Heilig Abend 2024

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir freut man sich, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians. Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.

Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth. (Buch des Propheten Jesaja 9, 1-6)

Krippenszene
Weihnachtskrippe Thomaskirche, Wolf Spemann ca. 1960, Pflaumenholz geschliffen

Jauchzen und Seufzen,
Frohlocken und Klagen
Laut Rufen und ganz zart Reimen:
Alles zwischen O du Fröhliche und Stille Nacht, alles zwischen Fröhlichkeit und Besinnung, das gehört alles gleichermaßen zu unserem Weihnachtsfest dazu: Alle Jahre wieder, alle Jahre wieder neu! Heute klingt lauter Jubel, große Freude über den neugeborenen Messias an, Jauchzet, Frohlocket! – und mitten hinein auch Seufzer und Klage über Welt und Zeit.

Heute bekommt unsere Freude einen Namen, viele Namen: Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst – klingende, singende, vielfach jubelnd besungene Namen des neugeborenen Kindes, des zukünftigen Herrschers, des Messias! Namen voller Versprechen und Hoffnung, voller Zuversicht und Stärke; alles was der Prophet und sein Volk noch vermissen, schmerzlich vermissen müssen, scheint hier in diesen Namen hineingesteckt zu sein. Mit einem, der so heißt, soll endlich alles, alles gut werden. Namen als Programm, als Diagnose aber auch.

Wie kommen wir zu unseren Namen? Und wie geben wir als Eltern eigentlich unseren Kindern Namen? Schön klingen sollte er, eine vorteilhafte Bedeutung sollte er haben, wichtiger noch ist vielleicht eine Person als Beispiel, die diesen Namen erfolgreich trägt oder trug, verbunden mit der Hoffnung, dass der vorbildliche Namensträger seine Kräfte auf den Nachfolger überträgt. Umgekehrt schließen manche Beispiele die Verwendung ihres Namens aus, sei es, dass er uns damals in der Schule geärgert oder sei es, dass er gleich ganze Völker massakriert hätte; Schulhofbullies wie Diktatoren geben keine guten Namensvorbilder ab.

Nicht zu häufig sollte der Name sein, aber auch nicht gar zu selten. Frühere Generationen hatten es scheinbar leichter, wenn der Namenstag des Tagesheiligen oder der Name des Vorfahren die Wahl des Namens bestimmte. Keine Frage, dass unser überaus verdienstvoller und gut katholischer Mitarbeiter Andras am 29. November (am Andreastag!) geboren ist – und bei Knaben mit dem klingenden Namen Friedrich Wilhelm wäre eine Verbindung zum preußischen Königshaus zumindest nicht völlig abwegig. Aber damit ist natürlich auch die Freiheit bei der Namensgebung eingeschränkt.

Unser Prophet lässt seiner Phantasie jedenfalls ungehemmt freien Lauf, was den Namen des Erlösers angeht, ohne dass sich seine Kreationen durchgesetzt hätten. Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst haben insgesamt keine Verwendung durch werdende Eltern gefunden; keine direkte jedenfalls, aber von der Idee her vielleicht schon:

In der heute als Namen überaus populären Sophia – der göttlichen Weisheit – mag man etwas vom Wunder-Rat hören, in der gleichfalls beliebten Mathilda – der mächtigen Kämpferin – den Gott-Held; beim Ewig-Vater weiß ich nicht so recht, der Name Abraham, ist ja selten geworden; aber schon der Friede-Fürst wieder klingt sowohl im hebräischen Salomo wie im deutschen Friedrich unmissverständlich an. Weisheit, Mut, Kreativität und die Fähigkeit zum Frieden sprechen die Namen dem neugeborenen Herrscher zu. Die wird er brauchen.

Denn wie diese Namen des Messias sein Programm umreißen, stellen sie auch indirekt eine Diagnose – jetzt also nicht des Namensträgers wie bei dem bösen Wort über unglückliche Schüler mit dem falschen Namen, vielleicht aber auch bloß mit dem falschen Lehrer – sondern eine Diagnose der Weltzeit, in die er hineingeboren wird: Ein dunkles Zeitalter, Dark Ages, finsteres Land, in dem Dummheit, Grausamkeit und Krieg herrschen: drückendes Joch, dröhnender Stiefel, blutige Kleidung, verzehrendes Feuer.

Der Prophet Jesaja malt mit sprechenden – was sage ich: schreienden! – Bildern und schockierendem Detail den ganzen Schrecken seiner Zeit, jeder Kriegszeit in unsere Vorstellungskraft, Imaginationen der Gewalt, von der wir annahmen – wie konnten wir das annehmen? – dass sie überwunden sei.

Auf die Seufzer des Propheten hören wir – durch seine Jauchzer hindurch; auch auf einen anderen Kriegs-Angst-Seuffzer, den des Dichters Johan Hildebrand, der 1645, 31jährig nichts anderes als Krieg kannte und erlebt hatte, lasst uns heute hören. Er schreibt damals und berührt damit noch uns – mit seiner Not über seine Zeit und mit seiner Hoffnung auf den Gott des Friedens:

„Ach Gott! Wir haben´s nicht gewusst, was Krieg für eine Plage ist. Nun erfahren wir es leider allzu sehr, leider, leider allzu sehr, dass Krieg eine Plage über alle Plagen ist. Denn da gehet Gut weg, da gehet Mut weg, da gehet Blut weg, da gehet alles weg, alles weg. Da muss man sein Brot mit Sorge im Elende essen. Da muss man sein Wasser mit Beben trinken. Da höret man nichts als auf allen, allen Straßen: Weh! Weh! Ach! Ach! Wie sind wir so verderbet.

O du Gott des Friedens, gönne uns doch wieder deinen himmlischen Frieden. Lass Kirchen und Schulen nicht zerstöret, lass den Gottesdienst und gute Ordnung nicht vertilget werden. Hilf uns mit deinem ausgestreckten Arm. Beschere uns ein Ortlein, da wir bleiben, ein Hüttlein, darinne wir uns aufhalten, ein Räumlein, da wir sicher sein und deinem Namen dienen können, dass wir in Friede deinen Tempel besuchen, in Friede dich loben und preisen, in Friede selig, selig, selig sterben mögen.“ (Johann Hildebrand 1614 – 1684: V. Kriegs-Angst-Seufftzer 1645)

Auch beim Propheten Jesaja reimen sich Jubel und Klage auf die Anrufung des Friedens: sie teilen ihre Pointe, setzen denselben Ton: auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit.

Zwei Bedingungen des Friedens höre ich da heraus. Eine, die wir uns selben sagen könnten und die andere, die uns gesagt werden muss, von außen, von oben.

Eigentlich selbst sagen können wir uns, dass Recht und Gerechtigkeit zugleich Ursache und Folge des Friedens sind, wie er hier gemeint und gewollt ist. Dass also ungerechte Friedlichkeit zwar sicherlich meistens besser als offene Gewalt ist, aber eben noch kein Frieden, wie er hier gemeint ist. Welche Ungerechtigkeit auszuhalten und welche zu bekämpfen ist, wann genau – mit den Worten Bonhoeffers – „dem Rad in die Speichen zu greifen“ ist, bleibt der persönlichen Entscheidung des Gewissens, dem gesellschaftlichen Diskurs und dem politischen Willen der gewählten Verantwortlichen vorbehalten. Wen immer wir im nächsten Jahr für diese Aufgabe wählen, es wird aber keiner sein, den wir Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst nennen müssten und der uns den ewigen Frieden brächte. Was keine Kritik der gewählten Person, sondern eine unserer Erwartung an ihn ist.

Und zweitens hören wir, dass der wahre, ewige, güldene Frieden ein himmlischer Frieden ist und aus Gott sein wird: Der große Gottesfrieden, der aus dem Himmel kommt und alle Menschen und die ganze Schöpfung umschließt – kleiner sollten wir vom Frieden nicht denken; der uns aber jetzt schon – gerade heute – verkündet wird, also keine vage Hoffnung sondern Gewissheit ist, vom Propheten verkündet und den Engeln – im jubelnden Chor – gesungen:

Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden, den Menschen seines Wohlgefallens.

2. Sonntag im Advent, 8. Dezember 2024

Die Wüste und Einöde wird frohlocken, und die Steppe wird jubeln und wird blühen wie die Lilien. Sie wird blühen und jubeln in aller Lust und Freude. Die Herrlichkeit des Libanon ist ihr gegeben, die Pracht von Karmel und Scharon. Sie sehen die Herrlichkeit des Herrn, die Pracht unsres Gottes. 

Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Sagt den verzagten Herzen: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.«

Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.

Und es wird dort eine Bahn sein und ein Weg, der der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; auch die Toren dürfen nicht darauf umherirren. Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort gehen. Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.
(Buch des Propheten Jesaja 35, 1-10)

„Jauchzet! frohlocket!“ – Fordert es in dieser Zeit allüberall, auch aus unserem Predigttext.

Aber:Es ist ein Wort, ein Wörtchen nur, liebe Schwestern und Brüder, das mir und vielen den Jubel beschwert: Ich meine das Wort „Rache“; vielleicht geht es Ihnen genauso. Frohlocken, Jubel, Lust und Freude, Pracht und Herrlichkeit, Jauchzen und Wonne; das ist doch, worum es gehen soll – gerade in dieser Zeit: „Jauchzet! frohlocket!“ Aber mittenhinein in die Galerie der Jubelworte setzt der Prophet „Rache“ und „Vergeltung“ – und vergilt uns die Freude. Sollten nicht „Rache“ und „Vergeltung“ zu Unwörtern der Bibel erklärt werden? Aber hier stehen sie und machen uns die Freude am Jubel und dem Ausleger das Auslegen schwer.

Wir erleben es an diesem Jubeltext, wie wir es so oft in den Geschichten der Bibel erleben, dass uns der Jubel im Halse stecken bleibt. Erst neulich als ich mit meinen Schülern das Heilsereignis der Bibel schlechthin, den Auszug der Israeliten aus der ägyptischen Gefangenschaft besprochen habe, also wieder mal besprochen habe, beschrieben in der Bibel, besungen im Lied des Mose und dem noch ursprünglicheren Lied seiner Schwester Mirjam: „Hoch erhaben ist der Herr, Ross und Reiter warf ins Meer“; auch ein Jubellied, vielleicht das erste und älteste der Bibel; aber auch in diesem Jubellied ist von der Vergeltung durch Gott und vom Untergang der Feinde die Rede. Muss das so sein? Haben sich auch die Schülerinnen und Schüler gedacht und gefragt. Muss das so sein?

Und sie fragen natürlich weiter – und zurecht weiter – wie das damals mit Noah und der Sintflut war – um nur ein besonders krasses Beispiel zu nennen -Noah und die Sintflut und der Vernichtung allen Lebens auf der Erde zur Vergeltung für die bösen Taten ihrer Bewohner. Man muss das nicht für einen historischen Bericht aus uralter Zeit halten, um sich an der Gewalt der Geschichte zu stören. Geht’s nicht auch anders? Jubel ohne Vergeltung. Einfach nur Frohlocken, Jubel, Lust und Freude, Pracht und Herrlichkeit, Jauchzen und Wonne – uneingeschränkt, ungestört, ohne Reserve, ohne Hintergedanken.

Für meine Schüler naheliegend – und für viele naheliegend zu allen Zeiten – ist die Erklärung, dass sich hier ein Gott der Rache offenbart, der rachsüchtige Gott einer Religion der Vergeltung, die das Aug um Auge zu ihrem Prinzip gemacht hat. Kaum einen Schritt weiter liegt dann die Behauptung, dass das eben der Unterschied sei zwischen Altem Testament und Neuem Testament, einem Gott des Hasses und dem Gott der Liebe, zwischen dem Gott der Juden und Jesus Christus, überhaupt: zwischen Juden und Christen. Aus der naheliegenden Erklärung entsteht – schwupps – das wohlfeile antijüdische Klischee, dessen sich noch heute Antisemiten aller Art bedienen.

Es kostet so viel Mühe – und ist gleichzeitig kinderleicht – darauf hinzuweisen, dass das Gottesbild im Alten Testament komplex ist, aber dass schon das Alte Israel an den allmächtigen als liebenden und barmherzigen Gott glaubt, dass im Alten Testament zuerst das Liebesgebot formuliert und die Nächstenliebe gefordert wird – kurz: dass die Liebesreligion Jesu ganz und gar alttestamentlich-jüdisch geprägt ist; wie auch nicht, Jesus war eben Jude.

Und man muss fragen, ob nicht die legitime Komplexität des alttestamentlich-jüdischen Gottesbildes durch Vereindeutigungen und Verharmlosungen zu seinem Schaden reduziert wurde; ob nicht durch diese Vereindeutigungen und Verharmlosungen, die aus dem allmächtigen irgendwann nur den lieben Gott gemacht haben, dabei die Wirklichkeit Gottes – aber auch die Wirklichkeit der Welt, die sich nicht ohne weiteres harmonisieren lässt – verloren ging; kurz: Muss nicht auch der „liebe Gott“ stark genug gedacht und geglaubt werden, um die Bösen abzuwehren und zu bestrafen?

Wenn nicht jeder Schurke zum Wohltäter umerzogen werden kann, wovon auszugehen ist, muss ihm Einhalt geboten werden. Unrecht muss wiedergutgemacht werden. Zukünftiges Unrecht muss verhindert werden. Beim biblischen Konzept der Vergeltung geht es nicht um die Befriedigung niederer Instinkte, sondern die nötigenfalls gewaltsame Umkehrung von Unrechtssituationen in Rechtsverhältnisse. Und so wendet sich das Opfer von Gewalt, das sich aus Schwäche nicht selbst helfen kann, an seinen Gott, der ihm helfen soll.

Wie in unserem Jubeltext zum Advent erheben in der Bibel die Opfer von Gewalt, Krieg und Verschleppung die Stimme. Sie rufen zu Gott und erbitten sich Hilfe von Gott gegen ihre Feinde. Hier sind es die Exulanten, die das Ende ihrer Verbannung schon absehen können; die sich schon auf den Weg gemacht haben, auf dem Weg sind durch die Wüste, die in ihren Vorstellungen zu blühen beginnt: Die Wüste und Einöde wird frohlocken, und die Steppe wird jubeln und wird blühen wie die Lilien. Sie wird blühen und jubeln in aller Lust und Freude.

Aber noch ist keineswegs sicher, wie das hier ausgehen wird. Es gibt ja noch Feinde, die jederzeit zu Gewalt bereit sind. Denen ist Einhalt zu gebieten. Im Hinblick auf diese immer noch lauernde Gefahr ermutigt und tröstet der Beter die Fliehenden: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.«

Unter der Voraussetzung der starken Hilfe eines starken Gottes soll tatsächlich Erlösung geschehen und die Wüste blühen, soll alles heil und gut werden: Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.

Dieses zunächst einmalige Erlösungsgeschehen ist mit den Jahren und Jahrhunderten zum Beispiel und zum Vorbild für die Hoffnung auf Gottes Hilfe und Erlösung an anderen Orten und zu anderen Zeiten geworden. Noch aus verzweifelten Lagen soll Gott uns erlösen, wie damals das Volk Israel aus dem Exil in Babylon: Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.

Die Rede ist hier vom lieben Gott – wie denn nicht? – aber vom lieben Gott, der stark genug ist, sich für uns durchzusetzen. Darüber: „Jauchzet! frohlocket!“

Adventskaffee

Sonntag, 3. Advent, 15. Dezember 2024, 15.00 Uhr im Gemeindehaus der Thomasgemeinde

Wir laden Sie herzlich ein zu unserem Adventskaffee der Seniorinnen und Senioren! Bei Kaffee und Kuchen und gemeinsamen Liedern mit Gabriela Blaudow am Klavier möchten wir mit Ihnen gemeinsam einen besinnlichen und fröhlichen 3. Advent feiern.

Wir freuen uns auf Ihre Anmeldung bis zum 11. Dezember im Gemeindebüro unter der Telefonnummer 0611 2046331 !

Weihnachtsliedersingen unter freiem Himmel

Zum ersten Mal: offene Sing-Aktion in der Wiesbadener Innenstadt am Freitag, 6. Dezember 2024, 16.30 Uhr

Der Sternschnuppenmarkt öffnet seine Pforten und überall erklingen erste Weihnachtslieder. Wer Lust hat, selbst zu singen: Am Freitag, 6. Dezember, 16.30 Uhr, sind Erwachsene und Kinder beim Wiesbadener Weihnachtsliedersingen unter freiem Himmel auf dem Dern’schen Gelände herzlich willkommen. Liedblätter und Kerzen gibt es kostenlos vor Ort.

Musikalische Leitung: Kirchenmusiker Roman Bär (St. Birgid), Hans Kielblock (Ringkirche) und Tim Hawken (Anglikanische Kirche). Das Wiesbadener Weihnachtsliedersingen ist eine Aktion von evangelischer, katholischer und anglikanischer Kirche, unterstützt von der Landeshauptstadt Wiesbaden.

Nachlese zum Thomaskirchenjubiläum 1964-2024

Das Beste an einem Jubiläumsjahr sind natürlich die vielen Begegnungen und Entdeckungen, die nicht ganz zufällig und doch unverhofft passieren, zum Beispiel:

  • Die Erfahrung während eines (schnell vergessenen) Vortrags der Stiftung Denkmalschutz in der Heilig-Geist-Kirche auf der Biebricher Höhe, mit ihrer Überwältigungsarchitektur eines Herbert Rimpl (Mitarbeiter Albert Speers). Was für ein Kontrast zum Gebäude der Thomaskirche von Rainer Schell, der programmatisch auf jede große Geste verzichtet, sondern der Gemeinde ein schlichtes „Gehäuse“ baut.
  • Der Besuch der Bürgerinitiative aus Dillenburg, die unter hohem persönlichem Einsatz die von Schell errichtete Stadthalle zu retten und mit neuem Leben zu füllen versucht; und sich dabei an den wunderschönen, von Schell selbst entworfenen Wandteppichen im poppigen sechziger Jahre Design erfreut, von denen die Dillenburger noch gar nicht wussten, dass es sie auch in manchen Gemeindehäusern gibt.
  • Der sinnlose, nun endgültige Abschied vom trotz anderslautender Behauptungen gut erhaltenen Gutenberg-Museum in Mainz, eines der Gebäude, die Schells Ruf als einer der seinerzeit wichtigsten Architekten begründet und überdies die Stadtentwicklung in Mainz nach Jahren der Lethargie neu initiiert hatte.
  • Die zahlreichen Gespräche mit Zeitgenossen Schells aus seinem Büro oder aus der Gemeinde, die nach teils vielen Jahren wieder die Thomaskirche besuchten. Von denen überaus interessante Erinnerungen zu erfahren sind, etwa über Schells aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben in Gemeinde und Stadt, oder über die Arbeitsweise, dass z.B. die Muster der Klinkerwände keineswegs zufällig entstanden sind, sondern allesamt sorgfältig von den Mitarbeitern vorgezeichnet wurden.

Es ist ja ganz ungewiss, ob es ein weiteres einigermaßen rundes Jubiläum für die Thomaskirche geben wird. Aber solange es sie gibt, wollen wir sie feiern – und in ihr!

Klaus Neumann

Geistliches Wort

Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir!

(Buch des Propheten Jesaja 60,1; Monatsspruch Dez. 2024)

Noch die Übertreibungen unserer Weihnachtsdekorationen tragen das Prophetenwort weiter: Hell soll es werden, weil es hell wird! Das könnte man für unnötig halten, weil Gottes Helligkeit ja ohnehin alle unsere Lichter in den Schatten stellt. Es geht aber wohl um Entsprechungen und gegenseitiges Entgegenkommen: Unsere Helligkeit und Gottes herrliches Licht kommen sich entgegen; wie ja auch unser und Gottes Frieden, unsere und Gottes Liebe, unsere und Gottes Freude und so fort. Hier kommt zusammen, was zusammengehört.

Wir befördern Weihnachtliches Entgegenkommen durch solche Signale der Bereitschaft, wie etwa nach langem Spaziergang, über dem es dunkel geworden ist; das Licht am Ende eines Weges, das Betrieb verspricht, in einer Gaststätte vielleicht, da lässt sich aufwärmen, ausruhen und stärken. Schon dieses Licht macht selbst aus der Entfernung her ein Versprechen und ein Angebot: Mache dich auf! Beinahe egal, was da dann als Stärkung auf mich wartet (aber eine Gulaschsuppe wäre schon fein).

Natürlicherweise gehört zum Licht der Kontrast zu Schatten und Finsternis; die müssten wir gar nicht verstärken, die sind immer schon da. Passend setzt der Prophet seine Rede fort: 

Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. (Jesaja 60,2) 

Auch dieses Jahr erscheint uns die Dunkelheit der Welt besonders dunkel, der Kontrast zum weihnachtlichen Lichtereignis besonders groß und Gottes entgegenkommende Herrlichkeit noch unwahrscheinlicher als sonst; umso mehr, wenn wir den historischen Ort der Lichterscheinung bedenken, Jerusalem, das als Zion besungen wird, und das gegenwärtig im Kampf gegen die Mächte der Finsternis selbst in der Finsternis zu versinken droht. 

Spricht es gegen unser Prophetenwort, dass sich der Zustand einer Welt nicht wesentlich erhellt hat, immerhin seit vielleicht zweieinhalb Tausend Jahren? Oder spricht es für seine Klarheit und seine Wahrheit, dass es seinerseits nicht im Dunkel erlischt? Sondern trotz allem und noch in der finstersten Finsternis Gottes Licht entgegenzuleuchten fordert: 

Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir!

Klaus Neumann

Ewigkeitssonntag, 24. November 2024

EIN LIED FÜR DIE PILGERREISE.
Wir waren wie in einem Traum,
als der Herr das Schicksal Zions zum Guten wendete:
Da füllte Lachen unseren Mund,
und Jubel löste uns die Zunge.
Da sagte man unter den Völkern:
»Der Herr hat Großes an ihnen getan!«
Ja, der Herr hat Großes an uns getan!
Wir waren in einem Freudentaumel.

Herr, wende unser Schicksal zum Guten,
so wie du die Bäche in der Wüste füllst
nach langer Trockenzeit.
Wer unter Tränen mit der Saat beginnt,
wird unter Jubel die Ernte einbringen.
Noch geht er, geht weinend aufs Feld,
wenn er den Beutel zur Aussaat trägt.
Dann kommt er, kommt jubelnd zurück,
wenn er seine Garben nach Hause trägt.
(Psalm 126, nach der Basis Bibel)

In der Erinnerung an einen geliebten Menschen geht es – auch – um die ganz besonderen Ereignisse, die Höhepunkte und Glücksmomente eines Lebens, dieses Lebens. Bestimmt auch um den Alltag, das Alltägliche, das normale Leben, das sich so oder so eingerichtet hat, das seinen Gang geht, die Mühen und Freuden der Ebene; aber eben auch und noch mehr die Gipfel oder Tiefpunkte, wenn das Leben seine bisherige Gangart verlässt; in Bewegung gerät, sich beschleunigt, oder eben umgekehrt: an einen Halt kommt, eine Zäsur markiert, eine Epoche definiert. Ich meine diese markanten Daten in einer Lebensgeschichte, wie Geburt und Tod meiner Lieben, Examen und Hochzeit; Diagnose und Genesung; Unfall, tiefes Unglück und großes Glück; die eine Reise, die meinen Horizont erweitert; das eine Buch, das mich sammelt; die Begegnung, die mich bereichert.

Es gehört zu den großen Privilegien meines Berufs, mit den Angehörigen von Verstorbenen, deren Leben nachzuerzählen, nachzuzeichnen, sei es in groben Zügen, sei es in reichem Detail; immer jedoch um dieses eine Leben wahrzunehmen in seiner Eigenart und Kostbarkeit, seinem Wert und seiner Würde, die beide gleichermaßen unendlich sind und wenn es auch uns noch so unscheinbar erscheinen sollte.

Zu den definierenden Momenten eines Lebens, meines Lebens können auch Ereignisse der Geschichte und der Gesellschaft werden, Ereignisse, die nicht privat oder familiär sind, sondern von vielen, einer ganzen Generation in Glück und Unglück geteilt werden, kollektive Momente: Kriegsbeginn und Friedensschluss, Halte- und Wendepunkte der Geschichte; auch Sportereignisse oder solche in der populären Kultur. In solchen Momenten scheinen ungeahnte Möglichkeiten auf und wir sagen, könnten doch jedenfalls sagen: Wir waren wie in einem Traum.

„Ich habe kaum etwas gelesen, wochenlang gab es für mich keine Filme mehr, kein Theater. Unter publizistischen Gesichtspunkten war es die glücklichste Phase meines Lebens. Zum ersten und einzigen Mal hatte ich das Gefühl, dass die Wirklichkeit interessanter ist als alle Literatur und Kultur.“ Eine „enorme“, eine „verwunschene“ Zeit: „Der Zauber der Aktualität war so stark, dass nichts daneben bestehen konnte. Alle Fernsehkameras der Welt wurden benötigt, um Menschen zu filmen, die sich umarmten.“ „Die Wirklichkeit war viel poetischer als das Fiktive“

Auch wenn der Schriftsteller und Philosoph Peter Sloterdijk, der so in einem Interview seine Erinnerung an die Ereignisse des Mauerfalls von vor 35 Jahren beschreibt, von einer kurz darauf eintretenden Enttäuschung spricht, dass er schon an Weihnachten bemerkt habe: „Es ist vorbei“ und er nach beiden Seiten enttäuscht gewesen sei „von mir selbst und von der Geschichte“ – bleibt doch dieses Ereignis nicht nur in seinem sondern im gemeinsamen Gedächtnis als unerhörter, einzigartiger Überschuss an Möglichkeiten bestehen; als großer Glücksfall der jüngeren Geschichte, von dem wir sagen können, wie sind dabei gewesen.

Ein solches Ereignis beschreibt der Psalm, auf den wir heute hören.

Wir waren wie in einem Traum,
als der Herr unser Schicksal zum Guten wendete:
Da füllte Lachen unseren Mund,
und Jubel löste uns die Zunge.
Da sagte man unter den Völkern:
»Der Herr hat Großes an ihnen getan!«
Ja, der Herr hat Großes an uns getan!
Wir waren in einem Freudentaumel.

Und an solche enorme, verwunschene Zeiten, an solche Traumzeiten sollen wir uns – so der Psalm – erinnern, wenn wir in Schmerz und Leidenszeiten unsere Hoffnung denken. Erkenntnistheoretisch muss es zweifelhaft sein, vom Ausnahmezustand auszugehen, das Einzigartige für wiederholbar zu halten, das Enorme zur Norm zu machen und den Traum zu erwarten. Aber genau dazu will uns der Sänger des Psalms animieren. Es geht ihm also nicht darum, alltägliche Wirklichkeit abzubilden oder Wahrscheinlichkeiten zu berechnen, sondern auf Gottes Möglichkeiten zu verweisen. Die verhalten sich zu unserer Wirklichkeit wie der historische Ausnahmefall – wie die Rückkehr der Gefangenen nach Zion, wie der Fall der Mauer – zu unserem Alltag. Glauben und Hoffen in unserem Kummer heiß also: alles für möglich zu halten bei Gott.

Im Rückgriff auf den glücklichen Ausnahmefall formuliert der Sänger glückliche Ausgänge des Unglücks; sammelt sozusagen Evidenzen für Wendungen des Geschicks aus der Natur, aus dem Alltag seiner Hörer. Uns – mir jedenfalls – geht es schon manchmal so, dass mir das, was ich eigentlich weiß und zigmal erlebt habe, erst unwahrscheinlich war, ja unmöglich erschien, bevor es eintritt – und sei es die Wiederbelebung der Natur nach der Winterpause, oder Heilung nach schlimmem Schmerz. Solche guten Ausgänge, die wir immer schonmal erlebt haben und die wir sehr zurecht Gott zuschreiben, besingt der Sänger:

Herr, wende unser Schicksal zum Guten,
so wie du die Bäche in der Wüste füllst
nach langer Trockenzeit.
Wer unter Tränen mit der Saat beginnt,
wird unter Jubel die Ernte einbringen.
Noch geht er, geht weinend aufs Feld,
wenn er den Beutel zur Aussaat trägt.
Dann kommt er, kommt jubelnd zurück,
wenn er seine Garben nach Hause trägt.

Wie so oft legt die Bibel uns nahe, gegenwärtiges Leid von einem zukünftigen glücklichen Ausgang zu denken. Wir sollen, wie die Propheten das taten, unsere jetzige Lage im Licht unserer Erfahrungen glücklicher Ausgänge deuten: Regen nach der Dürre, Freude nach Tränen, haben wir schon erlebt – und sollen wir wieder erleben – wenn Gott will, warum sollte er nicht?

Manchmal trifft uns solcher Trost zu früh, er findet uns noch in der Lage der Untröstlichkeit, er klingt dann hohl und leer und wir hören ihn womöglich als bloße Vertröstung. Auch davon scheint unser Psalm zu wissen, wenn in seinen Bildern die Zeit vorausgesetzt wird, die Trost braucht. Saat und Ernte trennen Wochen, oft Monate; und selbst wenn unser Trost ein Jahr oder Jahre braucht – früher gab es das Trauerjahr, um uns die Zeit, die wir brauchen, einzuräumen – und selbst wenn unsere Trauer viel länger braucht: die Zeit des wirksamen Trostes soll nach Gottes Willen kommen.

Getröstet von der Aussicht auf Trost? Getröstet also von der bloßen Aussicht auf Trost, das könnte man für zu wenig halten. Was ist, spricht der Zauderer und Zweifler in mir, was ist, wenn uns noch am Ende, an jedem Ende, Trostlosigkeit gefangen hält und uns im Alptraum ungetrösteter Trauer fesselt? Wir wären wie in einem Alptraum, weil niemand unser Schicksal zum Guten wendete.

Dagegen steht außer unseren Erlösungserfahrungen, denen wir nur zu glauben haben, das Wort unseres Gottes wie in diesem Lied eines seiner Sänger. Aber das steht dagegen und darauf lasst uns hören: „Selig sind die Leidtragenden, denn sie sollen getröstet werden.“ Amen.