Sommerkirche, 30. Juli 2023, Wasser und Meer: Die Ströme des Paradieses

Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der Herr ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Und es geht aus von Eden ein Strom, den Garten zu bewässern, und teilt sich von da in vier Hauptarme. Der erste heißt Pischon, der fließt um das ganze Land Hawila und dort findet man Gold; und das Gold des Landes ist kostbar. Auch findet man da Bedolachharz und den Edelstein Schoham. Der zweite Strom heißt Gihon, der fließt um das ganze Land Kusch. Der dritte Strom heißt Tigris, der fließt östlich von Assyrien. Der vierte Strom ist der Euphrat. Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte. (1. Mose 2,8-15)

Wo ist das Paradies, wo seine Flüsse, wo fließen sie hin? 

Pischon, Gihon, Tigris, Euphrat – wer die vier Ströme des Paradieses in seinem Schulatlas sucht, wird nur halb fündig. Allein Euphrat und Tigris finden sich bis heute als erdkundlich beschreibbare Orte, sie umgrenzen das Zweistromland, Mesopotamien, das Land zwischen den Strömen, den heutigen Irak; bis heute nicht wegen seiner Paradieshaftigkeit bekannt und regelmäßig in den Nachrichten, sondern ganz im Gegenteil seit Jahrzehnten Kriegsort und Schauplatz höllischer Verwüstungen.

Während also Euphrat und Tigris nach wie vor auffindbar sind – wenn auch keineswegs als Paradies – ist die Suche nach Pischon und Gihon vergeblich, vermutlich wäre sie das schon in der Antike gewesen, weil die beiden Flüsse, trotz ihrer umständlichen und scheinbar genauen Verortung als symbolische oder mythologische Orte gedacht waren, sei es um eine Vierzahl voll zu machen, analog den vier Himmelrichtungen; sei es um ihre Unauffindbarkeit sicherzustellen, auch des Paradieses selbst, das verloren ist und bleibt; sei es – im Gegenteil – um ihre Auffindbarkeit in den Flüssen der eigenen Nachbarschaft zu ermöglichen: Wenn ich nicht weiß und nicht definitiv wissen kann, wo Pischon und Gihon fließen, könnte damit doch auch Rhein und Main oder Maas und Mosel, und wenn wir dabei sind auch Rambach und Goldbach gemeint sein. Wenn das Paradies nirgendwo ist, kann es überall sein; so vielleicht die listige Logik des unbekannten Autors unserer Geschichte.

In jedem Fall – und da würde uns auch unser Erdkundelehrer beipflichten – braucht ein Ort, der Paradies genannt zu werden verdient, Wasser, reichlich Wasser, Ströme von Wasser; Wasser, das dem umliegenden Land leben schenkt. Auch insofern kann jeder Wasserlauf zum Paradiesstrom werden, nicht nur die Wasserläufe, die in der Antike aus den Flussoasen am Nil, an Euphrat und Tigris, aber doch auch an Indus und Ganges, an Yangtse und Hoangho die ersten Hochkulturen haben werden lassen. 

Noch die einfache Geschichte der Bibel vom Garten Eden und seinen Flüssen bewahrt das Wissen von den Flusstälern als Anfang menschlicher Zivilisation. Allerdings bewahrt sie das Wissen vom Anfang der Zivilisation als Gefährdung des Paradieses und der Zerstörung der Oase gleich mit – als Opfer ihres eigenen Erfolges.  

Außer Fruchtbarkeit schenken die Ströme des Paradieses auch Möglichkeiten der Kommunikation, des Austauschs und des Verkehrs. Denn anders als heute, wenn Flussläufe vor allem als Hindernisse erlebt werden und überquert werden müssen, weil wir uns meistens an Land bewegen, waren sie für die Alten ideale Bedingungen der Fortbewegung, so dass sich an ihren Ufern entlang Kulturen ausbreiteten und menschliche Entwicklung sichtbar wurde – menschengemachte Zerstörung ja auch. Die Wikinger fuhren ihrerzeit die Flüsse hinauf – weniger um ihre Kultur zu bringen als fremde zu rauben.

Die vier Ströme des Paradieses, die aus einem Ursprung, einer Quelle heraus die ganze Welt in alle Richtungen durchströmen, stehen für Ausbreitung und Beziehung im Guten und Bösen, durch sie sind wir – alle Menschen – getrennt und verbunden zugleich. Noch am Rheinufer in Biebrich stehend kann ich mir bewusst werden, dass die abwärts ziehenden Schiffe in ein paar Tagen die Nordsee und alsbald die Weltmeere erreichen. Einige Kilometer östlich in Kostheim zeigt mir eine Tafel an der Einmündung des Mains welchen Weg er seit seinen Quellen oben in Fichtelgebirge und Fränkischer Alb zurückgelegt hat. 

Und noch die kleinste Bachquelle – sagen wir: die Goldbachquelle – bringt ihr Wasser hervor, nur damit es früher oder später in größeren Zuflüssen gesammelt in den großen Strömen aufgeht und irgendwann in den Ozeanen sich mit allen anderen Wassern verbindet. In den Bächen den Strom, und in der Quelle das Meer zu sehen – darauf kommt es an.  

Wenn wir genau auf den Bibeltext hören: Und es geht aus von Eden ein Strom, den Garten zu bewässern, und teilt sich von da in vier Hauptarme; dann sind also die vier Ströme des Paradieses aus dem einen hervorgegangen, der selbst im Garten Eden entspringt. Wer das Paradies malen wollte, müsste sich demnach auf Quelle und Ausgang konzentrieren, denn die vier Ströme, die da herausfließen und alles mit allem – und also auch uns mit dem Paradies – verbinden, sind ja außerhalb des Paradiesgartens zu denken – auch wenn sie in der paradiesischen Quelle längst enthalten sind. Und genauso hat es der Schöpfer des Bildes, das ich ihnen mitgebracht habe, gemacht:

Bild: Das Paradiesgärtlein
Das Paradiesgärtlein, Quelle: Städel Museum, Frankfurt am Main

Witzigerweise deuten manche das Fehlen der vier Ströme auf unserem Bild so, dass es gar nicht das Paradies zeige, während das für mich naheliegende Verständnis den eingefassten Quellbrunnen und die Wasserleitung als ziemlich genaue Umsetzung des Bibeltextes versteht: Im Paradies selbst entspringt ein Strom, der sich erst jenseits von Eden in die vier Ströme Pischon, Gihon, Tigris, Euphrat teilen wird.

Auch sonst gelingt es dem uns namentlich unbekannten Maler, der unser Bild etwa Anfang des 15. Jahrhunderts am Oberrhein, vielleicht in Straßburg, geschaffen haben kann, die wesentlichen Züge des Paradieses zu verbildlichen: Als Ort üppiger Vegetation und blühenden Lebens nicht jenseits unserer Naturerfahrungen, aber weit jenseits unserer Realität, als konkrete Utopie menschlicher Kommunikation und Kultur, die sich vom Heiligen berühren lässt.  

Sechs Personen, sicherlich in der Mehrzahl Heilige, von denen nur der Engel Michael und der Ritter Georg sicher identifizierbar sind, kommen mit Maria und dem Jesuskind bei Lektüre, Gespräch und Musik in einem Garten zusammen, den der Quellbrunnen wachsen, blühen und gedeihen lässt, überfließende Natur; und zwar in ganz nach der Natur gemalten Pflanzen und Tieren, nicht weniger als 47 identifizierbaren Arten, da hat einer genau hingeschaut: Akelei, Bachehrenpreis, Erdbeere, Frauenmantel, Gänseblümchen, Goldlack, Immergrün, Kirsche, Klee, Lilie, Märzbecher, Maiglöckchen, Malve, Margarite, Samtnelke, Pfingstrose, Schlüsselblume, Schwertlilie, Senf, Rote Taubnessel, Veilchen, Wegerich, Chrysantheme, Astern, Johanniskraut, Levkoje, sowie Eisvogel, Kohlmeise, Pirol, Dompfaff, Buchfink, Rotkehlchen, Buntspecht, Seidenschwanz, Distelfink, Schwanzmeise, Blaumeise, Wiedehopf, Amsel, Libelle und Weißlinge. Also auch das eigentlich nicht Natur wie sie wächst, sondern wie sie von Menschen gestaltet wird, kultivierte Natur. Da hat jemand im Paradies gearbeitet, dafür gearbeitet, dass es eins ist. In meinem Garten sieht es jedenfalls anders aus, da wuchert das Unkraut.

Das Paradiesgärtlein ist durch eine Mauer geschützt, der böse Drachen ist tot, der Teufel zum Äffchen gemacht und seiner Macht entkleidet, Michael und Georg können entspannt mit den anderen Konversation treiben, heilige Konversation, gewaltfreier Diskurs, Raum ohne Angst: Das Paradies, nach dem wir uns sehnen dürfen, dem wir in Bildern verbunden sind, aus dem die Ströme fließen, zu dem aber kein Bach mehr zurückfließt. 

Wo ist das Paradies? Nirgendwo – aber überall dort wo wir es entdecken, bebauen und bewahren. Amen. 

7. Sonntag nach Trinitatis, 23. Juli 2023

Die nun sein – des Petrus, aber eigentlich Gottes – Wort annahmen, ließen sich taufen; und an diesem Tage wurden hinzugefügt etwa dreitausend Menschen. Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. Es kam aber Furcht über alle, und es geschahen viele Wunder und Zeichen durch die Apostel. Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte. Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk. Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden. (Apostelgeschichte des Lukas 2,41-47)

3000 waren es nicht ganz, aber beinahe 30 Kinder und Erwachsene, die sich haben taufen lassen, das Wort annahmen und der Gemeinde Jesu Christi hinzugefügt wurden; ja und eine Mahlzeit mit Freude und gewiss lauterem Herzen und Würstchen und Brezeln und Eis hielten wir auch, lobten Gott mit Unterstützung von Ako Karim und seiner Band – und fanden damit durchaus Wohlwollen beim Volk, noch tags drauf spricht mich die Fischverkäuferin im Supermarkt darauf an, wie schön es war und dass so Kirche immer sein sollte: Ich rede natürlich vom Wiesbadener Tauffest am vergangenen Sonntag im Kurpark um den Weiher herum, dessen Idee es war, Taufe als fröhliches Fest des Ursprungs erfahrbar zu machen und gleichzeitig den anwesenden schon Getauften ihre Taufe als wunderbaren Anfang in Erinnerung zu rufen. Ich bin getauft, was für ein Wunder und was für eine Freude! Der Fischverkäuferin ist unbedingt recht zu geben: So sollte Kirche immer sein.

Geschichten und Legenden vom Anfang – oft über Generationen zurück – verfolgen ihren Zweck der Stärkung der Gegenwärtigen, indem sie die Anfänge durch ihre Vorstellungskraft verklären; durchaus Mühsale und Beschwernisse nicht verschweigen, aber nach deren Überwindung ein Goldenes Zeitalter zeichnen, perfekte Harmonie, glückliche Verhältnisse, die Vorväter und -mütter einmütig und fröhlich – mit dem deutlich vernehmbaren Seufzer, dass es doch wieder so sein möge, wie es nie gewesen ist. Denn dass es so nie gewesen ist, lässt sich eben doch nicht ganz verschweigen oder verbergen, noch nicht einmal von unserem Chronisten Lukas, wenn er in seinem Geschichtswerk – entgegen aller Harmoniebehauptungen – Fälle antiker Kirchensteuerhinterziehung in der Affäre um Hananias und Saphira, die tödliche Ausgrenzung des Stephanus oder das bittere Zerwürfnis der Erzapostel Petrus und Paulus berichtet und somit dunkle Flecken auf das rosarote Bild frühkirchlicher Eintracht kleckst.

Den Liebeskommunismus, wie Lukas ihn beschreibt – Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte. – wird es eher nicht, oder jedenfalls nicht flächendeckend gegeben haben, aber doch Theorie und Praxis einer Armenfürsorge, die wenige Beispiele in der antiken Welt hatte und nicht wenig zur Attraktivität dieser Glaubensgemeinschaft beigetragen hat, die in kurzer Zeit von der obskuren jüdisch-orientalischen Sekte zur Staatsreligion des Imperium Romanum geworden ist. Als soziales Projekt, als utopisches Experiment wäre ihr das kaum gelungen – als dynamische, flexible, integrative Körperschaft öffentlichen Rechts und göttlicher Gerechtigkeit, die in sich solche erzählte Utopie überliefert, hat sie sogar das römische Reich überdauert, bis heute, wie lange noch?

Na vielleicht so lange es ihr gelingt, trotz allem solche Gelegenheiten zu schaffen der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet, trotz allem gemeinsame Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen zum Lobe Gottes und unter dem Wohlwollen der Menschen zu feiern; kurz also, trotz allem Kirche zu sein, wie sie sein sollund zwar wohl wissend und anerkennend, dass diese Kirche oft genug, viel zu oft anders ist und sich anders zeigt: Wenn es wie damals Streit um das Geld gibt, wenn wie damals Ausgrenzungen passieren, wenn wie damals die reine Lehre der Apostel längst nicht überall und selbstverständlich gilt.

Bei aller Verklärung der Anfänge und aller Sehnsucht danach, dass es wieder so schön sein soll, wie es nie gewesen ist – lassen sich auch durch die verklärende Erzählung des Lukas hindurch die vermutlich unvermeidlichen Umstände und Missstände kirchlichen Lebens erkennen, heute wie damals. Kirche unter den Bedingungen der Wirklichkeit heißt Kirche unter der Sünde, aber auch für die Kirche darf gelten, dass sie Sünderin und gerechtfertigt zugleich ist, simul justa et peccatrix. Dass die Kirche so oft ihren eigenen Auftrag verfehlt, soll uns empören, aber es darf uns nicht überraschen.

Für mich folgt daraus zweierlei: das Misstrauen zu pflegen gegenüber den eigenen maßlosen Ansprüchen, die sich auch in den Verklärungen einer angeblich perfekten Vergangenheit zeigen; und gleichzeitig die Erinnerung wachzuhalten an die durch Gott gesetzten Anfänge. Letztlich geht es um die Unterscheidung von Kirche und Gottes Reich. Die Kirche hat die Aufgabe an Gottes Reich zu erinnern aber nicht die Kraft, es herbeizuführen. Andernfalls überheben wir uns, werden überheblich, drohen zu zerbrechen.

„Jesus hat das Reich Gottes verkündet – gekommen ist die Kirche“ – in diesem berühmten Wort (des katholischen Theologen Alfred Loisy, 1857-1940) schwingt gleichermaßen Enttäuschung und Kritik mit; Enttäuschung darüber, dass das Reich Gottes, von dem Jesus sagte, dass es nahe herbeigekommen sei, bisher ausgeblieben ist, ja also nun schon eine ganze Weile ausgeblieben ist und nach menschlichem Ermessen auch in absehbarer Zeit ausbleiben wird, was die Hoffnung auf sein Kommen nicht wenig trübt. Soweit die Enttäuschung. Gleichzeitig formuliert das kluge Wort – übrigens eines katholischen Theologen! – eine Kritik gegen die Selbstverwechslung der Kirche mit dem Reich Gottes, mit allen bekannten verheerenden Implikationen. Wer sich selbst für heilig hält oder erklärt, kann seine Fehler nicht eingestehen und die Verbrechen, die unter seinem Dach geschehen, nicht aufklären. Die heilige Kirche ist Gegenstand des Glaubens und der Hoffnung, nicht der Anschauung und Erfahrung.

Bestenfalls bietet die Kirche einen Rahmen, in dem das Wort Gottes und seines unaufhaltsamen Reiches ausgesprochen und in ihren Sakramenten gefeiert wird. Die Kirche ist die Bedingung der Möglichkeit eines richtigen Lebens im falschen, wobei das richtige Leben nie vollständig, nie nachhaltig, nie in Reinform zu haben ist und gelebt wird, sondern immer bruchstückhaft, in kostbaren Momenten – Wunder und Zeichen – und dabei nie so eindeutig, dass es alle – etwa uns, immer? – überzeugen könnte – noch im verklärenden Blick zurück des Lukas sind die Tausenden Getauften eine Minderheit und das Wohlwollen des ganzen Volkes nicht dessen Bekehrung. Anders war Kirche nie.

Anstatt der eigenen Glaubensmüdigkeit nachzugeben, wollen wir daher heute unsere 30 Getauften für die 3000 des Lukas nehmen, das fröhliche Fest am vergangenen Sonntag für ein Wunder und Zeichen halten, mit dem uns Gott bestärkt und das Wohlwollen des Volkes genießen, solange es uns gewährt wird – ich bilde mir ein, dass meine freundliche Fischverkäuferin diesmal besonders schöne Stücke abgewogen und mitgegeben hat, was ich auf ihr Lob beziehe, das ihr und mir selten und daher kostbar war. Jede Freundlichkeit unter uns Menschen verweist auf die Menschenfreundlichkeit unseres Gottes. Amen.

Einladung zur Sommerkirche

Ev. Thomasgemeinde, Ev. Versöhnungsgemeinde, Ev. Thalkirche Sonnenberg und Ev. Kirche Rambach

Für die Gottesdienste der Sommerkirche planen wir einen Fahrdienst ab der Thomaskirche eine halbe Stunde vor Beginn (also z.B. am 30.7. um 9.30 und 16.30 Uhr). Bei Interesse wenden Sie sich bitte bis zum jeweiligen Mittwoch vor dem Gottesdienst an das Gemeindebüro: Tel. 0611 2046331.

Tauffest im Kurpark

Am Sonntag, 16. Juli 2023, feierten 28 Täuflinge aus den Gemeinden des Dekanats Wiesbaden ihr erstes Tauffest – unter freiem Himmel bei schönstem Wetter im Wiesbadener Kurpark. Mit dabei waren auch Pfarrer Dr. Klaus Neumann und Dekanin Arami Neumann. Getauft wurde in acht Stationen rund um den Teich im Park. Das fröhliche Fest lockte auch viele interessierte Besucherinnen und Besucher an.

5. Sonntag nach Trinitatis, 9. Juli 2023

Am nächsten Tag stand Johannes abermals da und zwei seiner Jünger; und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm! Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach. Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Eabbi – das heißt übersetzt: Meister -, wo wirst du bleiben?   Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen’s und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde. Einer von den zweien, die Johannes gehört hatten und Jesus nachgefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus. Der findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden, das heißt übersetzt: der Gesalbte. Und er führte ihn zu Jesus. Als Jesus ihn sah, sprach er: Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas heißen, das heißt übersetzt: Fels.Am nächsten Tag wollte Jesus nach Galiläa ziehen und findet Philippus und spricht zu ihm: Folge mir nach! Philippus aber war aus Betsaida, der Stadt des Andreas und des Petrus. Philippus findet Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josefs Sohn, aus Nazareth. Und Nathanael sprach zu ihm: Was kann aus Nazareth Gutes kommen! Philippus spricht zu ihm: Komm und sieh!Jesus sah Nathanael kommen und sagt von ihm: Siehe, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist. Nathanael spricht zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, habe ich dich gesehen. Nathanael antwortete ihm: Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel!Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du glaubst, weil ich dir gesagt habe, dass ich dich gesehen habe unter dem Feigenbaum. Du wirst noch Größeres sehen als das. Und er spricht zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn. (Johannesevangelium 1,35-51)

Was könnte Nathanael unter dem Feigenbaum gemacht haben?

Bevor wir, liebe Schwestern und Brüder, diese Frage allzu leichtfertig als unerheblich abfertigen – auch weil sie ja nicht zu beantworten ist, da die Bibel sich nicht weiter über diesen Nathanael äußert – sollten wir für uns klären, was wir unter einem Feigenbaum machen würden; was wir unter einem Feigenbaum machen.

Also ich genieße den Schatten unter meinem Feigenbaum, den ich zusammen mit meinem Erstgeborenen vor beinahe zwanzig Jahren gepflanzt habe und der – also der Baum, nicht der Sohn – mittlerweile einen mächtigen Stamm, eine erhabene Krone und mit ihr ein dichtes, aber luftiges Blätterdach ausgebildet hat. Gerade an diesen herrlich heißen Tagen des Sommers gibt es für mich keinen besseren Ort der Hitze zu trotzen als im Schatten meines Feigenbaumes, leichtbekleidet, ein schönes Buch, ein kaltes Getränk und die freundliche Gesellschaft meiner Lieben. Das ist das Paradies!

Und besonders weit hergeholt ist das jetzt auch nicht, einen solchen Ort unterm Feigenbaum für das Paradies zu halten, wenn doch schon Adam und Eva zu Feigenblättern als Sichtschutz ihres gerade erwachten Schamgefühls gegriffen haben: „Da wurden ihnen die Augen geöffnet und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze“ (1. Mose 3,7) Feigen im Paradies.

Und trotz der noch unterm Feigenbaum befindlichen Gefahren durch allerlei Ungeziefer – sei es die Schlange im Paradiesgarten, sei es das Krabbelgetier in meinem – bleibt der Feigenbaum das Symbol des zwar verlorenen aber einst wiederzugewinnenden Paradieses, einer paradiesischen, friedlichen Endzeit, wie es die Propheten verkünden: „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu sicheln machen. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken.“ (Micha 4,3f.)

Und solange also von anderswo – aus der Ukraine und anderswo – das Kriegsgeschrei in meinen Garten hineindringt und dröhnt und dort Feigenbäume – und nicht nur die – ausgerissen, zerhackt, verstümmelt, verbrannt, vernichtet werden, weiß ich wie vorläufig und zerbrechlich mein kleiner Paradiesgarten ist, was ihn umso kostbarer macht: mein kleines Glück im Paradies als Symbol und Vorgeschmack des großen, endgültigen.

Was immer Nathanael unter seinem – ganz gewiss ebenso kostbaren, friedlichen, paradiesischen – Feigenbaum gemacht hat: es wird ihm gefallen haben, so sehr dass er auf die Störung, man habe den Heiland gefunden, reichlich unwirsch reagiert: Was kann aus Nazareth Gutes kommen! Was geht mich das an? So geht es uns, wenn wir die von anderen für sensationell gehaltenen Nachrichten in eigener Beschäftigung oder Muße hören: So toll wird das schon nicht sein; hab´ ich etwa den Heiland gerade gesucht? Warum sollte mich begeistern, dass man ihn – angeblich – gefunden hat? Was wir natürlich wie gesagt nicht wissen, denn vielleicht hat ja Nathanael nach gut rabbinischer Sitte unter seinem Baum in seinen Büchern nach dem Heiland geforscht. Ist er da vielleicht nicht?

Dennoch macht sich Nathanael auf – „könnte was dran sein“ – vielleicht kennt er Philippus als seriösen Freund, der nicht zu religiösen Überspanntheiten neigt, vertraut ihm; jedenfalls verlässt er den Schatten seines Feigenbaums, betritt das helle Licht des Tages, das für ihn das noch hellere Licht der Gottesbegegnung wird, was er aber noch nicht weiß. Denn er bleibt zunächst skeptisch, spürbar zurückhaltend; kontert die forsche Begrüßung Jesu – Siehe, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist, mit einer abwehrenden Frage: Woher kennst du mich? Hört er in den Worten Jesu einen falschen Ton? („Hat der etwa gerade ´Hoho, ein Prachtbursche!´ zu mir gesagt“) Fühlt er sich gar herausgefordert über seine Ambitionen, veralbert über seinen Ehrgeiz? Fühlt er sich durchschaut als jemand, der gerne ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist, sein will – es gerne wäre – womöglich nicht ist – womöglich selbst die Sorge hat, keiner zu sein? Oder spürt er schon, dass da jemand mehr sieht als andere, so dass man auch in diesem mehr sehen kann, als zunächst angenommen.

Jesus findet in einem zweiten Anlauf das Schloss zu seinem Herzen, trifft das Kennwort, das Türen öffnet – ein bisschen so wie wir uns durch Kenntnis eines höchstpersönlichen Merkmals den Zugang zu unserem Account sichern – Geburtstag meines Großvaters, Geburtsname meiner Großmutter – und nennt den Ort, an dem Philippus ihm von Jesus erzählt hatte: Bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, habe ich dich gesehen. Und das gewinnt den Nathanael für Jesus: Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel!

Auch dieses Wort beendet noch nicht das Gespräch; das zu Erkennende scheint noch nicht erkannt zu sein – weder von Nathanael noch von den Lesern der Geschichte, also uns; es geht Jesus nicht darum durch ein bloßes Wunder der Hellseherei – das kann doch jeder, der sich einigermaßen gute Informationen verschafft – erkannt und verehrt zu werden: Du glaubst, weil ich dir gesagt habe, dass ich dich gesehen habe unter dem Feigenbaum. Du wirst noch Größeres sehen als das. Vielleicht war ihm dieses Bekenntnis des Nathanael noch zu formelhaft; wohl richtig, aber eben nur richtig gesagt – noch nicht richtig verinnerlicht, geglaubt, gelebt, gefühlt, mit allen Fasern seines Seins gespürt und erlebt: Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel!

Nicht das Christusbekenntnis des Nathanael sondern ein Offenbarungswort dieses Christus an ihn, an uns schließt unsere Szene ab und weist gleichzeitig über sie hinaus: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn. Die Berufung der Jünger – der Andreas, der Simon, der Philippus, der Nathanael und wie sie alle heißen – ist erst der Anfang einer wunderbaren Geschichte, die sich auf allererste Anfänge bezieht, auf Jakob und seinen Traum mit der Leiter und den Engeln zwischen Himmel und Erde, und diesen Traum weiterträumt auf ein letztes Ende hin, an dem Gott alles gut gemacht haben wird durch seinen Gottes- und Menschensohn, nicht nur in meinem Paradiesgärtlein, wo ich das jetzt schon ahnen kann, sondern überall und für alle Menschen. Größeres als das, gibt es nicht zu sehen.

Und wir dürfen davon erzählen, herausgelockt aus dem Schatten unseres Feigenbaumes, gesandt in die weite Welt.

4. Sonntag nach Trinitatis, 2. Juli 2023

Der Predigttext für den heutigen 4. Sonntag nach Trinitatis steht im 1. Brief des Petrus im 3. Kapitel:

Endlich aber seid allesamt gleichgesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig. Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbt. Denn »wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der hüte seine Zunge, dass sie nichts Böses rede, und seine Lippen, dass sie nicht betrügen. Er wende sich ab vom Bösen und tue Gutes; er suche Frieden und jage ihm nach. Denn die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten, und seine Ohren hören auf ihr Gebet; das Angesicht des Herrn aber steht wider die, die Böses tun«. Und wer ist’s, der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert? Und wenn ihr auch leidet um der Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig. Fürchtet euch nicht vor ihrem Drohen und erschreckt nicht; heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen. Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist, und das mit Sanftmut und Gottesfurcht, und habt ein gutes Gewissen, damit die, die euch verleumden, zuschanden werden, wenn sie euren guten Wandel in Christus schmähen. Denn es ist besser, wenn es Gottes Wille ist, dass ihr um guter Taten willen leidet als um böser Taten willen. Amen.

Das Leben lieben und gute Tage sehen, liebe Gemeinde.

Das Leben lieben und gute Tage sehen – was für ein sprechendes Wort, gerade für die Ferienzeit; um das Leben zu Lieben und gute Tage zu sehen, dafür machen wir Pause vom Alltag, schweifen in die Ferne, besuchen fremde Orte um uns selbst zu finden, wiederzufinden.

Das tut gut, diese Auszeit, dieser Abstand. Man kann sich das Leben kaum ohne vorstellen; auch wenn wir wissen, dass Urlaub und Ferien eher neuere Erfindungen sind. Was uns so selbstverständlich geworden ist, dass wir unseren Kalender danach – also nach den Schulferien – richten, sogar das kirchliche Leben, das wir doch auch lieben, und alles andere danach richten; das hat es bis vor wenigen Generationen gar nicht gegeben. Es gab den Sonntag, die Feiertage, Phasen größerer und geringerer Anstrengung; aber Auszeiten in diesem Umfang und für den größten Teil der Bevölkerung hat es vorher einfach nicht gegeben. Wenn das Leben süß war, dann war es Mühe und Arbeit.

Das hat sich zumindest für die Ferienwochen geändert – aber – und davon soll hier die Rede sein: auch die Ferienwochen setzten das Grundsätzliche, das Prinzipielle, die Fundamente unseres Zusammenlebens nicht außer Kraft. Wir können Erholung finden, für einen Moment Abstand von Mühe und Arbeit gewinnen; aber wir können nicht uns selbst entfliehen, nicht dem entfliehen, wie wir sind; und nicht dem entfliehen, wie wir sein sollen.

Die Grundsätze, die Prinzipien und Fundamente des Zusammenlebens; in unserem Rahmen also des christlichen Zusammenlebens bleiben in Kraft; und werden folgerichtig bei der Betrachtung, das Leben zu lieben und gute Tage zu sehen beleuchtet. Was sind unsere Grundsätze, was unsere Fundamente?

Diese Frage nach den Fundamenten ist ja durch die Fundamentalisten ein bisschen in Misskredit geraten, weil diese oft mit dem ihnen eigenen untrüglichen Blick für das Unwesentliche, nicht über Grundlagen des Glaubens reflektieren, sondern ihn – den Glauben – in einen großen Klotz – ein unbewegliches Fundament – einbetonieren wollen, damit er sich bloß nicht verändere, dass er nicht angreifbar werde, dass er geschützt wäre vor allen möglichen Angriffen. So als ob wir Menschen uns das Fundament unseres Glaubens erst schaffen müssten, anstatt dass wir uns auf unser von Gott gegebenes Fundament verlassen.

Uns soll es jedenfalls um die Grundlagen unseres Glaubens gehen, um die Fundamente unserer Glaubensgemeinschaft, die immer gelten und auch durch keine Ferienzeit außer Kraft gesetzt werden. Da lässt sich vermutlich schnell Verständigung erzielen, was dazu gehört:

Der Inhalt des Glaubensbekenntnisses, das zwar in historisch gebundener Form, aber doch immer noch gültig und relevant den christlichen Glauben auf den Punkt bringt.

Die Ethik der Zehn Gebote, die viel mehr sind als ein universelles moralisches Gesetz, sondern die umfassende, vielleicht auch unerreichbare, und dennoch immer noch normative Beschreibung eines gottgefälligen, gelingenden Lebens.

Das Vaterunser als Modell eines Gebets, eines Gesprächs mit Gott, der uns als Vater nahe kommt und als dessen Kinder wir ihm nahe kommen dürfen.

Die Grundsätze der Gerechtigkeit und der Wahrhaftigkeit, die beide den Realitätsbezug unseres Glaubens sicherstellen sollen und können. Es ist nicht egal, was ich tue und lasse; und es nicht egal, was ich sage oder verschweige; sondern unser Zeugnis soll wahr und unser Handeln gerecht sein. Eine bloße Binnenwahrheit für ein Häuflein Erleuchteter und eine bloße Binnengerechtigkeit für die, die dazugehören, toleriert unser Glaube nicht.

Das alles – Glaubensbekenntnis, 10 Gebote, Vaterunser, Gerechtigkeit und Wahrheit – das alles ist unserem Glauben grundsätzlich und fundamental, ohne das wäre unser Glauben nicht unser Glauben.

Vielleicht ist aber vorher und über allem noch etwas zu nennen; und zwar: Die christliche Nächstenliebe. Und ich meine, dass hier tatsächlich etwas benannt ist, das für viele noch unmittelbarer, noch eindeutiger das wesentlich Christliche benennt. Die christliche Nächstenliebe, also die selbstlose Hilfe für meinen Nächsten, der selbst Fremder – und im Grenzfall sogar Gegner und Feind – sein kann, der meiner Hilfe bedarf; gleichnishaft geworden im Barmherzigen Samariter. Was ist ein Christ? So einer wie der barmherzige Samariter, der einem Fremden hilft, dabei auf eigenen Vorteil nicht sieht und selbst Kosten nicht scheut; der Verzicht leistet, sich selbst zurücknimmt um des anderen willen, der etwas, das ich habe, mehr braucht als ich; der nicht sich selbst in den Mittelpunkt stellt sondern den anderen.

Manche Vertreter der Soziobiologie halten diese – durch Jesus geforderte und bei Christen immer noch verbreitete Form – des Altruismus für den entscheidenden Fortschritt der Evolution, der nur Menschen eignet; wichtiger und entscheidender als Intelligenz und aufrechter Gang. Danach würde das uns zu Menschen machen, was uns über uns selbst hinaus sehen lässt, die Anliegen und Interessen der anderen zum Maßstab, zur Maxime meines Handelns werden lässt. Ob das zutreffende Annahmen über den Menschen sind, vermag ich nicht zu beurteilen; zutreffende Zusammenfassungen des christlichen Kerns sind sie allemal. Christ ist der, der sich selbst zurücknehmen kann, der Interessen von anderen wahrnehmen kann, der auf sein Recht zugunsten anderer verzichten kann, der dabei sogar seinen Feinden gerecht zu werden versucht. Nicht der Ellenbogen sondern die offene Hand ist das Zeichen der Christen.

Ich meine, dass auch unser heutiger Predigttext diese urchristliche Botschaft verkündet. Mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig sollen wir sein. Gewalt nicht erwidernd, sondern unterbrechend; segnend auch die, die uns übel wollen, weil der Segen letztlich nicht aus uns sondern von Gott kommt; besser um der Gerechtigkeit willen leiden, als selbst ungerecht werden; menschenfreundlich sein, und darin Zeugnis ablegend für den menschenfreundlichen Gott; wissend, dass es besser ist, um guter Taten willen zu leiden als um böser Taten willen – denn, wie Petrus den Gedanken unserem Predigttext fortsetzt: „Denn auch Christus hat einmal für die Sünden gelitten, der gerechte für die Ungerechten, damit er euch zu Gott führte.“

So verantworten wir die uns von Gott anvertraute Gerechtigkeit und seine Wahrheit vor den Menschen und vor uns. Dabei mag uns Nächstenliebe, Selbstzurücknahme, Rechtsverzicht als christliche Tugend einleuchten, aber ob sie auch für die Praxis taugt? Wie ist das, wenn wir uns auf etwas gefreut haben und wir müssen darauf verzichten, weil uns die Nächstenliebe in die Pflicht nimmt? Was bleibt von unserer geöffneten Hand, wenn wir gerade mal wieder den Ellbogen der anderen gespürt haben? Wo bleibe ich, wenn ich mich zurücknehme, sonst aber niemand? Warum soll ich eigentlich auf mein gutes Recht verzichten, nur weil es einem, der bedürftig ist, helfen könnte?

Denn: Recht ist Recht. Von Rechtsverzicht steht in den Gesetzbüchern nichts. Wenn ich Vorfahrt habe, brause ich los, komme wer da wolle. Wenn ich an der Supermarktkasse dran bin, mähe ich schon mal eine etwas langsamere Großmutter nieder – nicht mehr ganz so forsch wie früher, bin ja selber Großvater! Wenn ich Recht habe, möchte ich’s auch bekommen. Sollen die anderen helfen. Wenn sich jeder selbst hilft, ist allen geholfen. Liebe Schwestern und Brüdern, das ist der Teufel, der uns das einflüstert; na gut; den gibt es vielleicht nicht, aber dafür kann er noch ziemlich laut und hässlich flüstern.

Dagegen hilft es sich immer wieder die andere, die christliche Botschaft zu sagen und sich sagen zu lassen. Auch die Adressaten des Petrusbriefes werden das alles gewusst haben, was ihnen da geschrieben wird, so wie wir das wissen, was Nächstenliebe ist und was sie uns abverlangt; aber wir wie sie müssen daran erinnert werden, es gesagt bekommen immer wieder; das Grundsätzliche, das Fundamentale stets und von neuem gesagt bekommen: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst; und das ist richtig und gut so, auch wenn es dir niemand dankt. Selbst wenn es dich in Schwierigkeiten bringt, lasse davon nicht ab.

Unsere Versuche der Nächstenliebe werden die Welt nicht verändern: Erfolg ist ausdrücklich kein Maßstab der Nächstenliebe; aber sie wird uns verändern – hin zu einem Leben, dass Gott gefällt – uns doch auch; damit wir das Leben lieben und gute Tage sehen. Auch das wäre ein Erfolg. Amen.

3. Sonntag nach Trinitatis, 25. Juni 2023

Als aber Gott ihr Tun sah, wie sie umkehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat´s nicht.
Das aber verdross Jona sehr, und er ward zornig und betete zum Herrn und sprach: Ach, Herr, das ist’s ja, was ich dachte, als ich noch in meinem Lande war. Deshalb wollte ich ja nach Tarsis fliehen; denn ich wusste, dass du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und lässt dich des Übels gereuen. So nimm nun, Herr, meine Seele von mir; denn ich möchte lieber tot sein als leben. Aber der Herr sprach: Meinst du, dass du mit Recht zürnst? Und Jona ging zur Stadt hinaus und ließ sich östlich der Stadt nieder und machte sich dort eine Hütte; darunter setzte er sich in den Schatten, bis er sähe, was der Stadt widerfahren würde. Gott der Herr aber ließ einen Rizinus wachsen; der wuchs über Jona, dass er Schatten gab seinem Haupt und ihn errettete von seinem Übel. Und Jona freute sich sehr über den Rizinus. Aber am Morgen, als die Morgenröte anbrach, ließ Gott einen Wurm kommen; der stach den Rizinus, dass er verdorrte. Als aber die Sonne aufgegangen war, ließ Gott einen heißen Ostwind kommen, und die Sonne stach Jona auf den Kopf, dass er matt wurde. Da wünschte er sich den Tod und sprach: Ich möchte lieber tot sein als leben. Da sprach Gott zu Jona: Meinst du, dass du mit Recht zürnst um des Rizinus willen? Und er sprach: Mit Recht zürne ich bis an den Tod. Und der Herr sprach: Dich jammert der Rizinus, um den du dich nicht gemüht hast, hast ihn auch nicht aufgezogen, der in einer Nacht ward und in einer Nacht verdarb, und mich sollte nicht jammern Ninive, eine so große Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen sind, die nicht wissen, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere? (Buch des Propheten Jona 3,10; 4,1-11)

Am 14. Juni 2014 erschüttert eine gewaltige Detonation durch Truppen des islamischen Staats (IS) die menschenleere Stadt Mosul, in deren Mitte die Ruinen der riesigen assyrischen Hauptstadt Ninive liegen und legt das Wahrzeichen der Stadt, die altehrwürdige Nebi-Yunus-Moschee mit dem Grab des auch im Islam hochverehrten Propheten Jona – also des Nebi Yunus – in Schutt und Asche. Nicht zum ersten Mal wird Ninive zerstört: Im Jahr 612 v. Christus, also vor gut 2600 Jahren, ging das assyrische Großreich im Sturm von Medern und Babyloniern unter und mit ihm die Hauptstadt Ninive, die belagert, eingenommen und gründlich niedergebrannt wurde – und trotz aller Zerstörung reiche Kunst- und Kulturschätze unter den Trümmern hinterließ. Auch um deren endgültige Zerstörung als Götzenbilder ging es bei dem Angriff auf Mosul vor 9 Jahren durch die islamistische Terrormiliz.

Es berührt merkwürdig, wie sich die Geschehnisse wiederholen und wie die Weltläufe heute und damals sich berühren – und obendrein wie realistisch und aktuell das humoristisch-prophetische Märchenbuch über den Propheten Jona immer noch ist. Wir erinnern uns an den Walreisenden wider Willen, den widerwilligen Propheten, der erst trotzt, weil er den Untergang Ninives verkünden soll, und dann schmollt, weil der Untergang ausbleibt. Genau an dieser Stelle der Geschichte befinden wir uns mit unserem Predigttext: Als aber Gott das Tun der Niniviten sah, wie sie umkehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat´s nicht. Das aber verdross Jona sehr.

Verdruss über die Gnade Gottes: wenn es so nicht immer noch in den Handbüchern gewaltbereiter religiöser Fanatiker stünde, wäre das beinahe komisch. Das zentrale Gottesbekenntnis von Juden, Christen, Muslimen und sicherlich vielen Religionen, das Bekenntnis zum gnädigen Gott, zum barmherzigen Gott, zum Allerbarmer spricht Jona als Karikatur eines Vorwurfs: ich wusste, dass du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und lässt dich des Übels gereuen. In vollendeter prophetisch-dramatischer Ironie mault der Diener Gottes darüber, dass Gott, sein Herr, gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte ist, wie es die Psalmbeter in ihrem Gotteslob oft und oft besingen. Jona beklagt sich darüber, dass Gott ist, wie er ist; klagt, dass dieser mit seiner Gnade im Unrecht sei; fordert vielmehr Gerechtigkeit als Strafe und Rache.

Immerhin nimmt er nicht selbst das Schwert Gottes in die Hand, wie so viele andere religiöse Fanatiker und Gewalttäter; zieht in keinen heiligen Krieg gegen Ungläubige und Ungerechte; legt keine Weltreiche und Metropolen in Schutt und Asche – sondern er verzieht sich nur in seine Schmollecke, widmet sich seinem Ärger über Gott und die Welt, pflegt seine Verbitterung: So nimm nun, Herr, meine Seele von mir; denn ich möchte lieber tot sein als leben. Und Jona ging zur Stadt hinaus und ließ sich östlich der Stadt nieder und machte sich dort eine Hütte; darunter setzte er sich in den Schatten, bis er sähe, was der Stadt widerfahren würde. Wir kennen das von uns selbst und von anderen: Als gekränkte und beleidigte Leberwurst verziehen wir uns in unsere Schmollecke; eigentlich dämmert uns schon, dass wir uns verrannt haben; aber die Kraft der Einsicht, selbst da wieder herauszukommen, reicht noch nicht.

Auch Gott hätte allen Grund, ihn dort nun ein bisschen schmoren zu lassen, er sagt ihm auf den Kopf zu, sich nicht so zu haben: Aber der Herr sprach: Meinst du, dass du mit Recht zürnst? Und erbarmt sich dann eben doch wieder, nun halt über Jona; Gott scheint nicht anders zu können als gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte zu sein. Und dazu unternimmt Gott einiges, auch unwahrscheinliches.

Wie schon zuvor in der Jonageschichte engagiert Gott die Natur auf wunderbare Weise, um ihren Gang zu lenken und Jona auf die Spur zu bringen. Nach dem Walfisch kommt eine Rizinuspflanze zum Einsatz, und dann Wurm und Sturm. Die ganze Schöpfung wird in Dienst genommen für unser theologisches Märchen, das sich hier einen pädagogischen Schabernack erlaubt. Auch wenn die Rizinuspflanze schnell und hoch wächst, bis zu drei Metern Höhe in diesen Breiten sagen die Pflanzenkundler, aber dann doch nur im Märchen so schnell und so hoch, dass sie in nur einem Tag einem ausgewachsenen Propheten zum Unterschlupf vor der Sonnen dienen kann. Und sie wächst auch nur um gleich wieder zu welken, angefressen von einem Wurm; angefressen wie Jona angefressen ist vom Wurm der Selbstgerechtigkeit und Selbstbezogenheit; angefressen wie Jona, der sich wegen einer theologischen Rechthaberei eine große Stadt in Schutt und Asche wünscht, aber dann eben doch große Freude über den schnellgewachsenen Sonnenschutz erlebt – nur um diesen gleich wieder zu verlieren durch Schädlinge und Stürme, ganz wie heute im richtigen Leben.

Ob Jona die Moral seiner Geschichte verstanden hat? Eher nicht, zumindest bricht die Geschichte mit der Belehrung Gottes ab, von einer Einsicht Jonas wird nicht berichtet. Dich jammert der Rizinus, um den du dich nicht gemüht hast, hast ihn auch nicht aufgezogen, der in einer Nacht ward und in einer Nacht verdarb, und mich sollte nicht jammern Ninive, eine so große Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen sind, die nicht wissen, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere? Wichtiger ist, dass wir sie hören und verstehen. Nicht um theologische Richtigkeiten geht es dem unbekannten Autor des Jonabuches – denn selbst die Wirklichkeit hat er mit seinem humoristischen Prophetenmärchen längst hinter sich gelassen – sondern es geht ihm um Einsicht in den unbedingten Vorrang von Gottes Gnade und unserem menschlichen Mitleid. Also nicht Selbstmitleid, davon hat Jona mehr als genug – sondern um die Einsicht in das Leid der anderen, mit der Gott uns und die Welt verändern möchte. Dafür lässt er den Jona weite Wege gehen und uns dabei zusehen.

Nachdem im Irak und in Mosul der IS vertrieben und zumindest annäherungsweise staatliche Ordnung wieder hergestellt ist, bemühen sich auch deutsche Archäologen um die Sicherung der Hinterlassenschaft auch des antiken Ninive, und auch des Palastes, in dem Jona unserer Geschichte nach den assyrischen Herrscher zur Umkehr gerufen haben soll. Eine Erinnerungsstätte an diesem Ort des bei Juden, Christen und Muslimen gleichermaßen erinnerten Propheten wäre nicht das schlechteste Zeichen gegen religiöse Gewalt und für die Resilienz der Religion, die noch auf unwahrscheinlichste Weise – trotzige, ungläubige Propheten – und auf unwahrscheinlichsten Wegen – wer schwimmt schon durch das Meer im Bauch eines Wals? – das Wort von der Gnade Gottes verbreitet: Denn ich wusste, dass du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und lässt dich des Übels gereuen. Amen.