Altjahresabend 2025

Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.

Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.

(Brief an die Hebräer 13, 8b-9)

„Was gibt’s Neues?“ – hat mein Vater – Gott hab ihn selig – regelmäßig zur Begrüßung gesagt und gefragt. „Was gibt’s Neues?“ Das war zum einen – so habe ich die Frage gedeutet – das Interesse am Leben der Kinder, an dem er mit den Jahren ja nicht mehr direkt teilnahm; und das war zum anderen die Sorge vor schlechten Neuigkeiten, die ihn mehr und mehr beherrschte. Lange vor dem Zeitalter des „Doomscrolling“ auf unseren Telefonbildschirmen saß er eigentlich täglich vor dem Fernseher, um in langer Folge Nachrichtensendung um Nachrichtensendung anzuschauen, die ihn, auch wenn es wenig Neues gab, zuverlässig mit kleinen und großen Kalamitäten aller Art versorgten. Verstehen konnte ich das damals nicht, oft genug habe ich darauf mit Unwillen reagiert, zumal es mir wie eine Art Fluch erschien, unter dem er stand – und unter dem heute so viele von uns stehen. Nachrichten als Sucht und Fluch zugleich. Only bad news are good news.

Für mich passt das gut zu einer Redensart, die wohl entgegen einer häufigen Zuschreibung nicht, oder zumindest nicht direkt aus dem Chinesischen stammt „Mögest du in interessanten Zeiten leben!“ Und sie ist anders als es vielleicht ein erster Eindruck erscheinen lässt, nicht als Segenswunsch, sondern als Fluch gemeint. „Mögest du in interessanten Zeiten leben!“ Denn das Interessante, das Neue ist hier das, was die Betroffenen plagt. Interessante Zeiten in diesem Sinne sind schlimme Zeiten, sind Seuchen- und Hungerjahre, sind Krisen und Kriege, Umstürze, Bankenzusammenbrüche und Firmenpleiten – wir wissen, was gemeint ist. Ein bisschen langweiliger, wäre schon schön.

Ein bisschen langweiliger, wäre schon schön. Also etwa so langweilig, wie die gute Nachricht von heute klingt: Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Langeweile als Programm. Der Vers müsste ja wohl – so stelle ich mir vor – der Alptraum jeder kirchlichen PR-Abteilung sein, die sich – stets auf der Suche nach dem heißesten Scheiß – der guten alten Botschaft, des Evangeliums schämt. Immer dasselbe. Immer so weiter. Alle Jahre wieder. Langweile vertont und gesungen.

Wir folgen aber heute nicht der bisweilen kopf- und atemlosen kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit, sondern dem Evangelium selbst. Gerade jetzt zum Jahreswechsel erklingt das Lob der scheinbar langweiligen, der vermeintlich uninteressanten Verlautbarung von der Beständigkeit und der Verlässlichkeit Gottes, und sie klingt ziemlich passend. Wenn alles fällt, bleibt doch der Eine bestehen. Wenn sich alles in Auflösung befindet, finden wir festen Halt an Gott. An ihm möge unser Herz fest werden – in den Worten unseres Autors, den wir außer durch seinen Brief nicht weiter kennen.

Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.

Diese Worte gehören zum Schlusskapitel seines Briefes an die Hebräer. Sie formulieren noch einmal prägnant die Gebrauchsanweisung seines Schreibens, so wie andere seiner Schlussworte ebenfalls zusammenfassend auf den praktischen Nutzen zielen:

Wenn er etwa das Vorübergehende unserer Existenz betont; Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Als wanderndes Gottesvolk versteht er die christliche Gemeinde; in der Nachfolge des Wanderers Jesus; im Rückblich und Anklang an das Volk der Hebräer, das sich immer als herumziehend, als nomadisch verstand, mit allen Konsequenzen für das praktische Leben.

Praxis klingt auch an, wenn es ihm um die Nächstenliebe als von den Juden erlernte christliche Grundtugend geht; Gutes zu tun und mit andern zu teilen vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott. Als erste und wichtigste Wanderregel gilt, dem anderen beizustehen – dem anderen, mit dem ich wandere, und dem anderen, dem ich begegne.

Wir könnten nun ein ums andere Thema, und zahlreiche, im Grunde jeden seiner Aussprüche betrachten – und immer würden wir erleben, dass der Autor an die Hebräer nicht auf der Suche nach Neuem ist, keine Neuigkeiten formulieren möchte – sondern in der gebotenen Ausführlichkeit und Umständlichkeit das Uralte seiner Botschaft herausstellt. Wichtig, bedeutend, gültig, sinnvoll – ist das was er zu sagen hat, nicht weil es neu ist, sondern weil es alt ist. Weil das Wesentliche das Alte ist.

Man könnte das beinahe für ein fernes Echo des Prediger Salomo halten, seines „Es gibt nichts Neues unter der Sonne“ – nur das dieser in tiefer Resignation dann gleich alles für absurd und nichtig erklärt hat: „Es ist alles ganz eitel, alles absurd, alles Windhauch, alles nichtig und flüchtig wie Kains Bruder Abel: Häbäl Habelim.“ Die Sehnsucht nach Neuem, Sucht und Fluch der neuesten Nachrichten verwandeln sich ihm in eine tiefe Skepsis am Leben, in eine beinahe zynische Lebensunlust: Alles schon geseh´n, alles schon erlebt, was soll ich dort?

Im völligen Gegensatz zum Prediger Salomo nimmt der Autor unseres Briefes an die Hebräer das Neue im Alten war, als das Alte, das wesentlich bleibt. Für ihn, wie für uns, ist dieses uralte Neue mit dem Namen Jesus Christus verbunden:

1Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, 2hat er zuletzt in diesen Tagen zu uns geredet durch den Sohn, den er eingesetzt hat zum Erben über alles, durch den er auch die Welten gemacht hat. 3Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens und trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort und hat vollbracht die Reinigung von den Sünden und hat sich gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe 4und ist so viel höher geworden als die Engel, wie der Name, den er ererbt hat, höher ist als ihr Name. (Hebräer 1)

Was gibt’s Neues? Gibt’s was Neues? Das Neue ist, dass das Uralte, von dem heute die Rede ist, gültig bleibt, weil es nicht veraltet. Der erste Anfang durch Gott bleibt sozusagen aktiv in seinem Sohn. „Schöpfung“ meint den ersten Anfang, der fortwährend neue Anfänge ermöglicht und verwirklicht. Jung bleiben wir, solange wir solche Anfänge für möglich halten. Neujahr und unsere Art es zu begehen, bezeichnen im besten Fall die kulturelle Aneignung der Kategorie Schöpfung: Siehe, ich mache alles neu! (Jahreslosung 2026). Amen.

Heiligabend 2025

Weihnachten ohne Glauben ist wie ein Leben ohne Mops: möglich aber sinnlos. Nicht allen vermittelt sich die tiefe Wahrheit solcher Sätze. Manche können sich ja sogar ohne den Besuch bei der Pufferchristel auf den Besuch des Christkinds vorbereiten. Und natürlich kann auch darüber streiten, wer mag. Aber vielleicht doch lieber zum Anlass nehmen, darüber nachzusinnen, was einem wirklich wichtig ist an Weihnachten. Was macht für uns Weihnachten zu Weihnachten?

Noch der wildeste, verstörendste ausgewachsene Feiertagsnotstand – sei er am Bildschirm erlebt oder im richtigen Leben erlitten – vermittelt, was Weihnachten eigentlich ist. Zu den kanonischen, in jeder Saison unbedingt zu sehenden Weihnachtsfilmen meiner Familie gehören deshalb wie bei vielen die Klassiker wie „Schöne Bescherung“ oder „Kevin allein zu Haus“ und manchmal muss es einfach „Stirb langsam“ sein mit Bruce Willis als unserem Weihnachtsmann.

Gerade die Leerstellen und Abwesenheiten, die Übertreibungen und Fehlleistungen zeigen an, was eigentlich gemeint ist mit dem Fest aller Feste. Manchmal brauchen wir Abstand, um das zu verstehen, und manchmal noch mehr Abstand, um darüber zu lachen. Weißt Du noch, als wir keinen Weihnachtsbaum hatten – und das inmitten der Weite der Wälder Schwedens, die noch nie kein Fuß betreten hat außer unseren – so kam es uns wenigstens vor; weißt du noch, als wir in unserer rotbemalten Bullerbü-Hütte gleich zwei Festtagsschmause hatten nach zwei konkurrierenden Traditionen – und keiner uns schmeckte; weißt Du noch, als uns ein Kind geboren war – das uns den Frieden nicht brachte, sondern nahm. Selten war ein Weihnachten so verkorkst; und selten hat ein so verkorkstes Weihnachten so genau gezeigt, was an Weihnachten wichtig ist und was nicht.

Und dabei plädiere ich doch keineswegs für das absichtliche Scheiternlassen der Feier; keineswegs für Nachlässigkeit bei der Vorbereitung oder Unachtsamkeit beim Fest; vielmehr dafür, alles für sein Gelingen zu tun; aber wohl wissend, dass das gar nicht in unserer Macht steht; und wohl wissend, dass auch noch die verkorkste Wirklichkeit die Wahrheit von Weihnachten nicht beschädigen kann, und zwar weil diese eben in seiner Möglichkeit liegt.

Denn: Das was wir an Weihnachten feiern ist eine Möglichkeit, die liegt in der Zukunft, und bezeichnet eine Hoffnung. Das ist theologisch entscheidend! Die Weihnachtsbotschaft: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens! – diese Botschaft bezieht sich nicht einfach auf eine andere Wirklichkeit – etwa in einem Paralleluniversum unserer selbstgebackenen Wünsche und selbstgebastelten Träume – sondern auf eine Möglichkeit, die Gott durch seine Engel und Propheten verkünden lässt und die Gott selbst herbeiführen wird. Nichts gegen Basteln und Backen an Weihnachten, nichts gegen Wünsche und Träume zum Fest – aber gemeint ist schon was anderes und in den Worten des Propheten Hesekiel klingt das damals wie heute so:

Mein Knecht David soll ihr König sein und der einzige Hirte für sie alle. Und sie sollen wandeln in meinen Rechten und meine Gebote halten und danach tun. Und sie sollen wieder in dem Lande wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe, in dem eure Väter gewohnt haben. Sie und ihre Kinder und Kindeskinder sollen darin wohnen für immer, und mein Knecht David soll für immer ihr Fürst sein. Und ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen, der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Und ich will sie erhalten und mehren, und mein Heiligtum soll unter ihnen sein für immer. Meine Wohnung soll unter ihnen sein, und ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein, damit auch die Völker erfahren, dass ich der Herr bin, der Israel heilig macht, wenn mein Heiligtum für immer unter ihnen sein wird. Amen.

Ein guter König, Frieden und Herrschaft des Rechts, Wohnung und Heimat für alle Menschen, Bund und Freundschaft unter den Völkern: zu viel um es schon für wirklich zu halten, zu wenig als bloße ort- und zeitlose Utopie; aber nicht mehr und nicht weniger als Gott es für seine Zukunft für uns verkünden lässt.

Man kann ja schlecht behaupten, dass die Weihnachtsbotschaft schon im Weihnachtsgeschehen erfüllt worden wäre. Ganz im Gegenteil haben wir auch heute wieder – alle Jahre wieder! – von den Nöten jener Zeit gehört, die wir aus unserer Zeit allzu gut, besser als wir uns das wünschen würden, kennen: Herrscherlicher Größenwahn – Make Rome Great Again!, Fremdherrschaft ohne Recht und Gesetz, Macht durch Gewalt, Krieg als Politik, Bedrückung der Armen, Mangel an Obdach und medizinischer Pflege, Unheiliges im heiligen Land.

Und dennoch erklingt ausgerechnet dort die Botschaft der Propheten und der Chor der Engel: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens! Für einen Moment bescheint das göttliche Licht noch den finstersten Ort dieser Erde; zeigt unübersehbar an, wie Gott seine Schöpfung gemeint hat und immer noch meint: als moralisches Universum, in dem jeder Akt des Rechts die Gerechtigkeit stärkt und jeder Akt der Nächstenliebe unweigerlich den nächsten nach sich zieht. Wäre doch schade, wenn ausgerechnet mit unserer Generation diese Glaubenswahrheit von Weihnachten verstummen sollte.

„Wenn´s aber keinen Gott gibt und keine Macht, die die unterschiedlichen Elemente zusammengefügt, was sind dann Worte, und woher kommt das innere Licht?

Und woher kommt die Freude? Wohin geht das Nichts? Wo wohnt die Vergebung?

Warum verschwinden die kleinen Träume am Morgen und die großen wachsen?“ (Adam Zagajewski)

Darum eben: Weil es Gott gibt; und weil Gott an Weihnachten Mensch geworden ist; und weil er unser König sein will. Amen.

Egon Eiermann – Kirchenbau der Moderne

Mutschler Striffler Rossmann Schell
Egon Eiermann baut mit der Matthäuskirche in Pforzheim und der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin die beiden wichtigsten evangelischen Kirchen der Nachkriegsmoderne in Deutschland. Sie sind geprägt von einfachen geometrischen Formen und der Sichtbarkeit der technischen Mittel, teilweise unter Verwendung industriell gefertigter Formteile. Gegenwärtigkeit, Einfachheit und Klarheit sind Kennzeichen seiner Architektur.

In unterschiedlicher Weise, aber jeweils mit deutlichem Bezug errichten ehemalige Schüler und Mitarbeiter von ihm ebenfalls bedeutende, vielfach ausgezeichnete evangelische Kirchenbauten dieser Zeit des gesellschaftlichen Aufbruchs:
Carlfried Mutschler die Pfingstbergkirche in Mannheim, Helmut Striffler die Trinitatiskirche in Mannheim, Erich Rossmann die Lukaskirche in Karlsruhe und Rainer Schell beginnend mit der Christuskirche in Niederlahnstein gleich sechs weitere individuelle Varianten dieses Typs, zu denen auch die Thomaskirche in Wiesbaden gehört.
Auch wenn sich die Genannten in weiteren Bauten teilweise weit von Eiermann entfernen, zeigen die Beispiele Kreativität und Qualität seiner Idee vom Bauen.

Kirchenbau der Moderne
Kirchenbau der Moderne

Klaus Neumann, Layout: Jutta Rösner

Predigt zum Michaelstag am 29. September, 28.09.2025

Die Zweiundsiebzig aber kamen zurück voll Freude und sprachen: Herr, auch die Dämonen sind uns untertan in deinem Namen. Er sprach aber zu ihnen: Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. Seht, ich habe euch Macht gegeben, zu treten auf Schlangen und Skorpione, und Macht über alle Gewalt des Feindes; und nichts wird euch schaden. Doch darüber freut euch nicht, dass euch die Geister untertan sind. Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind. (Lukas 10, 17-20)

Einen starken Engel wünsche ich mir. Einen starken Engel, der mich gegen Gewalt aller Art in mir und außer mir schützt, der mich gegen Gewalt von Schlangen und Skorpionen beschützt, gegen Blitz und Donner, gegen den Satan selbst beschützen kann; und der mir so den Himmel befreit. So wie der starke Engel Michael, auf den auch unser kleines Textstück anspielt; auf den Engelskampf nämlich, den Michael gegen Satan und alle Teufel dieser Erde und dieses Himmels kämpft und besteht, für uns besteht:

„Und es entbrannte ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen. Und der Drache kämpfte und seine Engel, und er siegte nicht, und ihre Stätte wurde nicht mehr gefunden im Himmel. Und es wurde hinausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt. Er wurde auf die Erde geworfen, und seine Engel wurden mit ihm dahin geworfen.“ (Offenbarung des Johannes 12,7-9)

So sieht es der Seher Johannes und so schreibt dann der Evangelist vom starken Engel Michael, so wie ich ihn mir wünsche.

Und so wie wir ihn heute gemalt vor uns sehen, den starken Engel, die starken Engel, drei in eins und eins in drei (wir kennen das), wie ihn unsere liebe Nachbarin und Künstlerin Erika Fröhlich gesehen und für uns gemalt hat, in starken Farben. Lassen Sie ihn uns ein paar Minuten betrachten, jeder für sich und bedenken, was wir uns von diesem Engel wünschen würden … (Musik)

Ein starker Engel für mich, drei starke Engel (Nein, nicht die drei Engel!), drei in einem und einer in dreien, dreifach kraftvoll, kraftvoll farbig, die das in ihrer Mitte beschützen und stärken; die sich in Bewegung setzen, voller Bewegung sind und in das Licht streben, ihrer Mitte und ihrem Ziel entgegen. Das Dunkel ist überwunden, von dem wir alle wissen und von dem auch die Bibel weiß und spricht und nicht schweigt; das ganze Satans- und Teufelspack auf der ganzen Welt, dazu Blitz und Donner, Schlangen und Skorpione, die teuflischen Mächte und der ganze satanische Rest überall, außer uns und in uns selbst. Wir werden die nicht beherrschen. Aber Gott sendet uns starke Engel, seinen starken Engel Michael, uns zu gut, uns den Himmel zu befreien: Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.

Diesen starken Engel sollen wir uns gefallen lassen, damit wir uns nicht alles gefallen lassen müssen. Denn dieser Engel lässt sich nicht alles gefallen. Was mich übrigens an einen guten Schüler, aufgeweckten Konfirmanden und netten Nachbarn erinnert, der nach einer ausführlichen Unterrichtseinheit über die Bergpredigt – „Du sollst deinen Feind lieben, wie dich selbst. Wenn dich einer auf die rechte Backe haut, halte auch die linke hin. Selig sind die Friedfertigen“ – dieser Schüler, der wie wir alle diese Lektion aus der Bergpredigt durchaus nötig hatte, also antwortet auf die Frage an die Klasse, was denn nun das wichtigste Gebot sei, dass uns Jesus von Gott weitersagt und dass auch für uns wichtig sein soll; auf diese Frage antwortet er: „Sich nicht alles gefallen lassen.“ Oje! Das kann selbst den liberalsten Religionslehrer, der meistens noch die abwegigsten Antworten zurechtbiegt, aus der Reserve locken, aber wie wäre denn dieses: „Sich nicht alles gefallen lassen“ zu retten? Damals gar nicht. Damals habe ich nur gestaunt und wie so oft am Sinn meiner Unterrichtsbemühungen gezweifelt.

Heute bin ich etwas klüger; denn weder der starke Engel, dem wir heute begegnen, noch Jesus selbst, in dessen Namen und Auftrag dieser Engel handelt, lässt sich alles gefallen. In seltenen Momenten schmeißt ein ungehaltener Jesus die Händler aus dem Tempel, beschimpft seine Gegner als Schlangen und Otterngezücht (was nicht nett ist!), fährt seine Jünger an, weist seine Familie, seine Mutter zumal, zurecht. Nicht weil wir uns das selbst zur Regel machen sollten, sondern weil er sich eben nicht alles gefallen lässt und man sich nicht alles gefallen lassen muss.

Dabei hat doch Jesus so viel an sich geschehen lassen: Spott, Leid und Tod; und leidet noch heute im Leiden der Menschen mit. Und wir sollen nicht so tun, dass das Gottes Willen wäre, was da an Scheußlichkeiten geschieht – und ja doch auch unbegreiflicherweise für uns aus seinem Willen heraus – doch und trotzdem mit und gegen seinen Willen – geschieht. Als ob Gott selbst mit sich in Streit geraten wäre, als ob es einen Streit im Himmel selbst geben würde: Nemo contra deum nisi deus ipse, Niemand gegen Gott, wenn nicht Gott selbst, wie die großen Theologen dieses unlösbare Rätsel, zumindest in klaren Gedanken unlösbare Paradox – nun nicht lösen – aber auf den Punkt zu bringen versuchen. Niemand gegen Gott, wenn nicht Gott selbst. Als ob es einen Streit in Gott, im Himmel geben könnte.

Aber genau davon ist ja nun heute die Rede: „Und es entbrannte ein Streit im Himmel“, den Michael gegen Satan stellvertretend für Gott auf der einen und für uns Menschen auf der anderen Seite austrägt. Als großes Weltgemälde zeichnet uns das der Seher Johannes und nach seinem Bild der Evangelist Lukas – übrigens als einziger der vier Evangelisten, so ferne und so heikel ist ihnen dieses Bild – aber er zeichnet und malt damit ein Geschehen, das kaum in Worte zu fassen ist: Dass sich Gott selbst nicht alles gefallen lässt. Dass ein Streit im Himmel entbrennt.

Als seinen Stellvertreter schickt Gott seinen starken Engel Michael in den Kampf („Auf in den Kampf!“) gegen seinen stärksten Widersacher – und: lässt ihn siegen! Im Himmel zuerst kämpfen und siegen, damit dieser frei werde, auch für uns; aber eben auch bei uns auf dieser schönen Erde frei von Schlangen und Skorpionen und dem Otterngezücht, das schon Jesus geplagt hat, damit diese Erde wahrhaft schön wieder werde.

Ich will in den drei Engeln von Erika Fröhlich auch die auf die Erde kehrende kraftvolle Schar des Michael erkennen, wie sie aus dem Licht – aus dem neu Licht gewordenen Himmel – auf die Erde kommt uns zur Stärke und Hilfe, wie wir das zu Konfirmation auch unseren Konfirmanden zusprechen, besonders denen, die sich nicht alles gefallen lassen: Schutz und Schirm vor allem Argen, Stärke und Hilfe zu allem Guten, aus der gnädigen Hand Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Diesen starken Engel wünsche ich mir, gerade dann, wenn ich mir am meisten gefallen lassen muss. Amen.

„Du machst ja ein Gesicht wie die Muttergottes von Schmerlenbach!“

(Andacht für die Klausur des Nachbarschaftsraums in Schmerlenbach im Spessart, im September 2025)

Die hier im katholischen Teil des Spessarts angeblich wohlbekannte Redensart „ein Gesicht wie die Muttergottes von Schmerlenbach machen“ bezieht sich auf den leidenden Gesichtsausdruck des gotischen Gnadenbildes in der Wallfahrtskirche in Schmerlenbach. Kein künstlerisch besonders wertvolles Werk wie für ein Museum, sondern ein religiöser Kultgegenstand, der bis heute „in Betrieb“ ist. Ziemlich übertrieben – mindestens für protestantische Empfindlichkeiten ziemlich übertrieben, beinahe karikaturhaft, fast kitschig spritzen bei Jesus das Blut und bei Maria die Tränen hervor als unübersehbare Signale von Leid und Mitleid. Aber gerade seine kunstlose Naivität, seine in Marias Gesicht bildgewordene Pausbäckigkeit, nimmt für das Bild ein. Es hat gar nicht nötig, perfekt oder brillant zu sein. Wie ein Bild, das ein Kind gemalt hat, hat es andere Qualitäten als etwa die der nach demselben Thema geschaffenen römischen Pieta des Michelangelo, die doch beinahe viel zu schön ist, um sich mit ihr zu identifizieren (so schön wie dieser heldenhafte Jesus, wie die mädchenhafte Maria sind die wenigsten, die sie heutzutage im Petersdom betrachten).

Der Betrachter der Schmerlenbacher Pieta ist eingeladen, das Bild für sich zu nutzen, eigene Erfahrungen hier einzutragen und darin Trost zu empfangen: Dem Gottessohn, der Gottesmutter geht’s wie mir. Unmittelbar einleuchtend und universell anschlussfähig überträgt sich die elementare Botschaft vom leidenden Kind und mitleidenden Eltern – wer in der Welt kennt das denn nicht? -; verbindet sich mit den religiösen Prägungen unserer Lebensgeschichten, knüpft an die Geschichten der Bibel an, die wir kennen, verdichtet sich zum Konzept christlicher Nächstenliebe als wesentlichem Kennzeichen unseres Glaubens; der Nächstenliebe, die Leiden und Sterben aushält, das Liebste umarmt und in Armen hält: Niemand kann tiefer fallen als in die Hände des liebenden Gottes, der spricht: Ich will dich trösten, wie dich eine Mutter tröstet.

Dass Mitleid mehr ist als eine sentimentale Regung und Nächstenliebe anderes als ein ethisches Konzept, versucht uns die Bibel durchweg zu lehren. Als Gesinnung des Glaubens, die der Bewegung Gottes zum Leid der Menschen folgt, beschreibt Paulus sie anhand des Philipperhymnus (Philipper 2,5-11, hier: 5-8):

Seid so unter euch gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht:
Er, der in göttlicher Gestalt war,
hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein,
sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an,
ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.
Er erniedrigte sich selbst
und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. …

Nächstenliebe ist demnach verbunden mit dem Verzicht auf das eigene; mit dem Verzicht, auf das, was mir gehört und angeblich verdientermaßen zukommt; auf das, was ich für mich beanspruche; auf das, was ich so kostbar wie für Raubgut halte und um jeden Preis festhalten will, koste es, was es wolle – koste es mich selbst und andere, was es wolle; und selbst wenn es mir noch so sehr schadet, meinen angeblichen „Besitz“ festzuhalten, dennoch mit aller Kraft und allem Starrsinn daran festhaltend.

Anders damals der Samaritaner, den es etwas kostet zu helfen, nämlich genau das, was die anderen beiden Passanten nicht zu zahlen bereit sind. Es mag ja sogar sein, dass wir manchmal günstig mit unserem Mitleid wegkommen; aber wir müssen damit rechnen, dass unsere Knausrigkeit dem Leidenden nicht entgeht. Dahingeplappertes Mitleid tröstet nicht, das kann man sich sparen. Aber die teure Liebe tut, was sie sagt.

Aus einer gewissen, unfreiwillig neuerworbenen Expertise heraus kann ich bestätigen, dass sich mit der gesteigerten Mitleidsbedürftigkeit auch das Sensorium darüber verfeinert, welches Mitleid ernst gemeint ist, welche Nächstenliebe weiterhilft und welcher Trost tröstet. Und man könnte es das Nächstenliebe-Paradox nennen, dass die am meisten hilft, die am wenigsten verspricht, am wenigsten aus dem blauen Himmel herunter oder aus sich selbst heraus verspricht – und am wenigsten dem widerspricht, was sie tut. Je einfacher, schlichter und naiver, desto besser.

Darin trifft die kindlich-naive Pieta in Schmerlenbach ihr Thema, das Wesen des Mitleids, gerade in ihren unbeholfenen künstlerischen Mitteln und ihrer unerschütterlich schlichten Glaubensweisheit. Am Ende hilft eh nur gemeinsam aushalten, in den Armen halten, für den anderen da sein. Amen.

Sonntag nach Trinitatis, 24. August 2025

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Der Predigttext für den heutigen 10. Sonntag nach Trinitatis steht bei Markus im 12. Kapitel:

Und es trat zu ihm (zu Jesus) einer der Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen? Jesus antwortete: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft« 5. Mose 6,4-5. Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« 3. Mose 19,18. Es ist kein anderes Gebot größer als diese.

Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Ja, Meister, du hast recht geredet! Er ist einer, und ist kein anderer außer ihm; und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und mit aller Kraft, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer. Da Jesus sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen. (Markus 12,28-34)

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder, liebe Konfirmanden!

Mal was ganz anderes vorneweg: Wer lässt sich nicht gerne ablenken?

Also gerade dann ablenken, wenn etwas zu erledigen ist, was vielleicht nicht nur Spaß macht, sondern auch anstrengend sein könnte. Holt ihr euch vorher auch noch gerne was zu trinken, schaut aus dem Fenster, macht die Lieblingsmusik an, sendet noch schnell einen Text oder schaut euch ein Bild an, wenn es eigentlich mit der Arbeit losgehen sollte? Die vorläufig gute Nachricht für uns Abgelenkte ist, dass es seit längerem einen schicken Begriff für solche Ablenkungen gibt: Multitasking. Multitasking ist – und jetzt übertreibe ich nur ein ganz klein wenig – die vornehme Version der Ablenkung.

Multitasking ist unter anderem die Vorstellung, mehrere Sachen gleichzeitig erledigen zu können; als ob ich also neben dem Aufschreiben meiner Predigt auch noch Emails erledigen und den einen oder anderen Anruf entgegennehmen könnte; oder für Schüler vielleicht etwas lebensnäher, als ob ich gleichzeitig meine Hausaufgaben erledigen (dumme Sache!), Musik hören, meine Accounts pflegen und den einen oder anderen Anruf entgegennehmen könnte. Wäre ja praktisch und zeitsparend – – – klappt aber nicht! Das war schon die schlechte Nachricht.

Denn Multitasking ist ein Gerücht: Je mehr andere Sachen nebenherlaufen, desto schlechter wird das Ergebnis der Hauptsache, die ich eigentlich machen will und soll. Klar, irgendetwas wird schon irgendwie dabei herauskommen, die Seiten werden möglicherweise gefüllt, aber vielleicht doch nicht so, wie es eigentlich möglich wäre. Je mehr Sachen laufen, desto mehr verteilt sich die Energie, desto weniger habe ich für das eine wichtige, auf das es doch eigentlich ankommt. Nicht selten habe ich, wenn ich zu viel gleichzeitig will, gar nichts in den Händen. Und es geht mir womöglich so wie den Leuten in dem alten Witz aus der alten DDR: Keine Wurst gibst gegenüber, hier gibt’s keinen Käse.

Umgekehrt: je weniger nebenherläuft, desto besser wird mein Ergebnis; das ist so sicher wie das Amen in der Kirche, was übrigens auch die Experten, die nichts mit Kirche am Hut haben, bestätigen. Die empfehlen uns bei Aufgaben und Erledigungen aller Art, uns auf eins und nur eins zu konzentrieren – one at a time. Sie empfehlen uns, unsere Energie zu fokussieren und das ganze andere Zeugs mal beiseite zu lassen.

Und genau das – diese Konzentration, diesen Fokus – empfiehlt uns heute auch der Religionsexperte, also eigentlich empfehlen es die drei Experten in Sachen Religion, die in unserem Text zu Wort kommen und glasklar übereinstimmen: Mose, der Gesetzeslehrer der Juden, dann ein weiterer jüdischer Schriftgelehrter und Jesus, ebenfalls jüdischer Schriftgelehrter, aber noch viel mehr. Jesus will ja das Beste seiner jüdischen Religion – und das ist fast alles! – für uns Nichtjuden erreichbar und hörbar machen, so dass wir daran glauben und unser Leben daran ausrichten können. Er lässt uns heute das eine Wort konzentrierten, kondensierten, fokussierten, verdichteten Glaubens hören, das uns mit unseren ganzen religiösen Aufmerksamkeitsproblemen hilft:

»Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft« Und: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«

Jeder fromme Jude spricht dieses Wort, den ersten Teil davon, jeden Tag. Es ist das berühmte „Schma Jisrael“, mit dem sich jeder Jude – und wenn es nach Jesus geht – eben auch jeder Christ auf den einen und einzigen Gott konzentriert und – zumindest für die Zeit des Gebets das andere Zeugs mal sein lässt. Kein Multitasking, sondern Monotasking, wie es im Lehrbuch steht. Keine Ablenkung, sondern vollen Fokus auf den einen und einzigen Gott.

Das ist – wenig überraschend und keineswegs zufällig – das Programm für den Konfirmandenkurs, der nun so richtig beginnen soll: Lasst uns gemeinsam auf Gottes Wort hören! Lasst uns gemeinsam hören und miteinander besprechen, was Gott uns zu sagen hat! Lasst uns diskutieren und herausfinden, was es für uns heißen kann, Gott zu lieben und unseren Nächsten, also unseren Mitmenschen wie uns selbst. Und lasst uns dabei mit den Experten unserer Religion – natürlich auch mit eurem Gemeindepädagogen und mit eurem Pfarrer – aber zuerst und vor allem mit Mose und Jesus und den Aposteln ins Gespräch kommen, was es mit Gottesliebe und Nächstenliebe auf sich hat.

Jetzt könnten Schlaumeier – die sich nicht so leicht ablenken lassen! – fragen: Gottesliebe und Nächstenliebe? Das sind doch schon zwei Sachen statt einer und einzigen, zu denen wir aufgefordert werde, streng genommen müsste hier doch schon ein schwerer Fall von Multitasking vorliegen. Und angeblich geht doch nur eins; entweder ich entscheide mich für die Religion, also Gott zu lieben – oder für die Menschen. Anders verfehle ich beide, oder nicht?

Tatsächlich gibt es Menschen, und durchaus welche, die sich den Anstrich von Experten geben, die genau das seit jeher behaupten.

Die z.B. sagen, dass es nicht so sehr auf den Glauben ankäme, viel wichtiger sei es doch, ein guter Mensch zu sein. Und andere umgekehrt, die sagen, dass wenn ich Gott liebe und er mich, ich mir doch eigentlich alles erlauben kann – und sei es noch die größte Schweinerei. „Gottes Freund und aller Welt Feind“, war der Wahlspruch des bösen und gefürchteten Piraten Klaus Störtebecker in der Ostsee – da waren jetzt gerade manche von uns. Und manchmal wird sogar behauptet, dass das eine das andere beschädigt oder regelrecht unmöglich macht: Wer Gott liebt, kann das Leben nicht lieben. Ist das so?

Darüber wollen und werden wir ins Gespräch kommen in der nächsten Zeit. Und wir werden gemeinsam und jeder für sich prüfen, was für uns dran ist mit der Religion, welche Antworten auf unsere Fragen die Bibel bereithält. Eine ziemlich geniale Antwort, gerade auch auf unsere Frage ist Jesus Christus, womit jetzt nicht der alte Witz aus der Schule gemeint ist, dass die Antwort „Jesus“ im Reli-Unterricht eigentlich immer stimmt (Für die, die den Witz nicht kennen oder nochmal hören wollen: Einer der Schüler, nennen wir ihn Fritzchen, ist abgelenkt und starrt aus dem Fenster, soll vorkommen. So spannend ist das jetzt gerade alles nicht. Ein Eichhörnchen hüpft vorbei. Die menschenfreundliche Lehrerin fragt: Fritzchen, was ist das? Worauf es dieser mit der Goldstandard-Antwort versucht: Jesus?)

In Jesus Christus begegnen wir Gott und den Menschen zugleich, womit sich die Frage nach verbotenem Multitasking erstmal erledigt hätte: Gottesliebe und Nächstenliebe fallen nicht auseinander, sondern ineinander. Wer seinen Mitmenschen liebt, begegnet Gott. Komplizierter wird es nicht, aber auch nicht einfacher mit dem Glauben.

Die Prognose besteht, dass wir uns auch in der kommenden Zeit des Unterrichts ablenken lassen. Ablenkungen, Abschweifungen, Störungen allerart sind zu erwarten. Aber am Ende werden wir uns von Gott rufen lassen und unter sein Wort versammeln: Gott ist die Liebe. Und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott in ihm. Amen.

Konzert mit Orgel, Klavier und Gesang am 7. September

Plakat Konzert mit Orgel und Klavier sowie Gesang am 7.9.25 in der Thomaskirche
Plakat Konzert mit Orgel und Klavier sowie Gesang am 7.9.25 in der Thomaskirche

Wir laden herzlich ein zum Konzert mit Orgel, Klavier und Gesang am

Sonntag, 7. September 2025 um 17 Uhr in der Thomaskirche

Gabriela Blaudow, Andreas Leuck und Lisa Rau spielen bzw. singen Musik von Händel, Mozart, Michel und Dvořák. Der Eintritt ist frei, um eine Spende an die Musikerinnen wird gebeten.

Reiseerinnerung

Als wir einmal den Heiligen Vater in Rom besuchten …
Wenn dieser Gemeindebrief aus dem Druck kommt, wird längst weißer Rauch aufgestiegen und ein neuer Papst gewählt worden sein. Aber auch dann wird es gute Gründe geben, sich an Papst Franziskus zu erinnern, auch für evangelische Christen. Und für uns als Besucher der Heiligen Stadt und Teilnehmer einer Gemeindefahrt nach Rom im Januar des fernen, aber in der Erinnerung ganz nahen Jahres 2017 ohnehin. Streng antizyklisch (auch saisonal) im Jubiläumsjahr der Reformation und nachdem wir zwei Jahre zuvor Wittenberg besucht hatten, führte eine recht stattliche Gruppe aus den evangelischen Gemeinden Thomas und Versöhnung wie auch aus der katholischen St. Mauritiusgemeinde der Weg von Wiesbaden nach Rom. Das war durchaus eine Pilgerfahrt allerdings im Kleid einer ganz normalen Besuchsreise, die selbstverständlich die Sehenswürdigkeiten des antiken Rom mit Kolosseum, Forum Romanum und den Ruinen von Ostia einschloss, die wir entweder bei klirrender Kälte oder strömendem Regen, gerne auch in Kombination beider (es war ja Januar!), besichtigten.

Aber der Höhepunkt war für mich der gemeinsame Besuch von uns Evangelischen und Katholischen bei Papst Franziskus im Vatikan. Wie gewöhnlich im Winter nicht auf dem Petersplatz, sondern in der Audienzhalle links des Doms haben wir uns mit vielen anderen Besuchern eingefunden, den Papst – nun nicht hautnah, aber doch von Angesicht zu Angesicht – zu erleben. Bei allem Rummel, der wohl dazugehört, der aber auf dem Platz um einiges größer als in der Halle ist, haben wir durchaus so etwas wie eine besondere Gegenwart, etwas beinahe „Auratisches“ gespürt, ich jedenfalls. („Der Papst ist kein Fabelwesen!“, wie ein Dreijähriger auf den Schultern seines Vaters und angesichts des päpstlichen Vorgängers des Franziskus einmal so treffend bemerkte, womit er gleichzeitig recht und unrecht hatte.) Im Gespräch mit unseren katholischen Reisegefährten und Mitpilgern wie Professor Linhart, der uns ja schon oft mit seiner Frau auf unseren Pilgergängen im Rheingau geführt hatte (und der uns vor ein paar Wochen für immer verlassen hat; Gott hab´ ihn selig und tröste seine Angehörigen!), konnten selbst nüchterne Protestanten für einen Moment ahnen, was diese persönliche und gleichzeitig hochsymbolische Verbindung zu den Jüngern Jesu bedeuten kann. In den Momenten der Begegnung damals zeigte sich für uns die Menschenfreundlichkeit, Warmherzigkeit und Herzlichkeit dieses Menschen im Dienst Gottes. Werbung für die Kirche im besten Sinne. Gründe genug, uns demnächst auf den Weg auch zu seinem Nachfolger zu machen.

Trinitatis „Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist“

Vor 1700 Jahren versammelt der römische Kaiser Konstantin die Bischöfe der weltweiten christlichen Kirche in Nicäa im Westen der heutigen Türkei, um verbindlich festzulegen, was der Gegenstand christlichen Glaubens sei, insbesondere wer Christus sei im Verhältnis zu Gott, dem Vater, dem Schöpfer der Welt. Mensch oder Gott war hier die Frage, die schon seit längerem die Christen bewegte und trennte. Während die einen glaubten, dass Jesus Christus ein durch Gott beauftragter und begabter Gott-Mensch, etwa ein Prophet sei – aber eben nicht Gott selbst, glaubten die anderen, dass Jesus Christus nur als Gott verlässlich Offenbarer und Erlöser sein könnte. Und der erst kürzlich zum christlichen Glauben gekommene Kaiser Konstantin, wollte über diese Frage nicht Streit, sondern Klarheit und Einigkeit in seinem immer christlicher werdenden Reich.

Damit verdankt sich das Grundbekenntnis der meisten Christen (bis heute und fast aller Konfessionen) einem politischen, ja macht-politischen Vorgang, was durchaus interessant sein könnte in heutigen Debatten der einen oder anderen Art. In seiner ein paar Jahrzehnte jüngeren und um die Aussagen über den Heiligen Geist ergänzten Fassung, dem sogenannten „Nicäno-Konstantinopolitanum“ aus dem Jahr 381 (unten abgedruckt) steht dieses Bekenntnis noch heute in den Gesangbüchern, also nicht als verstaubte, beinahe vergessene Textreliquie, sondern zum Gebrauch in unseren Gottesdiensten. Der wird ausdrücklich empfohlen, nicht nur an den jetzt kommenden hohen Feiertagen Pfingsten und Trinitatis.

Das Bekenntnis zu Jesus Christus als Gottes Sohn und damit zum trinitarischen Gott dient zuerst und zuletzt dem Lob und der Verehrung Gottes. Es will gebetet und am besten gesungen werden, auch weil es im Wesentlichen sowieso nicht verstanden oder begriffen werden kann. Es entzieht sich – wie Gott selbst – dem Zugriff unseres Verstandes, aber es markiert die Grenzen, innerhalb derer wir Gott in Christus suchen können.

In den folgenden Worten bringen die in Nizäa versammelten Geistlichen ihren Glauben zur Sprache:
Wir glauben an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, der alles geschaffen hat, Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt.
Und an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch ihn ist alles geschaffen. Für uns Menschen und zu unserm Heil ist er vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden. Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus, hat gelitten und ist begraben worden, ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift und aufgefahren in den Himmel. Er sitzt zur Rechten des Vaters und wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten; seiner Herrschaft wird kein Ende sein. Wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht, der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird, der gesprochen hat durch die Propheten, und die eine, heilige, allgemeine und apostolische Kirche. Wir bekennen die eine Taufe zur Vergebung der Sünden. Wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt. Amen.

Klaus Neumann