21. Sonntag nach Trinitatis, 25. Oktober 2026

Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte – …

So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; 6nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl. …

Denn so spricht der Herr: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe. Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,so will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der Herr, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen. (Buch des Propheten Jeremia 29, 1-14*)

Vor einigen Jahren, lange ist´s her, aber so lange dann auch wieder nicht, liebe Gemeinde, zur Zeit der Pandemie, stellte sich für die Kirche auf einmal die Frage, wie relevant, wie systemrelevant sie eigentlich sei. Die Frage stellte sich, oder wurde zumindest so gestellt, weil der kirchliche Betrieb seine sozialen Kontakt- und Begegnungsformen, insbesondere die von Angesicht zu Angesicht in der realen, physischen Welt gefeierten Gottesdienste eingestellt hatte, zumindest für ein paar Wochen des Jahres 2020 während der vorösterlichen Passions- und in die österliche Freudenzeit hinein eingestellt hatte, so ungefähr zwischen dem ersten Fastensonntag Invokavit und Himmelfahrt. Gesetzliche Beschränkungen und entgegenkommender Verzicht legten die Kirchen still, die Tore blieben für Gottesdienstbesucher geschlossen – anders als die Türen der Lebensmittelläden und Baumärkte, aber genauso wie die der Schulen, der Theater, der Museen und der Fussballstadien.

Aus Öffnung einerseits und Schließung andererseits wurde auf behauptete, vermutete, unterstellte Relevanz oder Irrelevanz geschlossen; und insbesondere im Fall der Kirche mit Bestürzung oder Genugtuung, je nachdem wo das Herz schlug, festgestellt, dass der Mensch vielleicht doch vom Brot allein leben kann, wenn es wirklich drauf ankommt. Eine solche Schlussfolgerung verkennt allerdings wesentliche Elemente gerade des evangelischen Glaubenslebens wie etwa das persönliche Bibellesen oder das Gebet zuhause, oder dass evangelische Christen schon seit langem großzügig von ihrem Recht Gebrauch machen, vom Gottesdienst fernzubleiben, ohne damit ihrem Glauben abzuschwören. Seinen Glauben leben und Gott suchen konnte man zu jeder Zeit auch des stricktesten Lockdowns, auch diesseits der meist unbeholfenen und zurecht vergessenen Versuche virtueller Kommunikation des Evangeliums vor der Flimmerkiste.

Dennoch ist die in einer besonderen historischen Situation der Covidpandemie aufgeworfene Frage nach dem besonderen, womöglich unverzichtbaren Beitrag der Gläubigen in der Gesellschaft, in der sie sich vorfinden und leben, also die Frage nach ihrer Systemrelevanz, durchaus – relevant.

Der Prophet Jeremia spricht sie für seine Zeit, für seine besondere Situation und seine ihm anvertrauten Glaubenden an. Er schreibt in seinem Brief an die ins Exil verschleppten, Gott und das Leben suchenden Israeliten von ihrem Beitrag in der fremden Gesellschaft und für diese: Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.

Wie meistens trifft Luthers Übersetzung sehr genau die Bedeutung des biblischen Originals, aber diesmal verschwindet der zentrale Begriff hinter der eleganten Formulierung. Gleich dreimal gehäuft in dem einen kurzen Vers spricht Jeremia vom Frieden Gottes, vom Schalom Gottes, der umfassend gemeint ist, der Frieden, Wohlergehen und glückliches Gedeihen – das Beste – der von ihm Betroffenen meint: Sucht und strebt nach dem Schalom der Stadt, in die ich euch geführt habe und betet für sie zum Herrn; ihr Schalom ist euer Schalom.

Unser Leben als Glaubende soll sich am Gemeinwohl orientieren, sagt der Prophet Jeremia. Es geht nicht darum, das Beste, also möglichst viel für uns als Gruppe und unsere Partikularinteressen herauszuschlagen, sondern es soll uns ums große Ganze gehen, zu dem wir ja schließlich gehören – und das selbst, wenn wir nur als Exilanten, als Fremde tatsächlich oder virtuell, zum großen Ganzen gehören.

Das war in extremen Situationen wie Exil oder Pandemie ein guter Rat, er taugt aber auch für das ganz normale Leben zwischen den Katastrophen. Happy wife, happy life – heißt der einschlägige kalauernde Lebensratschlag; happy city, no pity – können wir weiterdichten, um auszudrücken, dass unser Wohlergehen vom Wohlergehen der größeren Gemeinschaft abhängt, zu der wir gehören. Und niemand soll sagen, dass das jetzt zu wenig wäre an Rolle und Aufgabe von Christen und anderen Gläubigen in der jeweiligen Gesellschaft, denn der dieser Vorstellung entgegengesetzte Gruppenegoismus mit den dicken Ellbogen findet sich schneller und macht sich lauter, als wir happy wife, happy life sagen können.

Und eine zweite, viel zu oft gering geschätzte Aufgabe der Glaubenden in und für die Gesellschaft nennt der Prophet: das Gebet, das das Gemeinwohl vor Gott bringt. Das Gebet betrifft das Alleinstellungsmerkmal, den unique selling point der Glaubensgemeinschaften, die durch keine soziale Einrichtung oder gesellige Aktion, keine andere Sinnstiftung und keine Spaßagentur vertreten oder gar ersetzt werden könnte. Nur die Glaubenden können beten; und das Gebet ist ihr erster Dienst an der Gesellschaft. Wenn sie etwas Systemrelevantes beizutragen haben, einen entscheidenden und nur durch sie zu leistenden Dienst an der Gesellschaft, dann ist es das Gebet, das Gebet für das Gemeinwohl, den Schalom in der Gesellschaft.

Wie kann so etwas Kleines wie das Gebet so eine große Bedeutung haben, noch dazu für eine Gesellschaft, die mehrheitlich gar nicht mehr mitbetet und wohl auch nicht mitglaubt? Im Gebet unterscheiden wir stillschweigend, indem wir uns an Gott wenden, wer Gott und was nicht Gott ist, was also zum Gottsein nicht taugt und wer als Gott angebetet zu werden verdient. Dabei weiß auch der Prophet, dass sich Propheten irren können; er verlässt sich aber darauf, dass der, der ihn ernstlich sucht, vom wahren Gott gefunden wird, d.h. der endgültige Test des wahren Gottes ist nicht durch uns zu erbringen, sondern wird von Gott erbracht, wo und wann er das will: wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,so will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr.

Bis dahin nötigt unser Gebet auch andere als die Glaubenden über ihre „Götter“ nachzudenken, im besten Fall auch dazu, zu überprüfen, an was sie da eigentlich ihr Herz hängen: Was sind die Werte und Ideale, denen wir nachstreben, wer die Idole, denen wir nacheifern? Wer wollen wir am Ende gewesen sein, wenn uns endlich, endlich der Schalom Gottes umhüllt, und alles gut sein wird?

Denn so spricht der Herr: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe. Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.

18. Sonntag nach Trinitatis, 4. Oktober 2026

Denn das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern. Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust. (5. Buch Mose 30,11-14)

Ausgerechnet heute, wenn uns die Predigtordnung dieses Lob des Gesetzes zu bedenken gibt, feiern Juden überall in der Welt, also auch in Wiesbaden, das Fest „Simchat Tora“, Freude an der Tora, Freude am Gesetz des Mose, Freude an den Geboten Gottes: „Simchat Tora“.

Heute werden überall in den Synagogen die letzten Abschnitte des 5. Buch Mose und der erste Abschnitt des 1. Buch Mose gelesen. Und dann begleitet wieder die Lesung der 5 Bücher Mose das religiöse Leben der Juden durch das Jahr, Woche für Woche, Samstag für Samstag, immer so weiter.

Und dazu wird heute am Festtag der Freude über Gottes Gebot ziemlich ausgelassen gefeiert, gesungen und getanzt in der Synagoge und in den Straßen, mit der Torarolle im Arm, alle feiern mit, auch die Kinder, dann eben mit Spielzeug- und Plüschtorarollen, die sie wie die Großen herumtragen.

Ich bin mal vor etlichen Jahren in Jerusalem unverhofft in diese Feier geraten, wusste damals noch nichts von dem Fest und wie es gefeiert wird, und war verblüfft, wie ausgelassen und wild eine religiöse Feier sein kann, mit welcher überschäumenden Freude das Gebot Gottes gefeiert werden kann; wie persönlich und naheliegend das Wort Gottes erlebt wird: In dir ist Freude!

Als vor drei Jahren das Fest auf den 7. Oktober fiel, und eine Terrorbande das Land Israel überfiel, wurde auch dann – sicherlich gedämpft – gefeiert und weitergefeiert und die Verse der Lesung werden noch einmal eindringlicher geklungen haben als in vielen anderen Jahren: „Israel wohnt sicher, der Brunnquell Jakobs unbehelligt in dem Lande, da Korn und Wein ist, dessen Himmel von Tau trieft. Wohl dir, Israel! Wer ist dir gleich? Du Volk, das sein Heil empfängt durch den Herrn, der deiner Hilfe Schild und das Schwert deines Sieges ist! “ (5. Mose 33,28f.) Auch diese Worte haben Juden gesprochen und gehört – und geglaubt! – als ihre Feinde mordeten und entführten; denn Gott ist größer als die Mächte des Bösen, sein Wort bleibt ewig, seine Gebote gelten – und sind Grund überschwänglicher Freude: In dir ist Freude in allem Leide.

Wenn wir als Nichtjuden heute mit ihnen das Gesetz und die Gebote Gottes mitfeiern, dann soll uns das ein Geschenk des Himmels sein, das uns von weither, von jenseits des Meeres – hier also: des Mittelmeeres – geholt wurde, damit auch wir uns daran freuen sollen. Und wir sollen es trotzdem als naheliegend erachten und eben nicht für weithergeholt halten: Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.

In seinem Wort kommt Gott uns näher als wir uns selbst nahe sein können. Der Kirchenvater Augustinus spricht davon, dass der große hohe Gott, der höher als mein Höchstes ist, mir näher als mein innerstes Nächstes wird (interior intimo meo et superior summo meo, Bekenntnisse). Und der Weg Gottes in mein Innerstes geschieht – wie unter Menschen doch auch – durch sein Wort, als Wort der Liebe und der Mahnung, als Zuspruch und Anspruch, als Bestärkung und Kritik, als Evangelium und Gesetz. Wobei das Gesetz selbst schon barmherziges und Wort der Gnade ist, wieso es richtig ist, sich darüber zu freuen, an einem Tag der Freude über das Gesetz und das ganze Jahr.

Offensichtlich und unüberhörbar übersteigt das, was hier Gesetz genannt wird, das was wir gewöhnlich unter Gesetz verstehen. Nach dem Alten Testament und im Glauben der Juden ist Gesetz viel mehr als eine Vorschrift, etwas zu tun, oder ein Verbot, etwas zu unterlassen; Gesetz ist viel mehr als eine Regel, der zu folgen wäre, oder eine Grenze, die meine Freiheit beschränkte – das alles auch, aber vor allem und zuerst ist das Gesetz Wort Gottes, das befreit und überhaupt erst Freiräume schafft. Das Gesetz ist die gute Botschaft, das Evangelium, das mich aus der Gesetzlosigkeit befreit. Das Gesetz schafft überhaupt erst Raum zum Leben als Bereich guter Ordnung inmitten von Willkürfreiheit, nach der das Unrecht des Stärkeren gilt und der Mensch dem Menschen ein Wolf ist.

So berechtigt also die Freude über das Gesetz ist und so schön sein Lob erklingt, ist da doch eine Mahnung eingeschlossen, nämlich dass es nicht nur uns immer schon nahe ist, sondern dass wir es uns nahe sein lassen sollen. Wenn wir das Gesetz nicht verinnerlichen, es nicht zur inneren verpflichtenden Stimme unseres eigenen Gewissens werden lassen, sondern es bloß äußerlich bleibt, als bloß hemmend und drängend erfahren wird, und entsprechend als etwas, dass wir austricksen und zu unseren Gunsten manipulieren können, dann droht, wie der Apostel Paulus eingeschärft hat, dass das gute und heilige Gesetz zum Werkzeug der Sünde wird. Damit das nicht passiert, sollen wir das Gesetz verinnerlichen, um uns daran zu freuen.

Zu meinen schmachvollsten Niederlagen als Lehrer gehört noch immer die Antwort eines Schülers nach einigen Unterrichtsstunden über die 10 Gebote und die Nächstenliebe: Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst! – dass dieser Schüler auf die Frage, was denn nun das wichtigste Gebot für ihn sei, antwortete: Sich nichts gefallen lassen. So schön und selten eine ehrliche Antwort in der Schule ist, so sehr dokumentiert diese das völlige Versagen meiner Unterrichtsbemühungen. Dass es dem Gesetz nicht nur um meine höchstpersönliche Freiheit geht, sondern dass es einen Raum der Freiheit für alle schafft, insbesondere für die Schwächeren, die sich nicht selbst Recht verschaffen können, konnte ich nicht vermitteln. Und schon gar nicht, dass die Angst, als der Ehrliche der Dumme zu sein, läppisch ist, gegen die Freude am Gesetz.

Eine weitere Perle des Alltagsunrechts, die mir ebenfalls in der Schule begegnet ist, allerdings selbst als Schüler und immer wieder von ein und demselben Lehrer – ironisch, witzig, zynisch – geäußert, lautet, das höchste Gebot sei: Sich nicht erwischen lassen. Und wir hören das so oft und erleben das entsprechende Verhalten, nicht nur bei den schlimmen Ganoven, sondern bei uns Kleinkriminellen jeden Tag. Erst neulich bei einem netten Gespräch, als sich ein gewiss rechtschaffener Freund darüber mokierte, dass ihn die Polizei beim Fahrradfahren in der Fußgängerzone erwischt und ihm ein Knöllchen aufgedrückt habe. Alle gaben ihm in seiner Empörung recht, zu Recht?

Ich kannte einen, der sich ein paar Monate als Rekonvaleszent nach schwerer Krankheit und noch ein wenig wackelig auf den Beinen nicht in die Stadt zu gehen traute, aus Angst von Rad- oder Rollerfahrern angestoßen zu werden und sich dann nicht halten zu können. Wie vielen Älteren und Schwächeren wird es genauso gehen? Und wie unendlich viel größer müsste doch die Freude sein, ist die Freude ganz gewiss, einem guten, offensichtlich sinnvollen Gesetz zu folgen, als der Ärger den Stadtpolizisten kein Schnippchen geschlagen zu haben, ihnen diesmal nicht entwischt zu sein.

Entsprechend und viel größer ist die Freude am Gesetz Gottes, wenn ich ihm folge und es zum Gesetz meines Herzens mache; ich damit zum Teil eines moralischen Universums werde, wie es von Gott geschaffen und von Anfang an gemeint ist: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (1. Mose 1,31; Teil der Lesung zu Simchat Tora) 

14. Sonntag nach Trinitatis

Und er [Jesus] ging nach Jericho hinein und zog hindurch. Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen. Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.

Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams. Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. (Lukasevangelium 19, 1-10)

„Es steht ja wohl nicht im Gesetz des Mose, dass eine alte Schachtel nicht auf einen Baum klettern darf“ – sagte Astrid Lindgren, die 71jährige stolze, unwürdige Greisin, hoch oben von einem Baum herab. (Bei einem Filmdreh im Jahre 1978)

Ganz im Gegenteil! Können wir heute ergänzen, wenn doch das Evangelium des Lukas den etwas zu klein geratenen Oberzöllner Zachäus ausdrücklich für seine unschickliche Kletterei belobigt.

Es mag bessere und schlechtere Gründe für das Besteigen von Bäumen geben – Obstdiebstahl im Pfarrgarten gehört nicht zu den guten, wie unser Nachbar vor ein paar Jahren schmerzlich zu spüren bekam, als er bei seinem nächtlichen Raubzug aus ein paar Metern Höhe vom Quittenbaum fiel und dort erst einmal wie ein gestrandeter Käfer auf dem Rücken mit den Beinchen nach oben liegen blieb. Reue hat er nicht gezeigt, aber die Worte des schönen und lauten Liedes beherzigt: „Steh auf, wenn du am Boden bist!“. Nach einer Verschnaufpause hat er jedenfalls – gebückt und humpelnd – sein Diebesgut nach Hause verbracht, wo es ihm hoffentlich nicht allzu gut geschmeckt hat. Denn das steht ja nun mal bestimmt im Gesetz des Mose, dass einer nicht stehlen soll, alter Knacker oder nicht.

Aber das sollten wir vielleicht unserem Nachbarn zugestehen, dass er irgendwann doch seine Meinung geändert hat, so wie Zachäus, der als Oberzöllner und Obersünder den Leuten das Geld aus der Tasche zieht, sich nun doch um ein neues Verhältnis zu Gott bemüht. Er beginnt damit, seinen Standpunkt zu verändern, seine Sicht zu verbessern, dem Impuls folgend: Sehen und gesehen werden. Er klettert auf einen Baum. Von da oben sieht die Welt ganz anders aus, nämlich größer und mehr von ihr. Und er – der Kleine – wird nun auf einmal ebenfalls gesehen, er wird wahrgenommen und für wichtig gehalten – sogar von dem, für den er auf den hohen Baum geklettert war; und hoch kann der Baum, wird er gewesen sein.

Ein Maulbeerfeigenbaum (nicht zu verwechseln mit dem Maulbeerbaum oder dem Feigenbaum!), also ein Maulbeerfeigenbaum oder Eselsfeige kann bis zu 20 Meter hoch werden und wächst außer im subsaharischen Afrika fast nur im Jordantal in der Gegend um Jericho. Die Früchte sollen ganz ok schmecken, nicht so gut wie richtige Feigen, aber wegen der Früchte ist Zachäus ja auch nicht hinaufgeklettert, anders als unser Früchtchen aus der Nachbarschaft, von dem schon die Rede war.

Merkwürdig ist auch diese Szene allemal: Ein etwas zu klein geratener, aber doch wohl autoritätsheischender Oberzöllner erklimmt auf offener Szene einen hohen Baum; zwar kein reputierlicher deutscher Finanzbeamter (aber sicherlich auch nicht so schrecklich wie der garstige, gierige Oberzöllner aus Amerika); eigentlich offiziell genug, um sich normalerweise einen solchen Klettergang zu verbieten, gegen den zwar kein Gesetz des Mose, aber Anstand und Sitte und das Gerede der Leute stehen. Was erlaubt der sich? Vielleicht hält er auch seinen Ruf als mutmaßlich betrügerischer Geldeintreiber der römischen Besatzer für hinreichend ruiniert, dass ihn das alles nicht mehr genieren müsste. Dabei ist ihm im anschließenden Wortwechsel seine Rechtschaffenheit durchaus ein Selbstlob wert. Ganz egal ist ihm zumindest das Urteil Jesu nicht.

Um ihn, diesen Jesus geht es dem Zachäus. Von ihm hatte er gehört, nun will er ihn sehen, ihn erleben. Angeblich – so wurde es ihm erzählt – soll er sich mit Leuten wie ihm selbst abgeben, soll die anrüchige Gemeinschaft mit Sündern und Zöllnern pflegen, den damals sprichwörtlichen Sündern pflegen, warum nicht mit einem Oberzöllner wie ihm selbst. Von diesem Menschen Jesus heißt es, dass er die Verlorenen sucht und sie selig macht – und das sogar vom Gesetz des Mose für geboten hält: Selig die Verlorenen, denn sie sollen gefunden werden.

Dafür reckt und streckt sich der kleine Oberzöllner, klimmt sich die Äste empor, krabbelt den Stamm hinauf, bis ganz nach oben, wo er alles sehen und von allen gesehen werden kann. Er geht die Extra-Meile, klettert den Extra- Meter, strengt sich an, kämpft sich ab, fordert sich heraus. Könnten wir ihm auf seinen Baum folgen? Also ich schon mal nicht, der ich froh sein darf, meine drei Stufen zur Kanzel unfallfrei zu bewältigen. Wir Älteren sind entschuldigt, allerdings nicht durch ein Gesetz des Mose, wie Astrid Lindgren überzeugend dargelegt hat – sondern durch die Naturgesetze des Alters und der altersbedingten Wehwehchen.

Pädagogen und Mediziner beklagen, dass Kinder nicht mehr auf Bäume klettern, oft genug, weil wir Eltern unsere Kinder lieber mit dem Helikopter auf die Wipfel fliegen und nicht mehr auf die Bäume klettern lassen – und damit meine ich jetzt bestimmt nicht das betreute Klettern oben auf dem Neroberg. Gemeint ist vielmehr das freie und wilde, das glücklich machende; was sage ich: das allein seligmachende; genau, das Astrid Lindgrensche Klettern, von früher eben, als der Tag mit einer Platzwunde begann und den Erinnerungen an die eigenen Heldentaten endete – morgen versuche ich es noch einmal.

Aus seiner Komfortzone herausgeklettert lässt sich der Zöllner Zachäus von Jesus abholen, zeigt und sagt wie wichtig ihm die Sache mit Gott ist: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. Worauf sich Jesus die naheliegende Antwort verkneift, dass er sich die Betrügerei doch gleich hätte schenken können, geschenkt! So wie dem Zöllner die Gnade Gottes durch Jesus geschenkt ist, Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Sollen wir jetzt dem Zachäus nachfolgen, und wie er die Leute betrügen, um anschließend zu ihm auf den Baum zu klettern, um sich mit ihm sehen und retten und selig machen zu lassen? Natürlich nicht! Und zumindest das erste, das Betrügen stünde ja sehr wohl im Gesetz des Mose, dass wir es zu unterlassen haben. Aber wie Zachäus die eigenen Verstrickungen hinter sich lassen, einen neuen Standpunkt und eine neue Sichtweise annehmen und damit Freiheit von sich selbst und für Gott erlangen – das wäre schon was. Wie schon die wundervolle Astrid Lindgren sagte: „Freiheit bedeutet, dass man nicht unbedingt alles so machen muss wie andere Menschen.“ – Noch nicht einmal wie Zachäus.

11. Sonntag nach Trinitatis, 16. August 2026

„Den Mann nenne mir, Muse, den vielgewandten, der gar viel umgetrieben wurde, nachdem er Trojas heilige Stadt zerstörte. Von vielen Menschen sah er die Städte und lernte kennen ihre Sinnesart; viel auch erlitt er Schmerzen auf dem Meer in seinem Gemüte, während er sein Leben zu gewinnen suchte wie auch die Heimkehr der Gefährten.“ (Odyssee, übers. W. Schadewald)

Seit diesem Sommer sind wir ja alle Homerisch Gebildete und erkennen sofort die ersten Zeilen dieser großen Geschichte, erkennen die Motive von Irrfahrt und Heimkunft, erkennen die Bezeichnungen des vielgewandten, komplizierten, listenreichen Helden, des göttergleichen Odysseus.

Nicht von dieser Mutter aller Irrfahrten und Heimkünfte soll ich predigen, aber von Irrweg und Ankunft, von Umkehr und Heimkehr ist auch heute im Gottesdienst die Rede. Passt doppelt gut, denn wir sind ja auch gerade Heimkehrer in unser normales Leben mit Schule und Arbeit; heimgekehrt aus dem Urlaub, aus der Ferienzeit, wer weiß woher. Vielleicht hängen wir noch ein wenig wehmütig den schönen Tagen am Meer oder in den Bergen nach, der unbeschwerten Zeit des späten Aufstehens, ohne die Pflichten des Alltags und den Mühen der Ebene. Gleichzeitig können wir uns freuen über unser Zuhause, doch auch über Schule und Arbeit, die man erst richtig schätzt, wenn man nicht arbeiten gehen kann; können uns freuen über den Ort an den wir gehören, unseren Platz im Leben und in der Welt, an den wir wieder zurückgelehrt sind. Manchmal dauert es eine Weile und einige Mühe, bis wir diesen Ort gefunden, gewonnen haben – und damit meine ich nicht nur die Irrfahrten und Verspätungen, die wir als Reisende womöglich erlebt haben, als Irrende in einem Städtemeer oder als Verwirrte in einer Wildnis, die im Reiseprospekt eigentlich ganz gemütlich aussah.

Nicht vom vielgewandten, komplizierten Helden Odysseus kann heute die Rede sein, auch wenn es in unserer Geschichte aus der Bibel ebenfalls um Verirrung und Heimkehr geht und der Schlüssel zu ihrem Verständnis ebenfalls in einer Wende, einer Umkehrung liegt, die dem berühmten Beinamen des Odysseus zugrunde liegt: Polytropos wird er gleich zu Anfang und dann unzählige Male genannt: der Mann vieler Wendungen.

Dass nicht nur das Leben im Einflussbereich der vielen griechischen Götter voller Wendungen und Kehren ist, sondern auch das Leben vor Gott selbst durch Wende und Umkehr neu bestimmt wird, davon erzählt unser heutiger Predigttext.

Er [Jesus]sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden. (Lukas 18,9-14)

Unsere Geschichte zeichnet die beiden Hauptfiguren in groben Zügen, als Klischee, beinahe als Karikatur. Natürlich war nicht jeder Zöllner damals ein Betrüger und nicht jeder Betrüger hat seine Taten bereut. Und natürlich war nicht jeder Pharisäer ein Heuchler, der sich über andere erhebt und damit Gott verliert. Und natürlich möchte Jesus mit dieser Geschichte keineswegs Finanzbetrug rechtfertigen noch Gotteseifer denunzieren. Überhaupt erfahren wir relativ wenig und nichts Genaues über die Zustände im alten Jerusalem zur Zeit Jesu, weil das auch nicht die Absicht dieser Gleichnisgeschichte ist. Aber ihre ersten Hörer werden schon sich und ihre Mitmenschen darin wiedergefunden haben. Und auch wir als seine vorerst letzten Hörer sollen uns darin wiederfinden, auch wenn wir weder als Finanzbetrüger unsere Brötchen verdienen, die wir nicht verdienen, noch Tag und Nacht über dem Gesetz Gottes sitzen und es dann doch missachten. Wir sollen uns wiedererkennen, wenn wir uns wieder einmal für besser halten als die anderen; oder es gar nicht mehr merken, wenn wir andere übervorteilt haben. Solche Gleichnisse sollen als Orientierungshilfe, als Kompasse und Sextanten unserer Lebensreise dazu dienen, dass wir uns nicht verirren auf den Ozeanen unserer Selbstgerechtigkeit und nicht in den Tümpeln der Gaunerei.

Klar zur Wende! Ruft uns Jesus heute zu. Nicht unbedingt vielgewandt sein; das überlassen wir dem sagenhaften Helden der Antike. Für uns kommt es auf die eine Wende an, unsere Umkehr und Heimkehr zu Gott.

Umkehr ist Heimkehr, ist Heimkehr zu Gott. Der Schauplatz unserer Geschichte, der Tempel als Haus Gottes, macht diese Gleichsetzung von Umkehr und Heimkehr überdeutlich. Heimkehren zu Gott kann nur der, der umkehrt, seine Irrwege verlässt. Nur wer umkehren will, findet seinen Weg heim zu Gott. Der Zöllner, als der exemplarische Sünder kehrt zu Gott um, kehrt zu Gott heim.

Sünde bezeichnet das, was uns von Gott – und damit von unseren Mitmenschen trennt, uns zu Fremden macht, sogar von uns selbst entfremdet.

Indem der Pharisäer sich über seine Mitmenschen erhebt, trennt er sich von ihnen, entfremdet sich – sogar sich selbst.

Indem der Zöllner seine Trennung von Gott erkennt und beklagt, kehrt er um zu Gott, findet er nach Hause. Umkehr ist Heimkehr, ist Heimkehr zu Gott.

Einer, der Zöllner, hatte sich verirrt – und hat dann doch den Weg gefunden, ist umgekehrt, heimgekehrt zu Gott.

Ein anderer, der Pharisäer, hat sich verirrt, irrt noch, denkt, er sei schon zuhause und ist weiter von dort weg als es der erste je war. Dieser ein Irrläufer des Glaubens, jener ein Heimkehrer zu Gott.

Sich zu Gott wenden – und womöglich eine Heimat bei ihm finden, in seinem Haus, darum ging es heute – und darum geht es übrigens auch bei Unterricht und Konfirmation. Und so wie viele von uns Alten hier zuhause sind, wünschen wir euch, liebe Konfirmanden, dass ihr euch in dieser Kirche zuhause fühlt. Wir haben ja schon ein wenig damit angefangen, uns umzuschauen, uns zurechtzufinden, uns einzurichten, die ersten Klärungen geäußert, die ersten Fragen gestellt. Um eine der wichtigsten ging es heute: Wie – mit welcher Haltung – wende ich mich zu Gott? Wir kommen darauf zurück.

Johannis, oder „midsummer madness“, 2026

„Wahn! Wahn!
Überall Wahn!“

So besingt der Meistersinger Hans Sachs den Wahnsinn der Welt.

„Wahn! Wahn!

Überall Wahn!
Wohin ich forschend blick‘,
in Stadt- und Weltchronik,
den Grund mir aufzufinden,
warum gar bis aufs Blut
die Leut‘ sich quälen und schinden
in unnütz toller Wut!
Hat keiner Lohn
noch Dank davon:
in Flucht geschlagen,
wähnt er zu jagen;
hört nicht sein eigen Schmerzgekreisch,
wenn er sich wühlt ins eig’ne Fleisch,
wähnt Lust sich zu erzeigen!

Gott weiss, wie das geschah?“ (Richard Wagner, Die Meistersinger von Nürnberg, 3. Akt)

Aber weil es eben die verrückte Zeit um die Johannisnacht ist, die Zeit der „midsummer madness“, die auch Shakespeare kennt und nennt und ihr ein ganzes traumhaft wundervolles Stück widmet, in der alle Welt verrücktspielt – auf nette und überaus lustige Weise verrücktspielt – wechselt auch Hans Sachs bei seinem Meister Richard Wagner das Register bei der Ursachenforschung. Die ernste Frage beantwortet er sich mit einem Spaß:

„Ein Kobold half wohl da:
ein Glühwurm fand sein Weibchen nicht;
der hat den Schaden angericht’t.
Der Flieder war’s: Johannisnacht!“

„Ist denn die ganze Welt verrückt geworden?“ – fragt einer meiner keineswegs immer mental stabil wirkenden Lieblingsfilmfiguren Walter (in „The Big Lebowski“); „Ist denn die ganze Welt verrückt geworden?“ – und weil das wohl nicht nur heute, sondern zu vielen Zeiten ganz entschieden bejaht werden muss, wenden wir uns Johannes dem Täufer zu, der „hamletgleich“ einer verrückt gewordenen Welt den Verrückten vorspielt, um ihre Verrücktheit wie in einem Spiegel zu zeigen und sie zu entlarven:

Normal war es jedenfalls nicht wie Johannes in die Wüste zu ziehen, sich von Honig und Heuschrecken zu ernähren, einen ausgesprochen shabby chic zu pflegen, also einen Kamelhaarmantel – aber einen von der abgerissen, verlotterten Sorte – zu tragen, interessierte Passanten auf Wunsch ins Wasser zu tauchen, ihnen zu predigen, dass sie alles falsch machen und alles anders machen sollen, und sogar den herbeigelaufenen Soldaten zu erklären, dass sie doch besser auf Gewalt verzichten mögen.

Ein verrückter Schrat – und damit würdige Ikone unserer verrückten Zeit, oder etwa nicht?

2. Sonntag nach Trinitatis, 14. Juni 2026, Tauferinnerung

Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart.Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht. (Matthäus 11,25-30)

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

Wasser ist Leben; das Wasser der Taufe verspricht neues Leben: Erfrischung, Belebung, Erneuerung – Erquickung. Das schöne Wort – erquicken – ist einerseits etwas aus der Mode gekommen, aber immer noch unmittelbar verständlich. Was müde, mühselig, beladen, erschöpft, erlahmt, kaputt, zerschlagen ist, soll wieder heil und ganz und lebendig – quicklebendig – werden. Die Strapazen des Lebens – die manchmal kaum auszuhaltenden Strapazen des Lebens – sollen gelindert werden. Was dem Fußballer seine Eistonne, ist dem Christenmenschen seine Taufe. Danke, Per Mertesacker für Erfrischung und Erquickung in vielfältiger Form!

Erquicken übersetzt aus dem Griechischen Original und aus der lateinischen Standardübersetzung Wörter, die Erholung und Erneuerung bezeichnen; eigentlich: sich durch Pausen erholen; bzw. neu-machen. Erschöpfte setzen sich hin unter den Schatten eines Baumes an einem Bächlein und gewinnen neue Kraft: Der gute Hirte führt mich an eine grüne Aue, er erquickt meine Seele. Er kommt zu mir, der ich mühselig und beladen bin, und erquickt mich.

Balsam für Leib und Seele; Wellness nennen wir es heute; Erschöpfte, Versehrte genießen heilsame Bäder. Wiesbadener wissen, wovon ich spreche; schon die Römer haben es ihnen, also uns gesagt und gezeigt und unseren schönen Ort Aquis Mattiacis getauft, an den Wassern der Mattiakern; deren Nachfahren es dann in Wisibada – nun ja – nicht gerade eindeutschten.

Uralte Heilkraft, ewigjunge Schönheit – verheißt der Ruf zur Heilung auf historischen Plakaten, wie dieses des in Wiesbaden tätigen Künstlers Fred Overbeck von Anfang der Dreißiger Jahre. Ich finde, dass es jünger wirkt als ist – aber vielleicht bin ja auch ich nur älter als ich meine – jedenfalls zeigt sich für mich auf dem Bild keine Spur der dunkel-drohenden Entstehungszeit und der bedauerlichen Verstrickung unseres Künstlers in ihr, sondern es kommt mir selbst so ewigjung und schön vor, wie die Heilung, die es verheißt: antike oder antikisierende Säulen, Wasserwellen und ein Frühlingsstrauß werben für unsere Bäderstadt. Gemeinsam mit dem Slogan, der das Alte und das Junge, das Ewige und das Aktuelle verbindet, greift das Plakat – bewusst oder unbewusst – auf den antiken Mythos des Jungbrunnens. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. – Aber ganz anders als Jesus das meinte.

Die antike und am Ende des Mittelalters gleichsam wiedergeborene Idee des Jungbrunnens malt uns unsere Sehnsucht nach ewigjunger Schönheit vor Augen, lässt uralte, gebrechliche Männlein und Weiblein auf der einen Seite in einen Swimmingpool gleiten – manche müssen getragen werden – um sie dann zumindest an ihren Körpern sichtbar verjüngt, vergnügt und erquickt auf der anderen Seite herausspringen zu lassen. (Lucas Cranach, Der Jungbrunnen 1546). Alle Lebensgeister – auch die erotischen (und selbstverständlich war das Thema für den Künstler auch ein Vorwand möglichst viele Nackte zu präsentieren) – sind neu geweckt. Siehe das Alte ist vergangen, Neues ist geworden. Siehe, ich mache alles neu. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

Wie gesagt, Jesus hat das sicherlich anders gemeint, aber als Bild unserer Erneuerung durch Gott in der Taufe lasse ich es mir gerne gefallen. Und die zeitgenössischen Betrachter werden es schon auch richtig verstanden haben, dass ihnen ewigjunge Schönheit durch uralte oder auch ultramoderne Heilkraft äußerlich und körperlich verwehrt bleibt, auch als Getaufte, die an das zukünftige Leben mit Christus glauben.

Soviel Weisheit bringen heutzutage nicht alle auf, wenn man immer wieder von technisch-medizinischer Körperertüchtigung und Lebensverlängerung hört, die statt dem Sprung in die Eistonne sich für die Zukunft gleich ganz einfrieren lassen, oder zumindest die Spuren des gelebten Lebens sich wegspritzen und -schnippeln lassen. Was für ein Unsinn! Auch als rundum chirurgisch und chemisch erneuerter Mensch werde ich mich mit meinem Ende auseinandersetzen müssen – dann eben ein paar Jahre oder Jahrzehnte später.

Das war sicherlich unserem Künstler – Lucas Cranach übrigens – klar, dem wir nicht nur Darstellungen des Jungbrunnens, sondern auch der Taufe verdanken (Lucas Cranach, Wittenberger Altar). So wie auf seinem Bild werden auch bei unseren gewohnten Tauffeiern eher keine Sehnsüchte nach ewiger Jugend durch das Bad der Taufe assoziiert. Das edle Tuch der Sonntagskleider nach bürgerlicher Tradition, die uns ja schon beinahe fremd geworden ist, bedeckt schicklich, was bedeckt werden muss. Nur das erfreulich fröhliche Baby liegt ohne Kleidung wohlig auf der Hand des Pfarrers und Lutherfreundes Philipp Melanchthon und scheint sich für das glitzernde Wasser zu interessieren. So sind die Babys bei ihrer Taufe (wenn der Pfarrer sie richtig hält!) und so waren wir da wohl auch. In der Taufe der anderen erkennen wir unsere eigene, und in der immer gleichen, immer ähnlichen Darstellung einer Initiation werden wir gewahr, dass der Täufling wie wir nun zu Gott gehört – weil Gott zu uns gehören will.

Die darstellende Handlung der Taufe bewirkt nichts Sichtbares, keine physische Veränderung in der materiellen Welt. Die Haut wird nicht straffer, die Züge nicht jünger, die Muskeln nicht stärker – aber wir sollen erkennen und wissen und uns durch sie daran erinnern, dass wir zu Gott gehören und er zu uns; dass wir wie Jesus und als seine Angehörigen und Freunde an seinem Leben teilhaben. Die Taufe ist wie ein heiliges Spiel, ohne Zweck wie jedes richtige Spiel – aber mit Sinn, also Geist theologisch gesprochen. Taufe ist das, was wir mit ihr meinen.

Aber das sichtbare Zeichen der Taufe ist das Wasser, als weites und weitgehend unerschöpfliches Symbol unserer Erneuerung, Erfrischung, Erquickung. Darin spricht Gott zu uns in seinem Sohn Jesus Christus: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

Trinitatis, 31. Mai 2026, Konfirmationsjubiläum

Und der Herr redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der Herr segne dich und behüte dich;der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne. (4. Mose 6, 22-27)

Sprich deinen milden Segen
zu allen unsern Wegen,
laß Großen und auch Kleinen
die Gnadensonne scheinen.

So verdichtet, liebe Schwestern und Brüder, diese Segensbitte der Liederdichter Paul Gerhardt, dessen Leben und Lieder wir uns in diesem Jahr 2026 seines Todes vor 350 Jahren erinnern. Als Elfte von 15 Strophen hat Paul Gerhardt sie als Neujahrslied eines der schrecklichen Kriegsjahre des Dreissigjährigen Krieges jedenfalls vor 1648 gedichtet – und so singen wir sie, wie so viele seine Lieder; auch wir heute Morgen, noch heute.

Gedenkfeiern, Jubiläen und Jahrestage – Neujahrsmorgen und Geburtstage – auch goldene und silberne Konfirmationsfeiern sind wie Ausrufezeichen im Strom der Zeit. Sie unterbrechen unseren Alltag, geben ihm Sinn und Halt, und laden ein, unsere Lebenszeit unter Gottes Segen zu stellen, unsere Lebensgeschichte als in Gottes Geschichte mit uns Menschen verwickelt zu verstehen: Nicht bloß Ansammlung zufälliger Punkte in einem chaotischen Universum, sondern Linie mit Anfang und Ziel. Wir blicken zurück und wir schauen nach vorne, bedenken, was uns trägt und was uns behütet – Gottes Segen in unserem Leben.

Lasst uns singen:

1. Nun laßt uns gehn und treten
mit Singen und mit Beten
zum Herrn, der unserm Leben
bis hierher Kraft gegeben.

2. Wir gehn dahin und wandern
von einem Jahr zum andern,
wir leben und gedeihen
vom alten bis zum neuen

3. durch so viel Angst und Plagen,
durch Zittern und durch Zagen,
durch Krieg und große Schrecken,
die alle Welt bedecken.

Als goldene Friedensgeneration – Gottseidank! – kennen wir den Krieg und seine Schrecken nur von Ferne: aus den Erzählungen der Eltern und Großeltern, und durch die Nachrichten aus fremden Ländern. Unser Dichter dagegen kannte die meiste Zeit seines Lebens keinen anderen als den Kriegszustand, dessen Schrecken sich ihm und seinen Zeitgenossen in seiner unmittelbaren Gewalt zeigten, wie auch in den mittelbaren Folgen: Hunger, Seuchen, Unordnung, Verwahrlosung ganzer Landstriche und Länder – und aus seiner Sicht damit alle Welt bedeckten. Paul Gerhardt konnte deshalb so überzeugend vom Frieden als Gottes Segen singen und sagen, weil er den Fluch des Krieges kannte.

4. Denn wie von treuen Müttern
in schweren Ungewittern
die Kindlein hier auf Erden
mit Fleiß bewahret werden,

5. also auch und nicht minder
läßt Gott uns, seine Kinder,
wenn Not und Trübsal blitzen,
in seinem Schoße sitzen.

6. Ach Hüter unsres Lebens,
fürwahr, es ist vergebens
mit unserm Tun und Machen,
wo nicht dein Augen wachen.

Den ersten Segen unseres Lebens erfahren wir in den Armen unserer Mutter. Sie stiftet das Grundvertrauen, mit dem wir unser Leben bestehen können, und auch wenn es Zeit wird, die Arme der Mutter zu verlassen. Unsere persönlichen Jubiläen und Jahrestage lassen uns an Kindheit und Jugend zurückdenken, und an die Menschen, denen wir unser Leben verdanken, die uns so viel mitgaben an Gutem, aber auch manches schwere Gepäck, an dem wir bis heute tragen. Noch als Erwachsene, noch im Alter spüren wir das immer wieder, dass wir nicht die alleinigen Autoren unserer Lebensgeschichte sind – das ja auch – aber dass wir ebenfalls Geschichten fortschreiben, dass wir uns in Geschichten einschreiben, deren erster Satz nicht von uns stammt.

7. Gelobt sei deine Treue,
die alle Morgen neue;
Lob sei den starken Händen,
die alles Herzleid wenden.

8. Laß ferner dich erbitten,
o Vater, und bleib mitten
in unserm Kreuz und Leiden
ein Brunnen unsrer Freuden.

9. Gib mir und allen denen,
die sich von Herzen sehnen
nach dir und deiner Hulde,
ein Herz, das sich gedulde.

Eine der spannendsten Fragen unseres Lebens ist die nach seinen Zusammenhängen, nach Kontinuitäten und Kontrasten, nach Brüchen und Brücken: Bin ich mir eigentlich selbst gleich? Bin ich mir selbst gleich-geblieben? Was verbindet das Kind mit der Jugendlichen mit der Erwachsenen? Was verbindet mein jetziges Ich mit den vielen Ichs unterschiedlicher Lebensalter? Die meisten Zellen unseres Körpers dürften sich über die Jahre erneuert haben, Gedanken doch hoffentlich auch. Auf den Bildern von damals erkenne ich mich manchmal nur kaum. Und doch bin ich ganz gewiss, trotz aller Verschiedenheit dieselbe in den unterschiedlichen Zeiten und Phasen meines Lebens, nehme ich mich als die eine war in den Bindungen früherer Jahre: Verschieden und doch gleich; anders und doch identisch. – Übrigens kann man diese Frage auch an Gottes Wesen stellen; und sie wird folgerichtig und traditionell am heutigen Sonntag Trinitatis gestellt; und zwar nach der Einheit Gottes in seiner Verschiedenheit, nach der Identität von Schöpfer, Versöhner und Erlöser, nach Vater, Sohn und Heiligem Geist, nach Gottes eigener Geschichte , die er als Familiengeschichte erzählt; kurz: nach Gottes Treue an jedem neuen Morgen.

10. Schließ zu die Jammerpforten
und laß an allen Orten
auf so viel Blutvergießen
die Freudenströme fließen.

11. Sprich deinen milden Segen
zu allen unsern Wegen,
laß Großen und auch Kleinen
die Gnadensonne scheinen.

12. Sei der Verlaßnen Vater,
der Irrenden Berater,
der Unversorgten Gabe,
der Armen Gut und Habe.

Dem Dichter Paul Gerhardt – und darin kann er uns Anregung und Vorbild sein – sucht und benennt Konkretionen des Segens in der Vielfalt des Lebens. Ich glaube, dass unser individueller und gewohnheitsmäßiger Alltagsatheismus etwas damit zu tun hat, dass uns ganz einfach die Phantasie fehlt, den Segen unseres Lebens zu entdecken und ihn als Segen Gottes zu erkennen. Das barocke Lebensgefühl hingegen erlaubt es Paul Gerhardt im Gelingen und Gedeihen Gottes Segen zu erkennen: in freundlicher Gesellschaft, im Erkennen der Wahrheit, im Sieg der Gerechtigkeit, in Nahrung und Sättigung, in Genesung und persönlichem Glück. Überall dort, wo wir nicht mit unserer Not alleine bleiben und diese gewendet wird, ereignet sich Gottes Segen; zuerst und vor allem im großen Thema seiner und doch auch unserer Zeit: im Krieg und seiner Überwindung durch Frieden.

13. Hilf gnädig allen Kranken,
gib fröhliche Gedanken
den hochbetrübten Seelen,
die sich mit Schwermut quälen.

14. Und endlich, was das meiste,
füll uns mit deinem Geiste,
der uns hier herrlich ziere
und dort zum Himmel führe.

15. Das alles wollst du geben,
o meines Lebens Leben,
mir und der Christen Schare
zum sel’gen neuen Jahre.

Ein ganzes Leben in einem Lied – ein Lied wie ein Leben. Damit mag auch erklärt sein, warum sich Paul Gerhardt soviel Zeit nimmt in seinen Liedern, deren viele Strophen nur an den wenigsten Gelegenheiten alle gesungen werden. Er zeichnet wie gesagt unser Leben in die Geschichte Gottes ein. Gott ist der Anfang und das Ende unseres Lebens; an dem wird er uns in den Himmel führen. Bis dahin stehen wir – Jahr für Jahr, Tag um Tag – unter seinem Segen, dass er uns hier herrlich ziere. Darum bitten wir Gott:

Sprich deinen milden Segen
zu allen unsern Wegen,
laß Großen und auch Kleinen
die Gnadensonne scheinen.

Amen

Ostermontag, 6. April 2026

Als sie aber davon redeten, trat er selbst mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch! Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz? Seht meine Hände und meine Füße, ich bin’s selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe. Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und Füße. Da sie es aber noch nicht glauben konnten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen? Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor. Und er nahm’s und aß vor ihnen.

Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose und in den Propheten und Psalmen. Da öffnete er ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden. (Lukas 24,36-45)

Essen ist Leben!

Wer isst, wer essen muss, lebt. Wer ist, isst.

Das dürfte so etwa der Beweisgang unserer österlichen Anekdote sein, die ja auch etwas Komisches hat, wenn man sie nämlich als Gespensterprobe liest: Kommt ein Geist zu einer Mahlzeit … Dem, den man für einen Geist hält, auch nach ausführlicher Betrachtung und Berührung für einen Geist halten muss, dem wird Fisch vorgelegt, um ihn auf die Probe zu stellen: denn Geister, das wusste schon damals jedes Kind, so scheint´s, haben keinen Appetit. Aber was passiert? Der vermeintliche Geist verspeist sichtlich angetan die Mahlzeit; voila, kein Geist; siehe da, ein Mensch! (Umgekehrt funktioniert der Test leider nicht, denn merkwürdigerweise verweigern nicht nur Geister sondern auch manche Menschen Fisch zur Mahlzeit.)

Essen ist Leben! Das stimmt ja nicht nur biologisch (Lebewesen brauchen Energie, die sie sich bekanntlich durch Nahrung zuführen), nicht nur kulinarisch oder meinetwegen ökotrophologisch – sondern auch sozial – im Alltag und anlässlich von Festen und Feiern. Auch die Gemeinschaft Jesu feierte ihre Gemeinschaft regelmäßig als Mahl. Das gemeinsame Essen ist noch heute für viele der Moment am Tag, wenn wir unsere Familie und Mitbewohner treffen, unsere Gemeinsamkeit erleben; und die wir eben an besonderen Tagen – an Geburtstagen – an Feiertagen, doch auch jetzt zu Ostern! – feiern; das darf dann auch mal etwas größer und etwas mehr sein als sonst. Ein Fest ohne Festessen ist kaum denkbar. Warum nicht ein Stück gebratener Fisch?

Andere Tests auf menschliches Leben lassen sich denken. Sie müssten geeignet sein, das zu prüfen, was uns zu wirklich lebenden, wahrhaft lebendigen – also liebenden, mitfühlenden, denkenden, strebenden – Menschen macht. Und dabei dürfte die Unterscheidung der Menschen von Geistern an Bedeutung verlieren – und die Unterscheidung der Menschen von Maschinen und ihren Programmen gewinnen. Alle Welt spricht von KI, von künstlicher Intelligenz, und dass ihre Produkte kaum oder gar nicht mehr von denen von Menschen zu unterscheiden seien. Ob das stimmt? Oder ob das nicht ein alter Fisch ist, der uns da vorgesetzt wird und uns entgegen stinkt. Ich behaupte: Noch der Gestank von Gammelfisch besteht demgegenüber den Wirklichkeitstest; um wieviel mehr der verführerische Duft einer Bouillabaisse, wie sie mir in letzter Zeit gelegentlich gelingt.

Aber es mag schon sein, dass wir uns gelegentlich täuschen lassen; oder – wie ich finde – noch schlimmer: dass wir uns selbst täuschen, also selbst hinter unseren menschlichen Möglichkeiten zurückbleiben und von Maschinen ununterscheidbar werden. Vielleicht produzieren wir einfach selbst zu viel überflüssigen Text, der doch genauso gut – oder genauso schlecht! – künstlich hergestellt werden könnte. Dann wäre der Test, dem wir uns zu stellen haben, nur noch das zu produzieren, was uns als Menschen zeigt – mit unserer Lebendigkeit, unseren Gefühlen, unserer natürlichen Intelligenz und in unserem künstlerischen Ausdruck. Jeder Mensch ist ein Künstler! Eben, aber nicht seine technische Reproduktion. Auf ziemlich unwahrscheinliche Weise nötigte uns damit der Umgang mit sogenannter künstlicher Intelligenz, uns unserer Menschlichkeit zu vergewissern und unser Gegenüber darauf zu testen – ganz anders und ganz gleich wie in unserer Ostergeschichte vom gebratenen Fisch.

Die Osterbotschaft verkündet den Sieg des menschlichen Lebens über die Mächte des Todes. Darauf gibt es keinen Test außer dem, dass wir uns als lebendige Menschen zeigen, die das Leben lieben.

Altjahresabend 2025

Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.

Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.

(Brief an die Hebräer 13, 8b-9)

„Was gibt’s Neues?“ – hat mein Vater – Gott hab ihn selig – regelmäßig zur Begrüßung gesagt und gefragt. „Was gibt’s Neues?“ Das war zum einen – so habe ich die Frage gedeutet – das Interesse am Leben der Kinder, an dem er mit den Jahren ja nicht mehr direkt teilnahm; und das war zum anderen die Sorge vor schlechten Neuigkeiten, die ihn mehr und mehr beherrschte. Lange vor dem Zeitalter des „Doomscrolling“ auf unseren Telefonbildschirmen saß er eigentlich täglich vor dem Fernseher, um in langer Folge Nachrichtensendung um Nachrichtensendung anzuschauen, die ihn, auch wenn es wenig Neues gab, zuverlässig mit kleinen und großen Kalamitäten aller Art versorgten. Verstehen konnte ich das damals nicht, oft genug habe ich darauf mit Unwillen reagiert, zumal es mir wie eine Art Fluch erschien, unter dem er stand – und unter dem heute so viele von uns stehen. Nachrichten als Sucht und Fluch zugleich. Only bad news are good news.

Für mich passt das gut zu einer Redensart, die wohl entgegen einer häufigen Zuschreibung nicht, oder zumindest nicht direkt aus dem Chinesischen stammt „Mögest du in interessanten Zeiten leben!“ Und sie ist anders als es vielleicht ein erster Eindruck erscheinen lässt, nicht als Segenswunsch, sondern als Fluch gemeint. „Mögest du in interessanten Zeiten leben!“ Denn das Interessante, das Neue ist hier das, was die Betroffenen plagt. Interessante Zeiten in diesem Sinne sind schlimme Zeiten, sind Seuchen- und Hungerjahre, sind Krisen und Kriege, Umstürze, Bankenzusammenbrüche und Firmenpleiten – wir wissen, was gemeint ist. Ein bisschen langweiliger, wäre schon schön.

Ein bisschen langweiliger, wäre schon schön. Also etwa so langweilig, wie die gute Nachricht von heute klingt: Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Langeweile als Programm. Der Vers müsste ja wohl – so stelle ich mir vor – der Alptraum jeder kirchlichen PR-Abteilung sein, die sich – stets auf der Suche nach dem heißesten Scheiß – der guten alten Botschaft, des Evangeliums schämt. Immer dasselbe. Immer so weiter. Alle Jahre wieder. Langweile vertont und gesungen.

Wir folgen aber heute nicht der bisweilen kopf- und atemlosen kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit, sondern dem Evangelium selbst. Gerade jetzt zum Jahreswechsel erklingt das Lob der scheinbar langweiligen, der vermeintlich uninteressanten Verlautbarung von der Beständigkeit und der Verlässlichkeit Gottes, und sie klingt ziemlich passend. Wenn alles fällt, bleibt doch der Eine bestehen. Wenn sich alles in Auflösung befindet, finden wir festen Halt an Gott. An ihm möge unser Herz fest werden – in den Worten unseres Autors, den wir außer durch seinen Brief nicht weiter kennen.

Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.

Diese Worte gehören zum Schlusskapitel seines Briefes an die Hebräer. Sie formulieren noch einmal prägnant die Gebrauchsanweisung seines Schreibens, so wie andere seiner Schlussworte ebenfalls zusammenfassend auf den praktischen Nutzen zielen:

Wenn er etwa das Vorübergehende unserer Existenz betont; Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Als wanderndes Gottesvolk versteht er die christliche Gemeinde; in der Nachfolge des Wanderers Jesus; im Rückblich und Anklang an das Volk der Hebräer, das sich immer als herumziehend, als nomadisch verstand, mit allen Konsequenzen für das praktische Leben.

Praxis klingt auch an, wenn es ihm um die Nächstenliebe als von den Juden erlernte christliche Grundtugend geht; Gutes zu tun und mit andern zu teilen vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott. Als erste und wichtigste Wanderregel gilt, dem anderen beizustehen – dem anderen, mit dem ich wandere, und dem anderen, dem ich begegne.

Wir könnten nun ein ums andere Thema, und zahlreiche, im Grunde jeden seiner Aussprüche betrachten – und immer würden wir erleben, dass der Autor an die Hebräer nicht auf der Suche nach Neuem ist, keine Neuigkeiten formulieren möchte – sondern in der gebotenen Ausführlichkeit und Umständlichkeit das Uralte seiner Botschaft herausstellt. Wichtig, bedeutend, gültig, sinnvoll – ist das was er zu sagen hat, nicht weil es neu ist, sondern weil es alt ist. Weil das Wesentliche das Alte ist.

Man könnte das beinahe für ein fernes Echo des Prediger Salomo halten, seines „Es gibt nichts Neues unter der Sonne“ – nur das dieser in tiefer Resignation dann gleich alles für absurd und nichtig erklärt hat: „Es ist alles ganz eitel, alles absurd, alles Windhauch, alles nichtig und flüchtig wie Kains Bruder Abel: Häbäl Habelim.“ Die Sehnsucht nach Neuem, Sucht und Fluch der neuesten Nachrichten verwandeln sich ihm in eine tiefe Skepsis am Leben, in eine beinahe zynische Lebensunlust: Alles schon geseh´n, alles schon erlebt, was soll ich dort?

Im völligen Gegensatz zum Prediger Salomo nimmt der Autor unseres Briefes an die Hebräer das Neue im Alten war, als das Alte, das wesentlich bleibt. Für ihn, wie für uns, ist dieses uralte Neue mit dem Namen Jesus Christus verbunden:

1Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, 2hat er zuletzt in diesen Tagen zu uns geredet durch den Sohn, den er eingesetzt hat zum Erben über alles, durch den er auch die Welten gemacht hat. 3Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens und trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort und hat vollbracht die Reinigung von den Sünden und hat sich gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe 4und ist so viel höher geworden als die Engel, wie der Name, den er ererbt hat, höher ist als ihr Name. (Hebräer 1)

Was gibt’s Neues? Gibt’s was Neues? Das Neue ist, dass das Uralte, von dem heute die Rede ist, gültig bleibt, weil es nicht veraltet. Der erste Anfang durch Gott bleibt sozusagen aktiv in seinem Sohn. „Schöpfung“ meint den ersten Anfang, der fortwährend neue Anfänge ermöglicht und verwirklicht. Jung bleiben wir, solange wir solche Anfänge für möglich halten. Neujahr und unsere Art es zu begehen, bezeichnen im besten Fall die kulturelle Aneignung der Kategorie Schöpfung: Siehe, ich mache alles neu! (Jahreslosung 2026). Amen.

Heiligabend 2025

Weihnachten ohne Glauben ist wie ein Leben ohne Mops: möglich aber sinnlos. Nicht allen vermittelt sich die tiefe Wahrheit solcher Sätze. Manche können sich ja sogar ohne den Besuch bei der Pufferchristel auf den Besuch des Christkinds vorbereiten. Und natürlich kann auch darüber streiten, wer mag. Aber vielleicht doch lieber zum Anlass nehmen, darüber nachzusinnen, was einem wirklich wichtig ist an Weihnachten. Was macht für uns Weihnachten zu Weihnachten?

Noch der wildeste, verstörendste ausgewachsene Feiertagsnotstand – sei er am Bildschirm erlebt oder im richtigen Leben erlitten – vermittelt, was Weihnachten eigentlich ist. Zu den kanonischen, in jeder Saison unbedingt zu sehenden Weihnachtsfilmen meiner Familie gehören deshalb wie bei vielen die Klassiker wie „Schöne Bescherung“ oder „Kevin allein zu Haus“ und manchmal muss es einfach „Stirb langsam“ sein mit Bruce Willis als unserem Weihnachtsmann.

Gerade die Leerstellen und Abwesenheiten, die Übertreibungen und Fehlleistungen zeigen an, was eigentlich gemeint ist mit dem Fest aller Feste. Manchmal brauchen wir Abstand, um das zu verstehen, und manchmal noch mehr Abstand, um darüber zu lachen. Weißt Du noch, als wir keinen Weihnachtsbaum hatten – und das inmitten der Weite der Wälder Schwedens, die noch nie kein Fuß betreten hat außer unseren – so kam es uns wenigstens vor; weißt du noch, als wir in unserer rotbemalten Bullerbü-Hütte gleich zwei Festtagsschmause hatten nach zwei konkurrierenden Traditionen – und keiner uns schmeckte; weißt Du noch, als uns ein Kind geboren war – das uns den Frieden nicht brachte, sondern nahm. Selten war ein Weihnachten so verkorkst; und selten hat ein so verkorkstes Weihnachten so genau gezeigt, was an Weihnachten wichtig ist und was nicht.

Und dabei plädiere ich doch keineswegs für das absichtliche Scheiternlassen der Feier; keineswegs für Nachlässigkeit bei der Vorbereitung oder Unachtsamkeit beim Fest; vielmehr dafür, alles für sein Gelingen zu tun; aber wohl wissend, dass das gar nicht in unserer Macht steht; und wohl wissend, dass auch noch die verkorkste Wirklichkeit die Wahrheit von Weihnachten nicht beschädigen kann, und zwar weil diese eben in seiner Möglichkeit liegt.

Denn: Das was wir an Weihnachten feiern ist eine Möglichkeit, die liegt in der Zukunft, und bezeichnet eine Hoffnung. Das ist theologisch entscheidend! Die Weihnachtsbotschaft: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens! – diese Botschaft bezieht sich nicht einfach auf eine andere Wirklichkeit – etwa in einem Paralleluniversum unserer selbstgebackenen Wünsche und selbstgebastelten Träume – sondern auf eine Möglichkeit, die Gott durch seine Engel und Propheten verkünden lässt und die Gott selbst herbeiführen wird. Nichts gegen Basteln und Backen an Weihnachten, nichts gegen Wünsche und Träume zum Fest – aber gemeint ist schon was anderes und in den Worten des Propheten Hesekiel klingt das damals wie heute so:

Mein Knecht David soll ihr König sein und der einzige Hirte für sie alle. Und sie sollen wandeln in meinen Rechten und meine Gebote halten und danach tun. Und sie sollen wieder in dem Lande wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe, in dem eure Väter gewohnt haben. Sie und ihre Kinder und Kindeskinder sollen darin wohnen für immer, und mein Knecht David soll für immer ihr Fürst sein. Und ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen, der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Und ich will sie erhalten und mehren, und mein Heiligtum soll unter ihnen sein für immer. Meine Wohnung soll unter ihnen sein, und ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein, damit auch die Völker erfahren, dass ich der Herr bin, der Israel heilig macht, wenn mein Heiligtum für immer unter ihnen sein wird. Amen.

Ein guter König, Frieden und Herrschaft des Rechts, Wohnung und Heimat für alle Menschen, Bund und Freundschaft unter den Völkern: zu viel um es schon für wirklich zu halten, zu wenig als bloße ort- und zeitlose Utopie; aber nicht mehr und nicht weniger als Gott es für seine Zukunft für uns verkünden lässt.

Man kann ja schlecht behaupten, dass die Weihnachtsbotschaft schon im Weihnachtsgeschehen erfüllt worden wäre. Ganz im Gegenteil haben wir auch heute wieder – alle Jahre wieder! – von den Nöten jener Zeit gehört, die wir aus unserer Zeit allzu gut, besser als wir uns das wünschen würden, kennen: Herrscherlicher Größenwahn – Make Rome Great Again!, Fremdherrschaft ohne Recht und Gesetz, Macht durch Gewalt, Krieg als Politik, Bedrückung der Armen, Mangel an Obdach und medizinischer Pflege, Unheiliges im heiligen Land.

Und dennoch erklingt ausgerechnet dort die Botschaft der Propheten und der Chor der Engel: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens! Für einen Moment bescheint das göttliche Licht noch den finstersten Ort dieser Erde; zeigt unübersehbar an, wie Gott seine Schöpfung gemeint hat und immer noch meint: als moralisches Universum, in dem jeder Akt des Rechts die Gerechtigkeit stärkt und jeder Akt der Nächstenliebe unweigerlich den nächsten nach sich zieht. Wäre doch schade, wenn ausgerechnet mit unserer Generation diese Glaubenswahrheit von Weihnachten verstummen sollte.

„Wenn´s aber keinen Gott gibt und keine Macht, die die unterschiedlichen Elemente zusammengefügt, was sind dann Worte, und woher kommt das innere Licht?

Und woher kommt die Freude? Wohin geht das Nichts? Wo wohnt die Vergebung?

Warum verschwinden die kleinen Träume am Morgen und die großen wachsen?“ (Adam Zagajewski)

Darum eben: Weil es Gott gibt; und weil Gott an Weihnachten Mensch geworden ist; und weil er unser König sein will. Amen.