Tauffest im Kurpark

Am Sonntag, 16. Juli 2023, feierten 28 Täuflinge aus den Gemeinden des Dekanats Wiesbaden ihr erstes Tauffest – unter freiem Himmel bei schönstem Wetter im Wiesbadener Kurpark. Mit dabei waren auch Pfarrer Dr. Klaus Neumann und Dekanin Arami Neumann. Getauft wurde in acht Stationen rund um den Teich im Park. Das fröhliche Fest lockte auch viele interessierte Besucherinnen und Besucher an.

5. Sonntag nach Trinitatis, 9. Juli 2023

Am nächsten Tag stand Johannes abermals da und zwei seiner Jünger; und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm! Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach. Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Eabbi – das heißt übersetzt: Meister -, wo wirst du bleiben?   Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen’s und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde. Einer von den zweien, die Johannes gehört hatten und Jesus nachgefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus. Der findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden, das heißt übersetzt: der Gesalbte. Und er führte ihn zu Jesus. Als Jesus ihn sah, sprach er: Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas heißen, das heißt übersetzt: Fels.Am nächsten Tag wollte Jesus nach Galiläa ziehen und findet Philippus und spricht zu ihm: Folge mir nach! Philippus aber war aus Betsaida, der Stadt des Andreas und des Petrus. Philippus findet Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josefs Sohn, aus Nazareth. Und Nathanael sprach zu ihm: Was kann aus Nazareth Gutes kommen! Philippus spricht zu ihm: Komm und sieh!Jesus sah Nathanael kommen und sagt von ihm: Siehe, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist. Nathanael spricht zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, habe ich dich gesehen. Nathanael antwortete ihm: Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel!Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du glaubst, weil ich dir gesagt habe, dass ich dich gesehen habe unter dem Feigenbaum. Du wirst noch Größeres sehen als das. Und er spricht zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn. (Johannesevangelium 1,35-51)

Was könnte Nathanael unter dem Feigenbaum gemacht haben?

Bevor wir, liebe Schwestern und Brüder, diese Frage allzu leichtfertig als unerheblich abfertigen – auch weil sie ja nicht zu beantworten ist, da die Bibel sich nicht weiter über diesen Nathanael äußert – sollten wir für uns klären, was wir unter einem Feigenbaum machen würden; was wir unter einem Feigenbaum machen.

Also ich genieße den Schatten unter meinem Feigenbaum, den ich zusammen mit meinem Erstgeborenen vor beinahe zwanzig Jahren gepflanzt habe und der – also der Baum, nicht der Sohn – mittlerweile einen mächtigen Stamm, eine erhabene Krone und mit ihr ein dichtes, aber luftiges Blätterdach ausgebildet hat. Gerade an diesen herrlich heißen Tagen des Sommers gibt es für mich keinen besseren Ort der Hitze zu trotzen als im Schatten meines Feigenbaumes, leichtbekleidet, ein schönes Buch, ein kaltes Getränk und die freundliche Gesellschaft meiner Lieben. Das ist das Paradies!

Und besonders weit hergeholt ist das jetzt auch nicht, einen solchen Ort unterm Feigenbaum für das Paradies zu halten, wenn doch schon Adam und Eva zu Feigenblättern als Sichtschutz ihres gerade erwachten Schamgefühls gegriffen haben: „Da wurden ihnen die Augen geöffnet und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze“ (1. Mose 3,7) Feigen im Paradies.

Und trotz der noch unterm Feigenbaum befindlichen Gefahren durch allerlei Ungeziefer – sei es die Schlange im Paradiesgarten, sei es das Krabbelgetier in meinem – bleibt der Feigenbaum das Symbol des zwar verlorenen aber einst wiederzugewinnenden Paradieses, einer paradiesischen, friedlichen Endzeit, wie es die Propheten verkünden: „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu sicheln machen. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken.“ (Micha 4,3f.)

Und solange also von anderswo – aus der Ukraine und anderswo – das Kriegsgeschrei in meinen Garten hineindringt und dröhnt und dort Feigenbäume – und nicht nur die – ausgerissen, zerhackt, verstümmelt, verbrannt, vernichtet werden, weiß ich wie vorläufig und zerbrechlich mein kleiner Paradiesgarten ist, was ihn umso kostbarer macht: mein kleines Glück im Paradies als Symbol und Vorgeschmack des großen, endgültigen.

Was immer Nathanael unter seinem – ganz gewiss ebenso kostbaren, friedlichen, paradiesischen – Feigenbaum gemacht hat: es wird ihm gefallen haben, so sehr dass er auf die Störung, man habe den Heiland gefunden, reichlich unwirsch reagiert: Was kann aus Nazareth Gutes kommen! Was geht mich das an? So geht es uns, wenn wir die von anderen für sensationell gehaltenen Nachrichten in eigener Beschäftigung oder Muße hören: So toll wird das schon nicht sein; hab´ ich etwa den Heiland gerade gesucht? Warum sollte mich begeistern, dass man ihn – angeblich – gefunden hat? Was wir natürlich wie gesagt nicht wissen, denn vielleicht hat ja Nathanael nach gut rabbinischer Sitte unter seinem Baum in seinen Büchern nach dem Heiland geforscht. Ist er da vielleicht nicht?

Dennoch macht sich Nathanael auf – „könnte was dran sein“ – vielleicht kennt er Philippus als seriösen Freund, der nicht zu religiösen Überspanntheiten neigt, vertraut ihm; jedenfalls verlässt er den Schatten seines Feigenbaums, betritt das helle Licht des Tages, das für ihn das noch hellere Licht der Gottesbegegnung wird, was er aber noch nicht weiß. Denn er bleibt zunächst skeptisch, spürbar zurückhaltend; kontert die forsche Begrüßung Jesu – Siehe, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist, mit einer abwehrenden Frage: Woher kennst du mich? Hört er in den Worten Jesu einen falschen Ton? („Hat der etwa gerade ´Hoho, ein Prachtbursche!´ zu mir gesagt“) Fühlt er sich gar herausgefordert über seine Ambitionen, veralbert über seinen Ehrgeiz? Fühlt er sich durchschaut als jemand, der gerne ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist, sein will – es gerne wäre – womöglich nicht ist – womöglich selbst die Sorge hat, keiner zu sein? Oder spürt er schon, dass da jemand mehr sieht als andere, so dass man auch in diesem mehr sehen kann, als zunächst angenommen.

Jesus findet in einem zweiten Anlauf das Schloss zu seinem Herzen, trifft das Kennwort, das Türen öffnet – ein bisschen so wie wir uns durch Kenntnis eines höchstpersönlichen Merkmals den Zugang zu unserem Account sichern – Geburtstag meines Großvaters, Geburtsname meiner Großmutter – und nennt den Ort, an dem Philippus ihm von Jesus erzählt hatte: Bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, habe ich dich gesehen. Und das gewinnt den Nathanael für Jesus: Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel!

Auch dieses Wort beendet noch nicht das Gespräch; das zu Erkennende scheint noch nicht erkannt zu sein – weder von Nathanael noch von den Lesern der Geschichte, also uns; es geht Jesus nicht darum durch ein bloßes Wunder der Hellseherei – das kann doch jeder, der sich einigermaßen gute Informationen verschafft – erkannt und verehrt zu werden: Du glaubst, weil ich dir gesagt habe, dass ich dich gesehen habe unter dem Feigenbaum. Du wirst noch Größeres sehen als das. Vielleicht war ihm dieses Bekenntnis des Nathanael noch zu formelhaft; wohl richtig, aber eben nur richtig gesagt – noch nicht richtig verinnerlicht, geglaubt, gelebt, gefühlt, mit allen Fasern seines Seins gespürt und erlebt: Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel!

Nicht das Christusbekenntnis des Nathanael sondern ein Offenbarungswort dieses Christus an ihn, an uns schließt unsere Szene ab und weist gleichzeitig über sie hinaus: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn. Die Berufung der Jünger – der Andreas, der Simon, der Philippus, der Nathanael und wie sie alle heißen – ist erst der Anfang einer wunderbaren Geschichte, die sich auf allererste Anfänge bezieht, auf Jakob und seinen Traum mit der Leiter und den Engeln zwischen Himmel und Erde, und diesen Traum weiterträumt auf ein letztes Ende hin, an dem Gott alles gut gemacht haben wird durch seinen Gottes- und Menschensohn, nicht nur in meinem Paradiesgärtlein, wo ich das jetzt schon ahnen kann, sondern überall und für alle Menschen. Größeres als das, gibt es nicht zu sehen.

Und wir dürfen davon erzählen, herausgelockt aus dem Schatten unseres Feigenbaumes, gesandt in die weite Welt.

4. Sonntag nach Trinitatis, 2. Juli 2023

Der Predigttext für den heutigen 4. Sonntag nach Trinitatis steht im 1. Brief des Petrus im 3. Kapitel:

Endlich aber seid allesamt gleichgesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig. Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbt. Denn »wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der hüte seine Zunge, dass sie nichts Böses rede, und seine Lippen, dass sie nicht betrügen. Er wende sich ab vom Bösen und tue Gutes; er suche Frieden und jage ihm nach. Denn die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten, und seine Ohren hören auf ihr Gebet; das Angesicht des Herrn aber steht wider die, die Böses tun«. Und wer ist’s, der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert? Und wenn ihr auch leidet um der Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig. Fürchtet euch nicht vor ihrem Drohen und erschreckt nicht; heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen. Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist, und das mit Sanftmut und Gottesfurcht, und habt ein gutes Gewissen, damit die, die euch verleumden, zuschanden werden, wenn sie euren guten Wandel in Christus schmähen. Denn es ist besser, wenn es Gottes Wille ist, dass ihr um guter Taten willen leidet als um böser Taten willen. Amen.

Das Leben lieben und gute Tage sehen, liebe Gemeinde.

Das Leben lieben und gute Tage sehen – was für ein sprechendes Wort, gerade für die Ferienzeit; um das Leben zu Lieben und gute Tage zu sehen, dafür machen wir Pause vom Alltag, schweifen in die Ferne, besuchen fremde Orte um uns selbst zu finden, wiederzufinden.

Das tut gut, diese Auszeit, dieser Abstand. Man kann sich das Leben kaum ohne vorstellen; auch wenn wir wissen, dass Urlaub und Ferien eher neuere Erfindungen sind. Was uns so selbstverständlich geworden ist, dass wir unseren Kalender danach – also nach den Schulferien – richten, sogar das kirchliche Leben, das wir doch auch lieben, und alles andere danach richten; das hat es bis vor wenigen Generationen gar nicht gegeben. Es gab den Sonntag, die Feiertage, Phasen größerer und geringerer Anstrengung; aber Auszeiten in diesem Umfang und für den größten Teil der Bevölkerung hat es vorher einfach nicht gegeben. Wenn das Leben süß war, dann war es Mühe und Arbeit.

Das hat sich zumindest für die Ferienwochen geändert – aber – und davon soll hier die Rede sein: auch die Ferienwochen setzten das Grundsätzliche, das Prinzipielle, die Fundamente unseres Zusammenlebens nicht außer Kraft. Wir können Erholung finden, für einen Moment Abstand von Mühe und Arbeit gewinnen; aber wir können nicht uns selbst entfliehen, nicht dem entfliehen, wie wir sind; und nicht dem entfliehen, wie wir sein sollen.

Die Grundsätze, die Prinzipien und Fundamente des Zusammenlebens; in unserem Rahmen also des christlichen Zusammenlebens bleiben in Kraft; und werden folgerichtig bei der Betrachtung, das Leben zu lieben und gute Tage zu sehen beleuchtet. Was sind unsere Grundsätze, was unsere Fundamente?

Diese Frage nach den Fundamenten ist ja durch die Fundamentalisten ein bisschen in Misskredit geraten, weil diese oft mit dem ihnen eigenen untrüglichen Blick für das Unwesentliche, nicht über Grundlagen des Glaubens reflektieren, sondern ihn – den Glauben – in einen großen Klotz – ein unbewegliches Fundament – einbetonieren wollen, damit er sich bloß nicht verändere, dass er nicht angreifbar werde, dass er geschützt wäre vor allen möglichen Angriffen. So als ob wir Menschen uns das Fundament unseres Glaubens erst schaffen müssten, anstatt dass wir uns auf unser von Gott gegebenes Fundament verlassen.

Uns soll es jedenfalls um die Grundlagen unseres Glaubens gehen, um die Fundamente unserer Glaubensgemeinschaft, die immer gelten und auch durch keine Ferienzeit außer Kraft gesetzt werden. Da lässt sich vermutlich schnell Verständigung erzielen, was dazu gehört:

Der Inhalt des Glaubensbekenntnisses, das zwar in historisch gebundener Form, aber doch immer noch gültig und relevant den christlichen Glauben auf den Punkt bringt.

Die Ethik der Zehn Gebote, die viel mehr sind als ein universelles moralisches Gesetz, sondern die umfassende, vielleicht auch unerreichbare, und dennoch immer noch normative Beschreibung eines gottgefälligen, gelingenden Lebens.

Das Vaterunser als Modell eines Gebets, eines Gesprächs mit Gott, der uns als Vater nahe kommt und als dessen Kinder wir ihm nahe kommen dürfen.

Die Grundsätze der Gerechtigkeit und der Wahrhaftigkeit, die beide den Realitätsbezug unseres Glaubens sicherstellen sollen und können. Es ist nicht egal, was ich tue und lasse; und es nicht egal, was ich sage oder verschweige; sondern unser Zeugnis soll wahr und unser Handeln gerecht sein. Eine bloße Binnenwahrheit für ein Häuflein Erleuchteter und eine bloße Binnengerechtigkeit für die, die dazugehören, toleriert unser Glaube nicht.

Das alles – Glaubensbekenntnis, 10 Gebote, Vaterunser, Gerechtigkeit und Wahrheit – das alles ist unserem Glauben grundsätzlich und fundamental, ohne das wäre unser Glauben nicht unser Glauben.

Vielleicht ist aber vorher und über allem noch etwas zu nennen; und zwar: Die christliche Nächstenliebe. Und ich meine, dass hier tatsächlich etwas benannt ist, das für viele noch unmittelbarer, noch eindeutiger das wesentlich Christliche benennt. Die christliche Nächstenliebe, also die selbstlose Hilfe für meinen Nächsten, der selbst Fremder – und im Grenzfall sogar Gegner und Feind – sein kann, der meiner Hilfe bedarf; gleichnishaft geworden im Barmherzigen Samariter. Was ist ein Christ? So einer wie der barmherzige Samariter, der einem Fremden hilft, dabei auf eigenen Vorteil nicht sieht und selbst Kosten nicht scheut; der Verzicht leistet, sich selbst zurücknimmt um des anderen willen, der etwas, das ich habe, mehr braucht als ich; der nicht sich selbst in den Mittelpunkt stellt sondern den anderen.

Manche Vertreter der Soziobiologie halten diese – durch Jesus geforderte und bei Christen immer noch verbreitete Form – des Altruismus für den entscheidenden Fortschritt der Evolution, der nur Menschen eignet; wichtiger und entscheidender als Intelligenz und aufrechter Gang. Danach würde das uns zu Menschen machen, was uns über uns selbst hinaus sehen lässt, die Anliegen und Interessen der anderen zum Maßstab, zur Maxime meines Handelns werden lässt. Ob das zutreffende Annahmen über den Menschen sind, vermag ich nicht zu beurteilen; zutreffende Zusammenfassungen des christlichen Kerns sind sie allemal. Christ ist der, der sich selbst zurücknehmen kann, der Interessen von anderen wahrnehmen kann, der auf sein Recht zugunsten anderer verzichten kann, der dabei sogar seinen Feinden gerecht zu werden versucht. Nicht der Ellenbogen sondern die offene Hand ist das Zeichen der Christen.

Ich meine, dass auch unser heutiger Predigttext diese urchristliche Botschaft verkündet. Mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig sollen wir sein. Gewalt nicht erwidernd, sondern unterbrechend; segnend auch die, die uns übel wollen, weil der Segen letztlich nicht aus uns sondern von Gott kommt; besser um der Gerechtigkeit willen leiden, als selbst ungerecht werden; menschenfreundlich sein, und darin Zeugnis ablegend für den menschenfreundlichen Gott; wissend, dass es besser ist, um guter Taten willen zu leiden als um böser Taten willen – denn, wie Petrus den Gedanken unserem Predigttext fortsetzt: „Denn auch Christus hat einmal für die Sünden gelitten, der gerechte für die Ungerechten, damit er euch zu Gott führte.“

So verantworten wir die uns von Gott anvertraute Gerechtigkeit und seine Wahrheit vor den Menschen und vor uns. Dabei mag uns Nächstenliebe, Selbstzurücknahme, Rechtsverzicht als christliche Tugend einleuchten, aber ob sie auch für die Praxis taugt? Wie ist das, wenn wir uns auf etwas gefreut haben und wir müssen darauf verzichten, weil uns die Nächstenliebe in die Pflicht nimmt? Was bleibt von unserer geöffneten Hand, wenn wir gerade mal wieder den Ellbogen der anderen gespürt haben? Wo bleibe ich, wenn ich mich zurücknehme, sonst aber niemand? Warum soll ich eigentlich auf mein gutes Recht verzichten, nur weil es einem, der bedürftig ist, helfen könnte?

Denn: Recht ist Recht. Von Rechtsverzicht steht in den Gesetzbüchern nichts. Wenn ich Vorfahrt habe, brause ich los, komme wer da wolle. Wenn ich an der Supermarktkasse dran bin, mähe ich schon mal eine etwas langsamere Großmutter nieder – nicht mehr ganz so forsch wie früher, bin ja selber Großvater! Wenn ich Recht habe, möchte ich’s auch bekommen. Sollen die anderen helfen. Wenn sich jeder selbst hilft, ist allen geholfen. Liebe Schwestern und Brüdern, das ist der Teufel, der uns das einflüstert; na gut; den gibt es vielleicht nicht, aber dafür kann er noch ziemlich laut und hässlich flüstern.

Dagegen hilft es sich immer wieder die andere, die christliche Botschaft zu sagen und sich sagen zu lassen. Auch die Adressaten des Petrusbriefes werden das alles gewusst haben, was ihnen da geschrieben wird, so wie wir das wissen, was Nächstenliebe ist und was sie uns abverlangt; aber wir wie sie müssen daran erinnert werden, es gesagt bekommen immer wieder; das Grundsätzliche, das Fundamentale stets und von neuem gesagt bekommen: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst; und das ist richtig und gut so, auch wenn es dir niemand dankt. Selbst wenn es dich in Schwierigkeiten bringt, lasse davon nicht ab.

Unsere Versuche der Nächstenliebe werden die Welt nicht verändern: Erfolg ist ausdrücklich kein Maßstab der Nächstenliebe; aber sie wird uns verändern – hin zu einem Leben, dass Gott gefällt – uns doch auch; damit wir das Leben lieben und gute Tage sehen. Auch das wäre ein Erfolg. Amen.

3. Sonntag nach Trinitatis, 25. Juni 2023

Als aber Gott ihr Tun sah, wie sie umkehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat´s nicht.
Das aber verdross Jona sehr, und er ward zornig und betete zum Herrn und sprach: Ach, Herr, das ist’s ja, was ich dachte, als ich noch in meinem Lande war. Deshalb wollte ich ja nach Tarsis fliehen; denn ich wusste, dass du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und lässt dich des Übels gereuen. So nimm nun, Herr, meine Seele von mir; denn ich möchte lieber tot sein als leben. Aber der Herr sprach: Meinst du, dass du mit Recht zürnst? Und Jona ging zur Stadt hinaus und ließ sich östlich der Stadt nieder und machte sich dort eine Hütte; darunter setzte er sich in den Schatten, bis er sähe, was der Stadt widerfahren würde. Gott der Herr aber ließ einen Rizinus wachsen; der wuchs über Jona, dass er Schatten gab seinem Haupt und ihn errettete von seinem Übel. Und Jona freute sich sehr über den Rizinus. Aber am Morgen, als die Morgenröte anbrach, ließ Gott einen Wurm kommen; der stach den Rizinus, dass er verdorrte. Als aber die Sonne aufgegangen war, ließ Gott einen heißen Ostwind kommen, und die Sonne stach Jona auf den Kopf, dass er matt wurde. Da wünschte er sich den Tod und sprach: Ich möchte lieber tot sein als leben. Da sprach Gott zu Jona: Meinst du, dass du mit Recht zürnst um des Rizinus willen? Und er sprach: Mit Recht zürne ich bis an den Tod. Und der Herr sprach: Dich jammert der Rizinus, um den du dich nicht gemüht hast, hast ihn auch nicht aufgezogen, der in einer Nacht ward und in einer Nacht verdarb, und mich sollte nicht jammern Ninive, eine so große Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen sind, die nicht wissen, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere? (Buch des Propheten Jona 3,10; 4,1-11)

Am 14. Juni 2014 erschüttert eine gewaltige Detonation durch Truppen des islamischen Staats (IS) die menschenleere Stadt Mosul, in deren Mitte die Ruinen der riesigen assyrischen Hauptstadt Ninive liegen und legt das Wahrzeichen der Stadt, die altehrwürdige Nebi-Yunus-Moschee mit dem Grab des auch im Islam hochverehrten Propheten Jona – also des Nebi Yunus – in Schutt und Asche. Nicht zum ersten Mal wird Ninive zerstört: Im Jahr 612 v. Christus, also vor gut 2600 Jahren, ging das assyrische Großreich im Sturm von Medern und Babyloniern unter und mit ihm die Hauptstadt Ninive, die belagert, eingenommen und gründlich niedergebrannt wurde – und trotz aller Zerstörung reiche Kunst- und Kulturschätze unter den Trümmern hinterließ. Auch um deren endgültige Zerstörung als Götzenbilder ging es bei dem Angriff auf Mosul vor 9 Jahren durch die islamistische Terrormiliz.

Es berührt merkwürdig, wie sich die Geschehnisse wiederholen und wie die Weltläufe heute und damals sich berühren – und obendrein wie realistisch und aktuell das humoristisch-prophetische Märchenbuch über den Propheten Jona immer noch ist. Wir erinnern uns an den Walreisenden wider Willen, den widerwilligen Propheten, der erst trotzt, weil er den Untergang Ninives verkünden soll, und dann schmollt, weil der Untergang ausbleibt. Genau an dieser Stelle der Geschichte befinden wir uns mit unserem Predigttext: Als aber Gott das Tun der Niniviten sah, wie sie umkehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat´s nicht. Das aber verdross Jona sehr.

Verdruss über die Gnade Gottes: wenn es so nicht immer noch in den Handbüchern gewaltbereiter religiöser Fanatiker stünde, wäre das beinahe komisch. Das zentrale Gottesbekenntnis von Juden, Christen, Muslimen und sicherlich vielen Religionen, das Bekenntnis zum gnädigen Gott, zum barmherzigen Gott, zum Allerbarmer spricht Jona als Karikatur eines Vorwurfs: ich wusste, dass du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und lässt dich des Übels gereuen. In vollendeter prophetisch-dramatischer Ironie mault der Diener Gottes darüber, dass Gott, sein Herr, gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte ist, wie es die Psalmbeter in ihrem Gotteslob oft und oft besingen. Jona beklagt sich darüber, dass Gott ist, wie er ist; klagt, dass dieser mit seiner Gnade im Unrecht sei; fordert vielmehr Gerechtigkeit als Strafe und Rache.

Immerhin nimmt er nicht selbst das Schwert Gottes in die Hand, wie so viele andere religiöse Fanatiker und Gewalttäter; zieht in keinen heiligen Krieg gegen Ungläubige und Ungerechte; legt keine Weltreiche und Metropolen in Schutt und Asche – sondern er verzieht sich nur in seine Schmollecke, widmet sich seinem Ärger über Gott und die Welt, pflegt seine Verbitterung: So nimm nun, Herr, meine Seele von mir; denn ich möchte lieber tot sein als leben. Und Jona ging zur Stadt hinaus und ließ sich östlich der Stadt nieder und machte sich dort eine Hütte; darunter setzte er sich in den Schatten, bis er sähe, was der Stadt widerfahren würde. Wir kennen das von uns selbst und von anderen: Als gekränkte und beleidigte Leberwurst verziehen wir uns in unsere Schmollecke; eigentlich dämmert uns schon, dass wir uns verrannt haben; aber die Kraft der Einsicht, selbst da wieder herauszukommen, reicht noch nicht.

Auch Gott hätte allen Grund, ihn dort nun ein bisschen schmoren zu lassen, er sagt ihm auf den Kopf zu, sich nicht so zu haben: Aber der Herr sprach: Meinst du, dass du mit Recht zürnst? Und erbarmt sich dann eben doch wieder, nun halt über Jona; Gott scheint nicht anders zu können als gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte zu sein. Und dazu unternimmt Gott einiges, auch unwahrscheinliches.

Wie schon zuvor in der Jonageschichte engagiert Gott die Natur auf wunderbare Weise, um ihren Gang zu lenken und Jona auf die Spur zu bringen. Nach dem Walfisch kommt eine Rizinuspflanze zum Einsatz, und dann Wurm und Sturm. Die ganze Schöpfung wird in Dienst genommen für unser theologisches Märchen, das sich hier einen pädagogischen Schabernack erlaubt. Auch wenn die Rizinuspflanze schnell und hoch wächst, bis zu drei Metern Höhe in diesen Breiten sagen die Pflanzenkundler, aber dann doch nur im Märchen so schnell und so hoch, dass sie in nur einem Tag einem ausgewachsenen Propheten zum Unterschlupf vor der Sonnen dienen kann. Und sie wächst auch nur um gleich wieder zu welken, angefressen von einem Wurm; angefressen wie Jona angefressen ist vom Wurm der Selbstgerechtigkeit und Selbstbezogenheit; angefressen wie Jona, der sich wegen einer theologischen Rechthaberei eine große Stadt in Schutt und Asche wünscht, aber dann eben doch große Freude über den schnellgewachsenen Sonnenschutz erlebt – nur um diesen gleich wieder zu verlieren durch Schädlinge und Stürme, ganz wie heute im richtigen Leben.

Ob Jona die Moral seiner Geschichte verstanden hat? Eher nicht, zumindest bricht die Geschichte mit der Belehrung Gottes ab, von einer Einsicht Jonas wird nicht berichtet. Dich jammert der Rizinus, um den du dich nicht gemüht hast, hast ihn auch nicht aufgezogen, der in einer Nacht ward und in einer Nacht verdarb, und mich sollte nicht jammern Ninive, eine so große Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen sind, die nicht wissen, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere? Wichtiger ist, dass wir sie hören und verstehen. Nicht um theologische Richtigkeiten geht es dem unbekannten Autor des Jonabuches – denn selbst die Wirklichkeit hat er mit seinem humoristischen Prophetenmärchen längst hinter sich gelassen – sondern es geht ihm um Einsicht in den unbedingten Vorrang von Gottes Gnade und unserem menschlichen Mitleid. Also nicht Selbstmitleid, davon hat Jona mehr als genug – sondern um die Einsicht in das Leid der anderen, mit der Gott uns und die Welt verändern möchte. Dafür lässt er den Jona weite Wege gehen und uns dabei zusehen.

Nachdem im Irak und in Mosul der IS vertrieben und zumindest annäherungsweise staatliche Ordnung wieder hergestellt ist, bemühen sich auch deutsche Archäologen um die Sicherung der Hinterlassenschaft auch des antiken Ninive, und auch des Palastes, in dem Jona unserer Geschichte nach den assyrischen Herrscher zur Umkehr gerufen haben soll. Eine Erinnerungsstätte an diesem Ort des bei Juden, Christen und Muslimen gleichermaßen erinnerten Propheten wäre nicht das schlechteste Zeichen gegen religiöse Gewalt und für die Resilienz der Religion, die noch auf unwahrscheinlichste Weise – trotzige, ungläubige Propheten – und auf unwahrscheinlichsten Wegen – wer schwimmt schon durch das Meer im Bauch eines Wals? – das Wort von der Gnade Gottes verbreitet: Denn ich wusste, dass du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und lässt dich des Übels gereuen. Amen.

Johannisgottesdienst mit Johannisfeuer

Samstag, 24. Juni 2023, 21.00 Uhr

Ev. Thomasgemeinde und Kath. Kirchort St. Mauritius

Mit Stefan Herok und Klaus Neumann

Musik: Martin Schneider und Alfred Herr (Trompeten)

In der Zeit um die kürzeste Nacht des Jahres wird in vielen Gemeinden an den Geburtstag von Johannes dem Täufer, dem Wegbereiter Jesu, mit einem Gottesdienst und einem Feuer gedacht. Das Johannisfeuer symbolisiert Johannes‘ Zeugnis vom „wahren Licht der Welt“. Auch in diesem Jahr feiern wir gemeinsam mit unseren Nachbarn von St. Mauritius einen ökumenischen Freiluftgottesdienst unter den Kastanien vor der Thomaskirche. Im Anschluss laden wir Sie herzlich zu einem kleinen Umtrunk ein.

(Bei Regen findet der Gottesdienst in der Thomaskirche statt.)

Johannisfeuer 2021, Foto: privat

Eisernes, Goldenes und Silbernes Konfirmationsjubiläum

Am 4. Juni 2023 feierten 7 ehemalige Konfirmandinnen und Konfirmanden der Thomasgemeinde in einem festlichen Gottesdienst mit Pfarrer Dr. Neumann ihr Konfirmationsjubiläum: Dr. Birgit Schuler (2.v.l.) wurde vor 65 Jahren konfirmiert, Manfred Althaus (2.v.r.) und Joachim Dippel (r.) vor 50 Jahren sowie Roland Bahre (l.), Eva-Maria Uhrig (3.v.l.) und Corinna Jäger (3. v.r.) vor 25 Jahren. Nicht im Bild ist Vera Seidel (Konfirmandin von 1972). Allen Jubilaren sei nochmals herzlich gratuliert!

Frühlingskaffee mit Kinderchor

(Foto: K. Neumann)

Mit Frühlings- und Sommerliedern und Erdbeerkuchen fand am ersten Juni-Sonntag der gut besuchte „Frühlingskaffee“ statt. Das Publikum freute sich über die fröhlichen Stimmen des von Gabriela Blaudow geleiteten Kinderchores und sang kräftig mit!