Invokavit, 9. März 2025

Predigt in der Sonnenberger Thalkirche über die Bergpredigt: Selig die Armen!

Und er hob seine Augen auf über seine Jünger und sprach:

Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer. Selig seid ihr, die ihr jetzt hungert; denn ihr sollt satt werden. Selig seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und euch ausstoßen und schmähen und verwerfen euren Namen als böse um des Menschensohnes willen. Freut euch an jenem Tage und tanzt; denn siehe, euer Lohn ist groß im Himmel. Denn das Gleiche haben ihre Väter den Propheten getan.

Aber dagegen: Weh euch Reichen; denn ihr habt euren Trost schon gehabt. Weh euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern. Weh euch, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet weinen und klagen. Wehe, wenn jedermann gut über euch redet; denn das Gleiche haben ihre Väter den falschen Propheten getan. (Lukasevangelium 6,20-26)

Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer.  Wer jetzt meint, liebe Schwestern und Brüder, das haben wir aber anders im Ohr, irrt nicht. Beim Evangelisten Matthäus klingen die Seligpreisungen Jesu, der berühmte Auftakt seiner Bergpredigt, anders als hier bei Lukas, monumentaler und milder zugleich. Schon mit dem ersten Vers bietet Matthäus anders als Lukas an, die Armut der Armen zu vergeistigen, deren konkrete Not zu spiritualisieren: Selig sind die Armen im Geiste, heißt es bei ihm.

Und wie so oft liegt in einem Mehr an Spiritualität ein weniger an Konkretheit, ein weniger an wirklichem, gelebtem Leben. Selbst wenn die „Armut im Geiste“ gar nicht verfälschend spirituell gemeint sein sollte, wie manche Ausleger aus guten Gründen meinen, reicht der kleine Zusatz des Matthäus, bei uns Hörern der Bergpredigt den Eindruck zu erwecken, hier gehe es um eine bloß geistliche, innere Not im Unterschied und im Gegensatz zur blanken, krassen, sichtbaren und konkreten Not von Armut und Hunger. Das aber hat Lukas anders von Jesus gehört – und heute wollen wir auf ihn hören: Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer.

Dass ein solches Wort gefährlich werden kann, kann man sich denken – und kann man nachvollziehen im Blick auf die Ereignisse des Bauernkrieges vor 500 Jahren. Im Frühjahr des Jahres 1525 braut sich ein Sturm zusammen, der sich in immer wilderen und gewalttätigeren Gewittern entlädt und erst im folgenden Jahr zur Ruhe kommt. Eine lose, wirre Kette von Zusammenrottungen, Scharmützeln, Belagerungen, Besetzungen, Aufständen und Schlachten reiht sich durch dieses Jahr 1525; begleitet von einem unerhörten, bis dahin beispiellosen, bis zu dieser Zeit ungesehenen publizistischen Streit, der den eigentlich wenig kohärenten Geschehnissen im Süden und Osten Deutschlands erst einen Zusammenhang und den griffigen Namen „Bauernkrieg“ gibt. Flugblätter und -schriften sind genauso Waffen in diesem Krieg wie die Mistgabeln der Bauern und die Lanzen der Fürstenknechte.

Dass dieser Bauernkrieg nicht nur sozialer Aufruhr, nicht nur Armutsrevolte oder etwa „frühbürgerliche Revolution“ war, wie ihn die sozialistische Geschichtsschreibung früherer Zeiten taufte, sondern ein legitimes, bedeutendes Kapitel der Reformationsgeschichte, das liegt zuerst an der Motivation der Bauern in den Lehren der Bibel, die sie nun selbst lesen konnten, aber auch an der konkreten Beteiligung mancher Reformatoren in Tat und Wort auf beiden Seiten des Streits. In Thüringen predigte Thomas Müntzer den Bauern die radikale Reformation als Krieg der Bauern gegen die Obrigkeit, den Bauernkrieg – und das praktisch in Hörweite des Reformators Martin Luthers im benachbarten Sachsen (immer diese Ossis!).

Luther hatte sich schon ein paar Jahre zuvor in seinen berühmten Invokavitpredigten (!) gegen den Aufruhr in seinem Wohnort Wittenberg gewandt; Luther hatte Argumente formuliert, wie die Anliegen der Reformation von den Mitteln der Revolution zu unterscheiden waren; wie Formen der Freiheit zu unterscheiden und dennoch aufeinander zu beziehen waren; und wie Gesetz und Evangelium so zu unterscheiden waren, dass beide zu ihrem Recht kämen, als Gottes Gnade und Recht der Menschen.

Im Gegensatz dazu hatte sich Thomas Müntzer auf seinem unruhigen Weg durch das Land radikalisiert. Für ihn verschmolzen innere und äußere Freiheit. Für ihn war Befreiung von geistiger und äußerer Knechtschaft, Befreiung von geistiger und äußerer Armut, ein und derselbe Kampf – und ihre Unterscheidung eine theologische Spitzfindigkeit des – wie er sagte – „sanftlebenden Fleisches zu Wittenberg“. Wenn die aufständischen Bauern in Frankenhausen und anderswo Freiheit auf ihre Fahnen schrieben, dann meinten sie mit Müntzer, der ihnen dort vorneweg in den Tod lief, die Freiheit auch von obrigkeitlicher Willkür. Wenn die Bauern den Regenbogen auf ihre Fahnen malten, dann war ihnen das das Zeichen von Gottes Himmelreich, dem sie entgegenzugehen glaubten. Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer.  Aber so kam es bekanntlich nicht.

Nach dem Alten Testament zeigt sich ein falscher Prophet am bösen Ausgang seiner Rede. Danach war Müntzer, der den Armen den Aufstand predigte und so 10tausende in den Tod schickte, ein falscher Prophet, der ihr Schicksal am Ende teilte. Ob dagegen sein Gegenspieler Luther ein wahrer Prophet war, ist nicht erst in jüngster Zeit mehr und mehr in Zweifel gezogen worden. Wie seine unsäglichen Tiraden gegen Juden wird sein Pamphlet gegen die „räuberischen und mordenden Rotten der Bauern“ zu Recht kritisiert und als unmenschlicher Mordaufruf an die Fürsten verurteilt, dem diese pflichtschuldigst nachkamen. Evangelisch war Luther hier nicht.

Was man ihm allerdings nicht vorwerfen kann, ist, dass er in der eigentlichen Sache inkonsequent gewesen wäre. Seine Position zu Aufruhr und Gewalt hatte sich wie gesagt Jahre zuvor schon herausgebildet und wird hier nur auf die neue Situation angewendet: Das Evangelium mit Gewalt durchzusetzen, verstößt seiner Meinung nach gegen Gottes Willen. Aus seiner Sicht, die Demokratie und Rechtstaatlichkeit noch nicht kannte und offensichtlich nicht kennen konnte, war ohnehin jede Obrigkeit besser als keine. Widerstand gegen die Fürsten war für ihn Widerstand gegen Gott. Schlimmer als ein armer Bauer, war ein armer Bauer, der im Chaos versinkt. Und wer das heute verurteilt, was man kann und muss, aber nur mit guten Gründen verurteilen sollte, sollte dabei auch bedenken, was uns selbst staatliche Ordnung wert ist – gerade auch in einer unübersichtlicher werdenden Welt.

Jeder menschlichen Ordnung des Staates ist das Reich Gottes, das Himmelreich – wie Jesus auch sagen kann – entgegengesetzt. Dieses Reich aufzurichten ist einzig und allein Gottes Sache. Und insofern die Bergpredigt von Gottes Reich und seinen Verhältnissen handelt – Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euernennt sie keine Forderungen an uns, formuliert keine Gebote, erlässt keine Gesetze. Die Erwartung des Reiches Gottes schenkt Freiheit. Als Hörer der Bergpredigt hören wir von etwas, das nicht wir, sondern Gott – und nur Gott – herbeiführen wird. Aus diesem Evangelium ein Gesetz zu machen, hieße es zu verkehren. Von den läppischen Versuchen, aus der Bergpredigt läppische Regeln ethischer Wellness abzuleiten, ganz zu schweigen.

Das heißt aber keinesfalls, dass uns die Bergpredigt etwa nichts anginge. Was hindert uns denn daran, die Verhältnisse des Himmelreiches auf unsere anzuwenden – ohne zu behaupten und ohne zu erwarten, dass dieses dann anbräche? Karl Barth hat davon gesprochen, dass das Evangelium auf dem Weg der Analogie zur Quelle unseres Handelns, des Gesetzes also, werden kann. Wenn Armut – entgegen allen anderslautenden Gerüchten – kein Naturgesetz ist, sondern einst von Gott beseitigt sein wird, warum sollten wir uns dann mit der Armut der Armen abfinden? Wenn Hunger nach Gottes Willen nicht sein soll, warum sollten wir denn nicht dazu helfen, Hungrige satt zu machen? Wenn die Weinenden wieder etwas zu lachen haben werden, warum sollten wir sie nicht aufmuntern? Wenn uns Gott zum Tanz bittet – sollten wir dann als Mauerblümchen sitzen bleiben, sollten wir dann nicht die anderen bitten, mitzutanzen ?

Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer. Selig seid ihr, die ihr jetzt hungert; denn ihr sollt satt werden. Selig seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und euch ausstoßen und schmähen und verwerfen euren Namen als böse um des Menschensohnes willen. Freut euch an jenem Tage und tanzt; denn siehe, euer Lohn ist groß im Himmel. Denn das Gleiche haben ihre Väter den Propheten getan.

Sonntag Sexagesimae, 23. Februar 2025

Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: Ein Mann aus Makedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Makedonien und hilf uns! Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Makedonien zu reisen, gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen.

Da fuhren wir von Troas ab und kamen geradewegs nach Samothrake, am nächsten Tag nach Neapolis und von da nach Philippi, das ist eine Stadt des ersten Bezirks von Makedonien, eine römische Kolonie. Wir blieben aber einige Tage in dieser Stadt. Am Sabbattag gingen wir hinaus vor das Stadttor an den Fluss, wo wir dachten, dass man zu beten pflegte, und wir setzten uns und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen.

Und eine Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, eine Gottesfürchtige, hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, sodass sie darauf achthatte, was von Paulus geredet wurde. Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns.

(Apostelgeschichte 16,9-14)

Mit meinen Schülerinnen und Schülern der 7. Klasse erarbeiten wir uns gerade die Anfänge des Christentums: Wie und auf welchen Wegen hat sich der christliche Glauben ausgebreitet und warum hat er sich schließlich durchgesetzt? Wie kommt es vor ziemlich genau 1700 Jahren zum Konstantinischen Zeitalter, das nun womöglich nach 1700 Jahren gerade allmählich zu Ende geht? Und wie gelangte der christliche Glauben zu uns nach Germanien jenseits des Rheins knapp vor dem Limes, an die Grenze der römischen, ach sagen wir gleich: an die Grenze der zivilisierten Welt?

Und weil Umwege nicht nur beim Predigen, sondern auch im Unterricht die interessantesten Wege sind, haben wir uns zumindest in Gedanken und mit Bildern erstmal in das römische Wiesbaden, das römische Frankfurt und das römische Mainz versetzt, um insbesondere die Religion zu kennenzulernen, auf die die christliche Religion stieß und die sie überraschenderweise verdrängte. An wen und was haben die Menschen geglaubt, die kurze Zeit später an Jesus Christus glaubten, haben wir uns gefragt. Nämlich an Jupiter und Juno, an Merkur und Vulkan, an Diana und Apollo, an Sol invictus und Mithras; und besonders in Wiesbaden an die Götter von Heil und Heilung, wie neben Diana Matthiaca und Apollo Toutiorix die romanisierte keltische Göttin Sirona, die an der Schützenhofquelle verehrt wurde, gegenüber von Aldi; noch heute wärmen sich die Obdachlosen unter ihrem Graffiti an der ihr geweihten heißen Quelle.

Zusammen mit diesen römischen und römisch verehrten Gottheiten fanden sich bisher keine Spuren des christlichen Glaubens bei uns aus derselben Zeit, bis kürzlich – bis kürzlich – in einem Gräberfeld in Frankfurt ein sensationeller Fund gemacht wurde, ein offensichtlich christlicher Text aus römischer Zeit in germanischer Erde.

„(Im Namen?) des Heiligen Titus.
Heilig, heilig, heilig!
Im Namen Jesus Christi, Gottes Sohn!
Der Herr der Welt
widersetzt sich nach [Kräften?]
allen Anfällen(?)/Rückschlägen(?).
Der Gott(?) gewährt dem Wohlbefinden
Eintritt.
Dieses Rettungsmittel(?) schütze
den Menschen, der sich
hingibt dem Willen
des Herrn Jesus Christus, Gottes Sohn,
da sich ja vor Jesus Christus
alle Knie beugen: die Himmlischen,
die Irdischen und
die Unterirdischen, und jede Zunge
bekenne sich (zu Jesus Christus).“

Das „Rettungsmittel“, von dem der kurze Text spricht, ist eine kleine Kapsel, kleiner als der kleine Finger, kürzer und dünner; eine Kapsel, in der eine entsprechend kleine Folie aus Silberblech gerollt war mit dem gerade verlesenen Text eines Gebets oder einer Beschwörungsformel. Nachdem sie vor ein paar Jahren im heutigen Frankfurt-Praunheim, dem römischen Nida, dem deutschen Pompeji, gefunden und aufwändig bearbeitet wurde, liegt sie mittlerweile in einer Vitrine, eher grau als silbern in einer Vitrine, ganz und gar unscheinbar im Archäologischen Museum in Frankfurt, das sonst nicht mit Sensationen glänzt.

Dieses Silberröllchen aber ist eine Sensation – manchen gelehrten Einwürfen zum Trotz – , in dem es das früheste Zeugnis des christlichen Glaubens abgibt nördlich der Alpen. Durch seinen Fundort in einem Grab lässt es sich ziemlich genau auf die Jahre 230-260 nach Christus datieren. Es markiert eine Zwischenstation zweihundert Jahre nach dem Wirken des Apostel Paulus, von dem wir heute hören, bis zum endgültigen Sieg des Christentums im römischen Reich, der Konstantinischen Wende, abermals 100 Jahre später.

Mit diesem Silberröllchen sehen wir, wie das christliche Abendland im Gebiet des heutigen Deutschland begann. So wie wir im Predigttext hören, wie Paulus den christlichen Glauben nach Europa trug. Dass sich hier Unterschiede zeigen, ist zu erwarten, ist selbstverständlich. Die Inschrift eines Amuletts als Grabbeigabe benennt notwendigerweise anderes als der Reisebericht über einen Apostel oder dieser selbst in seinen Briefen. Interessanter, überraschender, ja sensationeller sind für mich die Gemeinsamkeiten und Berührungspunkte. Wenn sich nämlich im Grab einer Soldatensiedlung an der äußersten Grenze des Römischen Reiches, dem Limes, zweihundert Jahre nach dem Wirken des Apostel Paulus Anspielungen von erstaunlicher Eindeutigkeit finden:

  • Ein Titus, also jemand mit demselben Namen wie einer der Reisegefährten des Paulus und überdies Adressat eines Paulusbriefes, wobei an dieser Stelle unerheblich ist, ob jener Brief tatsächlich von Paulus selbst an Titus geschrieben wurde. Dieser Text scheint ihn jedenfalls zu kennen.
  • Das berühmte „Heilig, Heilig, Heilig“, das zuerst in der jüdischen Liturgie und dann eben auch im christlichen Gottesdienst gesungen wurde, wobei die Grenzen zwischen Juden und Christen zu dieser Zeit noch weniger definiert waren als später. Paulus selbst geht ja zuerst bei seinen Reisen zu den jüdischen Gemeinden und findet wie in unserer Predigttextstelle unter ihnen und ihren Sympathisanten, den „Gottesfürchtigen“, an einem Sabbat die ersten Hörer seiner Worte.
  • Gleich dreimal nennt das Amulett Jesus Christus, kürzt den Heilandsnamen auf die damals übliche Art mit griechischen Buchstaben ab: Chi Rho; ergänzt durch den Hoheitstitel Sohn Gottes. Eindeutiger christlich geht’s jetzt wirklich nicht; und auch Paulus verwendet den Titel Gottessohn völlig selbstverständlich.
  • Und schließlich findet sich sogar ein direktes Zitat aus einem der Briefe des Paulus auf der Silberschrift: Dass sich vor Jesus Christus beugen sollen alle Knie, die Himmlischen, die Irdischen und die Unterirdischen und jede Zunge sich bekennen möge – das steht genauso im Brief des Paulus an die Philipper im berühmten Christushymnus, den Paulus hier seinerseits zitiert. Zufall kann das nicht sein. Fügung muss es nicht sein. Aber was ist es dann?

Offensichtlich wissen wir von dem weiten Weg des christlichen Glaubens in den ersten Jahrhunderten nur Anfang und Ziel, also vom Anfang bei den Jüngern Jesu und vom Ziel, der Anerkennung des Christentums durch Kaiser und Reich. Dazwischen liegen verschlungene Wege, Umwege bestimmt auch, weite Wege bis an die Grenzen des Reiches, bis an die „Enden der Erde“, wie es in der Apostelgeschichte gelegentlich heißt. Bis an den Limes gleich hinter Hoher Wurzel und Platte ist das Wort des Glaubens jedenfalls gekommen.

Trotz aller Bemühungen, den Gang des Wortes zu steuern und den Glauben zu definieren, wie etwa auf dem berühmten Konzil von Nizäa im Jahr 325, also vor genau 1700 Jahren, erstreckt sich eine Vielfalt christlicher Wege und Glaubensweisen, damals wie heute. Der Schreiber und Träger des Amuletts aus Praunheim drückt seinen Glauben anders aus als ein Schüler heute oder als ein Lehrer heute oder als ein Professor heute; aber diese wiederum anders als die versammelten Bischöfe in Nizäa oder etwa ein irischer Mönch, der nach hunderten von Jahren, in denen hier in dieser Gegend der Glaube in Vergessenheit geriet, ihn neu entfachen konnte; aber diese wiederum anders als der mächtige Erzbischof von Mainz oder sein Gegenspieler, der Reformator Martin Luther von jenseits der Elbe, der auch mal über den Rhein und durch Frankfurt kam; aber beide anders als die immer noch vielen Glaubenden heutzutage, wenn der christliche Glauben nicht mehr Mehrheitsreligion ist in unserer Gegend und das Konstantinische Zeitalter bei uns zu einem Ende gekommen zu sein scheint – während an vielen anderen Orten der Welt der christliche Glauben immer noch wächst.

Alle so unterschiedlich Glaubenden aber, die Genannten und viel mehr Ungenannte, beziehen sich auf je eigene, höchstpersönliche Weise auf das Wort Gottes, auf Jesus Christus, Gottes Sohn, als ihren Maßstab und Referenzpunkt, ihre Sonne und Licht, ihren Weg, ihre Wahrheit und ihr Leben. Sie sind angetrieben – wir sind das – von dieser Gewissheit, die schon Paulus aus Asien nach Europa brachte, von der wir heute hören: gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen. Und wir sind darauf angewiesen, über dieses Wort ins Gespräch zu kommen, uns gegenseitig in Vielfalt und Einheit des Glaubens wahrzunehmen: Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da.

Damit ist übrigens auch eine vorläufige Antwort auf die Frage angedeutet, wie und warum sich der christliche Glauben gegen die religiöse Konkurrenz durchsetzen konnte: Kommt in mein Haus und bleibt da. Sozialer Zusammenhalt, gegenseitige Hilfe, persönliche Bindungen, Nächstenliebe – das waren nach Meinung der Gelehrten die entscheidenden Unterschiede zu anderen Kulten in der römischen Antike, die das Christentum erfolgreich machten. Amen.

3. Sonntag nach Epiphanias, 26. Januar 2025

Er musste aber durch Samarien reisen.

Da kam er in eine Stadt Samariens, die heißt Sychar, nahe bei dem Feld, das Jakob seinem Sohn Josef gegeben hatte. Es war aber dort Jakobs Brunnen. Weil nun Jesus müde war von der Reise, setzte er sich an den Brunnen; es war um die sechste Stunde. Da kommt eine Frau aus Samarien, um Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken! Denn seine Jünger waren in die Stadt gegangen, um Speise zu kaufen. Da spricht die samaritische Frau zu ihm: Wie, du, ein Jude, erbittest etwas zu trinken von mir, einer samaritischen Frau? Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern. – Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn, und er gäbe dir lebendiges Wasser.

Spricht zu ihm die Frau: Herr, du hast doch nichts, womit du schöpfen könntest, und der Brunnen ist tief; woher hast du denn lebendiges Wasser? Bist du etwa mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken und seine Söhne und sein Vieh. Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt. (Johannes 4,4-14)

Die samaritische Frau soll dem Juden Jesus Wasser reichen. Aber: Wer könnte schon Jesus, dem Christus, das Wasser reichen? Also diese samaritische Frau schon mal nicht, und nicht nur weil sie Samariterin, also aus jüdischer Sicht eine Fremde ist; und nicht nur weil sie eine Frau, also im damals herrschenden patriarchalen Wertesystem dem Mann, jedem Mann untergeordnet ist; sondern weil sie als normaler Mensch dem Heiland und Gottesssohn in jedem Fall weit, unendlich weit niedriger ist – und ihm deshalb keinesfalls das Wasser reichen kann.

Jemandem das Wasser reichen können oder auch nicht reichen können, bezeichnet in unserer Sprache eine Form der Gleichrangigkeit in Fähigkeit oder Stand oder eben der Ungleichrangigkeit, bezeichnet also ein Stück vertikaler Etikette, ein Kapitel Manieren des Oben und Unten: Dem kann ich nicht das Wasser reichen – der ist viel besser als ich.

Das geht auch ungefähr historisch in Ordnung, wenn doch diese Redensart: Jemandem das Wasser reichen können, ursprünglich wohl aus der höfischen Etikette mittelalterlicher Festtafeln stammt, die regelt, welcher Diener seinem Herrn das Reinigungswasser für die Hände reichen kann. Besteck gabs noch nicht, gegessen wurde mit den Fingern, also mit der Hand in den Mund. Heute ist das – kann man sagen: Gottseidank anders – wenn etwa beim Neujahrsempfang alle ganz manierlich Messer und Gabel benutzen und der anfallende Schmutz im Rahmen bleibt. Verständlich, dass dagegen die bestecklose Form der Nahrungsaufnahme die gelegentliche Reinigung der Hände erforderte, auch schon während der Mahlzeit; und zu diesem Zwecke war geregelt, wer das sei, der helfen darf: Wer wem das Wasser reichen kann.

Ursprünglich eignet unserer Redewendung damit keine egalitäre Bedeutung: ursprünglich, war der, der jemandem das Wasser reicht – reichen kann und reichen darf – immer noch bloß sein Diener. Das unterscheidet den ursprünglichen aber nur wenig von unserem heutigen Gebrauch, der doch auch unterschwellig, atmosphärisch eine Rangfolge meint, wenn mit leichter Herablassung „Der kann ihm nicht das Wasser reichen“ soviel wie „Der kann ihm noch nicht mal das Wasser reichen“ heißt.

Jesus jedenfalls hält sich keineswegs so lange wie wir mit diesen Fragen auf, sondern knüpft wie so oft an die relativ banale Alltagsfrage eine ungleich gewichtigere Frage des Glaubens an; Jesus verwandelt wie so oft Fragen der Etikette in solche der theologischen Ethik: Wie geht und was ist Leben, das vor Gott gilt – und deshalb „ewiges Leben“ genannt zu werden verdient?

Wenn das hier als Wassergeschichte, als Wer-wem-das-Wasser-reicht-Geschichte erzählt wird drängt sich die Taufe als Kontext auf. Das ist nach der Meinung der exegetischen Experten auch so gemeint vom Evangelisten Johannes, der sonst nicht von Taufe und Taufpraxis erzählt. So sind die Äußerungen Jesu an unserer Stelle als Taufpredigt zu verstehen. Verstehen wir sie?

Vor kurzem haben wir über die Taufe Jesu nachgedacht, wie sie erzählt wird und was sie uns bedeuten kann, und bemerkenswerter Weise wird auch jene Tauferzählung mit Fragen der Rangfolge verknüpft; auch da wird gefragt: Wer kann wem das Wasser, das Taufwasser reichen. Jesus begehrt von Johannes das Wasser der Taufe, Johannes weicht zurück – wie kann ich Dir das Wasser reichen? – Jesus besteht darauf – und er besteht darauf ohne wirkliche Begründung: um der Ordnung zu genügen, weil es sich so gehört, der Etikette wegen, weil Gott es so will; eigentlich weil er in der Taufe Jesu zeigen und verkünden will, dass dieser Jesus Gottes Sohn ist: „Das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“

Das Wasser der Taufe wird gereicht, damit durch das Symbol des Wassers die Verhältnisse zwischen Gott und Mensch geklärt werden, wobei: „Wasser tut‘ s freilich nicht, sondern das Wort Gottes, das mit und bei dem Wasser ist, und der Glaube, der solchem Worte Gottes im Wasser traut. Denn ohne Gottes Wort ist das Wasser schlicht Wasser und keine Taufe; aber mit dem Worte Gottes ist’s eine Taufe, das ist ein gnadenreiches Wasser des Lebens und ein Bad der neuen Geburt im Heiligen Geist; wie Paulus sagt zu Titus im dritten Kapitel: ´Gott macht uns selig durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist, den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland, damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden nach unsrer Hoffnung´.“ (Luthers Kleiner Katechismus)

Mit „ewigem Leben“ ist nun aber keineswegs die endlose Fortsetzung unseres natürlichen Lebens gemeint, wie manchmal fälschlicherweise angenommen wird, auch um diesen Gedanken – eines endlosen Weiterlebens – als offenkundig absurd zurückzuweisen; oder – umgekehrt und noch falscher und absurder – ihn mit technischen Mitteln in die Tat umzusetzen. Gerade unter den Computer- und Hightec – Milliardären soll es angeblich Anhänger dieses teuren Aberglaubens geben, den sie mit ihren Milliarden umzusetzen versuchen. Was für eine Verschwendung an Geld und Hoffnung!

„Ewiges Leben“ heißt biblisch und im Gegensatz dazu das Leben vor Gott; also das Leben, dass die Engel führen; das Leben, in das uns die Taufe führt; das Leben, in dem wir uns als Gottes Kinder wissen; das Leben, in dem wir nicht nach immer neuem und mehr Leben hungern und dürsten müssen; das Leben, für das uns Gott alles reichlich gegeben hat; das Leben in Fülle. „Ewiges Leben“ ist das Leben vor Gott; das Leben in der Begegnung mit Gott.

Am Jakobsbrunnen, an dem sich Jesus das Wasser reichen lässt, wird an Jakobs Begegnungen mit Gott erinnert, an Momente, in denen Jakob Gott nah kam, indem Gott dem Jakob nahe, bisweilen gefährlich nahe kam; in jener Nacht des Kampfes mit dem Engel am Jabbok, eines Kampfes ohne Sieger, aber mit dem Segen für den Versehrten: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn“; oder jener anderen Nacht etwa, als ihm, dem Jakob, verlassen auf dem Feld von der Leiter und den Engeln darauf träumte; von den Engeln, die für uns und in Gottes Auftrag weite Wege gehen zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und Mensch. Ihrem Auftrag gemäß vermitteln sie, überbrücken, teilen mit, segnen – und sind darin Boten des Ewigen Lebens.

Am Jakobsbrunnen lässt sich Jesus das Wasser für uns reichen, damit wir Gott begegnen. Tief ist dieser Brunnen, unergründlich ist er zu nennen, aber es ist nicht der Brunnen der Vergangenheit, sondern der Ewigkeit. Nicht zurück soll unser Blick gehen, sondern nach oben. Es geht nicht darum, in die alten Geschichten zu tauchen. Religion ist nicht Archäologie, das Klopfen toter Steine; allerdings auch nicht Zukunftsforschung, geschweige denn Demoskopie, das Zählen ungelebter Leben; sondern Anleitung zur Erfahrung der Gegenwart Gottes – „der unmittelbaren Gegenwart des ganzen ungeteilten Daseins“ – des Ewigen Leben. Das will uns Jesus reichlich reichen.

Erster Sonntag nach Epiphanias, 12. Januar 2025

Und Josua sprach zum Volk: Heiligt euch, denn morgen wird der Herr Wunder unter euch tun. Und Josua sprach zu den Priestern: Hebt die Bundeslade auf und geht vor dem Volk her! Da hoben sie die Bundeslade auf und gingen vor dem Volk her. Und der Herr sprach zu Josua: Heute will ich anfangen, dich groß zu machen vor ganz Israel, damit sie wissen: Wie ich mit Mose gewesen bin, so werde ich auch mit dir sein. Und du gebiete den Priestern, die die Bundeslade tragen, und sprich: Wenn ihr an das Wasser des Jordans herankommt, so bleibt im Jordan stehen. …

Siehe, die Lade des Bundes des Herrn der ganzen Erde wird vor euch hergehen in den Jordan. So nehmt nun zwölf Männer aus den Stämmen Israels, aus jedem Stamm einen. Wenn dann die Fußsohlen der Priester, die die Lade des Herrn, des Herrn der ganzen Erde, tragen, in dem Wasser des Jordans stillstehen, so wird das Wasser des Jordans, das von oben herabfließt, nicht weiterlaufen, sondern stehen bleiben wie ein einziger Wall. …

Und die Priester, die die Lade des Bundes des Herrn trugen, standen still im Trockenen mitten im Jordan. Und ganz Israel ging auf trockenem Boden hindurch, bis das ganze Volk über den Jordan gekommen war. (Josua 3, 5-8.11-13.17)

Das Mitführen eines sperrigen, schweren Kastens auf langen Reisen durch Wüste und Wasser muss uns nicht unmittelbar einleuchten; aber dass selbst der, der gerne mit leichtem Gepäck reist, das Nötigste dabeihaben will und muss, leuchtet sehr wohl ein. Entscheidend ist natürlich die Definition des „Nötigsten“, über die nicht ohne Weiteres Einigung zu erzielen ist: „Muss das jetzt wirklich alles mit, Liebste?“. Manchmal schon und manchmal muss es eine Bundeslade sein.

In der privaten Mythologie meiner Familie bezeichnete Bundeslade die Reisehandtasche meiner Mutter. In diese Bundeslade, eine Handtasche von nicht geringem Ausmaß, verstaute sie alles Wichtige für eine Reise: Zahlungsmittel ob Geld oder Reisechecks, Pässe, Gesundheitsausweise, Versicherungspolicen, Hotelunterlagen, Reiseführer; also alles, was heute im vergleichsweise winzigen Smartphone geborgen und auf Tastendruck vorgelegt werden kann; was damals aber ein beträchtliches Taschenvolumen erforderte. Diese Tasche verlangte Aufmerksamkeit und Schutz – „Wo ist die Bundeslade?“ Ihre Trägerin war nicht einfach nur die Reiseleiterin, sondern ihre teure Last verlieh ihr einen besonderen, quasi auratischen Status. Die Bundeslade öffnete Türen, ebnete Wege, ermöglichte Weiterfahrt und glückliche Wiederkehr. Wurde sie bewahrt, waren wir bewahrt. Wenn sie verloren ginge, wäre alles verloren.

Diese Metapher war keinesfalls respektlos gemeint, sondern traf ziemlich gut, was es mit der Bundeslade der Israeliten auf sich hatte, sozusagen ihre Funktion als Garantie der Reise, Wegbereiter, Türöffner durch ihren wertvollen – natürlich ungleich wertvolleren – Inhalt: hier nun der Zehn Gebote, des Wortes Gottes, Gottes selbst. Gott begleitet sein Volk auf seiner Reise durch die Wüste in das gelobte Land in Gestalt der echten, einzigen und originalen Bundeslade. In ihr und aus ihr heraus „geschieht“ das Wort Gottes – wie es in der biblischen Sprechweise heißt, als wirkmächtiges, machtvolles Wort. Es begleitet und beschützt sein Volk in dem Maße, dass dieses sich durch das Wort schützen lässt. Solange und in dem Maße Israel seinem Gott glaubt, sein Wort hört, seine Gebote bewahrt, an ihn sein Herz hängt, begleitet und beschützt Gott sein Volk. Insofern verleiht Gott selbst dieser Lade eine Aura, ist Gott selbst in dieser Lade anwesend.

„Woran du dein Herz hängst“ – sagt Luther – „das ist dein Gott“. Für die Israeliten erfüllte das – solange es keinen festen Ort, keinen Tempel Gottes gab – die Bundeslade, die als mobiles, als ambulantes, als Reiseheiligtum mitgeführt werden konnte.

Anders als heute, waren Reisen in alter Zeit kein Vergnügen, keine Erholung, nicht Ausdruck von Neugier, sondern Folge von Not, von Wirtschaftsflucht, von Krieg – oder im besonderen Fall des Volkes Israel eben auch gottgewollt und Funktion seiner Religion: Aufbruch und Wanderung, Weg und Ankunft – gehören sozusagen zur DNA dieser Religion. Wandernd erschließt sich ihr Gott. Der Weg ist das Ziel. Aber auch Ausgangs- und Ankunftspunkte haben Bedeutung. Der Jordan bezeichnet gewissermaßen die Ziellinie eines Laufs, der am Schilfmeer begann.

Genau betrachtet spiegelt sich sogar hier im Jordan das Schilfmeer, ist diese Geschichte hier vom Durchzug durch den Jordan der Rettung aus dem Schilfmeer nachgebildet – bis in Motive und Begriffe hinein: Das Wasser des Jordans, das von oben herabfließt, wird nicht weiterlaufen, sondern stehen bleiben wie ein einziger Wall. …Und ganz Israel ging auf trockenem Boden hindurch, bis das ganze Volk über den Jordan gekommen war.

Genauso war es am Beginn der großen Reise, als das Volk Israel trockenen Fußes durchs Meer schritt in die Freiheit. Zwischen Schilfmeer und Jordan liegen vierzig Jahre, Wanderung durch die Wüste, Prüfung und Reifung, Entbehrung und Bewährung, Begleitung durch Gott, sichtbar in Gestalt der Bundeslade als Ort seiner machtvollen Gegenwart. Gegenwärtig auch hier am Ziel, das vorläufig bleibt; hier und jetzt gegenwärtig jedenfalls in, mit und durch die Bundeslade, die den Wasserfluss staut und die sichere Passage ermöglicht: Und die Priester, die die Lade des Bundes des Herrn trugen, standen still im Trockenen mitten im Jordan. Und ganz Israel ging auf trockenem Boden hindurch, bis das ganze Volk über den Jordan gekommen war.

Bleibt eigentlich nur die Frage, warum wir ausgerechnet heute – am ersten Sonntag nach Epiphanias, in der allmählich ausklingenden Weihnachtszeit – eingeladen sind, ausgerechnet über diese Erzählung eines so überaus bedeutenden Ereignisses aus der Geschichte Israels nachzudenken; einer Geschichte, die wir uns ja ohnehin immer zu eigen, zu unserer eigenen Geschichte machen und in unsere Lebensgeschichte hineinschreiben sollen.

Zum einen geht es natürlich an Epiphanias um die Gegenwart Gottes und die verschiedenen Weisen dieser Gegenwart, wie sie sich ereignet und zeigt. Hier also als heiliges Gepäck (nicht Gebäck, wobei das auch richtig sein kann!), als das unverzichtbar Heil- und Sinnstiftende, das wir immer mitzuführen haben, als das, womit uns Gott auf unserer Reise durch das Leben begleitet: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wer sind wir? Gottes geliebte Kinder auf dem Weg von Gott zu Gott.

Das aber – dass wir Gottes geliebte Kinder auf dem Weg von Gott zu Gott sind – wird – zum anderen – nirgendwo so deutlich wie im Geschehen der Taufe und unserer Erinnerung daran, unserem Taufbewusstsein: „Ich bin getauft“ schreit Luther dem Teufel entgegen, weil er nicht dem Teufel sondern zu Gott gehört durch die Taufe.

Deren „Urort“ und Originalschauplatz ist der Jordan. Mit seinem Wasser werden wir getauft, auch wenn unser Taufwasser aus der Leitung in Wiesbaden kommt. Wie dort am Jordan die Israeliten sind wir durch Gott beschützt vor den Todesfluten, die uns zu ersäufen drohen. Gottes Bundeslade ist die Arche, die uns bewahrt, damit wir nicht verloren gehen. Von Gott haben wir das Gepäck, das nicht wir tragen, sondern dass uns durch das Leben trägt.

Silvester 2024

Hört mir zu, die ihr der Gerechtigkeit nachjagt, die ihr den Herrn sucht: Schaut den Fels an, aus dem ihr gehauen seid, und des Brunnens Schacht, aus dem ihr gegraben seid. Schaut Abraham an, euren Vater, und Sara, von der ihr geboren seid. Denn als einen Einzelnen berief ich ihn, um ihn zu segnen und zu mehren. Ja, der Herr tröstet Zion, er tröstet alle ihre Trümmer und macht ihre Wüste wie Eden und ihr dürres Land wie den Garten des Herrn, dass man Wonne und Freude darin findet, Dank und Lobgesang.

Merke auf mich, mein Volk, hört mich, meine Leute! Denn Weisung wird von mir ausgehen, und mein Recht will ich gar bald zum Licht der Völker machen. Denn meine Gerechtigkeit ist nahe, mein Heil tritt hervor, und meine Arme werden die Völker richten. Die Inseln harren auf mich und warten auf meinen Arm. Hebt eure Augen auf gen Himmel und schaut unten auf die Erde! Denn der Himmel wird wie ein Rauch vergehen und die Erde wie ein Kleid zerfallen, und die darauf wohnen, werden wie Mücken dahinsterben. Aber mein Heil bleibt ewiglich, und meine Gerechtigkeit wird nicht zerbrechen.

Hört mir zu, die ihr die Gerechtigkeit kennt, du Volk, in dessen Herzen mein Gesetz ist! Fürchtet euch nicht, wenn euch die Leute schmähen, und entsetzt euch nicht, wenn sie euch verhöhnen! Denn die Motten werden sie fressen wie ein Kleid, und Würmer werden sie fressen wie ein wollenes Tuch. Aber meine Gerechtigkeit bleibt ewiglich und mein Heil für und für. (Buch des Propheten Jesaja 51, 1-8)

Hört zu, schaut an, schaut an, merke auf, hört, hebt eure Augen auf, schaut auf, hört zu!

Da will einer gehört, da will einer gesehen werden. Da macht einer auf sich aufmerksam. Aufmerksamkeit ist ein teures Gut. Das wird der erlebt haben, der so spricht, dass so schnell nichts unsere Panzer des Selbstinteresses und die Mauern unserer Aufmerksamkeitsdefizite durchdringt. Was könnte auch interessanter sein als ich selbst? „Nichts dringt in mein Gehirn. Meine Reflexe sind zu schnell.“ Sagt ein galaktischer Superheld auf seine entwaffnend dämliche und himmelschreiend komische Art: „Nichts dringt in mein Gehirn. Meine Reflexe sind zu schnell.“ (Drax aus den Guardians of the Galaxy)

Kollektives ADS gehört zur Diagnose unserer Zeit: Kollektives Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom allerdings bei gleichzeitiger maximaler Beschallung durch Aufmerksamkeitserreger. Die technischen Möglichkeiten, Aufmerksamkeit zu erregen, versuchen mit den Steigerungen unserer Aufmerksamkeitsdefizite Schritt zu halten, ohne große Aussicht auf Erfolg. Selbst millionenfache Gefolgschaft in den sogenannten sozialen Medien verschafft nur eine Form von vermeintlicher Aufmerksamkeit, die eigentliche Aufmerksamkeit, also Teilnahme, Anteilnahme vermeidet, verhindert. Die Filter fehlen, oder es sind die falschen. Die tatsächliche Gegenwart dringt nicht in unser Gehirn vor. Klassisch ist das Bild der Gruppe im Lokal, die alle ihr Telefon in der Hand haben, alle sprechen, ohne miteinander zu sprechen.

Hört zu, schaut an, schaut an, merke auf, hört, hebt eure Augen auf, schaut auf, hört zu!

Wenn man den Prognosen glaubt – aber es reicht ja schon den eigenen Augen zu trauen! – werden es immer weniger und immer weniger werden – jedenfalls bei uns – die dem Aufmerksamkeit schenken, der da ruft. Er scheint es gewohnt zu sein, dass ihm niemand zuhört, ihm niemand glaubt. Egal ist es ihm gleichwohl nicht. Gott schafft sich seine Wege, seine Kanäle der Kommunikation. Und es sollen schon welche auf ihn aufmerksam geworden sein auf dem Wege der sogenannten sozialen Medien. Warum denn nicht? Seine Wege sind unerforschlich, er liebt das Paradox, in ihm treffen sich die Gegensätze und sein Geheimnis offenbart er gerne einmal unter dem Gegenteil. „Nichts ist so groß, Gott ist noch größer. Nichts ist so klein, Gott ist noch kleiner.“ Warum sollte er nicht auch durch das Internet, diesem unwahrscheinlichsten Ort der Gottesrede zu uns hindurchschlupfen?

Lasst uns das Unwahrscheinliche tun, und heute auf ihn hören! Schaut den Fels an, aus dem ihr gehauen seid, und des Brunnens Schacht, aus dem ihr gegraben seid. Was macht uns zu Menschen? Was macht unsere Menschlichkeit aus? Aus welchem Holz sind wir geschnitzt? Krummes Holz, aufrechter Gang. Aufrecht mögen auch die Pinguine gehen, aber sich den aufrechten Gang als das wesentlich Menschliche zu denken, können nur Menschen. Auf dem Boden bleiben und doch nach oben sehen. Manchmal muss man einen Schritt zurückgehen, um den Ort zu sehen, zu erkennen, auf dem man steht. Und nicht jeder Fortschritt ist zu empfehlen, sagt der Mensch, der in den Abgrund blickt.

Hebt eure Augen auf gen Himmel und schaut unten auf die Erde! Denn der Himmel wird wie ein Rauch vergehen und die Erde wie ein Kleid zerfallen, und die darauf wohnen, werden wie Mücken dahinsterben. Was man für eine Reportage aus den Kriegsgebieten und den Katastrophenlagen unserer Gegenwart halten kann, soll keineswegs Zukunft beschreiben. Solche Prophezeiungen werden nicht gemacht, um die Zukunft anzusagen, sondern um sie zu verändern. So wie beschrieben soll es gerade nicht werden. Und damit es so nicht wird, müssen wir uns ändern, umkehren, unsere Wege verlassen, neue finden. Dabei Irrtümer in Kauf nehmen, Verwirrung riskieren. Aber ohne zu vergessen, wer wir sind.

Fürchtet euch nicht, wenn euch die Leute schmähen, und entsetzt euch nicht, wenn sie euch verhöhnen! Denn die Motten werden sie fressen wie ein Kleid, und Würmer werden sie fressen wie ein wollenes Tuch. Die neuen Lautsprecher in Politik und Gesellschaft, im Netz allüberall, die Schmäher und Verhöhner, klingen noch in dem Moment, in dem sie das herausplärren, was sie für Neuigkeiten halten, älter als ihre eigenen Großeltern. Es mag unvornehm sein, den Ewiggestrigen Würmer und Mottenfraß zu wünschen, unfromm ist es ausweislich unseres Propheten nicht. Ihr Verfallsdatum ist längst abgelaufen. Sie haben das bloß noch nicht gemerkt.

Und woher wissen wir das? Was gibt uns Gewissheit, dass es zwar schlimm kommen aber nicht schlimm bleiben wird? Auf Selbstheilungskräfte zu vertrauen, erscheint mir etwas leichtsinnig in einer multimorbiden Welt: Umwelt, Klima, Demokratie, Wohlstand, internationale Beziehungen, Frieden – werden nicht von allein heilen; werden nicht in einem Akt magischen Denkens einfach gut werden; werden sich nicht gutwünschen lassen. Obwohl es natürlich hilft, sich die Dinge gut und nicht etwa schlecht zu wünschen, wie es die Mächte des Bösen wohl tun. Noch kleinste Schritte – baby steps – zu Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung – wie es zu einer anderen Zeit und in einem anderen Leben hieß, aber auch nur gerade mal vierzig Jahre her so hieß – sind nötig, um den großen Schritt – vom Abgrund weg – zu tun. Was ein kleiner Schritt für mich wäre, könnte ein großer für die Menschheit sein.

Und dann brauchen unsere realen Veränderungen allerdings sehr wohl den Glauben, dass sie nicht vergeblich sein müssen, sondern gelingen können. Veränderungen gehen davon aus, dass sie sich lohnen. Umkehr braucht einen Ort wohin. Deshalb geht die Bibel davon aus, dass Gott alles gut gemacht hat und alles gut machen will und dass sich gute Taten lohnen. Dass ein moralisches Universum sei, ist die große Hypothese des biblischen Glaubens. Dafür will der Prophet unsere Aufmerksamkeit.

Hört zu, schaut an, schaut an, merke auf, hört, hebt eure Augen auf, schaut auf, hört zu!

Worauf? Darauf, dass Ja, dass der Herr Zion tröstet, er tröstet alle ihre Trümmer und macht ihre Wüste wie Eden und ihr dürres Land wie den Garten des Herrn, dass man Wonne und Freude darin findet, Dank und Lobgesang.

Und warum? Darum und trotz allem, weil Gott spricht und es so meint: Aber mein Heil bleibt ewiglich, und meine Gerechtigkeit wird nicht zerbrechen.

Aber meine Gerechtigkeit bleibt ewiglich und mein Heil für und für. Amen.

Erster Sonntag nach Weihnachten, 29. Dezember 2024

Als sie (die Weisen aus dem Morgenland) aber hinweggezogen waren, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir’s sage; denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen.

Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten und blieb dort bis nach dem Tod des Herodes, auf dass erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht Hos 11,1: »Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.«

Als Herodes nun sah, dass er von den Weisen betrogen war, wurde er sehr zornig und schickte aus und ließ alle Knaben in Bethlehem töten und in der ganzen Gegend, die zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er von den Weisen genau erkundet hatte. Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht (Jer 31,15): »In Rama hat man ein Geschrei gehört, viel Weinen und Wehklagen; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen.«

Als aber Herodes gestorben war, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum in Ägypten und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und zieh hin in das Land Israel; sie sind gestorben, die dem Kindlein nach dem Leben getrachtet haben.

Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich und kam in das Land Israel. Als er aber hörte, dass Archelaus in Judäa König war anstatt seines Vaters Herodes, fürchtete er sich, dorthin zu gehen. Und im Traum empfing er einen Befehl und zog ins galiläische Land und kam und wohnte in einer Stadt mit Namen Nazareth, auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch die Propheten: Er soll Nazoräer heißen. (Matthäus 2,13-23)

Was ist das für eine schlimme Geschichte! Von Flucht und Mord an Weihnachten, will man sowas hören? Vom Mörderkönig Herodes, der auch in der wirklichen Geschichte Kinder, Thronfolger, Ehefrauen ermorden ließ. Von der Flucht der Heiligen Familie über Wüsten und Meere hinweg. Aber wir hören doch ständig solche schlimmen Geschichten von Gewalt an Kindern, Flucht und Mord, von Krieg und Gewalt gegen die Kleinsten und Schwächsten, die Kinder: in der Ukraine, in Israel, in Gaza, im Sudan, in Syrien – wer weiß nicht wo.

„Was ist das für eine Geschichte!“ Ruft Mutter Gertrud aus in der Märchenoper Hänsel und Gretel, die uns wie alle Jahre wieder als das zweite, das andere Weihnachtsoratorium in der Weihnachtszeit begleitet. Was ist das für eine Geschichte! Ruft die Mutter aus über den Tumult, den sie zu Hause vorfindet, ruft und singt sich in Wut, in Rage, solange, bis sie die beiden hinauswirft aus dem ärmlich, kärglichen Haus am Wald, hinaustreibt in den finsteren Wald hinter dem Haus, um dort Essen zu holen, um Beeren zu sammeln, aber eigentlich, so sagt es die Musik, die die Wut der Mutter orchestriert, vertreibt sie ihre Kinder, um sie vor sich selbst zu schützen, um sie vor ihrer eigenen Wut und Gewalt zu schützen. Die Kinder sollen fliehen, um sich zu schützen.

Dass Kinder fliehen müssen vor der Gewalt Erwachsener, ist der Skandal unserer schlimmen Geschichte heute. Bis nach Ägypten müssen Joseph, Maria und ihr Baby fliehen, durch die Wüste zurück in das Land der Gefangenschaft des Mose und der Israeliten. Zurück in die Ägyptische Finsternis. Die Heilsgeschichte wird – vorübergehend, wie wir in der Geschichte da noch nicht wissen, aber hoffen! – damit umgekehrt, rückgängig gemacht, aufgehoben, zurückgespült durch die Wellen des Schilfmeers, zurückgebracht in die Sklaverei. Weil es nötig ist, notwendig, um noch schlimmere, um schlimmste Not zu wenden.

Schlimmste Not ist dann, wenn Kinder leiden; wenn ihre Schwäche und Arglosigkeit ausgenutzt werden, wenn sie missbraucht werden. Pfui Teufel über die, die das tun – zu jeder Zeit, überall auf der Welt, gerade auch in der Kirche. Gewalt gegen Kinder, Kindermord ist der Gipfel des teuflischen Wütens; vom Teufel selbst kommt solche Gewalt – selbst unser postmythologisches Zeitalter kommt nicht ohne diese Symbolfigur des absoluten Bösen aus, wenn wir versuchen, uns einen Begriff davon zu machen.

„Eine Hex im Wald, vom Teufel selbst hat sie Gewalt“ – ausgerechnet dahin zu ihr, der Hexe, fliehen die Kinder Hänsel und Gretel, zum Knusperhaus mit seinen Verliesen und Höhlen, seinem Ofen, grausamer Vernichtungsort.

Der Hexe wird – anders als in der Märchenvorlage, aber einer anderen Wahrheit folgend – vom Operndichter eine ganze Mordfabrik angedichtet; ihre Lebkuchenfabrik in Wahrheit eine Lebkuchenkindermordfabrik!

Oft genug – und verständlicherweise, weil man die jugendlichen Theaterbesucher schützen zu müssen meint, und doch sehr zu Unrecht! – oft genug, wird die Hexe zur Witzfigur herunterinszeniert. Aber dann passt ihr böses Ende nicht, passen die Texte nicht, die sie singt; und passt nicht die Musik. Denn wie schon im Märchen ist diese Hexe böse, ihre Texte sind böse, ihre Musik ist böse. Rosina Leckermaul ist keine Bibi Blocksberg – und diese Märchenoper vielleicht doch nichts für Kinder. Denn ihre Gewalt ist wirklich böse – und sie verhüllt, verkleidet und offenbart sich zugleich als sexualisierte Gewalt – übrigens schon in der Märchenvorlage, in der die Hexe ihre Mordabsichten ebenfalls sexualisiert. Nur wenn wir die abgrundtiefe Bosheit der schlechthin „Bösen“ verstehen, können wir ihre Strafe und ihr grausames Ende billigen.

Ganz wie im richtigen Leben, in der richtigen Welt, an ihren dunkelschwarzen Orten, wenn etwa eine Mörderbande Babys und Kleinkinder in ihre Höhlen verschleppt und dort versteckt, immer noch nach 14 Monaten versteckt vor der befreienden und doch zerstörerischen Gewalt ihrer Eltern; kein Chanukka für Kfir und Ariel Bibas und die anderen immer noch über Hundert Geiseln der Hamas. Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen. Manchmal ist die Wirklichkeit viel schlimmer als Bibel und Oper. Was für eine schlimme Geschichte!

Auf der Bühne geht sie gut aus (aber unter welchen Opfern, welchen Kosten!). Hänsel und Gretel werden von Opfern zu Rächern in eigener Sache, und dann auch noch zu Befreiern der Kinderopfer: „Erlöst, befreit für alle Zeit“; so singt es der Kinderchor am Ende der schaurig schönen Oper; zeigt, was zu zeigen war: „Wenn die Not aufs höchste steigt, Gott der Herr die Hand euch reicht“, musikalisch, textlich und dramaturgisch der Kern der ganzen Sache.

„Erlöst, befreit für alle Zeit“ – das ist in einem noch viel umfassenderen Sinn der Sinn unserer Weihnachtsgeschichte aus der Bibel heute – wie auch übrigens des jüdischen festes Chanukka, dessen 5. von 8 Tagen heute gefeiert wird: Freude über geschehene Erlösung, Hoffnung auf zukünftige Erlösung. Selbst die größte Not vermag Gott zu wenden, den Befreier unserer Seelen und Erlöser der Welt zu erlösen und zu befreien. „Erlöst, befreit für alle Zeit“

Weihnachten 2024

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.

Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. Es war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe gemacht; und die Welt erkannte es nicht. Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden: denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus menschlichem Geblüt noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott geboren sind.

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. (Johannes 1,1-5.9-14)

Eine andere Weihnachtsgeschichte, diese Weihnachtsgeschichte des Johannes; keine Geschichte eigentlich, sondern eher Gedicht, oder noch eher Traktat. Weihnachten ohne Krippe und Stall, ohne Hirten und Engel, ohne Ochs und Esel, ohne Klingelingeling und ohne Lametta; nicht sinnlich und märchenhaft, nicht bunt sondern schwarz-weiß, theoretisch, abstrakt, verkopft, nicht Mythos sondern Logos, das gefällt mir!

Abstrakt wie das Bild von Richard Serra, Dead Weight III (Coptic) von 1991, im Museum Wiesbaden, in das man sich versenken kann, wie die Menschen früher, die Mönche zumal, in die Texte der Bibel sich versenkt haben. Schwarze Ölkreide auf weißem Papier, mehr nicht, aber darin die ganze Welt.

Richard Serra, Dead Weight III (Coptic)
Richard Serra, Dead Weight III (Coptic)

Viel schwarze Farbe, dick aufgetragen, sichtbar schwer auf edlem Papier, nicht industrieweiß, sondern edles, altes Weiß. Zweigeteilt, zwei Flächen, zweimal ein großes Rechteck übereinander, quadratisch das obere, das untere genauso hoch, aber etwas schmaler; dahinter, darunter, daneben weißer Rand, oben sehr schmal, unten etwas breiter rechts und links. Das untere Rechteck scheint das obere zu tragen, schwere Last.

Für „dead weight“ lesen wir im Wörterbuch: ganze Last, volles Gewicht, schwere Bürde, Leergewicht, Eigengewicht, totes Gewicht, Nutzlast; Dead Weight – schwere Last, passt für mich am besten.

Den in Klammern gesetzten Namenszusatz des Bildes (Coptic) kann ich nicht recht deuten, vielleicht ist eine ferne Ähnlichkeit der Gestalt mit dem koptischen Kreuz gemeint, dem Anch, Lebenssymbol, Hieroglyphe für das Weiterleben im Jenseits. Der Künstler verwendet oft solche historischen, persönlichen oder mythologischen Bezüge für seine Werke, ohne dass der jeweilige Bezug für den Betrachter offensichtlich wäre. Er scheint hier auf Sprache und Kultur der Kopten zu verweisen, das uralte ägyptische Christentum, das sich bis heute gegen die Übermacht des Islams im Land behauptet, im besten Fall geduldet, oft verfolgt, nicht selten voller Gewalt. Mich beginnt dieser konkrete Titel des abstrakten Bildes zu stören. Vielleicht weil es auf eine bestimmte Weise zu gut mit dem von mir gewählten Bezug auf Weihnachten passt.

Das Schwarz überwiegt bei weitem, dominiert, bestimmt das Bild, bestimmt nicht selten unser Weltbild, dieses „Wir leben in finsteren Zeiten.“ Dem kann sich kaum einer entziehen. Zuviel spricht dafür; Zeitungen und Nachrichten jedenfalls, Tag für Tag. Finsternis überall.

Aber dagegen stehen die weißen Ränder, das sich vom Rand her aufmachende Licht: „Mache dich auf, werde Licht, denn dein Licht kommt“ Ich komme nicht los, von meiner ursprünglichen Idee, dass dieses Bild – wahrscheinlich ohne jede Absicht – einen Weihnachtsgedanken formuliert, nämlich den vom Licht in der Finsternis. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.

Johannes verfolgt und entwickelt ihn sein ganzes Evangelium und seine Briefe entlang: „Jesus Christus spricht: Wer mir nachfolgt, wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern das Licht des Lebens haben“. Weihnachtlicher Glauben ist für Johannes: das Leben und die Welt nicht von der Finsternis, sondern vom Licht her zu sehen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.

Nicht die Finsternis wird das Licht verschlingen, sondern das Licht breitet sich in der Finsternis aus. Das versteht sich keineswegs von selbst und es versteht sich auch nicht von selbst aus dem Blick auf unser Bild. Denkbar – und so oft denken wir es doch auch – dass sich nicht das Licht, sondern die Finsternis ausbreitet und die Finsternis irgendwann das Licht ganz und gar verschluckt wird. Ägyptische Finsternis – vielleicht ist da doch was dran an der Koptischen Deutung.

Wir – aber – folgen Johannes, wenn wir nicht die Finsternis, sondern das Licht für die Dominante halten. Wir folgen Johannes, wenn wir das Licht erkennen in der Finsternis. Wir folgen Johannes, wenn wir der Mehrheitsdeutung die Gefolgschaft verweigern, wenn wir anders als alle Welt (die Welt erkannte es nicht, die Seinen nahmen ihn nicht auf) das Licht aufnehmen. Die Welt von ihrem zarten Lichtrand zu verstehen, das ist Weihnachten – im eigentlichen Sinne.

Ein letzter Gedanke: Auf eine bestimmte Weise setzt Johannes die Lichtmetapher mit dem berühmten Wort „Wort“, griechisch „Logos“ in Beziehung, womöglich gleich. Das ist uns geläufig, wenn wir davon sprechen, dass uns ein Licht aufgeht, und damit meinen, dass wir etwas verstanden, begriffen haben. Das kann die Finsternis nicht: die Finsternis hat’s nicht ergriffen. Erleuchtung, Aufklärung heißt dagegen: etwas verstehen, etwas einen Sinn geben. Logos ist deutendes Wort, Bedeutung und Sinn.

Darum haben wir uns doch die ganze Zeit schon bemüht, wenn wir versuchen, dem abstrakten Bild einen konkreten Inhalt, eine Geschichte, einen Sinn zu geben: Das Bild zu deuten, es zu verstehen, es zu lesen. Für etwas Worte finden, um etwas Worte zu machen, heißt, ihm Sinn zu geben. Johannes behauptet nun, dass diese Gabe, die Welt zu verstehen, überhaupt irgendetwas zu verstehen, aus Gott kommt: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.

Dieses Wort – also in seinem umfassenden Sinn, die Fähigkeit, Worte zu machen und damit den Dingen Bedeutung und Sinn zu geben – behält Gott nicht für sich, sondern sendet es in die Welt, als konkretes Leben, als Licht, das uns im Chaos der Finsternis eine Ordnung aus Licht stiftet. Das Licht begrenzt die Finsternis. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen. Weihnachten!

Heilig Abend 2024

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir freut man sich, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians. Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.

Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth. (Buch des Propheten Jesaja 9, 1-6)

Krippenszene
Weihnachtskrippe Thomaskirche, Wolf Spemann ca. 1960, Pflaumenholz geschliffen

Jauchzen und Seufzen,
Frohlocken und Klagen
Laut Rufen und ganz zart Reimen:
Alles zwischen O du Fröhliche und Stille Nacht, alles zwischen Fröhlichkeit und Besinnung, das gehört alles gleichermaßen zu unserem Weihnachtsfest dazu: Alle Jahre wieder, alle Jahre wieder neu! Heute klingt lauter Jubel, große Freude über den neugeborenen Messias an, Jauchzet, Frohlocket! – und mitten hinein auch Seufzer und Klage über Welt und Zeit.

Heute bekommt unsere Freude einen Namen, viele Namen: Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst – klingende, singende, vielfach jubelnd besungene Namen des neugeborenen Kindes, des zukünftigen Herrschers, des Messias! Namen voller Versprechen und Hoffnung, voller Zuversicht und Stärke; alles was der Prophet und sein Volk noch vermissen, schmerzlich vermissen müssen, scheint hier in diesen Namen hineingesteckt zu sein. Mit einem, der so heißt, soll endlich alles, alles gut werden. Namen als Programm, als Diagnose aber auch.

Wie kommen wir zu unseren Namen? Und wie geben wir als Eltern eigentlich unseren Kindern Namen? Schön klingen sollte er, eine vorteilhafte Bedeutung sollte er haben, wichtiger noch ist vielleicht eine Person als Beispiel, die diesen Namen erfolgreich trägt oder trug, verbunden mit der Hoffnung, dass der vorbildliche Namensträger seine Kräfte auf den Nachfolger überträgt. Umgekehrt schließen manche Beispiele die Verwendung ihres Namens aus, sei es, dass er uns damals in der Schule geärgert oder sei es, dass er gleich ganze Völker massakriert hätte; Schulhofbullies wie Diktatoren geben keine guten Namensvorbilder ab.

Nicht zu häufig sollte der Name sein, aber auch nicht gar zu selten. Frühere Generationen hatten es scheinbar leichter, wenn der Namenstag des Tagesheiligen oder der Name des Vorfahren die Wahl des Namens bestimmte. Keine Frage, dass unser überaus verdienstvoller und gut katholischer Mitarbeiter Andras am 29. November (am Andreastag!) geboren ist – und bei Knaben mit dem klingenden Namen Friedrich Wilhelm wäre eine Verbindung zum preußischen Königshaus zumindest nicht völlig abwegig. Aber damit ist natürlich auch die Freiheit bei der Namensgebung eingeschränkt.

Unser Prophet lässt seiner Phantasie jedenfalls ungehemmt freien Lauf, was den Namen des Erlösers angeht, ohne dass sich seine Kreationen durchgesetzt hätten. Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst haben insgesamt keine Verwendung durch werdende Eltern gefunden; keine direkte jedenfalls, aber von der Idee her vielleicht schon:

In der heute als Namen überaus populären Sophia – der göttlichen Weisheit – mag man etwas vom Wunder-Rat hören, in der gleichfalls beliebten Mathilda – der mächtigen Kämpferin – den Gott-Held; beim Ewig-Vater weiß ich nicht so recht, der Name Abraham, ist ja selten geworden; aber schon der Friede-Fürst wieder klingt sowohl im hebräischen Salomo wie im deutschen Friedrich unmissverständlich an. Weisheit, Mut, Kreativität und die Fähigkeit zum Frieden sprechen die Namen dem neugeborenen Herrscher zu. Die wird er brauchen.

Denn wie diese Namen des Messias sein Programm umreißen, stellen sie auch indirekt eine Diagnose – jetzt also nicht des Namensträgers wie bei dem bösen Wort über unglückliche Schüler mit dem falschen Namen, vielleicht aber auch bloß mit dem falschen Lehrer – sondern eine Diagnose der Weltzeit, in die er hineingeboren wird: Ein dunkles Zeitalter, Dark Ages, finsteres Land, in dem Dummheit, Grausamkeit und Krieg herrschen: drückendes Joch, dröhnender Stiefel, blutige Kleidung, verzehrendes Feuer.

Der Prophet Jesaja malt mit sprechenden – was sage ich: schreienden! – Bildern und schockierendem Detail den ganzen Schrecken seiner Zeit, jeder Kriegszeit in unsere Vorstellungskraft, Imaginationen der Gewalt, von der wir annahmen – wie konnten wir das annehmen? – dass sie überwunden sei.

Auf die Seufzer des Propheten hören wir – durch seine Jauchzer hindurch; auch auf einen anderen Kriegs-Angst-Seuffzer, den des Dichters Johan Hildebrand, der 1645, 31jährig nichts anderes als Krieg kannte und erlebt hatte, lasst uns heute hören. Er schreibt damals und berührt damit noch uns – mit seiner Not über seine Zeit und mit seiner Hoffnung auf den Gott des Friedens:

„Ach Gott! Wir haben´s nicht gewusst, was Krieg für eine Plage ist. Nun erfahren wir es leider allzu sehr, leider, leider allzu sehr, dass Krieg eine Plage über alle Plagen ist. Denn da gehet Gut weg, da gehet Mut weg, da gehet Blut weg, da gehet alles weg, alles weg. Da muss man sein Brot mit Sorge im Elende essen. Da muss man sein Wasser mit Beben trinken. Da höret man nichts als auf allen, allen Straßen: Weh! Weh! Ach! Ach! Wie sind wir so verderbet.

O du Gott des Friedens, gönne uns doch wieder deinen himmlischen Frieden. Lass Kirchen und Schulen nicht zerstöret, lass den Gottesdienst und gute Ordnung nicht vertilget werden. Hilf uns mit deinem ausgestreckten Arm. Beschere uns ein Ortlein, da wir bleiben, ein Hüttlein, darinne wir uns aufhalten, ein Räumlein, da wir sicher sein und deinem Namen dienen können, dass wir in Friede deinen Tempel besuchen, in Friede dich loben und preisen, in Friede selig, selig, selig sterben mögen.“ (Johann Hildebrand 1614 – 1684: V. Kriegs-Angst-Seufftzer 1645)

Auch beim Propheten Jesaja reimen sich Jubel und Klage auf die Anrufung des Friedens: sie teilen ihre Pointe, setzen denselben Ton: auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit.

Zwei Bedingungen des Friedens höre ich da heraus. Eine, die wir uns selben sagen könnten und die andere, die uns gesagt werden muss, von außen, von oben.

Eigentlich selbst sagen können wir uns, dass Recht und Gerechtigkeit zugleich Ursache und Folge des Friedens sind, wie er hier gemeint und gewollt ist. Dass also ungerechte Friedlichkeit zwar sicherlich meistens besser als offene Gewalt ist, aber eben noch kein Frieden, wie er hier gemeint ist. Welche Ungerechtigkeit auszuhalten und welche zu bekämpfen ist, wann genau – mit den Worten Bonhoeffers – „dem Rad in die Speichen zu greifen“ ist, bleibt der persönlichen Entscheidung des Gewissens, dem gesellschaftlichen Diskurs und dem politischen Willen der gewählten Verantwortlichen vorbehalten. Wen immer wir im nächsten Jahr für diese Aufgabe wählen, es wird aber keiner sein, den wir Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst nennen müssten und der uns den ewigen Frieden brächte. Was keine Kritik der gewählten Person, sondern eine unserer Erwartung an ihn ist.

Und zweitens hören wir, dass der wahre, ewige, güldene Frieden ein himmlischer Frieden ist und aus Gott sein wird: Der große Gottesfrieden, der aus dem Himmel kommt und alle Menschen und die ganze Schöpfung umschließt – kleiner sollten wir vom Frieden nicht denken; der uns aber jetzt schon – gerade heute – verkündet wird, also keine vage Hoffnung sondern Gewissheit ist, vom Propheten verkündet und den Engeln – im jubelnden Chor – gesungen:

Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden, den Menschen seines Wohlgefallens.

2. Sonntag im Advent, 8. Dezember 2024

Die Wüste und Einöde wird frohlocken, und die Steppe wird jubeln und wird blühen wie die Lilien. Sie wird blühen und jubeln in aller Lust und Freude. Die Herrlichkeit des Libanon ist ihr gegeben, die Pracht von Karmel und Scharon. Sie sehen die Herrlichkeit des Herrn, die Pracht unsres Gottes. 

Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Sagt den verzagten Herzen: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.«

Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.

Und es wird dort eine Bahn sein und ein Weg, der der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; auch die Toren dürfen nicht darauf umherirren. Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort gehen. Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.
(Buch des Propheten Jesaja 35, 1-10)

„Jauchzet! frohlocket!“ – Fordert es in dieser Zeit allüberall, auch aus unserem Predigttext.

Aber:Es ist ein Wort, ein Wörtchen nur, liebe Schwestern und Brüder, das mir und vielen den Jubel beschwert: Ich meine das Wort „Rache“; vielleicht geht es Ihnen genauso. Frohlocken, Jubel, Lust und Freude, Pracht und Herrlichkeit, Jauchzen und Wonne; das ist doch, worum es gehen soll – gerade in dieser Zeit: „Jauchzet! frohlocket!“ Aber mittenhinein in die Galerie der Jubelworte setzt der Prophet „Rache“ und „Vergeltung“ – und vergilt uns die Freude. Sollten nicht „Rache“ und „Vergeltung“ zu Unwörtern der Bibel erklärt werden? Aber hier stehen sie und machen uns die Freude am Jubel und dem Ausleger das Auslegen schwer.

Wir erleben es an diesem Jubeltext, wie wir es so oft in den Geschichten der Bibel erleben, dass uns der Jubel im Halse stecken bleibt. Erst neulich als ich mit meinen Schülern das Heilsereignis der Bibel schlechthin, den Auszug der Israeliten aus der ägyptischen Gefangenschaft besprochen habe, also wieder mal besprochen habe, beschrieben in der Bibel, besungen im Lied des Mose und dem noch ursprünglicheren Lied seiner Schwester Mirjam: „Hoch erhaben ist der Herr, Ross und Reiter warf ins Meer“; auch ein Jubellied, vielleicht das erste und älteste der Bibel; aber auch in diesem Jubellied ist von der Vergeltung durch Gott und vom Untergang der Feinde die Rede. Muss das so sein? Haben sich auch die Schülerinnen und Schüler gedacht und gefragt. Muss das so sein?

Und sie fragen natürlich weiter – und zurecht weiter – wie das damals mit Noah und der Sintflut war – um nur ein besonders krasses Beispiel zu nennen -Noah und die Sintflut und der Vernichtung allen Lebens auf der Erde zur Vergeltung für die bösen Taten ihrer Bewohner. Man muss das nicht für einen historischen Bericht aus uralter Zeit halten, um sich an der Gewalt der Geschichte zu stören. Geht’s nicht auch anders? Jubel ohne Vergeltung. Einfach nur Frohlocken, Jubel, Lust und Freude, Pracht und Herrlichkeit, Jauchzen und Wonne – uneingeschränkt, ungestört, ohne Reserve, ohne Hintergedanken.

Für meine Schüler naheliegend – und für viele naheliegend zu allen Zeiten – ist die Erklärung, dass sich hier ein Gott der Rache offenbart, der rachsüchtige Gott einer Religion der Vergeltung, die das Aug um Auge zu ihrem Prinzip gemacht hat. Kaum einen Schritt weiter liegt dann die Behauptung, dass das eben der Unterschied sei zwischen Altem Testament und Neuem Testament, einem Gott des Hasses und dem Gott der Liebe, zwischen dem Gott der Juden und Jesus Christus, überhaupt: zwischen Juden und Christen. Aus der naheliegenden Erklärung entsteht – schwupps – das wohlfeile antijüdische Klischee, dessen sich noch heute Antisemiten aller Art bedienen.

Es kostet so viel Mühe – und ist gleichzeitig kinderleicht – darauf hinzuweisen, dass das Gottesbild im Alten Testament komplex ist, aber dass schon das Alte Israel an den allmächtigen als liebenden und barmherzigen Gott glaubt, dass im Alten Testament zuerst das Liebesgebot formuliert und die Nächstenliebe gefordert wird – kurz: dass die Liebesreligion Jesu ganz und gar alttestamentlich-jüdisch geprägt ist; wie auch nicht, Jesus war eben Jude.

Und man muss fragen, ob nicht die legitime Komplexität des alttestamentlich-jüdischen Gottesbildes durch Vereindeutigungen und Verharmlosungen zu seinem Schaden reduziert wurde; ob nicht durch diese Vereindeutigungen und Verharmlosungen, die aus dem allmächtigen irgendwann nur den lieben Gott gemacht haben, dabei die Wirklichkeit Gottes – aber auch die Wirklichkeit der Welt, die sich nicht ohne weiteres harmonisieren lässt – verloren ging; kurz: Muss nicht auch der „liebe Gott“ stark genug gedacht und geglaubt werden, um die Bösen abzuwehren und zu bestrafen?

Wenn nicht jeder Schurke zum Wohltäter umerzogen werden kann, wovon auszugehen ist, muss ihm Einhalt geboten werden. Unrecht muss wiedergutgemacht werden. Zukünftiges Unrecht muss verhindert werden. Beim biblischen Konzept der Vergeltung geht es nicht um die Befriedigung niederer Instinkte, sondern die nötigenfalls gewaltsame Umkehrung von Unrechtssituationen in Rechtsverhältnisse. Und so wendet sich das Opfer von Gewalt, das sich aus Schwäche nicht selbst helfen kann, an seinen Gott, der ihm helfen soll.

Wie in unserem Jubeltext zum Advent erheben in der Bibel die Opfer von Gewalt, Krieg und Verschleppung die Stimme. Sie rufen zu Gott und erbitten sich Hilfe von Gott gegen ihre Feinde. Hier sind es die Exulanten, die das Ende ihrer Verbannung schon absehen können; die sich schon auf den Weg gemacht haben, auf dem Weg sind durch die Wüste, die in ihren Vorstellungen zu blühen beginnt: Die Wüste und Einöde wird frohlocken, und die Steppe wird jubeln und wird blühen wie die Lilien. Sie wird blühen und jubeln in aller Lust und Freude.

Aber noch ist keineswegs sicher, wie das hier ausgehen wird. Es gibt ja noch Feinde, die jederzeit zu Gewalt bereit sind. Denen ist Einhalt zu gebieten. Im Hinblick auf diese immer noch lauernde Gefahr ermutigt und tröstet der Beter die Fliehenden: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.«

Unter der Voraussetzung der starken Hilfe eines starken Gottes soll tatsächlich Erlösung geschehen und die Wüste blühen, soll alles heil und gut werden: Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.

Dieses zunächst einmalige Erlösungsgeschehen ist mit den Jahren und Jahrhunderten zum Beispiel und zum Vorbild für die Hoffnung auf Gottes Hilfe und Erlösung an anderen Orten und zu anderen Zeiten geworden. Noch aus verzweifelten Lagen soll Gott uns erlösen, wie damals das Volk Israel aus dem Exil in Babylon: Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.

Die Rede ist hier vom lieben Gott – wie denn nicht? – aber vom lieben Gott, der stark genug ist, sich für uns durchzusetzen. Darüber: „Jauchzet! frohlocket!“

Lebendiger Adventskalender 2024 – Termine

Ev. Thomasgemeinde und Kath. Kirchort St. Mauritius

4 Adventskerzen, alle 4 brennen

Mit Liedern, Geschichten und Gedichten im Kerzenschein feiern wir vom 1. bis 22. Dezember an jedem Abend eine adventliche Viertelstunde vor einer Tür in der Nachbarschaft. Der Beginn ist um 19.00 Uhr (sofern nicht anders angegeben).

Freuen Sie sich auf Klaviermusik mit Gabriela Blaudow am 8.12., den Kinderchor der Thomasgemeinde am 15.12. (17.00 Uhr), den Chor von St. Mauritius am 16.12., den Chor der Schumannschule am 19.12. (18.30 Uhr), die Waldweihnacht an der Feldkapelle am 22.12. (17.00 Uhr) und auf viele schöne Momente und Begegnungen bei unseren weiteren Gastgeberinnen und Gastgebern aus St. Mauritius und der Thomasgemeinde. Alle sind herzlich eingeladen!