Silvester 2024

Hört mir zu, die ihr der Gerechtigkeit nachjagt, die ihr den Herrn sucht: Schaut den Fels an, aus dem ihr gehauen seid, und des Brunnens Schacht, aus dem ihr gegraben seid. Schaut Abraham an, euren Vater, und Sara, von der ihr geboren seid. Denn als einen Einzelnen berief ich ihn, um ihn zu segnen und zu mehren. Ja, der Herr tröstet Zion, er tröstet alle ihre Trümmer und macht ihre Wüste wie Eden und ihr dürres Land wie den Garten des Herrn, dass man Wonne und Freude darin findet, Dank und Lobgesang.

Merke auf mich, mein Volk, hört mich, meine Leute! Denn Weisung wird von mir ausgehen, und mein Recht will ich gar bald zum Licht der Völker machen. Denn meine Gerechtigkeit ist nahe, mein Heil tritt hervor, und meine Arme werden die Völker richten. Die Inseln harren auf mich und warten auf meinen Arm. Hebt eure Augen auf gen Himmel und schaut unten auf die Erde! Denn der Himmel wird wie ein Rauch vergehen und die Erde wie ein Kleid zerfallen, und die darauf wohnen, werden wie Mücken dahinsterben. Aber mein Heil bleibt ewiglich, und meine Gerechtigkeit wird nicht zerbrechen.

Hört mir zu, die ihr die Gerechtigkeit kennt, du Volk, in dessen Herzen mein Gesetz ist! Fürchtet euch nicht, wenn euch die Leute schmähen, und entsetzt euch nicht, wenn sie euch verhöhnen! Denn die Motten werden sie fressen wie ein Kleid, und Würmer werden sie fressen wie ein wollenes Tuch. Aber meine Gerechtigkeit bleibt ewiglich und mein Heil für und für. (Buch des Propheten Jesaja 51, 1-8)

Hört zu, schaut an, schaut an, merke auf, hört, hebt eure Augen auf, schaut auf, hört zu!

Da will einer gehört, da will einer gesehen werden. Da macht einer auf sich aufmerksam. Aufmerksamkeit ist ein teures Gut. Das wird der erlebt haben, der so spricht, dass so schnell nichts unsere Panzer des Selbstinteresses und die Mauern unserer Aufmerksamkeitsdefizite durchdringt. Was könnte auch interessanter sein als ich selbst? „Nichts dringt in mein Gehirn. Meine Reflexe sind zu schnell.“ Sagt ein galaktischer Superheld auf seine entwaffnend dämliche und himmelschreiend komische Art: „Nichts dringt in mein Gehirn. Meine Reflexe sind zu schnell.“ (Drax aus den Guardians of the Galaxy)

Kollektives ADS gehört zur Diagnose unserer Zeit: Kollektives Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom allerdings bei gleichzeitiger maximaler Beschallung durch Aufmerksamkeitserreger. Die technischen Möglichkeiten, Aufmerksamkeit zu erregen, versuchen mit den Steigerungen unserer Aufmerksamkeitsdefizite Schritt zu halten, ohne große Aussicht auf Erfolg. Selbst millionenfache Gefolgschaft in den sogenannten sozialen Medien verschafft nur eine Form von vermeintlicher Aufmerksamkeit, die eigentliche Aufmerksamkeit, also Teilnahme, Anteilnahme vermeidet, verhindert. Die Filter fehlen, oder es sind die falschen. Die tatsächliche Gegenwart dringt nicht in unser Gehirn vor. Klassisch ist das Bild der Gruppe im Lokal, die alle ihr Telefon in der Hand haben, alle sprechen, ohne miteinander zu sprechen.

Hört zu, schaut an, schaut an, merke auf, hört, hebt eure Augen auf, schaut auf, hört zu!

Wenn man den Prognosen glaubt – aber es reicht ja schon den eigenen Augen zu trauen! – werden es immer weniger und immer weniger werden – jedenfalls bei uns – die dem Aufmerksamkeit schenken, der da ruft. Er scheint es gewohnt zu sein, dass ihm niemand zuhört, ihm niemand glaubt. Egal ist es ihm gleichwohl nicht. Gott schafft sich seine Wege, seine Kanäle der Kommunikation. Und es sollen schon welche auf ihn aufmerksam geworden sein auf dem Wege der sogenannten sozialen Medien. Warum denn nicht? Seine Wege sind unerforschlich, er liebt das Paradox, in ihm treffen sich die Gegensätze und sein Geheimnis offenbart er gerne einmal unter dem Gegenteil. „Nichts ist so groß, Gott ist noch größer. Nichts ist so klein, Gott ist noch kleiner.“ Warum sollte er nicht auch durch das Internet, diesem unwahrscheinlichsten Ort der Gottesrede zu uns hindurchschlupfen?

Lasst uns das Unwahrscheinliche tun, und heute auf ihn hören! Schaut den Fels an, aus dem ihr gehauen seid, und des Brunnens Schacht, aus dem ihr gegraben seid. Was macht uns zu Menschen? Was macht unsere Menschlichkeit aus? Aus welchem Holz sind wir geschnitzt? Krummes Holz, aufrechter Gang. Aufrecht mögen auch die Pinguine gehen, aber sich den aufrechten Gang als das wesentlich Menschliche zu denken, können nur Menschen. Auf dem Boden bleiben und doch nach oben sehen. Manchmal muss man einen Schritt zurückgehen, um den Ort zu sehen, zu erkennen, auf dem man steht. Und nicht jeder Fortschritt ist zu empfehlen, sagt der Mensch, der in den Abgrund blickt.

Hebt eure Augen auf gen Himmel und schaut unten auf die Erde! Denn der Himmel wird wie ein Rauch vergehen und die Erde wie ein Kleid zerfallen, und die darauf wohnen, werden wie Mücken dahinsterben. Was man für eine Reportage aus den Kriegsgebieten und den Katastrophenlagen unserer Gegenwart halten kann, soll keineswegs Zukunft beschreiben. Solche Prophezeiungen werden nicht gemacht, um die Zukunft anzusagen, sondern um sie zu verändern. So wie beschrieben soll es gerade nicht werden. Und damit es so nicht wird, müssen wir uns ändern, umkehren, unsere Wege verlassen, neue finden. Dabei Irrtümer in Kauf nehmen, Verwirrung riskieren. Aber ohne zu vergessen, wer wir sind.

Fürchtet euch nicht, wenn euch die Leute schmähen, und entsetzt euch nicht, wenn sie euch verhöhnen! Denn die Motten werden sie fressen wie ein Kleid, und Würmer werden sie fressen wie ein wollenes Tuch. Die neuen Lautsprecher in Politik und Gesellschaft, im Netz allüberall, die Schmäher und Verhöhner, klingen noch in dem Moment, in dem sie das herausplärren, was sie für Neuigkeiten halten, älter als ihre eigenen Großeltern. Es mag unvornehm sein, den Ewiggestrigen Würmer und Mottenfraß zu wünschen, unfromm ist es ausweislich unseres Propheten nicht. Ihr Verfallsdatum ist längst abgelaufen. Sie haben das bloß noch nicht gemerkt.

Und woher wissen wir das? Was gibt uns Gewissheit, dass es zwar schlimm kommen aber nicht schlimm bleiben wird? Auf Selbstheilungskräfte zu vertrauen, erscheint mir etwas leichtsinnig in einer multimorbiden Welt: Umwelt, Klima, Demokratie, Wohlstand, internationale Beziehungen, Frieden – werden nicht von allein heilen; werden nicht in einem Akt magischen Denkens einfach gut werden; werden sich nicht gutwünschen lassen. Obwohl es natürlich hilft, sich die Dinge gut und nicht etwa schlecht zu wünschen, wie es die Mächte des Bösen wohl tun. Noch kleinste Schritte – baby steps – zu Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung – wie es zu einer anderen Zeit und in einem anderen Leben hieß, aber auch nur gerade mal vierzig Jahre her so hieß – sind nötig, um den großen Schritt – vom Abgrund weg – zu tun. Was ein kleiner Schritt für mich wäre, könnte ein großer für die Menschheit sein.

Und dann brauchen unsere realen Veränderungen allerdings sehr wohl den Glauben, dass sie nicht vergeblich sein müssen, sondern gelingen können. Veränderungen gehen davon aus, dass sie sich lohnen. Umkehr braucht einen Ort wohin. Deshalb geht die Bibel davon aus, dass Gott alles gut gemacht hat und alles gut machen will und dass sich gute Taten lohnen. Dass ein moralisches Universum sei, ist die große Hypothese des biblischen Glaubens. Dafür will der Prophet unsere Aufmerksamkeit.

Hört zu, schaut an, schaut an, merke auf, hört, hebt eure Augen auf, schaut auf, hört zu!

Worauf? Darauf, dass Ja, dass der Herr Zion tröstet, er tröstet alle ihre Trümmer und macht ihre Wüste wie Eden und ihr dürres Land wie den Garten des Herrn, dass man Wonne und Freude darin findet, Dank und Lobgesang.

Und warum? Darum und trotz allem, weil Gott spricht und es so meint: Aber mein Heil bleibt ewiglich, und meine Gerechtigkeit wird nicht zerbrechen.

Aber meine Gerechtigkeit bleibt ewiglich und mein Heil für und für. Amen.

Erster Sonntag nach Weihnachten, 29. Dezember 2024

Als sie (die Weisen aus dem Morgenland) aber hinweggezogen waren, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir’s sage; denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen.

Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten und blieb dort bis nach dem Tod des Herodes, auf dass erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht Hos 11,1: »Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.«

Als Herodes nun sah, dass er von den Weisen betrogen war, wurde er sehr zornig und schickte aus und ließ alle Knaben in Bethlehem töten und in der ganzen Gegend, die zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er von den Weisen genau erkundet hatte. Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht (Jer 31,15): »In Rama hat man ein Geschrei gehört, viel Weinen und Wehklagen; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen.«

Als aber Herodes gestorben war, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum in Ägypten und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und zieh hin in das Land Israel; sie sind gestorben, die dem Kindlein nach dem Leben getrachtet haben.

Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich und kam in das Land Israel. Als er aber hörte, dass Archelaus in Judäa König war anstatt seines Vaters Herodes, fürchtete er sich, dorthin zu gehen. Und im Traum empfing er einen Befehl und zog ins galiläische Land und kam und wohnte in einer Stadt mit Namen Nazareth, auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch die Propheten: Er soll Nazoräer heißen. (Matthäus 2,13-23)

Was ist das für eine schlimme Geschichte! Von Flucht und Mord an Weihnachten, will man sowas hören? Vom Mörderkönig Herodes, der auch in der wirklichen Geschichte Kinder, Thronfolger, Ehefrauen ermorden ließ. Von der Flucht der Heiligen Familie über Wüsten und Meere hinweg. Aber wir hören doch ständig solche schlimmen Geschichten von Gewalt an Kindern, Flucht und Mord, von Krieg und Gewalt gegen die Kleinsten und Schwächsten, die Kinder: in der Ukraine, in Israel, in Gaza, im Sudan, in Syrien – wer weiß nicht wo.

„Was ist das für eine Geschichte!“ Ruft Mutter Gertrud aus in der Märchenoper Hänsel und Gretel, die uns wie alle Jahre wieder als das zweite, das andere Weihnachtsoratorium in der Weihnachtszeit begleitet. Was ist das für eine Geschichte! Ruft die Mutter aus über den Tumult, den sie zu Hause vorfindet, ruft und singt sich in Wut, in Rage, solange, bis sie die beiden hinauswirft aus dem ärmlich, kärglichen Haus am Wald, hinaustreibt in den finsteren Wald hinter dem Haus, um dort Essen zu holen, um Beeren zu sammeln, aber eigentlich, so sagt es die Musik, die die Wut der Mutter orchestriert, vertreibt sie ihre Kinder, um sie vor sich selbst zu schützen, um sie vor ihrer eigenen Wut und Gewalt zu schützen. Die Kinder sollen fliehen, um sich zu schützen.

Dass Kinder fliehen müssen vor der Gewalt Erwachsener, ist der Skandal unserer schlimmen Geschichte heute. Bis nach Ägypten müssen Joseph, Maria und ihr Baby fliehen, durch die Wüste zurück in das Land der Gefangenschaft des Mose und der Israeliten. Zurück in die Ägyptische Finsternis. Die Heilsgeschichte wird – vorübergehend, wie wir in der Geschichte da noch nicht wissen, aber hoffen! – damit umgekehrt, rückgängig gemacht, aufgehoben, zurückgespült durch die Wellen des Schilfmeers, zurückgebracht in die Sklaverei. Weil es nötig ist, notwendig, um noch schlimmere, um schlimmste Not zu wenden.

Schlimmste Not ist dann, wenn Kinder leiden; wenn ihre Schwäche und Arglosigkeit ausgenutzt werden, wenn sie missbraucht werden. Pfui Teufel über die, die das tun – zu jeder Zeit, überall auf der Welt, gerade auch in der Kirche. Gewalt gegen Kinder, Kindermord ist der Gipfel des teuflischen Wütens; vom Teufel selbst kommt solche Gewalt – selbst unser postmythologisches Zeitalter kommt nicht ohne diese Symbolfigur des absoluten Bösen aus, wenn wir versuchen, uns einen Begriff davon zu machen.

„Eine Hex im Wald, vom Teufel selbst hat sie Gewalt“ – ausgerechnet dahin zu ihr, der Hexe, fliehen die Kinder Hänsel und Gretel, zum Knusperhaus mit seinen Verliesen und Höhlen, seinem Ofen, grausamer Vernichtungsort.

Der Hexe wird – anders als in der Märchenvorlage, aber einer anderen Wahrheit folgend – vom Operndichter eine ganze Mordfabrik angedichtet; ihre Lebkuchenfabrik in Wahrheit eine Lebkuchenkindermordfabrik!

Oft genug – und verständlicherweise, weil man die jugendlichen Theaterbesucher schützen zu müssen meint, und doch sehr zu Unrecht! – oft genug, wird die Hexe zur Witzfigur herunterinszeniert. Aber dann passt ihr böses Ende nicht, passen die Texte nicht, die sie singt; und passt nicht die Musik. Denn wie schon im Märchen ist diese Hexe böse, ihre Texte sind böse, ihre Musik ist böse. Rosina Leckermaul ist keine Bibi Blocksberg – und diese Märchenoper vielleicht doch nichts für Kinder. Denn ihre Gewalt ist wirklich böse – und sie verhüllt, verkleidet und offenbart sich zugleich als sexualisierte Gewalt – übrigens schon in der Märchenvorlage, in der die Hexe ihre Mordabsichten ebenfalls sexualisiert. Nur wenn wir die abgrundtiefe Bosheit der schlechthin „Bösen“ verstehen, können wir ihre Strafe und ihr grausames Ende billigen.

Ganz wie im richtigen Leben, in der richtigen Welt, an ihren dunkelschwarzen Orten, wenn etwa eine Mörderbande Babys und Kleinkinder in ihre Höhlen verschleppt und dort versteckt, immer noch nach 14 Monaten versteckt vor der befreienden und doch zerstörerischen Gewalt ihrer Eltern; kein Chanukka für Kfir und Ariel Bibas und die anderen immer noch über Hundert Geiseln der Hamas. Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen. Manchmal ist die Wirklichkeit viel schlimmer als Bibel und Oper. Was für eine schlimme Geschichte!

Auf der Bühne geht sie gut aus (aber unter welchen Opfern, welchen Kosten!). Hänsel und Gretel werden von Opfern zu Rächern in eigener Sache, und dann auch noch zu Befreiern der Kinderopfer: „Erlöst, befreit für alle Zeit“; so singt es der Kinderchor am Ende der schaurig schönen Oper; zeigt, was zu zeigen war: „Wenn die Not aufs höchste steigt, Gott der Herr die Hand euch reicht“, musikalisch, textlich und dramaturgisch der Kern der ganzen Sache.

„Erlöst, befreit für alle Zeit“ – das ist in einem noch viel umfassenderen Sinn der Sinn unserer Weihnachtsgeschichte aus der Bibel heute – wie auch übrigens des jüdischen festes Chanukka, dessen 5. von 8 Tagen heute gefeiert wird: Freude über geschehene Erlösung, Hoffnung auf zukünftige Erlösung. Selbst die größte Not vermag Gott zu wenden, den Befreier unserer Seelen und Erlöser der Welt zu erlösen und zu befreien. „Erlöst, befreit für alle Zeit“

Weihnachten 2024

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.

Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. Es war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe gemacht; und die Welt erkannte es nicht. Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden: denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus menschlichem Geblüt noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott geboren sind.

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. (Johannes 1,1-5.9-14)

Eine andere Weihnachtsgeschichte, diese Weihnachtsgeschichte des Johannes; keine Geschichte eigentlich, sondern eher Gedicht, oder noch eher Traktat. Weihnachten ohne Krippe und Stall, ohne Hirten und Engel, ohne Ochs und Esel, ohne Klingelingeling und ohne Lametta; nicht sinnlich und märchenhaft, nicht bunt sondern schwarz-weiß, theoretisch, abstrakt, verkopft, nicht Mythos sondern Logos, das gefällt mir!

Abstrakt wie das Bild von Richard Serra, Dead Weight III (Coptic) von 1991, im Museum Wiesbaden, in das man sich versenken kann, wie die Menschen früher, die Mönche zumal, in die Texte der Bibel sich versenkt haben. Schwarze Ölkreide auf weißem Papier, mehr nicht, aber darin die ganze Welt.

Richard Serra, Dead Weight III (Coptic)
Richard Serra, Dead Weight III (Coptic)

Viel schwarze Farbe, dick aufgetragen, sichtbar schwer auf edlem Papier, nicht industrieweiß, sondern edles, altes Weiß. Zweigeteilt, zwei Flächen, zweimal ein großes Rechteck übereinander, quadratisch das obere, das untere genauso hoch, aber etwas schmaler; dahinter, darunter, daneben weißer Rand, oben sehr schmal, unten etwas breiter rechts und links. Das untere Rechteck scheint das obere zu tragen, schwere Last.

Für „dead weight“ lesen wir im Wörterbuch: ganze Last, volles Gewicht, schwere Bürde, Leergewicht, Eigengewicht, totes Gewicht, Nutzlast; Dead Weight – schwere Last, passt für mich am besten.

Den in Klammern gesetzten Namenszusatz des Bildes (Coptic) kann ich nicht recht deuten, vielleicht ist eine ferne Ähnlichkeit der Gestalt mit dem koptischen Kreuz gemeint, dem Anch, Lebenssymbol, Hieroglyphe für das Weiterleben im Jenseits. Der Künstler verwendet oft solche historischen, persönlichen oder mythologischen Bezüge für seine Werke, ohne dass der jeweilige Bezug für den Betrachter offensichtlich wäre. Er scheint hier auf Sprache und Kultur der Kopten zu verweisen, das uralte ägyptische Christentum, das sich bis heute gegen die Übermacht des Islams im Land behauptet, im besten Fall geduldet, oft verfolgt, nicht selten voller Gewalt. Mich beginnt dieser konkrete Titel des abstrakten Bildes zu stören. Vielleicht weil es auf eine bestimmte Weise zu gut mit dem von mir gewählten Bezug auf Weihnachten passt.

Das Schwarz überwiegt bei weitem, dominiert, bestimmt das Bild, bestimmt nicht selten unser Weltbild, dieses „Wir leben in finsteren Zeiten.“ Dem kann sich kaum einer entziehen. Zuviel spricht dafür; Zeitungen und Nachrichten jedenfalls, Tag für Tag. Finsternis überall.

Aber dagegen stehen die weißen Ränder, das sich vom Rand her aufmachende Licht: „Mache dich auf, werde Licht, denn dein Licht kommt“ Ich komme nicht los, von meiner ursprünglichen Idee, dass dieses Bild – wahrscheinlich ohne jede Absicht – einen Weihnachtsgedanken formuliert, nämlich den vom Licht in der Finsternis. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.

Johannes verfolgt und entwickelt ihn sein ganzes Evangelium und seine Briefe entlang: „Jesus Christus spricht: Wer mir nachfolgt, wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern das Licht des Lebens haben“. Weihnachtlicher Glauben ist für Johannes: das Leben und die Welt nicht von der Finsternis, sondern vom Licht her zu sehen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.

Nicht die Finsternis wird das Licht verschlingen, sondern das Licht breitet sich in der Finsternis aus. Das versteht sich keineswegs von selbst und es versteht sich auch nicht von selbst aus dem Blick auf unser Bild. Denkbar – und so oft denken wir es doch auch – dass sich nicht das Licht, sondern die Finsternis ausbreitet und die Finsternis irgendwann das Licht ganz und gar verschluckt wird. Ägyptische Finsternis – vielleicht ist da doch was dran an der Koptischen Deutung.

Wir – aber – folgen Johannes, wenn wir nicht die Finsternis, sondern das Licht für die Dominante halten. Wir folgen Johannes, wenn wir das Licht erkennen in der Finsternis. Wir folgen Johannes, wenn wir der Mehrheitsdeutung die Gefolgschaft verweigern, wenn wir anders als alle Welt (die Welt erkannte es nicht, die Seinen nahmen ihn nicht auf) das Licht aufnehmen. Die Welt von ihrem zarten Lichtrand zu verstehen, das ist Weihnachten – im eigentlichen Sinne.

Ein letzter Gedanke: Auf eine bestimmte Weise setzt Johannes die Lichtmetapher mit dem berühmten Wort „Wort“, griechisch „Logos“ in Beziehung, womöglich gleich. Das ist uns geläufig, wenn wir davon sprechen, dass uns ein Licht aufgeht, und damit meinen, dass wir etwas verstanden, begriffen haben. Das kann die Finsternis nicht: die Finsternis hat’s nicht ergriffen. Erleuchtung, Aufklärung heißt dagegen: etwas verstehen, etwas einen Sinn geben. Logos ist deutendes Wort, Bedeutung und Sinn.

Darum haben wir uns doch die ganze Zeit schon bemüht, wenn wir versuchen, dem abstrakten Bild einen konkreten Inhalt, eine Geschichte, einen Sinn zu geben: Das Bild zu deuten, es zu verstehen, es zu lesen. Für etwas Worte finden, um etwas Worte zu machen, heißt, ihm Sinn zu geben. Johannes behauptet nun, dass diese Gabe, die Welt zu verstehen, überhaupt irgendetwas zu verstehen, aus Gott kommt: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.

Dieses Wort – also in seinem umfassenden Sinn, die Fähigkeit, Worte zu machen und damit den Dingen Bedeutung und Sinn zu geben – behält Gott nicht für sich, sondern sendet es in die Welt, als konkretes Leben, als Licht, das uns im Chaos der Finsternis eine Ordnung aus Licht stiftet. Das Licht begrenzt die Finsternis. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen. Weihnachten!

Heilig Abend 2024

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir freut man sich, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians. Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.

Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth. (Buch des Propheten Jesaja 9, 1-6)

Krippenszene
Weihnachtskrippe Thomaskirche, Wolf Spemann ca. 1960, Pflaumenholz geschliffen

Jauchzen und Seufzen,
Frohlocken und Klagen
Laut Rufen und ganz zart Reimen:
Alles zwischen O du Fröhliche und Stille Nacht, alles zwischen Fröhlichkeit und Besinnung, das gehört alles gleichermaßen zu unserem Weihnachtsfest dazu: Alle Jahre wieder, alle Jahre wieder neu! Heute klingt lauter Jubel, große Freude über den neugeborenen Messias an, Jauchzet, Frohlocket! – und mitten hinein auch Seufzer und Klage über Welt und Zeit.

Heute bekommt unsere Freude einen Namen, viele Namen: Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst – klingende, singende, vielfach jubelnd besungene Namen des neugeborenen Kindes, des zukünftigen Herrschers, des Messias! Namen voller Versprechen und Hoffnung, voller Zuversicht und Stärke; alles was der Prophet und sein Volk noch vermissen, schmerzlich vermissen müssen, scheint hier in diesen Namen hineingesteckt zu sein. Mit einem, der so heißt, soll endlich alles, alles gut werden. Namen als Programm, als Diagnose aber auch.

Wie kommen wir zu unseren Namen? Und wie geben wir als Eltern eigentlich unseren Kindern Namen? Schön klingen sollte er, eine vorteilhafte Bedeutung sollte er haben, wichtiger noch ist vielleicht eine Person als Beispiel, die diesen Namen erfolgreich trägt oder trug, verbunden mit der Hoffnung, dass der vorbildliche Namensträger seine Kräfte auf den Nachfolger überträgt. Umgekehrt schließen manche Beispiele die Verwendung ihres Namens aus, sei es, dass er uns damals in der Schule geärgert oder sei es, dass er gleich ganze Völker massakriert hätte; Schulhofbullies wie Diktatoren geben keine guten Namensvorbilder ab.

Nicht zu häufig sollte der Name sein, aber auch nicht gar zu selten. Frühere Generationen hatten es scheinbar leichter, wenn der Namenstag des Tagesheiligen oder der Name des Vorfahren die Wahl des Namens bestimmte. Keine Frage, dass unser überaus verdienstvoller und gut katholischer Mitarbeiter Andras am 29. November (am Andreastag!) geboren ist – und bei Knaben mit dem klingenden Namen Friedrich Wilhelm wäre eine Verbindung zum preußischen Königshaus zumindest nicht völlig abwegig. Aber damit ist natürlich auch die Freiheit bei der Namensgebung eingeschränkt.

Unser Prophet lässt seiner Phantasie jedenfalls ungehemmt freien Lauf, was den Namen des Erlösers angeht, ohne dass sich seine Kreationen durchgesetzt hätten. Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst haben insgesamt keine Verwendung durch werdende Eltern gefunden; keine direkte jedenfalls, aber von der Idee her vielleicht schon:

In der heute als Namen überaus populären Sophia – der göttlichen Weisheit – mag man etwas vom Wunder-Rat hören, in der gleichfalls beliebten Mathilda – der mächtigen Kämpferin – den Gott-Held; beim Ewig-Vater weiß ich nicht so recht, der Name Abraham, ist ja selten geworden; aber schon der Friede-Fürst wieder klingt sowohl im hebräischen Salomo wie im deutschen Friedrich unmissverständlich an. Weisheit, Mut, Kreativität und die Fähigkeit zum Frieden sprechen die Namen dem neugeborenen Herrscher zu. Die wird er brauchen.

Denn wie diese Namen des Messias sein Programm umreißen, stellen sie auch indirekt eine Diagnose – jetzt also nicht des Namensträgers wie bei dem bösen Wort über unglückliche Schüler mit dem falschen Namen, vielleicht aber auch bloß mit dem falschen Lehrer – sondern eine Diagnose der Weltzeit, in die er hineingeboren wird: Ein dunkles Zeitalter, Dark Ages, finsteres Land, in dem Dummheit, Grausamkeit und Krieg herrschen: drückendes Joch, dröhnender Stiefel, blutige Kleidung, verzehrendes Feuer.

Der Prophet Jesaja malt mit sprechenden – was sage ich: schreienden! – Bildern und schockierendem Detail den ganzen Schrecken seiner Zeit, jeder Kriegszeit in unsere Vorstellungskraft, Imaginationen der Gewalt, von der wir annahmen – wie konnten wir das annehmen? – dass sie überwunden sei.

Auf die Seufzer des Propheten hören wir – durch seine Jauchzer hindurch; auch auf einen anderen Kriegs-Angst-Seuffzer, den des Dichters Johan Hildebrand, der 1645, 31jährig nichts anderes als Krieg kannte und erlebt hatte, lasst uns heute hören. Er schreibt damals und berührt damit noch uns – mit seiner Not über seine Zeit und mit seiner Hoffnung auf den Gott des Friedens:

„Ach Gott! Wir haben´s nicht gewusst, was Krieg für eine Plage ist. Nun erfahren wir es leider allzu sehr, leider, leider allzu sehr, dass Krieg eine Plage über alle Plagen ist. Denn da gehet Gut weg, da gehet Mut weg, da gehet Blut weg, da gehet alles weg, alles weg. Da muss man sein Brot mit Sorge im Elende essen. Da muss man sein Wasser mit Beben trinken. Da höret man nichts als auf allen, allen Straßen: Weh! Weh! Ach! Ach! Wie sind wir so verderbet.

O du Gott des Friedens, gönne uns doch wieder deinen himmlischen Frieden. Lass Kirchen und Schulen nicht zerstöret, lass den Gottesdienst und gute Ordnung nicht vertilget werden. Hilf uns mit deinem ausgestreckten Arm. Beschere uns ein Ortlein, da wir bleiben, ein Hüttlein, darinne wir uns aufhalten, ein Räumlein, da wir sicher sein und deinem Namen dienen können, dass wir in Friede deinen Tempel besuchen, in Friede dich loben und preisen, in Friede selig, selig, selig sterben mögen.“ (Johann Hildebrand 1614 – 1684: V. Kriegs-Angst-Seufftzer 1645)

Auch beim Propheten Jesaja reimen sich Jubel und Klage auf die Anrufung des Friedens: sie teilen ihre Pointe, setzen denselben Ton: auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit.

Zwei Bedingungen des Friedens höre ich da heraus. Eine, die wir uns selben sagen könnten und die andere, die uns gesagt werden muss, von außen, von oben.

Eigentlich selbst sagen können wir uns, dass Recht und Gerechtigkeit zugleich Ursache und Folge des Friedens sind, wie er hier gemeint und gewollt ist. Dass also ungerechte Friedlichkeit zwar sicherlich meistens besser als offene Gewalt ist, aber eben noch kein Frieden, wie er hier gemeint ist. Welche Ungerechtigkeit auszuhalten und welche zu bekämpfen ist, wann genau – mit den Worten Bonhoeffers – „dem Rad in die Speichen zu greifen“ ist, bleibt der persönlichen Entscheidung des Gewissens, dem gesellschaftlichen Diskurs und dem politischen Willen der gewählten Verantwortlichen vorbehalten. Wen immer wir im nächsten Jahr für diese Aufgabe wählen, es wird aber keiner sein, den wir Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst nennen müssten und der uns den ewigen Frieden brächte. Was keine Kritik der gewählten Person, sondern eine unserer Erwartung an ihn ist.

Und zweitens hören wir, dass der wahre, ewige, güldene Frieden ein himmlischer Frieden ist und aus Gott sein wird: Der große Gottesfrieden, der aus dem Himmel kommt und alle Menschen und die ganze Schöpfung umschließt – kleiner sollten wir vom Frieden nicht denken; der uns aber jetzt schon – gerade heute – verkündet wird, also keine vage Hoffnung sondern Gewissheit ist, vom Propheten verkündet und den Engeln – im jubelnden Chor – gesungen:

Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden, den Menschen seines Wohlgefallens.

2. Sonntag im Advent, 8. Dezember 2024

Die Wüste und Einöde wird frohlocken, und die Steppe wird jubeln und wird blühen wie die Lilien. Sie wird blühen und jubeln in aller Lust und Freude. Die Herrlichkeit des Libanon ist ihr gegeben, die Pracht von Karmel und Scharon. Sie sehen die Herrlichkeit des Herrn, die Pracht unsres Gottes. 

Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Sagt den verzagten Herzen: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.«

Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.

Und es wird dort eine Bahn sein und ein Weg, der der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; auch die Toren dürfen nicht darauf umherirren. Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort gehen. Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.
(Buch des Propheten Jesaja 35, 1-10)

„Jauchzet! frohlocket!“ – Fordert es in dieser Zeit allüberall, auch aus unserem Predigttext.

Aber:Es ist ein Wort, ein Wörtchen nur, liebe Schwestern und Brüder, das mir und vielen den Jubel beschwert: Ich meine das Wort „Rache“; vielleicht geht es Ihnen genauso. Frohlocken, Jubel, Lust und Freude, Pracht und Herrlichkeit, Jauchzen und Wonne; das ist doch, worum es gehen soll – gerade in dieser Zeit: „Jauchzet! frohlocket!“ Aber mittenhinein in die Galerie der Jubelworte setzt der Prophet „Rache“ und „Vergeltung“ – und vergilt uns die Freude. Sollten nicht „Rache“ und „Vergeltung“ zu Unwörtern der Bibel erklärt werden? Aber hier stehen sie und machen uns die Freude am Jubel und dem Ausleger das Auslegen schwer.

Wir erleben es an diesem Jubeltext, wie wir es so oft in den Geschichten der Bibel erleben, dass uns der Jubel im Halse stecken bleibt. Erst neulich als ich mit meinen Schülern das Heilsereignis der Bibel schlechthin, den Auszug der Israeliten aus der ägyptischen Gefangenschaft besprochen habe, also wieder mal besprochen habe, beschrieben in der Bibel, besungen im Lied des Mose und dem noch ursprünglicheren Lied seiner Schwester Mirjam: „Hoch erhaben ist der Herr, Ross und Reiter warf ins Meer“; auch ein Jubellied, vielleicht das erste und älteste der Bibel; aber auch in diesem Jubellied ist von der Vergeltung durch Gott und vom Untergang der Feinde die Rede. Muss das so sein? Haben sich auch die Schülerinnen und Schüler gedacht und gefragt. Muss das so sein?

Und sie fragen natürlich weiter – und zurecht weiter – wie das damals mit Noah und der Sintflut war – um nur ein besonders krasses Beispiel zu nennen -Noah und die Sintflut und der Vernichtung allen Lebens auf der Erde zur Vergeltung für die bösen Taten ihrer Bewohner. Man muss das nicht für einen historischen Bericht aus uralter Zeit halten, um sich an der Gewalt der Geschichte zu stören. Geht’s nicht auch anders? Jubel ohne Vergeltung. Einfach nur Frohlocken, Jubel, Lust und Freude, Pracht und Herrlichkeit, Jauchzen und Wonne – uneingeschränkt, ungestört, ohne Reserve, ohne Hintergedanken.

Für meine Schüler naheliegend – und für viele naheliegend zu allen Zeiten – ist die Erklärung, dass sich hier ein Gott der Rache offenbart, der rachsüchtige Gott einer Religion der Vergeltung, die das Aug um Auge zu ihrem Prinzip gemacht hat. Kaum einen Schritt weiter liegt dann die Behauptung, dass das eben der Unterschied sei zwischen Altem Testament und Neuem Testament, einem Gott des Hasses und dem Gott der Liebe, zwischen dem Gott der Juden und Jesus Christus, überhaupt: zwischen Juden und Christen. Aus der naheliegenden Erklärung entsteht – schwupps – das wohlfeile antijüdische Klischee, dessen sich noch heute Antisemiten aller Art bedienen.

Es kostet so viel Mühe – und ist gleichzeitig kinderleicht – darauf hinzuweisen, dass das Gottesbild im Alten Testament komplex ist, aber dass schon das Alte Israel an den allmächtigen als liebenden und barmherzigen Gott glaubt, dass im Alten Testament zuerst das Liebesgebot formuliert und die Nächstenliebe gefordert wird – kurz: dass die Liebesreligion Jesu ganz und gar alttestamentlich-jüdisch geprägt ist; wie auch nicht, Jesus war eben Jude.

Und man muss fragen, ob nicht die legitime Komplexität des alttestamentlich-jüdischen Gottesbildes durch Vereindeutigungen und Verharmlosungen zu seinem Schaden reduziert wurde; ob nicht durch diese Vereindeutigungen und Verharmlosungen, die aus dem allmächtigen irgendwann nur den lieben Gott gemacht haben, dabei die Wirklichkeit Gottes – aber auch die Wirklichkeit der Welt, die sich nicht ohne weiteres harmonisieren lässt – verloren ging; kurz: Muss nicht auch der „liebe Gott“ stark genug gedacht und geglaubt werden, um die Bösen abzuwehren und zu bestrafen?

Wenn nicht jeder Schurke zum Wohltäter umerzogen werden kann, wovon auszugehen ist, muss ihm Einhalt geboten werden. Unrecht muss wiedergutgemacht werden. Zukünftiges Unrecht muss verhindert werden. Beim biblischen Konzept der Vergeltung geht es nicht um die Befriedigung niederer Instinkte, sondern die nötigenfalls gewaltsame Umkehrung von Unrechtssituationen in Rechtsverhältnisse. Und so wendet sich das Opfer von Gewalt, das sich aus Schwäche nicht selbst helfen kann, an seinen Gott, der ihm helfen soll.

Wie in unserem Jubeltext zum Advent erheben in der Bibel die Opfer von Gewalt, Krieg und Verschleppung die Stimme. Sie rufen zu Gott und erbitten sich Hilfe von Gott gegen ihre Feinde. Hier sind es die Exulanten, die das Ende ihrer Verbannung schon absehen können; die sich schon auf den Weg gemacht haben, auf dem Weg sind durch die Wüste, die in ihren Vorstellungen zu blühen beginnt: Die Wüste und Einöde wird frohlocken, und die Steppe wird jubeln und wird blühen wie die Lilien. Sie wird blühen und jubeln in aller Lust und Freude.

Aber noch ist keineswegs sicher, wie das hier ausgehen wird. Es gibt ja noch Feinde, die jederzeit zu Gewalt bereit sind. Denen ist Einhalt zu gebieten. Im Hinblick auf diese immer noch lauernde Gefahr ermutigt und tröstet der Beter die Fliehenden: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.«

Unter der Voraussetzung der starken Hilfe eines starken Gottes soll tatsächlich Erlösung geschehen und die Wüste blühen, soll alles heil und gut werden: Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.

Dieses zunächst einmalige Erlösungsgeschehen ist mit den Jahren und Jahrhunderten zum Beispiel und zum Vorbild für die Hoffnung auf Gottes Hilfe und Erlösung an anderen Orten und zu anderen Zeiten geworden. Noch aus verzweifelten Lagen soll Gott uns erlösen, wie damals das Volk Israel aus dem Exil in Babylon: Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.

Die Rede ist hier vom lieben Gott – wie denn nicht? – aber vom lieben Gott, der stark genug ist, sich für uns durchzusetzen. Darüber: „Jauchzet! frohlocket!“

Adventskaffee

Sonntag, 3. Advent, 15. Dezember 2024, 15.00 Uhr im Gemeindehaus der Thomasgemeinde

Wir laden Sie herzlich ein zu unserem Adventskaffee der Seniorinnen und Senioren! Bei Kaffee und Kuchen und gemeinsamen Liedern mit Gabriela Blaudow am Klavier möchten wir mit Ihnen gemeinsam einen besinnlichen und fröhlichen 3. Advent feiern.

Wir freuen uns auf Ihre Anmeldung bis zum 11. Dezember im Gemeindebüro unter der Telefonnummer 0611 2046331 !

Weihnachtsliedersingen unter freiem Himmel

Zum ersten Mal: offene Sing-Aktion in der Wiesbadener Innenstadt am Freitag, 6. Dezember 2024, 16.30 Uhr

Der Sternschnuppenmarkt öffnet seine Pforten und überall erklingen erste Weihnachtslieder. Wer Lust hat, selbst zu singen: Am Freitag, 6. Dezember, 16.30 Uhr, sind Erwachsene und Kinder beim Wiesbadener Weihnachtsliedersingen unter freiem Himmel auf dem Dern’schen Gelände herzlich willkommen. Liedblätter und Kerzen gibt es kostenlos vor Ort.

Musikalische Leitung: Kirchenmusiker Roman Bär (St. Birgid), Hans Kielblock (Ringkirche) und Tim Hawken (Anglikanische Kirche). Das Wiesbadener Weihnachtsliedersingen ist eine Aktion von evangelischer, katholischer und anglikanischer Kirche, unterstützt von der Landeshauptstadt Wiesbaden.