Predigttext an Weihnachten 2022

[Das Geheimnis Gottes, das ist Christus.] In ihm liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis. Ich sage das, damit euch niemand betrüge mit verführerischen Reden. Denn obwohl ich leiblich abwesend bin, so bin ich doch im Geist bei euch und freue mich, wenn ich eure Ordnung und euren festen Glauben an Christus sehe. Wie ihr nun angenommen habt den Herrn Christus Jesus, so lebt auch in ihm, verwurzelt und gegründet in ihm und fest im Glauben, wie ihr gelehrt worden seid, und voller Dankbarkeit. Seht zu, dass euch niemand einfange durch die Philosophie und leeren Trug, die der Überlieferung der Menschen und den Elementen der Welt folgen und nicht Christus. Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, und ihr seid erfüllt durch ihn, der das Haupt aller Mächte und Gewalten ist. 

(Brief des Paulus an die Kolosser 2,3-10)

Es war einmal – so fangen Märchen an – es war einmal eine Zeit, dass die Menschen ganz selbstverständlich, in aller Naivität oder in tiefer Weisheit im Glauben ihr Leben führten, vor Gott ihr Tagwerk verrichteten und sich von seinen Engeln in den Schlaf betten ließen:

Abends, will ich schlafen gehn,
vierzehn Engel um mich stehn:
zwei zu meinen Häupten,
zwei zu meinen Füßen,
zwei zu meiner Rechten,
zwei zu meiner Linken,
zwei die mich decken,
zwei, die mich wecken,
zwei, die mich weisen
zu Himmels Paradeisen!

Das war das Abendgebet meines Vaters – Gott hab ihn selig – das ihn im Glauben  hoffentlich dorthin geführt hat, wovon er sprach. Er hat den Glauben an Himmels Paradeisen ausdrücklich geteilt und es erfüllt mich noch heute mit wilder Scham, wenn ich mich an ein Gespräch von vor 40 Jahren erinnere, bei dem ich ihm als Erstsemester der Theologie seinen naiven Kinderglauben an das Paradies im Himmel austreiben wollte. Es bleibt nur zu hoffen, dass ich ihn nicht weiter mit meinen halbgaren säkularen Belehrungen beeindruckt habe!  

Gerade an Weihnachten gehen unsere Gedanken an die, die nicht mehr mitfeiern können. Wir beziehen sie ein, nennen Erinnerungen, halten ihnen einen Platz frei, wenn nicht am Tisch, so doch im Herzen. Je älter wir werden, desto mehr feiern mit uns, die nicht mehr mit uns feiern können. Deshalb ist die Weihnachtsstimmung für viele keine ausgelassene Fröhlichkeit, dazu passierte zu viel über die Jahre, sondern sie ist eher eine verhaltene Freude und das Gefühl aufgehoben zu sein in Erinnerungen, Ritualen und der Hoffnung auf das, was uns unsere Eltern und Großeltern zu glauben gelehrt haben und uns selbst die aufgeklärtesten Pfarrer nicht ausreden konnten: „Himmels Paradeisen“, zu denen an Weihnachten die Tür geöffnet wird: „Lobt Gott ihr Christen alle gleich, in seinem höchsten Thron, der heut schließt auf sein Himmelreich und schenkt uns seinen Sohn“.

Zu den liebsten Ritualen der Weihnachtszeit gehört der Besuch der Märchenoper „Hänsel und Gretel“, Engelbert Humperdincks Weihnachtsklassiker, der in Wiesbaden seit Jahren mit großem Erfolg aufgeführt wird, wobei sich Kenner und Veteranen darüber streiten, ob nicht die vorherige Inszenierung der seit 2015 gespielten aktuellen Version vorzuziehen ist, weil nämlich einfach die Hexe damals mehr Wumms hatte, viel böser war, echten Schrecken verbreiten konnte – und darum auch die Befreiung aus ihrer Herrschaft umso mehr Erleichterung schuf: als Erlösung vom Bösen.

Anders als die aktuelle Inszenierung und mit ihr viele weitere heutzutage, die die religiöse Dimension des Stücks mehr oder weniger völlig ausblenden, spielt die Oper Humperdincks – unseres Straßennachbarn; soviel Lokalstolz muss sein! – mit zahllosen Motiven der Volksreligion, wie etwa der von Gott heraufgeführten strafenden und ausgleichenden Gerechtigkeit, und variiert zentrale Themen der Bibel, wie z.B. der Himmelsleiter oder dem aus dem Vaterunser bekannten Strukturgegensatz Versuchung und Erlösung: „Führe uns nicht in Versuchung – des Knusperhauses, sondern erlöse uns von dem Bösen – der bösen Hexe“. Dabei bildet der Abendsegen der vierzehn Englein Mitte und Schwerpunkt des Stücks, und sein musikalisches Motiv zieht sich an allen wichtigen Momenten durch. Die Oper beginnt und endet mit ihm und lässt es immer wieder leitmotivisch anklingen, so dass sie allein musikalisch als Erlösungsdrama anzusprechen ist.

Die säkularisierte Fassung in Wiesbaden, die Religion und Glauben ausblendet, verweigert der Musik ihre sichtbare Entsprechung auf der Bühne und scheint darauf zu hoffen, dass die Besucher das Stück nicht gut genug kennen oder die Sänger nicht verständlich singen. Augenfällig wird das in der Engelspantomime direkt nach dem Abendsegen, wenn statt Himmelsleiter und den Engeln auf ihr und dann um die schlafenden Kindern herum eine Schar Waldgeister – herrenlose Mächte und Gewalten – in phantasievollen Kostümen aus dem Wald strömt und die Kinder neugierig besichtigt. Für sich genommen ist das eins der schönsten und wirkungsvollsten – nämlich märchenhaftesten – Bilder der ganzen Aufführung, im Kontext der Musik aber eine verfälschende Säkularisierung.   

Mit unserem Bibelwort gesprochen, wird den Mächten und Gewalten ihr Haupt, nämlich Christus, genommen. Man muss das für keine theaterdonnernde Dramatisierung halten: Indem zugunsten der Überlieferung der Menschen und der Elemente der Welt der christliche Glaube ausgeblendet wird, verlieren wir die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig und darüber alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis. Das mag für einen Abend in der Oper leicht zu verschmerzen sein – wie gesagt: die Wiesbadener Inszenierung ist unbedingt einen Besuch wert, morgen ist übrigens die letzte Aufführung in dieser Saison – aber für unser ganzes Leben betrachtet bedeutet unsere religionslose Existenz einen immensen Schaden an Leib und Leben.   

Lasst uns also nicht den Märchen von der gottlosen Welt glauben, wie sie gegenwärtig in den Gazetten erzählt werden, wenn bis in die sich für konservativ haltende Presse hinein der Säkularisierungsmythos gepflegt wird. Christlicher Glaube scheint gerade rechtfertigungspflichtig zu werden. Was, Du bist noch Mitglied der Kirche? Dabei heißt Religionsfreiheit doch nicht allein und nicht zuerst Freiheit von Religion, sondern Freiheit zur Religion. Ich darf glauben – auch im säkularen Staat. Und zu glauben tut nicht nur mir sondern auch der Gesellschaft gut: Ohne Gott verliert unsere menschliche Existenz die maßgebliche Instanz, die uns erst zur Rechenschaft zieht. „Ihr werdet sein wie Gott“ – lautet die Verheißung der Gottlosigkeit.

Gegen die Säkularisierungsdepression in- und außerhalb der Kirche setzt unser Predigttext einen putzmunteren, selbstbewussten, offensiven Ton, von dem wir einiges lernen können: Lasst euch nicht betrügen mit verführerischen Reden. … Seht zu, dass euch niemand einfange durch die Philosophie und leeren Trug, die der Überlieferung der Menschen und den Elementen der Welt folgen und nicht Christus. Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, und ihr seid erfüllt durch ihn, der das Haupt aller Mächte und Gewalten ist. 

Wie heißt es noch im Märchen am Ende: Wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Wenn er nicht gestorben ist – nämlich der christliche Glaube – dann wird er auch morgen noch leben und wirken, in uns und unseren Kindern; tagsüber, aber auch in unseren Abendgebeten, die wir ihnen weitergeben; und das nicht nur zur Weihnachtszeit:

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.  

Amen.   

Predigttext an Heiligabend 2022, über die Weihnachtsgeschichte Lukas 2

„Stille Post“ zur „Stillen Nacht“: 

Von Kindergeburtstagen – und heute feiern wir ja den Geburtstag eines Kindes – von Geburtstagsfeiern kennen wir das Spiel „Stille Post“, das geht etwa so: Dem ersten in einer Reihe wird ein Begriff oder ein Satz ins Ohr geflüstert, der das, was er verstanden hat, dann dem Nächsten zuflüstert und immer so weiter, bis der letzte ausspricht, was bei ihm angekommen ist. Ziel des Spiels ist – glaube ich – keineswegs die möglichst korrekte Wiedergabe des Ursprungs, auch nicht seine absichtliche Verunstaltung, sondern der kreative Umgang mit ihm, wobei jener – also der Ursprung – schon irgendwie auch im Ergebnis anklingen sollte. Wenn es gut läuft, macht das einen Riesenspaß und vermittelt obendrein spielerisch etwas von der kreativen Dynamik eines Überlieferungsprozesses. Einiges geht verloren, anderes wird gewonnen, wie immer kommt es darauf an, dass die Bilanzen stimmen.Und die frühen Redakteure der Bibel werden gewusst haben, warum sie das so betonen, dass kein Wort abgezogen und kein Wort hinzugefügt werden darf – denn genau das haben sie getan und genau so ist die Bibel entstanden! 

Es mag etwas frivol klingen, die Erfahrungen mit der „Stillen Post“ auf Bibel und Weihnachtsbotschaft anzuwenden; und wie jeder Vergleich hinkt natürlich auch dieser gewaltig, enthält aber dennoch das eine oder andere Körnchen Wahrheit, vor allem die Wahrheit, dass wir uns gegenseitig die Weihnachtbotschaft so weitersagen sollten, dass sie neuund interessant klingt, obwohl wir sie ja gut kennen, sie „alle Jahre wieder“ hören und schon oft gehört haben; also dass eine Pointe in ihr laut wird, die uns überraschen kann, ohne uns zu befremden. Das Alte neu hören; und im Neuen das Alte wiedererkennen.

Und uns froh und fröhlich machen, das darf sie dabei auch; auch wenn es zunächst gar nicht danach klingt. Auch die Ursprungsgeschichte erzählt ja kein bürgerliches Idyll und schon gar keine Hüttengaudi zum Schenkelklopfen, sondern erzählt von denkbar prekärenFamilienverhältnissen, von Armut und Mangel, erzählt vom Leben unter einem gewaltbereiten Besatzungsregime, von Nacht und Not – und erst dann von „großer Freude“ jubelnder Engel. Die Engel wissen schon mehr als die Familie im Stall und die Hirten auf dem Feld, und viel mehr als wir hier. Wussten wir mal mehr? Waren wir früher frommer? War mehr Lametta?

Wer die öffentliche Diskussion über Kirche und Glaube verfolgt, wundert sich, dass es uns noch gibt. Wenn ich in den letzten Wochen und Tagen richtig gelesen habe, schreibt selbst die für konservativ geltende Presse die Kirchen – und keineswegs nur die unter ihren Skandalen ächzende katholische Kirche – als gesellschaftliche und mehr noch als moralische Größe ab; geschieht uns recht, könnte man sagen, denn auch wir Evangelischen lassen ja keinen Quatsch aus, den wir dann auch noch Kirchenreform nennen: „ecclesia semper deformanda“. Von wegen „Stille Post“ zur „stillen Nacht“; die Boten scheinen doch eher zu verstummen. Das Ende des Konstantinischen Zeitalters, in dem der christliche Glaube anerkannt und verbreitet war, der Untergang des christlichen Abendlandes scheint unaufhaltsam. Es sei denn, es sei denn … die Botschaft erwiese sich als haltbarer als ihre Boten. 

Die Weihnachtsgeschichte führt uns in vorkonstantinische Zeiten, ins Morgenland zurück; es ist der Kaiser Augustus, der die Welt regiert, ihr mit harter Hand seinen Willen als „Pax Romana“ aufzwingt; mit harter Hand und seinen Legionen, die nur wenn sie frech geworden ausnahmsweise im winterlichen Matsch unwegsamer Wälder stecken bleiben. Und das alles haargenau in dem Moment, in dem Gott durch seinen Sohn einen ganz anderen Frieden – den „Schalom Gottes“ – aufziehen lässt. Zeitenwende – aber richtig! Zeitenwende, nach der unsere Zeit gerechnet wird, seit 2022 Jahren, wie lange noch?

Der Evangelist und Chronist Lukas gibt sich alle Mühe, seine Geschichte vom Rande der damals bekannten, also römischen Welträumlich und zeitlich einzuordnen: Kaiser, Statthalter, Provinz, Zeit und Anlass weiß er zu nennen. So genau hätten wir es gar nicht wissen müssen; ob er es denn so genau wusste? Aber seine Absicht ist natürlich klar: das Weihnachtswunder ist in die wirkliche Welt hineingeschehen und bildet den größten möglichen Kontrast zu allem, was im Imperium Romanum Rang und Geltung hat. Denkt euch das unbedeutendste Geschehen im armseligsten Nest in der abgelegensten Gegend, und zieht dann noch einmal die Hälfte ab, oder legt eine Schippe drauf – so kontrastiert Lukas Bethlehem und Rom. Wenn Rom der Nabel der Welt ist, dann Bethlehem der … aber lassen wir das! Und von diesem Ursprung betrachtet war es vielleicht verständlich aber eben nicht die beste Idee des entstehenden Christentums, sich ausgerechnet in Rom sein Zentrum zu suchen. Das Konstantinische Zeitalter mit Rom als seinem Gravitationspunkt – ein Irrtum? Der Weg nach Rom – ein Irrweg? Da sind schon andere draufgekommen.

Kein Haus sondern ein Stall, keine Herberge – geschweige denn Tempel oder Palast – sondern eine Krippe ist der Ort der Geburt des Heilands; gleich dreimal kurz hintereinander nennt der Evangelist Lukas diesen für Geburtszwecke reichlich ungeeigneten Ort: „in der Krippe“; immerhin widerholt er auch das „In-Windeln-Gewickelt“ des Knäbleinsmit allen olfaktorischen Implikationen: auch die Windeln des Heilands werden nach Bedarf gewechselt worden sein. „In Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend“ soll heißen: ärmlich, aber versorgt;unbequem, aber sauber; nackt, aber die Blöße bedeckt; an abgelegenem Ort, aber nicht schutzlos abgelegt.

Gemessen an den armseligen Umständen ist viel los in oder bei jener Krippe in Bethlehem: Engel aus dem Himmel und Hirten von der Herdefinden sich ein, viel Aufmerksamkeit für eine junge Familie, die sich in der neuen Situation erstmal einrichten muss. Mit der im Vergleich zu Lukas ganz anderen Geburtsgeschichte des Matthäus denken wir unwillkürlich weitere Besucher, weitgereiste Weise und Sterndeuter,dazu – aus denen ein langer Prozess „Stiller Post“ die „Drei Heiligen Könige“ gemacht hat, für deren Verehrer es sich sogar irgendwann gelohnt haben muss, namenlose Gebeine aus Mailand ins heilige Köln zu verbringen. Aber sogar Namen für die Könige haben Hellhörigen im Geflüster der Überlieferung herausgehört: Caspar, Melchior und Balthasar, die von lateinkundigen Mitflüsterern als Segenswort abermals dechiffriert wurden: C-M-B: Christus mansionem benedicat: Christus segne dieses Haus!

Und wenn wir gerade dabei sind: In einer weiteren Kapriole hat die Überlieferung ausgerechnet auf dem Gebiet des ehemaligen und in seinen Ruinen immer noch unübersehbaren römischen Reiches aus dem anderen Namen des Dreikönigsfestes – Epiphanias – eine Knusperhexe heraus- oder hineingehört, eine Rosina Leckermaul auf Italienisch, die am Ende der Weihnachtszeit die Kinder mit Süßigkeiten beschenkt: die gute Hexe Befana – von der ist es nur ein kurzer Weg durch „die Nacht ohne Sterne und Mond“ zu Humperdincks Meisterwerk für die Weihnachtszeit – „Hänsel und Gretel“ natürlich – , das übrigens übermorgen zum letzten Mal in dieser Saison in Wiesbaden aufgeführt wird. Vielleicht gibt’s noch Karten.

„Wahr“ ist das, wie alle solche Geschichten wahr sind, nämlich als Anwendungen der Weihnachtsbotschaft auf uns selbst, höchstpersönlich und individuell. So wie Engel, Hirten und Weise das Kindlein segnen, seine Eltern, seinen Stall segnen – so möge es uns segnen. Unser Haus soll an Weihnachten zum Stall von Bethlehem werden, in dem wir uns um die Krippe versammeln; und hier in der Thomaskirche ist das sogar an der schlichten, stallartigen Wandgestal(l!)tung zu besichtigen; kein üppiger Schmuck wie sonst vielfach in den Knusperhäuschen des Historismus, sondern eine schlichte Bretterwand, der signature move,unseres Baumeisters Rainer Schell! Wir haben es direkt vor Augen: Hier und heute ist Bethlehem, ist Heiliger Abend, ist Weihnachten, mit uns hier im Stall, weitgehend ohne Geruch. Das geht in Ordnung.

Weihnachtsüberlieferung ist kulturelle Aneignung in Reinform und auf Gegenseitigkeit. Sie fordert unser eigenes Bestes und sie schenkt uns das Beste eines anderen, des ganz Anderen; mit den Worten unserer Geschichte: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens. Was ersehnen wir uns mehr als Frieden! Frieden auf Erden – ganz besonders im geplagten Land der Ukraine und dass die Legionen des Gewalttäters in Matsch und Wald stecken bleiben mögen – wie damals der verblendete und unglückselige Feldherr des Augustus ziemlich ungefähr zur Zeit Jesu Geburt!

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens. Auch an dieser berühmten Stelle haben bekanntlich nicht alle dasselbe gehört und dasselbe weitergegeben; noch Luther hat mit wichtigen Textzeugen Friede auf Erden den Menschen ein Wohlgefallengelesen und es ist nicht lange her, dass ich in einem bitterbösen Brief der Bibelfälschung bezichtigt wurde, bloß weil ich mit der wahrscheinlich originalen Version Menschen von Gottes Wohlgefallen angeblich ausgeschlossen hätte. Dabei ist der Unterschied ein nur scheinbarer, denn auch die Fassung Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens schließt keineswegs jemanden aus, wenn man bedenkt, dass alle Menschen unter Gottes Wohlgefallen stehen. Auch wenn wir uns von Gott abwenden mögen, wird er sich doch uns immer wieder zuwenden. Gottes Art der Zuwendung zu uns Menschen ist sein Wohlgefallen, das sich als Frieden – als Schalom – äußert: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens.

Solches hörend, brechen die einen – mit den Hirten – in Lob und Jubel aus; andere – mit Maria – bewegen es still in ihrem Herzen, die Temperamente sind verschieden; nicht jeder ist auf dieselbe Weise religiös musikalisch, mancher gar nicht und wendet sich ab, wie Schade. Dabei kann ich nicht glauben, dass es an dieser durch und durch frohen Botschaft liegen soll, eher doch an den Boten, die beim Flüstern nuscheln, oder gleich ganz verstummen. Wir jedenfalls wollen jetzt gemeinsam darüber laut werden: Ehre sei Gott in der Höhe!                

Tannenbaum 2022

Das Team Tannenbaum war gestern wieder aktiv und nun steht er, der diesjährige Weihnachtsbaum in der Thomaskirche. Wir freuen uns aufs Fest.

Aufstellen des Tannenbaums 2022
Aufstellen des Tannenbaums 2022
Aufstellen des Tannenbaums 2022
Aufstellen des Tannenbaums 2022 – mit Krippe

3. Advent, 11. Dezember 2022

Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat die volle Strafe empfangen von der Hand des Herrn für alle ihre Sünden.

Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden; denn die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des Herrn Mund hat’s geredet.

Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des Herrn Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk! Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.

Zion, du Freudenbotin, steig auf einen hohen Berg; Jerusalem, du Freudenbotin, erhebe deine Stimme mit Macht; erhebe sie und fürchte dich nicht! Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott; siehe, da ist Gott der Herr! Er kommt gewaltig, und sein Arm wird herrschen. 

Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her. Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte. Er wird die Lämmer in seinen Arm sammeln und im Bausch seines Gewandes tragen und die Mutterschafe führen.

(Buch des Propheten Jesaja 40, 1-11)

Wege in der Wüste: In der Berichterstattung der aus deutscher Sicht ziemlich verkorksten Weltmeisterschaft in Qatar – Tröstet, tröstet mein Volk! – geht es nicht nur um Fußball, sondern auch um die Lebensbedingungen und die gesellschaftlichen Verhältnisse in diesem Land. Da gibt es nach Meinung derer, die sich ein Urteil erlauben – und hoffentlich auch erlauben können! -, viel zu beanstanden: Unsicherheit der Menschenrechte und ein Mangel an gesellschaftlicher Teilhabe von Frauen zuerst – und manches mehr.

In dieser von den Qatarern nicht immer als fair empfundenen Kritik ihrer Gäste, die aus ihrer Sicht mit zweierlei Maß misst, kommt die Anerkennung für den offensichtlichen Wandel der qatarischen Gesellschaft und für den ungeheuren Fortschritt zu kurz. (Und ob man sich wirklich darüber aufregen sollte, dass sich die Fans nicht in den Stadien betrinken dürfen, sei einmal dahingestellt, zumal es in einigen europäischen Ländern ja ebenfalls ein solches Verbot aus vernünftigen und jedenfalls nicht religiösen Gründen gibt.) Man kann auf jeden Fall Dümmeres mit seinem Reichtum machen, als die Infrastruktur auszubauen und seine natürliche Lage als Drehscheibe zwischen Ost und West zu optimieren.

In einem klugen und nachdenklichen Fernsehfeature hat kürzlich die ZDF-Korrespondentin Golineh Atai über die für die Weltmeisterschaft neu gebaute Metro in Qatar gesprochen, die als pünktliches, modernes, umweltfreundliches Verkehrsmittel die Stadien mit der Stadt und vor allem die Fans aus aller Herren Länder miteinander verbindet. Zumindest wir Wiesbadener, die wir uns selbst aus reiner Doofheit die Citybahn vermasselt haben, hätten hier allen Grund für Respekt: In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! Bei uns gibt es schon lange keine freie Bahn, kein Durchkommen mehr. Ob der vom Propheten angekündigte Herr durch den Wiesbadener Stadtverkehr käme, muss bezweifelt werden.

Ob wir die Freudenrufe – Zion, du Freudenbotin, steig auf einen hohen Berg; Jerusalem, du Freudenbotin, erhebe deine Stimme mit Macht – ob wir solche Rufe in unserem Advents- und Weihnachtsrummel hören und vernehmen könnten, ist ebenfalls zweifelhaft; und in Qatar würden und dürften sie wohl auch so nicht erklingen, zumindest keine Zions- und Jerusalemrufe im selben Atemzug, denn dort hat eher der antizionistische Eifer einen Ort, mit der Fahne der Palästinenser als auffälligste Farben der örtlichen Fans. Betrüben muss uns das wohl, aber auch darauf ist nicht mit dem Finger zu zeigen, solange bei den einschlägigen Demonstrationen in Berlin und anderswo bei uns dieselben Fahnen geschwungen und dieselben Verwünschungen auf den Staat Israel gegrölt werden. Verwüstungen hier wie dort!

Unser Predigttext will sie überwinden; er verkündet einen Weg durch die Wüste, fordert Wege durch unwegsames Gelände, Infrastrukturen durch natürliche und gesellschaftliche Lebensfeindlichkeiten aller Art. Eine Schneise für die Menschlichkeit, damit Gott zu uns kommen kann. Wüsten- und Stadtbahnen des Humanismus inmitten der Unmenschlichkeit.

Ursprünglich war unser Text, der einen völlig neuen und anders klingenden Abschnitt im Jesajabuch einleitet und der deshalb einem zweiten Jesaja, dem „Deuterojesaja“ zugeschrieben wird, auf den Heilspropheten bezogen, der das Ende des Babylonischen Exils wahrnimmt, sei es, dass er es vorausahnt oder schon miterleben kann. Der Weg durch die Wüste ist also zuerst der Weg aus Babylon zurück, auf dem der Heilsbringer den Exilanten vorausgeht, die ihre Heimat wiedersehen sollen: Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat die volle Strafe empfangen von der Hand des Herrn für alle ihre Sünden.

Zu anderen Zeiten konnte unser Prophetenwort weiterverwendet und abgewandelt werden, so etwa für den Bußprediger und Täufer Johannes, der uns unsere menschliche Vergänglichkeit vor Augen führt, unsere Umkehr will und damit den Weg Jesu bereiten will: Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des Herrn Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk! Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.

Und so gelangt es also auch im Advent an unsere Ohren als Hoffnungswort, das Wege durch unsere Wüsten und Verwüstungen für möglich hält. Nicht unbedingt als Aufruf, Nah- und Fernverkehr auszubauen, sondern überhaupt die Wege zueinander, in der Hoffnung, dass dort, wo wir zueinander finden, auch Gott uns findet und für uns da ist: Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte. Er wird die Lämmer in seinen Arm sammeln und im Bausch seines Gewandes tragen und die Mutterschafe führen. Trost und Hoffnung also auch für uns, die wir uns in unseren Wüsten verlaufen haben.

Amen.

2. Advent, 4.12.2022

Da ist die Stimme meines Freundes! Siehe, er kommt und hüpft über die Berge und springt über die Hügel. Mein Freund gleicht einer Gazelle oder einem jungen Hirsch. Siehe, er steht hinter unsrer Wand und sieht durchs Fenster und blickt durchs Gitter. Mein Freund antwortet und spricht zu mir:

Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm her! Denn siehe, der Winter ist vergangen, der Regen ist vorbei und dahin. Die Blumen sind hervorgekommen im Lande, der Lenz ist herbeigekommen, und die Turteltaube lässt sich hören in unserm Lande. Der Feigenbaum lässt Früchte reifen, und die Weinstöcke blühen und duften. Steh auf, meine Freundin, und komm, meine Schöne, komm her! (Hohelied 2,8-14)

Frühlingsgefühle im Winter, ein Maienlied im Dezember, blühende Blüten an den Blumen und reifende Früchte am Feigenbaum trotz Winterschlaf der Natur! Was ist da los?

Wenn ich jetzt aus meinem Fenster blicke, dann ist da zwar auch ein Feigenbaum, erstaunlich kräftig für unsere nördlichen Breiten, geschützt durch die Mauern des Hauses. Dieser prächtige Feigenbaum schläft aber gerade seinen Winterschlaf, nur noch wenige braune Blätter liegen am Boden, seine Äste und Zweige zeigen kahl in den grauen Winterhimmel und man kann sich kaum vorstellen, wie es wieder sein wird, im Frühling, wenn Blätter und Früchte austreiben – das tun die nämlich gleichzeitig bei einer Feige; und wenn sie im Sommer dann ein schützendes Dach bilden. Jetzt ist das nicht so.

Ich stelle mir vor, dass die Menschen früher noch viel unmittelbarer den Gang der Natur erlebten, ihr noch viel unmittelbarer ausgeliefert waren, es noch viel direkter gespürt haben, wenn es kalt und wenn es warm war; es hell war in langen Tagen oder dunkel der langen Nächte wegen. Klar kriegen wir das auch heutzutage noch mit; spätestens wenn es glatt wird auf den Straßen; wenn wir morgens im Dunkeln das Haus verlassen und es abends erst wieder im Dunkeln betreten; wenn uns der nasse Wind kalt um die Nase pfeift. Aber wenn nicht gerade Krieg und Krise herrschen, können wir uns ganz gut dagegen wappnen, die Winterreifen auflegen, die Heizung aufdrehen, die garstige Zeit abwarten und Tee trinken.

Dieses Jahr wird uns das voraussichtlich nicht ganz so gut gelingen, den Winter draußen vor der Tür zu halten. Stell dir vor, es wird kalt und du gehst nicht raus; dann kommt die Kälte zu dir. So eine Krise wirft uns zurück; wir fühlen uns ausgeliefert; gleich zweifach ausgeliefert: den Unbilden der Natur und dem Gang der Geschichte. Was soll nur werden?

Der merkwürde, schöne, aber offensichtlich unpassende Predigttext aus der Liebesgedichtsammlung des Alten Testaments – Stichwort Frühlingsgefühle! – in unseren Winter hinein stellt eine paradoxe Intervention dar; er passt eigentlich gar nicht, er liegt quer zu unserem Erleben und zu unseren Gefühlen:

der Winter ist vergangen – aber das ist er doch gar nicht, er fängt gerade erst an

der Regen ist vorbei und dahin – weit gefehlt, Regen und mehr noch Schnee werden uns noch eine Weile begleiten.

Die Blumen sind hervorgekommen im Lande – ganz im Gegenteil, alle Pflanzen verkriechen sich und sie tun gut daran.

Der Lenz ist herbeigekommen – wo denkst du hin?

Und auch die Turteltaube lässt sich nicht hören, der Feigenbaum lässt keine Früchte reifen, und die Weinstöcke blühen und duften schon lange nicht mehr und noch lange nicht wieder.

Alles das, wovon in unserem Predigttext die Rede ist, ist nicht – nicht mehr – noch nicht: Aber es wird wieder sein! Unterm Gegenteil verborgen regeneriert die Natur, ruht sich aus, sammelt Kraft für die Zeit, wenn sie sich wieder in aller Macht und Pracht zeigen wird. Dessen sollen wir auch beim Betrachten der winterlich ruhenden Natur gewiss sein. Das ist die eine Absicht dieser paradoxen Intervention – Naturbetrachtung als reine innere Vorstellung unter ihrem sichtbaren Gegenteil – vom Frühling reden unter einer Decke von Eis, Frost und Schnee.

Die andere Absicht unserer heutigen Botschaft geht viel weiter: Sie will, dass wir die Naturbetrachtung auf Grundsätzliches anwenden und verlängern. Sie will, dass wir unsere Welt und unser Leben grundsätzlich für veränderlich halten, veränderlich zum Besseren hin. Wo Unrecht ist, soll Gerechtigkeit werden. Wo uns die Krise lähmt, soll Wohlstand entstehen. Wo Hass wütet, soll Liebe sein. Wo Krieg herrscht, soll Frieden geschlossen werden. Und wo uns Kälte erzittern lässt, sollen wir gewärmt werden. Wir sollen den Frühling für möglich halten – mitten im Winter.

Mit dem zarten Liebesgeflüster aus dem Hohelied Salomos bekommen wir heute ein Zeichen des Friedens, das wir weitergeben sollen. Auf die berechtigte Frage, wie denn Frieden gestiftet werden kann, antwortet die Bibel mit den Bildern des Friedens. Und das Bild dessen, der unter seinem Feigenbaum sitzt; das Bild dessen der in seinem Weingarten aufatmet und Erholung sucht, solche Bilder gehören zu den überzeugendsten, wie sie die Propheten im Namen und Auftrag Gottes verkündeten, etwa so:

„Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken.“ (Micha 4,3f.)

Die Bilder des Friedens sollen uns des Kriegs müde und der Kriegsführung unkundig machen, wie es heißt: „Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“ (Jesaja 2,4)

Und diese Imaginationen des Friedens sollen wir nicht für uns behalten, sie sollen weitergegeben werden und auch für unsere Nachbarn gelten: „Zu derselben Zeit, spricht der Herr Zebaoth, wird einer den andern einladen unter den Weinstock und unter den Feigenbaum.“ (Sacharja 4,10)

So sprechend und ansprechend also der kurze Vers bukolisch-pastoraler Liebenslyrik aus dem Hohenlied schon ist – Der Feigenbaum lässt Früchte reifen, und die Weinstöcke blühen und duften – , ein duftender, freundlicher, wärmender Gruß aus dem Frühling, der kommt – hüpfend wie eine Gazelle und springend wie ein Hirsch – in unseren Winter hinein, soviel mehr ist doch damit gemeint: nämlich die im Bild zu uns gesprochene Ansage des Friedensreiches, des Schalom Gottes, der unsere unordentliche Verhältnisse in eine Ordnung bringen wird; die göttliche Friedensordnung, die unsere Irrungen und Wirrungen in Kälte und Dunkelheit verwanden wird in Wärme und Licht. Noch ist alles hineingetaucht in das Tohuwabohu des vorgeschöpflichen Chaos´, in Leere und Finsternis. Aber Gott spricht abermals in einem Akt neuer Schöpfung: Es werde Licht – und es wird Licht sein!

Steh auf, meine Freundin, und komm, meine Schöne, komm her!

Oder mit unserem Wochenspruch: „Steht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ (Lukas 21,28)

Amen.

Der Nikolaus – wer ist das?

Am Vorabend des sechsten Dezembers – das weiß jedes Kind, die besonders – feiern wir den heiligen Nikolaus. Und hier ist das „wir“ ziemlich umfassend, geradezu „katholisch“ gemeint, weil er wegen seiner Menschenfreundlichkeit in der katholischen wie auch in der orthodoxen Kirche einer der populärsten, gar „apostelgleichen“ Heiligen überhaupt ist, außerdem auch bei vielen evangelischen Christen als Gabenbringer gefeiert wird und er sogar in seiner säkularen Schrumpfform als Weihnachtsmann (und sei es in der kaum tauglichen Beleidigung „Sie Weihnachtsmann!“) in der immer größer werdenden Nichtkirche der Unreligiösen eine erstaunliche Karriere gemacht hat; wenn das mal keine kulturelle Aneignung ist!

An den antiken Bischof Nikolaus (3./4. Jahrhundert) aus der Hafenstadt Myra, dem heutigen Demre an der türkischen Riviera (unweit Antalyas), haben sich früh zahlreiche Legenden geheftet, die allesamt nur insoweit „wahr“ genannt werden können, als dass sich in ihnen die Menschenfreundlichkeit Gottes in einem Menschen spiegelt. Er verschenkt im Namen Gottes und auf eigene Kosten neues Leben und neue Lebensmöglichkeiten, z.B. in der bei uns besonders bekannten und beliebten Erzählung, nach der der wohlhabende Nikolaus mit dem nächtlichen Hineinwerfen dreier Goldklumpen in das Haus einer verarmten Familie die drei Töchter vor der Zwangsprostitution bewahrt. Nach einer anderen Geschichte gelingt ihm sogar die Reanimation eines zerteilten und im Salzfass eingelegten Jünglings. Entscheidend und in diesem Sinne „wahr“ ist hier wie dort und in weiteren Legenden, dass die Taten und Wunder des Nikolaus den Betroffenen neues Leben durch Gott ermöglichen.

Seine Popularität hat dafür gesorgt, dass Seeleute (andere sagen Piraten) aus dem süditalienischen Bari im Jahr 1087 seine Gebeine aus Myra geraubt und in ihre Heimatstadt überführt haben, was bis heute etwas euphemistisch als „translatio“ in einem großen Volksfest in Bari im Mai gefeiert wird. Die übrige Zeit des Jahres liegen seine Gebeine (wobei die türkischen Grabwächter im verwaisten Demre natürlich davon ausgehen, dass die falschen geklaut wurden und die richtigen noch an ihrem Ort sind!) in einer romanischen Basilika in der baresischen Altstadt, tief verehrt von den Pilgern aus West und Ost. So sehr im Osten verehrt, dass sie erst kürzlich – und zum allerersten Mal seit ihrer Ankunft in Bari – im Jahr 2017 neuerlich auf Reisen gingen, nach Russland nämlich, wo sie allein in Moskau von mehreren Millionen Menschen besucht wurden – dem Vernehmen nach auch von einem gewissen Präsidenten, gegen dessen Besuch sich der Heilige Nikolaus leider nicht wehren und dessen Gewissen er nicht schärfen konnte: Nicht alle, die ihm begegnen, lassen sich von der Menschenfreundlichkeit des Nikolaus berühren.

Als strengen Prüfer des Gewissens habe ich den Nikolaus als Kind wie viele meiner Generation kennengelernt, nämlich auf seinen Hausbesuchen am Vorabend des Nikolaustages, wenn er laut polternd Einlass in die Wohnung begehrte, zu meinem Schrecken auch bekam und erst nach einer reichlich verstörenden Befragung, die eindeutig Insiderwissen über meine Missetaten verriet, seine guten Gaben aus dem Sack ließ, für die ich aus lauter Angstschweiß und Tränen aber keinen Blick mehr hatte. Es dauerte dann einige Jahrzehnte, mein Nikolaustrauma zu überwinden, um den Menschenfreund Nikolaus für mich neu zu entdecken und mich selbst als glücklicher und stolzer Träger seines Namens zu fühlen – wie doch wohl alle Niklasse oder Kläuse, jeder Niccolo oder Nikita, Klaas, Nick, Nils oder Lasse; und noch die Damen und Herren Klose, Lose oder Nietzsche (eine noch viel längere Liste von Namensderivaten findet sich bei Manfred Becker-Huberti: Der Heilige Nikolaus, Leben, Legenden und Bräuche, Köln 2005, das für eigene Nikolausstudien wärmsten empfohlen werden kann).

Klaus Neumann

Lebendiger Adventskalender 2022

St. Mauritius & ev. Thomasgemeinde

Auch in diesem Jahr gibt es wieder unsere nachbarschaftliche Aktion:
Vom 1. bis 22. Dezember treffen wir uns jeweils von 19.00-19.15 Uhr zu adventlichen Gedichten, Geschichten und Liedern im Kerzenschein vor einer Tür in der Nachbarschaft. Alle sind herzlich eingeladen!

Predigttext für den 1. Advent, 27. November 2022

Und dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: Das sagt, der Amen heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes: Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach dass du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. Du sprichst: Ich bin reich und habe mehr als genug und brauche nichts!, und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß. Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, das im Feuer geläutert ist, damit du reich werdest, und weiße Kleider, damit du sie anziehst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest. Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht und züchtige ich. So sei nun eifrig und tue Buße! Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir. Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden habe und mich gesetzt habe mit meinem Vater auf seinen Thron. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! (Offenbarung 3,14-22)

Lauwarmer Laodizeer zu sein, das wäre doch schon was in diesen Zeiten!

Denn um es vorwegzunehmen, liebe Schwestern und Brüder, trotz der besten Vorsätze, die aber allesamt in der Hitze eines außergewöhnlich heißen Sommers getroffen wurden, gelingt es mir zunehmend weniger beim Duschen und Heizen zu sparen. Das sollen wir ja eigentlich, Energie sparen zuhause und anderswo, um einem blindwütigen Gewaltherrscher nicht auch noch die Kassen zu füllen; das scheint – noch! – ansatzweise zu gelingen, aber der Herbst war milde, auch jetzt ist es noch nicht richtig kalt geworden – was wird wohl sein, wenn der Winter so hart wird, wie der Sommer heiß war? – und mir gelingt es schon jetzt immer weniger nur mal schnell und kühl, geschweige denn kalt zu duschen und die Heizung runterzudrehen. Immer wenn Freunde und Kollegen ihre Heldengeschichten von der kalten Wohnung und der kalten Brause erzählen, erschauere ich, halte ganz still und denke bei mir: Wenigstens lauwarm sollte es doch sein.

Der Herr badet gern lau – dieser berühmte Satz, der übrigens passenderweise im Kontext einer Moskaureise einer deutschen Regierung fiel – lang ist es her (1973 mit Kanzler Willy Brandt), und so viel sagen sollte, als dass der damalige Kanzler ein Warmduscher sei, also einer, der die Härte und Kälte des politischen Lebens nicht gut aushält, es lieber bequem hat, den lauen Kompromiss wählt; und schon gar nicht die unbequeme Härte und Kälte des russischen Winters auszuhalten gewillt und in der Lage ist, und der – also ein russischer Winter – natürlich auch dieses Jahr nicht in unserer Gegend zu erwarten ist; in der von der an die Kälte gewohnten Russen überfallenen Ukraine aber schon. Darauf muss man erstmal kommen, den Gegner durch Kälte und Dunkelheit gefügig machen zu wollen. Die Verteidiger ihres Landes haben sich jedenfalls gegen den lauwarmen Weg der Bequemlichkeit entschieden und scheinen bereit zu sein, der Kälte des russischen Winters standzuhalten.

Dass es Situationen und Lebenslagen gibt, die uns Entscheidungen und also Entschiedenheit abverlangen; Entscheidungen, die uns ein lauwarmes Verharren verbieten, genau das meint der Seher Johannes mit seinem Wort an die Gemeinde in Laodizea, das wie sein ganzes Buch ein verschlüsselter Text in schwierigster Zeit und äußerster Bedrängnis ist. Sein: Wer Ohren hat, der höre zeigt an: Hier liegt ein Sinn unter der Oberfläche; hier ist was verschlüsselt; erschließt Euch den tieferen Sinn meiner Worte; denn ich kann jetzt nicht offen reden.

Noch werden die Christen im römischen Imperium verfolgt, Kaiser Nero – sein Name verbirgt sich wohl hinter dem berühmten und satanisch-berüchtigten 666 der Johannesoffenbarung – dieser Nero ist auf neronischen Umtrieben; Christen sehen sich Mordwellen ausgesetzt, angezündet, den Tieren im Colosseum zum Fraß vorgeworfen und also in den Untergrund verdrängt, in die berühmten Katakomben in Rom, Neapel und anderswo verdrängt; christlicher Gottesdienst ist nur unterirdisch, versteckt möglich, im Dunkeln der Grabanlagen; Seite an Seite mit den Toten – und siehe sie leben.

Die Christen in Laodicea waren eine solche bedrängte Gemeinde, die sich Unentschiedenheit eigentlich nicht leisten konnten, wollten sie überleben; aber sie sind sich nach Ansicht unseres Briefautors ihrer misslichen Lage nicht bewusst. Vielleicht halten sie sich durch Randlage in großer Entfernung der Hauptstadt für hinreichend geschützt: was interessiert es den Kaiser von Rom wenn in Laodicea im fernen Phrygien ein Sack Oliven umfällt oder eben eine Handvoll Christen ihre Lieder singen? Vielleicht halten sie sich für reicher als sie tatsächlich sind, weil es ihnen bisher an nichts fehlte: Uns fehlt es an nichts, warum sollten wir etwas ändern? Vielleicht konnten sie sich bisher immer irgendwie durchwurschteln und wissen nicht, dass sie elend und jämmerlich sind, arm, blind und bloß. Wer Ohren hat, der höre!

Als Mithörender solcher verschlüsselten Worte in einer ganz anderen Zeit und unter ganz anderen Umständen fühle ich mich dennoch verstanden, mehr noch: erwischt! Denn auch wir heutigen Christen leben in einer Scheinwelt, machen uns Illusionen, halten uns für andere, Größere, Bessere als wir sind; unsere Kirchen und Gemeinden sind längst Denkmäler verfallener Größe; und wir bloße Scheinriesen, verzwergt in den viel zu großen Anzügen der Vergangenheit; und das sicherlich auch durch Unentschiedenheit: durch unsere Lauheit verzwergt; Religion ist nicht, nicht mehr, was uns unbedingt angeht; Glauben, nicht mehr das, was mich umtreibt und meinem Leben Sinn gibt; sondern bloße Garnierung und Accessoire, der Sahnekleks, wenn überhaupt, auf einem Dasein, dass die meiste Zeit auch ganz gut ohne Gott auskommt; wer braucht eigentlich noch die Weihnachtsgeschichte für Weihnachten? Religiös betrachtet und geistlich gesehen sind wir haargenau so wie die lauwarmen Laodizeer: elend und jämmerlich, arm, blind und bloß.

Aber der Autor macht den Laodizeern und damit uns ein Angebot, das wir kaum ablehnen können; ein Kaufangebot und damit passt es ja ganz gut in die Vorweihnachtszeit, wenn die wichtigste Botschaft die wöchentliche Mitteilung des Einzelhandelsverband ist, ob wir auch alle brav gekauft haben; da müsste doch die eine oder andere Erkenntnisse für unsere jetzt anstehenden Weihnachtseinkäufe drinstecken.

Kauft Gold, weiße Kleider und Augensalbe ruft unser Autor werbend zu; und trifft damit ganz gut die Kauf- und Schenkgewohnheiten, die noch heute zu Weihnachten gelten: Gold, Geld und Schmuck – Gewirktes, Gestricktes und Selbstgestricktes – freiverkäufliche Arzneien, Pülverchen und Tinkturen, streng ohne Rezept aber mit Empfehlung der Apothekenrundschau.

Natürlich hat sich der Autor unseres Briefes mit seinen Kaufempfehlungen was Symbolisches gedacht: das Gold, das er zu kaufen empfiehlt, soll besonders edel sein, besonders rein, im Feuer geprüft, kostbar, haltbar, belastbar, fähig zum Widerstand – anders als wir; und die weißen Kleider, so sauber und rein, so klar, so eindeutig, wie wir eben nicht sind, die wir uns höchstens aufs „Whitewashing“ verstehen, aber eben nicht wirklich ganz sauber sind; und die Augensalbe, mit der wir uns endlich die Augen heil und sauber reiben sollen, um zu sehen, wie es mit uns steht.

Im normalen Geschenkewesen sollte man sich solcher symbolisch-pädagogischer Geschenke lieber enthalten – also nicht nach dem hier zitierten Motto schenken: Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht und züchtige ich; wobei an dieser Stelle das Wort züchtigen heutzutage zu scharf klingt; nach dem Original ist eher Erziehung gemeint, also welche ich lieb habe, weise ich zurecht und erziehe ich, was zugegebenermaßen aber auch nicht viel besser ist. Wer will schon als Lesemuffel mit einem Buch „erfreut“ und erinnert werden, dass er einer ist; und wer durch ein Stück Seife daran, dass man Mief und Gemüffel abwaschen kann? Andererseits leben natürlich gerade kostbare Schmuckgeschenke von ihrem Symbolgehalt: So viel bist du mir wert, und noch viel mehr! Aber Achtung: Wer hat schon die Mittel, seine Liebe wirklich in Gold aufzuwiegen? Und für die Liebe meines Lebens müsste es doch schon ein ganz ordentlicher Klunker sein: diamonds are forever! Ein Diamant ist unvergänglich – was schon eine ziemlich religiöse Aussage ist und sicherlich als solche gemeint war.

Mit einem Geschenk lässt sich durchaus Entschiedenheit einerseits ausdrücken oder es drückt sich in ihm bloße Unentschiedenheit, also Lauheit andrerseits aus. Das unpassende, gedankenlos gekaufte, geschmacklose Geschenk kann mehr Schaden anrichten als es ganz zu vergessen: Doppelt Geschenktes, weiter Verschenktes, das geizige Geschenk oder allzu praktische Geschenke kann man sich schenken. Das gelungene Geschenk hält hingegen die Balance zwischen Selbstlosigkeit, Liebeserklärung und Einfühlungsvermögen, was dem anderen eine Freude bereiten könnte. Und nur ein lauwarmer Laodizeer würde sich von solchen hohen Ansprüchen an das Schenken abschrecken lassen: Dieses Jahr schenken wir uns gar nichts, ok Schatz?

Ich glaube das ist der Punkt: Lauwarm heißt, Kosten und Mühen zu scheuen; lauwarm heißt, sich angesichts der Größe einer Entscheidung, sich nicht entscheiden zu wollen; lauwarm heißt, sich den letzten Schritt zu gehen einfach nicht getrauen; in der Liebe wie in der Religion, die sind sich ja sowieso in vielerlei Hinsicht ähnlich. Aber warum sollte ich mit einem Menschen leben wollen, den ich nicht über alles liebe; oder umgekehrt: warum sollte ich nicht mit dem Menschen leben wollen, den ich über alles liebe? Oder warum sollte ich einer Religion angehören, der ich nicht glaube; und abermals umgekehrt: Warum sollte ich ihr nicht angehören – ganz und gar – wenn ich ihr glaube? Es mag Dinge oder Verrichtungen geben, die ganz gut lauwarm zu genießen sind – Duschbäder könnten dazugehören -, aber die wirklich wichtigen erfordern eine Entscheidung.

Auf den alles entscheidenden Moment der Entscheidung kommt es an: Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen. Das wäre doch wirklich ärgerlich, einen solchen Moment zu verpassen. Und auf den warten wir im Advent.

Amen.