Okuli, 3. Sonntag der Passionszeit, 23. März 2025

HERR, du hast mich überredet, und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich.

Denn sooft ich rede, muss ich schreien; »Frevel und Gewalt!« muss ich rufen. Denn des HERRN Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich.

Da dachte ich: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich’s nicht ertragen konnte; ich wäre schier vergangen.

Denn ich höre, wie viele heimlich reden: »Schrecken ist um und um!« »Verklagt ihn!« »Wir wollen ihn verklagen!« Alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle: »Vielleicht lässt er sich überlisten, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen.«

Aber der HERR ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen. (Buch des Propheten Jeremia 20)

Liebe Gemeinde,

von der Last des prophetischen Amtes ist hier beim Propheten Jeremias die Rede – und soll also heute die Rede sein. Von den Widrigkeiten der öffentlichen Wortverkündigung, von den Widerständen, die ein Knecht Gottes erfährt. So schwer kann die Last werden, dass die Füße nicht mehr gehen wollen, die Stimme bricht, der Rücken sich krümmt. Das Amt zu schwer wird – vielleicht von Anfang an zu schwer war.

In diesem Jahr 2025, erinnern wir uns an ein Geschehen vor 500 Jahren, wenn ich richtig rechne also 1525, das trotz mancher Versuche der Umbenennung immer noch Bauernkrieg heißt, und aus guten Gründen so heißt: Bauernkrieg. In diesem – noch aus der zeitlichen Ferne vielfach herzzerreißenden Geschehen von Aufruhr und Unterdrückung, Gewalt und Gegengewalt, von ungeheuren Opfern, von 100.000 Toten ist zu reden; erheben auch Geistliche, Diener Gottes, Propheten die Stimme; besonders laut, bisweilen schrill Thomas Müntzer.

„Darum seid getrost und tut Gott den Dienst und vertilget diese untüchtige Oberkeit. Dann was hilfts, ob wir schon Frieden machten mit ihnen, denn sie wollen doch fortfahren, uns nicht freilassen, treiben uns zu Abgötterei. Nun seind wir schuldig, lieber zu sterben, denn in ihr Abgötterei zu verwilligen. Es were je besser, daß wir Merterer wurden, dann daß wir leiden, daß uns das Evangelium entzogen werd und wir zu der Pfaffen Mißbrauche gedrungen werden. Darüber weiß ich gewißlich, daß Gott uns helfen würd und uns Sieg geben, denn er hat mir mündlich solches zugesagt und befohlen, daß ich alle Stend soll reformieren. …

Laßt euch nicht erschrecken das schwach Fleisch und greift die Feind kühnlich an, dörft das Geschütz nit förchten, dann ihr sollt sehen, daß ich alle Büchsenstein in Ärmel fassen will, die sie gegen uns schießen. Ja ihr sehent, daß Gott auf unser Seiten ist, denn er gibt uns jetzund ein Zeichen. Sehent ihr nicht den Regenbogen am Himmel? Der bedeut, daß Gott uns, die wir den Regenbogen im Banner führen, helfen will und dreuet den mördrischen Fürsten Gericht und Strafe. Darum seind unerschrocken und tröstet euch göttlicher Hilf und stellt euch zu Wehre. Es will Gott nicht, daß ihr Fried mit den gottlosen Fürsten machet.“ (Letzte Predigt Müntzers vor der Schlacht bei Frankenhausen 15. Mai 1525)

Thomas Müntzer von Allstedt am Harz, Reformator der ersten Stunde, Wegbereiter der evangelischen Lehre, Autor der ersten Gottesdienstordnung in deutscher Sprache, Dichter geistlicher Lieder, deren einziges, das noch im Gesangbuch steht, wir heute gesungen haben; aber auch unruhiger mit unstetem Leben, Wanderer am – wie er es sah – Ende der Zeiten, Getriebener des Geistes, wobei nicht immer klar war, ob das ein heiliger war; Vertriebener aus eigentlich allen Orten und Ämtern und am Ende, nachdem er durch seine letzte, fanatische Predigt die Aufständischen in Frankenhausen in Schlacht und Tod gesendet hat, selbst grausam gefoltert und ermordet durch die Knechte der Fürsten; Opfer seines Eifers, der Verhältnisse, der grausamen Rache einer unbarmherzigen Obrigkeit; durch das Schwert umgekommen, das er selbst in die Hand genommen hat.

An ihm, dem Propheten, der sich verlaufen hat, wird in völlig übertriebener, geradezu karikaturhafter Weise sichtbar und unübersehbar deutlich, was das ist, ein geistliches Amt;

was er zu tragen hat: ein Gottesmann; was er auszuhalten genötigt wird als Stimme Gottes. Viel mehr jedenfalls, als jemand, als ein Mensch aushalten und tragen kann. Und das nicht nur wegen der unerträglichen Verzerrung des Amtes, die er selbst vollzieht; sondern weil das geistliche Amt immer schon und von sich eine Überforderung, eine Überdehnung, eine Verzerrung in sich trägt; strukturell sozusagen, unausweichlich; das gehört zum Amt dazu. Denn: als gottloser Sünder soll ich Gott verkündigen; aus jenseitiger Ferne von Gottes Nähe sprechen; als Mensch Gott loben. Wie soll das gehen?

Ich, gottloser Sünder, will Gott loben: Das formuliert den Auftrag und zugleich den Zwiespalt des geistlichen Amtes, von dem auch Jeremias spricht und unter dem er leidet. Von der Gottlosigkeit der Menschen, seiner selbst natürlich auch, und der Gottheit Gottes soll er sprechen. Das Prophetenamt benennt eine unmögliche Möglichkeit. Wie könnte er daran nicht zerbrechen?

Von keinem anderen Propheten überliefert die Bibel eine so ergreifende Leidensgeschichte. Weich wie grüner Weizen fühlt sich Jeremia seiner frühen Berufung nicht gewachsen. Der prophetische Auftrag quält Jeremia und macht sein Herz krank. Was Gott ihm zumutet, empfindet Jeremia als bewusste Täuschung. Jeremia muss Israel den Untergang verkündigen und darf noch nicht einmal beten für sein Volk. Dafür wird Jeremia gehasst, verfolgt, eingesperrt, gefoltert, tödlich bedroht. Etwa 40 Jahre ist Jeremia mit Worten, Schrift, Aktionen und seiner gesamten Existenz der Mund Gottes. Dabei lässt Jeremia auch seine eigene Stimme, sein heulen hören. Eindrücklich ist sein inneres und äußeres Leiden dokumentiert. In direkter Fortsetzung unseres Predigttextes klagt Jeremia sein Leid, verflucht sein Leben:

Verflucht sei der Tag, an dem ich geboren bin; der Tag soll ungesegnet sein, an dem mich meine Mutter geboren hat!

Verflucht sei, der meinem Vater gute Botschaft brachte und sprach: »Du hast einen Sohn«, so daß er ihn fröhlich machte!

Der Tag soll sein wie die Städte, die der HERR vernichtet hat ohne Erbarmen. Am Morgen soll er Wehklage hören und am Mittag Kriegsgeschrei,

weil er mich nicht getötet hat im Mutterleibe, so daß meine Mutter mein Grab geworden und ihr Leib ewig schwanger geblieben wäre!

Warum bin ich doch aus dem Mutterleib hervorgekommen, wenn ich nur Jammer und Herzeleid sehen muß und meine Tage in Schmach zubringe!

Auch in Jeremia, seinem beinahe nihilistischen Ausbruch zeigt sich – übertreibend, vergrößernd und vergröbernd – der Riss, der Zwiespalt dessen, der Gott verkündigt: Ich, gottloser Sünder, will Gott loben. Wie soll das gehen?

Es geht nicht von mir aus, nicht aus eigener Kraft, nicht aus eigener Macht und Herrlichkeit. Kein Prophet kann selbst für seine Worte einstehen. Kein Prophetisches Leben die eigene Lehre beglaubigen. Wir können unsere Botschaft nicht durch uns selbst, nicht durch unser eigenes Leben wahr machen, nicht durch ein gottgefälliges Leben – und Gott sei dank, auch nicht unwahr machen durch unsere Verfehlungen. Nur Gott selbst kann unsere Worte beglaubigen, sie wahr machen. Nur Gott selbst kann den Riss heilen, den Zwiespalt, den garstigen Graben zwischen dem gottlosen Sünder und seinem heiligen Wort überbrücken.

Damit bleibt das prophetische Projekt notwendig unabgeschlossen; auch 40 Jahre Dienst im Auftrag des Herrn reichen nicht; Jeremia und seine Prophetengenossen können ihr Werk nicht vollenden, in alle Ewigkeit nicht. Aber sie können sagen und darauf hinweisen, was uns Menschen zum vollständig sein fehlt. Sie können ausrufen und deutlich machen, was uns heil macht. Sie können in Worten und Taten erklären, wer uns heiligt, ohne uns dabei zu Heiligen zu machen: Gott selbst nämlich, der zu uns kommt, der unser Leben und unser Leiden teilt, der sich selbst unter die verfolgten Propheten reiht.

Wenn die Propheten das hinbekommen, dass sie nicht sich selbst lehren, sondern den, der sie beauftragt, bekommt ihr schwieriges Geschäft einen Sinn. Wenn sie von sich selbst weg und auf Gott hinweisen. Wenn ihre Fehlbarkeit und ihre Sündhaftigkeit also kein Makel, sondern geradezu notwendige Bedingung ihrer Botschaft ist. Nicht ich bin der starke Held – sondern wie Jeremias sagt: der Herr ist bei mir wie ein starker Held. Nicht um mich geht es – sondern um den, von dem ich spreche. Nicht um meine angeblich bessere Gerechtigkeit, sondern allein um die gerechtmachende Gerechtigkeit Gottes. Mein Ungenügen ist die glückliche Schuld, die den Glauben an den Gott stiftet, der den Gottlosen aufhebt und zu sich nimmt. Kyrie Eleison – Herr erbarme dich – das ist der Ruf des begnadeten, gerechtfertigten Sünders.

Uns aber bleibt die prophetische Botschaft, dass nicht meine Schwäche zählt, sondern Gottes Stärke mein Leben heil macht: Der HERR ist bei mir wie ein starker Held. Amen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Reminiszere, 16. März 2025

Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.

Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er hat nicht geglaubt an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes. Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind. (Johannesevangelium 3, 14-21)

Im vergangenen Sommer hat sich für einige Zeit immer mal wieder eine ziemlich große Schlange hier auf dem Kirchengebiet unserer Thomaskirche sehen lassen, da hinten an der Treppe zur Humperdinckstraße, auch auf dem Vorplatz der Kirche. Und einmal sind zwei unserer jugendlichen Fußballspieler, die die alle paar Tage ihren Ball auf das Kirchendach ballern, ebenfalls unter einiger Aufregung der Schlange begegnet, haben sie sogar angefasst, sie fotografiert und gefilmt, wie ich auch schon ein paar Tage zuvor.

Sie – also die Schlange – wird die grobe Behandlung mit einem gehörigen Schrecken überstanden haben, ich ja auch. Zunächst hatte ich gedacht, dass es eine Ringelnatter gewesen sein muss, aber wegen ihrer beträchtlichen Länge von vielleicht zwei Metern und ihrer eher dunkleren Hautfärbung war es vielleicht doch eine Äskulapnatter, die ja ebenfalls als heimische Schlange hier in Wiesbaden und im Rheingau lebt; Schlangenbad verdankt ihr bekanntlich seinen Namen.

Diese Schlange, die Äskulapnatter, trägt ihren Bezug zu Gift und Gegengift im Namen als Symbol des griechischen Gottes der Heilkunst, obwohl sie doch selbst ganz ungiftig ist. Noch heute dient der von der Schlange umwickelte Äskulapstab als Symbol für Heilkunst und Heilmittel. Dieser Bezug von Schlangen zur Religion ist weit verbreitet und kommt eben auch in der Bibel vor: von der Schlange im Paradies bei Adam und Eva bis zur Schlangenplage in der Wüste bei Mose und den Israeliten.

Auf die bezieht sich Jesus hier in unserem Text: Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Mose begegnet der gefährlichen Schlangenplage mit einer bronzenen, „ehernen“ Schlangenskulptur, hält sie auf Gottes Geheiß den Schlangen entgegen, worauf diese sich verziehen und die Israeliten verschonen. Das Schlangenbild vermag das giftige Ungeziefer zu bannen.

So will Jesus hier den Menschensohn verstanden wissen, der hochgehalten werden wird gegen die Schlangenbrut und Schlangenpest, die diese Welt verseucht. Der erhöhte Menschensohn, als Jesus Christus selbst am Kreuz, christlicher Äskulapstab sozusagen, wie wir Leser des Johannesevangeliums Zug um Zug erfahren werden, ist das Gegengift gegen das Gift dieser Welt, Heilmittel gegen alles Unheil. In seinem Bannkreis verzieht sich das Gesindel. In seinem Bannkreis sind wir geschützt. Das Symbol des Glaubens als Medizin gegen das Böse.

Noch der unfrommste Gruselfilm bedient sich dieser Vorstellung, wenn nämlich die durch teuflische Mächte Angegriffenen den Angreifern, in welcher Gestalt auch immer sie erscheinen, das Kreuz, das Kruzifix als Zauberstab entgegenhalten – wenn gerade der Knoblauch ausgegangen ist – und die Bösen auf diese Weise vertreiben, um zu überleben: Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.

Nach solcherart natur-, religions- und volkskundlichen Klärungen bleibt nur noch die Frage, ob wir das Geschehen auch unserem Glauben plausibel machen können. Der Jesus des Johannesevangeliums erläutert es jedenfalls mit einem seiner berühmtesten Verse: Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Vorausgesetzt wird folglich, dass wir eigentlich natürlicherweise „verloren gehen“ und, wenn wir das verhindern wollen, aus den Verhältnissen der Welt gerettet werden müssen; im Bild unseres Textabschnitts gesprochen: dass wir immer schon in der Gegenwart und in der Bedrohung von Schlangen leben – nicht den harmlosen Nattern, denen wir im vergangenen Jahr auf dem Kirchengelände begegnen konnten, aufregend genug – sondern echtem, gefährlichem Otterngezücht, dass uns ans Leben will; Raubtieren, die uns nach dem Leben trachten; und die nur mit göttlichem Beistand gebannt werden können.

Vorausgesetzt wird also die Feindlichkeit der Welt, ihre Finsternis und die Bösartigkeit von uns Menschen, die wir in der Finsternis leben; oft genug und – wie der Text meint – sogar meistens oder unvermeidlich, ohne dass uns das bewusst würde; nämlich so, dass wir die Finsternis der Welt und die Bösartigkeit der Menschen für ihre und unsere Natur halten, dass es so sei, schon immer so sei und sein werde und so sein müsse. Die Welt ist halt so. Dieses harte Urteil, für das ja schnell Hinweise und Beispiele gefunden werden können, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf und die Welt sein Kampfplatz sei, kann erst in seiner ganzen Deutlichkeit, seiner Schwere und seiner Dringlichkeit durch das hereinbrechende Licht Gottes gesehen und erkannt werden. Erst die Erlösung daraus zeigt das ganze Elend unserer Existenz.

Vorausgesetzt von der Rede vom Licht der Erlösung wird eine rabenschwarz-finstere Weltsicht, einer Sicht der Welt als Schlangengrube, mit uns selbst als Opfern und Tätern zugleich: Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen – also wir! Menschen – liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. So lebensfeindlich diese Finsternis auch erlebt und erlitten wird, sind wir Menschen doch zunächst gegenseitig Komplizen des Bösen, die dessen Aufdeckung scheuen: Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden.

Wie gesagt: Hinweise und Belege für diese Sicht der Dinge sind schnell gefunden, unvermeidlich, unausweichlich. Die Kriege und Krisen unserer Zeiten zeigen nichts anderes als diese rabenschwarz-finstere Welt; und ein Blick in die Abgründe der Finsternis würde schnell die Verstrickungen und Verflechtungen noch der besten Gesellschaften und der moralischsten Regierungen, ihre Verstrickungen und Verflechtungen mit dem Bösen und den Bösen aufdecken. Dass die Bösen böse sind versteht sich von selbst; aber dass selbst die Guten dem Bösen dienen, erleben wir mit ungläubigem, verzweifeltem Staunen: Entspannung zwischen den Mächten birgt – scheinbar naturgesetzlich – den Keim neuer Spannungen. Selbsterklärte Friedenspolitik kann zu noch mehr Krieg führen und sogar die hoffentlich ehrliche Verpflichtung vergangenes Unrecht gut zu machen, kann Neues Unrecht hervorbringen. Das alles erleben wir ja gerade und es verbietet uns also, den Jesus des Johannes hier für einen Schwarzmaler, für einen Anhänger schwarzer Prophetie zu halten, der uns bloß Angst machen will. Will er ja gerade nicht! Und wir, die wir das weitersagen eben auch nicht.

In diese Welt der Finsternis, der Bösartigkeit, der Sünde und des Leids spricht Jesus sein Wort der Erlösung. Es beleuchtet in einem ersten Schrecken das ganze Ausmaß der Finsternis, in der wir leben. Es macht die Erlösung groß, indem es die Größe des Bösen zeigt. Aber selbst das führt zu keinen Abschlägen an Gottes Werk, das keiner großen Begründung bedarf, schon gar keinen, die in uns liegen würden. Unwiderstehlich ist seine Liebe zu uns, unbedingt seine Gnade, übermächtig sein Heil und sein Mittler. Gott will es einfach. Ohne Warum, ohne Preis – höchstem dem, dass wir das Unwahrscheinliche seiner Liebe für wahr halten: Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Invokavit, 9. März 2025

Predigt in der Sonnenberger Thalkirche über die Bergpredigt: Selig die Armen!

Und er hob seine Augen auf über seine Jünger und sprach:

Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer. Selig seid ihr, die ihr jetzt hungert; denn ihr sollt satt werden. Selig seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und euch ausstoßen und schmähen und verwerfen euren Namen als böse um des Menschensohnes willen. Freut euch an jenem Tage und tanzt; denn siehe, euer Lohn ist groß im Himmel. Denn das Gleiche haben ihre Väter den Propheten getan.

Aber dagegen: Weh euch Reichen; denn ihr habt euren Trost schon gehabt. Weh euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern. Weh euch, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet weinen und klagen. Wehe, wenn jedermann gut über euch redet; denn das Gleiche haben ihre Väter den falschen Propheten getan. (Lukasevangelium 6,20-26)

Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer.  Wer jetzt meint, liebe Schwestern und Brüder, das haben wir aber anders im Ohr, irrt nicht. Beim Evangelisten Matthäus klingen die Seligpreisungen Jesu, der berühmte Auftakt seiner Bergpredigt, anders als hier bei Lukas, monumentaler und milder zugleich. Schon mit dem ersten Vers bietet Matthäus anders als Lukas an, die Armut der Armen zu vergeistigen, deren konkrete Not zu spiritualisieren: Selig sind die Armen im Geiste, heißt es bei ihm.

Und wie so oft liegt in einem Mehr an Spiritualität ein weniger an Konkretheit, ein weniger an wirklichem, gelebtem Leben. Selbst wenn die „Armut im Geiste“ gar nicht verfälschend spirituell gemeint sein sollte, wie manche Ausleger aus guten Gründen meinen, reicht der kleine Zusatz des Matthäus, bei uns Hörern der Bergpredigt den Eindruck zu erwecken, hier gehe es um eine bloß geistliche, innere Not im Unterschied und im Gegensatz zur blanken, krassen, sichtbaren und konkreten Not von Armut und Hunger. Das aber hat Lukas anders von Jesus gehört – und heute wollen wir auf ihn hören: Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer.

Dass ein solches Wort gefährlich werden kann, kann man sich denken – und kann man nachvollziehen im Blick auf die Ereignisse des Bauernkrieges vor 500 Jahren. Im Frühjahr des Jahres 1525 braut sich ein Sturm zusammen, der sich in immer wilderen und gewalttätigeren Gewittern entlädt und erst im folgenden Jahr zur Ruhe kommt. Eine lose, wirre Kette von Zusammenrottungen, Scharmützeln, Belagerungen, Besetzungen, Aufständen und Schlachten reiht sich durch dieses Jahr 1525; begleitet von einem unerhörten, bis dahin beispiellosen, bis zu dieser Zeit ungesehenen publizistischen Streit, der den eigentlich wenig kohärenten Geschehnissen im Süden und Osten Deutschlands erst einen Zusammenhang und den griffigen Namen „Bauernkrieg“ gibt. Flugblätter und -schriften sind genauso Waffen in diesem Krieg wie die Mistgabeln der Bauern und die Lanzen der Fürstenknechte.

Dass dieser Bauernkrieg nicht nur sozialer Aufruhr, nicht nur Armutsrevolte oder etwa „frühbürgerliche Revolution“ war, wie ihn die sozialistische Geschichtsschreibung früherer Zeiten taufte, sondern ein legitimes, bedeutendes Kapitel der Reformationsgeschichte, das liegt zuerst an der Motivation der Bauern in den Lehren der Bibel, die sie nun selbst lesen konnten, aber auch an der konkreten Beteiligung mancher Reformatoren in Tat und Wort auf beiden Seiten des Streits. In Thüringen predigte Thomas Müntzer den Bauern die radikale Reformation als Krieg der Bauern gegen die Obrigkeit, den Bauernkrieg – und das praktisch in Hörweite des Reformators Martin Luthers im benachbarten Sachsen (immer diese Ossis!).

Luther hatte sich schon ein paar Jahre zuvor in seinen berühmten Invokavitpredigten (!) gegen den Aufruhr in seinem Wohnort Wittenberg gewandt; Luther hatte Argumente formuliert, wie die Anliegen der Reformation von den Mitteln der Revolution zu unterscheiden waren; wie Formen der Freiheit zu unterscheiden und dennoch aufeinander zu beziehen waren; und wie Gesetz und Evangelium so zu unterscheiden waren, dass beide zu ihrem Recht kämen, als Gottes Gnade und Recht der Menschen.

Im Gegensatz dazu hatte sich Thomas Müntzer auf seinem unruhigen Weg durch das Land radikalisiert. Für ihn verschmolzen innere und äußere Freiheit. Für ihn war Befreiung von geistiger und äußerer Knechtschaft, Befreiung von geistiger und äußerer Armut, ein und derselbe Kampf – und ihre Unterscheidung eine theologische Spitzfindigkeit des – wie er sagte – „sanftlebenden Fleisches zu Wittenberg“. Wenn die aufständischen Bauern in Frankenhausen und anderswo Freiheit auf ihre Fahnen schrieben, dann meinten sie mit Müntzer, der ihnen dort vorneweg in den Tod lief, die Freiheit auch von obrigkeitlicher Willkür. Wenn die Bauern den Regenbogen auf ihre Fahnen malten, dann war ihnen das das Zeichen von Gottes Himmelreich, dem sie entgegenzugehen glaubten. Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer.  Aber so kam es bekanntlich nicht.

Nach dem Alten Testament zeigt sich ein falscher Prophet am bösen Ausgang seiner Rede. Danach war Müntzer, der den Armen den Aufstand predigte und so 10tausende in den Tod schickte, ein falscher Prophet, der ihr Schicksal am Ende teilte. Ob dagegen sein Gegenspieler Luther ein wahrer Prophet war, ist nicht erst in jüngster Zeit mehr und mehr in Zweifel gezogen worden. Wie seine unsäglichen Tiraden gegen Juden wird sein Pamphlet gegen die „räuberischen und mordenden Rotten der Bauern“ zu Recht kritisiert und als unmenschlicher Mordaufruf an die Fürsten verurteilt, dem diese pflichtschuldigst nachkamen. Evangelisch war Luther hier nicht.

Was man ihm allerdings nicht vorwerfen kann, ist, dass er in der eigentlichen Sache inkonsequent gewesen wäre. Seine Position zu Aufruhr und Gewalt hatte sich wie gesagt Jahre zuvor schon herausgebildet und wird hier nur auf die neue Situation angewendet: Das Evangelium mit Gewalt durchzusetzen, verstößt seiner Meinung nach gegen Gottes Willen. Aus seiner Sicht, die Demokratie und Rechtstaatlichkeit noch nicht kannte und offensichtlich nicht kennen konnte, war ohnehin jede Obrigkeit besser als keine. Widerstand gegen die Fürsten war für ihn Widerstand gegen Gott. Schlimmer als ein armer Bauer, war ein armer Bauer, der im Chaos versinkt. Und wer das heute verurteilt, was man kann und muss, aber nur mit guten Gründen verurteilen sollte, sollte dabei auch bedenken, was uns selbst staatliche Ordnung wert ist – gerade auch in einer unübersichtlicher werdenden Welt.

Jeder menschlichen Ordnung des Staates ist das Reich Gottes, das Himmelreich – wie Jesus auch sagen kann – entgegengesetzt. Dieses Reich aufzurichten ist einzig und allein Gottes Sache. Und insofern die Bergpredigt von Gottes Reich und seinen Verhältnissen handelt – Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euernennt sie keine Forderungen an uns, formuliert keine Gebote, erlässt keine Gesetze. Die Erwartung des Reiches Gottes schenkt Freiheit. Als Hörer der Bergpredigt hören wir von etwas, das nicht wir, sondern Gott – und nur Gott – herbeiführen wird. Aus diesem Evangelium ein Gesetz zu machen, hieße es zu verkehren. Von den läppischen Versuchen, aus der Bergpredigt läppische Regeln ethischer Wellness abzuleiten, ganz zu schweigen.

Das heißt aber keinesfalls, dass uns die Bergpredigt etwa nichts anginge. Was hindert uns denn daran, die Verhältnisse des Himmelreiches auf unsere anzuwenden – ohne zu behaupten und ohne zu erwarten, dass dieses dann anbräche? Karl Barth hat davon gesprochen, dass das Evangelium auf dem Weg der Analogie zur Quelle unseres Handelns, des Gesetzes also, werden kann. Wenn Armut – entgegen allen anderslautenden Gerüchten – kein Naturgesetz ist, sondern einst von Gott beseitigt sein wird, warum sollten wir uns dann mit der Armut der Armen abfinden? Wenn Hunger nach Gottes Willen nicht sein soll, warum sollten wir denn nicht dazu helfen, Hungrige satt zu machen? Wenn die Weinenden wieder etwas zu lachen haben werden, warum sollten wir sie nicht aufmuntern? Wenn uns Gott zum Tanz bittet – sollten wir dann als Mauerblümchen sitzen bleiben, sollten wir dann nicht die anderen bitten, mitzutanzen ?

Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer. Selig seid ihr, die ihr jetzt hungert; denn ihr sollt satt werden. Selig seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und euch ausstoßen und schmähen und verwerfen euren Namen als böse um des Menschensohnes willen. Freut euch an jenem Tage und tanzt; denn siehe, euer Lohn ist groß im Himmel. Denn das Gleiche haben ihre Väter den Propheten getan.

Führung im Liebieghaus, Museumsufer Frankfurt

Donnerstag, 27. März 2025, 18.15-19.15 Uhr

Der Rimini-Altar zählt zu den größten und herausragendsten Alabaster-Ensembles Europas und bildet seit 1913 das Glanzstück der Mittelalter-Abteilung des Liebieghauses, der Skulpturensammlung des Frankfurter Städels. Die einstündige Führung durch die Mittelalter-Sammlung beginnt um 18.15 Uhr. Im Anschluss ist noch Zeit, sich in dieser Gründerzeitvilla am Schaumainkai die weiteren Schätze – Skulpturen aus Marmor, Holz, Terracotta, Bronze und Elfenbein von der Antike bis zum Klassizismus – anzuschauen.

Die Anreise erfolgt privat, z.B. mit der S-Bahn bis Frankfurt Hauptbahnhof und ca. 20 Minuten zu Fuß über den Holbeinsteg zum Museumsufer. Die Führung selbst ist für die Teilnehmenden kostenlos. Der Museumseintritt kostet 8 Euro.

Vor der Führung treffen wir uns, wer mag, um 17.00 Uhr im Café des Liebieghauses.

Da die Teilnehmerzahl auf 25 Personen begrenzt ist, bitten wir Sie um Ihre Anmeldung unter asmeine@gmx.de oder Tel. 0162 7474131.

https://www.liebieghaus.de/de/mittelalter

Sonntag Sexagesimae, 23. Februar 2025

Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: Ein Mann aus Makedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Makedonien und hilf uns! Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Makedonien zu reisen, gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen.

Da fuhren wir von Troas ab und kamen geradewegs nach Samothrake, am nächsten Tag nach Neapolis und von da nach Philippi, das ist eine Stadt des ersten Bezirks von Makedonien, eine römische Kolonie. Wir blieben aber einige Tage in dieser Stadt. Am Sabbattag gingen wir hinaus vor das Stadttor an den Fluss, wo wir dachten, dass man zu beten pflegte, und wir setzten uns und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen.

Und eine Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, eine Gottesfürchtige, hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, sodass sie darauf achthatte, was von Paulus geredet wurde. Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns.

(Apostelgeschichte 16,9-14)

Mit meinen Schülerinnen und Schülern der 7. Klasse erarbeiten wir uns gerade die Anfänge des Christentums: Wie und auf welchen Wegen hat sich der christliche Glauben ausgebreitet und warum hat er sich schließlich durchgesetzt? Wie kommt es vor ziemlich genau 1700 Jahren zum Konstantinischen Zeitalter, das nun womöglich nach 1700 Jahren gerade allmählich zu Ende geht? Und wie gelangte der christliche Glauben zu uns nach Germanien jenseits des Rheins knapp vor dem Limes, an die Grenze der römischen, ach sagen wir gleich: an die Grenze der zivilisierten Welt?

Und weil Umwege nicht nur beim Predigen, sondern auch im Unterricht die interessantesten Wege sind, haben wir uns zumindest in Gedanken und mit Bildern erstmal in das römische Wiesbaden, das römische Frankfurt und das römische Mainz versetzt, um insbesondere die Religion zu kennenzulernen, auf die die christliche Religion stieß und die sie überraschenderweise verdrängte. An wen und was haben die Menschen geglaubt, die kurze Zeit später an Jesus Christus glaubten, haben wir uns gefragt. Nämlich an Jupiter und Juno, an Merkur und Vulkan, an Diana und Apollo, an Sol invictus und Mithras; und besonders in Wiesbaden an die Götter von Heil und Heilung, wie neben Diana Matthiaca und Apollo Toutiorix die romanisierte keltische Göttin Sirona, die an der Schützenhofquelle verehrt wurde, gegenüber von Aldi; noch heute wärmen sich die Obdachlosen unter ihrem Graffiti an der ihr geweihten heißen Quelle.

Zusammen mit diesen römischen und römisch verehrten Gottheiten fanden sich bisher keine Spuren des christlichen Glaubens bei uns aus derselben Zeit, bis kürzlich – bis kürzlich – in einem Gräberfeld in Frankfurt ein sensationeller Fund gemacht wurde, ein offensichtlich christlicher Text aus römischer Zeit in germanischer Erde.

„(Im Namen?) des Heiligen Titus.
Heilig, heilig, heilig!
Im Namen Jesus Christi, Gottes Sohn!
Der Herr der Welt
widersetzt sich nach [Kräften?]
allen Anfällen(?)/Rückschlägen(?).
Der Gott(?) gewährt dem Wohlbefinden
Eintritt.
Dieses Rettungsmittel(?) schütze
den Menschen, der sich
hingibt dem Willen
des Herrn Jesus Christus, Gottes Sohn,
da sich ja vor Jesus Christus
alle Knie beugen: die Himmlischen,
die Irdischen und
die Unterirdischen, und jede Zunge
bekenne sich (zu Jesus Christus).“

Das „Rettungsmittel“, von dem der kurze Text spricht, ist eine kleine Kapsel, kleiner als der kleine Finger, kürzer und dünner; eine Kapsel, in der eine entsprechend kleine Folie aus Silberblech gerollt war mit dem gerade verlesenen Text eines Gebets oder einer Beschwörungsformel. Nachdem sie vor ein paar Jahren im heutigen Frankfurt-Praunheim, dem römischen Nida, dem deutschen Pompeji, gefunden und aufwändig bearbeitet wurde, liegt sie mittlerweile in einer Vitrine, eher grau als silbern in einer Vitrine, ganz und gar unscheinbar im Archäologischen Museum in Frankfurt, das sonst nicht mit Sensationen glänzt.

Dieses Silberröllchen aber ist eine Sensation – manchen gelehrten Einwürfen zum Trotz – , in dem es das früheste Zeugnis des christlichen Glaubens abgibt nördlich der Alpen. Durch seinen Fundort in einem Grab lässt es sich ziemlich genau auf die Jahre 230-260 nach Christus datieren. Es markiert eine Zwischenstation zweihundert Jahre nach dem Wirken des Apostel Paulus, von dem wir heute hören, bis zum endgültigen Sieg des Christentums im römischen Reich, der Konstantinischen Wende, abermals 100 Jahre später.

Mit diesem Silberröllchen sehen wir, wie das christliche Abendland im Gebiet des heutigen Deutschland begann. So wie wir im Predigttext hören, wie Paulus den christlichen Glauben nach Europa trug. Dass sich hier Unterschiede zeigen, ist zu erwarten, ist selbstverständlich. Die Inschrift eines Amuletts als Grabbeigabe benennt notwendigerweise anderes als der Reisebericht über einen Apostel oder dieser selbst in seinen Briefen. Interessanter, überraschender, ja sensationeller sind für mich die Gemeinsamkeiten und Berührungspunkte. Wenn sich nämlich im Grab einer Soldatensiedlung an der äußersten Grenze des Römischen Reiches, dem Limes, zweihundert Jahre nach dem Wirken des Apostel Paulus Anspielungen von erstaunlicher Eindeutigkeit finden:

  • Ein Titus, also jemand mit demselben Namen wie einer der Reisegefährten des Paulus und überdies Adressat eines Paulusbriefes, wobei an dieser Stelle unerheblich ist, ob jener Brief tatsächlich von Paulus selbst an Titus geschrieben wurde. Dieser Text scheint ihn jedenfalls zu kennen.
  • Das berühmte „Heilig, Heilig, Heilig“, das zuerst in der jüdischen Liturgie und dann eben auch im christlichen Gottesdienst gesungen wurde, wobei die Grenzen zwischen Juden und Christen zu dieser Zeit noch weniger definiert waren als später. Paulus selbst geht ja zuerst bei seinen Reisen zu den jüdischen Gemeinden und findet wie in unserer Predigttextstelle unter ihnen und ihren Sympathisanten, den „Gottesfürchtigen“, an einem Sabbat die ersten Hörer seiner Worte.
  • Gleich dreimal nennt das Amulett Jesus Christus, kürzt den Heilandsnamen auf die damals übliche Art mit griechischen Buchstaben ab: Chi Rho; ergänzt durch den Hoheitstitel Sohn Gottes. Eindeutiger christlich geht’s jetzt wirklich nicht; und auch Paulus verwendet den Titel Gottessohn völlig selbstverständlich.
  • Und schließlich findet sich sogar ein direktes Zitat aus einem der Briefe des Paulus auf der Silberschrift: Dass sich vor Jesus Christus beugen sollen alle Knie, die Himmlischen, die Irdischen und die Unterirdischen und jede Zunge sich bekennen möge – das steht genauso im Brief des Paulus an die Philipper im berühmten Christushymnus, den Paulus hier seinerseits zitiert. Zufall kann das nicht sein. Fügung muss es nicht sein. Aber was ist es dann?

Offensichtlich wissen wir von dem weiten Weg des christlichen Glaubens in den ersten Jahrhunderten nur Anfang und Ziel, also vom Anfang bei den Jüngern Jesu und vom Ziel, der Anerkennung des Christentums durch Kaiser und Reich. Dazwischen liegen verschlungene Wege, Umwege bestimmt auch, weite Wege bis an die Grenzen des Reiches, bis an die „Enden der Erde“, wie es in der Apostelgeschichte gelegentlich heißt. Bis an den Limes gleich hinter Hoher Wurzel und Platte ist das Wort des Glaubens jedenfalls gekommen.

Trotz aller Bemühungen, den Gang des Wortes zu steuern und den Glauben zu definieren, wie etwa auf dem berühmten Konzil von Nizäa im Jahr 325, also vor genau 1700 Jahren, erstreckt sich eine Vielfalt christlicher Wege und Glaubensweisen, damals wie heute. Der Schreiber und Träger des Amuletts aus Praunheim drückt seinen Glauben anders aus als ein Schüler heute oder als ein Lehrer heute oder als ein Professor heute; aber diese wiederum anders als die versammelten Bischöfe in Nizäa oder etwa ein irischer Mönch, der nach hunderten von Jahren, in denen hier in dieser Gegend der Glaube in Vergessenheit geriet, ihn neu entfachen konnte; aber diese wiederum anders als der mächtige Erzbischof von Mainz oder sein Gegenspieler, der Reformator Martin Luther von jenseits der Elbe, der auch mal über den Rhein und durch Frankfurt kam; aber beide anders als die immer noch vielen Glaubenden heutzutage, wenn der christliche Glauben nicht mehr Mehrheitsreligion ist in unserer Gegend und das Konstantinische Zeitalter bei uns zu einem Ende gekommen zu sein scheint – während an vielen anderen Orten der Welt der christliche Glauben immer noch wächst.

Alle so unterschiedlich Glaubenden aber, die Genannten und viel mehr Ungenannte, beziehen sich auf je eigene, höchstpersönliche Weise auf das Wort Gottes, auf Jesus Christus, Gottes Sohn, als ihren Maßstab und Referenzpunkt, ihre Sonne und Licht, ihren Weg, ihre Wahrheit und ihr Leben. Sie sind angetrieben – wir sind das – von dieser Gewissheit, die schon Paulus aus Asien nach Europa brachte, von der wir heute hören: gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen. Und wir sind darauf angewiesen, über dieses Wort ins Gespräch zu kommen, uns gegenseitig in Vielfalt und Einheit des Glaubens wahrzunehmen: Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da.

Damit ist übrigens auch eine vorläufige Antwort auf die Frage angedeutet, wie und warum sich der christliche Glauben gegen die religiöse Konkurrenz durchsetzen konnte: Kommt in mein Haus und bleibt da. Sozialer Zusammenhalt, gegenseitige Hilfe, persönliche Bindungen, Nächstenliebe – das waren nach Meinung der Gelehrten die entscheidenden Unterschiede zu anderen Kulten in der römischen Antike, die das Christentum erfolgreich machten. Amen.

Führung bei den Derix Glasstudios

Ökumenischer Ausflug mit St. Mauritius nach Taunusstein am 14.2.25: Beim Rundgang durch die Werkstätten und die Galerie erläuterte uns Gesellin Leandra die Details der verschiedenen Glasverarbeitung und -veredelungstechniken, gab sachkundig Antwort auf alle Fragen und zeigte uns die erstaunliche Vielfalt zeitgenössischer Glaskunst.

3. Sonntag nach Epiphanias, 26. Januar 2025

Er musste aber durch Samarien reisen.

Da kam er in eine Stadt Samariens, die heißt Sychar, nahe bei dem Feld, das Jakob seinem Sohn Josef gegeben hatte. Es war aber dort Jakobs Brunnen. Weil nun Jesus müde war von der Reise, setzte er sich an den Brunnen; es war um die sechste Stunde. Da kommt eine Frau aus Samarien, um Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken! Denn seine Jünger waren in die Stadt gegangen, um Speise zu kaufen. Da spricht die samaritische Frau zu ihm: Wie, du, ein Jude, erbittest etwas zu trinken von mir, einer samaritischen Frau? Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern. – Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn, und er gäbe dir lebendiges Wasser.

Spricht zu ihm die Frau: Herr, du hast doch nichts, womit du schöpfen könntest, und der Brunnen ist tief; woher hast du denn lebendiges Wasser? Bist du etwa mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken und seine Söhne und sein Vieh. Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt. (Johannes 4,4-14)

Die samaritische Frau soll dem Juden Jesus Wasser reichen. Aber: Wer könnte schon Jesus, dem Christus, das Wasser reichen? Also diese samaritische Frau schon mal nicht, und nicht nur weil sie Samariterin, also aus jüdischer Sicht eine Fremde ist; und nicht nur weil sie eine Frau, also im damals herrschenden patriarchalen Wertesystem dem Mann, jedem Mann untergeordnet ist; sondern weil sie als normaler Mensch dem Heiland und Gottesssohn in jedem Fall weit, unendlich weit niedriger ist – und ihm deshalb keinesfalls das Wasser reichen kann.

Jemandem das Wasser reichen können oder auch nicht reichen können, bezeichnet in unserer Sprache eine Form der Gleichrangigkeit in Fähigkeit oder Stand oder eben der Ungleichrangigkeit, bezeichnet also ein Stück vertikaler Etikette, ein Kapitel Manieren des Oben und Unten: Dem kann ich nicht das Wasser reichen – der ist viel besser als ich.

Das geht auch ungefähr historisch in Ordnung, wenn doch diese Redensart: Jemandem das Wasser reichen können, ursprünglich wohl aus der höfischen Etikette mittelalterlicher Festtafeln stammt, die regelt, welcher Diener seinem Herrn das Reinigungswasser für die Hände reichen kann. Besteck gabs noch nicht, gegessen wurde mit den Fingern, also mit der Hand in den Mund. Heute ist das – kann man sagen: Gottseidank anders – wenn etwa beim Neujahrsempfang alle ganz manierlich Messer und Gabel benutzen und der anfallende Schmutz im Rahmen bleibt. Verständlich, dass dagegen die bestecklose Form der Nahrungsaufnahme die gelegentliche Reinigung der Hände erforderte, auch schon während der Mahlzeit; und zu diesem Zwecke war geregelt, wer das sei, der helfen darf: Wer wem das Wasser reichen kann.

Ursprünglich eignet unserer Redewendung damit keine egalitäre Bedeutung: ursprünglich, war der, der jemandem das Wasser reicht – reichen kann und reichen darf – immer noch bloß sein Diener. Das unterscheidet den ursprünglichen aber nur wenig von unserem heutigen Gebrauch, der doch auch unterschwellig, atmosphärisch eine Rangfolge meint, wenn mit leichter Herablassung „Der kann ihm nicht das Wasser reichen“ soviel wie „Der kann ihm noch nicht mal das Wasser reichen“ heißt.

Jesus jedenfalls hält sich keineswegs so lange wie wir mit diesen Fragen auf, sondern knüpft wie so oft an die relativ banale Alltagsfrage eine ungleich gewichtigere Frage des Glaubens an; Jesus verwandelt wie so oft Fragen der Etikette in solche der theologischen Ethik: Wie geht und was ist Leben, das vor Gott gilt – und deshalb „ewiges Leben“ genannt zu werden verdient?

Wenn das hier als Wassergeschichte, als Wer-wem-das-Wasser-reicht-Geschichte erzählt wird drängt sich die Taufe als Kontext auf. Das ist nach der Meinung der exegetischen Experten auch so gemeint vom Evangelisten Johannes, der sonst nicht von Taufe und Taufpraxis erzählt. So sind die Äußerungen Jesu an unserer Stelle als Taufpredigt zu verstehen. Verstehen wir sie?

Vor kurzem haben wir über die Taufe Jesu nachgedacht, wie sie erzählt wird und was sie uns bedeuten kann, und bemerkenswerter Weise wird auch jene Tauferzählung mit Fragen der Rangfolge verknüpft; auch da wird gefragt: Wer kann wem das Wasser, das Taufwasser reichen. Jesus begehrt von Johannes das Wasser der Taufe, Johannes weicht zurück – wie kann ich Dir das Wasser reichen? – Jesus besteht darauf – und er besteht darauf ohne wirkliche Begründung: um der Ordnung zu genügen, weil es sich so gehört, der Etikette wegen, weil Gott es so will; eigentlich weil er in der Taufe Jesu zeigen und verkünden will, dass dieser Jesus Gottes Sohn ist: „Das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“

Das Wasser der Taufe wird gereicht, damit durch das Symbol des Wassers die Verhältnisse zwischen Gott und Mensch geklärt werden, wobei: „Wasser tut‘ s freilich nicht, sondern das Wort Gottes, das mit und bei dem Wasser ist, und der Glaube, der solchem Worte Gottes im Wasser traut. Denn ohne Gottes Wort ist das Wasser schlicht Wasser und keine Taufe; aber mit dem Worte Gottes ist’s eine Taufe, das ist ein gnadenreiches Wasser des Lebens und ein Bad der neuen Geburt im Heiligen Geist; wie Paulus sagt zu Titus im dritten Kapitel: ´Gott macht uns selig durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist, den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland, damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden nach unsrer Hoffnung´.“ (Luthers Kleiner Katechismus)

Mit „ewigem Leben“ ist nun aber keineswegs die endlose Fortsetzung unseres natürlichen Lebens gemeint, wie manchmal fälschlicherweise angenommen wird, auch um diesen Gedanken – eines endlosen Weiterlebens – als offenkundig absurd zurückzuweisen; oder – umgekehrt und noch falscher und absurder – ihn mit technischen Mitteln in die Tat umzusetzen. Gerade unter den Computer- und Hightec – Milliardären soll es angeblich Anhänger dieses teuren Aberglaubens geben, den sie mit ihren Milliarden umzusetzen versuchen. Was für eine Verschwendung an Geld und Hoffnung!

„Ewiges Leben“ heißt biblisch und im Gegensatz dazu das Leben vor Gott; also das Leben, dass die Engel führen; das Leben, in das uns die Taufe führt; das Leben, in dem wir uns als Gottes Kinder wissen; das Leben, in dem wir nicht nach immer neuem und mehr Leben hungern und dürsten müssen; das Leben, für das uns Gott alles reichlich gegeben hat; das Leben in Fülle. „Ewiges Leben“ ist das Leben vor Gott; das Leben in der Begegnung mit Gott.

Am Jakobsbrunnen, an dem sich Jesus das Wasser reichen lässt, wird an Jakobs Begegnungen mit Gott erinnert, an Momente, in denen Jakob Gott nah kam, indem Gott dem Jakob nahe, bisweilen gefährlich nahe kam; in jener Nacht des Kampfes mit dem Engel am Jabbok, eines Kampfes ohne Sieger, aber mit dem Segen für den Versehrten: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn“; oder jener anderen Nacht etwa, als ihm, dem Jakob, verlassen auf dem Feld von der Leiter und den Engeln darauf träumte; von den Engeln, die für uns und in Gottes Auftrag weite Wege gehen zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und Mensch. Ihrem Auftrag gemäß vermitteln sie, überbrücken, teilen mit, segnen – und sind darin Boten des Ewigen Lebens.

Am Jakobsbrunnen lässt sich Jesus das Wasser für uns reichen, damit wir Gott begegnen. Tief ist dieser Brunnen, unergründlich ist er zu nennen, aber es ist nicht der Brunnen der Vergangenheit, sondern der Ewigkeit. Nicht zurück soll unser Blick gehen, sondern nach oben. Es geht nicht darum, in die alten Geschichten zu tauchen. Religion ist nicht Archäologie, das Klopfen toter Steine; allerdings auch nicht Zukunftsforschung, geschweige denn Demoskopie, das Zählen ungelebter Leben; sondern Anleitung zur Erfahrung der Gegenwart Gottes – „der unmittelbaren Gegenwart des ganzen ungeteilten Daseins“ – des Ewigen Leben. Das will uns Jesus reichlich reichen.