nicht auf einen Zustand ohne Zeit angewendet werden können. 

Die Bibel selbst hat für diesen Zustand ohne oder außerhalb der Zeit den Begriff der „Ewigkeit“ angewendet, mit der eben nicht eine endlose Zeit gemeint ist – so etwa, wenn wir sagen: das dauert ja ewig; so also eigentlich nicht – sondern ein Zustand ohne Zeit gemeint ist: die Ewigkeit dauert ja gerade nicht ewig, wenn „dauern“ eine lange Zeit bezeichnet. Ewigkeit dauert nicht, nicht einmal ewig, sie ist zeitlos. (Insofern wird man das überaus lustige Wort des großen Woody Allen aus theologischen Gründen zurückweisen müssen, der bekanntlich gesagt hat: Die Ewigkeit dauert lange, besonders gegen Ende.)

Den Faden dieses wie immer sehr anregenden Gesprächs mit unseren Konfirmanden möchte ich heute aufnehmen im Nachdenken über unseren Predigttext, in dem sich Jesus von seinen Jüngern aus der Zeit in Gottes Ewigkeit verabschiedet; er und sie – wie wir ja auch am Beginn der Karwoche – gehen auf das Ende seines irdischen, menschlichen Lebens zu. Gerade beim Evangelisten Johannes wird das katastrophische menschlich-irdische Ende Jesu, sein gewaltsamer Tod am Kreuz, als Eingang – oder Rückkehr – in Gottes Herrlichkeit gedeutet und daher treffend Erhöhung genannt. Bei Johannes wird Jesus nicht erst in seiner Auferstehung zu Gott erhöht, sondern schon in Tod und Kreuz erhöht; und darin von Gott verherrlicht.  

Jesus verabschiedet sich von seinen Jüngern mit Reden über Gott und die Welt und einem Gebet, dessen Anfang wir heute hören und das durch zwei Schlüsselbegriffe geprägt wird, die mehrfach wiederholt werden: „verherrlichen“/ „Herrlichkeit“ – gleich sechsmal – und „ewig“ – zweimal genannt aber dreimal gemeint. Beide beschreiben, was nun mit Jesus geschieht; vor allem aber kennzeichnen sie, wer oder wie Gott ist.

Herrlichkeit ist das Wesen Gottes, mit der er die Welt erfüllt. „Heilig, heilig, heilig ist der Herr, alle Lande sind seiner Ehre voll – eigentlich seiner Herrlichkeit voll“ heißt es beim Propheten Jesaja (Jesaja 6,3). „Herrlichkeit“ bezeichnet den Lichtglanz Gottes, den Lichtglanz, in dem Gott lebt, der ihn umgibt und der von ihm ausstrahlt, der also nach den Worten des Jesaja auf seiner ganzen Schöpfung liegt. Gott wohnt im Licht – Licht ist göttlich– Licht ist Leben – ohne Licht kein Leben; das Licht hat die Menschen seit jeher über alle Maße fasziniert – und noch heute sind es die faszinierenden Eigenschaften des Lichts – seine Geschwindigkeit, seine Struktur, seine Wirkungen – denen die Forscher nachgehen, um die innersten Geheimnisse der Natur zu ergründen.

Wenn also unser Text gerade diesen Lichtglanz und diese Herrlichkeit hervorhebt, geht es ihm zunächst genau darum, den Lichtglanz, und zwar den Lichtglanz Gottes auf Jesus den Sohn zu lenken, der zu Gott im Gebet spricht: Verherrliche deinen Sohn, auf dass der Sohn dich verherrlicheIhnen beiden, Gott Vater und Gott Sohn, soll unsere ganze, ungeteilte Aufmerksamkeit gelten, sie sollen ins Scheinwerferlicht getaucht werden, das die Finsternis unterbricht und erhellt. So beginnt ja schon das Johannesevangelium, mit seiner ganz eigenen Geburtsgeschichte: „Das Licht scheint in der Finsternis“ (Johannes 1,5), „Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet“ (V.9), „und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit, als des eingeborenen Sohnes vom Vater“ (V.14). 

Dieses Licht auf Jesus Christus ist das Licht Gottes; es dient dazu, diesen Menschen Jesus als Gottes Sohn, als Gott zu identifizieren, ihn zu verherrlichen, ihn zu vergöttlichen: „Ich und der Vater sind eins“ (Johannes 10,30), sagt Jesus, und an anderer Stelle: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Johannes 8,12)

Wer sich zu Jesus in das göttliche Licht stellt, wird mit dem Sohn mitverherrlicht und hat so Anteil an der Ewigkeit Gottes; Jesus wird von Gott in seinen Lichtstrahl gestellt, um auch uns zu erleuchten: auf dass er ihnen alles gebe, was du ihm gegeben hast: das ewige Leben. Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.

Immer und immer wieder spricht Jesus im Johannesevangelium davon, dass der Glaube an Jesus Christus, an Gottes Sohn das ewige Leben ist; also jetzt schon ist; nicht erst zukünftig durch ihn sein werde oder erworben würde, sondern wie gesagt: schon ist: „Wer glaubt, hat das ewige Leben“ (Johannes 6,47, und öfter). Leuchtet uns das ein? Erhellt uns das? Trifft uns ein Strahl des göttlichen Lichts?

Man muss an dieser Stelle die Worte Jesu und die Lehre des Johannes nicht unnötig komplizieren. Trotz der häufigen Verwendung von Vokabeln der Erkenntnis und der Weisheit – auch hier in unserem Textabschnitt ist von „wahrhaftigem Erkennen“ die Rede – geht es glaube ich nicht um komplizierte Spekulationen oder Geheimlehren (wie lange angenommen wurde), sondern eher um das Verstehen als Geistesblitz oder, dass uns ein Licht aufgeht; es geht nicht so sehr um die Anstrengung des Denkens sondern um die Leichtigkeit des einen, aber entscheidenden Gedankens; nicht um die Erkenntnis als mühevolles Werk sondern als Gabe und Geschenk. 

Wir kennen das aus unseren eigenen Erfahrungen des Verstehens, das natürlich mit Mühe und Anstrengungen verbunden ist – sonst müssten wir ja nicht 13 oder mehr Jahre die Schulbank drücken – aber das uns in den raren Momenten der Erkenntnis mühelos erscheinen kann; wenn uns einmal doch der Groschen gefallen und das Licht wie angeschaltet aufgegangen sein sollte, dann liegt das Ergebnis vor uns, es bietet sich als offensichtlich dar, als könne esgar nicht anders sein.

In den Jesusgeschichten – insbesondere aus der Hand des Johannes – erleben wir immer wieder diesen Vorgang des plötzlichen Verstehens – wie auch den des dauerhaften Nichtverstehens. Auch darüber macht sich Johannes und sein Jesus keine Illusionen, dass es nämlich Menschen gibt und geben wird, die im Dunkeln bleiben und denen kein Licht aufgeht. Aber es gibt eben auch die, auf die das Licht trifft, die mitverherrlicht werden durch den Lichtglanz Gottes in Jesus Christus – und darin das ewige Leben haben.

Wer nämlich dieses Licht auf unserer Welt und in seinem Nächsten erkennt; wer wahrnimmt, dass die Natur nicht nur sinnloser Zufall ist, sondern Gottes Schönheit an sich trägt – noch unter dem Elektronenmikroskop oder im Teilchenbeschleuniger an sich träg; und wer im menschlichen Gegenüber Gott selbst erkennt – nach dem Johanneswort: „Gott ist Liebe. Und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“ (1. Johannesbrief 4,16), der lebt „ewig“, wie Johannes und sein Jesus es hier meinen. Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.       

Nochmal: Wer in der Welt und im Nächsten Gott erkennt, der erlebt jetzt schon „Ewigkeit“; wer in diesem Sinne glaubt, der hat das „ewige Leben“, der weiß sich von Gott geborgen. Wer weiß, dass Gott da ist, der weiß, dass Gott für ihn da ist; auch in den Stunden des Leidens und Sterbens wird Gott für uns da sein; auch dann wenn die Mächte der Finsternis ihr menschenfressendes Haupt erheben.

Diese Zuversicht trotz aller Bedrängnis strahlt Jesus hier kurz vor seinem Tod aus. Gott, da ist er sich sicher, lässt ihn nicht im Tod, sondern erhöht ihn zu sich, hat das schon getan, wie er sagt: „Ich bin nicht mehr in der Welt; sie aber sind in der Welt, und ich komme zu dir.“ (Johannes 17,11). Mit dieser Zuversicht wollen wir mit ihm in diese Woche gehen.

Mozarts Requiem – erst Neubeginn, dann letztes Werk

Ein grauer Bote klopft eines Nachts bei Mozart an. Sein anonymer Auftraggeber wünsche eine Totenmesse. Mozart nimmt den Auftrag samt Vorauszahlung an. Doch mit jeder Note fühlt er sich elender und muss schließlich vom Bett aus weiterkomponieren, bis ihm der Tod am 5.12.1791 nach exakt acht Takten im „Lacrymosa“ die Feder aus der Hand nimmt. Aus purem Neid soll der Komponist Salieri den Auftrag erteilt und seinen Konkurrenten dabei vergiftet haben. Wurde Mozart also dazu gedemütigt, sein eigenes Requiem zu schreiben?

Die Wirklichkeit war etwas profaner als diese berühmte Legende. Als Todesursache nimmt man heute eine plötzliche Infektion an. Der „graue Bote“, ein Wiener Rechtsanwalt, kam im Auftrag des Grafen von Walsegg, der zum Jahrestag des Todes seiner jungen Frau († 14.2.1791) eine Totenmesse bestellte – ein üblicher Vorgang, allerdings mit der pikanten Note, dass der Musik liebende Graf sich am liebsten mit fremden Federn schmückte. Ohne es zu wissen, sollte Mozart sein Ghostwriter sein.

Kirchenmusik war für Mozart kein Neuland. Die meisten Werke stammten noch aus Salzburger Zeiten. Im Mai 1791 hatte er sich die Nachfolge des Domkapellmeisters an St. Stephan in Wien gesichert. Ihm stand also nach der Karriere als Opernkomponist eine vielversprechende Neuausrichtung als Kirchenmusiker bevor. Das Requiem war damit als nicht zu prunkvoll ausgestattete, aber meisterhaft angelegte Kantatenmesse so etwas wie ein Referenzstück zum Vorzeigen. Da Mozart die Musik stets im Kopf entwarf, bevor er sie, erst in den Hauptstimmen, dann im vollen Satz zu Papier brachte, wurden aber nur das Introitus und teilweise das Kyrie voll auskomponiert. Die übrigen Sätze blieben Fragmente bzw. wurden posthum u.a. von Mozarts Assistenten Süßmayr ergänzt.

Seit langem gehört das Requiem fest zum Konzertrepertoire der Passionszeit. Es spannt den Bogen von der Archaik des Gregorianischen Chorals über die straffe Rhythmik und die Fugenlabyrinthe des Barock bis zu Passagen, die an Mozarts eigene Opern erinnern. Nicht die vier Vokalsolisten, sondern der vierstimmige Chor bildet das Herzstück. Auf kleinstem Raum wählt Mozart schärfste Kontraste, z.B. zwischen dem aggressiven „Confutatis maledictis“ in den Bässen und Tenören und dem leisen Bitten der Sopran- und Altstimmen im „Voca me cum benedictis“. In jedem Satz ringen im Hintergrund zwei Extreme miteinander, der Schrecken vor dem Jüngsten Gericht und die Hoffnung auf Erlösung. So fragmentarisch dieses Werk eigentlich ist, so eindrücklich klingt die Musik zu dem Jahrhunderte alten Latein, auch noch nach dem Hören, nach.

Man würde Mozart missverstehen, suchte man nach absichtlich Autobiografischem, romantisch Subjektivem in seinem Requiem. Nicht in der Tragik seiner Person erkennt man sich wieder, sondern in Universalität seiner Klangwelt. Der evangelische Theologe Karl Barth fasste dies einmal so zusammen: „Das ist das eigentümlich Aufregende und Beruhigende seiner Musik: sie kommt bemerkbar aus einer Höhe, von der her (man weiß dort um alles!) des Daseins rechte und seine linke Seite und also die Freude und den Schmerz, das Gute und das Böse, das Leben und den Tod zugleich in ihrer Wirklichkeit, aber auch in ihrer Begrenzung eingesehen sind.“

Anne Sophie Meine